Die Schöne und das Biest

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Story:
Als ein dekadenter junger Prinz (Dan Stevens) eine alte Bettlerin (Hattie Morahan) abweist, entpuppt sich diese als Zauberin, die den Prinzen zur Strafe für seine Arroganz und Oberflächlichkeit in ein Biest verwandelt. Bevor das letzte Blütenblatt einer magischen Rose gefallen ist, muss der Prinz beweisen, dass er lieben und geliebt werden kann. Einige Jahre später ergibt sich die Gelegenheit: Um ihren Vater Maurice (Kevin Kline), der eine Rose aus dem Schlossgarten pflücken wollte, aus den Klauen des Biests zu befreien, erklärt sich die Bücherfreundin Belle (Emma Watson) bereit, den Platz ihres Vaters als Gefangene des Biests einzunehmen. Derweil versucht Belles Verehrer Gaston (Luke Evans) die Situation zu seinem Vorteil auszunutzen, da Belle ihn partout nicht heiraten will…

Kritik: Holen wir mal ein wenig weiter aus und betrachten „Die Schöne und das Biest“, Disneys neuestes Realfilmremake eines Zeichentrickklassikers, mal im Kontext eben dieses Trends („Elliot der Drache“ mal ausgenommen, da ich ihn noch nicht gesehen habe). Die Frage nach Sinn und Unsinn sollte dabei gar nicht erst gestellt werden, denn der Sinn ist eindeutig: Bislang waren alle Remakes finanziell äußerst erfolgreich, weshalb Disney sicher nicht damit aufhören wird, diese Filme zu produzieren.

Es fing alles 2010 mit Tim Burtons „Alice im Wunderland“ an, das gleichermaßen Remake wie Fortsetzung war, da es von Alice‘ zweitem Ausflug ins Wunderland erzählt (der dennoch in vieler Hinsicht dem ersten gleicht). Das Ergebnis war leider ein vor CGI überquellender Film, der an der Essenz der Geschichte vorbeierzählte: „Alice im Wunderland“, sowohl der Film von 1951 als auch die Vorlage von Lewis Carrol, ist ein Werk der englischen Nonsense-Strömung, einem solchen Werk einen sinnvollen Plot zu geben, der daraus einen etwas schrägeren Narnia-Abklatsch macht, ist fürchterlich daneben. „Maleficent“ (2014) von Robert Stromberg, der bereits bei „Alice im Wunderland“ für die Effekte verantwortlich war, ist in mancherlei Hinsicht das interessanteste Remake, da es sich hierbei quasi um die märchenhafte Disney-Version eines Rape/Revenge-Films handelt. Dass der Film unter dieser Prämisse überhaupt zustande kam ist beeindruckend, leider ist die Umsetzung alles andere als gelungen und passt einfach hinten und vorne nicht. Der künstliche CG-Look von „Alice“ wird auf die Spitze getrieben, die Handlung ist schlecht erzählt, die Charakterzeichnung unterirdisch und der Schlusstwist stammt direkt aus „Frozen“. „Cinderella“ (2015) von Kenneth Branagh war da ausgeglichener und runder, aber auch unspektakulärer; ein harmloser, unterhaltsamer, aber vergessenswerter Märchenfilm (ich bin allerdings auch nicht der größte Fan des Originals). Jon Favreaus „Jungle Book“ zeigte dann, wie so eine Realfilmremake idealerweise auszusehen hat. Favreau bemühte sich, den Zeichentrickklassiker und die Atmosphäre von Kiplings Vorlage miteinander zu verbinden. Dabei erweist er, anders als „Maleficent“, dem Original stets die nötige Ehrerbietung, ohne sich allerdings sklavisch an ihm zu orientieren. Während die Handlung dieselbe ist, schafft es Favreau doch, fast jeder Szene einen neuen Twist oder Blickwinkel zu verleihen, der sie interessant macht.

