Die Natur der Macht


Schon seit einigen Jahren erfreuen sich popkulturelle Philosophiebücher großer Beliebtheit – egal ob „Die Simpsons und die Philosophie“, „Der Herr der Ringe und die Philosophie“ oder „Game of Thrones und die Philosophie“, das Konzept funktioniert immer ähnlich: Autoren philosophischer Fachrichtungen, zumeist im universitären Bereich tätig, erläutern philosophische Konzepte anhand von Beispielen aus besagten Werken – so vergleicht etwa Eric Katz die Geschichte vom Ring des Gyges aus Platons Politeia (es geht hier um die Natur von Moral und Macht – handelt ein Mensch, der keine Konsequenzen fürchten muss, noch moralisch?) mit Tolkiens Roman und der Rolle, die der Eine Ring darin spielt.

Inzwischen ist ein derartiges Buch auch für Star Wars erschienen (herausgegeben von Catherine Newmark) und trägt den Titel: „Viel zu lernen du noch hast – Star Wars und die Philosophie“. Während philosophische Konzepte zumindest in den Filmen selten wirklich ausgestaltet sind, gibt es doch vielen Anknüpfungspunkte, wobei die Natur der Macht mit Abstand der ergiebigste ist. Gerade die Dunkle Seite der Macht ist bereits abseits von Star Wars zum geflügelten Begriff geworden, mit dem selbst Menschen, die noch keinen der Filme gesehen haben, etwas anfangen können. Die Dunkle Seite der Macht gilt als Sinnbild des verführerischen Bösen, dem Menschen erliegen. Besonders ein Aufsatz nimmt sich dieser Thematik an: „Jedi-Meister Augustinus gegen Darth Faustus. Der freie Wille gegen den Manichäismus“ von Alexandre Lacroix. Leider bleibt Lacroix dabei äußerst oberflächlich und voreingenommen; die gesamte Fragestellung wird sehr knapp beantwortet, weshalb ich mich im Rahmen dieses Artikels noch einmal ausgiebiger damit auseinandersetzen bzw. Lacroix‘ Ansatz als Aufhänger verwenden möchte, um mich mit der Natur der Macht zu beschäftigen.

Die Natur des Bösen
Lacroix setzt sich in seinem Aufsatz nicht wirklich mit der Macht auseinander, die Star-Wars-Thematik ist eher ein Nachgedanke, auch wenn er von den historischen Figuren Augustinus von Hippo (354-430) und Faustus von Mileve (350-400) als „Jedi-Meister Augustinus“ und „Darth Faustus“ spricht. Lacroix geht es um die Frage nach der Natur des Bösen. Diese Frage hängt freilich meistens vom spirituellen bzw. religiösen Standpunkt ab; ob „das Böse“ in dieser Form überhaupt existiert, ist eine umfassende Frage für sich. Wie sagte Palpatine noch so schön? „Good is a point of view, Anakin.“ Ich selbst bin der Meinung, dass Moral, bzw. „das Gute“ auch ohne Gottheit oder eine spirituelle Dimension funktionieren kann, ohne beliebig zu sein (man achte auf den Unterschied zwischen „relativ“ und „beliebig“) – Kants kategorischer Imperativ ist da immer hilfreich. Allerdings geht das am Thema dieses Artikels vorbei – in der erzählten Welt von Star Wars ist die Frage nach dem spirituellen Element ohnehin müßig, die Macht existiert, daran gibt es nichts zu rütteln.

Gehen wir erst einmal prinzipiell von der Existenz von Gut und Böse aus. Die Grundfrage, die sich Philosophen seit Jahrtausenden stellen, ist folgende: Ist das Böse eine eigene Kraft, die unabhängig vom Guten wirken kann und ihm gleichgestellt ist, oder ist das Böse dem Guten untergeordnet und von ihm abhängig? Denker wie der bereits erwähnte Faustus oder der persische Religionsgründer Mani (216 bis 276 oder 77) gehen von Ersterem aus, während der Kirchenvater Augustinus oder der römische Senator und Philosoph Boethius (480 oder 85-524 oder 25) Letztere Ansicht teilen. Beim „Manichäismus“, der von Mani begründeten, spätantiken Religion, handelt es sich um eine dualistische Glaubensform, in der Gut und Böse annährend gleichrangige Kräfte sind und die wiederum von verschiedenen Quellen beeinflusst wurde, von jüdischen, christlichen und gnostischen, aber auch zoroastrischen und anderen fernöstlichen Schriften aus dem buddhistischen und hinduistischen Umfeld. Gerade im Zoroastrismus, einer der ältesten monotheistischen Religion, ist der Gedanke des ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse als gleichwertige Kräfte stark vertreten. Im modernen Sprachgebrauch wird Manichäismus gerne als Synonym für ein streng dualistisches Weltbild verwendet.

