Geschichte der Vampire: Blade

Halloween 2022
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Während wir uns heute vor Comic- bzw. Superheldenfilmen kaum retten können, sah das in den 90ern noch ganz anders aus: Neben diversen B- und C-Produktionen (wer erinnert sich noch an den Captain-America-Film von 1990?) hatte man eigentlich nur zwei Filmreihen zur Auswahl: Die Superman-Filme mit Christopher Reeve, denen nach dem vierten Eintrag die Luft ausgegangen war und die Batman-Filme von Tim Burton und Joel Schumacher, denen 1997 ebenfalls die Luft ausging. Bereits ein Jahr später kam dann die Figur ins Kino, die als erster früher Wegbereiter der aktuell anhaltenden Welle von Superhelden-Filmen gilt: Blade. Zugleich hatte der Daywalker allerdings auch massiven Einfluss auf Vampirfilme und sonstige -medien. Dieser Artikel dient zur Eröffnung der diesjährigen Halloween-Saison.

Die Comicfigur
Sein Debüt feierte der Daywalker 1973 in der zehnten Ausgabe der Comicserie „The Tomb of Dracula“, Marvels wahrscheinlich profiliertester Horrorserie; geschaffen wurde er von Autor Marv Wolfman und Zeichner Gene Colan. In „The Tomb of Dracula“ gehört Blade zu einer Gruppe Vampirjäger, darunter Rachel Van Helsing und Quincey Harker, die sich, wie könnte es auch anders sein, mit Dracula herumschlagen müssen. Diese erste Version der Figur hat optisch noch nicht allzu viel mit der späteren Inkarnation gemein: Er hat einen Afro und trägt eine gelbe Brille sowie eine leuchtend grüne oder orange-braune Jacke. Wie seine spätere Filminkarnation wird auch in den Comics seine Mutter von einem Vampir gebissen, dadurch wird Blade, dessen bürgerlicher Name Eric Brooks lautet, allerdings erst einmal „nur“ immun gegen Vampirbisse – übernatürliche Fähigkeiten erhält er erst später durch Morbius, den lebenden Vampir. Nach seinem Debüt wurde Blade allerdings eher sparsam eingesetzt, agierte außerhalb von „The Tomb of Dracula“ aber auch immer wieder mit anderen Marvel-Figuren, die eher in Richtung Horror tendieren, darunter, wie bereits erwähnt, Morbius oder der Ghost Rider.

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Blades ursprüngliches Design

Sein ikonisches schwarzes Lederoutfit bekam Blade Anfang der 90er, zu dieser Zeit war er auch immer wieder mit anderen übernatürlichen Superhelden unterwegs, mit denen er ein Team bildete, darunter die Midnight Sons und die Nightstalker – Letztere tauchen zumindest namentlich in „Blade Trinity“ auf. Zugegebenermaßen bin ich mit der Comicversion der Figur nur leidlich vertraut, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass Blade nie eine länger laufende eigene Serie vergönnt war. Stattdessen trat er als Teil der oben genannten Teams auf, absolvierte Gastauftritte oder bekam Miniserien spendiert. Seinen ersten bewegten Auftritt bekam er in einigen Episoden von „Spider-Man: The Animated Series“, in welcher er von J. D. Hall gesprochen wurde.

Art of Adaptation: Vampirkonzept der Trilogie
Vampire in den Marvel-Comics begannen relative nah an Stoker – die Comicserie „The Tomb of Dracula“ zeigte einen relativ traditionellen Grafen, dementsprechend konnten sich Marvel-Vampire verwandeln und Tiere kontrollieren, waren anfällig gegenüber heiligen Symbolen usw. Über die Jahre hinweg wurde Marvels „Vampir-Mythologie“ natürlich deutlich komplexer, man schuf Verknüpfungen ins Hyborische Zeitalter (ja, Conan gehört formal zum Marvel-Universum) und machte einen gewissen Varnae (eine Anspielung auf „Varney, the Vampire; or, the Feast of Blood“, eine Penny-Dreadful-Reihe, die Jahrzehnte vor Dracula, in den 1840ern publiziert wurde) zum ersten Vampir. Marvel-Vampire waren und sind sehr eindeutig magisch – ein Aspekt, von dem sich die Blade-Filme fast völlig distanzierten.

Vampirismus in der Blade-Trilogie wird eindeutig als Virus identifiziert, Vampire bekommen einen wissenschaftlichen Namen – Hominis nocturnae – und auch sonst werden die „mythischen“ Aspekte zurückgefahren. Während Knoblauch, Silber und Sonnenlicht adäquate Waffen gegen die Blutsauger sind, bleiben heilige Symbole oder fließendes Wasser völlig nutzlos. Statt Varnae ist nun Dracula, bzw. Drake, bzw. Dagon der erste Vampir. Bei ihm handelt es sich um eine Art fast perfekter Prototyp, der wie Blade selbst über die Stärken der Vampire, aber nicht über die Schwächen (ausgenommen der Blutdurst) verfügt. Ein mythisches Element bleibt aber doch erhalten: Der Blutgott La Magra, der im ersten Film als finaler Gegner fungiert, ist recht eindeutig übernatürlich und scheint in letzter Konsequenz der Verursacher des Vampirvirus zu sein. Wie in „Vampire: The Masquerade“ und anderen Medien (inklusive der Marvel-Comics) teilen sich die Vampire in verschiedene Gruppierungen auf, hier als „Häuser“ bezeichnet, und verfügen zudem über eine große Anzahl menschlicher Diener, die mit Vampirrunen gebrandmarkt werden. Vampire können sowohl normal gezeugt als auch durch einen Biss verwandelt werden, wobei Erstere einen höheren Status als Letztere haben und es durchaus möglich ist, Letztere wieder in Menschen zurückzuverwandeln. In „Blade II“ wird eine durch Experimente geschaffene Unterart eingeführt, die Reaper, die Vampirblut trinken und „gewöhnliche“ Vampire durch ihren Biss in Reaper verwandeln.

Blade selbst verfügt von Anfang an über die Kräfte, die er in den Comics erst nach und nach bekommt, da Morbius in der Filmtrilogie nicht auftaucht (allerdings war wohl ein Cameo geplant, das es aber nicht in die finale Schnittfassung des ersten Films schaffte). Alle seine Fähigkeiten werden durch seinen Status als Halbvampir erklärt, die einzige Schwäche, die geblieben ist, ist der Blutdurst, gegen den er mit einem speziellen Serum ankämpft. In ernsten Situationen ernährt er sich allerdings durchaus auch von echtem Blut. Einige weitere Elemente der Comics finden sich ebenfalls in den Filmen, wenn auch meistens stark abgewandelt. Deacon Frost (Stephen Dorff) ist in den Comics wie in den Filmen der Vampir, der Blades Mutter attackiert und auch regelmäßiger Widersacher – die Comicversion ist allerdings deutlich älter (sowohl optisch als auch tatsächlich). Hannibal King und die Night Stalker entstammen ebenfalls den Comics, genauso wie Dracula selbst, alle wurden aber massiven Änderungen unterzogen.

Urban Style: Blade

In vielerlei Hinsicht ist „Blade“ als Superheldenfilm eine eher untypische Angelegenheit, da Blade eben kein typischer Superheld ist. Zwar verfügt Blade technisch gesehen über einen bürgerlichen Namen – Eric Brooks – dieser spielt für ihn aber keine Rolle. Auch geht es ihm nicht wirklich darum, Menschen zu retten, sondern Vampire zu bekämpfen. In dieser Hinsicht gehört er zudem zu den Vorreitern eines Umkehrtrends im Genre: Zuvor waren Vampire zumeist die Einzelgänger, die von Vertretern einer bürgerlichen Gesellschaft gejagt wurden, in „Blade“ hingegen ist es genau anders herum: Es sind die Vampire, die als mafiöse Gruppe die Menschheit unterwandert haben, während der Jäger alleine bzw. mit nur wenigen Verbündeten arbeitet. Dieser Aspekt wird in „Blade: Trinity“ noch einmal stärker, dort benutzen die Vampire das Gesetz, um Blade auf den Leib zu rücken.

Angesichts all dessen ist es fast schon ironisch, wenn auch nicht unbedingt überraschend, wie sehr sich Regisseur Stephen Norrington und Drehbuchautor David S. Goyer an Tim Burtons „Batman“ orientierten. Gerade bezüglich der Charakterisierung der Hauptfigur und der Handlungskonstruktion finden sich viele Parallelen. Wesley Snipes‘ Blade ist wie Michael Keatons Batman ein ziemlich statischer Charakter, über den man als Zuschauer nicht allzu viel erfährt – beide bleiben relativ unerforschte Antihelden, Getriebene, deren Motivation und Werdegang nicht en detail dargelegt werden. Beide sind zu Beginn des Films bereits vollständig geformt und entwickeln sich, wenn überhaupt, nur minimal. Bei beiden erleben wir nur das auslösende Moment (Mord an den Waynes bzw. Vampirwerdung der Mutter) ihres Kreuzzugs in Flashbacks, aber nichts von der formativen Zeit. Das steht in krassem Gegensatz zu vielen späteren Superheldenfilmen wie „Batman Begins“ oder Sam Raimis „Spider-Man“, die sich diesen Aspekten sehr ausführlich widmen.

