Thor: Ragnarok – Soundtrack

Spoiler!
ragnascore
Track Listing:

01. Ragnarok Suite
02. Running Short on Options
03. Thor: Ragnarok
04. Weird Things Happen
05. Twilight of the Gods
06. Hela vs. Asgard
07. Where am I?
08. Grandmaster’s Chambers
09. The Vault
10. No One Escapes
11. Arena Fight
12. Where’s the Sword?
13. Go
14. What Heroes Do
15. Flashback
16. Parade
17. The Revolution Has Begun
18. Sakaar Chase
19. Devil’s Anus
20. Asgard Is a People
21. Where To?
22. Planet Sakaar
23. Grandmaster Jam Session

Nun ist mit „Thor: Ragnarok“ auch die dritte MCU-Trilogie vollendet. Ganz ähnlich wie beim Avengers-Kollegen Iron Man hat jeder der drei Thor-Filme einen anderen Komponisten und ein neues Thema für den Titelhelden – ein Umstand, der mich als Liebhaber musikalischer Kontinuität doch etwas aufregt. Immerhin, wie schon Brian Tyler, Christophe Beck und Michael Giacchino macht auch Mark Mothersbaugh, der die Musik für Taika Waititis Interpretation des nordischen Donnergotts komponierte, einige Zugeständnisse an den bisherigen MCU-Musikfundus.

Ursprünglich wollten Waititi und Mothersbaugh für „Ragnarok“ sogar einen völlig elektronischen Score im 80er-Jahre-Stil, gegen diesen Plan wehrte sich das Studio allerdings, worüber ich recht froh bin, denn das wäre doch ein ziemlicher Stilbruch gewesen. Somit verfügt „Ragnarok“ nun über einen Hybriden aus orchestralen Klängen und 80er-Synth-Rock. Damit entspricht „Ragnarok“ durchaus dem Zeitgeist; derartige Klänge und die damit verbundene Nostalgie sind gerade modern, sei es bei „Blade Runner 2049“, in welchem der von Vangelis im ursprünglichen Film eingesetzte Yamaha CS-80 Synthesizer eine Fusion mit den tiefen Zimmer-Bässen einging, „Stranger Things“ mit einem reinen Synth-Score oder „Deadpool“, bei welchem Tom Holkenborg ebenfalls Orchester und 80er-Jahre-Elektronik kombinierte. Von all diesen nostalgisch angereicherten Scores ist Mothersbaughs Arbeit in meinen Augen die mit Abstand beste. Ich bin nun kein allzu großer Fan von Synth-Scores, aber so, wie Mothersbaugh die Elemente kombiniert und miteinander arbeiten lässt, weiß die Mischung zu überzeugen, denn anders als etwa bei „Deadpool“ verfügen die orchestralen Teile tatsächlich über Substanz, während die elektronischen nicht zum reinen Gimmick verkommen. Der Score, dem dieser hier klanglich am ähnlichsten ist, dürfte Daft Punks „Tron Legacy“ sein.

Zwar sind sowohl das Orchester als auch die Synth-Elemente fast durchgehend vorhanden, es fällt aber auf, dass das Orchester in den Asgard-Szenen sehr dominant ist, während die elektronischen und synthetischen Klänge auf Sakaar überwiegen – in meinen Augen eine sehr gelungene Abgrenzung, die dabei hilft, die Schauplätze angemessen musikalisch zu charakterisieren. Natürlich gibt es auch einige höchst amüsante Stücke, die sich die Hybridnatur dieses Scores in größerem Ausmaß zunutze machen, etwa Arena Fight, das eine elektronisch pulsierende Begleitung mit beeindruckenden Chor- und Blechbläsereinsätzen kombiniert. Wer dagegen eher auf pure elektronische Exzentrik steht, dürfte mit Tracks wie Grandmaster’s Chambers, Parade, The Revolution Has Begun, und natürlich dem abschließenden Grand Master Jam Session glücklich werden.

Leitmotivisch ist Mothersbaughs Arbeit weniger üppig, da er vor allem durch Instrumentierung erzählt und untermalt. Es gibt jedoch ein neues Thema für Thor, das zumindest auf mich so wirkt, als hätte er sich ein wenig von den beiden bisherigen Themen des Donnergottes von Patrick Doyle und Brian Tyler ausgeborgt und daraus ein neues Leitmotiv konstruiert. Zum ersten Mal ist besagtes Thema auf dem Album nach einem kurzen atmosphärischen Vorspiel am Anfang von Ragnarok Suite zu hören. Bei diesem Track handelt es sich um ein sehr gelungenes Medley, das vor allem die orchestrale Seite des Scores repräsentiert, während sich die elektronischen Elemente etwas zurückhalten – dementsprechend zieht sich Thors Thema durch das ganze Stück. Im dritten Track des Albums, Thor: Ragnarok, erklingt eine Version des Themas, die weitaus stärker nach 80er-Jahre-Synth-Rock klingt, speziell, wenn die getragene E-Gitarre das Thema von den Blechbläsern übernimmt. In Grandmaster’s Chambers ist zu Beginn eine dekonstruierte Synth-Version des Themas zu hören, ebenso wie im Verlauf von No One Escapes und Arena Fight. In voller Stärke kehrt das Thema dann im 80er-Gewand in What Heroes Do und in der zweiten Hälfte von The Revolution Has Begun zurück. Auch in die Actionmusik von Sakaar Chase und dem organischeren (und grandios betitelten) Devil’s Anus ist es eingearbeitet und hat somit eine durchaus zufriedenstellende Präsenz sowie eine angemessene Entwicklung im Score, die die des Protagonisten gut widerspiegelt. Besonders emotionale Versionen sind in den beiden folgenden Stücken, Asgard Is a People und Where to? zu hören, bevor man als Zuhörer in Planet Sakaar zum Abschluss noch einmal die volle Synth-Drönung serviert bekommt.

Hela dagegen hat kein eigenes, spezifisches Thema, sondern wird von brachialen Blechbläser- und Chorausbrüchen untermalt; exemplarisch ist die zweite Hälfte von Twilight of the Gods sowie Hela vs. Asgard. Ähnlich verhält es sich mit dem Grandmaster (und Sakaar im Allgmeinen); Planet wie Herrscher sind musikalisch von pulsierender Elektronik und Retro-Synth-Elementen geprägt, die ab Where Am I? mit einigen Ausnahmen (etwa The Vault) den Score dominieren; No One Escapes oder Sakaar Chase sind hierfür die besten Beispiele. Ganz ähnlich verfährt Mothersbaugh auch mit anderen Figuren. So wird Odin in der ersten Hälfte von Twilight of the Gods durch die nordische Hardangerfiedel repräsentiert, während der Feuerriese Surtr in Running Short on Options mithilfe eines Männerchors musikalisch untermalt wird – beides erinnert an Howard Shores Musik zur Herr-der-Ringe-Trilogie, wo mit den Rohirrim und dem Balrog ähnlich verfahren wird.

Und schließlich wären da noch Mothersbaughs Rückbezüge auf bisherige Marvel-Scores. Abermals geschieht das nicht ganz in dem Umfang, den ich für angemessen halte, aber ich bin froh über jeden Knochen, den man mir hinwirft. Weird Things Happen untermalt den Gastauftritt von Doctor Strange, was man sofort heraushört – zwar zitiert Mothersbauh nicht das Giacchino-Thema, imitiert aber die charakteristische Instrumentierung. In der Szene, in der Thor versucht, den Hulk auf Black-Widow-Art zur Zurückverwandlung zu bewegen, ist das von Brian Tyler komponierte Beziehungsthema der beiden aus „Age of Ultron“ zu hören – dieser Einsatz ist nicht auf dem Album zu finden, was aber nicht weiter stört, da es eine Direktübernahme und keine neue Variation sein dürfte. Der gelungenste Rückbezug findet sich allerdings in Where To?: Als Thor die Bürde des Königtums annimmt, zitiert Mothersbaugh Patrick Doyles Thor-Thema und spielt es für einige Sekunden sogar im Kontrapunkt zu seinem eigenen Thema – da geht dem Leitmotiv-Fan das Herz auf. Nur schade, dass dieser Moment so kurz ist und so abrupt endet.

Zum Schluss noch ein paar Worte zum Immigrant Song von Led Zeppelin, der bereits im ersten Ragnarok-Trailer eingesetzt wurde und für Begeisterung sorgte. Im Film taucht er ebenfalls auf, einmal am Anfang, um Thors erste Action-Szene zu untermalen, und noch einmal am Ende, wo der Donnergott sein volles Kraftpotential ausschöpft. Die Verwendung finde ich insofern interessant, da besagtes Lied im Trailer eher Hela zu repräsentieren schien und nicht Thor. Ansonsten wirkt der Einsatz auf mich ein wenig erzwungen, das gilt vor allem für die zweite Einspielung. An dieser Stelle hätte sich in meinen Augen Brian Tylers chorlastige Powerhymne aus „Thor: The Dark World“ weitaus besser gemacht – so hätte „Ragnarok“ erfolgreich beide musikalischen Identitäten des Donnergotts verarbeitet.

