Spider-Man: Homecoming – Soundtrack

Spoiler!
homecomingscore
Track Listing:

01. Theme from the Spider Man Original Television Series
02. The World is Changing
03. Academic Decommitment
04. High Tech Heist
05. On a Ned-To-Know Basis
06. Drag Racing/An Old Van Rundown
07. Webbed Surveillance
08. No Vault of His Own
09. Monumental Meltdown
10. The Baby Monitor Protocol
11. A Boatload of Trouble Part 1
12. A Boatload of Trouble Part 2
13. Ferry Dust Up
14. Stark Raving Mad
15. Pop Vulture
16. Bussed a Move
17. Lift Off
18. Fly-by-Night Operation
19. Vulture Clash
20. A Stark Contrast
21. No Frills Proto COOL!
22. Spider-Man: Homecoming Suite

Ähnlich wie Batman hat auch Spider-Man in seiner Filmgeschichte eine ganze Anzahl von großen Namen gesammelt, die schon für ihn komponiert haben: Danny Elfman, Christopher Young, James Horner, Hans Zimmer und nun auch Michael Giacchino, der gegenwärtig ohnehin Franchises in seinem Resümee sammelt wie andere Leute Briefmarken. Seinen MCU-Einstand feierte er letztes Jahr mit „Doctor Strange“, während der Score zu Pixars „Die Unglaublichen“ als Giacchinos erste Superheldenarbeit überhaupt gelten kann. Wie so viele andere Komponisten auch hat Giacchino natürlich diverse Eigenheiten, die seinen Stil ausmachen, er ist aber auch ein äußerst vielseitiger Komponist. Das zeigt sich gerade, wenn man seine bisherigen Superhelden-Scores miteinander vergleicht. „Die Unglaublichen“ war von an John Barrys Bond-Scores erinnernden Jazz-Elementen geprägt, während „Doctor Strange“ durch schräge Instrumentenkombinationen (etwa E-Gitarre, Cembalo und Sithar) einen sehr psychedelischen Eindruck erweckte. In mancher Hinsicht ist „Spider-Man: Homecoming“ da etwas konventioneller, aber dennoch distinktiv.

Giacchino knüpft an eine ganz klassische Genre-Tradition an: Das Thema des Helden steht im Mittelpunkt. Besagtes Thema ist ebenfalls sehr klassisch konstruiert, eine lange Melodie mit A- und B-Phrase, wobei die A-Phrase oft als Heldenfanfare fungiert, während die B-Phrase eher emotionale Elemente untermalt. Ich möchte in diesem Kontext darauf hinweisen, dass Spider-Mans Thema ein äußerst cleveres Leitmotiv ist, das spezifisch auf diese Version der Figur zugeschnitten ist. Auf gewisse Weise handelt es sich um eine Fusion zweier bereits bestehender Themen: Giacchino leiht sich einige Akkorde und Intervalle von den beiden Avengers-Themen von Alan Silvestri und Danny Elfman und kombiniert diese mit dem allseits bekannten und beliebten Spider-Man-TV-Thema, das das Marvel-Logo untermalt und das Soundtrack-Album eröffnet (Theme from the Spider Man Original Television Series, ursprünglich komponiert von J. Robert Harris und Paul Francis Webster, neu arrangiert von Giacchino). Somit knüpft Giacchino einerseits an die Spider-Man-Tradition an (das TV-Thema war in den meisten Spider-Man-Filmen auf die eine oder andere Art zu hören, etwa als Klingelton von Peter Parkers Handy oder gesungen von einem Straßenmusikanten), verdeutlicht aber andererseits, dass dieser Spider-Man Teil des MCU ist und ein Avenger werden möchte. Ich muss zugeben, als ich Giacchinos Thema zum ersten Mal (und mehr so nebenbei) hörte, war ich nicht ganz so begeistert, aber schon beim Durchhören des Albums und spätestens beim Anschauen des Films fiel mir auf, wie clever dieses Thema konstruiert ist und wie gut es ins MCU passt. Hinzu kommt, dass es nicht nur ein ziemlicher Ohrwurm ist, sondern dass Giacchino es auch großzügig und gut variiert einsetzt.

Gerade diesbezüglich scheinen manche Komponisten (oder Regisseure) fast schon Angst vor einem heroischen Thema zu haben – man denke nur an die letzten beiden X-Men-Filme. John Ottman hat bereits für „X2: X-Men United“ ein markantes Thema für die Mutanten kompiniert, das er zwar in „X-Men: Days of Future Past“ und „X-Men: Apocalpyse“ wieder aufgreift, aber außerhalb des Vor- und Abspanns kaum einsetzt. Selbst in „Doctor Strange“ wurde das Motiv des Titelhelden verhältnismäßig sparsam verwendet. „Spider-Man: Homecoming“ ist da eine angenehme Abwechslung, in fast jedem Track des Albums taucht das Thema in der einen oder anderen Form auf, ohne lästig zu werden – mal als heroische Belchbläserfanfare (No Frills Proto COOL!), mal als Orchester-Pop-Hybrid (Academic Decommitment), mal fast schon romantisch (am Ende von No Vault of Its Own) und mal sehr emotional (am Ende von Vulture Clash). Besonders oft greift Giacchino allerdings auf Pizzicato-Streicher zurück (On a Ned-to-Know Basis ist ein besonders gute Beispiel), sodass manchmal der Eindruck entsteht, Giacchino habe einen Hybriden aus seinem gewöhnlichen Action/Abenteuer-Stil und Alexandre Desplats Score für „The Grand Budapest Hotel“ geschaffen, besonders, wenn die Snare Drums dazukommen.

Das zweite große Thema des Scores gilt dem Schurken, Adrian Toomes alias The Vulture. Es wird bereits in The World is Changing (bei 3:11) eingeführt, hier noch sehr subtil. Spätere Versionen des Themas sind um einiges brutaler und blechbläserlastiger, etwa am Ende von The World is Changing oder im Drittel von Drag Racing/An Old Van Rundown. Besonders hervorzuheben sind die äußerst bedrohlichen und effektiven Variationen in Pop Vulture, die die Autfahrt zum Homecoming-Ball untermalen. Darüber hinaus hat Toomes auch noch einen Begleitrhythmus, der sein Thema manchmal unterlegt (etwa ab 0:37 in Lift Off), oft aber auch einfach solo gespielt wird, zum Beispiel am Anfang von A Boatload of Trouble Part 1 oder Pop Vulture. Dieser Rhythmus könnte den technologischen Aspekt der Figur untermalen. Insgesamt ist Toomes‘ Thema eine eher typische Giacchino-Schurkenmelodie, die u.a. an Neros Thema aus „Star Trek“ erinnert, aber ihren Zweck erfüllt sie definitiv.

Das dritte wichtige Thema ist zugleich mein größter Kritikpunkt an diesem Score, es gilt nämlich Tony Stark/Iron Man. Am Ende von Drag Racing/An Old Van Rundown taucht es zum ersten Mal als Fanfare auf, auch im letzten Drittel von Ferry Dust Up erklingt eine äußerst heroische Version, eine ruhigere Holzbläservariation ist nach der Einminutenmarke in A Stark Contrast zu hören. Ein wenig erinnert dieses Thema an das bereits erwähnte X-Men-Thema von John Ottman, aber das ist nicht, was mich daran stört. Warum, warum braucht Iron Man schon wieder ein neues Thema, das ist jetzt das vierte oder fünfte im MCU für diese Figur? Wäre es so schwer gewesen, Brian Tylers Leitmotiv aus „Iron Man 3“ weiterzuverwenden? Besonders enttäuschend ist dieser Umstand angesichts der Tatsache, dass an anderer Front ja durchaus auf leitmotivische Kontinuität geachtet wurde. Nicht nur knüpft das Spider-Man-Thema an das bisherige musikalische MCU an, Alan Silvestris Avengers-Thema bekommt Gastauftritte, einmal (sehr subtil) direkt am Anfang von The World is Changing, als Adrian Toomes die Zeichnung seiner Tochter betrachtet und noch einmal am Anfang von A Stark Contrast, als Peter das neue Hauptquartier der Avengers besucht.

Die Abwesenheit von Tylers Iron-Man-Thema ist zugegebenermaßen Meckern auf ziemlich hohem Niveau, wahrscheinlich sollte ich schon froh sein, dass wenigstens das Avengers-Thema auftaucht und Marvel ein wenig auf thematische Kontinuität achtet, vor allem, da der Score auch sonst sehr viel zu bieten hat. Gerade im Actionbereich fährt Giacchino einiges auf, ein besonderes Highlight ist das frenetische Monumental Meltdown, in welchem sich zeigt, dass das Spider-Man-Thema auch als Action-Motiv exzellent funktioniert. Spätere Action-Tracks wissen ebenfalls zu überzeugen, etwa das das Finale untermalende Trio, bestehend aus Lift Off, Fly-by-Night Operation und Vulture Clash, in welchem Giacchino die Themen für Spider-Man und Toomes sehr schön miteinander ringen lässt.

Das Album selbst wird schließlich mit der Spider-Man: Homecoming Suite beendet, die noch einmal die wichtigsten Themen enthält, darunter A- und B-Phrase des Spider-Man-Themas in mehreren Variationen sowie Thema und Begleitrhythmus von Adrian Toomes. Lediglich das neue Iron-Man-Thema fehlt, dafür deutet Giacchino hier ab der Vierminutenmarke eine romantische Melodie an, die vielleicht einen Ausblick auf das Liebesthema von Peter und „MJ“ im Homecoming-Sequel gibt.

