Dune: Part One

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Story: In ferner Zukunft wird das Universum von einem mächtigen Imperium beherrscht, das sich aus verschiedenen Adelshäusern zusammensetzt. Eines dieser Adelshäuser, die Atreides unter Führung des Herzogs Leto (Oscar Isaac) erhalten vom Imperator den Auftrag, den Abbau der Droge Melange (auch Spice genannt) auf dem Planeten Arrakis alias Dune zu überwachen. Melange ist die wichtigste Substanz des Imperiums, die unter anderem interstellares Reisen überhaupt erst möglich macht. Aus diesem Grund siedelt das Haus Atreides, inklusive Letos Mätresse Jessica (Rebecca Ferguson) und ihrem gemeinsamen Sohn Paul (Timothée Chalamet), über nach Arrakis, wo nicht nur eine tödliche Wüste mit riesigen Würmern, sondern auch die potentiell gefährlichen Eingeborenen, die Fremen, auf sie warten. Doch die wahre Gefahr kommt aus einer anderen Richtung: Vladimir Harkonnen (Stellan Skarsgård), der zuvor Arrakis beherrschte und gnadenlos ausbeutete, plant schon seit langem den Untergang des Hauses Atreides und startet nun eine mörderische Intrige, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen…

Kritik: Frank Herberts 1965 erschienener Roman „Dune“ hat im Science-Fiction-Genre einen Stellenwert, der mit dem des „Lord of the Rings“ in der Fantasy zumindest in Ansätzen vergleichbar ist. Die Einflüsse auf andere Medien, nicht zuletzt Star Wars, aber auch „A Song of Ice and Fire“, sind enorm. Nicht minder legendär als die Geschichte des Romans sind die Versuche, ihn zu verfilmen, von der Jodorowsky-Version, die es nie über die Planung hinausgeschafft, aber immerhin zu einer sehr faszinierenden Dokumentation geführt hat, über David Lynchs missglückte Verfilmung von 1984 bis hin zur Fernsehadaption der frühen 2000er. Schließlich bekam Denis Villeneuve die Gelegenheit, nach „Arrival“ und „Blade Runner 2049“ noch tiefer in die Science Fiction vorzudringen und sich Herberts Roman mit einem wirklich beeindruckenden Cast anzunehmen – unglücklicherweise verhinderte Corona den ursprünglichen Kinostart im November 2020. Nun ist „Dune: Part One“ – denn Villneuve weigerte sich, Herberts umfangreichen Roman in nur einem Film umzusetzen – endlich im Kino zu begutachten. So viel schon einmal vorneweg: Allein aufgrund der visuellen Wucht lohnt sich der Kinobesuch.

Wie nicht anders zu erwarten knüpft Villeneuve mit „Dune“ sehr stark an seinen bereits in „Arrival“ und „Blade Runner 2049“ etablierten visuellen Stil an, der nach wie vor seinesgleichen sucht und einem Epos wie diesem mehr als gerecht wird. Bombastische Bilder und breite Panoramen, dazu ein höchst distinktives Design, das sich glücklicherweise weit von der Bizarrheit der Lynch-Version entfernt hat, sorgen dafür, dass Villeneuves Adaption sich in der Erinnerung festsetzt.

Inhaltlich hält sich Villeneuve, der zusammen mit Jon Spaihts und Eric Roth auch das Drehbuch verfasste, im Großen und Ganzen sehr eng an die Vorlage, die ich mir im Vorfeld extra in Hörbuchform zu Gemüte geführt habe. Natürlich muss man beachten, dass hier nur etwa die erste Hälfte des Romans umgesetzt wird und man das auch merkt – der Film endet zwar nicht völlig abrupt oder mit einem Cliffhanger, aber keiner der größeren Konflikte wird auch nur ansatzweise aufgelöst, das Schicksal vieler Figuren bleibt unklar. Ansonsten ist die Romanhandlung stets sehr präsent, die größten Abweichungen finden sich bei der Interpretation einiger Figuren, primär Paul und Leto Atreides. Vor allem diese beiden werden deutlich moderner dargestellt, als es bei Frank Herbert der Fall ist, wo sie archaischer bzw. feudaler daherkommen. Leto ist im Film verständnisvoller und väterlicher, während Paul von Anfang an seine Rolle als Erbe hinterfragt, was er im Roman nicht tut bzw. was dort ein Ergebnis seiner Entwicklung ist. Paul wird im Film allerdings auch nicht ganz so hyperkompetent und allwissend dargestellt, wie es im Roman der Fall ist, was ich definitiv als Verbesserung werten würde.