Auch die Beziehung zwischen Protagonist und Antagonist ist erstaunlich ähnlich: Sowohl Jack Napier/Joker (Jack Nicholson) als auch Deacon Frost (Stephen Dorff) beginnen als „Unterboss“ in ihrer Organisation, um sich anschließend den Weg an die Spitze zu morden. Zudem sind beide Verantwortlich für die Heldenidentität des Widersachers: Jack Napier tötete die Waynes, Deacon Frost verwandelte Blades Mutter Vanessa (Sanaa Lathan) während der Schwangerschaft in eine Vampirin und sorgte so dafür, dass Blade überhaupt erst in der Lage ist, seinem Handwerk nachzugehen. In der Handlungskonstruktion finden sich zudem Parallelen zwischen Vicky Vale (Kim Basinger) und Karen Jenson (N’Bushe Wright), die mehr oder weniger unfreiwillig in die Welt des Titelhelden hineingezogen werden und als Avatar der Zuschauer fungieren. Anders als in „Batman“ gibt es hier allerdings keine Romanze – tatsächlich hat Wesley Snipes mit keiner der „Leading Ladies“ der Filmreihe wirklich Chemie. Alfred (Michael Gough) und Whistler (Kris Kristofferson) gleichzusetzen ist vielleicht ein wenig zu weit hergeholt, aber als einzige Vertrauter und Mentor des Helden gibt es doch gewisse Parallelen…

Stilistisch hingegen distanziert sich „Blade“ stärker von sowohl „Batman“ als auch von herkömmlichen Vampirfilmen – Stephen Norrington fährt den Gothic-Faktor soweit zurück wie möglich, alles ist urban, stylisch und glatt. In vielerlei Hinsicht bereitete Blade bereits die Ästhetik vor, die die Matrix-Trilogie später popularisieren sollte – inklusive der allgegenwärtigen Ledermäntel und Sonnenbrillen. Zweifelsohne ist „Blade“ Style over Substance, wie bereits erwähnt macht der eigentliche Titelheld kaum eine Entwicklung durch, wenn überhaupt ist es Karen Jenson, die sich von der Ärztin zur Vampirjägerin wandelt. Trotzdem funktioniert Blade, primär deshalb, weil Goyer, Norrington und Snipes die Figur ernst nehmen und natürlich, weil die Action schlicht gut und unterhaltsam ist. Die größte Schwäche des Films ist dabei das Finale, das die geerdeten Aspekte und die pseudowissenschaftliche Natur der Vampire hinter sich lässt und uns nebst einem Blutgott auch viel schlechtes CGI serviert, das einfach nicht hätte sein müssen. Zudem ist es eine merkwürdige Entscheidung, Blade seine Mutter als Vampirin zu präsentieren und dann praktisch nichts damit zu machen.

Ironischerweise bringt „Blade“ gerade die Qualitäten mit, die bei aktuellen Marvel-Filmen oftmals vermisst werden: Handgemachte Action mit einem gewissen Härtegrad und eine Portion Ernsthaftigkeit. Nicht, dass in „Blade“ nicht absurdes Zeug passieren würde oder der Film humorbefreit wäre, aber es fehlt das selbstreferenzielle Augenzwinkern und der Metahumor, der selbst eingefleischten MCU-Fans inzwischen zu viel wird. Gerade aus diesem Grund ist ein in nicht allzu ferner Zukunft ausstehender MCU-Auftritt Blades (gespielt von Mahershala Ali) nicht unbedingt vielversprechend – es sei denn, Kevin Feige entschließt sich, den Tonfall und den Gewaltgrad der Marvel-Netflix-Serien zuzulassen.

Kommen wir noch zu den Vampiren in diesem Film: Eine wirklich tiefgründige Erforschung der vampirischen Zustandes oder des Blutdurstes darf man hier natürlich nicht erwarten, schließlich hat Anne Rice nicht das Drehbuch geschrieben. Blade hat wegen seines Blutdurstes keine Schuldgefühle und fällt in diesem Film auch nicht unkontrolliert Menschen an, der Durst wird eher wie eine typische Superheldenschwäche behandelt. Alle anderen Vampire sind unweigerlich böse, ob sie nun Traditionalisten sind wie der von Udo Kier gespielte Gitano Dragonetti (eine Anspielung auf Kiers Auftritt als Dracula in „Blood for Dracula“ aus dem Jahr 1974?) oder aufbegehrende Rebellen wie Deacon Frost. Als solche hinterlassen Frost und seine Kumpanen zweifelsohne ordentlich Eindruck und sind höchst unterhaltsam.

Neo Gothic: Blade II

Trotz des Erfolges von „Blade“ – der erste Marvel-Charakter, der an den Kinokassen tatsächlich einen ordentlichen Gewinn einbrachte – kehrte Stephen Norrington nicht zurück. An seiner statt nahm Guillermo del Toro die Zügel in die Hand. Für viele, mich eingeschlossen, ist „Blade II“ nach wie vor der beste Teil der Trilogie, denn del Toro nimmt im Grunde alles, was im ersten Teil funktionierte und reichert es um seine eigene Ästhetik an. Wesley Snipes kehrt natürlich als Titelheld zurück. N’Bushe Wright als Karen Jenson sehen wir dagegen nicht wieder, statt ihrer hat Blade mit Scud (Norman Reedus) einen neuen Sidekick. Trotz seines scheinbaren Todes in „Blade“ taucht Kris Kristofferson wieder auf, der Dank eines ziemlich uneleganten Retcons abermals als Blades Vertrauter und Mentor fungieren darf.

Die Action, Coolness und eher dürftige Figurenzeichnung des Vorgängers behält del Toro bei (David S. Goyer ist abermals für das Drehbuch verantwortlich), geht ästhetisch jedoch völlig andere Pfade: „Blade II“ ist dreckiger, gotischer und, in Ermangelung eines besseren Wortes, „europäischer“ als Teil 1, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Film in Prag spielt und dort auch gedreht wurde. Zudem fährt del Toro hier ein völlig anderes Kaliber an Vampiren auf: Die rebellischen Hipster-Vampire, aus denen Deacon Frosts Clique bestand, sind ebenso Vergangenheit wie die Mafiosi-artige alte Garde um Dragonetti, stattdessen lebt del Toro seine Vorliebe für monströse Vampire aus, die später in der von ihm produzierten Serie „The Strain“ noch stärker hervortreten sollte. Die neue große Gefahr dieses Films sind die Reaper, eine erst vor kurzem aufgetauchte Unterart von Vampiren, deutlich stärker und widerstandsfähiger als die gewöhnlichen Blutsauger, nicht zuletzt, weil ihr Herz besser geschützt ist. Da die Reaper bevorzugt Vampirblut trinken und so andere Vampire in ihresgleichen verwandelt, haben Blade und die „normalen“ Vampire einen gemeinsamen Feind. Blade muss sich also mit einem vampirischen Einsatzteam, dem „Blood Pack“ unter Führung von Nyssa Damaskinos (Leonor Varela) verbünden, um die Reaper aufzuhalten. Sowohl Eli Damaskinos (Thomas Kretschman) als auch die Reaper und ihr Anführer Nomak (Luke Goss) sind mit ihren entstellten Gesichtern und kahlen Schädeln eindeutig von Graf Orlok aus Wilhelm Friedrich Murnaus „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ beeinflusst.

Das Blood Pack hingegen knüpft relativ direkt an „Blade“ an, indem hier eine Reihe von nicht unbedingt gut ausgearbeiteten, aber doch einprägsamen Charakteren geboten wird. Zudem finden sich einige interessante Schauspieler in dieser Gruppe. Ron Perlmans Präsenz dürfte wohl niemanden, der mit del Toro vertraut ist, groß überraschen – er spielt den ziemlich sadistischen Vampir Reinhardt. Perlman, Nomak-Darsteller Luke Goss und del Toro sollten später zusammen „Hellboy II: The Golden Army“ drehen. Darüber hinaus gehören auch Martial-Arts-Legende Donnie Yen als „Snowman“ sowie Tony Curran als „Priest“ zum Bloodpack – Letzterer sollte in „Underworld: Evolution“ in die Rolle des Vampirältesten Markus Corvinus schlüpfen. Das gesamte Bloodpack ist höchst unterhaltsam, ebenso wie Luke Goss‘ Nomak und sein Vater Eli Damaskinos – Thomas Kretschman hat sichtlich Spaß daran, so richtig schön fies zu sein. Das schwächste Glied in der Kette ist tatsächlich Leonor Varela, die zwar sehr gut aussieht und wie ein Prototyp von Kate Beckinsales Selene aus den Underworld-Filmen wirkt, aber ihre Figur nicht wirklich authentisch rüberbringen kann. Das ist verdammt schade, da sie im Grunde der einzige Vampircharakter der gesamten Trilogie ist, der nicht ausschließlich böse ausfällt. Ein weiteres Manko sind abermals einige der Effekte – während die Action nach wie vor sehr gut ist, traf man die Entscheidung, die Figuren immer wieder absurde akrobatische Einlagen absolvieren zu lassen, die per CGI umgesetzt wurden, die bereits 2002 nicht gut aussahen und wirklich extrem schlecht gealtert sind.

Dennoch, aufgrund von Guillermo del Toros Regieführung und seinen stilistischen Vorlieben, die sich mit den meinen überschneiden, ist „Blade II“ definitiv mein Favorit dieser Filmreihe, nicht zuletzt, weil del Toro sich hier noch am ehesten mit der vampirischen Natur auseinandersetzt, sei es durch die etwas komplexere Nyssa oder den Umstand, dass die Vampire hier selbst von Jägern zu Opfern einer noch übleren Spezies von Monstern werden, während ihr Anführer sich nicht nur als Mafiaboss oder machthungriger Aufsteiger, sondern praktisch als Nazi entpuppt, der so etwas wie eine neue vampirische Herrenrasse züchten möchte. Diese Aspekte gehen nach wie vor nicht wirklich in die Tiefe, werden aber stärker und besser herausgearbeitet, als es im ersten und dritten Teil der Trilogie der Fall ist.