Fazit: Für Spider-Mans MCU-Debüt hat Michael Giacchino einen Score komponiert, der sich weder vor den bisherigen Spider-Man-Soundtracks, noch vor der restlichen Marvel-Musik verstecken muss und sich sehr gut einfügt in den Kanon der Marvel-Musik einfügt. Kurzweilig, eingängig, unterhaltsam – weiter so.

Titelbildquelle

Siehe auch:
Spider-Man: Homecoming
Marvel-Musik Teil 4: Spider-Man

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Spider-Man: Homecoming

homecoming
Story: In Deutschland im Einsatz hat Peter Parker (Tom Holland) als Spider-Man Blut geleckt und hofft nun auf eine Karriere als Avenger, hat er doch jetzt einen professionellen Anzug, ausgestattet mit allem, was man sich so wünschen kann, und in Tony Stark (Robert Downey jr.) zumindest theoretisch einen Mentor. Dieser empfiehlt ihm allerdings, sich erst einmal um „Kleinkram“ zu kümmern und sich von den großen Sachen fernzuhalten. Natürlich gibt es da durchaus auch das eine oder andere halbwegs alltägliche Teenagerproblem: Peters Freund Ned (Jacob Batalon) findet heraus, dass Peter heimlich ein Superheld ist und sein Schwarm Liz (Laura Harrier) interessiert sich viel mehr für Spider-Man als für ihn. Eine größere Herausforderung kommt schließlich in Gestalt von Adrian Toomes (Michael Keaton), der sich der technologischen Überbleibsel diverser Auseinandersetzungen wie der Schlacht um New York bemächtigt und daraus neue Waffen baut, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verhökern….

Kritik: Die meisten fortlaufenden Superheldencomicserien arbeiten mit Handlungsbögen, die sich meistens über vier bis sechs Hefte erstrecken. Immer mal wieder gibt es dann dazwischen Einzelhefte, die eher Füllmaterial sind und dem Leser die Möglichkeit geben, zwischen größeren Ereignissen Luft zu holen, da sie nichts Nennenswertes beisteuern. „Spider-Man: Homecoming“ ist das MCU-Äquivalent eines derartigen Einzelhefts. In mancher Hinsicht ist das erfrischend, sowohl im Kontext des MCU als auch im Rückblick auf die bisherigen Spider-Man-Filme. Wir haben nun wirklich oft genug gesehen, wie ein Superschurke versucht, eine Stadt oder gleich die ganze Erde zu vernichten – selbst bodenständigere Helden wie Batman oder eben Spider-Man hatten zumindest mit Ersterem schon mehrfach alle Hände voll zu tun.

Rein formal bzw. technisch gibt es an „Homecoming“ relativ wenig auszusetzen, der Film ist stringent konstruiert, humorvoll, unterhaltsam, die Darsteller sind durch die Bank gut bis sehr gut und der Film fügt sich recht harmonisch ins MCU ein (mit Ausnahme der Jahresangabe, die nicht ganz passen kann). Zwar bringt es das MCU als solches nicht weiter und fügt ihm auch nichts Signifikantes hinzu, aber das ist etwas, das ich diesem Film nicht zum Vorwurf machen möchte. Sein Hauptproblem würde ich mit „Mangel an Intensität“ umschreiben. Eines der Hauptanliegen von Sony und Disney war wohl, die Fehler der vorangegangenen Spider-Man-Filme nicht zu wiederholen. Beliebte Kritikpunkte sind zum Beispiel „zu überladen“, „zu viele Schurken“ oder „schon wieder die Thematisierung der Origin-Story und Motivation“. All dem geht „Homecoming“ mehr oder weniger geschickt aus dem Weg, gleichzeitig scheint es jedoch, als hätten Regisseur Jon Watts und seine fünf(!) Co-Autoren über diesem Vorhaben vergessen, dem Film auch tatsächlich Substanz und emotionale Tiefe zu verleihen.

Im romantischen Bereich ist das weniger tragisch. In jedem bisherigen Spider-Man-Film war der romantische Subplot stets von großer Wichtigkeit und bildete zumeist ein, wenn nicht sogar das emotionale Zentrum des Films. Mary Jane und Gwen waren jeweils DIE Frau für Peter, DIE große Liebe, da tut ein wenig Abwechslung gut. „Homecoming“ schildert diesbezüglich lediglich zaghafte erste Schritte, eben eine High-School-Beziehung. So weit so gut.

Aber auch sonst steht in „Homecoming“ extrem wenig auf dem Spiel. Wie oben gesagt brauche ich keine Städte, die in Schutt und Asche gelegt werden, aber ein gewisses Maß an emotionaler Involvierung sollte gewährleistet sein. Das kann zum Beispiel erreicht werden, in dem man eine persönliche Beziehung zwischen Held und Schurke aufbaut. Wenn wir uns für einen Moment an Sam Raimis ersten Spider-Man-Film erinnern: Im Finale stehen sich nur noch Peter und Norman Osborn gegenüber. Die Leben Unschuldiger stehen nicht mehr auf dem Spiel, aber wir sind als Zuschauer trotzdem noch involviert, weil die Konfrontation eine sehr persönliche ist – der Film hat ausreichend Zeit in die Beziehung von Peter und Norman investiert. Etwas Derartiges fehlt in „Homecoming“, und das ist besonders schade, weil die Anlagen dafür vorhanden sind. Michael Keatons Adrian Toomes ist gezielt als eine Art Anti-Tony-Stark inszeniert – das technische Genie aus der Arbeiterklasse, das sich Alien-Schrott zusammensuchen muss, im Gegensatz zu Tonys Hochglanzwerkstatt. Sogar die inzwischen ikonische „Im-Helm-Sicht“, die in „Iron Man“ etabliert wurde, wird für Toomes verwendet, und auch die Art, wie er aus seinen Flügeln aussteigt, erinnert stark an Iron Man. Der Film macht mit dieser Anlage aber kaum etwas. Es gibt einen kurzen Dialog zwischen Peter und Toomes, in dem Letzterer über „uns hier unten“ und „die da oben“ spricht, aber mehr wird nicht geboten. Ich werde das Gefühl nicht los, dass „Homecoming“ ein weitaus besserer und interessanterer Film gewesen wäre, hätte man sich entschieden, tatsächlich eine Mentor-Dualität zu etablieren: Tony Stark als der emotional unnahbare und unwillige gute Mentor und Adrian Toomes als der väterlich, aber letztendlich böse Mentor.

So, wie „Homecoming“ letztendlich konzipiert ist, ist alles verhältnismäßig belanglos, was für den ersten MCU-Solofilm einer Figur schon eher ungewöhnlich ist. Normalerweise sind es besagte erste Solofilme, in denen der Held seine größte Wandlung durchmacht, vom Normalo oder Arschloch zum Helden. Diese Wandlung fand für Peter allerdings schon Off-Screen statt, und auch sein Einstieg in eine größere Welt hat er bereits hinter sich. Die Wandlung, die er in „Homecoming“ durchmacht, bzw. die Lektion, die er lernt, ist minimal. In mancher Hinsicht ist „Homecoming“ vielleicht sogar ziemlich realistisch, denn wie oft lernt man schon fundamentale Lebenslektionen? Dennoch, der Umstand, dass fast nichts auf dem Spiel steht, schadet dem Film und sorgt dafür, dass die Spannung, trotz eigentlich sauberer Dramaturgie, mitunter auf der Strecke bleibt. Lediglich Michael Giacchinos Score wirkt der Belanglosigkeit der Handlung entgegen und sorgt dafür, dass sie sich wichtiger anfühlt, als sie ist.

Fazit: Rein formal begeht „Spider-Man: Homecoming“ nur wenig Fehler, gleichzeitig gelingt es der Disney/Sony-Co-Produktion jedoch nicht, eine Geschichte zu erzählen, die für den Titelhelden wirklich von Belang ist. Wo Sam Raimis Spider-Man-Filme oft sehr emotional und mitunter fast überdramatisch waren, geht der MCU-Spider-Man ins andere Extrem. Das sorgt für einen kurzweiligen und unterhaltsamen, aber letztendlich ziemlich vergessenswerten Film.

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Guardians of the Galaxy Vol. 2

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Story:
Nach wie vor arbeiten Peter Quill (Chris Pratt), Gamora (Zoe Saldana), Drax (Dave Bautista), Rocket (Bradley Cooper) und Groot (Vin Diesel) als Guardians of the Galaxy zusammen und erfüllen erfolgreich einen Auftrag für die goldhäutigen, genetisch perfektionierten Sovereigns, allerdings nicht ohne dass Rocket einige äußerst wertvolle Energiezellen mitgehen lässt, was die Sovereign-Hohepriesterin Ayesha (Elizabeth Debicki) erzürnt. Und nicht nur die Sovereigns haben eine Rechnung mit den Guardians offen, auch Gamoras Halbschwester Nebula (Karen Gillan), gegenwärtig Gefangene der Guardians, sowie Yondu (Michael Rooker), ein Anführer der Ravagers, wollen ihnen an den Kragen. Da taucht wie aus dem nichts Peters Vater Ego (Kurt Russel) auf, der eine Beziehung zu seinem Sohn aufbauen möchte. Es stellt sich heraus, dass es sich bei Ego um ein göttliches Wesen, einen lebendigen Planeten handelt, doch schon bald kommen Zweifel auf, ob er wirklich wohlmeinend ist…

Kritik: „Guardians of the Galaxy“ war der Überraschungsblockbuster 2014 – wer hätte einem abgedrehten Sci-Fi-Film mit einem sprechenden Waschbär und einem beweglichen Baum schon einen derartigen Erfolg prophezeit? Kann die Fortsetzung da erfolgreich anknüpfen? Insgesamt: Ja. „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ fehlt ein Aspekt, der sicher einen großen Teil des Erfolges des ersten Teils ausgemacht hat: Die Frische und das Neuartige. Zwar bediente der erste Guardians-Film durchaus die üblichen Marvel-Konventionen, verstand es dabei aber auch, andere Wege zu beschreiten oder besagte Konventionen doch zumindest auszureizen. Dafür kann sich James Gunn, der wie bei Teil 1 nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb, in größerem Maß auf die Figuren einlassen und diese weiter erforschen. Ganz nach bester MCU-Tradition ist auch hier der Plot bestenfalls zweitrangig, der Fokus liegt auf den Charakteren und ihrer Interaktion.