Viele Aspekte der Figuren gehen natürlich verloren, da Herbert sehr intensiv und ausführlich auf die Gedanken der Charaktere eingeht – der Erzähler von „Dune“ ist sehr allwissend und blickt regelmäßig in jeden Kopf hinein, um dem Leser genau mitzuteilen, was da gerade passiert. Einer der wenigen Aspekte, die der David-Lynch-Film wirklich sehr direkt adaptiert, war diese Herangehensweise, die in sehr, sehr, sehr vielen geflüsterten Kommentaren aus dem Off resultierte. Glücklicherweise entschied sich Villeneuve dagegen und versucht stattdessen, die inneren Vorgänge visuell zu inszenieren, was meistens (wenn auch nicht immer) ziemlich gut funktioniert.

Was verständlicherweise mitunter verloren geht, ist das umfangreiche Worldbuilding, das Herbert auf den Seiten des Romans betreibt, wo er immer wieder historische, philosophische, religiöse oder bio- und geologische Exkurse über die erzählte Welt im Allgemeinen und Arrakis im Speziellen unternimmt, die im Film natürlich nur schwerlich untergebracht werden können und sich, wenn sie denn auftauchen, ausschließlich auf Handlungsrelevantes beschränken oder Teil der visuellen Umsetzung sind. Dennoch hat man mitunter das Gefühl, dass der gerade der politische Aspekt und die Lage im Imperium, die Rolle, die die Harkonnen spielen etc. etwas zu kurz kommen, sodass sie schwer greifbar sind. Aber wer weiß, ein (hoffentlich kommendes) Sequel könnte da Abhilfe schaffen.

Handwerklich kann man „Dune: Part One“ kaum etwas vorwerfen. Wie bereits erwähnt lohnt sich der Film allein schon wegen der Optik, und auch schauspielerisch gibt es nichts zu meckern. Gerade im Schurkenbereich sorgen Stellan Skarsgård als Baron Vladimir Harkonnen sowie Dave Bautista und David Dastmalchian als seine Untergebenen Glossu Raban und Piter De Vries dafür, dass die Widersacher der Atreides trotz einem gewissen Mangel an „Handfestigkeit“ im Gedächtnis bleiben. Dasselbe gilt für die Vielzahl an Figuren auf der Gegenseite; obwohl Gurney Halleck (Josh Brolin), Duncan Idaho (Jason Momoa), Fremen-Anführer Stilgar (Javier Bardem) oder Chani (Zendaya) alle relativ wenig Leinwandzeit haben, holen sie doch heraus, was möglich ist. Dasselbe gilt natürlich auch für die oben bereits erwähnten Darstellerinnen und Darsteller. Auch dramaturgisch und strukturell wurde die Handlung gut umgesetzt, lediglich in der Mitte gibt es einen kleinen Durchhänger, bevor sich die Ereignisse dann plötzlich überschlagen, ich wüsste allerdings ad hoc nicht, wie man es anders bzw. besser hätte machen können.

Kommen wir schließlich noch zu einem Aspekt, der von vielen gelobt wird, den ich aber eher kritisch sehe: Der Score von Hans Zimmer. Inzwischen ist klar, was Villeneuve mit der Musik in seinen Filmen bezweckt: Er möchte ein immersives Erlebnis erschaffen, Score und Sounddesign sollen miteinander verschmelzen und untrennbar Teil der erzählten Welt werden, quasi entgegengesetzt zum Konzept, das George Lucas und John Williams bei „A New Hope“ verfolgten, wo der sehr klassische angehauchte Soundtrack als Kontrapunkt zur (damals) sehr fremden Welt der weit, weit entfernten Galaxis dienen und das Publikum emotional ankern sollte. Ähnlich wie Herbert beim Worldbuilding im Roman will Villeneuve im Film das Publikum allerdings nicht an die Hand nehmen, sondern es stattdessen direkt hineinwerfen. Das ist per se kein schlechter Ansatz, allerdings ist die derartige Vermischung von Musik und Sounddesign schlicht etwas, das nicht unbedingt meinem Geschmack entspricht. Bereits in Jóhann Jóhannssons Score zu „Arrival“ verfolgten Villneuve und der 2018 verstorbene isländische Komponist diesen Ansatz, der auch in „Dune: Part One“ Verwendung findet. Tatsächlich scheint Zimmer Jóhannsson des Öfteren zu kanalisieren, ohne allerdings dieselbe Wirkung zu entfalten oder dieselbe Kreativität an den Tag zu legen. Wer mit Zimmers Œuvre, speziell den Scores, die er für „Blade Runner 2049“ sowie die Filme von Chris Nolan und Zack Snyder komponierte, vertraut ist, wird nur allzu viele Stilmittel wiedererkennen. Repräsentative Motive im weiteren Sinne sind durchaus vorhanden, aufgrund mangelnder Variation kann man allerdings kaum von Leitmotiven sprechen, da sie nicht leiten, es sind eher wiederkehrende instrumentale Texturen für bestimmte Konzepte, etwa der bellende Frauenchor für die Bene Gesserit, Erhu und vage nahöstliche Instrumentierung für Arrakis oder (diegetische) Dudelsäcke für Haus Atreides. Alles wird natürlich durch elektronische Manipulation stark verfremdet und prozessiert. Streckenweise funktioniert das durchaus gut, mitunter geraten die üblichen „Zimmerismen“ in der Musik aber auch beinahe zur Selbstparodie, besonders wenn der Ton, wie bei meinem Kinobesuch, deutlich zu laut eingestellt ist. Spätestens als Zimmer die Percussion-Gewitter aus „Man of Steel“ ausgepackt hat, sah ich mich gezwungen, genervt die Augen zu verdrehen. Ich denke schon, dass ein „traditioneller“ Score hier fehl am Platz gewesen wäre, komme aber nicht umhin mich zu fragen, was wohl ein Komponist wie Don Davis, Elliot Goldenthal oder Philip Glass mit dem Material angestellt hätte.