The Tomb of Dracula: Blade Trinity

David S. Goyer ist ein ziemlich wechselhafter Drehbuchschreiber – wenn er mit einem guten Regisseur wie Guillermo del Toro oder Christopher Nolan zusammenarbeitet, kann durchaus ein brauchbarer oder sogar sehr guter Film herauskommen. Wenn er hingegen selbst Regie führt, wie es bei „Blade: Trinity“ der Fall ist, entsteht ein mittelschweres Desaster. Die Probleme und Konflikte, die sich hinter den Kulissen abspielten, sind inzwischen legendär, nicht zuletzt, weil Patton Oswald und Ryan Reynolds immer wieder gerne aus dem Nähkästchen plaudern. Goyer und Wesley Snipes konnten sich offenbar nicht ausstehen, was dazu führte, dass Letzterer ernsthafte Diva-Allüren entwickelte, seinen Trailer nicht verlassen wollte, mit dem Regisseur nur über Notizen kommunizierte und generell nicht zugänglich war. Doch selbst wenn man davon absieht, dass Snipes schlicht keine Lust hatte, in diesem Film mitzuspielen, passt vieles einfach nicht zusammen, die Regieführung ist bestenfalls holprig und schlimmstenfalls inkompetent. Erschwerend hinzu kommt, dass Elemente, die 1998 noch frisch und innovativ waren, im Jahr 2004, nach drei Matrix- und dem ersten Underworld-Film inzwischen ziemlich ausgelutscht wirkten.

Goyers Drehbuch ist da leider auch keine Hilfe, denn im Grunde handelt es sich bei der Story von „Blade: Trinity“ um ein Konglomerat an Handlungselementen aus den ersten beiden Filmen. Whistler stirbt zum zweiten und letzten Mal, Blade muss, wie schon im zweiten Teil, abermals mit einer Gruppe zusammenarbeiten; dieses Mal sind es die zumindest dem Namen nach aus den Comics stammenden Nightstalker, ein weiteres Mal hat er es mit einem „Supervampir“ zu tun und bereits zum dritten Mal macht Blade praktisch keinerlei Wandlung durch. Im Gegensatz zum zweiten Film greift Goyer zumindest formal in größerem Ausmaß auf die Vorlage zurück – auch Hannibal King (Ryan Reynolds) entstammt den gedruckten Seiten und natürlich hätten wir da noch Dracula…

Der Fürst der Vampire wird in diesem Film von Dominic Purcell, primär aus der Serie „Prison Break“ bekannt, gespielt, und ist leider ein weiterer Aspekt, der auf keiner Ebene funktioniert. Wie oben bereits erwähnt nimmt Dracula die Stellung als erster Vampir ein, die in den Comics Varnae innehat. Wie Blade ist er immun gegen das Tageslicht und wurde darüber hinaus als Vampir im antiken Babylon geboren, wo er unter dem Namen Dagon ein Kriegsherr wurde und sich einen blutigen Weg durch die Jahrtausende bahnte. U.a. posierte er auch als Vlad Țepeș und inspirierte in letzter Konsequenz Bram Stoker, zog sich dann aber angewidert von der Welt zurück, um im 21. Jahrhundert von der Vampirin Danica Talos (Parker Posey) und ihren Handlangern wiederweckt zu werden, um gegen Blade zu kämpfen. Schauspieler, die Dracula spielen, werden automatisch an ihren Vorgängern gemessen – eine illustre Riege, zu der neben Bela Lugosi auch Größen wie Christopher Lee, Gary Oldman oder Frank Langella gehören. Dominic Purcell ist zweifelsohne einer der schlechtesten Draculas, weder verfügt er über die Ausstrahlung eines Lugosi, noch über das Charisma eines Lee oder die Komplexität eines Oldman; auch als sumerischer Kriegsherr oder uraltes, unmenschliches Monster weiß er nicht zu überzeugen. Stattdessen wirkt er eher wie ein gelangweilter Rapper.

Alle anderen Aspekte der Produktion sind ebenso misslungen. In den ersten beiden Filmen merkt man Snipes seine Passion für das Material an, diese ist durch den Konflikt mit Goyer völlig verloren gegangen. Die ürbigen Charaktere sind entweder flach, überzeichnete Karikaturen oder beides. Abigail Whistler (Jessica Biel) ist quasi wandelndes Product Placement, Ryan Reynolds scheint schon mal für Deadpool zu üben und Parker Posey und ihr vampirischer Anhang ist völlig überdreht und weit entfernt von den einprägsamen Blutsaugern der ersten beiden Teile.

Apokryphen und Vermächtnis
Unglaublich, aber wahr: Trotz der nicht gerade überwältigenden Rezeption von „Blade: Trinity“ schickte Warner Bros. 2006 eine Blade-Fernsehserie an den Start, die wirklich kaum jemand gesehen hat. Ich glaube, ich habe mir ein oder zwei Folgen angeschaut, als die Serie damals auf ProSieben startete, kann mich aber an absolut nichts mehr erinnern. Obwohl Wesley Snipes nicht mehr beteiligt war – die Titelfigur wird von dem Rapper Kirk Jones alias „Sticky Fingaz“ gespielt – knüpft die Serie an die Filme an, es gibt diverse Anspielungen und sowohl David S. Goyer als auch Ramin Djawadi, der Komponist von „Blade: Trinity“, wirkten an dem Unterfangen mit. Deutlich aufmerksamer dürften Fans der alten Trilogie die MCU-Neuauflage des Vampirjägers verfolgen. Ein erstes (rein stimmliches) Cameo absolvierte Mahershala Ali bereits in der Post-Credits-Szene von „The Eternals“, sein eigener Film kommt im November 2023 ins Kino; meine Bedenken diesbezüglich habe ich oben bereits geschildert.

Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss von „Blade“ auf das Horror-Action-Genre – wenn der Film von 1998 es nicht begründet hat, gehört er doch zumindest zu den Wegbereitern. Filme, Filmreihen und Serien wie „Underworld“, „Resident Evil“, „Van Helsing“, „Priest“ oder „First Kill“ sind massiv vom Einfluss der Blade-Trilogie geprägt. Zudem zeigte Blade, dass ein relativ obskurer Marvel-Charakter an den Kinokassen extrem erfolgreich sein kann. Wenn das MCU sich schon nicht stilistisch an der Trilogie orientiert, so hat es sich doch schon oft genug der Vorgehensweise bedient, indem es absolute Nischenfiguren aus der Versenkung holte und für ein breites Publikum aufbereitete; wer kannte vor 2014 schon die Guardians of the Galaxy? Zudem, und das sollte ebenfalls nicht unterschlagen werden, ist Blade der erste erfolgreiche Superheldenfilm mit einem schwarzen Protagonisten („Spawn“ und „Steel“ kamen zwar vorher ins Kino, können aber beim besten Willen nicht als erfolgreich bezeichnet werden) und einem R-Rating und damit Wegbereiter für Filme wie „Black Panther“ oder „Deadpool“.

Bildquelle Titel (New Line Cinema)
Bildquelle klassischer Blade

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf
Geschichte der Vampire: Secret Origin
First Kill Staffel 1

Batman: Year One

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Im Rahmen des Großevents „Crisis on Infinite Earths“ entschloss man sich bei DC zu einem Großreinemachen: Man entledigte sich nicht nur des Multiversums, das zunehmend für Verwirrung sorgte, sondern beschloss auch, die Origin Storys der wichtigsten Helden einem Update zu unterziehen. Nachdem Frank Miller Batman mit „The Dark Knight Returns“ zu neuer Popularität verholfen hatte, lag es nahe, ihn Batman noch einmal neu erfinden zu lassen. Anders als ursprünglich geplant zeichnete Miller dieses Mal allerdings nicht selbst, sondern überließ diese Aufgabe David Mazzuchelli, mit dem er bereits an „Daredevil: Born Again“ gearbeitet hatte. Das Ergebnis, „Batman: Year One“, ist quasi DIE Batman-Origin schlechthin – während Supermans Entstehung selbst im Rahmen der regulären Kontinuität gefühlt alle paar Jahre neu erzählt wird (u.a. in John Byrnes „Superman: The Man of Steel“, quasi das Gegenstück zu „Batman: Year One“, Mark Waids „Superman: Birthright“ oder Geoff Johns‘ „Superman: Secret Origin“), blieb „Year One“ für lange Zeit ohne Nachahmer.

Handlung und Struktur
Nach langjähriger Abwesenheit kehrt der fünfundzwanzigjährige Bruce Wayne nach Gotham City zurück, um dem Verbrechen den Kampf anzusagen – er weiß nur noch nicht, wie. Zeitgleich erreicht auch James Gordon, noch im Rang eines Lieutenant, Gotham, da er zum Gotham City Police Departement versetzt wurde. Hier muss sich Gordon mit der allgegenwärtigen Korruption auseinandersetzen – jeder, von seinem Partner Arnold Flass bis hin zu Commissioner Gillian Loeb, steht auf der Gehaltsliste des Mafiabosses Carmine „The Roman“ Falcone. Bruce‘ erste Einsätze im Kampf gegen das Verbrechen gehen derweil ziemlich schief, eine Schlägerei im East End Gothams überlebt er kaum. Zwar verfügt er über das nötige Training, doch gelingt es ihm nicht, den Verbrechern Angst einzujagen. Eine Fledermaus liefert schließlich die nötige Inspiration. Während Bruce sich als Vigilant Batman einen Namen macht und erstmals von den Größen der Stadt wie Loeb und Falcone als Bedrohung wahrgenommen wird, versucht Gordon weiter gegen Korruption vorzugehen und verliebt sich nebenbei in seine Kollegin Sarah Essen – ein äußerst ungeschickter Zeitpunkt, ist seine Frau Barbara doch gerade mit dem gemeinsamen Sohn schwanger. Gordons und Batmans Wege kreuzen sich immer wieder, nicht zuletzt, als ein gesamtes Sonderkommando daran scheitert, der Dunklen Ritter festzunehmen oder zu töten. Und mehr noch, er inspiriert bereits Nachahmer, etwa die Prostituierte Selina Kyle, die in einem Katzenkostüm Überfälle begeht. Gordon wird der korrupten Elite zwischenzeitlich zu lästig, weshalb sie versuchen, ihn durch die Entführung seiner Frau und seines neugeborenen Sohnes gefügig zu machen, doch Bruce schreitet auch ohne Maske ein – so beginnt das Bündnis zwischen Batman und Gordon.