Fazit: So langsam kann ich die anhaltende Kritik an den Marvel-Scores nicht mehr nachvollziehen, denn mit „Thor: Ragnarok“ liefert Mark Mothersbaugh einen weiteren gelungenen und ziemlich distinktiven Vertreter ab. Aufgrund der Retro-Synth-Elemente ist dieser Score nicht ganz meine Kragenweite, aber im Kontext funktionieren sie hier exzellent.

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Thor: Raganrok – Ausführliche Rezension

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Thor: Ragnarok – Ausführliche Rezension

Spoiler nach dem ersten Absatz!
ragnarok
Und ein weiteres Mal hat sich Marvel bei der Eindeutschung eines Filmtitels mit Ruhm bekleckert. Nach Perlen wie „Thor: The Dark Kingdom“ („Thor: The Dark World“) und „The Return of the First Avenger“ („Capatain America: The Winter Soldier“) kommt nun „Thor: Tag der Entscheidung“ – ein völlig generischer und nichtssagender Titel. Im Gegensatz dazu hat der Originaltitel „Thor: Ragnarok“ immerhin einen sehr direkten Bezug zum Inhalt und zur Mythologie. Nun scheint es sich hier um ein titelrechtliches Problem zu handeln, wobei ich nicht herausfinden konnte, welcher andere Film die Ursache ist. Dennoch stellt sich mir die Frage, ob man Thors dritten Solofilm nicht mit etwas passenderem wie „Schicksal der Götter“ oder „Götterdämmerung“ hätte betiteln können – beides wären angemessene Übersetzungen des altnordischen Wortes „Ragnarök“. Wie dem auch sei, „Thor: Ragnarok“ ist mal wieder ein Film, der eine ausführliche Besprechung verdient. Wie üblich gibt es zu Beginn meine spoilerfreie Kurzmeinung: Visuell ist der dritte Thor-Film mit Sicherheit der beeindruckendste und abwechslungsreichste Teil der Reihe. Auch inszenatorisch weiß Regisseur Taika Waititi dem Donnergott seinen Stempel aufzudrücken. Dies schlägt sich vor allem im extrem selbstironischen Ton des Films nieder, was allerdings zur Folge hat, dass „Thor Ragnarok“ emotional ziemlich flach bleibt und trotz eines extrem spielfreudigen Casts an einigen der üblichen MCU-Schwächen leidet.

Handlung
Zwei Jahre sind vergangen, seit Thor (Chris Hemsworth) zum letzten Mal die Erde besuchte, um mit den Avengers Ultron zu bekämpfen. Seither suchte der Donnergott in den Neun Welten nach Spuren der Infinity-Steine, nur um letztendlich in den Fängen des Feuerriesen Surtr (Clancy Brown) zu landen, der laut einer Prophezeiung Ragnarök auslösen und Asgard dereinst zerstören wird, wenn sich seine Krone mit der Ewigen Flamme von Asgard vereinigt. Trotzdem lässt sich der Riese relativ leicht besiegen. Thor bringt die Überreste nach Asgard, nur um zu entdecken, dass dort nicht mehr Odin (Anthony Hopkins), sondern sein Stiefbruder Loki (Tom Hiddleston) regiert und die Stabilität der Neun Welten gefährdet. Thor „verpflichtet“ Loki, ihm bei der Suche nach Odin zu helfen. Mithilfe des Zauberers Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) finden sie Odin in Norwegen, doch der Allvater steht an der Schwelle des Todes. Sein Dahinscheiden befreit seine älteste Tochter Hela (Cate Blanchett), die einst verstoßen wurde und nun den in ihren Augen rechtmäßigen Platz auf Asgards Thron einnehmen möchte. Sie verbannt Thor und Loki auf die Welt Sakaar, auf der der Grandmaster (Jeff Goldblum) Gladiatorenspiele veranstaltet. Um den Fängen des Grandmasters entkommen zu können und Hela daran zu hindern, die Bevölkerung Asgards abzuschlachten, muss sich Thor mit seinem alten Kampfgefährten Hulk (Mark Ruffalo) messen und eine ehemalige, im Exil lebende Walküre aus Asgard (Tessa Thompson) davon überzeugen, ihm zu helfen…

Ein Blick auf die Vorlagen
Die Vorlagen für „Thor: Ragnarok“ lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen – die beiden primären Quellen sind die ältere Lieder-Edda und die jüngere, von Snorri Sturluson gesammelte Prosa-Edda. Generell geht es in den diversen Versionen der Götterdämmerung um den letzten Kampf der Riesen gegen die Götter, wobei auch der Feuerriese Surtr, wie im Film, eine wichtige Rolle spielt. Primärer und direkter Auslöser ist aber, anders als im Film, zumeist Loki, der zuvor von Odin an einen Felsen gekettet wurde, wobei ihm das Gift eine Schlange beständig auf den Leib tropft und ihm unbändige Schmerzen bereitet. Dieses Schicksal ist die Bestrafung dafür, dass Loki den Tod des allseits beliebten Gottes Balder herbeigeführt hat. Zu Ragnarök wird Loki befreit und kämpft mit den Riesen gegen die Götter, um letztendlich von Heimdall getötet zu werden. Lokis unmenschliche Kinder Fenrir (ein Wolf von der Größe eines Elefanten) und die gewaltige Midgardschlange, spielen ebenfalls wichtige Rollen; Ersterer verschlingt Odin. Am Ende von Ragnarök soll in manchen Versionen schließlich eine neue, bessere Welt entstehen, damit das Opfer der Götter nicht umsonst war.

thor

Der Donnergott (Chris Hemsworth) wird seinem Titel gerecht

Wie nicht anders zu erwarten war, wurde die Ragnarök-Thematik in Marvels Version der nordischen Mythologie des Öfteren aufgegriffen. Die vierteilige Miniserie „The Trials of Loki“ von Roberto Aguirre-Sacasa und Sebastián Fiumara etwa erzählt die oben erwähnte Vorgeschichte vom Tod Balders. Nebenbei bemerkt dürfte es sich dabei um die Thor-Comics handeln, die die nordische Mythologie am genauesten umsetzen und kaum Zugeständnisse ans Superheldengenre machen. Das Design der Figuren entspricht natürlich dem Marvel-Standard (Thor ist blond und nicht, wie in den mythologischen Quellen beschrieben, rothaarig; Loki trägt einen goldenen Hörnerhelm etc.), aber davon sowie einigen inhaltlichen Anpassungen abgesehen funktioniert diese Miniserie auch völlig vom Marvel-Universum getrennt als Adaption einer Geschichte der nordischen Mythologie. Die tatsächliche Umsetzung von Ragnarök geschieht in den Comics dann allerdings weit weniger vorlagengetreu. Bereits in den 1960ern gab es eine Ragnarök-Storyline, noch von Stan Lee und Jack Kirby persönlich, in der das Alien Mangog den Platz von Surtr einnimmt. Ein aus den 2000ern stammender Handlungsbogen trägt ebenfalls den Titel „Ragnarök“ und orientiert sich schon eher an den mythologischen Quellen, zumindest spielen Loki als Anführer der Riesen, Fenrir und die Midgardschlange wichtige Rollen, die mit denen in den Eddas immerhin vergleichbar sind. Darüber hinaus führt Ragnarök hier tatsächlich zu so einer Art Wiedergeburt einer besseren Welt. Interessanterweise spielt Hela (bzw. Hel, die mythologische Vorlage für Marvels Göttin des Todes, dazu später mehr) in keiner dieser Versionen von Ragnarök eine besonders bedeutsame Rolle.

Und schließlich wäre da noch eine wichtige Vorlage, die überhaupt nichts mit Thor oder Ragnarök zu tun hat: „Planet Hulk“, ein umfassender Handlungsbogen aus der Serie The Incredible Hulk, verfasst von Greg Pak und gezeichnet von verschiedenen Illustratoren, der von April 2006 bis Juni 2007 erschien und erzählt, wie der Hulk von den Illuminati, einer Gruppe mächtiger Marvelhelden, darunter Professor Xavier, Doctor Strange und Tony Stark, nach Sakaar verbannt wird. Dort nimmt der Hulk zuerst an Gladiatorenspielen teil, zettelt dann eine Revolution an, wird zum Herrscher von Sakaar und findet sogar eine Geliebte, nur um alles wieder zu verlieren. Die auf Sakaar spielenden Elemente des Films sind zumindest von „Planet Hulk“ inspiriert, wobei in besagtem Handlungsbogen weder Thor, noch Loki, Valkyrie oder der Grandmaster (der mit seinem Comicgegenstück ohnehin kaum etwas gemein hat) eine Rolle spielen. Lediglich Kork (Taika Waititi) und Miek sind Figuren, die direkt aus „Planet Hulk“ stammen.