Auch thematisch ist das Guardians-Sequel stringenter. Wo Teil 1 die Figuren vorstellen musste und sich vor allem mit Außenseitertum beschäftigte, widmet sich Teil 2 sehr eindringlich dem Thema Familie. Einerseits geht es dabei freilich um die Guardians selbst als Familie, aber auch den familiären Hintergründen der einzelnen Team-Mitglieder wird einige Zeit eingeräumt. Peter Quill und Ego stehen natürlich im Zentrum des Plots, darüber hinaus kehren aber auch Figuren des ersten Films zurück, die dort eher als sekundäre Antagonisten fungieren, nun aber tatsächlich Teil des Teams werden. Vor allem das Verhältnis zwischen den Adoptivschwestern Gamaora und Nebula wird erkundet; Teil 1 zeigte im Grunde nur den Hass zwischen den beiden, nun wird ergründet, weshalb sie sich hassen. Ebenso arbeitet Gunn mit Yondu als Star Lords Ersatzvater; der blauhäutige Söldner wird im Rahmen dieses Films noch um einiges interessantere, als er im Vorgänger war.

Insgesamt versucht Gunn durch die familiäre Thematik, die emotionale Komponente noch zu verstärken. Meistens halten sich Humor und Emotionalität recht gut in der Balance, auch wenn es nicht immer ganz funktioniert. Ein großer Teil des Humors kommt wie schon in Teil 1 von einem gewissen Level an Inkompetenz der Figuren, denen in bestimmten Situationen bestimmte alltägliche Missgeschicke passieren, die selbst in anderen MCU-Filmen so eher weniger geschehen – auf diesen Aspekt werde ich nachher noch einmal zurückkommen. Im Großen und Ganzen funktioniert der Humor wieder ziemlich ausgezeichnet; die heimlichen (oder auch nicht so heimlichen) Stars sind Drax, Mantis (Pom Klementieff) und natürlich Baby Groot.

Besonders interessant finde ich, dass die Vorarbeit auf „Avengers: Infinity War“ ziemlich gering ausfällt. So hatte ich zum Beispiel damit gerechnet, Thanos wiederzusehen, doch der verrückte Titan taucht in diesem Film nicht persönlich auf. Zwar werden große Teile des kosmischen Marvel-Universums einbezogen oder erhalten zumindest diverse Gastauftritte (der Comickenner freut sich über einige bekannte Gesichter), doch nur wenig davon scheint gezielt auf den dritten Avengers-Film hinzuarbeiten. Die Sovereigns sind wohl das Plot-Element, das am engsten mit dem kommenden kosmischen Großereignis zusammenhängt, was allerdings nur dank einer der fünf (!) Mid-Credits-Szenen deutlich wird und auch das nur, wenn man Vorkenntnisse besitzt. Vielleicht sind die Sovereigns deshalb der uninteressanteste Aspekt des Films. Wie dem auch sei, ehrlich gesagt bin ich ganz froh, dass Thanos dieses Mal nicht dabei ist. Ich denke, sein Auftauchen in diesem Film hätte der Figur eher geschadet denn genützt, gerade wegen des angesprochenen Inkompetenz-Levels. Marvel hat schon mehr als genug Schurken, die amüsante Sprüche klopfen. Thanos ist der Big Bad eines jahrelang vorbereiteten Handlungsstrangs, da sollte er sich absetzen; seine Bedrohlichkeit sollte nicht durch Humor beeinträchtigt werden.

Wo wir gerade bei Schurken sind: Der Bösewicht dieses Films ist etwas stärker als Ronan, weiß aber noch immer nicht völlig zu überzeugen. Wie so viele Marvel-Filme konzentriert sich auch dieser primär auf die Protagonisten, sodass für den Widersacher abermals nicht ganz so viel Zeit übrig bleibt. Dennoch ist die Einbeziehung eines kosmischeren Wesens durchaus interessant und könnte auf mehr deuten, als zu Beginn ersichtlich ist.

Die obligatorische Einbindung der diversen aus den 70ern und 80ern stammenden Songs funktioniert abermals ziemlich gut. Darüber hinaus legt Tyler Bates beim Score noch eine ordentliche Schippe drauf und arbeitet sehr schön mit dem bereits im Vorgänger etablierten Guardians-Thema. Zwar fehlt das Nova-Thema des Erstlings ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist Bates‘ zweiter Guardians-Score noch unterhaltsamer als der erste.

Fazit: „Guardians of the Galaxy Vol. 2” ist eine mehr als gelungene Fortsetzung, die sich auf die Charaktere und die familiäre Thematik konzentriert, dabei Humor und Action aber nicht außen vorlässt.

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Siehe auch:
Guardians of the Galaxy

Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 7: Die Graphic Novel

Was ist eine Graphic Novel? Schon allein die Antwort auf diese Frage, und damit die Definition des Begriffs „Graphic Novel“, erweist sich als problematisch, denn eine definitive Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Generell steckt hinter dem Begriff der Versuch, anspruchsvollere Comics vom typischen „comic book“ oder „comic strip“, dem für viele immer noch etwas Schundhaftes anhängt, abzugrenzen. Die Verwendung des Begriffs ist dabei allerdings zumindest zwiespältig.

Der Begriff selbst geht auf Will Eisner und dessen 1978 erschienenes Werk „A Contract with God“ zurück. In diesem erforschte Eisner die Grenzen des Mediums Comic, erweiterte sie und bediente sich neuer, in diesem Zusammenhang noch nicht verwendeter Techniken und in Comics selten oder gar nicht thematisierter Inhalte. Eisner selbst bezeichnete sein Werk als Graphic Novel, u.a. auch, um seinen Verlag, der auf Belletristik spezialisiert war, davon zu überzeugen, das Werk zu verlegen. Dieser Schachzug ging auf und wurde auch im Marketing von „A Contract with God“ verwendet. Somit zeigt sich bereits bei der Entstehung des Ausdrucks die Zwiespältigkeit: Verbirgt sich hinter der Graphic Novel „echter“ Anspruch oder handelt es sich letztendlich nur um eine clevere Marketingstrategie?

Ihren endgültigen Siegeszug trat die Graphic Novel in den 1980er Jahren an, ausgelöst von drei geradezu revolutionären Werken, die gemeinhin als Zeichen des Erwachsenwerdens des Mediums betrachtet werden und zumindest ansatzweise bereits im vorangegangenen Teil dieser Artikelreihe diskutiert wurden: Alan Moores und Dave Gibbons‘ „Watchmen“, Frank Millers „The Dark Knight Returns“ und Art Spiegelmans „Maus“. Es ist bezeichnend, dass vor allem die beiden erstgenannten Werke auch einen enormen Einfluss auf den amerikanischen Mainstream-Comic hatten. Beide hinterfragen und dekonstruieren den Superheldencomic, „The Dark Knight Returns“ konzentriert sich dabei vor allem auf eine bekannte Ikone des Mediums, Batman, während „Watchmen“ einen allgemeineren Anspruch hat. Bei „Maus“ handelt es sich schließlich um ein sehr viel persönlicheres Werk, in dem sich Art Spiegelman mit seiner eigenen Vergangenheit, der seiner Eltern und mit dem Holocaust auseinandersetzt. Auf gewisse Weise setzte Spiegelman mit „Maus“ die im Underground-Bereich verbreitete Tradition des autobiographischen Autorencomics, u.a. geprägt von Robert Crumb, fort und machte sie populär, während er auch gleichzeitig die Tradition der Funny-Animals-Comics für seine Zwecke instrumentalisierte.

Dieses Erwachsenwerden des Mediums hing allerdings nicht nur mit der reinen Qualität oder dem Inhalt zusammen, sondern auch mit der medialen Aufnahme; über diese drei Werke wurde in einer Art und Weise berichtet, die für Comics bisher selten, wenn nicht gar einzigartig war. Dieses „Erwachsenwerden“ ist allerdings keinesfalls unumstritten. Während sich manche Stimmen fragen, ob der Comic wirklich erwachsen werden musste, betrachten andere das Erwachsenwerden Mitte der 80er als Mythos, der vor allem zu Marketingzwecken konstruiert wurde; immerhin gibt es Comics, die Erwachsene ansprechen, schon weitaus länger. Dieses Argument ist zwar sicherlich nicht völlig von der Hand zu weisen, klammert allerdings die allgemeinere Wahrnehmung, die selbstverständlich auch stark von Medien und Marketing dominiert wird, fast völlig aus.