Ähnlich wie „The Dark Knight Returns“ erschien auch „Batman: Year One“ in vier Heften, allerdings handelte es sich dabei nicht um vier extradicke Ausgaben einer Miniserie, sondern um vier Hefte der regulären Batman-Serie (404 bis 407). Ironischerweise orientiert sich „Batman: Year One“ allerdings weitaus weniger an der Dramaturgie „gewöhnlicher“ Superheldencomics, die „The Dark Knight Returns“ aufgreift. Da Batmans reguläre Rogues Galery ohnehin noch nicht existiert, nutzt Miller die Gelegenheit, „Year One“ deutlich stärker als durchgehende Geschichte zu erzählen. Anstatt diese Fassung von Batmans Origin mithilfe der Superheldendramaturgie zu strukturieren, arbeitet Miller hier mit Charakterpaaren. Das zentrale Paar sind natürlich Bruce Wayne und James Gordon, die den Leser auch stets an ihren Gedanken teilhaben lassen und danach trachten, Gotham zum Besseren zu verändern. Es finden sich aber noch weitere Figurenpaare, die Miller einander gegenüberstellt: Gordon und Harvey Dent, die beiden Gesetzeshüter, die gegen Korruption kämpfen, Bruce und Selina Kyle, die beide in Maske und Kostüm schlüpfen, Gillian Loeb und Carmine Falcone, die als primäre Schurken fungieren, und Barbara Gordon und Sarah Essen, die beiden Frauen in James Gordons Leben.

Von Mythen und Menschen
24584124._SX540_Man könnte argumentieren, dass James Gordon der eigentliche Protagonist von „Year One“ ist und läge damit nicht unbedingt falsch – aber Batman ziert nun einmal das Cover und wegen ihm kommen dann doch die meisten Leser. Nachdem Miller Batman in „The Dark Knight Returns“ zum Mythos stilisierte und ihn als übergroßen Heroen inszenierte, tut er in „Year One“ genau das Gegenteil – in kaum einem anderen Comic erleben wir Bruce Wayne so menschlich und so fehlbar; von der üblichen Hyperkompetenz, die man von Batman gewohnt ist, fehlt jede Spur. Bruce‘ erster Einsatz als Proto-Batman endet in einem Desaster, das ihn fast tötet, bei seiner ersten Aktion im Kostüm ist er mit drei halbwüchsigen Dieben bereits überfordert, die der spätere Batman wahrscheinlich mit einem einzigen Blick hätte in die Flucht schlagen können. Bruce muss sich erst langsam nach oben arbeiten, von den kleinen Gangstern bis zu den wirklich großen Tieren, denen er immerhin im Verlauf der Geschichte näherkommt. Zu Anfang wirkt Bruce noch relativ separiert von Gotham und den anderen Figuren – wo Gordon sofort mitten im Geschehen ist (und mit dem Zug anreist), muss Bruce erst einmal lernen, seine Heimatstadt zu verstehen.

Miller versteht es auf sehr geschickte Weise, Bruce Wayne und James Gordon einander gegenüberzustellen. Wo Bruce mit dem Flugzeug ankommt, abermals separiert von der Stadt, nimmt Gordon den Zug – und beide wünschen sich, das jeweils andere Transportmittel genommen zu haben. Wie so häufig hat Bruce keine „normalen“ Probleme, er hat ein Anwesen, einen Butler und mehr Geld, als er sich wünschen könnte. Stattdessen sucht er ein Ventil, er hat die Absicht, etwas zu verändern, weiß aber nicht wie. Gordons Probleme hingegen sind nur allzu nachvollziehbar: Wenig Geld, eine schwangere Frau und völlig korrupte Kollegen und Vorgesetzte. Gordon könnte sich schmieren lassen und wie alle anderen Polizisten von Gotham werden, was viele seiner Probleme lösen würde, doch dazu ist er zu aufrecht und ehrenhaft. Gleichzeitig ist er alles andere als perfekt, er verliebt sich in seine Kollegin Sarah Essen und beginnt eine kurze Affäre mit ihr. Und natürlich war Gordon in kaum einem anderen Batman-Comic jemals so aktiv wie hier. Normalerweise aktiviert er das Bat-Signal, erklärt, wo es Probleme gibt und räumt dann hinterher auf. Millers Gordon dagegen ist deutlich jünger, dynamischer, wir beobachten ihn bei den Ermittlungen und bei seinem Kampf gegen die Korruption in Gotham. Immer wieder lässt Miller Batman und Gordon als Gegenstücke zueinander auftreten, der Schicksale einander widerspiegeln und miteinander verknüpft sind. Zusätzlich deutet er an, dass Gordon bereits seit dem Finale dieser Geschichte wissen könnte, dass Batman Bruce Wayne ist.

Stadt der Sünde
Frank Millers Faszination mit dem Konzept eines modernen Sodom (oder Gomorrha, wer das bevorzugt) ist nur allzu bekannt. Bereits in seinen Daredevil-Geschichten zeigte Miller New York und Hell’s Kitchen als einen urbanen, von Kriminalität verseuchten Moloch. Gotham City ist die nächste, logische Stufe der Evolution, die schließlich im von Miller für Dark Horse geschaffenen „Sin City“ gipfelt. Viele Ideen, die Miller später auf den Gipfel treiben würde, werden hier bereits angeschnitten, etwa das Rotlichtviertel mit sehr wehrhaften Prostituierten, die völlig korrupte Polizei oder die übermächtigen Gangster. Wo in „The Dark Knight Returns“ groteske Superschurken Gotham dominierten, sind die Dämonen dieser besonderen Hölle in „Year One“ nur allzu menschlich – und damit deutlich interessanter als beispielsweise der Mutantenanführer. Die primären Widersacher Batmans (und Gordons) sind Arnold Flass, Gordons Partner, Commissioner Gillian Loeb und der Mafiaboss Carmine Falcone. Alle drei repräsentieren verschiedene Stufen der Korruption. Flass ist lediglich ein Erfüllungsgehilfe, ebenso sehr Gefangener des Systems wie Wärter – mit ihm wird Gordon selbst fertig, er bleibt nicht besonders lang eine Bedrohung. Loeb hingegen ist als hochrangiger Beamter deutlich gefährlicher, ein dunkles Spiegelbild des Commissioners, der Gordon später einmal werden wird. Und dann wäre da noch Carmine Falcone, der hier Gothams Unterwelt repräsentiert und als die Wurzel allen Übels wahrgenommen wird, was er in letzter Konsequenz natürlich nicht ist. Tatsächlich wird Falcone in „Year One“ auch nicht wirklich besiegt, lediglich von Batman und Catwoman gedemütigt, während Loeb immerhin als Commissioner zurücktreten muss, nachdem der Versuch, Gordon durch die Bedrohung seiner Familie gefügig zu machen, scheitert. Interessanterweise fühlt sich „Year One“ trotzdem wie eine runde Sache – Miller ist hier ein sehr guter Balanceakt gelungen. Man kann „Year One“ als eigenständige, in sich abgeschlossene Geschichte lesen, aber eben auch als ersten Teil einer größeren Saga. Mit Jeph Loebs und Tim Sales „Batman: The Long Halloween” gibt es erfreulicherweise eine relativ direkte Fortsetzung, die „Year One“ mindestens ebenbürtig ist. Wie dem auch sei, „Year One“ mutet nie als Superhelden-Geschichte, sondern eher als Crime Thriller an, Batman verfügt noch nicht über die überlegen Technik und die Gewalt ist verhältnismäßig realistisch und bodenständig.

Visuelle Umsetzung
David Mazzucchelli arbeitete vor allem in den 80ern für die beiden Großverlage Marvel und DC, während er sich ab den 90ern stärker auf persönliche Projekte wie die Anthologieserie „Rubber Blanket“ konzentrierte. Vor „Year One“ zeichnete Mazzucchelli unter anderem viele Ausgaben von Marvels „Daredevil“, darunter auch „Daredevil: Born Again“, ebenfalls verfasst von Frank Miller. Im direkten Vergleich fällt, auf, wie stark Mazzuchelli seinen Stil modifiziert bzw. weiterentwickelt hat. „Born Again“, nur etwa ein Jahr vor „Year One“ erschienen, entspricht etwa dem Superhelden-Standard dieser Dekade, Millers eigner Zeichenarbeit vor „The Dark Knight Returns“ gar nicht so unähnlich. „Year One“ dagegen wirkt, in Ermangelung eines besseren Wortes, deutlich „europäischer“, der Stil ist reduzierter, klare Linien dominieren. Vor allem Mazzucchellis Figurenoptik ist von „The Dark Knight Returns” so weit entfernt wie nur vorstellbar. Wo Millers Panels von oft grotesk überzeichneten Charakteren dominiert werden, herrscht in „Year One“ ein deutlich stärkerer Realismus vor. Batman ist nicht riesig und übertrieben muskulös, kein Halbgott in Spandex, sondern ein zwar durchtrainierter, aber normal proportionierter Mann in einem Kostüm. Dennoch bauen Autor und Zeichner sie auch die typischen, stilistisch überhöhten Batman-Momente ein, etwa wenn er sich den versammelten korrupten Eliten Gothams zum ersten Mal im Haus des Bürgermeisters präsentiert, um so auf die Figur zu verweisen, die Batman einmal werden wird.
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Mazucchelli und Miller entschlossen sich bewusst, sich visuell an den stärker reduzierten Batman-Comics der Jahre 1939 und 1940 zu orientieren und den Dunklen Ritter so zu seinen Noir-Wurzeln zurückzuführen. Alles wirkt bodenständig, schmutzig, grimmig und realistisch, nicht zuletzt dank der hervorragenden Farbgebung von Richmond Lewis. Besonders hervorzuheben sind in diesem Kontext auch die vielen kleinen Details, die Millers und Mazzucchellis Gotham lebendig werden lassen. Im Umfeld von Comissioner Loeb tauchen beispielsweise immer wieder Cartoon-Figuren oder ähnliche, zynisch platzierte Sinnbilder der Unschuld auf: eine Peanuts-Lampe auf dem Schreibtisch, ein Clown-Porträt im Büro oder Micky Maus auf dem Revers. Hierdurch wird visuell auf den Kontrast zwischen der jovialen Art, mit der sich Loeb präsentiert, und seinem wahren Wesen hingewiesen. Sehr gelungen ist auch die optische Darstellung der wechselnden Jahreszeiten, da „Year One“ tatsächlich im Januar beginnt und im Dezember endet.

