JLA: New World Order

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Eigentlich sollte ich dieses Jahr wegen einem Film äußerst gehypt sein. Hätte man mir vor 2013 gesagt, dass in absehbarer Zeit ein Justice-League-Film kommen würde, wäre ich sicher äußerst begeistert gewesen, denn die Justice League ist mein Lieblingssuperheldenteam, noch vor den X-Men, den Teen Titans oder den Avengers. Die ersten Comics, die ich im zarten Alter von sieben oder acht Jahren las, waren (neben Batman-Solo-Geschichten, versteht sich) Justice-League-Comics. Unglücklicherweise kamen seither mit „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Suicide Squad“ drei Filme, die nicht nur mich ernsthaft daran zweifeln ließen, dass Warner Bros. die Comics, die sie da adaptieren, auch wirklich verstehen. Immerhin „Wonder Woman“ scheint nach dem, was man so hört, Anlass zur Hoffnung zu geben. Auch wenn ich dem Justice-League-Film, der im November startet, mit negativen Gefühlen entgegenblicke, möchte ich ihn doch zum Anlass nehmen, ein wenig über mein Lieblingssuperheldenteam, bzw. die Inkarnation besagten Teams, die mich dazu gebracht hat, mich in es zu verlieben, zu schreiben.

Die Justice League – ein kurzer Abriss

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The Brave and the Bold #28 (Bildquelle)

Nachdem das Medium Comic im Allgemeinen und das Superheldengenre im Speziellen in den frühen 1950ern eine schwere Zeit durchmachte, bekam es Ende der Dekade langsam wieder Aufwind. DC Comics gelang es, Figuren aus den 40ern, etwa Flash und Green Lantern, mit neuen Identitäten wiederzuerwecken. Schon bald wurde eine weitere Idee aus den 40ern reaktiviert: Das Superheldenteam. Während des Zweiten Weltkriegs hatten sich DCs Helden zur „Justice Society of America“ zusammengefunden. Im Jahr 1960, in Ausgabe 28 der Anthologieserie The Brave and the Bold debütierte die „Justice League of America“. In ihrer Grundformation bestand die Justice League, kurz JLA, aus den sieben größten Superhelden des Verlags: Superman (Clark Kent), Batman (Bruce Wayne), Wonder Woman (Diana Prince), Flash (Barry Allen), Green Lantern (Hal Jordan), Aquaman (Arthur Curry) und Martian Manhunter (J’onn J’onzz). Die Liga erwies sich als äußerst erfolgreich und bekam schon bald ihre eigene Serie. Im Verlauf kamen neue Mitglieder wie Green Arrow, Zatanna, Atom oder Black Canary hinzu und nach und nach veränderte sich das Team immer weiter, Helden kamen und gingen, Hauptquartiere wechselten und die Liga teilte sich in mehrere Teams auf, etwa in die „Justice League Europe“ oder die „Justice League International“. Besonderes Letztere wandte sich in den 80ern unter den Autoren Keith Giffen und J. M. DeMatteis von der Idee des Teams aus den größten Superhelden der Welt, die diese vor übermäßigen Bedrohungen retten, ab und konzentrierte sich stärker auf absurden Humor.

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Die sieben ursprünglichen Mitglieder der JLA, in Szene gesetzt von Alex Ross: Green Lantern, Flash, Superman, Batman, Wonder Woman, Aquaman, Martian Manhunter (Bildquelle)

Die frühen 90er waren geprägt vom Erbe von „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“: Völlig amoralische Antihelden, die sich kaum noch von den Schurken unterschieden, waren gerade modern. Einigen Autoren bei DC sagte dieser Trend überhaupt nicht zu. Bereits mit „Kingdom Come“ bemühte sich Mark Waid, in Zusammenarbeit mit Alex Ross, um eine Rekonstruktion des Superheldengenres. Zusammen mit Fabian Nicieza, seines Zeichens Mitschöpfer von Deadpool, verfasste er 1996 für DC eine Miniserie namens „A Midsummer’s Nightmare“, die diesen Trend fortsetzte und gleichzeitig die diversen schwächelnden Justice-League-Serien beendete, indem sie stattdessen eine neue Justice League versammelte. Auf die dreiteilige Miniserie folgte 1997 eine neue, fortlaufende Justice-League-Serie, geschrieben von Grant Morrison, die auf „A Midsummer’s Nightmare“ aufbaut – diese Serie ist das eigentliche Sujet dieser Artikelreihe. Hier werde ich die diversen Storybögen der JLA-Serie besprechen, wobei ich mich an den amerikanischen Paperbacks orientiere.

Die Ligisten
Bei der Konzeption der neuen Liga orientierten sich Waid und Morrison an den klassischen sieben Helden der ersten Inkarnation. Natürlich mussten dabei die jeweils aktuell laufenden Storys der einzelnen Helden, die alle eine (bzw. im Fall von Batman und Superman diverse) laufende Serien hatten, miteinbezogen werden. In den späten 80ern und den 90ern war DC von einer Tendenz des Wandels geprägt. Manche Änderungen waren nur temporär, hatten aber dennoch weitreichende Auswirkungen. Superman wurde von Doomsday getötet, während Bane Batmans Rückgrat brach und er durch den psychisch instabilen Jean-Paul Valley ersetzt wurde. Selbst Wonder Woman wurde zeitweise durch die rabiatere rothaarige Amazone Artemis vertreten. Diese Änderungen wurden wieder rückgängig gemacht, hinterließen aber ihre Spuren und prägte die Figuren für die 90er. Anders verhielt es sich mit Flash und Green Lantern. Barry Allen starb bereits während des Großevents „Crisis on Infinite Earths“ und wurde durch seinen Sidekick Wally West ersetzt. 1994 entschloss man sich, etwas Ähnliches mit Green Lantern anzustellen. Im Rahmen des dreiteiligen Storybogens „Emerald Twilight“ drehte Hal Jordan wegen der Zerstörung seiner Heimatstadt durch, massakrierte das Green-Lantern-Corps und wurde zum Schurken Parallax. Der letzte verbliebene Ring ging an den Zeichner Kyle Rayner, der von nun an als einzige Green Lantern versuchte, einem großen Erbe gerecht zu werden. Aquaman war zwar immer noch Arthur Curry, hatte aber seinerseits einige Veränderungen durchgemacht, trug nun Bart, eine Harpunenhand und war allgemein nicht mehr sehr umgänglich. Lediglich beim Martian Manhunter gab es in dieser Ära meines Wissens nach keine größeren Umwälzungen.