Augustinus war von Manis Lehren in seiner Jugend durchaus angetan, lehnte sie später allerdings umso vehementer ab. In seinen Augen kann das Böse nur als Mangel begriffen werden. Da Gott allmächtig ist, kann keine Macht außerhalb Gottes existieren, das bedeutet, dass auch Satan und/oder das Böse letztendlich von Gott geschaffen wurde bzw. von ihm abhängig ist. Aber wie kann ein gütiger Gott das Böse nur zulassen oder sogar selbst erschaffen haben? Augustinus‘ Antwort auf die Theodizeefrage liegt im freien Willen. Das Böse entsteht, weil sich Menschen (bzw. im Fall Satans Engel) bewusst von Gott abwenden. Somit ist das Böse dem Guten untergeordnet, es ist keine eigene Kraft, sondern nur ein Mangel, die Abwesenheit Gottes. Kein Wesen wird böse geschaffen, alles Böse entsteht durch die Nutzung des freien Willens. Sollte es dem Bösen tatsächlich gelingen, das Gute zu vernichten, würde es sich damit gleichzeitig selbst zerstören – laut Augustinus und Boethius besitzt das Böse somit eine parasitäre Natur. Dies ist auch die Grundhaltung, die von den meisten christlichen Konfessionen geteilt wird – nicht umsonst wird Augustinus als „Kirchenvater“ bezeichnet. Lediglich einige christliche Sekten entwickelten die Konzepte des Manichäismus und der Gnosis weiter. Die südfranzösischen Albigenser sind das wohl prominenteste Beispiel – auch für den Umgang der katholischen Kirche mit derartigen Sekten, die als Ketzer von der Inquisition verfolgt oder per Kreuzzug niedergemetzelt wurden. Für Lacroix ist die Antwort auf die Frage nach der Natur des Böse ebenfalls sehr eindeutig, dem Dualismus kann er nichts abgewinnen und bemängelt die Vorherrschaft manichäischen Gedankentums in der Unterhaltungsindustrie. Dem setzt er Star Wars entgegen, das „den subtileren und humaneren Ideen des Augustinus folgt“. Anakin Skywalker ist ihm zufolge weder gut noch böse, einerseits tötet er Unschuldige (etwa die Jünglinge in Episode III), aber auch den größten Tyrannen der Galaxis. Lacroix liegt damit nicht prinzipiell falsch, ich finde seinen Aufsatz lediglich äußerst oberflächlich, da sich eine Beschäftigung mit der Macht in diesem Kontext geradezu aufdrängt, aber leider nicht stattfindet.

Das Gleichgewicht der Macht
Star Wars werden, nicht zu Unrecht, gerne diverse fernöstliche Einflüsse attestiert. Die Jedi erinnern an Samurai, ihre Lehren haben buddhistische Anklänge und die Macht mit ihrer Hellen und Dunklen Seite scheint vom Konzept von Yin und Yang beeinflusst zu sein. Oder? Fakt ist: In den Episoden I bis VI ist zwar oft die Rede von der Dunklen Seite der Macht, aber eine Helle wird nie erwähnt. Die Natur der Macht bleibt höchst undurchsichtig. In den Prequels kommt das Konzept des „Gleichgewichts der Macht“ hinzu, das vom Auserwählten herbeigeführt werden soll. Aber was bedeutet das Gleichgewicht der Macht überhaupt? Wenn man von einer dualistischen Deutung ausgeht, müsste es zu einem Ausgleich von Heller und Dunkler Seite kommen, ähnlich einem Yin-Yang-Gleichgewicht (wobei Yin hell und Yang zwar dunkel repräsentiert, hell und dunkel aber nicht automatisch mit gut und böse gleichzusetzen sind). Es wirkt allerdings nicht so, als sei die Weltsicht der Jedi dualistisch. Vielmehr scheinen sie einer augustinischen Philosophie zu folgen, da sie, wie bereits erwähnt, nie explizit von einer Hellen Seite der Macht sprechen. Es gibt die Macht und die Dunkle Seite, wobei die Dunkle Seite parasitärer Natur und damit Verursacher des Ungleichgewichts ist. Besonders eine Aussage Obi-Wans in Episode III deutet darauf hin: „You were the chosen one! It was said that you would destroy the Sith, not join them. You were to bring balance to the Force, not leave it in darkness!“ Hier wird explizit gesagt, dass die Sith als Repräsentanten der Dunklen Seite zerstört werden müssen, um die Macht ins Gleichgewicht zu bringen.