Und nun also „Die Schöne und das Biest“, entstanden unter der Ägide von Breaking-Dawn-Regisseur Bill Condon (was ich ihm allerdings nicht vorwerfen will, tatsächlich hat er zumindest in „Breaking Dawn Teil 2“ alles aus dem Stoff herausgeholt, was herauszuholen ist). Von allen Realfilmremakes ist dieses zwar nicht das schlechteste, aber wohl das überflüssigste. Wo „The Jungle Book“ und „Cinderella“ die Vorlage durchaus erzählerisch und inhaltlich erweiterten, schaffen es Bill Condon und die Drehbuchautoren Stephen Chbosky und Evan Spiliotopoulos kaum, den Zeichentrick-Klassiker von 1991 wirklich sinnvoll zu ergänzen. Es gibt zwar durchaus einige Hinzufügungen und Veränderungen, so verläuft etwa der Subplot von Belles Vater Maurice ein wenig anders, die Zauberin, die das Biest verflucht, bekommt weitere Auftritte und es wurden auch ein paar neue Lieder beigefügt, aber im Großen und Ganzen handelt es sich um kosmetische Korrekturen. Am interessantesten ist der Umstand, dass sich der Film der Rezeption des Originals scheinbar bewusst ist und versucht, die kleinen Logikprobleme, die im Verlauf der letzten 25 Jahre ermittelt wurden, zu lösen. Dazu gehören zum Beispiel die genaue Funktionsweise des Fluchs (warum vermisst niemand das Schloss samt Prinz und Belegschaft?) oder auch nur der Umstand, dass ein Dorf voller Lesemuffel eine gut ausgestattete Bibliothek hat. Im Grunde sind diese Details und Erklärungen eigentlich überflüssig, da das Original sie schlicht nicht braucht. Der Zeichentrickfilm funktioniert mit Märchenlogik, die Probleme, die das Remake löst, entstehen erst durch die Neuverfilmung.

In diesem Zusammenhang lässt sich Condons Film am ehesten mit Baranghs „Cinderella“ vergleichen, wobei ich das Gefühl habe, dass die Hinzufügungen und Erweiterungen bei „Cinderella“ weitaus gewichtiger ausfielen. Mehr noch, „Cinderella“ fühlte sich trotz des Respekts vor dem Original eigenständiger an. Condon, bzw. Disney versucht in erster Linie, das Original und seine Wirkung minutiös zu rekreieren. Nun ist es nicht so, dass das Remake keinen Charme hätte – dummerweise ist es der Charme des Originals. Jemanden, der die Zeichentrickversion nicht gesehen hat, könnte dieser Film vielleicht überzeugen, wer jedoch mit dem Original vertraut ist, stellt sich unweigerlich die Frage, weshalb er gerade das Remake ansieht – jedenfalls ging es mir so. Dem Remake gelingt es nie, dieses gewisse Etwas einzufangen, dass den ursprünglichen Film so besonders gemacht hat.

Lässt man diesen Aspekt außen vor, überzeugt „Die Schöne und das Biest“ vor allem durch das Design und die Gestaltung. Das Schloss ist beeindruckend und die diversen lebendigen Haushaltsgegenstände sind mit viel Liebe zum Detail konstruiert (bzw. animiert). Auch die Besetzung kann sich sehen lassen, von Ewan McGregor als Lumiere über Emma Thompson als Madame Pottine bis zu Ian McKellen (Von Unruh), Josh Gad (Le Fou), Kevin Kline (Maurice) und Luke Evans (Gaston). Dasselbe lässt sich leider nicht über die Hauptdarsteller sagen: Während weder Dan Stevens noch Emma Watson wirklich schlecht spielen, fehlt doch einfach diese Chemie zwischen den beiden, die dafür sorgte, dass das Original so wunderbar funktioniert. Darüber hinaus finde ich das Biest optisch nicht besonders gelungen. Wo die anderen CGI-Figuren zu überzeugen wissen, wirkt das Biest fürchterlich unecht – vielleicht wären praktische Effekte, Prothesen und Make-up hier sinnvoller gewesen.

Bevor ich auf die Musik zu sprechen komme, noch ein kurzes Wort zur Kontroverse um Le Fou: Diese ist kaum der Rede wert. Josh Gads Version der Figur ist ein wenig femininer als das Original und als Figur ein wenig eigenständiger; sie hat einen Mini-Subplot. Das ändert im Grunde kaum etwas und wirkt nach der Sichtung des fertigen Films primär wie ein Marketing-Stunt, mit dem Disney zeigt, wie progressiv es ist. Umso alberner und bescheuerter sind dann auch die Reaktionen aus Alabama und Russland, wo der Film entweder boykottiert wurde oder eine Altersfreigabe ab 16 bekam. Und nun zu einem wirklich wichtigen Aspekt.