Konzept und Zeichnungen
Wie bereits erwähnt ging es Grant Morrison darum, die JLA zu ihren Wurzeln zurückzuführen und dem DC-Universum eine wirklich heldenhafte erste Garde zu geben. Das bedeutet, dass Morrison seine Liga nur gegen wirklich große Gegner kämpfen lassen wollte; die Justice League kommt bei ihm meistens dann zum Einsatz, wenn die Erde oder sogar das Gefüge der Realität selbst bedroht ist. Strukturell bediente sich Morrison dabei oft kürzerer Handlungsbögen. Schon in den 90ern dachte man bei der Konzeption der Storybögen zumeist an die später erscheinende Paperback-Version und legte die Handlung so aus, dass sie im Rahmen von vier bis sechs Heften erzählt wurde. Morrison ließ sich davon jedoch nicht beeinträchtigen, viele seiner Geschichten erstrecken sich nur über zwei bis drei Hefte. Das sorgt dafür, dass nur selten Leerlauf entsteht; die JLA sollte sich vor allem von der früheren Inkarnation aus den 80ern distanzieren, weshalb Morrison einen Seifenopern-artigen Aufbau vermied und die Geschichten sehr plotorientiert und prägnant hielt. Das bedeutet nicht, dass es nicht Humor oder Charakterentwicklung gäbe – wobei gerade Letztere bei einer Serie wie dieser immer so eine Sache ist. Morrison musste freilich die Entwicklungen der diversen Soloserien berücksichtigen, tat dies aber eher nebenbei und ohne große Erläuterungen. Liest man die JLA-Comics heute ohne Kenntnis des DC-Universums der späten 90er, kann es durchaus zu einiger Verwirrung kommen. Davon ließ Morrison sich jedoch nicht beirren, integrierte, was sein musste und erzählte sonst die Geschichten, die er erzählen wollte. In vielerlei Hinsicht ist „JLA“ die Essenz der positiven Trends des DC-Universums der späten 90er, denn oftmals gelang Morrison die Charakterisierung dieser übergroßen Helden weitaus besser als den Autoren der diversen Soloserien. Selbstverständlich gibt es auch einen übergeordneten Handlungsbogen, der die einzelnen Storybögen mit einander verbindet – allerdings nicht immer ausgewogen. Die ersten Andeutungen finden sich bereits in „A Midsummer’s Nightmare“.

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Beispiel für eine etwas bizarre Pose von Howard Porter (Bildquelle)

Als Hauptzeichner der Serie fungierte Howard Porter, der insgesamt einen sehr guten Job machte, zumindest in meinen Augen. Das könnte natürlich auch damit zusammenhängen, dass Porters Zeichnungen mitunter die ersten waren, die mir im Comicbereich jemals unter die Augen kamen – so etwas prägt. Wie dem auch sei, Porters Stil ist nicht ganz leicht zu beschreiben. Ein gewisser Einfluss des Image-Stils, der durch Zeichner wie Rob Liefeld, Todd McFarlane, Jim Lee oder Mike Deodato Anfang der 90er populär wurde, lässt sich nicht leugnen, gerade, wenn man sich die doch etwas übertriebene Anatomie weiblicher Figuren ansieht. Diesbezüglich gibt es im Verlauf der Serie allerdings durchaus eine Entwicklung zum Positiven. Insgesamt ist Porters Strich dennoch ziemlich distinktiv, gerade auch, weil er oft einige interessante (manchmal fast schon bizarre) Perspektiven und Körperhaltungen verwendet. Insgesamt gelingt es Porter jedenfalls ziemlich gut, die epischen Geschichten Morrisons angemessen in Szene zu setzen. Hin und wieder kamen auch andere Zeichner zum Einsatz, über deren Leistung werde ich dann in der entsprechenden Rezension schreiben.

Deutsche Veröffentlichung
In Deutschland wurde die JLA-Serie vom Dino-Verlag herausgegeben. Ich möchte das noch einmal besonders hervorheben, denn der 1993 gegründete Verlag, der ursprünglich vor allem Comics und Magazine zu Zeichentrickserien herausbrachte, ist letztendlich dafür verantwortlich, dass ich Comics lese und sammle. Über „Batman Adventures“, die Begleitserie zu „Batman: The Animated Series“, kam Dino schließlich zum Superheldencomic und begann bald, weitere DC-Helden, darunter den regulären Batman, Superman und natürlich die JLA, zu übersetzen und zu verlegen. Nach und nach erweiterte der Verlag sein Programm und erwarb unter anderem die Star-Wars-Lizenz, es folgten aber auch einige massive Probleme, die Dino zwangen, im Jahr 2000 die DC-Lizenz wieder abzugeben. 2003 wurde Dino schließlich von Panini aufgekauft, existierte aber als Label noch drei Jahre weiter.

„JLA“ erschien als Heftserie mit diversen Zweitserien, darunter die Miniserie „Superboy/Robin: World’s Finest Three“ von Karl Kesel, Chuck Dixon und Tom Grummett sowie „Teen Titans“ von Dan Jurgens und die Nachfolgeserie „The Titans“ von Devin Grayson. Die Serie brachte es auf 39 Hefte. Zusätzlich gab es die Reihen „JLA Special“ (Heft mit 100 Seiten und vier US-Ausgaben) sowie „JLA Sonderband“ (Paperback), die sich Großereignissen, Miniserien oder wichtiger Soloauftritte einzelner Figuren widmeten. Diese werde ich nicht alle besprechen, aber unter der Rubrik „Weiterführende Lektüre“ mehr oder weniger detailliert auf sie eingehen, wenn es mir angemessen erscheint.