Fazit: Sehr gelungene und vor allem visuell extrem beeindruckende Verfilmung von Frank Herberts Roman. Mit dem Urteil darüber, ob Villeneuves „Dune“ das Prädikat „Meisterwerk“ oder „LotR-Äquivalent der 2020er“ verdient hat, warte ich allerdings, bis ich „Part Two“ gesehen habe, so er denn kommt. Hoffentlich…

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Arrival
Blade Runner 2049 – Ausführliche Rezension

Blade Runner 2049 – Ausführliche Rezension

Spoiler nach dem ersten Absatz!
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In einem Zeitraum von gerade einmal zwei Jahren kehrt Harrison Ford zu seinen beiden ikonischen Science-Fiction-Rollen zurück – nach Han Solo ist nun also auch Rick Deckard ein weiterer Auftritt auf der großen Leinwand vergönnt. „Blade Runner“ ist nun freilich ein völlig anderes Biest als das Star-Wars-Franchise. Wo George Lucas‘ Space Opera ein durchbrechender Erfolg war, erlitt Ridley Scotts Film an den Kinokassen erst einmal Schiffbruch und entwickelte sich langsam über die Jahre hinweg zum Kultfilm (nicht zuletzt dank diverser Schnittfassungen, da sich das Studio bei der ursprünglichen Kinofassung eingemischt hatte). Aus diesem Grund erscheint eine Fortsetzung zu „Blade Runner“ aus rein finanzieller Sicht auch ein wenig merkwürdig: Scotts Film ist zwar ein Sci-Fi-Klassiker, hatte aber nie den Mainstream-Reiz von Star Wars. Dementsprechend vorhersehbar ist auch die Reaktion auf „Blade Runner 2049“: Von Kritikern wird er im Großen und Ganzen äußerst positiv bewertet, an den Kinokassen dagegen geht er eher unter und hat es bislang noch nicht einmal geschafft, sein Budget wieder einzuspielen. Deshalb würde ich fast davon ausgehen, dass es sich bei „Blade Runner 2049“ für Sony gezielt um ein Prestige-Projekt handelt, das eine ähnliche Wirkung wie der Vorgänger entfalten soll, denn dass dieser bei der breiten Masse nicht gut ankommen würde, war eigentlich von vornherein klar. Zudem hat man bei Sony dem Regisseur Denis Villeneuve, der mit seinen bisherigen Filmen, darunter „Arrival“ und „Sicario“, im großen Stil Kritiker-Lob einheimste, weitgehend freie Hand gelassen und ihn nicht in die Blockbuster-Schablone gepresst – und das bei einem ziemlich ansehnlichen Budget von 150 Millionen Dollar. Dementsprechend fällt dann auch mein spoilerfreies Urteil aus (nach diesem Absatz nehme ich keine Rücksicht mehr): „Blade Runner 2049“ ist ein hochinteressanter und visuell opulenter, aber auch ein langsamer, ja fast schon behäbiger und zum Teil recht anstrengender Film (im positiven Sinn). Er verlangt eine Öffnung für die philosophische Thematik, mit der er sich auseinandersetzt, sowie Geduld und Sitzfleisch.

