Art of Adaptation: Frankenstein – Mary Shelleys Roman

Halloween 2022
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Während Dracula beständiger Gast meines Blogs ist, habe ich mich mit der anderen großen, klassischen Horror-Ikone deutlich seltener bzw. bislang so gut wie gar nicht beschäftigt: Frankenstein. Das hängt natürlich einerseits mit meiner wahrscheinlich nicht völlig gesunden Fixierung auf Vampire zusammen, allerdings boten sich in den letzten Jahren auch deutlich weniger Gelegenheiten. Mary Shelleys Roman wurde zwar ebenfalls unzählige Male adaptiert, aber doch deutlich seltener als Stokers Graf, der nicht nur regelmäßig alle paar Jahre in einer neuen Adaption zu sehen ist, sondern auch in allen möglichen und unmöglichen Werken Gastauftritte absolviert und sich nach wie vor mit Sherlock Holmes um die Krone der am häufigsten adaptierten literarischen Figur streitet. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass im Zentrum von „Frankenstein, or the Modern Prometheus“ zwei Figuren und nicht eine stehen. Zwar denken die meisten bei der Erwähnung des Titels an die von Boris Karloff dargestellte Version des Monsters, aber, wie Klugscheißer wie ich nicht müde werden immer wieder anzumerken, bezieht sich der Titel auf den Schöpfer des Monsters und nicht auf das Monster selbst. Gerade im Hinblick auf Adaptionen ist diese Doppelung faszinierend. Es existieren zwei mehrere Filme umfassende Frankenstein-Filmreihen, die von Universal konzentriert sich stärker auf das Monster (wenn auch nicht immer von Boris Karloff dargestellt), während der Dreh- und Angelpunkt der Hammer-Frankenstein-Filme der von Peter Cushing gespielte Doktor ist. Tatsächlich bekommt man das ursprüngliche Monster (Christopher Lee) nach dem ersten Film nicht mehr zu sehen. Aber darum soll es in diesem Artikel (noch) nicht gehen, stattdessen werde ich erst einmal den eigentlichen Roman unter die Lupe nehmen, bevor in den Folgeartikeln die diversen Adaptionen an der Reihe sind.

Entstehung
Die Entstehungsgeschichte des Romans (oder zumindest ein essentielles Element) ist tatsächlich ziemlich bekannt und wurde ihrerseits schon das eine oder andere Mal filmische umgesetzt, etwa im Kontext eines biografischen Films wie „Mary Shelley“ (2017) mit Elle Fanning in der Titelrolle, häufiger ist aber tatsächlich eine Adaption des auslösenden Ereignisses, wie sie in „Gothic“ (1986) mit Natasha Richardson oder „Haunted Summer“ (1988) mit Alice Krige zu finden ist. Im Jahr 1816, dem „Jahr ohne Sommer“ (ausgelöst durch einen Vulkanausbruch) befanden sich die damals 18-jährige Mary Wollenstonecraft Godwin, ihre Verlobter Percy Bysshe Shelley, ihre Stiefschwester Claire Clairmont sowie der berühmte Poet Lord Byron und dessen Leibarzt John William Polidori in der Villa Diodati am Genfer See in der Schweiz, wo sie ihren Urlaub verbrachten, aufgrund des schlechten Wetters aber drinnen bleiben mussten. Also beschäftigten sie sich mit einem Band deutscher Geistergeschichten und kamen schließlich auf die Idee, sich selbst am Abfassen einer derartiger Storys zu versuchen. Während Byron und Shelley nicht allzu weit kamen, erdachte Mary Godwin hier die Grundlage für „Frankenstein“, die, nach eigener Aussage, auf einem Traum basierte. Zudem fanden viele Elemente aus Shelleys bisherigem Leben Eingang in den Roman, die nach und nach sterbenden Verwandten und Angehörigen des Titelhelden erinnern beispielsweise an die Tragödien, die Mary Shelley selbst durchleben musste, vom Tod der Mutter (der auch zu Beginn von Frankensteins Erzählung steht) bis hin zum Tod ihres ersten Kindes kurz nach der Geburt im Jahr 1815.