New World Order
Und nun, endlich, zum eigentlichen ersten Storybogen von Grant Morrisons Justice-League-Serie, der die ersten vier US-Ausgaben füllt. Die eigentliche Formation des Teams fand zwar, wie bereits erwähnt, in „A Midsummer’s Nightmare“ statt, aber dennoch findet das Team auf gewisse Weise noch einmal zusammen, wohl vor allem, um Neuleser nicht abzuschrecken. Wie üblich im Superheldengenre ist eine Alieninvasion der Auslöser. Dieses Mal erscheinen die Aliens allerdings zuerst wohlgesonnen: Protex und sein Hyperclan behaupten von sich, sie wollten die Welt retten und sie in ein Paradies verwandeln. Unter anderem transformieren sie die Wüste Sahara in einen blühenden Garten, gehen aber auch mit äußerster Gnadenlosigkeit gegen Superschurken und andere Kriminelle vor, die ohne Prozess von ihnen hingerichtet werden. Das weckt freilich die Skepsis vieler irdischer Helden. Schon bald kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den außerirdischen Neuankömmlingen und den Mitgliedern der Justice League. Und die JLA droht zu verlieren, denn fast alle von ihnen werden überwältigt und gefangen. Bis auf Batman…

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Der Hyperclan (Bildquelle)

Thematisch knüpft Morrison mit diesem ersten Storybogen an Mark Waids „Kingdom Come“ an. Abermals sehen wir, verkörpert durch den Hyperclan, den Archetypus des amoralischen 90er-Jahre-Antihelden, dem der klassische, nicht tötende Superheld entgegengesetzt wird. Schon ein wenig ironisch, wenn man bedenkt, dass hier vor allem Batman und Superman die Paradebeispiele abgeben, wo doch ihre aktuellen Leinwandinkarnationen eher an die Antihelden der 90er erinnern. Morrison ist hierbei jedoch ein wenig plakativer als Waid, besonders, da sich der Hyperclan letztendlich doch als Invasionsarmee entpuppt. Es handelt sich um eine Invasion der Weißen Marsianer, Verwandte der grünen Marsianer, zu denen J’onn J’onzz gehört. Statt eines friedlichen Zusammenlebens ziehen die Weißen Marsianer allerdings eher Eroberung und Völkermord vor.

Ein weiteres Thema, dass Morrison zumindest anschneidet, ist die Überlegung, weshalb Superhelden mit ihren enormen Kräften nicht einfach jegliche Probleme der Menschheit regeln – auch diesbezüglich geht „Kingdom Come“ mehr in die Tiefe, denn die Weißen Marsianer sind einfach keine passenden Vertreter einer zu diskutierenden Philosophie, da sie letztendlich eindeutig böse sind und die Menschheit ausrotten wollen. Diese Frage stellt natürlich ein grundsätzliches Problem des Superheldengenres dar, da eine Machtübernahme oder auch nur eine globale Problemlösung einer gewissen Logik nicht entbehrt, man aber gleichzeitig versucht, so nah an der Lebensrealität des Lesers zu bleiben, von der fortlaufenden Natur der Superheldencomics gar nicht erst zu sprechen. Insofern muss der Lösungsansatz, den Morrison hier präsentiert, wohl erst einmal ausreichen.

Inhaltlich und optisch gibt es darüber hinaus einige Parallelen zu „Independence Day“, der ein Jahr vor dem Start von „JLA“ ins Kino kam. Das Design der Weißen Marsianer erinnert ein wenig an das der Independence-Day-Aliens (ein wenig H. R. Giger findet sich ebenfalls) und das eine oder andere Panel hat durchaus optisch Parallelen zu den Bildkompositionen Roland Emmerichs.

Insgesamt hat dieser erste Storybogen, gerade im Vergleich zu späteren, noch die eine oder andere kleiner Startschwierigkeit, vor allem die Schurken sind als Individuen nicht wirklich interessant.  Die große Stärke liegt jedoch bei der Charakterisierung: Morrison gelingt es, seine Helden ohne viel Aufwand punktgenau und treffend darzustellen. Sei es Supermans Heroismus, gepaart mit subtilen Selbstzweifeln, Green Lanterns und Flashs jugendliches Gekabbel, Aquamans Eigenbrötlertum, Wonder Womans No-Nonsense-Attitüde oder Batmans überragende Fähigkeiten als Taktiker. Tatsächlich lässt sich die Idee, Batman könne es mit vielen Helden mit Superkräften problemlos aufnehmen, zumindest teilweise auf Morrisons JLA-Run zurückführen. Schon allein in diesem ersten Storybogen macht er vier Weiße Marsianer im Alleingang platt. In diesem Zusammenhang etabliert Morrison auch den gelungenen, trockenen Humor, der seine JLA-Comics auszeichnet.

Weiterführende Lektüre
Vor allem zwei Geschichten sind exzellente Begleitlektüre zu „New World Order“. Da hätten wir natürlich die bereits mehrfach erwähnte Miniserie „A Midsummer’s Nightmare“, verfasst von Mark Waid und Fabian Nicieza und gezeichnet von Jeff Johnson und Darick Robertson. Zu Beginn dieses Werks sind alle sieben Gründungsmitglieder der neuen JLA normale Menschen, die sich ihrer Zweitidentität nicht bewusst sind, während alle möglichen anderen Menschen Superkräfte entwickeln. Doch schon bald merken die sieben, dass etwas nicht stimmt, sie haben merkwürdige Träume, die Superkräfte kehren zurück und schließlich müssen sie erkennen, dass sie einer realitätsverändernden Intrige des Superschurken Dr. Destiny zum Opfer gefallen sind. Um Destiny zu besiegen müssen die sieben als neue Justice League zusammenfinden. „A Midsummer’s Nightmare“ ist auf Deutsch als „JLA Sonderband 1“ bei Dino erschienen.

Die zweite essentielle Ergänzung ist „JLA: Secret Origin“, ein One Shot, der in meinen Augen unbedingt in das New-World-Order-Paperback gehört hätte. Ich bin nicht ganz sicher, ob diese Geschichte zwischen „A Midsummer’s Nightmare“ und „New World Order“ oder während „New World Order“ (genauer, nach der Invasion der Weißen Marsianer, aber vor dem Bau des JLA-Wachturms auf dem Mond) spielt. Verfasst wurde sie jedenfalls von Grant Morrison und Mark Millar und gezeichnet von Howard Porter. Dieser One Shot ist quasi die Nullnummer der JLA-Serie, es handelt sich dabei um einen Rückgriff auf The Brave and the Bold #38, in dem die Justice League zum ersten Mal auftrat, um gegen Starro, den Eroberer, ein riesiges Alien in Gestalt eines einäugigen violetten Seesterns, zu kämpfen. Eine Neuinkarnation von Starro ist auch in „JLA: Secret Origin“ der Gegenspieler. Unter Morrison wird aus dem Eroberer eine Spezies von Parasiten, die sich als grüne, einäugige Seesterne auf dem Gesicht ihres Opfers niederlassen. Besonders gefährlich sind diese Parasiten für Metawesen, da sie mit deren Hilfe die Erde in Windeseile erobern könnten. Um die JLA vor einem fatalen Fehler zu bewahren, taucht der Spectre, einer der mächtigsten mystischen Helden des DC-Universums, auf und nimmt der Justice League mit deren Einverständnis die Superkräfte, sodass sie Starro gefahrlos entgegentreten können. „JLA: Secret Origin“ ist auf Deutsch in Dinos „JLA Sonderband 4: Aus den geheimen Archiven I“ erschienen.