Ton und Stil
Ähnlich wie „Captain America: The Winter Soldier“ ist auch „Thor: Ragnarok“ eine deutlich Abkehr von der Stilistik des bzw. der Vorgänger. Wo der zweite Leinwandauftritt von Steve Rogers allerdings weit düsterer und ernster war als der erste, geht der dritte Thor-Film genau in die entgegengesetzte Richtung und iniziiert die nordische Mythologie mit einer kräftigen Dosis Selbstironie á la „Guardians of the Galaxy“. Regisseur Taika Waitit bricht mit diversen Konstanten der beiden Vorgänger: Die Erde spielt praktisch keine Rolle mehr, dasselbe trifft auch auf die erdgebundenen Figuren zu. Jane Foster (Natalie Portman), Erik Selivg (Stellan Skarsgård) und Darcy Lewis (Kat Dennings) bekommen nicht einmal Gastauftritte; das Ende von Janes und Thors Beziehung wird nur einmal in einem Halbsatz erwähnt (nicht, dass mich das sonderlich stören würde). Selbst diverse Asen werden eher stiefmütterlich behandelt. Lady Sif fehlt ebenfalls (allerdings vor allem deshalb, weil es Terminüberschneidungen mit Jaimie Alexanders Serie „Blindspot“ gab) und die „Warrior’s Three“ Hogun (Tadanobu Asano), Volstagg (Ray Stevenson) und Fandral (Zachary Levi) tauchen zwar auf, werden aber bereits im ersten Akt eher unrühmlich von Hela niedergemetzelt. Und das ist erst der Anfang, die Änderungen im Status Quo fallen gegen Ende noch weit gravierender aus: Odin stirbt, Asgard wird völlig zerstört und Thor führt als neuer König die überlebenden Asen ins Exil.

Die tonalen Unterscheide zum Vorgänger fallen allerdings am gravierendsten aus, und hier tritt auch Taika Waitits Handschrift sehr deutlich hervor. Vor allem Kenneth Branagh bemühte sich, ein Gleichgewicht zwischen Humor und Selbstironie auf der einen und Shakespear’scher bzw. mythologischer Gravitas auf der anderen Seite zu finden. In „Thor: Ragnarok“ gibt es dieses Gleichgewicht nicht, was zugleich die größte Stärke und auch die größte Schwäche des Films ist. „Thor“ wirkte oft, als hätte Branagh Kompromisse machen müssen, und „Thor: The Dark World“ merkt man diverse Probleme bei der Produktion ziemlich gut an. „Thor: Ragnarok“ dagegen ist zweifellos Taika Waititis Film, ohne Wenn und Aber. Gerade „Fünf Zimmer, Küche, Sarg“ bietet sich hier ideal als Vergleich an, in beiden Fällen reagieren äußerst abgedrehte und übernatürliche Figuren (Vampire, Götter) auf sehr selbstironisch-alltägliche Weise. Der etwas gehobenere Sprachstil der Asen ist endgültig Vergangenheit, alle beteiligten, von der Göttin des Todes an abwärts drücken sich äußerst jovial und modern aus. Ganz ähnlich wie Waititis Vampir-Mockumentary gibt es in „Thor: Ragnarok“ ein beständig gehaltenes Humor-Level, das auch noch funktioniert und niemals erzwungen wirkt. Laut Waititis eigener Aussage sind große Teile des Films improvisiert und ich habe keinerlei Probleme, das auch zu glauben. Leider wirkt sich dieser Umstand negativ auf die Momente aus, die tatsächlich dramatisch sein sollten, denn Waititis Regiestil verhindert, dass diese Momente ihre Wirkung entfalten können. Zwar gab es auch in „Thor“ ironische Seitenhiebe und auflockernden Humor, aber eben auch die durchaus eindrücklichen emotionalen Momente. In diesem Film gibt es keine Szene, die der Intensität von Thors Verbannung aus dem ersten Film auch nur nahe kommt. Im Vergleich dazu hat „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ den Spagat zwischen konstantem Humor und emotionaler Authentizität weitaus besser gemeistert.

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Der Grandmaster (Jeff Goldblum), im Kreise seiner Untergebenen Topaz (Rachel House) und Valkyrie (Tessa Thompson)

Dafür ist „Ragnarok“ visuell zweifellos der gelungenste Film der Thor-Trilogie: Der erste Teil kämpfte mit einem optischen öden zweiten Akt in New Mexico, während „The Dark World“ uns zwar einige der neun Welten zeigte, aber keine davon wirklich interessant war. Diesbezüglich hält sich Waititi absolut nicht zurück, Sakaar ist einer der optisch interessantesten und faszinierendsten Orte des MCU. Wenn man hier einen Kritikpunkt anbringen kann, dann vielleicht den, dass Asgard im Vergleich zu Sakaar ein wenig stiefmütterlich behandelt wird – man merkt, welche Lokalität Waititi selbst am meisten interessierte.

Insgesamt ist „Thor: Ragnarok“ kaum mehr eine Darstellung der nordischen Götterwelt, sondern eine völlig abgedrehte Space Opera im 80er-Jahre-Stil, die recht gut zur aktuellen Welle der 80er-Nostalgie passt. Das reicht von der Neonfarbgebung bis hin zur Musik von Mark Mothersbaugh, die ich noch separat besprechen werde.

Die Revengers
Taika Waititis Regiestil und seine Vorliebe für Improvisation wirken sich natürlich besonders stark auf Darstellung und Charakterisierung der Figuren aus. Im Zentrum der Handlung stehen neben Thor noch drei weitere Figuren, die jeweils ihren eigenen kleinen Charakterhandlungsbogen haben: Loki, der wie schon in „Thor: The Dark World“ als unzuverlässiger Verbündeter fungiert, Hulk, der auf Bruce Banner absolut keine Lust mehr hat, und der Neuzugang Valkyrie. In den Comics ist Valkyrie (zumindest die ursprüngliche Inkarnation) tatsächlich die Marvel-Version von Brünhilde/Brynhildr und fungierte sowohl als Nebenfigur bzw. Love Interest in diversen Thor-Comics als auch als eigenständige Superheldin, die u.a. Teil der Defenders war. Interessanterweise wird ihr Name im Film nicht genannt, sie trägt die Kennung „Scrapper 142“ und wird ansonsten immer nur als eine Walküre bezeichnet (in einem kurzen, aber visuell extrem eindrucksvollen Rückblick sind auch die anderen Walküren zu sehen). Im Marvel Cinematic Universe waren die Walküren wie in den Comics und der Mythologie die Eliteinheit Odins, wurden dann aber von Hela ausgelöscht. Scrapper 142 scheint die einzige Überlebende zu sein (was im Film aber nur angedeutet und nicht bestätigt wird) und versucht, auf Sakaar ihre Schuldgefühle zu ertränken. Im Verlauf des Films überwindet sie ihre Probleme und kehrt an Thors Seite nach Asgard zurück. Valkyrie ist ohnehin der heimliche Star des Films, da überrascht es kaum, dass ihr Handlungsbogen am überzeugendsten und authentischsten ausfällt.

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Die Revengers: Hulk (Mark Ruffalo), Thor (Chris Hemsworth), Valkyrie (Tessa Thompson) und Loki (Tom Hiddleston)

Der titelgebende Donnergott setzt im Grunde die Reise fort, die er zu Beginn seines ersten Films antrat – in gewisser Weise ist „Thor: Ragnarok“ diesbezüglich ein Spiegel besagten ersten Films. Abermals verliert Thor seinen Hammer, sogar verhältnismäßig endgültig, und abermals bereitet er sich darauf vor, den Thron von Asgard zu besteigen – nur dass das dieses Mal am Ende seiner Reise steht und er nun auch wirklich würdig ist, sein Volk anzuführen. Eigentlich eine gut konstruierter Handlungsbogen – hier schadet allerdings Waititis Regiestil, weil man aufgrund der konstanten Selbstironie und der humoristischen Seitenhiebe nie ein Gefühl dafür bekommt, was das alles eigentlich für Thor bedeutet. Der Thor dieses Films ist die bislang gelassenste und lustigste Version der Figur, zugleich bekommt man aber auch das Gefühl, dass ihm nichts mehr wirklich emotional nahe geht, ganz im Unterschied zu Kenneth Branaghs Thor, der weit wütender und verzweifelter werden durfte. Ein interessantes kleines Detail in seiner Charakterisierung ist die Signifikanz, die seine Identität als Avenger einnimmt und auf die er scheinbar großen Wert legt. Dies wird am deutlichsten sichtbar, als er das Team um sich selbst, Loki, Valkyrie und Hulk zu den „Revengers“ erklärt.

In Lokis Fall sieht es ganz ähnlich aus – bei Waititi geht der Humor oft auf seine Kosten. Nicht, dass das völlig neu wäre („puny god“), aber auch hier haben vorhergegangene Filme dem Gott der Lügen zumindest hin und wieder einen, nennen wir es, „authentischen Moment“ gegönnt, etwa seine Reaktion auf den Tod seiner Mutter in „Thor: The Dark World“. Mit „Ragnarok“ wird Loki endgültig zum Antihelden, der zwar zwischendurch einmal ein bisschen Verrat übt (alte Gewohnheiten legt man schwer ab), aber letztendlich das richtige tut.