Adaptionen und Einfluss
Der Einfluss, den „Batman: Year One“ hatte, ist kaum geringer als der von „The Dark Knight Returns“. Wie bereits erwähnt galt dieser Handlungsbogen lange als DIE definitive Origin der Figur. Und mehr noch, Millers und Mazzuchellis Werk inspirierte eine ganze Reihe an Serien, Miniserien und One-Shots, die in Batmans Anfangsjahren spielen und ihn als jungen Verbrechensbekämpfer zeigen. 1989 startete DC beispielsweise die Serie „Batman: Legends of the Dark Knight“, deren Handlungsbögen genau dieser Prämisse folgten und an „Year One“ anknüpften, auch wenn sich das im späteren Verlauf änderte. Die 2006 gestartete Serie „Batman Confidential“ kehrte ebenfalls in die Anfangszeit des Dunklen Ritters zurück. Und dann sind da natürlich noch die Miniserien und One-Shots, die „Year One“ direkt fortsetzen – zu diesen gehört unter anderem Ed Brubakers und Doug Mahnkes „Batman: The Man Who Laughs“ (die erste Begegnung zwischen Batman und dem Joker, die am Ende von „Year One“ angedeutet wird), „Batman and the Monster Men“ und „Batman and the Mad Monk“, in welchen Autor und Zeichner Matt Wagner klassische Geschichten aus dem Jahr 1939 modernisierte und natürlich „The Long Halloween“ und „Dark Victory“, in welchem Jeph Loeb und Tim Sale darstellen, wie aus dem von Gangstern regierten Gotham eine Stadt der durchgedrehten Superschurken wird und wie Carmine Falcones Herrschaft endet. Darüber hinaus gab es auch zwei (zumindest dem Namen nach) direkte Sequels, „Batman: Year Two“ (von Mike W. Barr und diversen Zeichnern) und „Batman: Year Three“ (von Marv Wolfman und Pat Broderick), die allerdings bald wieder aus der Kontinuität flogen und durch die beiden Graphic Novels von Loeb und Sale quasi ersetzt wurden. Darüber hinaus wurde der Titel „Year One“ bei DC sehr beliebt, eine ganze Reihe von Figuren (Robin, Batgirl, Green Arrow, Superman) erhielten im Lauf der Jahrzehnte ebenfalls Year-One-Miniserien. Und als DC im Rahmen der New 52 einen Reboot veranlasste, beauftragte man Scott Snyder und Greg Capullo damit, Batmans Origin zu aktualisieren – sowohl inhaltlich als auch bezüglich des Titels verweist „Batman: Zero Year“ natürlich auf „Year One“.

Ähnlich wie „The Dark Knight Returns“ hinterließ „Year One” auch in andere Medien Spuren. 2011 erschien im Rahmen der „DC Universe Animated Original Movies“ eine Direktadaption mit Bryan Cranston als James Gordon, Ben McKenzie (der in „Gotham“ später einen jungen Gordon spielen sollte) als Bruce Wayne, Eliza Dushku als Selina Kyle und Jon Polito als Gillian Loeb. Bei diesem Animationsfilm handelt es sich im Grunde um eine bewegte Version des Comics, die allerdings kaum etwas hinzufügt oder anderweitigen Mehrwert bietet. Deutlich interessanter sind die Elemente von „Year One“, die in diversen anderen Adpaitonen auftauchen.

Bereits in „Batman: Mask of the Phantasm“ (1993), der ersten Film-Ausgliederung von „Batman: The Animated Series“, finden sich einige Verweise auf „Year One“, etwa in Bruce‘ missglücktem erstem Einsatz als Proto-Batman. Nachdem „Batman & Robin“ sich als Flop erwies, spielte man immer wieder mit dem Gedanken, „Year One“ zu adaptieren, zuerst überlegte Joel Schumacher selbst, sich an die Umsetzung zu machen, später verpflichtete Warner Bros. Darren Aronofsky – aus beiden Plänen wurde bekanntermaßen nichts. Dennoch beinhaltet der Batman-Film, der 2005 schließlich in die Kinos kam, immer noch viele Inhalte, die direkt aus „Year One“ stammen. Gerade die Figurenkonstellation in Chris Nolans „Batman Begins“ orientiert sich sehr stark an Millers und Mazzucchellis Geschichte, auch wenn die Charaktere nicht immer unbedingt ihrem Comicgegenstück entsprechen. Der von Gary Oldman gespielte James Gordon kommt zwar nicht frisch aus Chicago nach Gotham, entspricht aber sonst sehr genau der Vorlage. Auf Arnold Flass‘ Persönlichkeit trifft dasselbe zu, auch wenn er im Film klein, dick und dunkelhaarig statt groß, muskulös und blond ist. Nolans Commissioner Loeb hat hingegen nur den Namen der Figur aus „Year One“, entspricht aber optisch und charakterlich eher Michael Akins, der in der Zeit, als „Batman Begins“ in die Kinos kam, als Gordons Nachfolger dem GCPD vorstand. Carmine Falcone, gespielt von Tom Wilkinson, ist in Nolans Gotham ebenfalls der mächtigste Gangsterboss, erinnert optisch allerdings eher an seinen Rivalen Salvatore Maroni, während der in „The Dark Knight“ auftauchende Maroni dem Comic-Falcone visuell viel eher entspricht. Darüber hinaus taucht Falcone, gespielt von John Doman, in der Fox-Serie „Gotham“ auf, die sie sich außerdem immer wieder bei „Year One“ bedient. Und als wäre das nicht genug, wird Falcone in Matt Reeves‘ allem Anschein nach ebenfalls von „Year One“ beeinflussten „The Batman“ eine Rolle spielen, dieses Mal dargestellt von John Turturro. Grundsätzlich gilt: Wann immer sich ein Medium, sei es Film, Comic, Serie oder Spiel („Arkham Origins“ ist das perfekte Beispiel) mit Batmans Anfangszeit beschäftigt, werden fast immer Elemente aus „Year One“ aufgegriffen.

Fazit: „Batman: Year One“ ist nicht nur eine der besten, wichtigsten und einflussreichsten Batman-Comics, sondern auch der ideale Einstiegspunkt. Wie schon bei „The Dark Knight Returns“ gilt: Wer sich mit Batman auch nur ansatzweise beschäftigen möchte, kommt an „Year One“ nicht vorbei.

Siehe auch:
Batman: The Dark Knight Returns

Bildquellen:
Titel
Batman
Gordon

Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Denkt man an Adaptionen von Bram Stokers Roman, kommen einem normalerweise sofort die Filme in den Sinn, aber auch im Bereich Comic treibt sich der berühmteste Vampir der Literaturgeschichte herum – und zwar in einem fast ebenso erschöpfenden Ausmaß wie in der Filmwelt. Comics, die Dracula in der einen oder anderen Form adaptieren oder zumindest integrieren, und sei es nur als Gag, finden sich sehr häufig – von Comics, in denen der Graf selbst nicht auftaucht, die aber trotzdem von ihm inspiriert sind, gar nicht erst zu sprechen. Was in diesem Artikel präsentiert wird, ist freilich nur eine unvollständige Auswahl. Außerdem habe ich Mangas erst einmal außen vorgelassen – diesen werde ich mich in der einen oder anderen Form später noch annehmen.

The Tomb of Dracula (Marv Wolfman u.a., Gene Colan, 1972-79)
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Unter den amerikanischen Comics der Titan in Bezug auf Stokers Grafen: Die Serie „The Tomb of Dracula“ lief von 1972 bis 1979 und umfasste 70 Ausgaben sowie einige Crossover- oder andere Sonderhefte. Bis in die 70er waren Vampire in Mainstream-Comics eine komplizierte Angelegenheit, da der Comics Code jegliche Art von Horror verbat. Als sich die Bestimmungen des Comics Code dann allerdings langsam lockerten, kamen Horror-Comics auch wieder aus dem Untergrund. Sowohl DC als auch Marvel nahmen sich des Sujets an – während DC Eigenkreationen wie Swamp-Thing ins Rennen schickte, verfuhr Marvel ganz ähnlich wie schon mit der nordischen Mythologie: Auch der Fürst der Vampire wurde ins Marvel-Universum integriert – wobei es relativ selten zu tatsächlichen Überschneidungen zwischen „The Tomb of Dracula“ und Marvels Superheldenserien kam. Auch andere Figuren aus Stokers Roman wurden übernommen: Quincy Harker, Jonathans und Minas Sohn, im Epilog des Romans ein kleines Kind, fungiert als alternder Vampirjäger, während Abraham Van Helsings Enkelin Rachel sich ebenfalls an der Vampirjagd beteiligt.