Und schließlich wäre da noch eine Maxiserie, die sich ebenfalls gut zur weiteren Lektüre eignet. Durch Reboots und Retcons der späten 80er und frühen 90er wurde die Zusammenstellung der ursprünglichen Erstformation der Justice League geändert: Man nahm Batman, Superman und Wonder Woman aus dem Team und ersetzt sie durch Black Canary. Die Geschichte dieser neuen ersten Justice League wurde in der zwölfteiligen, von Mark Waid und Brian Augustyn geschriebenen und von Barry Kitson gezeichneten Maxiserie „JLA: Year One“ erzählt. Diese Serie ist ebenfalls sehr empfehlenswert, der Fokus liegt auf der Charakterdynamik und der Interaktion der Ligisten. Auf Deutsch erschien „JLA: Year One“ als sechste und siebte Ausgabe der JLA-Sonderbandreihe.

Fazit
„New World Order“ ist ein gelungener, wenn auch nicht vollkommen optimaler Einstieg in Gran Morrisons JLA-Serie. Schon 1997 war die Alieninvasion als Anlass zur Formierung eines Superheldenteams keine neue Idee, und zwanzig Jahre später ist es schon ein ziemliches Klischee. Die Konzeption der Serie und die Charakterisierung der Helden ist jedoch tadellos gelungen und weiß auch heute noch zu überzeugen.

Titelbildquelle

Logan – Ausführliche Rezension

Spoiler nach dem ersten Absatz!
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Der neueste Eintrag im am längsten laufenden Superhelden-Filmuniversum ist in den Kinos gelandet. Wer hätte wohl im Jahr 2000, als „X-Men“ anlief, gedacht, dass sowohl Hugh Jackman als auch Patrick Stewart 17 Jahre später nach wie vor ihre Rollen aus diesem Film spielen würden? Da „Logan“ mal wieder einer dieser Filme ist, über den man einiges schreiben kann, kopiere ich meine Vorgehen bei „Suicide Squad“: Ich spare mir die spoilerfreie Rezension, stattdessen geht’s gleich ans Eingemachte. Wer trotzdem wissen möchte, wie ich den Film fand, ohne gespoilert zu werden, hier die Kurzversion: Im Großen und Ganzen ist „Logan“ ein gelungener Abgesang auf Hugh Jackmans Wolverine. Es war definitiv eine sehr kluge Entscheidung von Fox, James Mangold freie Hand zu lassen und ihm ein R-Rating zu erlauben. Zwar gibt es einige Elemente, die nicht ganz passend ineinandergreifen, und wie üblich bei einem X-Men-Film provoziert auch dieser Kontinuitätsprobleme, aber solange das Endprodukt, wie in diesem Fall, zu überzeugen weiß, ist das zweitrangig. „Logan“ lebt vor allem von seinen exzellenten Darstellern und der grimmigen Neo-Western-Atmosphäre – ein Kinobesuch lohnt sich ohne jeden Zweifel.

Handlung und Konzeption
Im Jahr 2029 sieht es für die Mutanten nicht allzu gut aus: Nicht nur wurden seit 25 Jahren keine neuen geboren, die alte Garde wurde so gut wie ausgelöscht. Seit einem Vorfall in Westchester gibt es auch keine X-Men mehr. Lediglich Logan (Hugh Jackman), Caliban (Stephen Merchant) und Charles Xavier (Patrick Stewart) sind noch übrig und verstecken sich in Mexiko, da Charles an Alzheimer leidet und er seine Telepathie nicht mehr kontrollieren kann. Auch Logan selbst geht es nicht allzu gut: Er arbeitet als Chauffeur, während das Adamantium, das seine Knochen überzieht, ihn langsam vergiftet.

Die schmerzhafte Lethargie endet, als eine Frau namens Gabriella (Elizabeth Rodriguez) mit einem kleinen Mädchen, das auf den Namen Laura (Dafne Keen) hört, im Schlepptau auftaucht. Die beiden werden von dem Cyborg Donald Pierce (Boyd Holbrook), einem Angestellten des rücksichtslosen Konzerns Transigen, gejagt. Es stellt sich heraus, dass Laura ein Klon Wolverines mit der Kennung X-23 ist und Transigen sie und andere Mutanten als Waffe benutzen will. So beschließt Logan, seinen alten Freund und Mentor Charles sowie seine Quasi-Tochter Laura nach Norden zu bringen, wo es der getöteten Gabriella zufolge eine Mutantenzuflucht namens „Eden“ gibt. Der Rest des Films erzählt die Flucht des ungleichen Trios nach Norden, immer verfolgt von den Häschern Transigens.

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Laura/X-23 (Dafne Keen) und Logan (Hugh Jackman)

Regisseur James Mangold inszeniert den dritten Wolverine-Film als leicht futuristischen Western mit Anleihen an allerlei Klassiker, manchmal subtiler, manchmal weniger subtil (der Western „Nash“ etwa wird sehr deutlich referenziert). Es handelt sich hierbei allerdings nicht um eine postapokalyptische Zukunft, wie manche der Trailer ungewollt suggerieren. Während die Zukunft für die Mutanten (mal wieder) nicht allzu rosig aussieht, scheint für die normalen Menschen das Leben ganz normal weiterzugehen. Die große Stärke des Films liegt bei der grimmigen Kompromisslosigkeit – „Logan“ ist keiner der üblichen PG13-X-Men-Filme und auch mit „Deadpool“ nur bedingt zu vergleichen. In „Deadpool“ war vielleicht sogar mehr Blut zu sehen, gleichzeitig war die Gewalt dort aber nie wirklich ernstzunehmen und äußerst überdreht. „Logan“ ist in seinem Tonfall weit geerdeter, es gibt keinen entschärfenden Metahumor, stattdessen aber intensiveres Charakterdrama. Diesem wird zum Teil sogar die Handlung geopfert, bzw. sie dient primär als Katalysator für die Entwicklung der Figuren. Darunter leiden dann vor allem die Widersacher, die ein weiteres Mal fürchterlich blass sind und deren Hintergrund und Motive sehr nebulös bleiben. Im zweiten Akt taucht plötzlich Zander Rice (Richard E. Grant) als eigentlicher Schurke und Chef von Transigen auf, ohne dabei besonders interessant zu sein oder Eindruck zu hinterlassen, nur um am Ende wieder von Donald Pierce als eigentlichem Schurken abgelöst zu werden. Man kommt allerding nicht umhin sich zu fragen, ob da nicht ein wenig Politik drinsteckt: Ein Schurke namens Donald, der versucht, Leute an der Ausreise aus Mexiko zu hindern…