Der Erfolg dieser drei Graphic Novels sorgte für die wachsende Beliebtheit dieses Begriffs, der sich in den späten 80ern zementierte und für Werbezwecke gern und häufig verwendet wurde, besonders von den Großverlagen DC und Marvel. Ironischerweise gehören sowohl Spiegelman als auch (und vor allem) Moore zu den größten Kritikern des Begriffs. Spiegelman spricht von seiner Arbeit zumeist als „commix“, um der Vermischung von Text und Bild gerecht zu werden und war nicht begeistert, dass „Maus“ direkt neben X-Men-Sammelbänden verkauft wurde. Alan Moore lehnt den Begriff „Graphic Novel“ sogar völlig ab: „The problem is that ‚graphic novel’ just came to mean ‚expensive comic book’ and so what you’d get is people like DC Comics or Marvel comics – because ‚graphic novels’ were getting some attention, they’d stick six issues of whatever worthless piece of crap they happened to be publishing lately under a glossy cover and call it The She-Hulk Graphic Novel, you know?” (Quelle: http://www.blather.net/articles/amoore/northampton.html)

Die Frage, die sich also stellt, ist, ob der Begriff Graphic Novel lediglich ein Marketinginstrument ist oder ob er dem Medium Comic weiterhilft, indem er es einem größeren und eventuell auch anspruchsvolleren Publikum zugänglich macht.
Selbst wenn man von Letzterem ausgeht, stellt sich in diesem Zusammenhang die Folgefrage, was als Graphic Novel gelten kann. Die Verwendung des Begriffs mit der Definition „anspruchsvoller Comic“ gleicht einem Kanonisierungsprozess, hier einer Kanonisierung des amerikanischen Comics.

Die Kanonisierung ist ein komplexes Problem der Literaturgeschichtsschreibung, weshalb ich zu diesem Zweck die Definition des Literaturwissenschaftlers Ralf Bogner heranziehen möchte, der vom Literaturkanon als „literarischem Gedächtnis spricht: „Mittels verschiedener, äußerst heterogener Wertungskriterien werden aus dem Gesamtbestand der literarischen Überlieferung gewisse Texte herausgehoben und für besonders erinnerungswürdig befunden. Alle übrigen Werke werden hingegen vergessen, genauer gesagt: vergessen gemacht, verdrängt, ausgesondert.“ (Quelle: Bogner, Ralf: Literaturgeschichte in Werkeinheiten. Zu einem Handbuch des Kanons der deutschsprachigen Literatur, in: Buschmeier, Matthias; Erhart, Walter; Kauffmann, Kai: Literaturgeschichte. Theorien – Modelle – Praktiken. Berlin, Boston 2014, S. 185-194, S. 185.)

Ein literarischer Kanon ist nun selbstverständlich nichts Absolutes, je weiter er gefasst wird, desto oberflächlicher bleibt er, damit er auch überblickt werden kann. Generell gibt es drei Funktionen, die ein Kanon zu erfüllen hat: Legitimation (Rechtfertigung geltender Werte im literarischen Kontext), Identitätsstiftung (vor allem zur Abgrenzung von anderen Gruppen) und Handlungsorientierung (vermittelte Werte als Hilfe zur Entscheidungsfindung). Diese Funktionen gelten allerdings vor allem für einen Literaturkanon, beispielsweise einen nationalen oder zu einer Epoche gehörenden. Die Graphic-Novel-Debatte betrifft vor allem, aber nicht ausschließlich amerikanische Comics. In dieser Form der Kanonisierung ist „Legitimation“ die bedeutendste Funktion, allerdings nicht die Legitimation der Werte, sondern die Legitimation des Mediums an sich, und gleichzeitig die Abgrenzung zwischen „Schund“ und „Anspruch“. In diesem Zusammenhang wird die unklare Definition des Begriffs wieder problematisch, und das auf mehreren Ebenen.

Wie bereits erwähnt, wurde der Begriff „Graphic Novel“ erstmals 1978 verwendet. Können Comics, die vor diesem Datum veröffentlicht wurden, bereits als Graphic Novel verstanden werden? Wirkt sich die Publikation aus? Alan Moore spricht in seiner Kritik am Begriff von der Zusammenfassung mehrerer Hefte, die einfach als Buch gedruckt und mit dem Label „Graphic Novel“ versehen werden. Allerdings wurde auch „Watchmen“ zuerst in Heftform veröffentlicht, bevor, wie seither üblich, alle zwölf Ausgaben in einem Band herausgegeben wurden. Und kaum jemand, der die Graphic Novel akzeptiert, verweigert „Watchmen“ die Zugehörigkeit.

Um für derartige Probleme zumindest Ansätze für eine Lösung zu finden, bemühen sich diverse Comichistoriker um eine neue Definition des Begriffs, die zwar möglichst umfassend, aber trotzdem nicht absolut sein soll. Sie grenzen die Graphic Novel durch vier Eigenschaften vom gewöhnlichen „comic book“ ab: Form, Inhalt, Publikation und Produktion bzw. Vertrieb.

Bezüglich der Form zeichnen sich Graphic Novels gegenüber den „comic books“ durch eine größere Bandbreite aus. Zwar können sie durchaus den klassischen Konventionen folgen, gehen dabei aber gleichzeitig an deren Grenzen, erweitern oder hinterfragen sie. Die Paradebeispiele hierfür sind „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“. Am anderen Ende des Spektrums finden sich Werke wie „A Contract with God“, das auf die Paneleinteilung vollständig verzichtet.

Im Hinblick auf den Inhalt grenzt sich die Graphic Novel vom „comic book“ durch die erwachsene (im Sinne von anspruchsvolle) Natur und eine generelle Nähe zum Realismus ab. Dies ist allerdings ein relativer Faktor. „Watchmen“ etwa mag im Vergleich zu anderen Superheldencomics realistischer sein, realistisch ist Moores Werk allerdings keinesfalls. Dem gegenüber stehen zum Beispiel autobiographische Werke wie Art Spiegelmans „Maus“, welches allerdings seinerseits durch Tierköpfe bzw. -masken eine nicht realistische Darstellung realer Ereignisse wählt.

Was die Publikation angeht, versucht sich die Graphic Novel vom „comic book“ durch eine Abkehr vom Serienprinzip abzugrenzen und sich vom Format her dem Buch anzunähern. Auch dieses Kriterium lässt sich wieder relativieren, wenn man „The Walking Dead“ oder „The Sandman“ heranzieht, die zwar in Serienform vorliegen, aber in Form und Inhalt eher als Graphic Novels zu werten sind.

Produktion und Vertrieb von Graphic Novels schließlich unterscheiden sich oftmals dadurch von den „comic books“, dass sie bei kleineren, unabhängigen Verlagen erscheinen, anstatt bei Marktriesen wie Marvel oder DC. Letzterer versuchte mithilfe des Vertigo-Labels eine Art „Zwischenform“ zu kreieren – durchaus mit Erfolg.

Die Tatsache, dass sich jedes dieser vier Kriterien anhand von Beispielen relativieren lässt, zeigt noch einmal, wie wenig absolut dieser Definitionsansatz ist – das macht ihn allerdings gleichzeitig auch flexibel und sorgt dafür, dass ein Werk, das eines der Kriterien nicht erfüllt, nicht von vorneherein von dieser Kanonisierung ausgeschlossen ist. Gerade, wenn der Begriff Graphic Novel für den anspruchsvollen Comic steht, sind die ersten beiden Kriterien (vor allem das zweite) wichtiger als die letzten beiden – ein Comic kann ein Einzelwerk sein und von einem unabhängigen Kleinverlag publiziert worden sein. Wenn aber die inhaltliche Qualität nicht gegeben ist, wäre der Anspruch, eine Graphic Novel zu sein, anders als im umgekehrten Fall nicht berechtigt.

Eine endgültige Bewertung des Graphic-Novel-Begriffs ist also nur sehr schwer möglich. Einerseits lässt es sich nicht leugnen, dass er definitiv als Marketinginstrument eingesetzt wird, um Comics teurer verkaufen zu können. Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Begriff seit seinem Aufkommen den Ruf des Mediums verbessert hat. Gerade in Deutschland ist dies besonders zutreffend, der Begriff ermöglicht es, ein neues Publikum zu gewinnen, da er ausdrückt, dass es sich um ein erwachsenes, ernstzunehmendes Werk handelt. Akzeptiert man den Begriff, ist, gerade wegen der vielseitigen Verwendung aus unterschiedlichen Motiven, dennoch ein kritisches Hinterfragen erforderlich.

Literaturempfehlungen:
– Baetens, Jan; Frey, Hugo: The Graphic Novel. An Introduction
– Ditschke, Stephan: Comics als Literatur. Zur Etablierung des Comics im deutschsprachigen Feuilleton seit 2003, in: Ditschke, Stephan; Kroucheva, Katerina; Stein, Daniel (Hg.): Comics. Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums
– Sabin, Roger: Adult Comics. An Introduction

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter
Teil 3: Das Goldene Zeitalter
Teil 4: Das Silberne Zeitalter
Teil 5: Das Bronzene Zeitalter
Teil 6: Das Moderne Zeitalter

Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 6: Das Moderne Zeitalter

Wir schreiben das Jahr 1986: Die Publikation dreier Werke veränderte die amerikanische Comiclandschaft und hatte sehr weitreichende Folgen auf allen Ebenen, nicht nur für den „gehobenen Comic“, den diese Werke gewissermaßen lancierten, sondern auch für den (Superhelden-)Mainstream. Jeder, der sich auch nur oberflächlich mit dem amerikanischen Comic beschäftigt, stolpert irgendwann über Alan Moores und Dave Gibbons‘ „Watchmen“, den einzigen Comic auf der „All-Time 100 Greatest Novels List“ des Time-Magazine, Frank Millers „The Dark Knight Returns“, dessen Einfluss auch noch heute in allem, was mit Batman zu tun hat, spürbar ist, und Art Spiegelmans „Maus“, das als eine der besten künstlerischen Verarbeitungen des Holocaust gilt. Der Fokus auf das Jahr 1986 ist in diesem Kontext natürlich ebenso Teil einer nicht ganz korrekten Narrative wie der Innovationsfaktor. Alle drei erschienen nicht 1986 als komplett romanartige Werke, sondern wurden ganz traditionell als Fortsetzungen veröffentlicht, „The Dark Knight Returns“ und „Watchmen“ in Form der typischen Superheldenhefte, während Maus bereits seit 1980 auf den Seiten des Magazins Raw erschien; 1986 wurde lediglich die erste Hälfte des Comics gesammelt veröffentlicht.

