Thor: Love and Thunder

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Story: Während Thor (Chris Hemsworth) mit den Guardians of the Galaxy durch das Universum reist, erreicht ihn eine Nachricht seiner alten Verbündeten Sif (Jaimie Alexander). Der Donnergott und sein Kamerad Korg (Taika Waititi) trennen sich von den Guardians, um Sif aufzusuchen und dem Hilferuf auf den Grund zu gehen. Von der einarmigen Asgardianerin erfährt Thor, dass eine Kreatur namens Gorr, der Götterschlächter (Christian Bale) sein Unwesen treibt und die Götter vieler Welten tötet. Und mehr noch, Gorrs nächstes Ziel ist der Zufluchtsort seines Volkes auf der Erde, regiert von Valkyrie (Tessa Thompson). Thors Ex-Freundin Jane Foster (Natalie Portman) ist derweil an Krebs erkrankt und blickt dem Tod ins Auge, da hört sie den Ruf der Trümmer Mjölnirs. Als Thor schließlich auf der Erde eintrifft, erwartet ihn Jane als Thor, die Donnergöttin – was sie aber auch zu einem Ziel für Gorr macht…

Kritik: Wer hätte angesichts der Rezeption der ersten beiden Thor-Filme jemals gedacht, dass der Donnergott nicht nur der einzige Avenger ist, der in jeder MCU-Phase einen Film bekommt, sondern auch der erste, der als Titelheld von vier Filmen fungieren darf (was angesichts des Erfolgs von „Spider-Man: No Way Home“ aber mit Sicherheit nicht lange so bleiben wird). Natürlich wäre es ohne den überwältigenden Erfolg von „Thor: Ragnarok“ sicher nicht dazu gekommen – Taika Waititis Präsenz als Regisseur ist ein wichtiger Aspekt der Vermarktung des Films. Interessanterweise zeigen sich hier bereits die Beschränkungen und Grenzen der Kombination MCU/Waititi.

Stilistisch knüpft Waititi direkt an „Thor: Ragnarok“ an: Alles ist groß, laut, bombastisch, zugleich aber auch sehr überdreht und kaum etwas wird ernstgenommen – das steht durchaus in Kontrast zu „Spider-Man: No Way Home“ und (in geringerem Maße) „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“, die beide zumindest über gewisse Strecken versuchten, authentischere emotionale Inhalte zu vermitteln. MCU-Filme bemühen sich immer um eine gewisse Balance zwischen, nennen wir es „Authentizität“ und dem als Markenzeichen des Franchise fungierenden, selbstreferenziellen Humor. Bereits in „Thor: Ragnarok“ fiel diese Balance zweifelsohne zugunsten von Letzterem aus, in „Thor: Love and Thunder“ ist sie aber praktisch kaum mehr vorhanden, es handelt sich hierbei um den bislang teuersten Improv-Comedy-Film.

Dieser Umstand wird besonders im Hinblick auf die Vorlage deutlich. Waititi und Co-Drehbuchautorin Jennifer Kaytin Robinson bedienen sich inhaltlich primär aus Jason Aarons Zeit als Thor-Autor. In den 2010er-Jahren verfasste Aaron diverse Serien und Miniserien mit dem Donnergott, sowohl Gorr, der Götterschlächter als auch Jane Foster als hammerschwingende Donnergöttin stammen auf seiner Feder. Aarons Comics sind allerdings deutlich ernster und düsterer als „Love and Thunder“. Statt so gut wie jede Thematik als Aufhänger für Humor zu verwenden, bemüht sich Aaron, die philosophischen Implikationen zu erforschen – soweit das eben in einer Mainstream-Marvel-Serie möglich ist. Während Waititi und Robinson sich der Ideen und Konzepte zumindest oberflächlich bedienen, bleibt vieles auf der Strecke. Während Jane Foster in den Comics den Hammer schwingt, hat Thor Probleme damit, unwürdig zu sein und Mjölnir nicht mehr anheben zu können, was Aaron in der Miniserie „The Unworthy Thor“ ausführlich thematisiert. Zugegeben musste sich Thor damit bereits im ersten Film von Kenneth Branagh auseinandersetzen, aber diese Miniserie zeigt einen deutlich an sich zweifelnden, introspektiven Thor, während sich das Filmgegenstück mit den Eifersüchteleien der beiden göttlichen Waffen auseinandersetzen muss. In den seltenen Momenten, in den Waititi tatsächlich versucht, ernsthaftes Drama zu inszenieren, etwa wenn es um Janes Krebserkrankung oder Gorr geht, scheitert er meistens daran. Das ist umso frustrierender, weil hier enormes Potential liegt: Gerade die Sequenzen mit Zeus (Russel Crowe) und den anderen Göttern zeigen ja, dass Gorr im Grunde sehr wohl recht hat – dieser Ansatz wird aber einfach nicht aufgegriffen. Nebenbei bemerkt: Zu Beginn des MCU wurden Thor und Co. noch als sehr mächtige und langlebige Aliens inszeniert, die von den Menschen der Erde lediglich für Götter gehalten wurden. Dieser Ansatz scheint nun endgültig passé zu sein.