Charles, Logan und Laura
In „Logan” behandelt James Mangold viele Themen: Älterwerden, Tod und Todessehensucht, aber auch Familie und Vermächtnis. Sowohl Charles Xavier als auch Logan sind hier spürbar am Ende; einer der mächtigsten Mutanten der Welt leidet an Alzheimer und kann seine Telepathie nicht mehr kontrollieren, während die Killermaschine schlechthin gewissermaßen auseinanderfällt. Viel ist nicht mehr übrig von den einst so grandiosen Heroen. Wie bereits erwähnt liegt die große Stärke dieses Films bei der Charakterisierung der Figuren: Gerade im ersten Akt wird eindringlich und visuell beeindruckend gezeigt, wie das Alter die Figuren mitgenommen hat: Logan, der seine Klauen nicht mehr ganz ausfahren kann, die aussetzende Selbstheilung, der sichtlich gealterte Charles in einem umgestürzten Tank, der mit seinem runden Innenraum wie ein verrostete Cerebro-Gegenstück wirkt, das die telepathischen Anfälle des X-Men-Gründers kontrollieren soll etc.

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Alles hat sich geändert: Charles Xavier (Patrick Stewart) hat Haare

Schon am Anfang erinnert Logan an einen Sohn, der sich um seinen dementen Vater kümmert (was ironisch anmutet, da Logan um einige Jahrzehnte älter als Professor X ist), was durch den Umstand verstärkt wird, dass er und Caliban wie ein altes, verheiratetes Ehepaar klingen. Die Allegorie wird aber erst durch Laura komplett, die die Rolle der Tochter bzw. Enkelin einnimmt. An dieser Stelle muss unbedingt Dafne Keen gelobt werden; die mexikanische Newcomerin schafft es, mit den schauspielerischen Schwergewichten Hugh Jackman und Patrick Stewart mitzuhalten. Die Mischung aus kindlicher Unschuld und rücksichtsloser Killermaschine ist exzellent gelungen. Das einzige kleine Problem bei der Konzeption der Figur ist der Umstand, dass sie die ersten beiden Drittel des Films aus unerfindlichen Gründen überhaupt nicht spricht, dann nur Spanisch und plötzlich kann sie auch Englisch – das wirkt etwas zu beliebig. Dennoch, die Interaktionen zwischen diesen drei Figuren sind das Herzstück des Films. Das zeigt sich besonders, wenn man eine der emotionalen Kernszenen betrachtet, das Abendessen im Haus der Familie Munson, das interessanterweise fast vollständig improvisiert war. Nicht nur sehen wir die Pseudofamilie in einem normalen Umfeld, sie wird auch mit einer normalen Familie konfrontiert. Natürlich muss das tragisch enden.

Darüber hinaus thematisiert „Logan“ Aspekte der Selbstfindung auf eine Art und Weise, die nur in einem Film wie diesem möglich ist: Am Ende seines Lebens wird Wolverine noch einmal mit seiner Jugend und seinem früheren Selbst konfrontiert. Einerseits natürlich durch Laura, andererseits aber auch durch X-24, einen weiteren Wolverine-Klon, allerdings männlich und erwachsen. Mehr noch, zu Beginn des Films beschuldigt Charles Logan, nur darauf zu warten, dass er stirbt, damit er frei ist (was natürlich nicht stimmt und durch die Interaktion der beiden auch deutlich wird). Der dramatischen Ironie ist es freilich geschuldet, dass es X-24 ist, der Charles schließlich tötet.

Inspiration
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Werfen wir noch einen Blick auf die Comicvorlagen. Bereits im Vorfeld wurde immer wieder vermutet, der dritte Wolverine-Solofilm würde auf „Old Man Logan“ basieren, einer von Mark Millar geschriebenen und von Steve McNiven gezeichneten Graphic Novel (ursprünglich 2008/2009 als Teil der laufenden Wolverine-Serie erschienen). Man kann dabei allerdings kaum von einer tatsächlichen Vorlage sprechen, eher von einer groben Inspiration. James Mangold übernahm den gealterten, desillusionierten Logan, die Atmosphäre, die Ausweglosigkeit und die Brutalität sowie den Road-Movie-Aspekt. Die meisten Details oder sonstigen Handlungselemente spielen in „Logan“ allerdings keine Rolle, schon allein aus rechtlichen Gründen, da der Hulk, Hawkeye oder Red Skull, allesamt wichtige Figuren im Comic, in einem X-Men-Film von Fox nicht auftauchen dürfen, da die Rechte bei Disney liegen. Auch die Umstände unterscheiden sich: Das Marvel-Universum in „Old Man Logan“ ist tatsächlich eine postapokalyptische Wüste, die an die Mad-Max-Filme erinnert und von Superschurken regiert wird. Im Gegensatz dazu ist die Welt in „Logan“ noch harmlos, lediglich den Mutanten geht es nicht allzu gut. Ein weiteres Element wurde jedoch in stark abgewandelter Form übernommen: Sowohl bei Mangold als auch bei Millar wurden die X-Men von einem der Ihren vernichtet. In „Old Man Logan“ ist es Wolverine selbst, der seine Teamkameraden niedermetzelt, weil er sie wegen der Illusionen des Schurken Mysterio als Gegner wahrnimmt. In „Logan“ wird stark angedeutet, dass Charles Xavier für den Tod der X-Men verantwortlich ist. Im „Westchester-Vorfall“ (in Westchester befindet sich Xaviers Schule) wurden sieben Mutanten durch einen von Charles‘ Anfällen getötet – es ist wohl davon auszugehen, dass es sich dabei um diverse Kern-X-Men handelt.