Interessanterweise bleiben die Filme diesbezüglich letztendlich vage, da Anakin aus beiden Perspektiven Gleichgewicht schafft und einen wie auch immer gearteten Neuanfang ermöglicht (jegliches weiterführende Material aus dem alten Erweiterten Universum oder der neuen Einheitskontinuität werde ich dabei erst einmal ignorieren). Er zerstört die Sith (Palpatine/Darth Sidious und sich selbst). Im Vorfeld zerstört er aber auch den Jedi-Orden, entweder indirekt, da er Palpatine am Leben lässt, sodass dieser die Order 66 auslösen kann, oder direkt, schließlich tötet er ja auch eine ganze Reihe Jedi mit eigenen Händen. Mit ihm selbst stirbt dann auch das letzte Mitglied des alten Jedi-Ordens. Durch diesen Aspekt, und noch einige andere kleine Details wie Anakin Skywalkers unbefleckte Empfängnis, ist Star Wars weitaus christlicher konnotiert, als man vielleicht gemeinhin annehmen würde. Wie dem auch sei, gerade bei den Prequels ist die Unklarheit bzw. der Mangel an Information oft eine signifikante Schwäche. Bestimmte, zum Teil sehr essentielle Fragen (Wofür wollen die Sith sich rächen? Warum gibt es immer nur zwei von ihnen?) werden zwar in Zusatzmaterialien beantwortet, aber nicht in den Filmen selbst. Was das Gleichgewicht der Macht angeht bin ich allerdings froh, dass George Lucas keine eindeutige Antwort gegeben hat, so macht das Philosophieren und Spekulieren weitaus mehr Spaß. Allerdings wäre es nützlich gewesen, wenn er zumindest den genauen Wortlaut der Prophezeiung des Auserwählten in den Filmen untergebracht hätte.

Mikroskopische Macht?

Bevor wir zu zur Frage des Dualismus der Macht zurückkehren, machen wir einen kleinen Abstecher zu einem sehr kontroversen Thema. In Episode IV definiert Obi-Wan die Macht wie folgt: „The Force is what gives a Jedi his power. It’s an energy field created by all living things. It surrounds us and penetrates us. It binds the galaxy together.“ In Episode I dagegen lernt man als Zuschauer eine neue Betrachtungsweise kennen, denn Qui-Gon Jinn informiert Anakin (und damit uns) über Midi-Chlorianer, mikroskopisch kleine Lebewesen, die in menschlichen Zellen leben – je höher die Midi-Chlorianer-Konzentration, desto stärker in der Macht ist ein Lebewesen. Die Eröffnung hat zu großem Unmut geführt, da viele Star-Wars-Fans der Meinung waren, George Lucas habe mit diesem Konzept die Macht entmystifiziert und sie zu einem bloßen biologischen Phänomen gemacht. Dem ist allerdings nicht der Fall, denn die Macht kommt nicht von den Midi-Chlorianern und ist auch kein simples, biologisches Phänomen. Die Midi-Chlorianer sind lediglich biologische Spuren der Macht, Mittel zur Kommunikation. Das bedeutet nicht, dass ich jegliche Kritik an diesem Konzept für ungerechtfertigt halte – allerdings zeugt die Form, die sie meistens annimmt, oft von Kurzsichtigkeit und mangelndem Verständnis. Darüber hinaus sind die Midi-Chlorianer nur im weiteren Sinn ein Prequel-Konzept, da sie bereits in frühen Entwürfen des ursprünglichen Star-Wars-Drehbuchs auftauchen. George Lucas entledigte sich für den fertigen Film ja bekanntermaßen der meisten Fachbegriffe, die ein Publikum irritieren könnten, weshalb Tarkin beispielsweise immer nur mit „Gouverneur“ angesprochen wird und nicht mit seinem eigentlichen Rang (Großmoff) oder Vader nur im Roman und Drehbuch, aber nie im Film als „Dunkler Lord der Sith“ bezeichnet wird.