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„Maus“ von Art Spiegelman

Wie alle historischen Wendepunkte ist also auch dieser mit Vorsicht zu genießen, bei der Geschichtsschreibung des amerikanischen Comics funktioniert er dennoch recht gut. Bereits das Bronzene Zeitalter zeichnete sich eher durch Tendenzen und Entwicklungen denn durch einen klaren Start- und Endpunkt aus. Im sogenannten „Modernen Zeitalter“ (auch gerne als „Dunkles Zeitalter“ bezeichnet), das endgültig mit der Edelmetallmetapher bricht (weshalb manch einer den Begriff „Eisernes Zeitalter“ vorzieht), verschwimmen die Grenzen noch weiter. Einige Comichistoriker vertreten die These, dass das Moderne Zeitalter immer noch anhält, während andere schon vom „Postmodernen Zeitalter“ sprechen. Ein möglicher Endpunkt des Modernen Zeitalters wäre beispielsweise der Beinahe-Bankrott des Marvel-Verlages 1998.

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„Watchmen“ von Alan Moore und Dave Gibbons

Kehren wir aber noch einmal zum Anfang dieses Zeitalters ins Jahr 1986 zurück. „The Dark Knight Returns“, „Watchmen“ und „Maus“ gelten zwar als Vorreiter des aktuellen Graphic-Novel-Trends, waren aber bei Weitem nicht die ersten Comics, die als solche bezeichnet wurden, die beiden erstgenannten waren nicht einmal die ersten Superheldencomics mit diesem Label, und auch nicht die ersten Superheldencomics mit ernstzunehmender Thematik, komplexer Narrative oder dekonstruierenden Elementen. Dennoch repräsentieren sie den Trend der Ära hervorragend und, noch wichtiger, sie brachten ihn in den Mainstream. Die autobiographischen Elemente von „Maus“ waren im Underground-Bereich bereits seit Jahren vorhanden, Spiegelman brachte sie in den Mainstream. Ähnliches lässt sich für Moore und Miller sagen: Sie sorgten dafür, dass gewisse Entwicklungen nicht nur ihren Höhepunkt erreichten, sondern auch außerhalb der spezifischen Leserschaft sichtbar wurden.

Wie schon das Bronzene Zeitalter ist auch das Moderne Zeitalter von Diversität geprägt. So fanden zum ersten Mal größere Stilmischungen statt. Es fanden, auch, aber nicht nur Dank „Maus“, Elemente der Underground-Comix ihren Weg in den Mainstream, mitunter auf recht ungewöhnliche Weise. Seit Carl Barks sich 1966 zur Ruhe gesetzt hatte, wurden in den USA kaum mehr Disney-Comics produziert, anders als in diversen europäischen und südamerikanischen Ländern. 1987 trat jedoch Don Rosa auf den Plan, der von vielen, mir eingeschlossen, als legitimer Erbe von Barks betrachtet wird und einerseits Duck-Geschichten in der Tradition des Großmeisters schrieb und zeichnete, andererseits aber seinen ganz eigenen Stil und eine sehr spezielle, z.T. schon fast anarchische Sensibilität mitbrachte, beides zumindest indirekt geprägt von den amerikanischen Underground-Comix.

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Panel aus Don Rosas „The Life and Times of Scrooge McDuck“

Darüber hinaus wurden in zunehmendem Maße inhaltliche, erzählerische und stilistische Elemente der anderen beiden großen Comictraditionen in die amerikanische integriert. Auch diesbezüglich ist Frank Miller ein Vorreiter, seine Graphic Novel „Ronin“, bereits 1983/84 erschienen, gilt als einer der ersten amerikanischen Comics, der sich gezielt spezifischer narrativer und graphischer Elemente des französischen „Bande Dessineé“ und des japanischen Mangas bedient.

Eng damit und dem Erfolg von „Watchmen“ verbunden war, was gerne als „Brit Invasion“ bezeichnet wird: Viele junge Autoren, die wie Alan Moore aus Großbritannien stammen, etwa Grant Morrison, Neil Gaiman oder Warren Ellis, begannen, Ende der 80er und Anfang der 90er wegen ihrer qualitativ hochwertigen und beliebten Arbeit populär zu werden; so populär, dass DC sich 1993 dazu entschloss, das Label Vertigo zu gründen, das sich auf anspruchsvollere Comics für Erwachsene wie sie Moore, Morrison und Gaiman erzählten, spezialisierte.

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„The Dark Knight Returns“ von Frank Miller

Allerdings ist das moderne Zeitalter auch durch weniger positive Entwicklungen gekennzeichnet: Die desillusionierten und gebrochenen Helden aus „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“ wurden im Mainstream in den folgenden Jahren nachgeahmt, allerdings ohne dass die Qualität der Werke von Moore oder Miller erreicht wurde; der grimmige, zynische, gebrochene und brutale Antiheld wurde zum Selbstzweck, anstatt, wie bei Miller und Moore, das Genre zu hinterfragen und zu dekonstruieren – darum auch der alternative Name „Dunkles Zeitalter“. Beispiele hierfür sind etwa Marvels „X-Force“, ein Ableger der X-Men, oder so gut wie jede Publikation des neu gegründeten Image-Verlages. Dies führte wiederum zu einer Gegenreaktion in Form von „Kingdom Come“, verfasst von Mark Waid und illustriert von Alex Ross, das sich gezielt mit diesem „Antiheldentum“ und einer Rückbesinnung auf alte Werte auseinandersetzte.

Eine weitere negative Entwicklung hängt kaum mit dem Inhalt, sondern fast ausschließlich mit dem Verkauf zusammen. Nicht nur wurde der Markt stärker spezialisiert, (Comics verschwanden aus den Regalen der Zeitschriftenhändler, während spezialisierte Comicshops zum zentralen Verkaufsort wurden), man entdeckte den Comic als Sammelobjekt. Hefte, in denen populäre Helden wie Superman, Batman oder Spider-Man ihr Debüt feierten, wurden für gewaltige Summen verkauft. Die Verlage erkannten das Potential und versuchten gezielt durch Variant-Cover, limitierte Editionen und ähnliche Maßnahmen, Sammlerobjekte zu generieren. Schon bald tauchten Sammler auf, die Comics nicht mehr sammelten, weil sie sie gerne lasen, sondern nur, um sie wegen ihres Sammlerwertes in Plastik eingeschweißt zu lagern und später für viel Geld weiterzuverkaufen. Mehr noch, wenn von einer Ausgabe vier Variant-Cover erschienen, legte man sich natürlich alle vier zu, und eventuell ein fünftes, falls man vorhatte, das Heft auch tatsächlich einmal zu lesen. Das führte letztendlich zu erhöhter Nachfrage (jeder Sammler wollte eine komplette Sammlung), gefolgt von Überproduktion und schließlich einer Übersättigung des Marktes. Jeder hatte die Comics, keiner wollte sie mehr und plötzlich brachen Ende der 90er die Verkäufe ein, was dazu führte, dass viele Kleinverlage die Publikation einstellten und selbst die Branchenriesen gewaltige Probleme bekamen (ich erwähnte bereits Marvels Beinahe-Bankrott von 1998).

Da das Moderne Zeitalter noch nicht wirklich beendet ist, lässt sich hierzu auch kaum etwas Abschließendes sagen. Von Interesse ist noch das Ende des Comic Codes, der bereits im Brozenen Zeitalter aufweichte. Marvel verzichtete bereits 2001 auf das entsprechende Siegel, und mit  DC und Archie Comics folgten 2011 auch die letzten beiden Verlage diesem Beispiel. Insgesamt ist die amerikanische Comicszene des Modernen Zeitalters stärker denn je von Pluralismus gekennzeichnet. Dank der „Graphic-Novel“, Labels wie Vertigo oder Verlagen wie Dark Horse, die sich auf „Creator Owned Content“ konzentrieren, genießt das Medium allgemein wachsende Anerkennung sowie eine sich steigernde Vielfalt an Inhalten und Möglichkeiten. Derweil geht das einstmals überdominante Superheldengenre dazu über, das Kino zu übernehmen, jährlich werden immer mehr auf Comics basierende Filme über kostümierte Vigilanten veröffentlicht, die auch immer erfolgreicher werden. Im Bereich der Superheldencomics herrscht dagegen eher Stagnation, alljährliche Großevents, Reboots und Retcons dominieren das Genre in weitaus stärkerem Umfang als irgendeine erzählerische oder inhaltliche Tendenz.

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter
Teil 3: Das Goldene Zeitalter
Teil 4: Das Silberne Zeitalter
Teil 5: Das Bronzene Zeitalter

Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 5: Das Bronzene Zeitalter

Das Bronzene Zeitalter, datiert von Anfang der 70er bis Mitte der 80er, ist weit weniger leicht einzugrenzen als das Goldene oder Silberne. Es gab weniger prägende bzw. einschneidende Ereignisse oder eindeutige Charakteristika. Insofern ist das Bronzene Zeitalter vor allem von einer gewissen Ambivalenz und einer Gegensätzlichkeit geprägt. Dies zeigt sich bereits an der Schwierigkeit, einen genauen Beginn festzumachen – mögliche Ereignisse habe ich bereits im Rahmen des Artikels zum silbernen Zeitalter diskutiert.