Es sollte zudem erwähnt werden, dass Polidori ebenfalls mit seinem Vorhaben durchaus erfolgreich war, denn seine Kurzgeschichte „The Vampyre“ entstand ebenfalls in diesem Kontext – die Kurzgeschichte, die dem adeligen und scheinbar zivilisierten Vampir, den wir heute kennen, zu seinem Debüt verhalf, ein ganzes Subgenre des Horrors begründete und in letzter Konsequenz auch „Dracula“, „Interview with the Vampire“ und so viele andere direkt oder indirekt inspirierte. Somit war der Sommer 1816 für die Horrorliteratur zweifelsohne ein Wendepunkt – das aber nur am Rande.

„Frankenstein“ wurde schließlich bis zum Jahr 1818 fertiggestellt und auch veröffentlicht, zuerst anonym, weshalb der Roman zu Anfang Percy Shelley zugeschrieben wurde, vielleicht auch, weil er es war, den die Verträge mit dem Verlag aushandelte. 1931 erschien eine von Mary Shelley stark überarbeitete Version des Romans – in literaturwissenschaftlichen Kreisen wird mitunter heftig diskutiert, ob die Ausgabe von 1818 oder die von 1931 als primäre Forschungsgrundlage dienen sollte, generell ist es allerdings die neuere Auflage, die häufiger in Umlauf ist, eine ganze Reihe an Forschern und Literaturwissenschaftlern, beispielsweise Leslie S. Klinger, der Verfasser bzw. Herausgeber von „The New Annotated Frankenstein“, ziehen ursprüngliche Version vor.

Handlung und Struktur
„Frankenstein“ besitzt drei unterschiedliche Erzählebenen mit drei unterschiedlichen Ich-Erzählern. Der erste ist Captain Robert Walton, der sich an Bord eines Expeditionsschiffes befindet, das Richtung Nordpol fährt und der dabei seiner Schwester Margaret Walton Saville Briefe schreibt, in denen er ihr von seinen Erlebnissen berichtet. Eines Tages sehen Walton und die Crew aus der Ferne einen übergroßen Mann auf einem Hundeschlitten. Einige Stunden später nehmen sie einen beinahe erfrorenen Schiffbrüchigen an Bord, der sich als Victor Frankenstein vorstellt. Walton und Frankenstein verstehen sich sofort gut, sind sie doch beide Männer der Wissenschaft, Frankenstein warnt Walton allerdings vor dem, was ungebremster Wissensdurst anrichten kann und beginnt, dem Captain seine Geschichte zu erzählen. Diese Geschichte macht den Hauptteil des Romans aus. Frankenstein berichtet von seiner Jugend in Genf und seiner Familie – besonders zu seinem Bruder William und seiner Stiefschwester Elizabeth hat er ein inniges Verhältnis. Schließlich beginnt er, von wissenschaftlicher Neugier getrieben, sein Studium an der Universität Ingolstadt.

Schon bald ist er faszinierte von der Idee, selbst Leben schaffen zu können und beginnt schließlich, mit Hilfe von Leichenteilen und anatomischen Studien einen Humanoiden zu schaffen, dem er mit einer speziellen, nicht näher erläuterten Technik Leben einhauchen möchte. Dies gelingt auch, doch beim Anblick des monströs aussehenden Wesens ist Frankenstein schockiert und flieht aus seinem Labor. Als er mit seinem Freund Henry Clerval zurückkehrt, ist seine Schöpfung allerdings verschwunden. Die Erfahrungen sorgen für eine mehrmonatige Krankheit Frankensteins, während der er von Clerval gepflegt wird. Erst ein Brief aus der Heimat, der vom Tod seines Bruders William berichtet, reißt ihn aus der Katatonie. In Genf erhascht Victor einen kurzen Blick auf die von ihm erschaffene Kreatur und hat sie sofort als Täter im Verdacht. Die Gerichtsbarkeit hat allerdings eine andere Schuldige gefunden Justine Moritz, die nicht nur Williams Kindermädchen, sondern auch eine gute Freundin von Frankenstein und Elizabeth ist, wird des Mordes beschuldigt und schließlich hingerichtet. Victor macht sich daraufhin in die Berge auf, um die Wahrheit in dieser Sache herauszufinden.