Einige Autoren schrieben für „The Tomb of Dracula“, aber es ist primär Marv Wolfman, der für den anhaltenden Erfolg der Serie verantwortlich war. Die visuelle Gestaltung der Serie blieb dagegen konstant, denn Gene Colan zeichnete alle 70 Ausgaben. Visuell lehnte er Dracula dabei nicht an Christopher Lee oder Bela Lugosi an, sondern orientierte sich an der derzeit aktuellsten Version der Figur, dargestellt von Jack Palance in einer britischen Fernsehproduktion aus dem Jahr 1973.

Was die inhaltliche Darstellung der Figur angeht, so versucht diese nicht, die Titelfigur allzu sympathisch zu darzustellen, wie es etwa Fred Saberhagen in seinem Roman „The Dracula Tapes“ tat. Stattdessen verfahren Wolfman und die anderen Autoren der Serie mit ihm nicht ganz unähnlich wie mit einem populären Marvel-Superschurken: Ein gewisses Maß an Komplexität (mehr, als sich in Stokers Roman findet) wird zugelassen, aber letztendlich ist der Graf dennoch zweifelsfrei böse. Ansonsten ist „The Tomb of Dracula“ vor allem für das Debüt eines ganz bestimmten Vampirjägers bekannt: Blade feierte seinen Einstand auf den Seiten dieser Serie, auch wenn er sich visuell und charakterlich noch stark von der von Wesley Snipes dargestellten Version der Figur unterschied. In dem Drehbuchautor und Regisseur David S. Goyer in „Blade: Trinity“ Dracula zum Schurken des Films machte, schloss sich dann auch der Kreis, wobei die von Dominic Purcell dargestellte Figur weder mit Stokers noch mit Wolfmans Graf allzu viel zu tun hat.

Dracula: Die Graphic Novel (Leah Moore, John Reppion, Colton Worley, 2009)
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Bei dieser Graphic Novel, adaptiert von Alan Moores Tochter Leah sowie John Reppion und bebildert von Colton Worley, handelt es sich um die direkteste Comicumsetzung von Stokers Roman, die mir bislang untergekommen ist. Moore und Reppion folgen der Handlung sehr genau und integrieren so oft wie möglich Teile von Stokers Originaltext. Auch die Beschreibungen des Romans werden sehr genau umgesetzt, besonders, was den Grafen selbst angeht. Wie im Roman tritt er zuerst als alter, in schwarz gekleideter Mann auf, der im Verlauf der Handlung kontinuierlich jünger wird. Der vielleicht interessanteste Aspekt ist der Umstand, dass Moore und Reppion auch den ursprünglich, von Stoker weggelassenen Prolog, der später von seiner Witwe Florence als Kurzgeschichte „Draculas Gast“ herausgegeben wurde, wieder in die Handlung integrieren. Wer also eine sehr romantreue Adaption sucht, macht mit „Dracula: Die Graphic Novel“ wohl wenig falsch. Mich konnte sie dennoch leider nicht völlig überzeugen, was primär mit Colton Worleys visueller Umsetzung zusammenhängt. Von Zeichnungen kann man eigentlich kaum reden, es handelt sich eher um gemalte Bilder, die allerdings zumindest auf mich wirken, als wären sie komplett am Computer entstanden. Worleys Stil sagt mir im Zuge von Stokers Geschichte schlicht nicht zu, die Panels wirken regelrecht steril und auch die Kolorierung weiß nicht wirklich zu überzeugen, weshalb kaum Atmosphäre aufkommt.

Bram Stoker’s Dracula (Roy Thomas, Mike Mignola, 1992)
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Dieser Comic hat einen besonderen Platz in meinem Herzen, denn er ist eine der ersten Versionen von „Dracula“, die ich konsumiert habe. Es handelt sich hierbei um die Comicadaption zu „Bram Stoker’s Dracula“, nach dem Skript von James v. Haart, umgesetzt von Roy Thomas und gezeichnet von Mike Mignola. Alles, was der Adaption von Moore, Reppion und Worley fehlt, findet sich hier – und das ist ausschließlich Mignola zu verdanken. Wer Mignolas andere Arbeiten, primär die Hellboy-Comics, kennt, weiß, dass er sich wie kein zweiter darauf versteht, herrlich dichte, gotisch-finstere Atmosphäre zu erzeugen. Auch hier fängt er die Stimmung des Films mit seinen markanten, tiefen Schatten ein. Darüber hinaus gelingt es ihm, auch die Figuren passend in Szene zu setzen, sodass sie einerseits ihren Darstellern ähneln, es aber, wie bei so vielen anderen Filmcomics, nicht wirkt, als habe er Standbilder abgezeichnet. Inhaltlich hält sich dieser Comic ebenso dicht an seine Vorlage wie „Dracula: Die Graphic Novel“, weshalb ich weitere Details erst im Filmkontext besprechen werde.

Dracula (Pascal Groci, Françoise-Sylvie Pauly, 2009)
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Wechseln wir nun von den anglo-amerikanischen amerikanischen Comics mal ein wenig zu den frankobelgischen. Nach eigener Aussage plante der französische Zeichner Pascal Groci gut 20 Jahre lang eine wie auch immer geartete Dracula-Adaption, bevor sie 2009 (unter Mitarbeit von Grocis Szenaristin Françoise-Sylvie Pauly) veröffentlicht wurde. Herausgekommen ist eine visuell äußerst ansprechende, aber stilistisch doch äußerst eigenwillige Umsetzung. Der Comic teilt sich in zwei Teile bzw. Bücher: Der erste beschäftigt sich mit Vlad dem Pfähler und trägt auch den Titel „Der Prinz der Walachei Vlad Țepeș“. Rahmen der Handlung ist ein Gespräch zwischen Bram Stoker und einem fiktiven Archivar des British Museum, in dem es natürlich um Vlad Țepeș geht. Der eigentliche Plot dreht sich um eine mögliche Vampirwerdung Vlads, bei der auch dessen (historisch verbürgte) Frau Prinzessin Cneajna eine Rolle spielt. Für die Vampirwerdung ist letzten Endes eine Vampirin verantwortlich, die sich als Maler tarnt und mit der Croci, quasi als Abschluss, auch eine Verknüpfung zu LeFanus Carmilla und zur in „Draculas Gast“ erwähnten Gräfin Dolingen von Gratz macht. Die Panels sind visuell beeindruckend gestaltet, leider ist die Handlung aber äußerst sprunghaft und auch ziemlich inkohärent, da Groci und Pauly viel mit Andeutungen arbeiten.

Das zweite Buch, „Die Sage nach Bram Stoker“, ist eine partielle Adaption von Stokers Roman. Groci und Pauly verwenden dabei fast ausschließlich Stokers Originaltext, entscheiden sich aber für eine äußerst eigenwillige Herangehensweise, die ein wenig an modernes Theater erinnert: Man sieht den Grafen kein einziges Mal, an seine Stelle treten Schatten, Statuen oder anders geartete, zumeist architektonische Andeutungen. Mich erinnert diese Herangehensweise ein wenig an eine Inszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ die ich einmal gesehen habe, in der man das titelgebende Schiff ebenfalls nie sieht – es wird immer nur suggeriert. Nebenbei entfernen Groci und Pauly auch diverse Nebenfiguren und -handlungsstränge, darunter Quincy Morris, Arthur Holmwood und John Seward. Auch hier gilt: Die graphische Umsetzung weiß durchaus zu gefallen, Grocis Bilder sind äußerst atmosphärisch, sie sind aber kaum eine wirkliche Umsetzung der Handlung des Romans, sondern eher zeichnerische Eindrücke der Recherchereisen nach Rumänien und England, die Groci unternommen hat. Dennoch, wer nach einer Dracula-Adaption der etwas anderen Art sucht und nicht allzu hohe Ansprüche an die Handlung setzt, könnte mit diesem zweiteiligen Werk durchaus glücklich werden.

Auf Draculas Spuren (Yves H., Hermann, Séra, Dany, 2006)
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Bei „Auf Draculas Spuren“ handelt es sich um eine dreibändige Comicserie, die sich mit verschiedenen Hintergründen des Romans auseinandersetzt. Autor aller drei Bände ist Yves H., die Zeichnungen stammen von unterschiedlichen Künstlern. Der erste Band, „Vlad der Pfähler“, setzt sich mit Vlad Țepeș auseinander, bleibt dabei aber eher oberflächlich und szenenhaft. Wer ohnehin bereits mit dem Leben des historischen Dracula vertraut ist, gewinnt leider kaum Mehrwert, während ein Leser, der über keine Vorkenntnisse verfügt, schnell verwirrt sein dürfte, da es dem Comic kaum gelingt, die politischen Hintergründe ausreichend zu erklären. Die Zeichnungen des französischen Künstlers Hermann sind leider ebenfalls nicht allzu überzeugend; sie sind zwar teilweise durchaus detailliert, gerade die Gesichter muten dabei aber oft merkwürdig an. Hinzu kommt die matte Kolorierung, die verhindert, dass wirklich Atmosphäre aufkommt.

Der zweite Band, „Bram Stoker“, ist sowohl inhaltlich als auch graphisch der Interessanteste. In extrem düsteren, poetischen Bildern, die ein wenig an eine Negativversion von Eddie Campbells Zeichnungen für „From Hell“ erinnern, erzählen Yves H. und Séra, der Zeichner dieses Bandes, die hochinteressante Geschichte eines abhängigen Mannes und wie er mit dieser Abhängigkeit umgeht. Dabei geht es allerdings nicht um Alkohol oder Drogen; Bram Stoker ist (bzw. war) abhängig von dem Schauspieler John Irving, von dessen Gunst und Wertschätzung. Stoker war Irvings Partner, Regisseur, Sekretär und Prügelknabe in einer Person und es ist äußerst faszinierend zu lesen, wie die Hassliebe zu seinem Arbeitgeber Stokers Roman beeinflusste.