Harrison Ford träumt von elektronischen Schafen
Bevor ich mich mit Denis Villeneuves Film beschäftige, noch ein paar Worte zum Vorgänger und seiner Vorlage. „Blade Runner“ basiert lose auf dem 1968 erschienenen Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ von Philip K. Dick, den ich zur Vorbereitung auf den Film als Hörbuch konsumiert habe. Die vierzehn Jahre spätere veröffentlichte Filmadaption von Ridley Scott übernimmt allerdings nur die grobe Handlung und einige Figuren, macht aus der zugrunde liegenden Geschichte aber etwas Eigenes. Sowohl im Film als auch im Roman jagt Rick Deckard in einem dystopischen Los Angeles künstliche Menschen, die illegal auf die Erde gekommen sind. Die Unterschiede fangen allerdings schon bei den Fachbegriffen an. Besagte künstliche Menschen werden im Roman als „Androiden“ bezeichnet, im Film als „Replikanten“, ihre Jäger sind bei Dick „Bounty Hunter“, bei Scott dagegen „Blade Runner“ und die Firma, die die Androiden/Replikanten herstellt, trägt im Roman den Namen „Rosen Corporation“, im Film heißt sie dagegen „Tyrell Corporation“ (dementsprechend heißt Rachael Rosen im Film auch Rachael Tyrell). Neben der Thematik der künstlichen Menschen spielt im Roman darüber hinaus auch die Religion eine wichtige Rolle. In Dicks postapokalyptischem Los Angeles folgen fast alle Menschen den Dogmen des „Mercerism“ (zurückgehend auf den Propheten Wilbur Mercer), einer Religion, die menschliches und tierisches Leben sehr hoch schätzt, aber von Androiden nicht allzu angetan ist. Dementsprechend sind echte Haustiere auch das Statussymbol schlechthin, was Deckard im Verlauf des Romans immer wieder zu schaffen macht, weil er nur ein elektronisches Schaf besitzt (daher auch der Titel). All diese Aspekte spielen im Film keine Rolle. Dafür fehlt im Roman die Ambiguität – Deckard ist hier eindeutig ein Mensch, er ist verheiratet und führt den Test, mit dem festgestellt wird, ob man Android ist, an sich selbst durch.

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Rick Deckard (Harrison Ford) 30 Jahre später

Alles in allem ist der Roman weit gesprächiger und, in Ermangelung eines besseren Wortes, „intellektueller“ als der Film. Die Ideen und Konzepte, Menschlichkeit, Religion, Empathie, Künstlichkeit etc., werden bei Dick sehr ausführlich in Dialogen und inneren Monologen besprochen. Der Film dagegen bemüht sich eher, zumindest einige dieser Konzepte auf visueller und emotionaler Ebene zu vermitteln. Insgesamt ist Buch-Deckard sowohl geschwätziger als auch unsympathischer als sein von Harrison Ford verkörpertes Gegenstück. Besagtes Gegenstück steht dafür mehr im Fokus – „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ zeichnet im größeren Maße das Bild einer zerfallenden Gesellschaft, während „Blade Runner“ persönlicher und intimer ist. Die Neo-Noir-Atmosphäre ist ebenfalls ein Element, das vor allem den Film auszeichnet – allgemein gibt es für die visuelle Opulenz im Roman nur wenige Grundlagen, da Dicks Beschreibungen eher spartanisch ausfallen. Insgesamt muss ich sagen, dass ich sowohl Roman als auch Film eher interessant finde – weder die Vorlage noch die Adaption haben eine tatsächliche Passion in mir hervorgerufen. Gerade „Blade Runner“ ist natürlich auch wegen des Einflusses, den dieser Film auf sein Genre hatte, von großem Interesse. Egal ob „Matrix“ oder die Star-Wars-Prequels (besonders die Verfolgungsjagd in „Angriff der Klonkrieger“), die Ästhetik von Scotts Film ist bei dystopischen Großstadtlandschaften kaum wegzudenken.

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Niander Wallace (Jared Leto)