Und tatsächlich findet Victor Frankenstein die von ihm geschaffene Kreatur, die sich als äußerst gesprächig erweist und Frankenstein bittet, sich ihre Geschichte anzuhören. Hier setzt die dritte Erzählebene ein und Frankensteins künstlicher Mensch berichtet von seinem Schicksal seit seiner Erschaffung, von seiner Zeit in der Wildnis und der ersten Begegnung mit Menschen, die ihn aufgrund seines abstoßenden Äußeren zurückweisen, weshalb er verbittert und zynisch wird. Wie nicht anders zu erwarten ist die Kreatur auch für den Mord an William verantwortlich, ebenso wie für die Verhaftung Justines. Schließlich bittet die Kreatur ihren Schöpfer, ihr eine Gefährtin zu machen und verspricht als Gegenleistung, Frankenstein und alle Menschen in Ruhe zu lassen.

Zuerst ist Victor einverstanden, begibt sich nach Irland und beginnt mit der Arbeit, schreckt dann allerdings vor dem Gedanken zurück, hier eine neue Spezies monströser Wesen zu schaffen und zerstört seine Arbeit schließlich. Die Kreatur ist außer sich und nimmt blutige Rache, indem sie Victors Freund Clerval tötet. Frankenstein selbst wird für den Mord verantwortlich gemacht, kann jedoch seine Unschuld beweisen und kehrt nach Genf zurück. Bereits seit langem planten Frankensteins Eltern, Victor mit seiner Stiefschwester Elizabeth zu verheiraten, doch noch in der Hochzeitsnacht tötet die Kreatur nun auch Elizabeth. Der Schreck über den Tod der Adoptivtochter kostet auch Victors Vater das Leben. Daraufhin verfolgt Frankenstein seine Schöpfung durch ganz Europa – so haben sowohl er als auch die Kreatur den Polarkreis erreicht. Kurz nachdem er seine Erzählung beendet hat, stirbt Frankenstein an Entkräftung. Daraufhin erscheint die Kreatur, betrauert den Tod ihres Schöpfers und verschwindet mit dem Leichnam, um nie wieder aufzutauchen.

Deutung und Wirkung
Zumindest mit dem groben Konzept von „Frankenstein“ sind die meisten Menschen ebenso vertraut wie mit dem von „Dracula“: Verrückter Wissenschaftler erschafft ein Monster aus Leichenteilen – diese groben, wenn nicht gar unzutreffende Handlungsbeschreibung ist der Aspekt, der sich in der Popkultur festgesetzt und am häufigsten reproduziert wird, nicht zuletzt bedingt durch die frühen filmischen Adaptionen von Universal. Von Lovecrafts „Herbert West – Reanimator“ bis hin zu Tim Burtons „Frankenweenie“ finden sich unzählige Verarbeitungen, Parodien oder Pastichen. Wenn Mary Shelleys Roman dann tatsächlich gelesen wird, sind die meisten, die die Geschichte durch die Filme oder popkulturelle Osmose kennen, zumeist darüber verblüfft, wie eloquent die Kreatur ist oder wie sehr sich der eigentliche Horror zurückhält, zumindest der Horror, den man vielleicht erwarten würde. Tatsächlich verwendet Mary Shelley nicht allzu viel Platz für die Beschreibung der Erschaffung oder des Äußeren der Kreatur. Bezüglich seiner Forschungen hält sich Frankenstein als Erzähler bewusst zurück, da er fürchtet, diese könnten reproduziert werden. Das Monster hat laut Beschreibung im Roman gelbe Haut, die Muskeln und Adern nur unzureichend verbirgt, schwarze Lippen und Haare sowie wässrige Augen. Den genauen Entstellungsgrad schildert Shelley nicht und überlässt vieles der Vorstellungskraft; keine Spur vom viereckigen Schädel, den Narben oder den Schrauben im Hals, die Boris Karloffs Version der Figur unsterblich machen sollten.