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Hulk (Mark Ruffalo) gegen Surtr (Clancy Brown)

Und dann wäre da noch der Hulk, der sich in seiner interessanten Situation befindet. Seit „Age of Ultron“ hat er sich nämlich nicht wieder in Bruce Banner zurückverwandelt, erst Thors Auftauchen (und ein wenig indirekte Hilfe von Black Widow) sorgen dafür, dass Banner zurückkehrt. Sein Schicksal ist relativ offen, da Bruce selbst befürchtet, dass er sich beim nächsten Mal überhaupt nicht mehr zurückverwandelt. Dennoch tut er am Ende das, was ohnehin jeder Zuschauer erwartet: Er wird grün und legt sich mit Fenrir und Surtr an.

Hela
Kehren wir noch einmal zur nordischen Mythologie zurück. Schon die Comicversion von Hela hat mit ihrem mythologischen Gegenstück recht wenig zu tun. Das beginnt bereits beim Namen, denn die nordische Göttin des Todes heißt Hel – von diesem Namen leiten sich die Wörter „Hell“ und „Hölle“ ab. Da die Marvel-Version der nordischen Mythologie in den 60ern entstand, als der Comics Code alle religiösen Verweise in Comics untersagte, änderten Stan Lee und Jack Kirby den Namen ab, um ihn zu entschärfen, jedenfalls meine ich, das irgendwo einmal gelesen zu haben. Vereinzelt tauchte die Hela-Schreibweise der Totengöttin aber auch schon vor der Marvel-Version auf. Wie dem auch sei, in der nordischen Mythologie ist Hel die Tochter Lokis und der Riesin Angrboða, mit der Loki auch Fenrir und die Midgardschlange zeugte. Optisch hat sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Two Face, ihre eine Körperhälfte ist jung, schön und üppig, während die andere tot und verfault ist. In der nordischen Mythologie herrscht sie, ähnlich wie Hades, über die nach ihr benannte Unterwelt, wobei sie lediglich die Seelen derjenigen bekommt, die eines friedlichen oder natürlichen Todes sterben, während die Krieger, die in der Schlacht gestorben sind, von den Walküren nach Walhalla gebracht werden.

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Hela (Cate Blanchett)

Für die Marvel-Version der nordischen Mythologie wurden viele dieser Aspekte abgewandelt. Visuell ist nun der geweihartige Kopfschmuck Helas Markenzeichen. Sie ist nach wie vor die Herrscherin der Unterwelt, hat aber, anders als ihr mythologisches Gegenstück, Ambitionen darüber hinaus, sodass als sie als Schurkin für Thor fungieren kann. Ihre Herkunft bleibt in den Comics ziemlich undurchsichtig, sie scheint tatsächlich eine Tochter von Loki zu sein, allerdings eines anderen Loki als des aktuellen, was entweder mit wiederkehrenden Inkarnationen der Asen oder mit Zeitreisen erklärt wird.

Die von Cate Blanchett dargestellte Film-Hela entfernt sich schließlich noch weiter von der nordischen Göttin. Optisch wurde die Comicfigur fast perfekt umgesetzt, nun ist sie allerdings die älteste Tochter von Odin, die früher an seiner Seite die Neun Welten eroberte, dann aber die Macht übernehmen wollte und deshalb verbannt wurde. Ihre Rolle als Herrscherin der Unterwelt findet im Film keine Erwähnung, sie ist Göttin des Todes, weil sie den Tod bringt. Ehrlich gesagt bin ich mit der Darstellung Helas im Film nicht wirklich zufrieden. Cate Blanchett hat sichtlich Spaß dabei, so richtig aufzudrehen, und im Vergleich zum sterbenslangweiligen Malekith ist Hela definitiv eine Verbesserung, aber insgesamt ist sie mir mit ihrem Vaterkomplex Loki im ersten Thor-Film zu ähnlich, ohne dessen Nachvollziehbarkeit zu besitzen. Mehr noch, in den Comics ist Hela nie eine Sprücheklopferin, sondern enigmatisch, kalt, unnahbar und fremdartig. Hier hätte man einen schönen Kontrast zu den anderen Figuren schaffen und Hela als Widersacherin eindringlich gestalten können, leider hält sie stattdessen primär größenwahnsinnige Monologe, in denen sie ihre Hintergrundgeschichte erzählt. Somit ist Hela zwar sehr unterhaltsam, verschenkt aber gleichzeitig das Potential, eine wirklich eindringliche Schurkin zu sein.

Einordnung ins MCU
Insgesamt nimmt „Ragnarok“ sehr viel inhaltlichen Bezug auf bisherige MCU-Filme, mitunter auf ziemlich amüsante und kreative Weise. So wird Lokis Pseudosterbeszene aus „The Dark World“ in Asgard aufgeführt, wobei Matt Damon Loki spielt, Sam Neill als Odin zu sehen ist und Chris Hemsworths Bruder Luke Thor mimt. Auf Sakaar gibt es viele Bezüge zu „Age of Ultron“ und, in geringerem Maße, zum ersten Avengers-Film. Am interessantesten sind allerdings die kleinen und größeren Details, die auf Kommendes hindeuten. So wurde beispielsweise bestätigt, dass es sich beim Grandmaster und den Bruder des von Benicio del Toro dargestellten Collector aus „Guardians of the Galaxy“ handelt – steht da irgendwann ein familiäres Wiedersehen bevor? Darüber hinaus finden sich einige Verweise auf den anstehenden Krieg um die Infinity-Steine: Dass Loki kurz vor Schluss den Tesserakt aus Odins Schatzkammer stiehlt, dürfte ja wohl klar sein und das Schiff, auf das die Asen in der Mid-Credits-Szene stoßen, hat sicher direkt oder indirekt etwas mit Thanos zu tun. In Fankreisen wird darüber hinaus spekuliert, ob Hela im Kontext des dritten Avengers-Film noch eine größere Rolle spielen könnte. Thanos‘ primäre Motivation dafür, die Infinity-Steine zu sammeln und Allmacht zu erlangen, ist seine Liebe zur Personifikation des Todes. Könnte Hela im MCU diese Personifikation sein? Nach „Ragnarok“ halte ich das allerdings eher für unwahrscheinlich oder doch zumindest für ziemlich unpassend, nicht zuletzt weil ich hoffe, dass „Avengers: Infinitiy War“ einen deutlich anderen Ton hat als „Ragnarok“

Fazit
„Thor: Ragnarok“ ist eine visuell überbordende Space Opera im 80er-Stil, deren selbstironischer Humor zugleich Stärke und Schwäche ist. Thors dritter Solo-Leindwandausflug ist durchweg unterhaltsam und kurzweilig, äußerst lustig, aber selbst im Vergleich zu anderen MCU-Filmen emotional verhältnismäßig eindimensional.

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Trailer

Siehe auch:
Thor
Thor: The Dark World

Spider-Man: Homecoming – Soundtrack

Spoiler!
homecomingscore
Track Listing:

01. Theme from the Spider Man Original Television Series
02. The World is Changing
03. Academic Decommitment
04. High Tech Heist
05. On a Ned-To-Know Basis
06. Drag Racing/An Old Van Rundown
07. Webbed Surveillance
08. No Vault of His Own
09. Monumental Meltdown
10. The Baby Monitor Protocol
11. A Boatload of Trouble Part 1
12. A Boatload of Trouble Part 2
13. Ferry Dust Up
14. Stark Raving Mad
15. Pop Vulture
16. Bussed a Move
17. Lift Off
18. Fly-by-Night Operation
19. Vulture Clash
20. A Stark Contrast
21. No Frills Proto COOL!
22. Spider-Man: Homecoming Suite

Ähnlich wie Batman hat auch Spider-Man in seiner Filmgeschichte eine ganze Anzahl von großen Namen gesammelt, die schon für ihn komponiert haben: Danny Elfman, Christopher Young, James Horner, Hans Zimmer und nun auch Michael Giacchino, der gegenwärtig ohnehin Franchises in seinem Resümee sammelt wie andere Leute Briefmarken. Seinen MCU-Einstand feierte er letztes Jahr mit „Doctor Strange“, während der Score zu Pixars „Die Unglaublichen“ als Giacchinos erste Superheldenarbeit überhaupt gelten kann. Wie so viele andere Komponisten auch hat Giacchino natürlich diverse Eigenheiten, die seinen Stil ausmachen, er ist aber auch ein äußerst vielseitiger Komponist. Das zeigt sich gerade, wenn man seine bisherigen Superhelden-Scores miteinander vergleicht. „Die Unglaublichen“ war von an John Barrys Bond-Scores erinnernden Jazz-Elementen geprägt, während „Doctor Strange“ durch schräge Instrumentenkombinationen (etwa E-Gitarre, Cembalo und Sithar) einen sehr psychedelischen Eindruck erweckte. In mancher Hinsicht ist „Spider-Man: Homecoming“ da etwas konventioneller, aber dennoch distinktiv.