Wir schreiben das Jahr 2049, 30 Jahre sind vergangen, seit Rick Deckard (Harrison Ford) als Blade Runner aktiv war. Die Tyrell Corporation, die für die Herstellung der Replikanten zuständig war, wurde nach einer größeren Katastrophe, Aufständen und einem globalen Stromausfall im Jahre 2022 von Niander Wallace (Jared Leto) übernommen und heißt seither Wallace Corporation, stellt aber nach wie vor Replikanten her, die den „natürlichen Menschen“ als speziell hergestellte Sklaven dienen. Einige der älteren Modelle sind aber nach wie vor auf der Flucht und werden von Blade Runnern zur Strecke gebracht. Der Replikant KD6-3.7, kurz K (Ryan Gosling) gehört dieser neuen Blade-Runner-Generation an. Auf einer Farm liquidiert er den Replikanten Sapper Morton (Dave Bautista), findet dort aber etwas sehr merkwürdiges: Die Knochen einer Replikantin, die im Kindbett starb, was eigentlich unmöglich sein sollte. Im Auftrag seiner Vorgesetzten Lt. Joshi (Robin Wright), die in einem natürlich geborenen Replikanten eine große Gefahr für die allgmeine Stabilität sieht, stellt K weitere Ermittlungen an, die ihn unter anderem auch zum Hauptquartier der Wallace Corporation führen, wo er der Replikantin Luv (Sylvia Hoeks) begegnet, die ihm Informationen über die experimentelle Replikantin Rachael Tyrell (eine rekonstruierte Sean Young) und ihre Verhältnis zu Rick Deckard gibt. Wie sich herausstellt, hat Niander Wallace großes Interesse an einem natürlich geborenen Replikanten, da er in ihm großes Potential sieht, weshalb er Luv befiehlt, sich an Ks Fersen zu heften. In K erhärtet sich derweil aufgrund von merkwürdigen Erinnerungen, von denen er dachte, sie seien künstlich, bis er einen Beweis findet, dass sie echt sind, der Verdacht, er selbst könne der natürlich geborene Replikant sein. Er folgt der Spur weiter und findet schließlich einen gealterten Rick Deckard in Las Vegas. Die Konversation der beiden wird jedoch von Luv unterbrochen, die Deckard mitnimmt und K zum Sterben zurücklässt. Dieser wird allerdings von den Mitgliedern einer Replikanten-Widerstandsgruppe gerettet; von ihnen erfährt er, dass er nicht das Kind von Deckard und Rachael sein kann, da sie eine Tochter hatten. Dennoch macht sich K nun daran Deckard zu befreien, um ihn zu seiner Tochter zu bringen…

Ästhetik und Dramaturgie
Wie schon „Blade Runner“ verfügt auch die Fortsetzung über extrem opulente und beeindruckende Bilder. Dabei gelingt es Villeneuve allerdings, nicht einfach nur die Ästhetik des Vorgängers zu kopieren, sondern auch eine völlig eigenständige Atmosphäre zu kreieren. Einige Einstellungen erinnern natürlich stark an das Original, gerade die Luftaufnahmen des futuristischen Los Angeles, aber „Blade Runner 2049“ verlässt, anders als Ridley Scotts Film, die urbane Landschaft immer mal wieder, sodass es weitaus mehr unterschiedliche Schauplätze gibt. Das ist auch einer der Hauptgründe, weshalb die Fortsetzung weniger klaustrophobisch wirkt als das Original, darüber hinaus wurde die Neo-Noir-Atmsophäre zurückgefahren. Stattdessen sind die verschiedenen Schauplätze stärker von einzelnen Farbfiltern geprägt, was ihnen eine unwirkliche, traumartige Qualität verleiht. Wo „Blade Runner“ ausschließlich dystopisch war, greift Villeneuve die postapokalyptischen Elemente von Dicks Roman auf ästhetischer Ebene wieder auf, wann immer wir zusammen mit K Los Angeles verlassen – die Welt außerhalb der urbanen Enklave ist ein verwüsteter, trostloser und lebensfeindlicher Ort.

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K (Ryan Gosling) und seine virtuelle Freundin Joi (Ana de Armas)

Auch dramaturgische orientiert sich Villeneuve durchaus am Original. Wie Scotts Film ist „Blade Runner 2049“ sehr getragen und sehr langsam. Beide Filme sind nicht wirklich spannend im herkömmlichen Sinn und können den Zuschauer, der nicht für sie bereit ist, mit ihrer behäbigen Art relativ schnell abschrecken. Auf die Fortsetzung trifft das in noch größerem Maße zu, da sie noch einmal deutlich länger ist als selbst der 2008 veröffentlichte Final Cut des Vorgängers. Villeneuve schwelgt regelrecht in den opulenten Bildern und kostet sie voll aus. Wie in Scotts Film sind die Dialoge und Erklärungen eher spärlich gehalten, sodass man als Zuschauer durchaus gefordert ist und nicht alles serviert bekommt. Selbst die abschließende Frage wird noch verhältnismäßig zweideutig beantwortet, ebenso wie die Frage aus dem Vorgänger, ob es sich bei Deckard nun um einen Replikanten handelt oder nicht (nun, zumindest Ridley Scott hat diesbezüglich eine sehr eindeutige Meinung).