Neben „Old Man Logan“ gibt es noch den einen oder anderen X-Men-Comic, den es in diesem Kontext zu erwähnen gilt. Da wäre, aus offensichtlichen Gründen, „The Death of Wolverine“. Logans Tod im Film hat allerdings kaum etwas mit Logans Tod im Comic zu tun. Lediglich die Tatsache, dass er stirbt wurde übernommen, neben einem weiteren kleinen Detail: Auch im Comic versagt die Selbstheilung.

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X-23 im klassischen Wolverine-Outfit

Und dann wäre da noch Laura Kinney alias X-23. Wolverines Klontochter debütierte im Jahr 2003 in den Zeichentrickserie „X-Men: Evolution“. Ähnlich wie Harley Quinn tauchte die für die Serienadaption geschaffene Figur bald darauf auch in den Comics auf und bekam mit „X-23: Innocence Lost“ eine eigene Miniserie spendiert, die ihren Hintergrund erläutert. Einige Elemente davon wurden in den Film integriert, viele andere wurden jedoch ausgelassen oder abgeändert. So ist X-23 in den Comics kein Mädchen, sondern ein Teenager und später eine Erwachsene. In den folgenden Geschichten tritt sie u.a. den X-Men bei und übernimmt, nach dem oben erwähnten Tod ihres „Vaters“ in „The Death of Wolverine“, dessen Namen und Kostüm.

Kontinuität: Das alte Lied
Sortieren wir mal ein wenig. Theoretisch, bzw. einer Aussage James Mangolds zufolge, spielt „Logan“ in der neuen X-Men-Kontinuität, die durch „Days of Future Past“ ausgelöst und mit „Apocalypse“ (und eventuell „Deadpool“ – da scheint sich niemand so ganz sicher zu sein) fortgesetzt wurde. Nun hat schon „Apocalypse“ zu Kontinuitätsproblemen geführt, und mit „Logan“ wird das nicht besser, gerade weil das Ende von „Days of Future Past“ und der Anfang von „Logan“ nicht so recht zusammenpassen wollen. Der Epilog von „Days of Future Past“, der eine positive Zukunft zeigt, spielt 2023, „Logan“ 2029. Von dieser Datierung ausgehend ist Wolverine in nur sechs Jahren massiv gealtert und für die Mutanten ist, trotz der ganzen Bemühungen, alles zum Teufel gegangen. Zusätzlich passt die Aussage, der letzte Mutant sei im Jahr 2004 geboren worden, nicht so recht zu der scheinbar gut bevölkerten Schule in DoFP.

In „Logan“ selbst gibt es einige Verweise auf die anderen Filme. Wir erfahren, dass Zander Rice, der eigentliche Schurke und derjenige, der für die Auslöschung und die Experimente, die u.a. Laura und X-24 hervorgebracht haben, verantwortlich ist, eine Verbindung zu Wolverine hat: Sein Vater wurde während Logans Ausbruch aus William Strykers Anlage in „X-Men: Apocalypse“ getötet. In der Post-Credits-Szene desselben Films ist zu sehen, wie Proben von Logans Blut sichergestellt werden, die dann später für den Klonprozess verwendet werden. Caliban war ebenfalls bereits in „X-Men: Apocalypse“ zu sehen, wurde dort jedoch von Tómas Lemarquis gespielt. Darüber hinaus gibt es zwei direkte Anspielungen auf den ersten X-Men-Film: Charles erklärt, als er Logan gefunden hat, habe dieser sein Geld in Käfigkämpfen verdient. Außerdem wird ein Ereignis bei der Freiheitsstatue erwähnt. Nun gehört „X-Men“ theoretisch nicht zur neuen Kontinuität, aber bereits als DoFP in die Kinos kam spekulierte ich, dass die Ereignisse der ersten beiden X-Men-Filme wohl in groben Zügen auch in der neuen Zeitlinie stattfinden. Es existiert auch die etwas interessantere, aber weiter hergeholte Theorie, durch seinen geistigen Verfall könne Charles die Ereignisse anderer Zeitlinien wahrnehmen.

Was bedeutet das alles nun? Wohl primär, dass Fox nicht besonders viel Wert auf Kontinuität legt. Alles gehört irgendwie zusammen, passt aber nicht so recht ineinander. „Logan“ baut durchaus auf den bisherigen Filmen auf und profitiert davon, dass der Zuschauer Charles und Logan bereits kennt. Andererseits kümmern sich weder Mangold noch Fox und die zuständigen, kreativen Köpfe wirklich um Kohärenz, sodass wir es hier nur mit einer losen Kontinuität zu tun haben. Wenn das im Gegenzug bedeutet, dass die Regisseure weitgehend freie Hand bekommen und die Ergebnisse auf ähnliche Weise zu überzeugen wissen wie „Deadpool“ oder „Logan“, dann kann ich das zähneknirschend akzeptieren.