Ashla und Bogan – Die Seiten der Macht im Erweiterten Universum
Das Erweiterte Star-Wars-Universum, seit der Disney-Übernahme v.a. als „Star Wars Legends“ bekannt, nahm schon immer Konzepte, die in den Filmen nur angerissen wurden, und baute sie mal mehr, mal weniger gelungen und konsequent aus. Die Macht darf darunter natürlich nicht fehlen. Der Begriff der „Hellen Seite der Macht“ fiel zum ersten Mal in einem EU-Werk, einem der Comics der „Tales of the Jedi“, wenn ich mich recht erinnere, da bin ich mir allerdings nicht völlig sicher.

Zur Zeit der Prequels begannen die Autoren des EU an mehreren Fronten, die klassischen Sichtweisen zu hinterfragen. In Terry Brooks‘ Romanadaption von Episode I wird zum ersten Mal das Konzept der „Vereinigenden Macht“ ausgeführt, das versucht, über die ursprüngliche Sichtweise hinauszugehen und Zeit und Raum als solches erfasst. Der Vereinigenden Macht ist die „Lebendige Macht“ gegenübergestellt; hier liegt der Fokus auf der Wechselwirkung zwischen Leben und der Macht und auch auf der Wechselwirkung zwischen Heller und Dunkler Seite. Dieses Konzept scheint der implizite Versuch, einen Kompromiss zwischen der dualistischen und der augustinischen Sichtweise der Macht zu schließen. Zwar wird explizit von Heller und Dunkler Seite gesprochen, doch letztendlich ist die Vereinigende Macht beiden übergeordnet. Andere EU-Werke treiben das noch weiter. Besonders sei an dieser Stelle Matthew Stovers „Traitor“ erwähnt. In diesem Roman lernt Jacen Solo, der Sohn von Han und Leia, von der enigmatischen Jedi Vergere, dass die Macht letztendlich keine Seiten hat, sondern es lediglich auf die Absichten des Machtnutzers ankommt. In diesem Kontext ist die Dunkle Seite der Macht nicht einmal mehr eine Perversion, sondern schlicht nicht existent, der Machtnutzer ist praktisch das Maß aller Dinge. Im EU gibt es das Potentium, eine Gruppierung, die auf diesem Gedanken aufbaut und diese Philosophie weiter ausformuliert. Leider erklärte George Lucas irgendwann aus einer Laune heraus, die dogmatische Sicht der Jedi sei die einzige richtige, weshalb das EU sich in späteren Werken fürchterlich verrenkte, um aus Vergere eine Sith zu machen. Ich persönlich finde es viel spannender, diesbezüglich keine endgültige Antwort zu bekommen.

Der Potentium-Lehre gegenüber steht der tatsächliche Dualismus des frühen Jedi-Ordens. In der Comicserie „Dawn of the Jedi“ von John Ostrander und dem zugehörigen, gleichnamigen Roman von Tim Lebbon wird der Jedi-Orden vor der Gründung der Republik auf Tython gezeigt. Die Je’daii gleichen ihren Nachfahren in vielen Belangen: Auch sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Gleichgewicht der Macht zu wahren, ihr Verständnis des Gleichgewichts unterscheidet sich allerdings von dem der späteren Jedi. Ihre Heimat hat zwei Monde, einen hellen, Ashla, und einen dunklen, Bogan. Diese Konstellation verwenden sie als Metapher zu Beschreibung der Macht, und exakt diese Namen verwenden sie für die Helle und Dunkle Seite. Für die Je’daii ist die Dunkle Seite nicht per se böse und die Helle nicht per se gut, es geht um die Balance – Ungleichgewicht in beide Richtungen ist schlecht. Im EU hat sich die an Augustinus angelehnte Sichtweise auf die Macht also nach und nach entwickelt, von einem Dualismus hin zur Wahrnehmung der Dunklen Seite als etwas Unnatürliches.