Da es sich bei „Die Schöne und das Biest“ um ein tatsächliches Musical handelt und die Songs eine wichtige Rolle spielen (immerhin ist jedes einzelne Lied des Originals ein Ohrwurm, der die Gehirnwindungen nie wieder verlässt), werde ich ein wenig ausführlicher auf die Musik eingehen. Insgesamt bin ich zwiegespalten. Keines der Lieder aus dem Remake kommt auch nur ansatzweise an das Gegenstück aus dem Original heran. Luke Evans singt erstaunlich gut, bei den meisten anderen lassen die Sangeskünste jedoch zu wünschen übrig. In der deutschen Version ist das ein wenig besser, weil hier tatsächlich Sänger angeheuert werden, während im O-Ton die Schauspieler selbst singen. Vor allem Emma Watson und Emma Thompson können da absolut nicht überzeugen. Die neuen Lieder, darunter Evemore, eine Solonummer für das Biest, gehen neben ikonischen Nummern wie Be Our Guest oder Gaston ziemlich unter und schaffen es kaum, sich ins Gedächtnis einzubrennen. In einem Aspekt übertrifft das Remake jedoch das Original. Wie schon 1991 komponierte Alan Menken auch hier den Score. Nun kommt es ziemlich selten vor, dass ein Komponist denselben Film zwei Mal vertont, aber Menken zeigt, dass er als Score-Komponist unterbewertet ist und definitiv mehr Arbeit abseits von Musicals braucht. Nun hatte das Original keinesfalls einen schlechten Score, aber Menken bekommt hier die Gelegenheit zu zeigen, wie er sich als Komponist weiterentwickelt hat. Die Orchestrierungen sind besser und komplexer und auch die leitmotivische Arbeit weiß zu gefallen. Mühelos nimmt Menken seine ikonischen Melodien, variiert sie, kontrapunktiert sie und lässt sie mit- und gegeneinander arbeiten. Passend zum barocken Stil des Films bekommt das Cembalo eine größere Rolle. Ähnlich verhält es sich mit dem Fluch-Thema, das nun endgültig zum Rückgrat des Scores wird.

Fazit: Während „Die Schöne und das Biest“ kein wirklich schlechter Film ist, ist er doch im Grunde überflüssig, da er primär versucht, das Original zu reproduzieren, dabei aber nur erreicht, dass zumindest ich mich frage, weshalb ich mir nicht gerade die Zeichentrickversion ansehe.

Trailer

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Disneys Der Glöckner von Notre-Dame

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„Der Glöckner von Notre-Dame“ ist mein Lieblings-Disney-Film. Daraus sollte man allerdings nicht den Schluss ziehen, dass ich ihn auch für den besten Disney-Film halte. Viel eher ist er, mit all seinen Stärken, Schwächen, seiner Beziehung zur Vorlage und der Metamorphose, die er durchlaufen hat, seit er ins Kino kam, in meinen Augen der interessanteste Disney-Film – hier lohnt sich fraglos eine ausgiebige Betrachtung.

Roman und Film
Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“ ist ein umfassender und sehr düsterer Roman um Liebe, Lust, Architektur, Ausgrenzung, Religion, Architektur, Korruption, Hass, und, ach ja, Architektur. Als solcher ist er vielleicht nicht unbedingt die beste Vorlage für einen Disney-Zeichentrickfilm. Das Endprodukt leidet schon fast an Persönlichkeitsspaltung: Einerseits haben die Verantwortlichen sehr viel geändert, es findet sich der für Disney typische Humor, das Happy-End, lustige Tiere und Sidekicks, die komplexe Handlung wurde sehr stark vereinfacht, aber trotz allem ist immer noch genug von der Essenz des Romans vorhanden, um diesen zum wahrscheinlich düstersten Film des Meisterwerke-Kanons zu machen. Man merkt, dass dies ein Herzensprojekt der Macher war und sie, um es umzusetzen, bereit waren, Kompromisse einzugehen. Das Endergebnis ist ein sehr unebener, aber eben auch ein sehr mutiger Film.

Vom eigentlichen Plot des Romans wurden diverse Figuren und Eckpunkte mehr oder weniger getreu übernommen: In Notre-Dame lebt der bucklige Glöckner Quasimodo (Tom Hulce) unter Aufsicht des frommen Claude Frollo (Tony Jay). Am Tag des Narrenfestes zeigt sich Quasimodo und wird zum König der Narren gewählt, aber bereits kurz darauf von der Menge verspottet und gedemütigt. Nur die Zigeunerin Esmeralda (Demi Moore) zeigt sich mitfühlend hilft ihm, wobei sie Frollo verspottet. Sowohl Quasimodo als auch Frollo und der Gardehauptmann Phoebus (Kevin Kline) verlieben sich in die Zigeunerin. Dieses Verlangen stürzt Frollo in einen tiefen Konflikt und er versucht, Esmeralda mit allen Mitteln in seine Gewalt zu bringen. Die Inhaltsangabe könnte noch sowohl für den Roman als auch für den Film funktionieren, sonst finden sich allerdings sehr viele Änderungen, vor allem bezüglich der Figuren.