Weder ist Frankenstein der tatsächlich verrückte Wissenschaftler, als der er zumeist wahrgenommen wird, noch ist seine Schöpfung ein Monster im eigentlichen Sinn, und schon gar kein tumbes Wesen, das nicht einmal weiß, was es tut, wie es in Universals Filmen der Fall war. Sowohl Frankenstein als auch die Kreatur sind zutiefst fehlerhafte, aber auch tragische Figuren, in beiden Fällen allerdings nicht, weil sie naiv wären oder sich der Konsequenzen ihrer Taten nicht bewusst sind. Beiden gelingt es allerdings nicht, ihre eigene Perspektive außen vorzulassen. Zwar erkennt Frankenstein schließlich seine Verantwortung an, kann sich aber nicht dazu durchringen, seiner Schöpfung Empathie entgegenzubringen. Die Kreatur fungiert in diesem Aspekt als Spiegelbild Frankensteins – zurecht ist sie wütend auf ihren Schöpfer, tötet und vernichtet dann aber völlig unschuldige Menschen, um sich an Frankenstein rächen zu können. Tatsächlich ist William einer der wenigen Menschen, die der Kreatur Mitgefühl entgegenbringt. Der eigentliche Horror von „Frankenstein“ entstammt nicht einem Monster aus Leichenteilen, sondern der konsequenten Uneinsichtigkeit und des Empathiemangels zweier Personen, die dabei so viele andere mit in den Abgrund reißen.

Natürlich ist „Frankenstein“ für das Science-Fiction-Genre mindestens ebenso essentiell wie für das Horror-Genre, vielleicht sogar noch essentieller. Nicht nur das gesamte Konzept des künstlichen Menschen lässt sich zumindest in großen Teilen auf diesen Roman zurückführen, auch die Art und Weise, wie ein Sci-Fi-Element, hier die Erschaffung eines künstlichen Menschen, zu sehr menschlichem Drama führt, bereitet die Klassiker der Science-Ficition-Literatur und natürlich die daraus entshenden Filme und Serien vor. Thematisch ist ein Film wie „Ex Machina“ (2014) deutlich näher an Shelleys Roman als Action-Trash wie „I, Frankenstein“ (ebenfalls 2014), obwohl Letzterer sich direkt auf den Titel beruft.

Vermächtnis
Wie bereits erwähnt wurde „Frankenstein“ unzählige Male adaptiert, von der kleinen Billigproduktion bis hin zum großen Studioprojekt mit vielen Stars. Und ebenso wie bei „Dracula“ haben die Verfilmungen die Wahrnehmung des Romans massiv beeinflusst – das trifft natürlich vor allem auf die Universal-Adaption aus den 1930ern, vielleicht sogar noch mehr, als es bei Stoker der Fall war. Neben den tatsächlichen Umsetzungen des Romans finden sich natürlich auch unzählige Gastauftritte des Monsters und (nicht ganz so häufig) seines Schöpfers. Gerade in Crossover-Projekten, ernsten wie parodistischen, ist Frankensteins Monster ein gern gesehener Gast. Das geht zurück zu Universal Filmen wie „Abbott and Costello Meet Frankenstein“ (1948) über „The Munsters“ (Originalserie 1964 bis 1966) bis hin zu moderneren Crossovern wie „Van Helsing“ (2004) oder „Penny Dreadful“ (2014 bis 2016). Natürlich werde ich im Rahmen dieser Artikelreihe nicht alle Adaptionen besprechen, der Fokus soll zuerst einmal auf den „drei großen Filmen“ liegen: Universals „Frankenstein“ (1931), Hammers „Curse of Frankenstein“ (1957) und „Mary Shelley’s Frankenstein“ (1994). Zudem möchte ich den Fokus auf die eine oder andere Comicadaption legen, die nicht aus dem anglo-amerikanischen Raum stammt.

Wie üblich folgt an dieser Stelle die obligatorische Empfehlung der Gruselkabinett-Adaption von „Frankenstein“, besonders für alle, die mit über hundert Jahre alten Romanen vielleicht so ihre Probleme habe. Wie gewohnt handelt es sich beim zweiteiligen Hörspiel von Marc Gruppe und Stephan Bosenius um eine ebenso atmosphärische wie hochwertige und Vorlagengetreue Umsetzung von Mary Shelleys Geschichte. Besonders zu überzeugen wissen Peter Flechtner (deutsche Stimme von Ben Affleck) als Victor Frankenstein und Klaus-Dieter Klebsch (deutsche Stimme von Hugh „Dr. House“ Laurie und Josh Brolin) als Kreatur – beiden gelingt es, die tragischen, vielschichtigen Figuren des Romans angemessen stimmlich darzustellen.