Giacchino knüpft an eine ganz klassische Genre-Tradition an: Das Thema des Helden steht im Mittelpunkt. Besagtes Thema ist ebenfalls sehr klassisch konstruiert, eine lange Melodie mit A- und B-Phrase, wobei die A-Phrase oft als Heldenfanfare fungiert, während die B-Phrase eher emotionale Elemente untermalt. Ich möchte in diesem Kontext darauf hinweisen, dass Spider-Mans Thema ein äußerst cleveres Leitmotiv ist, das spezifisch auf diese Version der Figur zugeschnitten ist. Auf gewisse Weise handelt es sich um eine Fusion zweier bereits bestehender Themen: Giacchino leiht sich einige Akkorde und Intervalle von den beiden Avengers-Themen von Alan Silvestri und Danny Elfman und kombiniert diese mit dem allseits bekannten und beliebten Spider-Man-TV-Thema, das das Marvel-Logo untermalt und das Soundtrack-Album eröffnet (Theme from the Spider Man Original Television Series, ursprünglich komponiert von J. Robert Harris und Paul Francis Webster, neu arrangiert von Giacchino). Somit knüpft Giacchino einerseits an die Spider-Man-Tradition an (das TV-Thema war in den meisten Spider-Man-Filmen auf die eine oder andere Art zu hören, etwa als Klingelton von Peter Parkers Handy oder gesungen von einem Straßenmusikanten), verdeutlicht aber andererseits, dass dieser Spider-Man Teil des MCU ist und ein Avenger werden möchte. Ich muss zugeben, als ich Giacchinos Thema zum ersten Mal (und mehr so nebenbei) hörte, war ich nicht ganz so begeistert, aber schon beim Durchhören des Albums und spätestens beim Anschauen des Films fiel mir auf, wie clever dieses Thema konstruiert ist und wie gut es ins MCU passt. Hinzu kommt, dass es nicht nur ein ziemlicher Ohrwurm ist, sondern dass Giacchino es auch großzügig und gut variiert einsetzt.

Gerade diesbezüglich scheinen manche Komponisten (oder Regisseure) fast schon Angst vor einem heroischen Thema zu haben – man denke nur an die letzten beiden X-Men-Filme. John Ottman hat bereits für „X2: X-Men United“ ein markantes Thema für die Mutanten kompiniert, das er zwar in „X-Men: Days of Future Past“ und „X-Men: Apocalpyse“ wieder aufgreift, aber außerhalb des Vor- und Abspanns kaum einsetzt. Selbst in „Doctor Strange“ wurde das Motiv des Titelhelden verhältnismäßig sparsam verwendet. „Spider-Man: Homecoming“ ist da eine angenehme Abwechslung, in fast jedem Track des Albums taucht das Thema in der einen oder anderen Form auf, ohne lästig zu werden – mal als heroische Belchbläserfanfare (No Frills Proto COOL!), mal als Orchester-Pop-Hybrid (Academic Decommitment), mal fast schon romantisch (am Ende von No Vault of Its Own) und mal sehr emotional (am Ende von Vulture Clash). Besonders oft greift Giacchino allerdings auf Pizzicato-Streicher zurück (On a Ned-to-Know Basis ist ein besonders gute Beispiel), sodass manchmal der Eindruck entsteht, Giacchino habe einen Hybriden aus seinem gewöhnlichen Action/Abenteuer-Stil und Alexandre Desplats Score für „The Grand Budapest Hotel“ geschaffen, besonders, wenn die Snare Drums dazukommen.

Das zweite große Thema des Scores gilt dem Schurken, Adrian Toomes alias The Vulture. Es wird bereits in The World is Changing (bei 3:11) eingeführt, hier noch sehr subtil. Spätere Versionen des Themas sind um einiges brutaler und blechbläserlastiger, etwa am Ende von The World is Changing oder im Drittel von Drag Racing/An Old Van Rundown. Besonders hervorzuheben sind die äußerst bedrohlichen und effektiven Variationen in Pop Vulture, die die Autfahrt zum Homecoming-Ball untermalen. Darüber hinaus hat Toomes auch noch einen Begleitrhythmus, der sein Thema manchmal unterlegt (etwa ab 0:37 in Lift Off), oft aber auch einfach solo gespielt wird, zum Beispiel am Anfang von A Boatload of Trouble Part 1 oder Pop Vulture. Dieser Rhythmus könnte den technologischen Aspekt der Figur untermalen. Insgesamt ist Toomes‘ Thema eine eher typische Giacchino-Schurkenmelodie, die u.a. an Neros Thema aus „Star Trek“ erinnert, aber ihren Zweck erfüllt sie definitiv.

Das dritte wichtige Thema ist zugleich mein größter Kritikpunkt an diesem Score, es gilt nämlich Tony Stark/Iron Man. Am Ende von Drag Racing/An Old Van Rundown taucht es zum ersten Mal als Fanfare auf, auch im letzten Drittel von Ferry Dust Up erklingt eine äußerst heroische Version, eine ruhigere Holzbläservariation ist nach der Einminutenmarke in A Stark Contrast zu hören. Ein wenig erinnert dieses Thema an das bereits erwähnte X-Men-Thema von John Ottman, aber das ist nicht, was mich daran stört. Warum, warum braucht Iron Man schon wieder ein neues Thema, das ist jetzt das vierte oder fünfte im MCU für diese Figur? Wäre es so schwer gewesen, Brian Tylers Leitmotiv aus „Iron Man 3“ weiterzuverwenden? Besonders enttäuschend ist dieser Umstand angesichts der Tatsache, dass an anderer Front ja durchaus auf leitmotivische Kontinuität geachtet wurde. Nicht nur knüpft das Spider-Man-Thema an das bisherige musikalische MCU an, Alan Silvestris Avengers-Thema bekommt Gastauftritte, einmal (sehr subtil) direkt am Anfang von The World is Changing, als Adrian Toomes die Zeichnung seiner Tochter betrachtet und noch einmal am Anfang von A Stark Contrast, als Peter das neue Hauptquartier der Avengers besucht.

Die Abwesenheit von Tylers Iron-Man-Thema ist zugegebenermaßen Meckern auf ziemlich hohem Niveau, wahrscheinlich sollte ich schon froh sein, dass wenigstens das Avengers-Thema auftaucht und Marvel ein wenig auf thematische Kontinuität achtet, vor allem, da der Score auch sonst sehr viel zu bieten hat. Gerade im Actionbereich fährt Giacchino einiges auf, ein besonderes Highlight ist das frenetische Monumental Meltdown, in welchem sich zeigt, dass das Spider-Man-Thema auch als Action-Motiv exzellent funktioniert. Spätere Action-Tracks wissen ebenfalls zu überzeugen, etwa das das Finale untermalende Trio, bestehend aus Lift Off, Fly-by-Night Operation und Vulture Clash, in welchem Giacchino die Themen für Spider-Man und Toomes sehr schön miteinander ringen lässt.

Das Album selbst wird schließlich mit der Spider-Man: Homecoming Suite beendet, die noch einmal die wichtigsten Themen enthält, darunter A- und B-Phrase des Spider-Man-Themas in mehreren Variationen sowie Thema und Begleitrhythmus von Adrian Toomes. Lediglich das neue Iron-Man-Thema fehlt, dafür deutet Giacchino hier ab der Vierminutenmarke eine romantische Melodie an, die vielleicht einen Ausblick auf das Liebesthema von Peter und „MJ“ im Homecoming-Sequel gibt.

Fazit: Für Spider-Mans MCU-Debüt hat Michael Giacchino einen Score komponiert, der sich weder vor den bisherigen Spider-Man-Soundtracks, noch vor der restlichen Marvel-Musik verstecken muss und sich sehr gut einfügt in den Kanon der Marvel-Musik einfügt. Kurzweilig, eingängig, unterhaltsam – weiter so.

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Siehe auch:
Spider-Man: Homecoming
Marvel-Musik Teil 4: Spider-Man

Spider-Man: Homecoming

homecoming
Story: In Deutschland im Einsatz hat Peter Parker (Tom Holland) als Spider-Man Blut geleckt und hofft nun auf eine Karriere als Avenger, hat er doch jetzt einen professionellen Anzug, ausgestattet mit allem, was man sich so wünschen kann, und in Tony Stark (Robert Downey jr.) zumindest theoretisch einen Mentor. Dieser empfiehlt ihm allerdings, sich erst einmal um „Kleinkram“ zu kümmern und sich von den großen Sachen fernzuhalten. Natürlich gibt es da durchaus auch das eine oder andere halbwegs alltägliche Teenagerproblem: Peters Freund Ned (Jacob Batalon) findet heraus, dass Peter heimlich ein Superheld ist und sein Schwarm Liz (Laura Harrier) interessiert sich viel mehr für Spider-Man als für ihn. Eine größere Herausforderung kommt schließlich in Gestalt von Adrian Toomes (Michael Keaton), der sich der technologischen Überbleibsel diverser Auseinandersetzungen wie der Schlacht um New York bemächtigt und daraus neue Waffen baut, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verhökern….

