Die Schöne und das Biest

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Story:
Als ein dekadenter junger Prinz (Dan Stevens) eine alte Bettlerin (Hattie Morahan) abweist, entpuppt sich diese als Zauberin, die den Prinzen zur Strafe für seine Arroganz und Oberflächlichkeit in ein Biest verwandelt. Bevor das letzte Blütenblatt einer magischen Rose gefallen ist, muss der Prinz beweisen, dass er lieben und geliebt werden kann. Einige Jahre später ergibt sich die Gelegenheit: Um ihren Vater Maurice (Kevin Kline), der eine Rose aus dem Schlossgarten pflücken wollte, aus den Klauen des Biests zu befreien, erklärt sich die Bücherfreundin Belle (Emma Watson) bereit, den Platz ihres Vaters als Gefangene des Biests einzunehmen. Derweil versucht Belles Verehrer Gaston (Luke Evans) die Situation zu seinem Vorteil auszunutzen, da Belle ihn partout nicht heiraten will…

Kritik: Holen wir mal ein wenig weiter aus und betrachten „Die Schöne und das Biest“, Disneys neuestes Realfilmremake eines Zeichentrickklassikers, mal im Kontext eben dieses Trends („Elliot der Drache“ mal ausgenommen, da ich ihn noch nicht gesehen habe). Die Frage nach Sinn und Unsinn sollte dabei gar nicht erst gestellt werden, denn der Sinn ist eindeutig: Bislang waren alle Remakes finanziell äußerst erfolgreich, weshalb Disney sicher nicht damit aufhören wird, diese Filme zu produzieren.

Es fing alles 2010 mit Tim Burtons „Alice im Wunderland“ an, das gleichermaßen Remake wie Fortsetzung war, da es von Alice‘ zweitem Ausflug ins Wunderland erzählt (der dennoch in vieler Hinsicht dem ersten gleicht). Das Ergebnis war leider ein vor CGI überquellender Film, der an der Essenz der Geschichte vorbeierzählte: „Alice im Wunderland“, sowohl der Film von 1951 als auch die Vorlage von Lewis Carrol, ist ein Werk der englischen Nonsense-Strömung, einem solchen Werk einen sinnvollen Plot zu geben, der daraus einen etwas schrägeren Narnia-Abklatsch macht, ist fürchterlich daneben. „Maleficent“ (2014) von Robert Stromberg, der bereits bei „Alice im Wunderland“ für die Effekte verantwortlich war, ist in mancherlei Hinsicht das interessanteste Remake, da es sich hierbei quasi um die märchenhafte Disney-Version eines Rape/Revenge-Films handelt. Dass der Film unter dieser Prämisse überhaupt zustande kam ist beeindruckend, leider ist die Umsetzung alles andere als gelungen und passt einfach hinten und vorne nicht. Der künstliche CG-Look von „Alice“ wird auf die Spitze getrieben, die Handlung ist schlecht erzählt, die Charakterzeichnung unterirdisch und der Schlusstwist stammt direkt aus „Frozen“. „Cinderella“ (2015) von Kenneth Branagh war da ausgeglichener und runder, aber auch unspektakulärer; ein harmloser, unterhaltsamer, aber vergessenswerter Märchenfilm (ich bin allerdings auch nicht der größte Fan des Originals). Jon Favreaus „Jungle Book“ zeigte dann, wie so eine Realfilmremake idealerweise auszusehen hat. Favreau bemühte sich, den Zeichentrickklassiker und die Atmosphäre von Kiplings Vorlage miteinander zu verbinden. Dabei erweist er, anders als „Maleficent“, dem Original stets die nötige Ehrerbietung, ohne sich allerdings sklavisch an ihm zu orientieren. Während die Handlung dieselbe ist, schafft es Favreau doch, fast jeder Szene einen neuen Twist oder Blickwinkel zu verleihen, der sie interessant macht.