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: The Vampyre
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Penny Dreadful Staffel 1

Geschichte der Vampire: The Vampyre

Halloween 2013
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Seit letztem Halloween habe ich mich über Vampire praktisch kaum mehr geäußert – die Rezension zu „Breaking Dawn“ zählt nicht, da die Twilight-Saga nicht wirklich etwas mit Vampiren zu tun hat. Das gedenke ich hiermit zu ändern und gleichzeitig eine neue Artikelreihe zu starten: Geschichte der Vampire. Im Rahmen dieser Artikelreihe werde ich weniger rezensieren als vielmehr erläutern und vorstellen. Die Sujets der Artikel werden, wie könnte es anders sein, wichtige und stilbildende Werke der Vampirliteratur und des Vampirfilms sein. Es handelt sich dabei meiner Meinung nach um Werke, von denen man zumindest gehört haben sollte, wenn man sich selbst als Vampirfan bezeichnet.

Geschichten über blutsaugende Geister und Dämonen sind sehr alt und finden sich in allen Kulturen, der Vampir wie wir ihn heute kennen existiert aber erst seit dem 19. Jahrhundert. Zuvor waren Vampire in den osteuropäischen Volkssagen eher zombiehaft – tumbe, blutsaugende Leichen, denen man ihren Zustand auch ansah. Viele Sagen berichten von Toten, die aus dem Grab zurückkehren, um das Blut ihrer Verwandten zu trinken.

Den Sprung von der Sage in die Literatur vollbrachte der Vampir bereits im 18. Jahrhunderts, vorerst allerdings nur in Gedichten, etwa „Der Vampir“ von Heinrich August Ossenfelder (verfasst 1748), „Leonore“ von Gottfried August Bürger (1774) oder Johann Wolfgang von Goethes „Die Braut von Korinth“ (1797). Die Darstellung des Vampirs in diesen und ähnlich gelagerten Gedichten orientiert sich allerdings zumeist an den Volkssagen oder bleibt allgemein eher vage. Der „klassische“, sprich: aristokratische Vampire erlebte sein Debüt 1819, als die von John William Polidori verfasste Kurzgeschichte „The Vampyre“ erschien (verfasst wurde sie bereits 1816). Mit Lord Ruthven, dem Titelhelden, erschuf Polidori, der der Figur Züge seines Freundes Lord Byron verpasste, den ersten verführerischen Gentleman-Vampir, der sich in adeligen Kreisen bewegt. Die Geschichte handelt von dem jungen Percy Aubrey, der bei seiner Einführung in die Gesellschaft besagtem Lord Ruthven, einem charismatischen, aber auch bedrohlichen Mann begegnet. Aubrey ist von Ruthven sofort beeindruckt und begibt sich mit ihm auf eine Europareise. Während dieser Reise wird er allerdings von Ruthvens hedonistischem Lebensstil immer stärker abgestoßen, sodass die beiden sich schließlich trennen. In Griechenland verliebt sich Aubrey schließlich in ein junges Mädchen, das unter mysteriösen Umständen stirbt. Dadurch erfährt er von der Legende des blutsaugenden Vampirs. Schließlich taucht Ruthven wieder auf und hilft Aubrey über seine Trauerphase hinweg. Doch auch Ruthven ereilt bald darauf der Tod, denn scheinbar werden er und Aubrey von Räubern angegriffen, die zwar vertrieben werden können; Ruthven ist jedoch schwer verletzt. Aubrey muss ihm das Versprechen abnehmen, ein Jahr und einen Tag lang über ihn zu schweigen.