Zwei Charaktere, die im Roman sehr wichtig sind, fehlen im Film beispielsweise vollkommen: Jehan Frollo du Moulin, Claude Frollos jüngerer Bruder, der von Frömmigkeit nichts hält, und Pierre Gringoire, ein erfolgloser Dichter, der sich, wie die meisten anderen männlichen Figuren des Romans auch, in Esmeralda verliebt. Als er allerdings letztendlich die Wahl hat, rettet er lieber die Ziege Djali.

Die Figuren, die es in den Film geschafft haben, unterscheiden sich mitunter sehr stark von ihren Romangegenstücken. So ist Phoebus bei Hugo keineswegs ein strahlender Held, sondern ein ziemliches Arschloch, das mit einem Mädchen namens Fleur de Lys verlobt ist und Esmeralda nur wegen ihrer Schönheit begehrt. Quasimodo selbst ist im Roman wegen des Glockengeläuts so gut wie taub und spricht gebrochen, während Esmeralda gerade einmal sechzehn Jahre alt und darüber hinaus sehr unschuldig, naiv und abergläubisch ist. Es gibt noch einen Subplot über ihre Herkunft, der im Film, wie die beiden oben erwähnten Figuren, völlig ausgelassen wurde. Und dann wäre da noch Frollo, der in der Vorlage ein weitaus komplexerer Charakter ist als in der Adaption. Im Disney-Film wurde die Romanfigur quasi aufgespalten, zum einen in Richter Frollo und zum anderen in den namenlosen Erzdiakon, der verhindert, dass Frollo Quasimodo ertränkt. Im Roman ist Frollo selbst Erzdiakon von Notre-Dame und verhältnismäßig mitfühlend, tatsächlich adoptiert er Quasimodo völlig ohne moralische Erpressung und er ist es, der verhindert, dass die Bürger von Paris ihn während des Narrenfestes quälen. Alle positiven Eigenschaften des Buch-Frollo wurden im Film auf den namenlosen Erzdiakon übertragen. Es sollte auch erwähnt werden, dass Frollo im Roman gerade einmal fünfunddreißig ist und auch großes Interesse an Alchemie und Magie hat – dass Letzteres nicht im Film gelandet ist, finde ich allerdings ziemlich gut, denn sonst wäre Frollo Dschafar vielleicht zu ähnlich. Obwohl Film-Frollo weniger vielschichtig ist als Buch-Frollo, ist er doch für einen Disney-Schurken immer noch ziemlich komplex, und darüber hinaus sogar um einiges böser als sein Gegenstück: Im Roman führt Frollo weder ethnische Säuberungen durch, noch plant er einen Genozid oder tötet Quasimodos Mutter. Er mag zwar weniger komplex sein als das Roman-Äquivalent, aber dennoch ist Frollo als Schurke so gelungen, weil man ihn ernst nehmen kann. Zauberer mit Kobrastab, böse Hexen, die wie Tintenfische aussehen oder sich in Drachen verwandeln findet man insgesamt in der Realität eher selten, aber Menschen wie Frollo hat es gegeben und gibt es immer noch – für einen Disney-Film ist Frollo ein fast schon unangenehm realistischer Bösewicht, und genau das macht seine Faszination aus. Die Essenz des Romans findet sich vor allem in Frollo, aber auch einigen anderen Elementen des Films. Die Atmosphäre ist grandios, die Liebe zum Detail in der Darstellung Notre-Dames ist beeindruckend und dann ist da natürlich noch die Musik…

Alan Menkens Meisterwerk
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Track Listing:
01. The Bells of Notre Dame
02. Out There
03. Topsy Turvy
04. Humiliation
05. God Help the Outcasts
06. The Bell Tower
07. Heaven’s Light/Hellfire
08. A Guy Like You
09. Paris Burning
10. The Court of Miracles
11. Sanctuary!
12. And He Shall Smite the Wicked
13. Into the Sunlight
14. The Bells of Notre Dame (Reprise)
15. Someday – performed by All-4-One
16. God Help the Outcasts – performed by Bette Midler

Oberflächlich betrachtet folgen Alan Menken und Stephen Schwartz mit „Der Glöckner von Notre-Dame“ der Standard-Disney-Formel: Es gibt die große, opulente Eröffnungsnummer (The Bells of Notre-Dame), den Schurken-Song (Hellfire), den Ich-will-Song des Helden (Out There), drei eher humoristische Lieder (Topsy Turvy, A Guy Like You, Court of Miracles) und die emotionalen bzw. romantischen Stücke (God Help the Outcasts, Heavens’s Light). Allerdings, mit einer Ausnahme, holen Schwartz und Menken alles aus dieser Formel heraus. Diese Ausnahme ist A Guy Like You, das höchst anachronistisch ist und aus den anderen Liedern des Films unangenehm heraussticht.