Kritik: Die meisten fortlaufenden Superheldencomicserien arbeiten mit Handlungsbögen, die sich meistens über vier bis sechs Hefte erstrecken. Immer mal wieder gibt es dann dazwischen Einzelhefte, die eher Füllmaterial sind und dem Leser die Möglichkeit geben, zwischen größeren Ereignissen Luft zu holen, da sie nichts Nennenswertes beisteuern. „Spider-Man: Homecoming“ ist das MCU-Äquivalent eines derartigen Einzelhefts. In mancher Hinsicht ist das erfrischend, sowohl im Kontext des MCU als auch im Rückblick auf die bisherigen Spider-Man-Filme. Wir haben nun wirklich oft genug gesehen, wie ein Superschurke versucht, eine Stadt oder gleich die ganze Erde zu vernichten – selbst bodenständigere Helden wie Batman oder eben Spider-Man hatten zumindest mit Ersterem schon mehrfach alle Hände voll zu tun.

Rein formal bzw. technisch gibt es an „Homecoming“ relativ wenig auszusetzen, der Film ist stringent konstruiert, humorvoll, unterhaltsam, die Darsteller sind durch die Bank gut bis sehr gut und der Film fügt sich recht harmonisch ins MCU ein (mit Ausnahme der Jahresangabe, die nicht ganz passen kann). Zwar bringt es das MCU als solches nicht weiter und fügt ihm auch nichts Signifikantes hinzu, aber das ist etwas, das ich diesem Film nicht zum Vorwurf machen möchte. Sein Hauptproblem würde ich mit „Mangel an Intensität“ umschreiben. Eines der Hauptanliegen von Sony und Disney war wohl, die Fehler der vorangegangenen Spider-Man-Filme nicht zu wiederholen. Beliebte Kritikpunkte sind zum Beispiel „zu überladen“, „zu viele Schurken“ oder „schon wieder die Thematisierung der Origin-Story und Motivation“. All dem geht „Homecoming“ mehr oder weniger geschickt aus dem Weg, gleichzeitig scheint es jedoch, als hätten Regisseur Jon Watts und seine fünf(!) Co-Autoren über diesem Vorhaben vergessen, dem Film auch tatsächlich Substanz und emotionale Tiefe zu verleihen.

Im romantischen Bereich ist das weniger tragisch. In jedem bisherigen Spider-Man-Film war der romantische Subplot stets von großer Wichtigkeit und bildete zumeist ein, wenn nicht sogar das emotionale Zentrum des Films. Mary Jane und Gwen waren jeweils DIE Frau für Peter, DIE große Liebe, da tut ein wenig Abwechslung gut. „Homecoming“ schildert diesbezüglich lediglich zaghafte erste Schritte, eben eine High-School-Beziehung. So weit so gut.

Aber auch sonst steht in „Homecoming“ extrem wenig auf dem Spiel. Wie oben gesagt brauche ich keine Städte, die in Schutt und Asche gelegt werden, aber ein gewisses Maß an emotionaler Involvierung sollte gewährleistet sein. Das kann zum Beispiel erreicht werden, in dem man eine persönliche Beziehung zwischen Held und Schurke aufbaut. Wenn wir uns für einen Moment an Sam Raimis ersten Spider-Man-Film erinnern: Im Finale stehen sich nur noch Peter und Norman Osborn gegenüber. Die Leben Unschuldiger stehen nicht mehr auf dem Spiel, aber wir sind als Zuschauer trotzdem noch involviert, weil die Konfrontation eine sehr persönliche ist – der Film hat ausreichend Zeit in die Beziehung von Peter und Norman investiert. Etwas Derartiges fehlt in „Homecoming“, und das ist besonders schade, weil die Anlagen dafür vorhanden sind. Michael Keatons Adrian Toomes ist gezielt als eine Art Anti-Tony-Stark inszeniert – das technische Genie aus der Arbeiterklasse, das sich Alien-Schrott zusammensuchen muss, im Gegensatz zu Tonys Hochglanzwerkstatt. Sogar die inzwischen ikonische „Im-Helm-Sicht“, die in „Iron Man“ etabliert wurde, wird für Toomes verwendet, und auch die Art, wie er aus seinen Flügeln aussteigt, erinnert stark an Iron Man. Der Film macht mit dieser Anlage aber kaum etwas. Es gibt einen kurzen Dialog zwischen Peter und Toomes, in dem Letzterer über „uns hier unten“ und „die da oben“ spricht, aber mehr wird nicht geboten. Ich werde das Gefühl nicht los, dass „Homecoming“ ein weitaus besserer und interessanterer Film gewesen wäre, hätte man sich entschieden, tatsächlich eine Mentor-Dualität zu etablieren: Tony Stark als der emotional unnahbare und unwillige gute Mentor und Adrian Toomes als der väterlich, aber letztendlich böse Mentor.

So, wie „Homecoming“ letztendlich konzipiert ist, ist alles verhältnismäßig belanglos, was für den ersten MCU-Solofilm einer Figur schon eher ungewöhnlich ist. Normalerweise sind es besagte erste Solofilme, in denen der Held seine größte Wandlung durchmacht, vom Normalo oder Arschloch zum Helden. Diese Wandlung fand für Peter allerdings schon Off-Screen statt, und auch sein Einstieg in eine größere Welt hat er bereits hinter sich. Die Wandlung, die er in „Homecoming“ durchmacht, bzw. die Lektion, die er lernt, ist minimal. In mancher Hinsicht ist „Homecoming“ vielleicht sogar ziemlich realistisch, denn wie oft lernt man schon fundamentale Lebenslektionen? Dennoch, der Umstand, dass fast nichts auf dem Spiel steht, schadet dem Film und sorgt dafür, dass die Spannung, trotz eigentlich sauberer Dramaturgie, mitunter auf der Strecke bleibt. Lediglich Michael Giacchinos Score wirkt der Belanglosigkeit der Handlung entgegen und sorgt dafür, dass sie sich wichtiger anfühlt, als sie ist.

Fazit: Rein formal begeht „Spider-Man: Homecoming“ nur wenig Fehler, gleichzeitig gelingt es der Disney/Sony-Co-Produktion jedoch nicht, eine Geschichte zu erzählen, die für den Titelhelden wirklich von Belang ist. Wo Sam Raimis Spider-Man-Filme oft sehr emotional und mitunter fast überdramatisch waren, geht der MCU-Spider-Man ins andere Extrem. Das sorgt für einen kurzweiligen und unterhaltsamen, aber letztendlich ziemlich vergessenswerten Film.

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Guardians of the Galaxy Vol. 2

guardians
Story:
Nach wie vor arbeiten Peter Quill (Chris Pratt), Gamora (Zoe Saldana), Drax (Dave Bautista), Rocket (Bradley Cooper) und Groot (Vin Diesel) als Guardians of the Galaxy zusammen und erfüllen erfolgreich einen Auftrag für die goldhäutigen, genetisch perfektionierten Sovereigns, allerdings nicht ohne dass Rocket einige äußerst wertvolle Energiezellen mitgehen lässt, was die Sovereign-Hohepriesterin Ayesha (Elizabeth Debicki) erzürnt. Und nicht nur die Sovereigns haben eine Rechnung mit den Guardians offen, auch Gamoras Halbschwester Nebula (Karen Gillan), gegenwärtig Gefangene der Guardians, sowie Yondu (Michael Rooker), ein Anführer der Ravagers, wollen ihnen an den Kragen. Da taucht wie aus dem nichts Peters Vater Ego (Kurt Russel) auf, der eine Beziehung zu seinem Sohn aufbauen möchte. Es stellt sich heraus, dass es sich bei Ego um ein göttliches Wesen, einen lebendigen Planeten handelt, doch schon bald kommen Zweifel auf, ob er wirklich wohlmeinend ist…

Kritik: „Guardians of the Galaxy“ war der Überraschungsblockbuster 2014 – wer hätte einem abgedrehten Sci-Fi-Film mit einem sprechenden Waschbär und einem beweglichen Baum schon einen derartigen Erfolg prophezeit? Kann die Fortsetzung da erfolgreich anknüpfen? Insgesamt: Ja. „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ fehlt ein Aspekt, der sicher einen großen Teil des Erfolges des ersten Teils ausgemacht hat: Die Frische und das Neuartige. Zwar bediente der erste Guardians-Film durchaus die üblichen Marvel-Konventionen, verstand es dabei aber auch, andere Wege zu beschreiten oder besagte Konventionen doch zumindest auszureizen. Dafür kann sich James Gunn, der wie bei Teil 1 nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb, in größerem Maß auf die Figuren einlassen und diese weiter erforschen. Ganz nach bester MCU-Tradition ist auch hier der Plot bestenfalls zweitrangig, der Fokus liegt auf den Charakteren und ihrer Interaktion.