Band 3 widmet sich dem Handlungsort „Transsylvanien“ und besitzt von allen drei Teilen den geringsten Mehrwert. Yves H. und sein Zeichner Dany schicken ein junges Pärchen, Dan und Marcia, durch Transsylvanien – er ist Comickünstler und reist nach Rumänien, um sich für einen anstehenden Vampircomic zu inspirieren, sie begleitet ihn. Was die beiden, neben Schauplätzen aus Vlad Draculas Leben erwartet, ist eine relativ konventionelle, leicht an Stokers Roman angelehnte Vampirgeschichte mit ein wenig Blut und Erotik. Die Zeichnungen wirken dabei merkwürdig fehl am Platz, Danys Stil passt eher zu humorvollen und weniger ernsten Comics; hier wirken die Zeichnungen, als hätte sich der Künstler gezwungen, etwas Ernstes und Düsteres zu machen und wäre daran gescheitert. Insgesamt lohnt sich also nur der zweite Band dieser dreiteiligen Reihe, die anderen beiden sind sowohl erzählerisch als auch visuell ungenügend bis enttäuschend.

Renfield: A Tale of Madness (Gary Reed, Galen Showman, 1995)
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Dieses und das nächste Werk haben einige Dinge gemeinsam. Auf beide bin ich durch Zufall beim Comichändler meines Vertrauens gestoßen und beide greifen ein bestimmtes Element aus Stokers Roman auf und schaffen daraus eine (mehr oder weniger) eigenständige Handlung. „Renfield: A Tale of Madness“ von Gary Reed und Galen Showman schildert die Ereignisse des Romans aus der Perspektive des Wahnsinnigen Renfield. Allzu viel Vorgeschichte wird nicht geboten, der Comic beginnt mit Renfields Ingewahrsamnahme und Einlieferung in Dr. Sewards Sanatorium. Reed zeigt, wie Renfield langsam Dracula verfällt und durch Visionen auch die eine oder andere Schlüsselstelle des Romans indirekt miterlebt (etwa Jonathan Harkers Begegnung mit den drei Vampirinnen auf Draculas Schloss). Gewürzt ist das Ganze, in bester Stoker-Tradition, mit eingestreuten Tagebucheinträgen und Briefen. Reeds spezifisches Vorhaben war es, diese Geschichte so zu erzählen, als handle es sich dabei um geschnittene Szenen des Originals, was ihm im Großen und Ganzen auch gelungen ist.

Visuell erinnerte der Comic ein wenig an Mike Mignolas Adaption von „Bram Stoker’s Dracula“ – tatsächlich könnte man sich durchaus vorstellen, dass eine Dracula-Adaption von Mignola, die sich nicht an diesem spezifischen Film orientiert, optisch in diese Richtung hätte ausfallen können. Szenarist Galen Showman zeichnet insgesamt zwar etwas detaillierter und weniger kantig als Mignola, arbeitet aber ebenfalls mit sehr ausdrucksstarken Schatten und Schwarzflächen, die besonders dann zum Einsatz kommen, wenn Dracula anwesend ist. Die Entscheidung, auf Kolorierung zu verzichten, erweist sich als äußerst gelungen und verstärkt die gotische Atmosphäre zusätzlich. „Renfield: A Tale of Madness“ ist somit eine äußerst gelungene und atmosphärische Ergänzung zu Stokers Roman.

Bram Stoker’s Death Ship (Gary Gerani, Stuart Sayger, 2010)
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„Bram Stoker’s Death Ship“ ist ähnlich konzipiert wie „Renfield: A Tale of Madness”, greift sich aber nicht eine Figur des Romans heraus, sondern eine Sequenz, und baut diese weiter aus: Das Tagebuch des Captains der Demeter, auf der Dracula in Whitby ankommt. Das bedeutet allerdings auch, dass „Death Ship“ weitaus eigenständiger funktioniert als „Renfield“, denn die einzigen beiden Figuren von Stoker sind der im Roman wie im Comic namenlose Captain sowie natürlich Dracula selbst. Die Crewmitglieder sind im Grunde komplett neue Figuren, da Stoker sie im Roman verständlicherweise nicht umfassend charakterisiert.

Das Problem hier ist, dass man als Leser natürlich schon weiß, wie die Geschichte endet und dass sie, anders als „Renfield“, „Dracula“ nicht wirklich anreichert. Konzipiert ist das Ganze letztendlich ähnlich wie „Alien“ (der Autor erwähnt es im Nachwort sogar selbst). Dracula ist hier fast ausschließlich ein Monster, das sich ein Besatzungsmitglied nach dem anderen krallt, lediglich am Ende gibt es eine kurze Interaktion zwischen dem Captain und Dracula, bei der sich der Graf als ungewöhnlich gnädig erweist. Ansonsten ist „Death Ship“ leider sowohl als Teil des „Dracula-Mythos“ als auch als eigenständige Geschichte eher enttäuschend – um als Ersteres zu funktionieren, fehlt der Mehrwert, und für Letzteres mangelt es an Spannung oder interessanten Figuren. Die Zeichnungen von Stuart Sayger verdienen noch ein paar Worte: Sein Stil ist etwas eigenwillig und verwaschen. Während er durchaus gut Atmosphäre erzeugen kann, gefallen mir die zum Teil verzerrten Gesichter der Figuren überhaupt nicht.

Requiem, der Vampirritter (Pat Mills, Olivier Ledroit, ab 2000)
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Autor Pat Mills ist eigentlich ein britischer Schreiberling, mit „Requiem, der Vampirritter“ versuchte er sich aber auch an einer Serie im frankobelgischen Stil, die von Olivier Ledroit phänomenal graphisch umgesetzt wird. Die Handlung folgt dem jungen Wehmachtssoldaten Heinrich, der im Zweiten Weltkrieg umkommt und darauf hin in einem Jenseits der besonderen Prägung landet, in dem man nach dem Tod als mythische Kreatur wiedergeboren wird, je nach Art und Grad der Sünden im Leben. Die meisten normalen Menschen enden als Zombies, Kindsmörderinnen werden zu Harpyien, religiöse Fanatiker zu Werwölfen und die Schlimmsten der Schlimmsten – etwa Attila der Hunne, Aleister Crowley, Caligula, Nero, etc. – zu Vampiren. Dass in dieser Welt auch Vlad Țepeș ein Vampir ist, dürfte nicht weiter verwundern. Es handelt sich dabei aber nicht „nur“ um den historischen Vlad, es finden sich auch genug Stoker-Anleihen. Wie so oft fungiert Dracula, der hier wie im Roman als „Graf“ und nicht, wie es eigentlich sein müsste, als „Voivode“ oder „Fürst“ bezeichnet wird, als „König der Vampire“. Mehr noch, als einziger Vampir dieser jenseitigen Vorhölle wurde er bereits zu Lebzeiten auf Erden zum Blutsauger. Optisch erinnert dieser Dracula an wenig an eine stark übertrieben Version des Gary-Oldman-Draculas aus Francis Ford Coppolas Film, er verfügt über einen mächtigen Schnauzbart und trägt eine dunkelrote Rüstung. Allerdings ist dieser Dracula das pure Böse, verdeutlicht durch die schwarzen Engelsflügel auf seinem Rücken. Ähnlich wie der Roman-Dracula gibt es hier keinerlei Schattierungen, stattdessen haben wir einen Vampirfürsten ohne das geringste bisschen Mitgefühl, der mit Freuden die größten Untaten anrichtet.

Batman/Dracula: Red Rain (Doug Monech, Kelley Jones, 1991)
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Bei „Batman/Dracula: Red Rain“ handelt es sich um eine Elseworld-Geschichte: Im Rahmen dieses Labels haben DCs Kreativschaffende (in diesem Fall Autor Doug Moench und Zeichner Kelley Jones) freie Hand mit den Figuren, müssen sich nicht an die etablierte Kontinuität halten und dürfen die absurdesten Prämissen austesten, etwa: Was wäre, wenn Batman auf Dracula treffen würde? „Red Rain“ und die beiden Fortsetzungen „Bloodstorm“ und „Crimson Mist“ sind sehr interessante Batman-Geschichten, da Batman in ihnen letztendlich selbst zum Vampir wird und mit seinem Kodex auf einer Art und Weise konfrontiert wird, die normalerweise nicht möglich ist. In Bezug auf Dracula, der den ersten Band nicht überlebt, ist „Red Rain“ aber leider eher enttäuschend. Dracula ist hier kaum mehr als ein Vehikel, um den Vampirismus nach Gotham City zu bringen. Er ist ein stereotyp böser Vampirfürst, der über so gut wie keine individuellen Charakterzüge verfügt, nicht einmal optisch sticht er hervor – tatsächlich ist er kaum von Bruce Wayne zu unterscheiden. Im Grunde wird weder zu Stokers Romanfigur, noch zum historischen Dracula irgendeine Beziehung hergestellt. Lediglich ein ähnliches Ziel findet sich bei beiden Versionen: Wie London im Roman hat Dracula Gotham City als seine neuen Jagdgründe auserkoren, weil in einer Stadt wie dieser noch ein paar weitere Tote schlicht nicht auffallen.