Insgesamt zeichnet sich das Bronzene Zeitalter durch eine Auflockerung des Comic Code aus, sodass es nun möglich war, Comics, besonders Superhelden-Comics, realistischer und aktueller zu gestalten. Einerseits entwickelte sich das Artwork weiter, die Zeichnungen wurden komplexer und realistischer, und andererseits spiegelten die Comics auch die Lage der USA Ende der 60er, Anfang der 70er, geprägt von Rassenunruhen, der Regierung Richard Nixons und der Ölkrise wider. In zunehmendem Ausmaß wurden aktuelle Probleme in Comics, speziell Superheldencomics, verarbeitet, die sich von den völlig absurden Science-Fiction-Abenteuern des Silbernen Zeitalters distanzierten.

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Green Lantern und Green Arrow als „Hard Travelling Hereos“

So war das Bild Batmans in den 60ern primär geprägt von der Fernsehserie mit Adam West, die den albernen Ton der Comics dieser Zeit genau einfing. Nachdem die Serie geendet hatte, veränderten sich allerdings die Comics. Vor allem drei Namen sind in diesem Zusammenhang zu nennen: Julius Schwartz, Denny O’Neill und Neal Adams. Schwartz wurde zum Redakteur der Batman-Serien und tilgte nach und nach viele der abgehobeneren Elemente der vorangegangenen Ära und besann sich in größerem Ausmaß auf die Wurzeln der Figur. Aus Batman wurde wieder ein Mitternachtsdetektiv, der sich mit tatsächlichen Verbrechen und sogar moralischen Zwickmühlen auseinandersetzt. Alte Schurken wurden revitalisiert – so war es dem Joker, zuvor ein harmloser Spaßmacher, nun wieder erlaubt zu morden. O’Neill und Adams waren DAS Autor/Zeichner-Duo dieser Ära Batmans und schufen gemeinsam einen weiteren ikonischen Schurken des Dunklen Ritters: Ra’s al Ghul, der als Ökoterrorist eine nie gekannte Aktualität besaß. Auch anderen Helden von DC verhalfen die beiden zur Aktualität, etwa Green Lantern und Green Arrow. O’Neill ließ die beiden grün gewandeten Helden als „Hard Travelling Hereos“ auf den Seiten der Green-Lantern-Serie Anfang der 70er durch Amerika wandern und sich dabei mit diversen realweltlichen Problemen wie Armut, Rassismus oder Drogensucht (u.a. wurde Green Arrows Sidekick Speedy zum Junkie) auseinandersetzen, wobei sie politische Standpunkte repräsentierten (Lantern konservativ, Arrow liberal).

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Aus Captain America wird der staatenlose Nomad

Bei Marvel spielte sich ähnliches ab. Erste Versuche wurden unternommen, ein wenig Diversität ins Gerne zu bringen; mit Luke Cage und Falcon debütierten die ersten afroamerikanischen Superhelden und die X-Men wurden mit vielen neuen Mitgliedern aus allen möglichen Ländern (Wolverine aus Kanada, Storm aus Kenia, Colossus aus Russland usw.) revitalisiert. Allgemein wurde der Status der X-Men als Allegorie für alle möglichen Minderheiten unter Autor Chris Claremont zementiert; die meisten wegweisenden X-Men-Comics stammen aus dieser Ära und aus Claremonts Feder, von „Days of Future Past“ über die „Dark Phoenix Saga“ bis zu „God Loves, Man Kills“ (in meinen Augen nach wie vor der beste X-Men-Comic überhaupt; nicht von ungefähr war er auch die lose Vorlage für „X2: X-Men United“). Die Lockerung des Comics Code erlaubte es den Autoren auch, sich mit persönlicheren und schwierigeren Themen zu beschäftigen, die zuvor in Superheldencomics eher abwesend waren. Iron Man musste sich im Rahmen des Storybogens „Demon in the Bottle“ (verfasst von David Michelinie und Bob Layton) mit seinem Alkoholismus auseinandersetzen und in „The Death of Captain Marvel“ von Jim Starlin starb ein Superheld nicht etwa heroisch im Kampf, sondern wegen einer Krebserkrankung. Auch Politik fehlte nicht: Als Reaktion auf Nixon und Watergate legte Captain America zweitweise sein blau-weiß-rotes Kostüm ab und bekämpfte als staatenloser Nomad das Verbrechen.

Aus heutiger Sicht mögen viele dieser Geschichten ein wenig zu plakativ und unsubtil sein, hin und wieder fühlt man sich schon beinahe mit einem allegorischen oder moralischen Holzhammer erschlagen, im Kontext ihrer Zeit waren diese Geschichten wegen ihrer Aktualität und ihren Themen geradezu revolutionär. Viele von ihnen gelten nach wie vor (und völlig zu Recht) als Klassiker – es hat seinen Grund, weshalb gerade diese Geschichten oft für die Filmadaptionen herangezogen werden.

Auch bezüglich des Genres konnten die Verlage ihr Angebot erweitern. So waren Horrorcomics vom Comics Code lange verboten worden. In den 70ern begann Marvel dann jedoch sehr erfolgreich, andere Genres auszutesten, etwa mit „The Tomb of Dracula“; auf den Seiten dieser Serie debütierte auch der Vampirjäger Blade. Als vages DC-Gegenstück könnte „The Swamp Thing“ betrachtet werden; diese Serie ist ebenfalls im Horrorbereich anzusiedeln und verdankt ihre Qualität vor allem Alan Moore.

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The Confessions of Robert Crumb

An der Underground-Front entwickelte man sich ebenfalls weiter. Während es in den 60ern vor allem darum ging, die Konventionen des Comics Code herauszufordern und zu provozieren, rückte nun der künstlerische Anspruch in den Vordergrund. Die Comix des Untergrunds wurden avantgardistischer, persönlicher und vor allem autobiographischer. Robert Crumb, dessen Kurzgeschichte „The Confessions of Robert Crumb“ wegweisend war, darf hier nicht unerwähnt bleiben, aber auch andere Künstler der Comix-Szene, etwa Harvey Pekar oder Art Spiegelman (zu ihm in einem späteren Artikel mehr) folgten diesem Trend. Gleichzeitig verloren die Underground-Comix durch das Aufweichen des Comics Code an Bedeutung: Da im Mainstream nun weitaus mehr Themen behandelt werden konnten, musste man sie nicht mehr zwangsläufig im Untergrund suchen. Schließlich und endlich hat auch die Graphic Novel ihren Ursprung im Bronzenen Zeitalter. Ihre Entstehung sowie einige spezifische Publikationen aus der Mitter der 80er markieren zugleich das Ende des bronzenen Zeitalters. Zum einen wären da Marvels „Secret Wars“ (1984/85, von Jim Shooter, Mike Zeck und Jim Layton) und DCs „Crisis on Infinite Earths“ (1985/86, von Marv Wolfman und George Pérez). Bei beiden handelt es sich um die ersten großen, das gesamte jeweilige Superheldenuniversum umspannende Crossover, die fortan stilbildend waren und inzwischen pro Jahr mindestens ein Mal kommen. Und zum anderen hätten wir da noch die „großen Drei“, die im nächsten Artikel ausgiebig besprochen werden.

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter
Teil 3: Das Goldene Zeitalter
Teil 4: Das Silberne Zeitalter

Logan – Ausführliche Rezension

Spoiler nach dem ersten Absatz!
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Der neueste Eintrag im am längsten laufenden Superhelden-Filmuniversum ist in den Kinos gelandet. Wer hätte wohl im Jahr 2000, als „X-Men“ anlief, gedacht, dass sowohl Hugh Jackman als auch Patrick Stewart 17 Jahre später nach wie vor ihre Rollen aus diesem Film spielen würden? Da „Logan“ mal wieder einer dieser Filme ist, über den man einiges schreiben kann, kopiere ich meine Vorgehen bei „Suicide Squad“: Ich spare mir die spoilerfreie Rezension, stattdessen geht’s gleich ans Eingemachte. Wer trotzdem wissen möchte, wie ich den Film fand, ohne gespoilert zu werden, hier die Kurzversion: Im Großen und Ganzen ist „Logan“ ein gelungener Abgesang auf Hugh Jackmans Wolverine. Es war definitiv eine sehr kluge Entscheidung von Fox, James Mangold freie Hand zu lassen und ihm ein R-Rating zu erlauben. Zwar gibt es einige Elemente, die nicht ganz passend ineinandergreifen, und wie üblich bei einem X-Men-Film provoziert auch dieser Kontinuitätsprobleme, aber solange das Endprodukt, wie in diesem Fall, zu überzeugen weiß, ist das zweitrangig. „Logan“ lebt vor allem von seinen exzellenten Darstellern und der grimmigen Neo-Western-Atmosphäre – ein Kinobesuch lohnt sich ohne jeden Zweifel.

Handlung und Konzeption
Im Jahr 2029 sieht es für die Mutanten nicht allzu gut aus: Nicht nur wurden seit 25 Jahren keine neuen geboren, die alte Garde wurde so gut wie ausgelöscht. Seit einem Vorfall in Westchester gibt es auch keine X-Men mehr. Lediglich Logan (Hugh Jackman), Caliban (Stephen Merchant) und Charles Xavier (Patrick Stewart) sind noch übrig und verstecken sich in Mexiko, da Charles an Alzheimer leidet und er seine Telepathie nicht mehr kontrollieren kann. Auch Logan selbst geht es nicht allzu gut: Er arbeitet als Chauffeur, während das Adamantium, das seine Knochen überzieht, ihn langsam vergiftet.