Im EU gibt es sehr viele, sehr interessante Machtphilosophien – sie alle hier zu beschreiben würde den Rahmen des Artikels sprengen. Eine will ich allerdings noch erwähnen: Den Weg des Dunkels. Die Anhänger dieser Philosophie, eine Gruppe namens „Zauberer von Rhand“, glauben an ein übergeordnetes Dunkel, das selbst die Macht und ihre Seiten insignifikant macht. Diese Kraft der Enthropie ist das einzige, was sie letzten Endes als real anerkennen – jegliche Existenz ist nur von kurzer Dauer, einzig Zerstörung und Chaos sind unendlich. Diese übergeordnete Finsternis taucht immer wieder implizit bzw. metaphorisch in den Werken von Matthew Stover auf, primär in „Shatterpoint“, aber auch in „Revenge of the Sith“. In Stovers bis dato letztem SW-Roman, „Luke Skywalker and the Shadows of Mindor“ wird der Weg des Dunkles explizit thematisiert, da der Schurke des Werkes, Cronal, ein Anhänger dieser Philosophie ist.

Dualismus im Kanon
Für die seit der Disney-Übernahme neu etablierte Einheitskontinuität spielt das alles freilich keine wirklich Rolle mehr. Dennoch, bereits seit „The Clone Wars“ (das ich wegen seines Status als einzigem vor 2014 entstandenem Star-Wars-Werk außerhalb der Film, das Teil des neuen Kanons ist, hier besprechen werde) merkt man, dass die kreativen Köpfe versuchen, mit der Macht in eine neue Richtung zu gehen. Ein großer Kritikpunkt an den Prequels war die bereits erwähnte Entmystifizierung der Macht durch die Midi-Chlorianer. In vielerlei Hinsicht versucht „The Clone Wars“, dem entgegenzuwirken. Das wohl prominenteste Beispiel ist der Mortis-Dreiteiler aus der dritten Staffel. Hier landen Anakin, Obi-Wan und Ahsoka auf dem Planeten Mortis, wo sie drei mysteriösen, äußerst mächtigen Wesen begegnen, die Avatare der Macht zu sein scheinen. Es gibt die „Tochter“, die die Helle Seite repräsentiert, den „Sohn“, der für die Dunkle Seite steht und den „Vater“, der für Ausgleich sorgt und zumindest theoretisch vom Außerwählten (also Anakin) eines Tages abgelöst werden soll.

Diese Verkörperungen der Macht deuten nun wieder auf ein stärkeres dualistisches Prinzip hin, in dem Licht und Schatten gleichberechtigt sind und in diesem Kontext sogar von einem übergeordneten Prinzip (wir erinnern uns an die Vereinigende Macht) ausbalanciert werden. Im alten EU wurden diese Verkörperungen im Rahmen der EU-Romanreihe „Fate of the Jedi“ aufgegriffen und sogar erweitert. Vor langer Zeit gab es die „Dienerin“, die zur „Mutter“ und Gefährtin des Vaters wurde. Aber die Mutter war, anders als der Rest der Familie, sterblich, weshalb sie sich die Macht von Mortis zunutze machte, davon allerdings korrumpiert wurde und sich so in Abeloth verwandelte, ein Wesen, das auch den Werken H.P. Lovecrafts entsprungen sein könnte. Abeloth ist als Gegner derartig mächtig, dass Luke Skywalkers Jedi und die Sith (unter Führung Darth Krayts) sich verbünden müssen, um sie zu besiegen. In der neuen Kontinuität wurde die Mortis-Familie dagegen noch nicht weiter aufgegriffen. Ehrlich gesagt bin ich mit der direkten Repräsentation von Machtaspekten auch nicht allzu glücklich, obwohl die Mortis-Trilogie zumindest bezüglich der Umsetzung (visuelle Elemente, Musik, Sprecher etc.) zu den besseren Clone-Wars-Folgen gehört. Star Wars hatte zwar schon immer Fantasy-Elemente, aber die Mortis-Trilogie bringt die Balance für mich zu sehr durcheinander.