Alle anderen jedoch sind gut bis grandios. Das zeigt sich bereits am Anfang: The Bells of Notre-Dame gibt den musikalischen und atmosphärischen Ton des Films vor. Während viele andere Disney-Eröffnungsnummern, etwa Circle of Life oder Arabian Nights, sich damit begnügen, lediglich die richtige Atmosphäre zu schaffen, erzählt The Bells of Notre-Dame zusätzlich die Vorgeschichte und rückt die Kathedrale effizient und elegant in den Mittelpunkt. Topsy Turvy, Court of Miracles und God Help the Outcasts funktionieren alle hervorragend, die wirklich herausragenden Nummern, Out There und Heaven’s Light/Hellfire sind aber beide dualistischer Natur. In beiden Fällen nutzen Schwartz und Menken die Gelegenheit, um Frollo und Quasimodo miteinander zu vergleichen, denn in beiden Fällen greift einer das Lied des anderen auf und dreht es um. Out There beginnt mit Frollo, der davon singt, wie grausam die Welt ist. In der zweiten Hälfte nimmt Quasimodo dieselbe Melodie, gibt ihr eine sehr viel positivere Ausrichtung und singt davon, wie sehr er sich wünscht, die Außenwelt kennen zu lernen und wie grandios das sein wird. Ähnlich ist es bei Heaven’s Light/Hellfire, auch wenn es sich hierbei um unterschiedliche, wenn auch verwandte Melodien handelt. Zuerst singt Quasimodo von seiner Liebe zu Esmeralda, die unschuldig und rein ist. Frollos Hellfire ist ein dunkler Spiegel, der Richter hadert mit sich und seiner Lust und beschließt am Ende, das Esmeralda ihm gehören muss, egal um welchen Preis.

Lieder und Score sind eng miteinander verbunden, so fungiert die Melodie von Out There beispielsweise als Quasimodos Leitmotiv, und im Gegenzug hat Menken einige der liturgischen Leitmotive des Scores in die Lieder eingebunden, etwa das chorale, wortlose Hauptthema (zu hören in The Bells of Notre-Dame bei 0:30, 3:50, 6:06, Hellfire bei 5:07, Paris Burning bei 0:34 oder Sanctuary! bei 5:48, um nur ein paar Beispiel zu nennen), das Dies-Irae-Motiv (The Bells of Notre-Dame bei 3:02, Paris Burning gleich am Anfang) oder das Kyrie-Eleison-Motiv (The Bells of Notre-Dame bei 2:35, Paris Burning bei 1:33). Das sorgt dafür, dass Lieder und Score wie aus einem Guss wirken und exzellent zusammen passen. Von allem, was Alan Menken für Disney geschrieben hat, ist „Der Glöckner von Notre-Dame“ nach wie vor mein Favorit, kaum ein anderer Disney-Score ist derart bombastisch und mitreißend.

Das deutsche Musical
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Track Listing:
01. Die Glocken Notre-Dames
02. Zuflucht
03. Draußen
04. Tanz auf dem Seil
05. Ein bisschen Freude
06. Drunter – Drüber
07. Hilf den Verstoss’nen
08. Hoch über der Welt
09. Das Licht des Himmels
10. Das Feuer der Hölle
11. Esmeralda
12. Trommeln in der Stadt
13. Ein Mann wie du
14. Weil du liebst
15. Tanz der Zigeuner
16. Weil du liebst (Reprise)
17. Wie aus Stein
18. Einmal
19. Finale Ultimo

Disneys Versuch, Victor Hugos Roman als Zeichentrickfilm umzusetzen, war eher weniger von Erfolg gekrönt: Viele Zuschauer, die nur einen weiteren, netten Disneyfilm sehen wollten, waren irritiert von der düsteren und erwachsenen Ebene, während Liebhaber der Vorlage von den Anpassungen abgestoßen wurden. Interessanterweise war das Land, in dem Disneys „Glöckner“ am erfolgreichsten war, Deutschland. Schon zuvor hatte Disney diverse Filme als Musical umgesetzt, und auch beim „Glöckner“ ging man so vor, brachte es aber, wegen des oben erwähnten Erfolges, erst einmal nur in Deutschland auf die Bühne. Das Musical „Der Glöckner von Notre-Dame“ lief von 1999 bis 2002 in Berlin und verschwand danach in der Versenkung. Das Buch stammt von James Lapine („Into the Woods“), die deutschen Liedtexte verfasste Michael Kunze („Tanz der Vampire“) und Alan Menken steuerte einige neue Lieder bei.