Die schmerzhafte Lethargie endet, als eine Frau namens Gabriella (Elizabeth Rodriguez) mit einem kleinen Mädchen, das auf den Namen Laura (Dafne Keen) hört, im Schlepptau auftaucht. Die beiden werden von dem Cyborg Donald Pierce (Boyd Holbrook), einem Angestellten des rücksichtslosen Konzerns Transigen, gejagt. Es stellt sich heraus, dass Laura ein Klon Wolverines mit der Kennung X-23 ist und Transigen sie und andere Mutanten als Waffe benutzen will. So beschließt Logan, seinen alten Freund und Mentor Charles sowie seine Quasi-Tochter Laura nach Norden zu bringen, wo es der getöteten Gabriella zufolge eine Mutantenzuflucht namens „Eden“ gibt. Der Rest des Films erzählt die Flucht des ungleichen Trios nach Norden, immer verfolgt von den Häschern Transigens.

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Laura/X-23 (Dafne Keen) und Logan (Hugh Jackman)

Regisseur James Mangold inszeniert den dritten Wolverine-Film als leicht futuristischen Western mit Anleihen an allerlei Klassiker, manchmal subtiler, manchmal weniger subtil (der Western „Nash“ etwa wird sehr deutlich referenziert). Es handelt sich hierbei allerdings nicht um eine postapokalyptische Zukunft, wie manche der Trailer ungewollt suggerieren. Während die Zukunft für die Mutanten (mal wieder) nicht allzu rosig aussieht, scheint für die normalen Menschen das Leben ganz normal weiterzugehen. Die große Stärke des Films liegt bei der grimmigen Kompromisslosigkeit – „Logan“ ist keiner der üblichen PG13-X-Men-Filme und auch mit „Deadpool“ nur bedingt zu vergleichen. In „Deadpool“ war vielleicht sogar mehr Blut zu sehen, gleichzeitig war die Gewalt dort aber nie wirklich ernstzunehmen und äußerst überdreht. „Logan“ ist in seinem Tonfall weit geerdeter, es gibt keinen entschärfenden Metahumor, stattdessen aber intensiveres Charakterdrama. Diesem wird zum Teil sogar die Handlung geopfert, bzw. sie dient primär als Katalysator für die Entwicklung der Figuren. Darunter leiden dann vor allem die Widersacher, die ein weiteres Mal fürchterlich blass sind und deren Hintergrund und Motive sehr nebulös bleiben. Im zweiten Akt taucht plötzlich Zander Rice (Richard E. Grant) als eigentlicher Schurke und Chef von Transigen auf, ohne dabei besonders interessant zu sein oder Eindruck zu hinterlassen, nur um am Ende wieder von Donald Pierce als eigentlichem Schurken abgelöst zu werden. Man kommt allerding nicht umhin sich zu fragen, ob da nicht ein wenig Politik drinsteckt: Ein Schurke namens Donald, der versucht, Leute an der Ausreise aus Mexiko zu hindern…

Charles, Logan und Laura
In „Logan” behandelt James Mangold viele Themen: Älterwerden, Tod und Todessehensucht, aber auch Familie und Vermächtnis. Sowohl Charles Xavier als auch Logan sind hier spürbar am Ende; einer der mächtigsten Mutanten der Welt leidet an Alzheimer und kann seine Telepathie nicht mehr kontrollieren, während die Killermaschine schlechthin gewissermaßen auseinanderfällt. Viel ist nicht mehr übrig von den einst so grandiosen Heroen. Wie bereits erwähnt liegt die große Stärke dieses Films bei der Charakterisierung der Figuren: Gerade im ersten Akt wird eindringlich und visuell beeindruckend gezeigt, wie das Alter die Figuren mitgenommen hat: Logan, der seine Klauen nicht mehr ganz ausfahren kann, die aussetzende Selbstheilung, der sichtlich gealterte Charles in einem umgestürzten Tank, der mit seinem runden Innenraum wie ein verrostete Cerebro-Gegenstück wirkt, das die telepathischen Anfälle des X-Men-Gründers kontrollieren soll etc.

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Alles hat sich geändert: Charles Xavier (Patrick Stewart) hat Haare

Schon am Anfang erinnert Logan an einen Sohn, der sich um seinen dementen Vater kümmert (was ironisch anmutet, da Logan um einige Jahrzehnte älter als Professor X ist), was durch den Umstand verstärkt wird, dass er und Caliban wie ein altes, verheiratetes Ehepaar klingen. Die Allegorie wird aber erst durch Laura komplett, die die Rolle der Tochter bzw. Enkelin einnimmt. An dieser Stelle muss unbedingt Dafne Keen gelobt werden; die mexikanische Newcomerin schafft es, mit den schauspielerischen Schwergewichten Hugh Jackman und Patrick Stewart mitzuhalten. Die Mischung aus kindlicher Unschuld und rücksichtsloser Killermaschine ist exzellent gelungen. Das einzige kleine Problem bei der Konzeption der Figur ist der Umstand, dass sie die ersten beiden Drittel des Films aus unerfindlichen Gründen überhaupt nicht spricht, dann nur Spanisch und plötzlich kann sie auch Englisch – das wirkt etwas zu beliebig. Dennoch, die Interaktionen zwischen diesen drei Figuren sind das Herzstück des Films. Das zeigt sich besonders, wenn man eine der emotionalen Kernszenen betrachtet, das Abendessen im Haus der Familie Munson, das interessanterweise fast vollständig improvisiert war. Nicht nur sehen wir die Pseudofamilie in einem normalen Umfeld, sie wird auch mit einer normalen Familie konfrontiert. Natürlich muss das tragisch enden.

Darüber hinaus thematisiert „Logan“ Aspekte der Selbstfindung auf eine Art und Weise, die nur in einem Film wie diesem möglich ist: Am Ende seines Lebens wird Wolverine noch einmal mit seiner Jugend und seinem früheren Selbst konfrontiert. Einerseits natürlich durch Laura, andererseits aber auch durch X-24, einen weiteren Wolverine-Klon, allerdings männlich und erwachsen. Mehr noch, zu Beginn des Films beschuldigt Charles Logan, nur darauf zu warten, dass er stirbt, damit er frei ist (was natürlich nicht stimmt und durch die Interaktion der beiden auch deutlich wird). Der dramatischen Ironie ist es freilich geschuldet, dass es X-24 ist, der Charles schließlich tötet.

Inspiration
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Werfen wir noch einen Blick auf die Comicvorlagen. Bereits im Vorfeld wurde immer wieder vermutet, der dritte Wolverine-Solofilm würde auf „Old Man Logan“ basieren, einer von Mark Millar geschriebenen und von Steve McNiven gezeichneten Graphic Novel (ursprünglich 2008/2009 als Teil der laufenden Wolverine-Serie erschienen). Man kann dabei allerdings kaum von einer tatsächlichen Vorlage sprechen, eher von einer groben Inspiration. James Mangold übernahm den gealterten, desillusionierten Logan, die Atmosphäre, die Ausweglosigkeit und die Brutalität sowie den Road-Movie-Aspekt. Die meisten Details oder sonstigen Handlungselemente spielen in „Logan“ allerdings keine Rolle, schon allein aus rechtlichen Gründen, da der Hulk, Hawkeye oder Red Skull, allesamt wichtige Figuren im Comic, in einem X-Men-Film von Fox nicht auftauchen dürfen, da die Rechte bei Disney liegen. Auch die Umstände unterscheiden sich: Das Marvel-Universum in „Old Man Logan“ ist tatsächlich eine postapokalyptische Wüste, die an die Mad-Max-Filme erinnert und von Superschurken regiert wird. Im Gegensatz dazu ist die Welt in „Logan“ noch harmlos, lediglich den Mutanten geht es nicht allzu gut. Ein weiteres Element wurde jedoch in stark abgewandelter Form übernommen: Sowohl bei Mangold als auch bei Millar wurden die X-Men von einem der Ihren vernichtet. In „Old Man Logan“ ist es Wolverine selbst, der seine Teamkameraden niedermetzelt, weil er sie wegen der Illusionen des Schurken Mysterio als Gegner wahrnimmt. In „Logan“ wird stark angedeutet, dass Charles Xavier für den Tod der X-Men verantwortlich ist. Im „Westchester-Vorfall“ (in Westchester befindet sich Xaviers Schule) wurden sieben Mutanten durch einen von Charles‘ Anfällen getötet – es ist wohl davon auszugehen, dass es sich dabei um diverse Kern-X-Men handelt.

Neben „Old Man Logan“ gibt es noch den einen oder anderen X-Men-Comic, den es in diesem Kontext zu erwähnen gilt. Da wäre, aus offensichtlichen Gründen, „The Death of Wolverine“. Logans Tod im Film hat allerdings kaum etwas mit Logans Tod im Comic zu tun. Lediglich die Tatsache, dass er stirbt wurde übernommen, neben einem weiteren kleinen Detail: Auch im Comic versagt die Selbstheilung.

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X-23 im klassischen Wolverine-Outfit

Und dann wäre da noch Laura Kinney alias X-23. Wolverines Klontochter debütierte im Jahr 2003 in den Zeichentrickserie „X-Men: Evolution“. Ähnlich wie Harley Quinn tauchte die für die Serienadaption geschaffene Figur bald darauf auch in den Comics auf und bekam mit „X-23: Innocence Lost“ eine eigene Miniserie spendiert, die ihren Hintergrund erläutert. Einige Elemente davon wurden in den Film integriert, viele andere wurden jedoch ausgelassen oder abgeändert. So ist X-23 in den Comics kein Mädchen, sondern ein Teenager und später eine Erwachsene. In den folgenden Geschichten tritt sie u.a. den X-Men bei und übernimmt, nach dem oben erwähnten Tod ihres „Vaters“ in „The Death of Wolverine“, dessen Namen und Kostüm.