In der sechsten Staffel wurden die Mysterien der Macht noch einmal aufgegriffen. In den beiden finalen Folgen der Serie begibt sich Yoda auf eine spirituelle Suche und findet einen Planeten, der als „Wellspring of Life“ bezeichnet wird und von dem die Midi-Chlorianer stammen. Die dort residierenden Machtpriesterinnen scheinen abermals recht direkte Inkarnationen der Macht zu sein, wobei jede dieser Priesterinnen einer bestimmten Emotion zugeordnet ist. Immer wieder ist in diesem Kontext die Rede von der „Kosmischen Macht“, die mehr oder weniger identisch mit der Vereinigenden Macht ist. Hier bemüht sich „The Clone Wars“ auch, noch einmal zu betonen, dass die Midi-Chlorianer-Fixierung der Jedi ein Irrweg ist, der zeigt, wie sehr sie in ihren Strukturen erstarrt sind, da die Macht weit über die Midi-Chlorianer hinausgeht.

In „Star Wars Rebels“, das durchaus als Fortsetzung zu „The Clone Wars“ funktionieren kann, werden diese Konzepte nicht wieder aufgegriffen, aber die Natur der Macht wird durchaus thematisiert – man versucht es zumindest. Während Episode VII vorerst den Dualismus zu zementieren scheint (hier ist zum ersten Mal in einem Film von der Hellen Seite der Macht die Rede), bewegt sich „Rebels“ davon weg. Hauptinstrument ist der mysteriöse Bendu, der zum ersten Mal in der dritten Staffel auftaucht und im Grunde mehr oder weniger die Position der Je’daii vertritt (und nebenbei gleich die EU-Begriffe „Ahsla“ und „Bogan“ in den Kanon zurückbringt), sich aber auch einiger Elemente der Potentium-Lehre bedient. Allerdings bleibt das recht vage und unausgegoren – gerade im Vergleich zu Stovers „Traitor“. Wie es scheint, bewegt sich Episode VIII in eine ähnlich Richtung. Nach dem Trailer, in dem Luke Skywalker aus dem Off verkündet, die Zeit der Jedi müsse enden, wird wild um graues Jeditum spekuliert. Auch hierbei handelt es sich zumindest dem Namen nach um ein Konzept aus dem EU, das jedoch häufig missverstanden wird. Ein grauer Jedi ist ein Jedi, der zwar die ideale Jedi hochhält, aber mit den Strukturen und Dogmen des Jedi-Ordens nicht einverstanden ist. Qui-Gon Jinn wurde beispielsweise von einigen seiner orthodoxeren Ordensbrüder fast schon als grauer Jedi wahrgenommen. Da Episode VIII nun ohnehin in dieser Woche startet, spare ich mir an dieser Stelle jegliche Spekulationen und bespreche stattdessen lieber den Film, wenn ich ihn gesehen habe. Wer weiß, vielleicht taucht der eine oder andere Gedanke dieses Artikels in Rian Johnsons Film auf.

Dark Disciple

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Als Disney Lucasfilm erwarb, wurde „The Clone Wars“ nach Staffel 5 recht plötzlich abgesetzt. Es gab zu diesem Zeitpunkt bereits fertig animierte und vertonte Episoden (etwa die halbe sechste Staffel), die als „The Lost Missions“ gesendet und veröffentlicht wurden, allerdings hatten Dave Filoni und sein Team noch weitere Episoden in unfertigem Zustand auf Lager. Von einigen wurde animierte Story Reels veröffentlicht, während zwei Handlungsbögen in andere Medien transferiert wurden. Hierzu gehört auch ein achtteiliger Arc um Asajj Ventress und Quinlan Vos, den Christie Golden als Roman mit dem Titel „Dark Disciple“ adaptierte. Golden konnte mit drei Romanen, die sie als Teil der Reihe „Fate of the Jedi“ (dt. „Das Verhängnis der Jedi-Ritter“) verfasst hatte, bereits Star-Wars-Erfahrung sammeln, und darüber hinaus hat sie sich auch schon in diversen anderen Franchises geschrieben, u.a. „World of WarCraft“, „StarCraft“ und „Star Trek“.