Während das Musical dem Film eigentlich ziemlich genau folgt, nähert es sich bezüglich Atmosphäre und Figurenzeichnung wieder stärker dem Roman an – am auffälligsten ist diesbezüglich, dass Esmeralda am Ende nicht überlebt. Insgesamt ist der Tonfall ernster und düsterer, der Humor weniger überdreht und grimmiger, und die Wasserspeier sind weniger dominant und existieren nun ganz eindeutig nur in Quasimodos Einbildung. Der Glöckner selbst ist hier, wie im Roman, des Sprechens nur bedingt mächtig, lediglich in seinen Liedern drückt er sich flüssig aus. Phoebus erinnert auch wieder mehr an das Buchgegenstück und macht eine stärkere Entwicklung durch, während Frollo etwas differenzierter gezeichnet wird.

Ein Lied, Court of Miracles, wurde vollständig entfernt, dafür kommen sowohl neue Lieder als auch melodische, besungene Motive hinzu, die je nach Bedarf in andere Lieder eingearbeitet werden können. Ein Beispiel hierfür ist die Zufluchts-Melodie, die in Zuflucht (eigentlich die erste Hälfte von Out There, bei 1:22) oder Finale Ultimo (5:41) auftaucht. Tanz auf dem Seil dient als Einführungsstück für Esmeralda, die Melodie, die in der zweiten Hälfte dieses Liedes vorgestellt wird, wird in Esmeralda wieder aufgegriffen und voll ausgeschöpft. Ein bisschen Freude ist ebenfalls ein neues Vorstellungslied, dieses Mal für Phoebus, und basiert auf dem Leitmotiv des Gardehauptmanns aus dem Score des Films (zu hören beispielsweise in Paris Burning bei 0:41, Sanctuary! bei 5:12 oder Into the Sunlight bei 0:55). Hoch über der Welt ist ein neues Duett zwischen Quasimodo und Esmeralda. Wie schon Out There wurde auch Heaven’s Light/Hellfire aufgespalten. Es folgt das bereits erwähnte Esmeralda, das sich inhaltlich mit dem Score-Stück Paris Burning deckt. Trommeln in der Stadt basiert auf einem Motiv aus Sanctuary! und fungiert als Eröffnung des zweiten Aktes, in Weil du liebst versucht Phoebus Quasimodo zu überreden, mit ihm Esmeralda vor Frollo zu warnen und Tanz der Zigeuner ist ein Instrumentalstück, das Court of Miracles ersetzt. Wie aus Stein ist ein neues Sololied für Quasimodo und der wahrscheinlich beste Neuzugang. Einmal, bzw. die englische Version Someday, wurde von Alan Menken ursprünglich für den Film, genauer, die Kirchenszene, in der jetzt God Help the Outcasts erklingt, komponiert, dann aber gestrichen und als Abspannlied verwendet (in einer fürchterlichen Pop-Version von All-4-One). Im Musical findet es nun einen neuen Platz kurz vor dem Finale und dient Phoebus und Esmeralda zur Reflexion über ihr Schicksal. Finale Ultimo schließlich verarbeitete die Score-Tracks Sacntuary!, He Shall Smite the Wicked, Into the Sunlight und The Bells of Notre-Dame (Reprise) und greift noch einmal fast alle wichtigen Melodien zumindest kurz auf.

Ich muss zugeben, dass ich das Musical während seiner Laufzeit nie gesehen habe, ich besitze lediglich die Cast-Aufnahme und habe mir eine abgefilmte Version auf Youtube angesehen. Insgesamt zeigt das Musical durchaus gut, wie die Probleme des Films verbessert werden können, gleichzeitig habe ich allerdings ein paar Probleme mit der Umsetzung. Da wäre zuerst die deutsche Version, bzw. die deutschen Texte von Michael Kunze, die manchmal sehr holprig und unelegant klingen. Die Texte der deutschen Filmsynchro waren zwar ein wenig kindgerechter, aber auch passender und flüssiger. Leider finde ich auch die Besetzung des Musicals nicht allzu gelungen. Das trifft besonders auf Frollo (Norbert Lamla) und Clopin (Jens Janke) zu, die meilenweit hinter Tony Jay und James Kendall zurückbleiben.