Kontinuität: Das alte Lied
Sortieren wir mal ein wenig. Theoretisch, bzw. einer Aussage James Mangolds zufolge, spielt „Logan“ in der neuen X-Men-Kontinuität, die durch „Days of Future Past“ ausgelöst und mit „Apocalypse“ (und eventuell „Deadpool“ – da scheint sich niemand so ganz sicher zu sein) fortgesetzt wurde. Nun hat schon „Apocalypse“ zu Kontinuitätsproblemen geführt, und mit „Logan“ wird das nicht besser, gerade weil das Ende von „Days of Future Past“ und der Anfang von „Logan“ nicht so recht zusammenpassen wollen. Der Epilog von „Days of Future Past“, der eine positive Zukunft zeigt, spielt 2023, „Logan“ 2029. Von dieser Datierung ausgehend ist Wolverine in nur sechs Jahren massiv gealtert und für die Mutanten ist, trotz der ganzen Bemühungen, alles zum Teufel gegangen. Zusätzlich passt die Aussage, der letzte Mutant sei im Jahr 2004 geboren worden, nicht so recht zu der scheinbar gut bevölkerten Schule in DoFP.

In „Logan“ selbst gibt es einige Verweise auf die anderen Filme. Wir erfahren, dass Zander Rice, der eigentliche Schurke und derjenige, der für die Auslöschung und die Experimente, die u.a. Laura und X-24 hervorgebracht haben, verantwortlich ist, eine Verbindung zu Wolverine hat: Sein Vater wurde während Logans Ausbruch aus William Strykers Anlage in „X-Men: Apocalypse“ getötet. In der Post-Credits-Szene desselben Films ist zu sehen, wie Proben von Logans Blut sichergestellt werden, die dann später für den Klonprozess verwendet werden. Caliban war ebenfalls bereits in „X-Men: Apocalypse“ zu sehen, wurde dort jedoch von Tómas Lemarquis gespielt. Darüber hinaus gibt es zwei direkte Anspielungen auf den ersten X-Men-Film: Charles erklärt, als er Logan gefunden hat, habe dieser sein Geld in Käfigkämpfen verdient. Außerdem wird ein Ereignis bei der Freiheitsstatue erwähnt. Nun gehört „X-Men“ theoretisch nicht zur neuen Kontinuität, aber bereits als DoFP in die Kinos kam spekulierte ich, dass die Ereignisse der ersten beiden X-Men-Filme wohl in groben Zügen auch in der neuen Zeitlinie stattfinden. Es existiert auch die etwas interessantere, aber weiter hergeholte Theorie, durch seinen geistigen Verfall könne Charles die Ereignisse anderer Zeitlinien wahrnehmen.

Was bedeutet das alles nun? Wohl primär, dass Fox nicht besonders viel Wert auf Kontinuität legt. Alles gehört irgendwie zusammen, passt aber nicht so recht ineinander. „Logan“ baut durchaus auf den bisherigen Filmen auf und profitiert davon, dass der Zuschauer Charles und Logan bereits kennt. Andererseits kümmern sich weder Mangold noch Fox und die zuständigen, kreativen Köpfe wirklich um Kohärenz, sodass wir es hier nur mit einer losen Kontinuität zu tun haben. Wenn das im Gegenzug bedeutet, dass die Regisseure weitgehend freie Hand bekommen und die Ergebnisse auf ähnliche Weise zu überzeugen wissen wie „Deadpool“ oder „Logan“, dann kann ich das zähneknirschend akzeptieren.

Hard R Heroes
Nach „Deadpool“ folgt nun schon der zweite X-Men-Film mit einem R-Rating, Mangolds „The Wolverine“ (auf deutsch „Wolverine: Weg des Kriegers“)  mal nicht mitgerechnet, hier gab es einen Extended Cut mit R-Rating. Und allem Anschein nach geht der Plan auf. Wie bei „Deadpool“ sollte sich das Studio jedoch noch einmal verinnerlichen, dass es nicht allein das R-Rating ist, das die Leute ins Kino lockt. Es ist die Tatsache, dass das R-Rating den Regisseuren ermöglicht, ihre Vision so umzusetzen, wie sie es für richtig halten. Ein wenig spielt Mangold durchaus mit dem Umstand, dass er sich mehr erlauben kann: Das Wort „Fuck“ erklingt vor allem im ersten Akt sehr häufig und es sind einmal kurz nackte Brüste zu sehen, um das R-Rating noch einmal zu unterstreichen. Aber darauf kommt es letztendlich nicht an, es ist weder das Ausmaß an Profanität, noch sind es nackte Tatsachen, die das R-Rating nötig machen. Wenn wir die Gewalt betrachten, sieht das schon ein wenig anders aus. Wenn Logan in diesem Film seine Klauen einsetzt, tut es weh. Die Brutalität ist blutig, aber weniger überzeichnet und in geringerem Ausmaß als bei „Deadpool“. Aber auch das ist nur ein Symptom. Mangold hätte es vielleicht sogar geschafft, eine PG13-Version dieses Films zu drehen, die oberflächlich und inhaltlich vom Endprodukt gar nicht so weit entfernt wäre, die aber dennoch nicht dieselbe Aussage hätte, nicht dieselbe grimmige Kompromisslosigkeit, die den Film eigentlich ausmacht, denn auch thematisch bewegt sich dieser Film in anderen Gewässern. Sowohl „Deadpool“ als auch „Logan“ sind sehr brutal,  aber die eigentliche Gemeinsamkeit liegt woanders. Man merkt, dass es Filme sind, die von den Machern mit Leidenschaft umgesetzt wurden, Filme, bei denen sich das Studio nicht oder nur in geringem Maße eingemischt hat. In beiden Fällen sind auch die Hauptdarsteller wichtige Faktoren, die zum Gelingen des Films sehr viel beigetragen und sich für die Vision massiv eingesetzt haben. Bereits seit dem missglückten „X-Men Origins: Wolverine“ hat sich Ryan Reynolds für einen vorlagengetreuen Deadpool-Film eingesetzt, während Hugh Jackman ohne zu Zögern eine geringere Gage akzeptiert hat, um den Fans endlich den kompromisslosen Wolverine-Film zu geben, den sie schon lange wollten.

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Cyborg und Mutantenjäger: Donald Pierce (Boyd Holbrook)

Die Lehre, die die Studios daraus ziehen sollten ist nicht, nun einfach uninspirierte Comicverfilmungen mit R-Rating auf den Markt zu werfen – dasselbe ist Anfang der 90er in den Comics passiert, als alle Verlage meinten, sie müssten, inspiriert vom Erfolg von „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“, einen gewissenlosen Antihelden nach dem nächsten ins Rennen schicken, ohne zu beachten, was diese Graphic Novels eigenlich so erfolgreich gemacht hat. Die Altersbeschränkung sollte sich nach der Story und der Materie richten und nicht umgekehrt. Dann, und das haben „Deadpool“ und „Logan“ erfreulicherweise sehr deutlich gezeigt, kommt auch der Erfolg, denn die Fans der Figuren fühlen sich dann als Konsumenten ernstgenommen.

Der Score
Ursprünglich sollte Cliff Martinez, bekannt für eher elektronische Ambience-Scores, die Texturen den Vorzug vor Melodien und Themen geben, die Musik für „Logan“ schreiben, dann aber wurde er durch Marco Beltrami, der bereits für „The Wolverine“ sowie Mangolds Western „Todeszug nach Yuma“ den Score komponierte, ersetzt. Wenn man dem Score, den Beltrami für „Logan“ komponiert hat, seine Aufmerksamkeit schenkt, stellt man schnell fest, weshalb Mangold ursprünglich Martinez wollte. Die Musik ist sehr elektronisch, sehr texturbasiert und sehr harsch, dissonant und unangenehm. In Teilen versucht Beltrami, u.a. durch die Verwendung von Instrumenten wie der Glasharmonika oder der E-Gitarre, einen an Ennio Morricone erinnernden Western-Vibe zu erzeugen. Thematisch hat der Score nicht allzu viel zu bieten. Immer wieder hört man reduzierte Ansätze von Beltramis Logan-Thema aus „The Wolverine“, es gibt ein Motiv (bzw. eine Ansammlung dissonanter Akkorde) für Logans animalische Seite und darüber hinaus wird Laura/X-23 von einem schlichten Motiv aus drei Noten repräsentiert, das oft von der bereits erwähnten Glasharmonika gespielt wird.

Insgesamt finde ich den musikalischen Ansatz dieses Scores nicht allzu überzeugend. Meistens ist er durchaus funktional, an manchen Stellen drängen sich die Dissonanzen und die brutalen elektronischen Elemente zu sehr in den Vordergrund. Leider sind Beltramis Texturkonstrukte nicht allzu interessant, insgesamt fand ich die Musik zu „The Wolverine“ da spannender. Diese ist zwar auch überaus harsch, besticht aber wenigstens durch eine interessante japanische Instrumentierung. Was mir aber vor allem fehlt ist ein Gefühl für das Vermächtnis der Figur. Gerade am Ende, als Wolverine ein letztes Mal die Krallen ausfährt, um X-23 und den anderen die Flucht zu ermöglichen, wäre eine heroische Version des Logan-Themas passend gewesen, um das Opfer angemessen zu untermalen.

Fazit
Trotz einiger kleinerer Storyschwächen ist „Logan“ ein würdiger Abgesang auf Hugh Jackmans Darstellung von Wolverine und nebenbei auch eine gelungene Vorlage für Superheldenfilme in der Zukunft: Ein Film, der der Vision des Regisseurs und den Vorgaben der Comics folgt, sich dabei aber nicht sklavisch an sie bindet oder vom Studio verstümmelt wird, um für ein möglichst großes Publikum attraktiv zu werden.

Trailer

Siehe auch:
Wolverine: Weg des Kriegers
X-Men: Days of Future Continuity
Deadpool
X-Men: Apocalypse