Bei seiner Rückkehr erfährt er, dass seine Geliebte Schwester inzwischen mit dem Earl von Marsden verlobt ist, bei dem es sich um niemand anderen als Lord Ruthven handelt, wie Aubrey entsetzt feststellen muss. Erst jetzt wird ihm das volle Ausmaß von Ruthvens vampirischer Natur klar. Dennoch ist er nach wie vor an seinen Schwur gebunden. Als das Jahr und der Tag schließlich verstrichen sind, ist es zu spät: Aubreys Schwester und Ruthven sind spurlos verschwunden.

Ruthven ist quasi der Prototyp-Vampir; viele der späteren Eigenschaften sind schon vorhanden, auch wenn Ruthven noch verhältnismäßig frei von Einschränkungen ist – die Sonne als Mittel zur Vernichtung der Vampire beispielsweise wurde erst mit Murnaus unautorisierter Dracula-Verfilmung „Nosferatu“ eingeführt. Dennoch, der Vampir agiert hier erstmals als erotische Figur, als attraktiver und ambivalenter Jäger.
Zwar beeinflusste er auch Dracula, doch Ruthvens eigentlicher geistiger Nachfolger ist Anne Rice‘ Lestat de Lioncourt, zumindest so, wie er in „Interview mit einem Vampir“ dargestellt wird. Im Gegensatz zu Dracula, der praktisch von Anfang an eine antagonistische Figur ist, besitzt Ruthven durchaus sympathische Züge und nimmt für Percy Aubrey eine ähnliche Mentorenrolle ein wie Lestat für Louis.

Obwohl Polidoris Geschichte heute nur noch recht wenigen bekannt ist (in erster Linie natürlich denen, die sich mit den literarischen Hintergründen der Vampire beschäftigen), war sie nach dem Erscheinen äußerst erfolgreich und löste quasi die erste Vampirbegeisterung der Geschichte aus. Der Roman wurde vielfach adaptiert, u.a. als Theaterstück oder Oper und sogar Johann Wolfgang von Goethe fand lobende Worte, auch wenn er, wie viele andere, annahm, dass Byron und nicht Polidori die Geschichte verfasst hatte.

Nach heutigen Maßstäben mag Polidoris Erzählung freilich schon recht altbacken und darüber hinaus ziemlich ausschweifend und schwülstig wirken, ihre Bedeutung kann allerdings nicht oft genug betont werden, denn man kann wohl davon ausgehen, dass es ohne sie die Vampirliteratur, so wie sie heute existiert, nicht geben würde. Wer sich mit Vampirliteratur beschäftigt, kommt an „Der Vampyr“ schlicht nicht vorbei.

Obwohl Lord Ruthven, im Gegensatz zu seinem Nachfolger Dracula, der breiten Masse kaum mehr bekannt ist, taucht er dennoch immer mal wieder in der Popkultur auf, etwa in den Comics der Verlage DC und Marvel. In Kim Newmans Anno-Dracula-Serie hat er sogar eine recht prominente Rolle inne und fungiert im ersten Band, in welchem Dracula Queen Victoria geheiratet hat und nun als Prinzgemahl mit eiserner Faust über Großbritannien regiert, als Premierminister. Auch die Autoren des Rollenspiels „Vampire: The Masquerade“ haben den ersten adeligen Vampir nicht vergessen, denn in mehreren Quellenbänden taucht der Tzimisce-Methusalem Lambach Ruthven auf. Die Figur hat zwar mit dem ursprünglichen Ruthven aus Polidoris Geschichte relativ wenig zu tun, allerdings ist er der Erzeuger Draculas – ein netter Insidergag, denn ohne Ruthven wäre Stokers Roman vermutlich nie entstanden.

Der englische Text ist im Internet problemlos als PDF zu finden, eine deutsche Version gibt es meines Wissens nach allerdings nicht. Wenn dennoch in den Genuss einer deutschen Version der Geschichte kommen möchte, dem sei die Hörspieladaption der Reihe „Gruselkabinett“ von Titania Medien ans Herz gelegt. Diese Reihe hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Klassiker der Schauerliteratur als hochwertige Hörspiele zu adaptieren. Dabei wurden die meisten Vorlagen, wie auch „Der Vampyr“, ein wenig entschlackt und für das moderne Publikum zugänglicher gemacht, ohne sie zu verfälschen.

Halloween 2013:
Prämisse
Hellraiser: Hellworld
American Horror Story: Asylum