„Dark Disciple“ ist der fünfte Erwachsenenroman der neuen Einheitskontinuität und der erste, der während der Klonkriege spielt. Die Handlung folgt Quinlan Vos, der vom Jedi-Rat den eher ungewöhnlichen Auftrag bekommt, Count Dooku zu töten, und zwar als Attentäter. Um diesen Auftrag auszuführen wendet sich Vos an Dookus ehemalige Schülerin Asajj Ventress. Mithilfe einer Tarnidentität versucht er, ihr Vertrauen zu erlangen, muss aber schon bald feststellen, dass sie weitaus cleverer ist, als er angenommen hat, denn sie durchschaut seine Tarnung ziemlich mühelos. Dennoch ist Ventress der Sache nicht abgeneigt, da sie ihren ehemaligen Meister nur allzu gerne tot sehen würde. Die beiden setzten ihr Vorhaben in die Tat um, allerdings gibt es zwei Dinge, mit denen sie nicht gerechnet haben: Dookus Gerissenheit und die wachsenden Gefühle füreinander.

Sowohl Asajj Ventress als auch Quinlan Vos sind Figuren, die ursprünglich aus dem EU stammen und bei denen es sich lohnt, ihre Legends-Inkarnation mit der TCW-Version zu vergleichen. Ventress trat im EU vor allem in der ersten Clone-Wars-Serie von Genndy Tartakovsky und in diversen Comics und Romanen auf. Zwar hatte der Charakter einige interessante Ansätze, diese wurden in meinen Augen aber kaum ausgeschöpft. Ventress in TCW war als Attentäterin Dookus noch enttäuschender, in Staffel 3 begann sie allerdings, interessanter zu werden. Dort sagt sie sich von ihrem ehemaligen Meister los und beginnt eine Karriere als Kopfgeldjägerin; sie wird zur Grenzgängerin, was sie als Figur spannender macht.

Quinlan Vos trat in erster Linie als Protagonist der von John Ostrander verfassten Republic-Comics auf und war ein mit sich selbst ringender Jedi, der stets auf der Schwelle zwischen Licht und Dunkelheit wandelte; nebenbei ist er auch eine meiner Lieblingsfiguren. In TCW hatte Vos nur einen einzigen Auftritt und zwar in der Folge „Hunt for Ziro“. Leider hatte die Clone-Wars-Version bis auf das Aussehen und die telemetrischen Fähigkeiten kaum etwas mit dem von John Ostrander geschaffenen Charakter gemein und verkam zum Sprücheklopfer. Glücklicherweise ist Quinlan Vos in Goldens Roman näher am Comicgegenstück, auch wenn es trotz allem nicht derselbe Charakter ist. Es gibt tatsächlich auch einige Anspielungen, zumeist allerdings mit einem Twist versehen: So ist Tholme nach wie vor der Jedi, der Vos ausgebildet hat, im Gegensatz zum Legends-Kanon überlebt er die Klonkriege allerdings nicht, sondern ist zu Beginn der Handlung bereits tot.

Der Kern des Romans ist ohne Zweifel die Beziehung zwischen Vos und Ventress, die sich von widerwilligen Gefährten bis hin zu Liebhabern wandelt. Trotz des Fokus auf die beiden muss ich sagen, dass mir das Ganze ein wenig zu schnell geht, was in TCW allerdings durchaus öfter der Fall ist und nicht per se an Golden liegen muss, sondern auch auf die dem Roman zugrunde liegenden Skripts zurückzuführen sein könnte. Es ist zwar bei Weitem nicht so schlimm wie im Darth-Maul-Arc, als dieser es in nur einer Folge schaffte, quasi die gesamte kriminelle Unterwelt der Galaxis (Hutt-Clans, Schwarze Sonne etc.) unter sich zu vereinen, aber dennoch. Davon einmal abgesehen funktioniert die Dynamik Vos-Ventress aber ziemlich gut, ihre Interaktion ist amüsant und sie sind definitiv ein besseres Pärchen als Anakin und Padmé. „Dark Disciple“ gelingt es durchaus, Ventress noch die eine oder andere neue Facette abzugewinnen. Tatsächlich tut diesem Handlungsstrang der Serie die Romanadaption gut, da Golden an einigen Stellen weitaus expliziter und düsterer werden kann, als dies in der Animationsserie möglich gewesen wäre – so wirkt es zumindest auf mich.