Das englische Musical
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Track Listing:
01. Olim
02. The Bells of Notre-Dame
03. Out There
04. Topsy Turvy Part 1
05. Rest and Recreation
06. Rythm of the Tambourine
07. Topsy Turvy Part 2
08. Notre-Dame (Intro)
09. God Help the Outcasts
10. Top of the World
11. Tavern Song (Thai Mol Piyas)
12. Heaven’s Light
13. Hellfire
14. Esmeralda
15. Entr’act
16. Flight Into Egypt
17. The Court of Miracles
18. In a Place of Miracles
19. Justice in Paris
20. Someday
21. While the City Slumbered
22. Made of Stone
23. Finale

Kommen wir nun zum eigentlichen Anlass dieses Artikels. Nach der Absetzung des durchaus erfolgreichen deutschen Musicals überlegte man bei Disney, ob und wenn ja wie man diesen Stoff an den Broadway bringen könnte. Man kam allerdings zu keinem Ergebnis und so verblieb „Der Glöckner von Notre-Dame“ mehr als zehn Jahre lang im Theater-Limbo, auch wenn Alan Menken und Stephen Schwartz immer wieder versuchten, etwas zu bewegen. An den Broadway hat es die Musical-Version des Disney-Films zwar nach wie vor nicht geschafft, aber immerhin existiert inzwischen tatsächlich eine englische Version, die zuerst von Oktober bis Dezember 2014 im La Jolla Playhouse in San Diego, Californien und später von März bis April 2015 im Paper Mill Playhouse in Millburn, New Jersey gespielt wurde. Nach wie vor ist keine Broadway-Version in Sicht, aber im Januar 2016 erschien immerhin eine Cast-Aufnahme. Auch hier gilt: Ich habe das Musical nicht live gesehen, nur abgefilmtes Material.

Die US-Version basiert auf dem Berliner Musical, wurde aber noch einmal überarbeitet und ist Victor Hugos Roman nun sogar noch näher. Der Fokus der amerikanischen Produktion liegt auf Frollo, der fast mehr der Protagonist ist als Quasimodo. Die größte Änderung findet sich bereits im Prolog: Frollo ist hier, wie im Roman, Erzdiakon von Notre-Dame, während der namenlose Erzdiakon des Films nicht auftaucht. Auch wurde der Prolog abgeändert und ist nun näher am Roman: Jehan Frollo taucht hier auf. Die Brüder werden als Waisen in Notre-Dame aufgezogen, Claude wird Priester, während Jehan der Kirche verwiesen wird, weil er eine Zigeunerin mit auf sein Zimmer nimmt. Jahre später stirbt Jehan an den Pocken und bittet seinen Bruder, seinen missgestalteten Sohn zu adoptieren. Im Roman ist Quasimodo zwar nicht Claude Frollos Neffe, aber eine ähnliche Szene findet sich auch bei Hugo, nur dass es Jehan ist, der dort nach dem Tod seiner Eltern von seinem älteren Bruder adoptiert wird. Diese Änderung sorgt auch dafür, dass sich The Bells of Notre-Dame hier textlich sehr stark von der Filmversion unterscheidet, da es von den Frollo-Brüdern statt vom Tod von Quasimodos Mutter erzählt. Nach dem radikal veränderten Prolog folgt das Musical der Filmhandlung, bzw. der Berliner Produktion verhältnismäßig genau, mit einigen Ausnahmen bzw. Anpassungen.

Bevor ich zur musikalischen Umsetzung komme, noch kurz ein paar Worte zur Inszenierung: Diese ist eher schlicht und sich ihrer Natur sehr bewusst. Statt Clopin durchgängig als Erzähler zu haben, der immer wieder zur Melodie von The Bells of Notre-Dame das Geschehen kommentiert und erläutert, gibt es hier einen zweiten Chor, bestehend aus den Darstellern, der diese Funktion übernimmt. Es kommt auch recht häufig vor, dass die Figuren die Exposition über sich selbst vortragen. Kostümwechsel finden ebenfalls zum Teil auf der Bühne statt, besonders markant ist hier das Ende von The Bells of Notre-Dame wo sich der Quasimodo-Darsteller die Buckel-Prothese selbst anlegt und in die Rolle schlüpft.