Zu all dem kommt der Umstand, dass „Love and Thunder“ als Komödie deutlich schlechter funktioniert als „Ragnarok“. Die Dichte an Gags wurde zwar erhöht, die Trefferquote fällt aber deutlich niedriger aus und zudem reizt Waititi gewisse Witze bis zum Äußersten aus, seien es die mit menschlicher Stimme schreienden Böcke oder Janes Suche nach einer Catchphrase. Möglicherweise fehlt auch einfach die Präsenz von Jeff Goldblum und Tom Hiddleston. So erfrischend „Ragnarok“ nach zwei eher mäßigen Thor-Filmen auch war, so schnell hat sich der Comedy-Ansatz überholt. Vielleicht ist Thor eine Figur, die einfach alle paar Filme von Grund auf überarbeitet werden muss. „Love and Thunder“ ist zwar durchaus kurzweilig und gut anschaubar, lässt einen aber irgendwie erschöpft zurück. Das zeigt sich bereits daran, dass ich relativ lange für diese Kritik gebraucht habe und einfach nicht motiviert war, eine ausführliche Rezension zu schreiben.

Fazit: Was in „Thor: Ragnarok“ eine nötige Frischzellenkur für Marvels Donnergott war, erweist sich in „Thor: Love and Thunder“ nun als Hindernis und Ballast. Gerade weil Taika Waititi und Jennifer Kaytin Robinson sich als Vorlage thematisch und emotional durchaus vielschichtige Comics ausgewählt haben, fällt der Comedy-Ansatz dieses Mal äußerst flach aus und will nicht so recht funktionieren.

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Siehe auch:
Thor: Ragnarok – Ausführliche Rezension
Spider-Man: No Way Home – Ausführliche Rezension
Doctor Strange in the Mutliverse of Madness – Ausführliche Rezension

Thor: Ragnarok – Ausführliche Rezension

Spoiler nach dem ersten Absatz!
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Und ein weiteres Mal hat sich Marvel bei der Eindeutschung eines Filmtitels mit Ruhm bekleckert. Nach Perlen wie „Thor: The Dark Kingdom“ („Thor: The Dark World“) und „The Return of the First Avenger“ („Capatain America: The Winter Soldier“) kommt nun „Thor: Tag der Entscheidung“ – ein völlig generischer und nichtssagender Titel. Im Gegensatz dazu hat der Originaltitel „Thor: Ragnarok“ immerhin einen sehr direkten Bezug zum Inhalt und zur Mythologie. Nun scheint es sich hier um ein titelrechtliches Problem zu handeln, wobei ich nicht herausfinden konnte, welcher andere Film die Ursache ist. Dennoch stellt sich mir die Frage, ob man Thors dritten Solofilm nicht mit etwas passenderem wie „Schicksal der Götter“ oder „Götterdämmerung“ hätte betiteln können – beides wären angemessene Übersetzungen des altnordischen Wortes „Ragnarök“. Wie dem auch sei, „Thor: Ragnarok“ ist mal wieder ein Film, der eine ausführliche Besprechung verdient. Wie üblich gibt es zu Beginn meine spoilerfreie Kurzmeinung: Visuell ist der dritte Thor-Film mit Sicherheit der beeindruckendste und abwechslungsreichste Teil der Reihe. Auch inszenatorisch weiß Regisseur Taika Waititi dem Donnergott seinen Stempel aufzudrücken. Dies schlägt sich vor allem im extrem selbstironischen Ton des Films nieder, was allerdings zur Folge hat, dass „Thor Ragnarok“ emotional ziemlich flach bleibt und trotz eines extrem spielfreudigen Casts an einigen der üblichen MCU-Schwächen leidet.