Wie schon beim ersten Film ist die eigentliche Handlung relativ simpel und banal, es handelt sich letztendlich um eine sehr ausgedehnte Spurensuche mit erwartbarem Ausgang. Die Art und Weise, wie dieser Plot verarbeitet wird, ist das, was „Blade Runner 2049“ zu etwas Besonderem macht. In einem konventionelleren Sci-Fi-Film wäre die Replikantenverschwörung, auf die K letztendlich stößt, wahrscheinlich ein essentielles Handlungselement. Hier jedoch fungiert sie nur als nötiger Hintergrund und findet kaum mehr Beachtung, nachdem die Anführerin Freysa (Hiam Abbass) die nötige Exposition losgeworden ist. Villeneuve kümmert sich nicht um das Schicksal der Welt, ihn interessieren am Ende nur die Figuren. Die Handlung dient letztendlich vor allem dazu, die Atmosphäre auszukosten und den philosophischen Subtext zu vermitteln – alles andere ist zweitrangig.

Ein richtiger Junge: Von Replikanten und Hologrammen
Wie nicht anders zu erwarten war, setzt „Blade Runner 2049“ die Thematik des Vorgängers fort, kopiert sie aber erfreulicherweise nicht einfach nur, sondern gewinnt ihr neue Facetten ab. Augenscheinlich ist die Situation genau umgekehrt wie im Vorgänger, wo Deckard glaubt, ein Mensch zu sein und es dann Hinweise gibt, dass er ein Replikant ist, was ihn dann wiederum dazu veranlasst, Replikanten anders wahrzunehmen. Hier haben wir einen Replikanten als Protagonisten, der im Verlauf seiner Ermittlungen entdeckt, dass er zumindest „echt“ (also geboren) sein könnte. Damit greift Villeneuves Sequel relativ direkt die Pinocchio-Thematik auf – es gibt sogar eine ziemlich eindeutige Dialoganspielung. Eine weitere literarische Anspielung findet sich bei K selbst, der natürlich auf Franz Kafkas „Der Process“ verweist – auch das wird noch offensichtlicher, als K im Verlauf des Films den Namen Joe annimmt. Außer „Joe K“ selbst gibt es darüber hinaus noch eine ganze Reihe von Figuren, die diese Thematik auf die eine oder andere Weise verkörpert. Da wäre natürlich vor allem Joi (Ana de Armas), Ks holografische Freundin, mit der Villeneuve und sein Drehbuchautoren Hampton Fancher und Michael Green im Grunde das Konzept von „Her“ aufgreifen und weiterdenken. Mehrfach fragt man sich, ob Joi nur ihrer Programmierung folgt oder tatsächlich so etwas wie Liebe für K empfindet.

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Die Replikantin Luv (Sylvia Hoeks)

Am anderen Ende des Spektrums befindet sich der von Jared Leto verkörperte Niander Wallace, der erblindet ist, aber dank diverser elektronischer Verbesserungen sehen kann und somit seinerseits schon ein halber Roboter ist. Und schließlich wäre da noch Ks Gegenspielerin und Gegenstück Luv, die an einen Terminator erinnert. Luv ist vor allem deshalb interessant, weil ihre Motivation nur angedeutet wird. Es scheint, als fühle sie sich sowohl von K, als auch von Rachael und dem geborenen Replikanten bedroht, weil sie sich für das fortschrittlichste Modell hält, dabei aber vollkommen empathielos bleibt. Im Verlauf des Films jagt sie K immer energischer und gnadenloser. Was „Blade Runner 2049“ im Vergleich zum Original allerdings fehlt, ist die Ambiguität bei der Figurenzeichnung. Luv und Wallace sind interessant, aber auch eindeutig böse, anders als etwa der von Rutger Hauer verkörperte Roy Batty im Original, der letztendlich äußerst sympathisch war und eigentlich Recht hatte.