Und nun also „Die Schöne und das Biest“, entstanden unter der Ägide von Breaking-Dawn-Regisseur Bill Condon (was ich ihm allerdings nicht vorwerfen will, tatsächlich hat er zumindest in „Breaking Dawn Teil 2“ alles aus dem Stoff herausgeholt, was herauszuholen ist). Von allen Realfilmremakes ist dieses zwar nicht das schlechteste, aber wohl das überflüssigste. Wo „The Jungle Book“ und „Cinderella“ die Vorlage durchaus erzählerisch und inhaltlich erweiterten, schaffen es Bill Condon und die Drehbuchautoren Stephen Chbosky und Evan Spiliotopoulos kaum, den Zeichentrick-Klassiker von 1991 wirklich sinnvoll zu ergänzen. Es gibt zwar durchaus einige Hinzufügungen und Veränderungen, so verläuft etwa der Subplot von Belles Vater Maurice ein wenig anders, die Zauberin, die das Biest verflucht, bekommt weitere Auftritte und es wurden auch ein paar neue Lieder beigefügt, aber im Großen und Ganzen handelt es sich um kosmetische Korrekturen. Am interessantesten ist der Umstand, dass sich der Film der Rezeption des Originals scheinbar bewusst ist und versucht, die kleinen Logikprobleme, die im Verlauf der letzten 25 Jahre ermittelt wurden, zu lösen. Dazu gehören zum Beispiel die genaue Funktionsweise des Fluchs (warum vermisst niemand das Schloss samt Prinz und Belegschaft?) oder auch nur der Umstand, dass ein Dorf voller Lesemuffel eine gut ausgestattete Bibliothek hat. Im Grunde sind diese Details und Erklärungen eigentlich überflüssig, da das Original sie schlicht nicht braucht. Der Zeichentrickfilm funktioniert mit Märchenlogik, die Probleme, die das Remake löst, entstehen erst durch die Neuverfilmung.

In diesem Zusammenhang lässt sich Condons Film am ehesten mit Baranghs „Cinderella“ vergleichen, wobei ich das Gefühl habe, dass die Hinzufügungen und Erweiterungen bei „Cinderella“ weitaus gewichtiger ausfielen. Mehr noch, „Cinderella“ fühlte sich trotz des Respekts vor dem Original eigenständiger an. Condon, bzw. Disney versucht in erster Linie, das Original und seine Wirkung minutiös zu rekreieren. Nun ist es nicht so, dass das Remake keinen Charme hätte – dummerweise ist es der Charme des Originals. Jemanden, der die Zeichentrickversion nicht gesehen hat, könnte dieser Film vielleicht überzeugen, wer jedoch mit dem Original vertraut ist, stellt sich unweigerlich die Frage, weshalb er gerade das Remake ansieht – jedenfalls ging es mir so. Dem Remake gelingt es nie, dieses gewisse Etwas einzufangen, dass den ursprünglichen Film so besonders gemacht hat.

Lässt man diesen Aspekt außen vor, überzeugt „Die Schöne und das Biest“ vor allem durch das Design und die Gestaltung. Das Schloss ist beeindruckend und die diversen lebendigen Haushaltsgegenstände sind mit viel Liebe zum Detail konstruiert (bzw. animiert). Auch die Besetzung kann sich sehen lassen, von Ewan McGregor als Lumiere über Emma Thompson als Madame Pottine bis zu Ian McKellen (Von Unruh), Josh Gad (Le Fou), Kevin Kline (Maurice) und Luke Evans (Gaston). Dasselbe lässt sich leider nicht über die Hauptdarsteller sagen: Während weder Dan Stevens noch Emma Watson wirklich schlecht spielen, fehlt doch einfach diese Chemie zwischen den beiden, die dafür sorgte, dass das Original so wunderbar funktioniert. Darüber hinaus finde ich das Biest optisch nicht besonders gelungen. Wo die anderen CGI-Figuren zu überzeugen wissen, wirkt das Biest fürchterlich unecht – vielleicht wären praktische Effekte, Prothesen und Make-up hier sinnvoller gewesen.

Bevor ich auf die Musik zu sprechen komme, noch ein kurzes Wort zur Kontroverse um Le Fou: Diese ist kaum der Rede wert. Josh Gads Version der Figur ist ein wenig femininer als das Original und als Figur ein wenig eigenständiger; sie hat einen Mini-Subplot. Das ändert im Grunde kaum etwas und wirkt nach der Sichtung des fertigen Films primär wie ein Marketing-Stunt, mit dem Disney zeigt, wie progressiv es ist. Umso alberner und bescheuerter sind dann auch die Reaktionen aus Alabama und Russland, wo der Film entweder boykottiert wurde oder eine Altersfreigabe ab 16 bekam. Und nun zu einem wirklich wichtigen Aspekt.