Handlung
Zwei Jahre sind vergangen, seit Thor (Chris Hemsworth) zum letzten Mal die Erde besuchte, um mit den Avengers Ultron zu bekämpfen. Seither suchte der Donnergott in den Neun Welten nach Spuren der Infinity-Steine, nur um letztendlich in den Fängen des Feuerriesen Surtr (Clancy Brown) zu landen, der laut einer Prophezeiung Ragnarök auslösen und Asgard dereinst zerstören wird, wenn sich seine Krone mit der Ewigen Flamme von Asgard vereinigt. Trotzdem lässt sich der Riese relativ leicht besiegen. Thor bringt die Überreste nach Asgard, nur um zu entdecken, dass dort nicht mehr Odin (Anthony Hopkins), sondern sein Stiefbruder Loki (Tom Hiddleston) regiert und die Stabilität der Neun Welten gefährdet. Thor „verpflichtet“ Loki, ihm bei der Suche nach Odin zu helfen. Mithilfe des Zauberers Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) finden sie Odin in Norwegen, doch der Allvater steht an der Schwelle des Todes. Sein Dahinscheiden befreit seine älteste Tochter Hela (Cate Blanchett), die einst verstoßen wurde und nun den in ihren Augen rechtmäßigen Platz auf Asgards Thron einnehmen möchte. Sie verbannt Thor und Loki auf die Welt Sakaar, auf der der Grandmaster (Jeff Goldblum) Gladiatorenspiele veranstaltet. Um den Fängen des Grandmasters entkommen zu können und Hela daran zu hindern, die Bevölkerung Asgards abzuschlachten, muss sich Thor mit seinem alten Kampfgefährten Hulk (Mark Ruffalo) messen und eine ehemalige, im Exil lebende Walküre aus Asgard (Tessa Thompson) davon überzeugen, ihm zu helfen…

Ein Blick auf die Vorlagen
Die Vorlagen für „Thor: Ragnarok“ lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen – die beiden primären Quellen sind die ältere Lieder-Edda und die jüngere, von Snorri Sturluson gesammelte Prosa-Edda. Generell geht es in den diversen Versionen der Götterdämmerung um den letzten Kampf der Riesen gegen die Götter, wobei auch der Feuerriese Surtr, wie im Film, eine wichtige Rolle spielt. Primärer und direkter Auslöser ist aber, anders als im Film, zumeist Loki, der zuvor von Odin an einen Felsen gekettet wurde, wobei ihm das Gift eine Schlange beständig auf den Leib tropft und ihm unbändige Schmerzen bereitet. Dieses Schicksal ist die Bestrafung dafür, dass Loki den Tod des allseits beliebten Gottes Balder herbeigeführt hat. Zu Ragnarök wird Loki befreit und kämpft mit den Riesen gegen die Götter, um letztendlich von Heimdall getötet zu werden. Lokis unmenschliche Kinder Fenrir (ein Wolf von der Größe eines Elefanten) und die gewaltige Midgardschlange, spielen ebenfalls wichtige Rollen; Ersterer verschlingt Odin. Am Ende von Ragnarök soll in manchen Versionen schließlich eine neue, bessere Welt entstehen, damit das Opfer der Götter nicht umsonst war.

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Der Donnergott (Chris Hemsworth) wird seinem Titel gerecht

Wie nicht anders zu erwarten war, wurde die Ragnarök-Thematik in Marvels Version der nordischen Mythologie des Öfteren aufgegriffen. Die vierteilige Miniserie „The Trials of Loki“ von Roberto Aguirre-Sacasa und Sebastián Fiumara etwa erzählt die oben erwähnte Vorgeschichte vom Tod Balders. Nebenbei bemerkt dürfte es sich dabei um die Thor-Comics handeln, die die nordische Mythologie am genauesten umsetzen und kaum Zugeständnisse ans Superheldengenre machen. Das Design der Figuren entspricht natürlich dem Marvel-Standard (Thor ist blond und nicht, wie in den mythologischen Quellen beschrieben, rothaarig; Loki trägt einen goldenen Hörnerhelm etc.), aber davon sowie einigen inhaltlichen Anpassungen abgesehen funktioniert diese Miniserie auch völlig vom Marvel-Universum getrennt als Adaption einer Geschichte der nordischen Mythologie. Die tatsächliche Umsetzung von Ragnarök geschieht in den Comics dann allerdings weit weniger vorlagengetreu. Bereits in den 1960ern gab es eine Ragnarök-Storyline, noch von Stan Lee und Jack Kirby persönlich, in der das Alien Mangog den Platz von Surtr einnimmt. Ein aus den 2000ern stammender Handlungsbogen trägt ebenfalls den Titel „Ragnarök“ und orientiert sich schon eher an den mythologischen Quellen, zumindest spielen Loki als Anführer der Riesen, Fenrir und die Midgardschlange wichtige Rollen, die mit denen in den Eddas immerhin vergleichbar sind. Darüber hinaus führt Ragnarök hier tatsächlich zu so einer Art Wiedergeburt einer besseren Welt. Interessanterweise spielt Hela (bzw. Hel, die mythologische Vorlage für Marvels Göttin des Todes, dazu später mehr) in keiner dieser Versionen von Ragnarök eine besonders bedeutsame Rolle.