Auch thematisch ist das Guardians-Sequel stringenter. Wo Teil 1 die Figuren vorstellen musste und sich vor allem mit Außenseitertum beschäftigte, widmet sich Teil 2 sehr eindringlich dem Thema Familie. Einerseits geht es dabei freilich um die Guardians selbst als Familie, aber auch den familiären Hintergründen der einzelnen Team-Mitglieder wird einige Zeit eingeräumt. Peter Quill und Ego stehen natürlich im Zentrum des Plots, darüber hinaus kehren aber auch Figuren des ersten Films zurück, die dort eher als sekundäre Antagonisten fungieren, nun aber tatsächlich Teil des Teams werden. Vor allem das Verhältnis zwischen den Adoptivschwestern Gamaora und Nebula wird erkundet; Teil 1 zeigte im Grunde nur den Hass zwischen den beiden, nun wird ergründet, weshalb sie sich hassen. Ebenso arbeitet Gunn mit Yondu als Star Lords Ersatzvater; der blauhäutige Söldner wird im Rahmen dieses Films noch um einiges interessantere, als er im Vorgänger war.

Insgesamt versucht Gunn durch die familiäre Thematik, die emotionale Komponente noch zu verstärken. Meistens halten sich Humor und Emotionalität recht gut in der Balance, auch wenn es nicht immer ganz funktioniert. Ein großer Teil des Humors kommt wie schon in Teil 1 von einem gewissen Level an Inkompetenz der Figuren, denen in bestimmten Situationen bestimmte alltägliche Missgeschicke passieren, die selbst in anderen MCU-Filmen so eher weniger geschehen – auf diesen Aspekt werde ich nachher noch einmal zurückkommen. Im Großen und Ganzen funktioniert der Humor wieder ziemlich ausgezeichnet; die heimlichen (oder auch nicht so heimlichen) Stars sind Drax, Mantis (Pom Klementieff) und natürlich Baby Groot.

Besonders interessant finde ich, dass die Vorarbeit auf „Avengers: Infinity War“ ziemlich gering ausfällt. So hatte ich zum Beispiel damit gerechnet, Thanos wiederzusehen, doch der verrückte Titan taucht in diesem Film nicht persönlich auf. Zwar werden große Teile des kosmischen Marvel-Universums einbezogen oder erhalten zumindest diverse Gastauftritte (der Comickenner freut sich über einige bekannte Gesichter), doch nur wenig davon scheint gezielt auf den dritten Avengers-Film hinzuarbeiten. Die Sovereigns sind wohl das Plot-Element, das am engsten mit dem kommenden kosmischen Großereignis zusammenhängt, was allerdings nur dank einer der fünf (!) Mid-Credits-Szenen deutlich wird und auch das nur, wenn man Vorkenntnisse besitzt. Vielleicht sind die Sovereigns deshalb der uninteressanteste Aspekt des Films. Wie dem auch sei, ehrlich gesagt bin ich ganz froh, dass Thanos dieses Mal nicht dabei ist. Ich denke, sein Auftauchen in diesem Film hätte der Figur eher geschadet denn genützt, gerade wegen des angesprochenen Inkompetenz-Levels. Marvel hat schon mehr als genug Schurken, die amüsante Sprüche klopfen. Thanos ist der Big Bad eines jahrelang vorbereiteten Handlungsstrangs, da sollte er sich absetzen; seine Bedrohlichkeit sollte nicht durch Humor beeinträchtigt werden.

Wo wir gerade bei Schurken sind: Der Bösewicht dieses Films ist etwas stärker als Ronan, weiß aber noch immer nicht völlig zu überzeugen. Wie so viele Marvel-Filme konzentriert sich auch dieser primär auf die Protagonisten, sodass für den Widersacher abermals nicht ganz so viel Zeit übrig bleibt. Dennoch ist die Einbeziehung eines kosmischeren Wesens durchaus interessant und könnte auf mehr deuten, als zu Beginn ersichtlich ist.

Die obligatorische Einbindung der diversen aus den 70ern und 80ern stammenden Songs funktioniert abermals ziemlich gut. Darüber hinaus legt Tyler Bates beim Score noch eine ordentliche Schippe drauf und arbeitet sehr schön mit dem bereits im Vorgänger etablierten Guardians-Thema. Zwar fehlt das Nova-Thema des Erstlings ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist Bates‘ zweiter Guardians-Score noch unterhaltsamer als der erste.

Fazit: „Guardians of the Galaxy Vol. 2” ist eine mehr als gelungene Fortsetzung, die sich auf die Charaktere und die familiäre Thematik konzentriert, dabei Humor und Action aber nicht außen vorlässt.

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Siehe auch:
Guardians of the Galaxy

Doctor Strange

doctorstrange
Story: Bei einem Autounfall werden die Hände des genialen, aber arroganten Chirurgen Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) irreparabel beschädigt, woraufhin er alles und jeden, darunter seine Ex-Freundin Christine (Rachel McAdams), von sich stößt. Schließlich offenbart sich eine letzte Möglichkeit: In Kamar-Taj in Nepal wurde ein ähnlicher Fall erfolgreich behandelt. Also begibt sich Strange auf die lange Reise, nur um schließlich zu lernen, dass es jenseits der profanen Welt, die er bisher bewohnte, noch viele weitere gibt. Von der Ältesten (Tilda Swinton) wird Strange in die Geheimnisse der Magie eingeweiht. Derweil versucht Kaecilius (Mads Mikkelsen), ein ehemaliger Schüler der Ältesten, die böse Macht Dormammu aus ihrer Dimension zur Erde zu holen. So wird Strange in einen mystischen Konflikt hineingezogen, bei dem viel mehr auf dem Spiel steht als nur ein paar Hände…

Kritik: In einer der Schlüsselszenen des Films teilt die Älteste Doctor Strange mit, dass er, um die Magie wirklich meistern zu können, erkennen muss, dass sich nicht alles um ihn dreht. Da ist es schon ziemlich ironisch, dass sich im Film tatsächlich alles um Doctor Strange dreht: Mehr noch als diverse andere Marvel-Helden dominiert der Sorcerer Supreme seinen Film. Einerseits ist das durchaus gerechtfertigt, andererseits schadet das aber einmal mehr den Nebenfiguren. In vielerlei Hinsicht gleicht „Doctor Strange“ dem letztjährigen „Ant-Man“. Der neuste MCU-Film bemüht sich, die Genre-Grenzen zu erweitern, dabei aber gleichzeitig bei der bewährten Formel zu bleiben. Im Klartext bedeutet das: Ein starker Protagonist, eine recht einfache und vorhersehbare Handlung, die vor allem dazu dient, den Protagonisten angemessen in Szene zu setzen, viel Humor und ein schwacher Schurke. Besonders Letzteres ist angesichts eines Darstellers wie Mads Mikkelsen wirklich äußerst schade. Was ich schon an „Ant-Man“ kritisierte, trifft auf „Doctor Strange“ in ähnlichem Maße zu: Held und Schurke haben so gut wie keine persönlichen Konfliktpunkte. In beiden Fällen handelt es sich um einen Konflikt des Mentors, der auf den Protegé lediglich übertragen wird. Auch die Motivation von Kaecilius ist eher dürftig; während diverse Hintergrundmaterialien suggerieren, dass es einen persönlichen, familiären Grund für sein Handeln gibt, wird dies im Film nicht einmal angerissen, die Motivation bleibt sehr theoretisch. Immerhin deutet sich für mein potentielles Sequel Besserung an.

Ganz ähnlich wie Kaecilius ergeht es der von Rachel McAdams gespielten Christine Palmer, deren Rolle als Love Interest sogar noch dürftiger ausfällt als die von Jane Foster (Natalie Portman). Auch das ist ziemlich schade, denn zwischen ihr und Benedict Cumberbatch gibt es durchaus Chemie. Vielleicht wäre es besser gewesen, hätten sich Regisseur Scott Derrickson und seine Mit-Drehbuchautoren John Spaihts und C. Robert Cargill für Clea als Love Interest entschieden. In den Comics ist sie, wie Doctor Strange, eine Schülerin der Magie und als solche hätte sie mehr zur Handlung beitragen können.

Auch strukturell ist „Doctor Strange“ ziemlich konservativ. Das ist durchaus zu verzeihen, aber gerade in diesem Fall hätte eine non-lineare Origin-Story vielleicht besser funktioniert (andererseits ist das bei „Man of Steel“ ziemlich in die Hose gegangen). Mir persönlich ging Stranges Aufstieg zum Sorcerer Supreme ein wenig zu schnell und schnörkellos, er wirkt auch am Ende des Films (im Gegensatz zur Mid-Credits-Scene) nicht so, als hätte er seine Ausbildung wirklich abgeschlossen. Besagte schnörkellose Ausbildung sorgt allerdings auch dafür, dass es Derrickson gelingt, diverse Klischees zu umschiffen, die man sonst in derartigen Filmen antrifft.

Der Humor des Films erweist sich darüber hinaus hin und wieder als zweischneidiges Schwert: Einige Gags sitzen, andere sind etwas zu überdreht und stören eine eigentlich dramatische Szene. Diese deplatzierte Überdrehtheit betrifft nicht ausschließlich den Humor, insgesamt wäre das eine oder andere Mal weniger mehr gewesen. Ein gutes Beispiel ist der Autounfall, der Stranges Handlungsstrang auslöst: Die Szene erinnert ein wenig an die exzessiven Autostunts aus „Blues Brothers“; man fragt sich unweigerlich, wieso nur Stranges Hände irreparabel beschädigt sind. Ein realistischerer Unfall hätte hier weitaus besser und intensiver gewirkt.