Musik
Ursprünglich sollte Denis Villeneuves Stammkomponist Jóhann Jóhannsson, mit dem er bereits an „Arrival“, „Sicario“ und „Prisoners“ zusammenarbeitete, auch für „Blade Runner 2049“ die Musik schreiben. Allerdings entschieden Villeneuv und das Studio schließlich, dass Jóhannssons Ansatz nicht zu dem passte, was sie erreichen wollten; stattdessen entschloss man sich, stilistisch in stärkerem Maße auf Vangelis‘ ursprünglichen Score zurückzugreifen. In dieser Situation taten sie, was die meisten Regisseure und Studios in dieser Situation tun: Sie wandten sich an Hans Zimmer und Remote Control Productions. Letztendlich komponierten Zimmer selbst sowie Benjamin Wallfisch, der dieses Jahr mit „A Cure for Wellness“ und „ES“ bereits zwei exzellente Horror-Scores ablieferte, für Villeneuve die Musik, wobei wie üblich unklar ist, wer für was verantwortlich ist. Ich persönlich denke, dass Zimmer die Richtung vorgegeben hat, während Wallfisch den Löwenanteil der tatsächlichen Kompositionsarbeit erledigt hat – das ist aber nur eine unbestätigte Vermutung. Wie dem auch sei, leider bleibt „Blade Runner 2049“ weit hinter den beiden erwähnten Wallfisch-Scores zurück. Schon bei „Arrival“ habe ich festgestellt, dass Villeneuves Herangehensweise an Filmmusik mir nicht unbedingt zusagt, und das hat sich hier noch einmal bestätigt. Zudem gehört Vangelis‘ Score für „Blade Runner“ auch nicht unbedingt zu meinen Favoriten. Beide Scores haben durchaus einige Gemeinsamkeiten: Das dominante „Instrument“ ist der Yamaha CS-80 Synthesizer, dieser sorgt für die fast schon ikonischen, getragenen Klänge, die bereits „Blade Runner“ dominierten und auch in „Blade Runner 2049“ zu vernehmen sind. Darüber hinaus funktionieren beide Scores nicht wirklich leitmotivisch, sondern eher als untermalende Klangtapete. Der größte Unterschied ist die Art und Weise, wie besagte Klangtapete in das Gefüge des Films eingearbeitet ist. Vangelis‘ Musik wurde von Ridley Scott sehr behutsam eingesetzt, sie wirkte fast schon wie ein Teil der erzählten Welt des Films, ohne dabei aber zu reinem Sounddesign zu verkommen. Dieser Einsatz der Musik sorgte für die sehr spezielle Stimmung, die „Blade Runner“ ausmachte. Dasselbe lässt sich leider nicht über die Musik von „Blade Runner 2049“ sagen. Hier habe ich dasselbe Problem wie bei „Verblendung“, „Stranger Things“ oder „Dunkirk“: Es gibt kaum etwas, dass die Musik und die einzelnen Szenen miteinander verknüpft, im Grunde ist alles ziemlich austauschbar. Der Score reagiert nicht auf den Film, er spiegelt weder die Handlung wieder, noch sagt er etwas über die Emotionen der Protagonisten aus. Im Grunde gibt es nur zwei Modi: Getragene Synthesizer-Klänge (die aber anders als beim Vorgänger kaum Emotionen ausdrücken; Vangelis setzte, im Gegensatz zu Zimmer und Wallfisch, tatsächlich Melodien ein) und elektronisches Dröhnen, das vage an „Dunkirk“ erinnert und mich mitunter aus dem Film gerissen und ziemlich genervt hat – und das sollte ein Score niemals tun. So gelungen „Blade Runner 2049“ sonst auch ist, der Score ist die Schwachstelle und ich fürchte, dass er letztendlich auf meiner Worts-of-Liste des Jahres 2017 landen wird.

Fazit
Ist „Blade Runner 2049“ ein weiteres Meisterwerk des Science-Fiction-Films? Ich bin mir da ehrlich gesagt noch nicht ganz sicher. In mancher Hinsicht hat er mir durchaus besser gefallen als das Original, das Sequel ist visuell noch beeindruckender, K ist als Protagonist einnehmender und die Bearbeitung der Thematik „künstlicher Mensch vs. echter Mensch“ finde ich ebenfalls gelungener. Zugleich lässt Villeneuvs Film die Ambiguität bei der Figurenzeichnung vermissen, ist, allein aufgrund der Länge, anstrengender und der Score ist auch deutlich schwächer. Ich denke, „Blade Runner 2049“ ist ein Film, der sein volles Potential erst nach mehrmaliger Sichtung entfaltet.

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Arrival

Arrival

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Story: Aliens kommen auf die Erde. Zwölf schwarze Raumschiffe zeigen sich in verschiedenen Ländern, darunter auch in Montana in den Vereinigten Staaten. Eine erste Kontaktaufnahme gelingt zwar, erweist sich aber als schwierig, da es keine gemeinsame sprachliche Grundlage gibt. Um dieses Problem zu lösen und herauszufinden, weshalb die Aliens auf die Erde gekommen sind, heuert die US-Regierung zwei Wissenschaftler an, die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) und den Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner). Der Plan geht auf, den Wissenschaftlern gelingt es, die rätselhaften „Rauchzeichen“ der Aliens nach und nach zu entschlüsseln, auch wenn es kompliziert ist. Als jedoch eine Waffe erwähnt wird, drängt die Zeit mit einem Mal, denn nicht nur die Chinesen befürchten, die Aliens könnten feindlich sein…

Kritik: „Arrival“ wird gerne als das „Anti-Independence-Day“ bezeichnet und, ja, das kann man eigentlich so stehen lassen, diese Umschreibung passt recht gut zu Denis Villeneuves nachdenklichem Sci-Fi-Film. In gewisser Weise handelt es sich hier schon fast um Sci-Fi für Sprachwissenschaftler – nicht ganz, aber fast. Es ist schon erfrischend, einen Alieninvasionsfilms zu sehen, der die Alieninvasion auslässt und sich stattdessen auf andere Aspekte und Konzepte konzentriert, die im literarischen Bereich zwar nicht unbedingt neu sind, die man im Kino aber doch eher selten sieht.