Da es sich bei „Die Schöne und das Biest“ um ein tatsächliches Musical handelt und die Songs eine wichtige Rolle spielen (immerhin ist jedes einzelne Lied des Originals ein Ohrwurm, der die Gehirnwindungen nie wieder verlässt), werde ich ein wenig ausführlicher auf die Musik eingehen. Insgesamt bin ich zwiegespalten. Keines der Lieder aus dem Remake kommt auch nur ansatzweise an das Gegenstück aus dem Original heran. Luke Evans singt erstaunlich gut, bei den meisten anderen lassen die Sangeskünste jedoch zu wünschen übrig. In der deutschen Version ist das ein wenig besser, weil hier tatsächlich Sänger angeheuert werden, während im O-Ton die Schauspieler selbst singen. Vor allem Emma Watson und Emma Thompson können da absolut nicht überzeugen. Die neuen Lieder, darunter Evemore, eine Solonummer für das Biest, gehen neben ikonischen Nummern wie Be Our Guest oder Gaston ziemlich unter und schaffen es kaum, sich ins Gedächtnis einzubrennen. In einem Aspekt übertrifft das Remake jedoch das Original. Wie schon 1991 komponierte Alan Menken auch hier den Score. Nun kommt es ziemlich selten vor, dass ein Komponist denselben Film zwei Mal vertont, aber Menken zeigt, dass er als Score-Komponist unterbewertet ist und definitiv mehr Arbeit abseits von Musicals braucht. Nun hatte das Original keinesfalls einen schlechten Score, aber Menken bekommt hier die Gelegenheit zu zeigen, wie er sich als Komponist weiterentwickelt hat. Die Orchestrierungen sind besser und komplexer und auch die leitmotivische Arbeit weiß zu gefallen. Mühelos nimmt Menken seine ikonischen Melodien, variiert sie, kontrapunktiert sie und lässt sie mit- und gegeneinander arbeiten. Passend zum barocken Stil des Films bekommt das Cembalo eine größere Rolle. Ähnlich verhält es sich mit dem Fluch-Thema, das nun endgültig zum Rückgrat des Scores wird.

Fazit: Während „Die Schöne und das Biest“ kein wirklich schlechter Film ist, ist er doch im Grunde überflüssig, da er primär versucht, das Original zu reproduzieren, dabei aber nur erreicht, dass zumindest ich mich frage, weshalb ich mir nicht gerade die Zeichentrickversion ansehe.

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Marvel-Musik Teil 2: Iron Man

ironman
Während im Marvel Cinematic Universe in den meisten Aspekten recht genau auf die Kontinuität geachtete wird (ein hier und da ersetzter Schauspieler mal nicht mitgerechnet), ist das Element, in dem es praktisch keine Kontinuität gibt, die Musik. Die bisherigen acht Filme wurden von sechs Komponisten vertont, und nur ein einziges Mal hat es ein Komponist für nötig erachtet, das Thema eines anderen Komponisten auch nur zu zitieren. Gerade innerhalb einer Reihe ist das äußerst ärgerlich; besonders, weil die Filme des MCU wunderbar dazu geeignet wärenq, ein Paradebeispiel für sich entwickelnde Themen zu sein. Was allerdings nicht heißt, dass es unter den MCU-Soundtracks nicht einige ziemlich gute gibt.
Um den Artikel nicht zu überfrachten, werden die drei Iron-Man-Filme hier separat behandelt und die restlichen MCU-Filme im folgenden Artikel.

Ramin Djawadi

„Iron Man“ ist nicht nur der erste Film des MCU, sondern in meinen Augen auch einer der besten – das musste er auch sein, um dem Film-Franchise einen gelungenen Start zu ermöglichen. Leider hat „Iron Man“ auch den schlechtesten Soundtrack des MCU. Regisseur Jon Favreau beauftragte Zimmer-Zögling Ramin Djawadi mit der Musik, und was dieser ablieferte ist leider alles andere als optimal. Seine Musik für „Iron Man“ ist ein wunderbares Beispiel für „Style over Substance“ in der Musik: Djawadi ist vor allem darauf bedacht, dass es cool und rockig klingt. Außer schmetternden E-Gitarren und Remot-Control-Minimalismus hat der Score allerdings kaum etwas zu bieten, er ist schlicht dröge und uninteressant. Themen sind kaum auszumachen, geschweige denn eine narrative Entwicklung. Von den widerkehrenden Elementen sticht noch am deutlichsten die Identität für den Titelhelden hervor, eine extrem simple, vage heroisch klingende Melodie, die zumeist als Reihe gleichbleibender E-Gitarren-Riffs mit auf- oder absteigender Begleitung erklingt und hin und wieder auch mal vom (ohnehin arg an den Rand gedrängten) Orchester wiedergegeben wird. Der Rest funktioniert im Film nach halbwegs, ist aber ansonsten schlicht langweilig und eines Helden wie Iron Man unangemessen.
Immerhin ist bei Ramin Djawadi eine eindeutige Lernkurve feststellbar; waren seine Kompositionen zu „Iron Man“ und „Kampf der Titanen“ noch uninspirierte 0815-Remote-Control-Scores, ist er mit jedem Game-of-Thrones-Soundtrack besser geworden und hat für Guillermo del Toros „Pacific Rim“ das abgeliefert, was „Iron Man“ hätte werden sollen. Dieselben stilistischen Zutaten sind vorhanden, aber das Ergebnis ist um einiges kreativer, komplexer und interessanter.