Hard R Heroes
Nach „Deadpool“ folgt nun schon der zweite X-Men-Film mit einem R-Rating, Mangolds „The Wolverine“ (auf deutsch „Wolverine: Weg des Kriegers“)  mal nicht mitgerechnet, hier gab es einen Extended Cut mit R-Rating. Und allem Anschein nach geht der Plan auf. Wie bei „Deadpool“ sollte sich das Studio jedoch noch einmal verinnerlichen, dass es nicht allein das R-Rating ist, das die Leute ins Kino lockt. Es ist die Tatsache, dass das R-Rating den Regisseuren ermöglicht, ihre Vision so umzusetzen, wie sie es für richtig halten. Ein wenig spielt Mangold durchaus mit dem Umstand, dass er sich mehr erlauben kann: Das Wort „Fuck“ erklingt vor allem im ersten Akt sehr häufig und es sind einmal kurz nackte Brüste zu sehen, um das R-Rating noch einmal zu unterstreichen. Aber darauf kommt es letztendlich nicht an, es ist weder das Ausmaß an Profanität, noch sind es nackte Tatsachen, die das R-Rating nötig machen. Wenn wir die Gewalt betrachten, sieht das schon ein wenig anders aus. Wenn Logan in diesem Film seine Klauen einsetzt, tut es weh. Die Brutalität ist blutig, aber weniger überzeichnet und in geringerem Ausmaß als bei „Deadpool“. Aber auch das ist nur ein Symptom. Mangold hätte es vielleicht sogar geschafft, eine PG13-Version dieses Films zu drehen, die oberflächlich und inhaltlich vom Endprodukt gar nicht so weit entfernt wäre, die aber dennoch nicht dieselbe Aussage hätte, nicht dieselbe grimmige Kompromisslosigkeit, die den Film eigentlich ausmacht, denn auch thematisch bewegt sich dieser Film in anderen Gewässern. Sowohl „Deadpool“ als auch „Logan“ sind sehr brutal,  aber die eigentliche Gemeinsamkeit liegt woanders. Man merkt, dass es Filme sind, die von den Machern mit Leidenschaft umgesetzt wurden, Filme, bei denen sich das Studio nicht oder nur in geringem Maße eingemischt hat. In beiden Fällen sind auch die Hauptdarsteller wichtige Faktoren, die zum Gelingen des Films sehr viel beigetragen und sich für die Vision massiv eingesetzt haben. Bereits seit dem missglückten „X-Men Origins: Wolverine“ hat sich Ryan Reynolds für einen vorlagengetreuen Deadpool-Film eingesetzt, während Hugh Jackman ohne zu Zögern eine geringere Gage akzeptiert hat, um den Fans endlich den kompromisslosen Wolverine-Film zu geben, den sie schon lange wollten.

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Cyborg und Mutantenjäger: Donald Pierce (Boyd Holbrook)

Die Lehre, die die Studios daraus ziehen sollten ist nicht, nun einfach uninspirierte Comicverfilmungen mit R-Rating auf den Markt zu werfen – dasselbe ist Anfang der 90er in den Comics passiert, als alle Verlage meinten, sie müssten, inspiriert vom Erfolg von „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“, einen gewissenlosen Antihelden nach dem nächsten ins Rennen schicken, ohne zu beachten, was diese Graphic Novels eigenlich so erfolgreich gemacht hat. Die Altersbeschränkung sollte sich nach der Story und der Materie richten und nicht umgekehrt. Dann, und das haben „Deadpool“ und „Logan“ erfreulicherweise sehr deutlich gezeigt, kommt auch der Erfolg, denn die Fans der Figuren fühlen sich dann als Konsumenten ernstgenommen.

Der Score
Ursprünglich sollte Cliff Martinez, bekannt für eher elektronische Ambience-Scores, die Texturen den Vorzug vor Melodien und Themen geben, die Musik für „Logan“ schreiben, dann aber wurde er durch Marco Beltrami, der bereits für „The Wolverine“ sowie Mangolds Western „Todeszug nach Yuma“ den Score komponierte, ersetzt. Wenn man dem Score, den Beltrami für „Logan“ komponiert hat, seine Aufmerksamkeit schenkt, stellt man schnell fest, weshalb Mangold ursprünglich Martinez wollte. Die Musik ist sehr elektronisch, sehr texturbasiert und sehr harsch, dissonant und unangenehm. In Teilen versucht Beltrami, u.a. durch die Verwendung von Instrumenten wie der Glasharmonika oder der E-Gitarre, einen an Ennio Morricone erinnernden Western-Vibe zu erzeugen. Thematisch hat der Score nicht allzu viel zu bieten. Immer wieder hört man reduzierte Ansätze von Beltramis Logan-Thema aus „The Wolverine“, es gibt ein Motiv (bzw. eine Ansammlung dissonanter Akkorde) für Logans animalische Seite und darüber hinaus wird Laura/X-23 von einem schlichten Motiv aus drei Noten repräsentiert, das oft von der bereits erwähnten Glasharmonika gespielt wird.

Insgesamt finde ich den musikalischen Ansatz dieses Scores nicht allzu überzeugend. Meistens ist er durchaus funktional, an manchen Stellen drängen sich die Dissonanzen und die brutalen elektronischen Elemente zu sehr in den Vordergrund. Leider sind Beltramis Texturkonstrukte nicht allzu interessant, insgesamt fand ich die Musik zu „The Wolverine“ da spannender. Diese ist zwar auch überaus harsch, besticht aber wenigstens durch eine interessante japanische Instrumentierung. Was mir aber vor allem fehlt ist ein Gefühl für das Vermächtnis der Figur. Gerade am Ende, als Wolverine ein letztes Mal die Krallen ausfährt, um X-23 und den anderen die Flucht zu ermöglichen, wäre eine heroische Version des Logan-Themas passend gewesen, um das Opfer angemessen zu untermalen.

Fazit
Trotz einiger kleinerer Storyschwächen ist „Logan“ ein würdiger Abgesang auf Hugh Jackmans Darstellung von Wolverine und nebenbei auch eine gelungene Vorlage für Superheldenfilme in der Zukunft: Ein Film, der der Vision des Regisseurs und den Vorgaben der Comics folgt, sich dabei aber nicht sklavisch an sie bindet oder vom Studio verstümmelt wird, um für ein möglichst großes Publikum attraktiv zu werden.

Trailer

Siehe auch:
Wolverine: Weg des Kriegers
X-Men: Days of Future Continuity
Deadpool
X-Men: Apocalypse

Captain America: Civil War

civilwar
Story: Nach einer folgenreichen Mission in Nigeria genießen die Avengers einen ziemlich schlechten Ruf, weshalb die Vereinten Nationen fordern, dass das Team von nun an vollständig unter ihre Kontrolle gestellt wird. Tony Stark (Robert Downey jr.), nach wie vor von Vergangenem und seinen Schuldgefühlen geplagt, unterstützt dieses Unterfangen, während Captain America (Chris Evans) die Initiative anzweifelt. Vielleicht hätten diese Probleme friedlich gelöst werden können, doch dann scheint es, als verübe der Winter Soldier (Sebastian Stan) einen weiteren Anschlag, der alles verkompliziert und zu einer Spaltung der Avengers führt: Die eine Hälfte des Teams stellt sich hinter Iron Man, die andere hinter Captain America. Derweil spinnt der mysteriöse Zemo (Daniel Brühl) Intrigen…

Kritik: Und da ist sie, die zweite große Superheldenprügelei des Jahres, die, soviel schon mal vorweg, weitaus besser gelungen ist als „Batman v Superman: Dawn of Justice“. Tatsächlich fühlt sich „Civil War“ an wie ein Film, nicht wie drei oder vier, die ineinandergeschnitten wurden.