Auffällig ist, dass „Arrival“ sich mit den Auswirkungen der Alienlandung eher hintergründig beschäftigt – auch diesbezüglich wählt Villeneuve den „Independence Days“ genau entgegengesetzten Weg. Wo sich Roland Emmerich bemühte, ein sehr breites Bild zu zeigen, konzentriert sich Villeneuve in „Arrival“ fast ausschließlich auf die von Amy Adams exzellent dargestellte Protagonistin. Die Reaktionen der Welt auf die wegen ihrer sieben Gliedmaßen als Heptapoden bezeichneten Besucher erfährt der Zuschauer primär aus Dialogen oder Fernsehberichten, der Fokus liegt dabei jedoch immer auf Louise, was sich im weiteren Verlauf des Films auch nicht groß ändert; Louise ist und bleibt der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, was im Großen und Ganzen sehr gut funktioniert. Das einzige Manko dieses Fokus ist, dass ihr Kollege Ian Donnelly verhältnismäßig bedeutungslos ist und letztendlich nur einem bestimmten Zweck dient, was ein wenig schade ist – Villeneuve und sein Drehbuchschreiber Eric Heisserer hätten ihm durchaus noch etwas mehr zu tun geben können.

Sehr bemerkenswert sind darüber hinaus die beeindruckenden und abstrakten Bilder sowie die überzeugende und dichte Atmosphäre, die „Arrival“ erzeugt. Die Heptapoden wirken so fremdartig und mysteriös wie möglich, was von der Stimmung ausgezeichnet unterstützt wird. Tatsächlich erfahren weder die Figuren noch der Zuschauer besonders fiel über diese Aliens, ihre Kultur oder die Funktionsweise ihrer Technologie. Auch die Fragen und Überlegungen zur Funktionsweise von Sprache sind äußerst faszinierend. Sowohl der Sci-Fi-Fan als auch der Sprachwissenschaftler in mir hätte diesbezüglich gerne noch mehr über die Heptapoden und ihre Form der Kommunikation erfahren, für den „Normalzuschauer“, der in dieser Hinsicht kein besonderes Interesse hegt, und, noch wichtiger, für den narrativen Fluss des Films war es aber wohl das richtige Ausmaß.

Insgesamt ist „Arrival“ ein sehr gelungener Film, ich bin mir nur nicht sicher, ob ich mit dem Ende völlig zufrieden bin. Nicht, dass es nicht passen würde, der Film arbeitet konsequent und von Anfang an auf diesen Ausgang hin und ich bezweifle ehrlich gesagt, ob ein anderes Ende überhaupt funktioniert hätte, aber dennoch lässt mich der Ausgang irgendwie unzufrieden zurück, ohne dass ich exakt sagen könnte, weshalb.

Zum Schluss noch ein paar Worte zum Score von Jóhann Jóhannsson. Ich bin kein Fan der für diesen Film gewählten Scoring-Technik, elektronische Ambience-Scores haben bei mir immer grundsätzlich einen sehr schweren Stand, weil mich diese Art von Musik einfach überhaupt nicht anspricht und oft sogar nervt, besonders, wenn sie von Trent Reznor und Atticus Ross stammt. Daher ist es schon ein Lob wenn ich sage, dass Jóhannssons Score mich im Film nicht sonderlich gestört hat, auch wenn er sicher nicht auf meiner Filmmusikjahresbestenliste landen wird. Tatsächlich hat er, was Ambience-Scores angeht, ziemlich gut funktioniert. Was Jóhannsson da mit seiner Elektronik, seiner Geräuschkulisse und den Stimmeffekten macht, ist mitunter durchaus interessant, wenn auch nicht allzu ansprechend. Eines meiner Hauptprobleme mit Ambience-Scores ist, dass sie Figuren und deren Emotionen im Grunde überhaupt nicht repräsentieren, und so ist es auch hier; die Musik zielt primär darauf ab, die Fremdartigkeit der Heptapoden zu verdeutlichen. Lediglich am Anfang und am Ende des Films wird ein Stück des Komponisten Max Richter eingespielt, das tatsächlich emotional ist.

Fazit: „Arrival“ ist ein sehr gelungener, erfrischender, ruhig erzählter und nachdenklicher Sci-Fi-Film mit einer äußerst starken Amy Adams. Lediglich das Ende weiß nicht völlig zu überzeugen.

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