The Batman vs. Dracula (Sam Liu, Brandon Vietti, Seung Eun Kim, 2005)
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Es existiert noch ein weiteres Zusammentreffen zwischen dem Dunklen Ritter und dem König der Vampire. Dieser Direct-to-DVD-Zeichentrickfilm aus dem Jahr 2005 ist eine Auskopplung der Serie „The Batman“ (nicht zu verwechseln mit der weit überlegenen „Batman: The Animated Series“), die ich aufgrund der thematischen Überschneidung noch im Rahmen dieses Artikels bespreche. Es handelt sich dabei nicht um eine Adaption von „Red Rain“, auch wenn die Grundprämisse eine ähnliche ist: Dracula kommt nach Gotham City und muss sich mit Batman messen. Im Gegensatz zu „Red Rain“ wird Batmans Schurkenriege in größerem Ausmaß mit einbezogen. Wo „Red Rain“ eher eine definitiv nicht jugendfreie Charakterstudie ist und den Fokus auf Batman und seinen Moralkodex legt, der die Wandlung Bruce Waynes zum Vampir überstehen muss, ist „The Batman vs. Dracula“ weitaus konventioneller und natürlich weniger drastisch. Dennoch finden sich hier weitaus mehr Anspielungen auf Stokers Roman und das popkulturelle Vermächtnis der Figur. So beginnt Dracula im Film als leichenartig ausgezehrtes Monstrum, um im Verlauf jünger und attraktiver zu werden. Der Pinguin übernimmt im Film die Rolle Renfields und legt ein ähnliches Gebaren an den Tag. Wie Bela Lugosis und Gary Oldmans Dracula mischt sich auch dieser Graf unter die feine Gesellschaft und spricht dabei mit osteuropäischem Akzent, während er visuell ein wenig an Christopher Lee angelehnt ist. Ähnlich wie in „The Tomb of Dracula“ wird der Vampirfürst hier als relativ typischer Superschurke charakterisiert, der eine Art vampirische Apokalypse nach Gotham bringen will (auch hier scheint Christopher Lees Graf Pate zu stehen, zumindest in einem der zahlreichen Hammer-Sequels hatte er schon einmal einen ähnlichen Plan). Das Problem hier ist, dass Dracula außerdem noch diverse, ziemlich widersprüchliche Motivationen und Ziele hat, die wirken, als hätte man sie aus den diversen bisherigen Inkarnationen zusammengestückelt, sodass der Graf in diesem Film einfach nicht besonders gut als Schurke für Batman funktioniert.

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman

Bildquellen:
Tomb of Dracula
Dracula: Die Graphic Novel
Bram Stoker’s Dracula
Pascal Grocis Dracula
Auf Draculas Spuren
Renfield: A Tale of Madness
Bram Stoker’s Death Ship
Requiem: Der Vampirritter
Red Rain
Batman vs. Dracula

Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 5: Das Bronzene Zeitalter

Das Bronzene Zeitalter, datiert von Anfang der 70er bis Mitte der 80er, ist weit weniger leicht einzugrenzen als das Goldene oder Silberne. Es gab weniger prägende bzw. einschneidende Ereignisse oder eindeutige Charakteristika. Insofern ist das Bronzene Zeitalter vor allem von einer gewissen Ambivalenz und einer Gegensätzlichkeit geprägt. Dies zeigt sich bereits an der Schwierigkeit, einen genauen Beginn festzumachen – mögliche Ereignisse habe ich bereits im Rahmen des Artikels zum silbernen Zeitalter diskutiert.

Insgesamt zeichnet sich das Bronzene Zeitalter durch eine Auflockerung des Comic Code aus, sodass es nun möglich war, Comics, besonders Superhelden-Comics, realistischer und aktueller zu gestalten. Einerseits entwickelte sich das Artwork weiter, die Zeichnungen wurden komplexer und realistischer, und andererseits spiegelten die Comics auch die Lage der USA Ende der 60er, Anfang der 70er, geprägt von Rassenunruhen, der Regierung Richard Nixons und der Ölkrise wider. In zunehmendem Ausmaß wurden aktuelle Probleme in Comics, speziell Superheldencomics, verarbeitet, die sich von den völlig absurden Science-Fiction-Abenteuern des Silbernen Zeitalters distanzierten.

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Green Lantern und Green Arrow als „Hard Travelling Hereos“

So war das Bild Batmans in den 60ern primär geprägt von der Fernsehserie mit Adam West, die den albernen Ton der Comics dieser Zeit genau einfing. Nachdem die Serie geendet hatte, veränderten sich allerdings die Comics. Vor allem drei Namen sind in diesem Zusammenhang zu nennen: Julius Schwartz, Denny O’Neill und Neal Adams. Schwartz wurde zum Redakteur der Batman-Serien und tilgte nach und nach viele der abgehobeneren Elemente der vorangegangenen Ära und besann sich in größerem Ausmaß auf die Wurzeln der Figur. Aus Batman wurde wieder ein Mitternachtsdetektiv, der sich mit tatsächlichen Verbrechen und sogar moralischen Zwickmühlen auseinandersetzt. Alte Schurken wurden revitalisiert – so war es dem Joker, zuvor ein harmloser Spaßmacher, nun wieder erlaubt zu morden. O’Neill und Adams waren DAS Autor/Zeichner-Duo dieser Ära Batmans und schufen gemeinsam einen weiteren ikonischen Schurken des Dunklen Ritters: Ra’s al Ghul, der als Ökoterrorist eine nie gekannte Aktualität besaß. Auch anderen Helden von DC verhalfen die beiden zur Aktualität, etwa Green Lantern und Green Arrow. O’Neill ließ die beiden grün gewandeten Helden als „Hard Travelling Hereos“ auf den Seiten der Green-Lantern-Serie Anfang der 70er durch Amerika wandern und sich dabei mit diversen realweltlichen Problemen wie Armut, Rassismus oder Drogensucht (u.a. wurde Green Arrows Sidekick Speedy zum Junkie) auseinandersetzen, wobei sie politische Standpunkte repräsentierten (Lantern konservativ, Arrow liberal).

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Aus Captain America wird der staatenlose Nomad

Bei Marvel spielte sich ähnliches ab. Erste Versuche wurden unternommen, ein wenig Diversität ins Gerne zu bringen; mit Luke Cage und Falcon debütierten die ersten afroamerikanischen Superhelden und die X-Men wurden mit vielen neuen Mitgliedern aus allen möglichen Ländern (Wolverine aus Kanada, Storm aus Kenia, Colossus aus Russland usw.) revitalisiert. Allgemein wurde der Status der X-Men als Allegorie für alle möglichen Minderheiten unter Autor Chris Claremont zementiert; die meisten wegweisenden X-Men-Comics stammen aus dieser Ära und aus Claremonts Feder, von „Days of Future Past“ über die „Dark Phoenix Saga“ bis zu „God Loves, Man Kills“ (in meinen Augen nach wie vor der beste X-Men-Comic überhaupt; nicht von ungefähr war er auch die lose Vorlage für „X2: X-Men United“). Die Lockerung des Comics Code erlaubte es den Autoren auch, sich mit persönlicheren und schwierigeren Themen zu beschäftigen, die zuvor in Superheldencomics eher abwesend waren. Iron Man musste sich im Rahmen des Storybogens „Demon in the Bottle“ (verfasst von David Michelinie und Bob Layton) mit seinem Alkoholismus auseinandersetzen und in „The Death of Captain Marvel“ von Jim Starlin starb ein Superheld nicht etwa heroisch im Kampf, sondern wegen einer Krebserkrankung. Auch Politik fehlte nicht: Als Reaktion auf Nixon und Watergate legte Captain America zweitweise sein blau-weiß-rotes Kostüm ab und bekämpfte als staatenloser Nomad das Verbrechen.

Aus heutiger Sicht mögen viele dieser Geschichten ein wenig zu plakativ und unsubtil sein, hin und wieder fühlt man sich schon beinahe mit einem allegorischen oder moralischen Holzhammer erschlagen, im Kontext ihrer Zeit waren diese Geschichten wegen ihrer Aktualität und ihren Themen geradezu revolutionär. Viele von ihnen gelten nach wie vor (und völlig zu Recht) als Klassiker – es hat seinen Grund, weshalb gerade diese Geschichten oft für die Filmadaptionen herangezogen werden.

Auch bezüglich des Genres konnten die Verlage ihr Angebot erweitern. So waren Horrorcomics vom Comics Code lange verboten worden. In den 70ern begann Marvel dann jedoch sehr erfolgreich, andere Genres auszutesten, etwa mit „The Tomb of Dracula“; auf den Seiten dieser Serie debütierte auch der Vampirjäger Blade. Als vages DC-Gegenstück könnte „The Swamp Thing“ betrachtet werden; diese Serie ist ebenfalls im Horrorbereich anzusiedeln und verdankt ihre Qualität vor allem Alan Moore.

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The Confessions of Robert Crumb

An der Underground-Front entwickelte man sich ebenfalls weiter. Während es in den 60ern vor allem darum ging, die Konventionen des Comics Code herauszufordern und zu provozieren, rückte nun der künstlerische Anspruch in den Vordergrund. Die Comix des Untergrunds wurden avantgardistischer, persönlicher und vor allem autobiographischer. Robert Crumb, dessen Kurzgeschichte „The Confessions of Robert Crumb“ wegweisend war, darf hier nicht unerwähnt bleiben, aber auch andere Künstler der Comix-Szene, etwa Harvey Pekar oder Art Spiegelman (zu ihm in einem späteren Artikel mehr) folgten diesem Trend. Gleichzeitig verloren die Underground-Comix durch das Aufweichen des Comics Code an Bedeutung: Da im Mainstream nun weitaus mehr Themen behandelt werden konnten, musste man sie nicht mehr zwangsläufig im Untergrund suchen. Schließlich und endlich hat auch die Graphic Novel ihren Ursprung im Bronzenen Zeitalter. Ihre Entstehung sowie einige spezifische Publikationen aus der Mitter der 80er markieren zugleich das Ende des bronzenen Zeitalters. Zum einen wären da Marvels „Secret Wars“ (1984/85, von Jim Shooter, Mike Zeck und Jim Layton) und DCs „Crisis on Infinite Earths“ (1985/86, von Marv Wolfman und George Pérez). Bei beiden handelt es sich um die ersten großen, das gesamte jeweilige Superheldenuniversum umspannende Crossover, die fortan stilbildend waren und inzwischen pro Jahr mindestens ein Mal kommen. Und zum anderen hätten wir da noch die „großen Drei“, die im nächsten Artikel ausgiebig besprochen werden.

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter
Teil 3: Das Goldene Zeitalter
Teil 4: Das Silberne Zeitalter