Der zweite Captain-America-Film von Joe und Anthony Russo basiert sehr lose auf der gleichnamigen, von Mark Millar verfassten und Steven McNiven gezeichneten Miniserie, die zwischen Juli 2006 und Januar 2007 erschien – Captain America fungierte dort allerdings nicht als Titelheld. Dementsprechend hat die Verfilmung mit dem Comic auch nicht allzu viel zu tun, es wurden lediglich der Grundplot und ein paar Handlungselemente übernommen. Dazu gehört die staatliche Kontrolle der Superhelden sowie Captain America und Iron Man an der Spitze der beiden streitenden Parteien. Miriam Sharpe (Alfre Woodard), die trauernde Mutter, die Tony Stark die Schuld am Tod ihres Sohnes gibt, stammt ebenfalls aus der Vorlage. Und das war’s eigentlich auch schon, da die Ausgangslage im MCU eine völlig andere ist. Weder der Winter Soldier noch Zemo (die MCU-Version der Figur hat bis auf den Namen mit dem Comicgegenstück eigentlich nichts gemein) spielen bei Millar keine Rolle, tatsächlich fehlt im Comic ein traditioneller Schurke vollkommen. Dafür tauchen dort viele Figuren auf, die im MCU entweder noch nicht etabliert sind oder deren Rechte bei anderen Studios liegen, Reed Richards etwa ist ein wichtiger Unterstützer der Regierungsinitiative. Insgesamt ist die Vorlage weitaus grimmiger und düsterer als der Film. Erfreulicherweise schaffen es die Russo-Brüder und ihre Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely allerdings, viele Schwächen der Vorlage auszubügeln. Während die Grundprämisse von Millars Werk wirklich interessant ist, werden sowohl Steve Rogers als auch Tony Stark im Verlauf der Miniserie zu völlig verbohrten und sturen Arschlöchern, mit denen man einfach nicht mehr sympathisieren kann. Zum Beispiel erschaffen Tony und Reed einen Roboterklon von Thor, der unter Captain Americas Widerstandskämpfern aufräumen soll.

Die größte Stärke des Films ist, dass die Motivationen und Handlungen der beiden Parteien stets nachvollziehbar bleiben und man problemlos versteht, warum die wichtigen Figuren gerade so handeln, wie sie handeln (mit Ausnahme Hawkeyes vielleicht). Vor allem Tony Starks Handlungsbogen über den Film hinweg ist äußerst gelungen und erfreulicherweise meilenweit vom völlig rücksichtslos agierenden Tony der Vorlage entfernt. Ebenfalls sehr positiv ist die Art und Weise, mit der die Regisseure und Drehbuchautoren die offenen Fäden von „The Winter Soldier“ und „Age of Ultron“ miteinander verknüpfen. Das große Thema dieses Films sind Konsequenzen, Konsequenzen, die bis zum Anfang des MCU zurückgehen. Vor allem in der ersten Hälfte gelingt es den Russos, dieses Thema ansprechend umzusetzen. Ironischerweise fehlt „Civil War“ allerdings der konsequente Ausgang.

Insgesamt bemühen sich die Russos um einen schwierigen Drahtseilakt, sie versuchen die ernsteren Aspekte der Geschichte mit dem lockeren, selbstironischen Ton des MCU zu verknüpfen, was nicht immer ganz funktioniert – in „The Winter Soldier“ ist ihnen die diese Balance besser gelungen. Das hat zur Folge, dass diverse Einzelelemente, die für sich genommen sehr gut funktionieren, nicht immer miteinander harmonieren, vor allem in der zweiten Hälfte hätte dem Film ein wenig von der Grimmigkeit der Vorlage gut getan (wobei auch gesagt werden muss, dass Millar es diesbezüglich viel zu weit treibt) – gerade das Ende wirkt für meinen Geschmack zu versöhnlich, hier wäre ein besserer Mittelweg zwischen dem Ausgang des Films und dem des Comics wünschenswert gewesen. Der große Kampf der Fraktionen ist zwar unheimlich unterhaltsam, wirkt aber zu locker und lässt die nötige Intensität vermissen.

Wie nicht anders zu erwarten ist „Civil War“ eher ein Ensemble-Film denn ein wirklicher Captain-America-Streifen. Fast die jedes Mitglied der Avengers (mit Ausnahme von Thor und Hulk) taucht auf und wählt eine Seite. Der Comic-Fan freut sich darüber hinaus über diverse kleine Anspielungen. So verstehen sich beispielsweise Vision (Paul Bettany) und Wanda (Elizabeth Olsen) sehr gut – man ahnt, wo das hinführt. Mit General Ross (William Hurt) taucht darüber hinaus auch wieder eine Figur auf, die wir seit „Der unglaubliche Hulk“ nicht mehr gesehen haben.

Und dann wären da noch die Neuzugänge: Mit Spider-Man (Tom Holland) verhält es sich in meinen Augen ganz ähnlich wie mit Wonder Woman in „Dawn of Justice“: Ein Highlight, aber eines, das für die Geschichte eigentlich ziemlich überflüssig ist. Tatsächlich spielt Peter Parker in der Vorlage eine durchaus wichtige Rolle, aber eine völlig andere als im Film, weswegen sein Auftauchen hier nicht wirklich gerechtfertigt ist. T’Challa alias Black Panther (Chadwick Boseman), Prinz der fiktiven afrikanischen Nation Wakanda, dagegen hat wirklich einen eigenen, wenn auch kleinen, Handlungsstrang und ist für die Story von Bedeutung. Die meisten anderen neuen Figuren, etwa Martin Freeman als Everett Ross (der hoffentlich irgendwann auf Doctor Strange trifft) oder der von Daniel Brühl gespielte Helmut Zemo bleiben ziemlich blass – Letzterer besitzt allerdings durchaus Potential, das noch ausgeschöpft werden könnte.

Fazit: „Captain America: Civil War“ hätte das Potential gehabt, DER essentielle MCU-Film zu werden, ist jedoch leider „nur“ eine gute, aber nicht überragende Weiterführung der Avengers- und Captain-America-Handlungsstränge, unterhaltsam, actionreich, aber nicht konsequent genug.

Siehe auch:
Captain America: The Winter Soldier
Avengers: Age of Ultron
Ant-Man

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