Und nun zur Musik: Bis auf eine Ausnahme finden sich alle Lieder des Films in der Aufführung. Anders als in der deutschen Inszenierung fehlt hier allerdings nicht Court of Miracles, sondern A Guy Like You. Da das Lied der Wasserspeier (die hier erfreulicherweise ebenfalls fehlen) das in meinen Augen schwächste des Films ist, habe ich damit kein Problem. Manche Lieder der deutschen Produktion wurden ebenfalls übernommen, andere wurden gestrichen oder ersetzt. Ein bisschen Freude etwa ist nach wie vor Phoebus‘ Vorstellungslied, Tanz auf dem Seil dagegen ist der Schere zum Opfer gefallen, Esmeralda hat nun in Rythm of the Tambourine, während des Fests der Narren, ihren ersten Auftritt – genau genommen ist dieses Lied Teil von Topsy Turvy, das dreigeteilt wurde (Topsy Turvy Part 1, Rythm of the Tambourine, Topsy Turvy Part 2). Hoch über der Welt (Top of the World) hat es ebenfalls in die amerikanische Produktion geschafft, genauso wie Esmeralda, Einmal (Someday), Stadt aus Stein (Made of Stone) und Finale Ultimo (Finale). Trommeln in der Stadt wurde durch ein ähnlich geartetes Stück ersetzt, das nach seiner Funktion benannt ist: Entr‘act. Es handelt sich dabei um ein Medley diverser Melodien (Heaven’s Light, Someday und zwei Motive aus Sanctuary!), zu denen ein lateinischer Chor singt. Flight Into Egypt ersetzt A Guy Like You und A Place of Miracles Weil du liebst.

Betrachtet man die Castaufnahme des amerikanischen Musicals, fällt auf, dass sie weitaus üppiger ausfällt als ihr deutsches Gegenstück und auch viele der kürzeren Übergangsstücke und Reprisen beinhaltet. Dazu gehören zum Beispiel Notre Dame (Intro) und Justice in Paris – beide bedienen sich der Melodie von The Bells of Notre-Dame – sowie While the City Slumbered (Out There). Dann gibt es noch The Tavern Song (Thia Mol Piyas), der vollkommen neu ist, kurz vor Heaven’s Light stattfindet und eine weitere Begegnung zwischen Esmeralda und Phoebus darstellt, die von Frollo beobachtet wird.

Insgesamt sind die Lieder der amerikanischen Produktion sehr offen und erinnern fast schon an Score-Stücke, bestimmte Melodien tauchen immer wieder kurz in anderen Liedern auf. Diese Tendenz gab es bereits in der deutschen Produktion, ist hier aber ungleich stärker. Ein besonders gute Beispiel ist Esmeralda, das in der englischen Version fast doppelt so lang ist wie in der deutschen und, wenn auch oft nur sehr kurz, fast alle wichtigen Lieder des Musicals anspielt. Nach einer kurzen Szeneneinführung wird bei 0:34 die eigentliche Esmeralda-Melodie vorgestellt. Es folgt bei 1:10 ein bereits aus dem deutschen Musical bekanntes gesungenes Motiv, The Wicked Shall Not Go Unpunished (in der deutschen Version Der Zorn des Herrn trifft den, der Böses tut) das immer wieder auftaucht, bevor bei 1:22 die Melodie von The Bells of Notre-Dame genutzt wird, um die Handlung voranzubringen. Phoebus innerer Konflikt wird durch eine kurze Einspielung von God Help the Outcasts repräsentiert (2:41), während Frollos Reaktion auf seine Rettung durch Esemeralda gleichzeitig eine kurze Repise von Hellfire (3:21) ist. Schließlich kehrt das Lied bei 3:39 zu seiner eigentlichen Melodie zurück, allerdings nicht ohne dass noch ein paar Sekunden von Out There (4:19) zu hören sind.

Ohne die Produktion tatsächlich auf der Bühne gesehen zu haben muss ich sagen: Diese Version des Musicals schafft es, fast alle Schwächen der deutschen Version loszuwerden, nicht zuletzt dank des hervorragenden Casts. Michael Ardens Quasimodo unterscheidet sich recht stark von Tom Hulces sehr sensitiver Darstellung, funktioniert aber sehr gut. Im Gegensatz dazu ist es erstaunlich, wie sehr Patrick Pages Stimme der von Tony Jay ähnelt – es fehlt lediglich der britische Akzent. Auch Ciara Renée, Andrew Samonsky und Erik Liberman wissen als Esmeralda, Phoebus und Clopin zu überzeugen, auch wenn Letzterer eine weitaus kleinere Rolle als im Film oder der deutschen Produktion hat (wie gesagt, er ist nicht mehr der Erzähler) und Paul Kendall trotz allem nicht das Wasser reichen kann.

Fazit: Disneys Adaption von Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“ ist ein sehr unebener Film – die Elemente, die gelungen sind, sind allerdings grandios. Die Musicaladaptionen, vor allem die englische, helfen ein wenig nach und sorgen für eine angemessenere Umsetzung. Da Disney sowieso gerade sämtliche Zeichentrickklassiker als Realfilm adaptiert, warum nicht diesen? Einfach die US-Version des Musicals so getreu wie möglich (und optisch grandios) als Film umsetzen. Das ist Disney wahrscheinlich zu riskant, aber zumindest ich würde das auf jeden Fall sehen wollen.