Ab hier Spoiler für die weitere Handlung!
Was ich wirklich interessant fand ist die Tatsache, dass sich „Dark Disciple“ in der zweiten Hälfte, wenn auch sehr grob, an Ostranders Klonkriegscomics mit Vos orientiert. Gerade hier rückt die Figur stärker an die ursprüngliche Version heran, vor allem was Handlungen und Motivation angeht. Wie in den Comics versucht Vos, Dooku vorzugaukeln, er habe sich der Dunklen Seite angeschlossen, wobei ihm selbst nicht klar ist, ob er wirklich nur vortäuscht. Das Ziel ist dabei letztendlich nicht nur die Ermordung Dookus, sondern auch Aufdeckung der Identität von Dookus Meister. Um das zu bewerkstelligen wird Vos, nach Ventress und Savage Opress, zum dritten Schüler des Count. Gerade an dieser Stelle wird auch deutlich, wo der erste Vierteiler handlungsmäßig geendet hätte, da es eine mehrmonatige Pause gibt. Was Vos in Dookus Diensten allerdings getan hat, erfährt man kaum. Leider ist der Rest des Romans weniger gelungen als der erste Teil, da die Frage, auf wessen Seite Vos nun wirklich steht, einfach nicht interessant genug geschildert wird und das Hin und Her ab einem bestimmten Zeitpunkt auch nicht mehr spannend ist.

Insgesamt muss ich leider sagen: In den Comics wurde dieser Grundplot weitaus besser dargestellt, vor allem deshalb, weil wir tatsächlich gesehen haben, was Vos in Dookus Diensten zu tun gezwungen war und wie sehr in seine Besessenheit tatsächlich auf die Dunkle Seite gezogen und ihn gleichzeitig geblendet hat.

Und dann wären da auch noch ein paar Clone-Wars-typische Schwächen, etwa das verzwungene Auftauchen von Anakin und Obi-Wan – warum nicht mal jemand anderes verwenden? In diesem Kontext hätte sich Aayla Secura angeboten, da diese auch in der Einheitskontinuität Vos‘ Padawan war und in TCW bislang zwar vorkam, aber nach ihrem Debüt in Staffel 1 kaum etwas zu tun hatte. Auch Dooku bleibt, in bester Clone-Wars-Manier, hinter seinem Potential zurück. Gerade hier wäre es interessant gewesen, eine aktive Meister-Schüler-Beziehung zwischen ihm und Vos zu zeigen, leider gibt es nur einige einzelne kurze Szenen, die in diese Richtung gehen.

Im Vergleich mit den anderen Romanen der Einheitskontinuität schneidet „Dark Disciple“ dennoch ziemlich gut ab, weil die Geschichte, die der Roman erzählt, nicht wirkt, als hätte die Story Group die Handlung beschnitten. Sowohl „A New Dawn“ als auch „Tarkin“ und „Lords of the Sith“ wirken, als habe man bestimmte Aspekte zurückgehalten, um sie in „Rebels“ verwenden zu können, was den Romanen jeweils nicht gut getan hat und dafür sorgt, dass sie hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Auch hatte zumindest ich das Gefühl, dass die Handlung für die Protagonisten keinen allzu großen Unterschied macht. Das ist natürlich der Vorteil von sekundären bzw. EU-Figuren wie Vos und Ventress, deren Schicksal noch nicht festgeschrieben ist.

Fazit: „Dark Disciple“ ist einer der, wenn nicht gar der beste Roman der Einheitskontinuität und passt qualitativ und inhaltlich durchaus gut zu den stärkeren späten Clone-Wars-Folgen. Vor allem die erste Hälfte ist äußerst gelungen, während die zweite an einigen Schwächen leidet, die allerdings weit weniger gravierend ausfallen, wenn man nicht mit John Ostranders Republic-Comics vertraut ist.

Siehe auch:
Star Wars: The Clone Wars
A New Dawn
Tarkin
Lords of the Sith