John Debney

Was Komponisten angeht, ist John Debney eine Allzweckwaffe; der gute Mann hat schon für so ziemlich jedes denkbaren Genre komponiert, seien es Piratenfilm („Die Piratenbraut“), Komödien („Bruce Allmächtig“), Animationsfilme („Himmel und Huhn“) oder historische Bibel-Epen („Die Passion Christi“). Für den zweiten Iron-Man-Film ersetzte er Ramin Djawadi und verschaffte dem zweiten Leinwandausflug des Eisernen (das kurze Cameo in „Der unglaubliche Hulk“ nicht mitgerechnet) eine wenn auch nicht optimale, so doch weitaus gelungenere musikalische Untermalung als Djawadi es tat. Auch wenn Debney keines der „Themen“ seines Vorgängers übernahm (in diesem Fall die richtige Entscheidung), ist sein grundsätzlicher Ansatz derselbe (rockig, viele E-Gitarren), allerdings bezieht Debney das Orchester stärker mit ein und kann auch besser mit ihm umgehen. So wird Debneys Iron-Man-Thema mehr von Blechbläsern dominiert und ist sehr viel brauchbarer als Djawadis Heldenidentität. Das Problem ist allerdings, dass das Thema für meinen Geschmack nicht distinktiv genug ist und im Score zu selten angewendet wird – in all seiner Pracht ist es nur im letzten Track zu hören.
Die Actionmusik ist nach wie vor ziemlich rockig, aber um einiges eleganter und komplexer als Djawadis. Das eigentliche Highlight des Scores ist allerdings die Musik für den Schurken Ivan Vanko/Whiplash, die von tiefen, russisch singen Chören dominiert wird.
Gegenüber dem Soundtrack des ersten Teils eine eindeutige Verbesserung.

Brian Tyler

Als ich mir „Iron Man 3“ anschaute, hatte ich erwartet, dass der musikalische Stil der beiden Vorgänger weitergeführt wird, nicht zuletzt, weil ich mit dem Namen „Brian Tyler“ bis zu diesem Zeitpunkt zu meiner Schande noch nichts anfangen konnte. Ich war dann auch ziemlich überrascht, dass die Musik zu „Iron Man 3“ um einiges orchestraler ist als die der beiden Vorgänger und genau das hat, was diesen fehlt: Ein einprägsames, heroisches Thema, das sich beim ersten Hören sofort festsetzt und im Film angemessen oft, aber nicht erschöpfend verwendet wird. Zwar ignoriert Tyler abermals die Motive seiner Vorgänger, aber in Anbetracht dessen, was er als Heldenthema für „Iron Man 3“ geschrieben hat, bin ich ausnahmsweise sogar froh darüber.
In gewissem Sinne ist Brian Tyler in meinen Augen Hans Zimmer, wie er sein sollte: Obwohl er kein RCP-Komponist ist, gehört er, wie Patrick Doyle, James Newton Howard oder Javier Navarette, zu den vielen Komponisten, die die Zimmer-Techniken in kleinerem oder größerem Ausmaß in ihr Repertoire integriert haben – in Tylers Fall sogar in größerem Ausmaß. Er komponiert heute ähnliche „Episch-auf-Teufel-komm-raus-Hymnen“ wie es Zimmer früher getan hat, bevor er dem Minimalismus anheim gefallen ist, allerdings sind Tylers Kompositionen besser orchestriert und komplexer. Und im Gegensatz zu Zimmers aktuellem Output machen sie mir verdammt viel Spaß. Dies trifft auch auf die Action-Szenen zu, speziell wenn das Iron-Man-Thema auftaucht. Die Musik für die ruhigeren Szenen und für den Mandarin dagegen ist weniger amüsant, Debneys Schurkenthema war da überzeugender. Wegen des vollauf gelungenen, vielseitig variierten und gut integrierten Titelthemas sind das allerdings Schwächen, über die man großzügig hinwegsehen.

Fazit: Iron Mans musikalische Reise startete suboptimal, allerdings wurde es von Film zu Film besser. Ausnahmsweise hat der Komponistenwechsel innerhalb der Filmreihe einmal positive Folgen – nach drei Filmen hat Iron Man endlich zu der thematischen Identität gefunden, die er verdient, und ich hoffe, dass sie uns erhalten bleibt.

Siehe auch:
Marvel-Musik Teil 1: X-Men
Iron Man
Iron Man 2
Iron Man 3