Auf der visuellen Ebene dagegen weiß „Doctor Strange“ vollauf zu überzeugen. Man kann sich regelrecht vorstellen, wie Derrickson seinen Effekt-Spezialisten erklärt: „Eigentlich war ‚Inception‘ doch ziemlich konservativ, da geht noch was.“ Selten finden sich derart überzeugende und kreative CGI-Effekte, die auch noch derart gelungen eingesetzt werden. Ich denke, diesbezüglich dürfte „Doctor Strange“ zu einem Referenzfilm werden. Umso negativer erscheinen da die lieblos-sterilen, allzu artifiziellen Welten eines Films wie „Maleficent“. Dass auch Bedendict Cumberbatch in der Rolle des Titelhelden vollauf überzeugt, muss wohl kaum noch zusätzlich erwähnt werden. Ganz allgemein ist der Cast um Tilda Swinton, Mad Mikkelsen und Chiwetel Ejiofor hervorragend, auch wenn er nicht immer sein volles Potential ausspielen kann. Auch Michael Giacchinos Score ist gelungen; er verpasst dem Sorcerer Supreme ein solides Thema und schafft es durch den Einsatz ungewöhnlicher Instrumente, der mystischen Seite des Marvel-Universums einen eigenen Klang zu verleihen. Zugegeben, diesen hätte Giacchino noch etwas stärker hervorheben können, gerade die Actionmusik ist zwar gut, aber doch, mit der einen oder anderen Ausnahme, recht konventionell.

Fazit: „Doctor Strange“ ist vor allem visuell überwältigend und mit Sicherheit einer der kurzweiligsten Marvel-Filme (was schon etwas heißen will), inhaltlich jedoch verhältnismäßig konventionell, was der großartige Cast allerdings ganz gut ausgleicht. Dennoch bleiben Schurke und Love Interest äußerst blass. Auf jeden Fall freue ich mich, dass das MCU nun vollständige in mystische Dimensionen vorgestoßen ist und diese in zukünftigen Filmen hoffentlich noch weiter auslotet.

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Daredevil Staffel 2

Enthält leichte bis mittlere Spoiler!
daredevil
Bei Superschurken gibt es eine einfache Faustregel: Schafft man einem Superhelden einen Widersacher, sollte dieser den Helden in irgend einer Form widerspiegeln. Gerade bei Batman zeigt sich sehr schön, wie so etwas funktionieren kann: So ist der Joker das genaue Gegenteil des Dunklen Ritters, während viele seiner anderen Widersacher einen spezifischen Aspekt Batmans widerspiegeln. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen auch die Macher der Marvel/Netflix-Serie „Daredevil“. Dieser Ansatz ist in den Comics freilich bereits vorhanden, die Serie bemüht sich aber besonders stark, dieses Wechselspiel zwischen Held und Schurken herauszuarbeiten. Mit Wilson Fisk funktionierte das in Staffel 1 ausgezeichnet. Die neuen Gegner das Mannes ohne Furcht spiegeln ihn ebenfalls wider, mit dem einen teilt Matt Murdock ein gemeinsames Ziel, mit der anderen eine gemeinsame Vergangenheit. Dennoch funktionieren beide in ihrer Funktion nicht gleich gut…

Handlung
Matt Murdock (Charlie Cox) hat sich als für Gerechtigkeit kämpfender Vigilant Daredevil langsam etabliert, auch wenn sich an ihm nach wie vor die Geister scheiden: Manche meinen, er sei genau das, was Hell’s Kitchen braucht, während andere nur eine gefährliche Ausübung von Selbstjustiz sehen. Diese Ansicht scheint sich zu bestätigen, als ein Nachahmer auftaucht: Frank Castle (Jon Bernthal), auch bekannt als „der Punisher“, räumt unter den Kriminellen New Yorks auf höchst brutale und blutige Weise auf: Wo Daredevil sie nur zusammenschlägt und der Polizei überlasst, mäht der Punisher seine Opfer ohne Gnade nieder. Somit wird Matt mit den moralischen Dimensionen seines eigenen Handelns konfrontiert und beginnt, seine Aktionen und seinen Ehrenkodex in Frage zu stellen. Schließlich gelingt es ihm dennoch, Castle dingfest zu machen. Während Matt und sein Partner Foggie Nelson (Elden Henson) schließlich sogar Castles Verteidigung vor Gericht übernehmen, um hinter das Geheimnis seiner Vergangenheit, das besonders Karen (Deborah Ann Woll) interessiert, zu kommen, taucht eine Gestalt aus Matts Vergangenheit auf. Elektra Natchios (Élodie Yung) und ihr mysteriöser Kreuzzug gegen einen noch mysteriöseren Feind ziehen bald Matts Aufmerksamkeit auf sich. Und schon bald zeigt sich, dass Elektra für ihre Freunde genauso gefährlich ist wie für ihre Feinde…

punisher

Frank Castle, der Punisher (Jon Bernthal)

Umsetzung
Formal und handwerklich gibt es auch an der zweiten Staffel von „Daredevil“ kaum etwas auszusetzen: Die Atmosphäre stimmt, die Action und die Kampfchoreographien sind nach wie vor vom Feinsten und auch die Darsteller wissen durchweg zu überzeugen. Leider gelingt es Staffel 2 dennoch nicht, den extrem hohen Standard zu erreichen, den Staffel 1 etabliert hat, was vor allem an erzählerischen und konzeptionellen Schwächen liegt. Staffel 1 war auf narrativer Ebene exzellent, die Autoren erzählten ihre Geschichte schnörkellos, alle Aspekte griffen wie die Zahnräder einer Uhr ineinander, sodass sie wie aus einem Guss wirkte. Staffel 2 ist dagegen sehr viel zerfaserter, es gibt zwei Handlungsstränge, die mehr oder weniger parallel laufen, aber nicht besonders gut ineinander greifen. Somit hat Staffel 2 ihre Höhen und Tiefen. Leider sammeln sich die Höhen im einen Handlungsstrang, während der andere einfach nicht zu überzeugen weiß. Elektra und ihr Kampf gegen die Hand ziehen hier eindeutig den Kürzeren. Ich möchte allerdings betonen, dass das nicht an Élodie Yung liegt, die die Figur definitiv besser spielt als Jennifer Garner. Ihr Handlungsstrang ist einfach nicht besonders gut geschrieben und auch nicht besonders spannend, ihre Beziehung zu Matt mäandert eher dahin und man beginnt sich zu fragen, weshalb Matt zulässt, dass ihretwegen sein Privatleben auseinanderfällt. Das ist ein weiterer Aspekt, der mir nicht besonders gefällt: Dieses Auseinanderfallen geschieht für meinen Geschmack zu früh und wird zu nebensächlich abgehandelt. Viel lieber hätte ich in diesem Zusammenhang eine, wenn auch eher freie, Adaption von Frank Millers und David Mazzucchellis „Daredevil: Auferstehung“ gesehen. Herausragend dagegen ist der Punisher und alles, was mit ihm zusammenhängt. Hier findet Staffel 2 zu den Stärken von Staffel 1 zurück und zeigt wie eine grimmige, düstere Superheldengeschichte funktioniert (Notizen gemacht, Warner?). Gerade hier zeigt sich, wie gut Matt Murdock und Frank Castle als Widersacher funktionieren: Beide haben dasselbe Ziel, aber ihre Methoden und ihre Moralvorstellungen unterscheiden sich fundamental. Dieser Konflikt ist im Superheldenbereich zwar nun nicht neu, funktioniert aber immer wieder exzellent, besonders, wenn er so gut umgesetzt ist wie hier. Jon Bernthal muss natürlich ebenfalls ausgiebig gelobt werden, der aus „The Walking Dead“ bekannte Darsteller spielt Frank Castle herausragend und übertrifft sowohl Ray Stevenson als auch Thomas Jane (die beide in der Rolle eine durchaus gute Figur gemacht haben) mühelos. Das Highlight der Staffel war für mich allerdings die allzu kurze Rückkehr Wilson Fisks. Vincent D’Onofrio dominiert in seinem kurzen Auftritt gnadenlos und zeigt, wie sehr Staffel 2 ein zusammenhängendes Element, wie es Fisk in Staffel 1 war, fehlt.

elektra

Elektra Natchios (Élodie Yung)

Fazit: Die zweite Staffel von „Daredevil“ ist zwar durchaus gelungen, kommt aber an die fast perfekte erste Staffel nicht heran. Wo Staffel 1 mit fast allen anderen Serien des Genres den Boden aufwischt, ist Staffel 2 ein qualitatives Auf und Ab: Der Handlungsstrang um den Punisher und seinen Ein-Mann-Feldzug gegen das Verbrechen knüpft an die Qualität von Staffel 1 an, Elektra und ihr Krieg gegen die Hand tun dies leider nicht.

Siehe auch:
Daredevil Staffel 1