Und schließlich wäre da noch eine wichtige Vorlage, die überhaupt nichts mit Thor oder Ragnarök zu tun hat: „Planet Hulk“, ein umfassender Handlungsbogen aus der Serie The Incredible Hulk, verfasst von Greg Pak und gezeichnet von verschiedenen Illustratoren, der von April 2006 bis Juni 2007 erschien und erzählt, wie der Hulk von den Illuminati, einer Gruppe mächtiger Marvelhelden, darunter Professor Xavier, Doctor Strange und Tony Stark, nach Sakaar verbannt wird. Dort nimmt der Hulk zuerst an Gladiatorenspielen teil, zettelt dann eine Revolution an, wird zum Herrscher von Sakaar und findet sogar eine Geliebte, nur um alles wieder zu verlieren. Die auf Sakaar spielenden Elemente des Films sind zumindest von „Planet Hulk“ inspiriert, wobei in besagtem Handlungsbogen weder Thor, noch Loki, Valkyrie oder der Grandmaster (der mit seinem Comicgegenstück ohnehin kaum etwas gemein hat) eine Rolle spielen. Lediglich Kork (Taika Waititi) und Miek sind Figuren, die direkt aus „Planet Hulk“ stammen.

Ton und Stil
Ähnlich wie „Captain America: The Winter Soldier“ ist auch „Thor: Ragnarok“ eine deutlich Abkehr von der Stilistik des bzw. der Vorgänger. Wo der zweite Leinwandauftritt von Steve Rogers allerdings weit düsterer und ernster war als der erste, geht der dritte Thor-Film genau in die entgegengesetzte Richtung und iniziiert die nordische Mythologie mit einer kräftigen Dosis Selbstironie á la „Guardians of the Galaxy“. Regisseur Taika Waitit bricht mit diversen Konstanten der beiden Vorgänger: Die Erde spielt praktisch keine Rolle mehr, dasselbe trifft auch auf die erdgebundenen Figuren zu. Jane Foster (Natalie Portman), Erik Selivg (Stellan Skarsgård) und Darcy Lewis (Kat Dennings) bekommen nicht einmal Gastauftritte; das Ende von Janes und Thors Beziehung wird nur einmal in einem Halbsatz erwähnt (nicht, dass mich das sonderlich stören würde). Selbst diverse Asen werden eher stiefmütterlich behandelt. Lady Sif fehlt ebenfalls (allerdings vor allem deshalb, weil es Terminüberschneidungen mit Jaimie Alexanders Serie „Blindspot“ gab) und die „Warrior’s Three“ Hogun (Tadanobu Asano), Volstagg (Ray Stevenson) und Fandral (Zachary Levi) tauchen zwar auf, werden aber bereits im ersten Akt eher unrühmlich von Hela niedergemetzelt. Und das ist erst der Anfang, die Änderungen im Status Quo fallen gegen Ende noch weit gravierender aus: Odin stirbt, Asgard wird völlig zerstört und Thor führt als neuer König die überlebenden Asen ins Exil.

Die tonalen Unterscheide zum Vorgänger fallen allerdings am gravierendsten aus, und hier tritt auch Taika Waitits Handschrift sehr deutlich hervor. Vor allem Kenneth Branagh bemühte sich, ein Gleichgewicht zwischen Humor und Selbstironie auf der einen und Shakespear’scher bzw. mythologischer Gravitas auf der anderen Seite zu finden. In „Thor: Ragnarok“ gibt es dieses Gleichgewicht nicht, was zugleich die größte Stärke und auch die größte Schwäche des Films ist. „Thor“ wirkte oft, als hätte Branagh Kompromisse machen müssen, und „Thor: The Dark World“ merkt man diverse Probleme bei der Produktion ziemlich gut an. „Thor: Ragnarok“ dagegen ist zweifellos Taika Waititis Film, ohne Wenn und Aber. Gerade „Fünf Zimmer, Küche, Sarg“ bietet sich hier ideal als Vergleich an, in beiden Fällen reagieren äußerst abgedrehte und übernatürliche Figuren (Vampire, Götter) auf sehr selbstironisch-alltägliche Weise. Der etwas gehobenere Sprachstil der Asen ist endgültig Vergangenheit, alle beteiligten, von der Göttin des Todes an abwärts drücken sich äußerst jovial und modern aus. Ganz ähnlich wie Waititis Vampir-Mockumentary gibt es in „Thor: Ragnarok“ ein beständig gehaltenes Humor-Level, das auch noch funktioniert und niemals erzwungen wirkt. Laut Waititis eigener Aussage sind große Teile des Films improvisiert und ich habe keinerlei Probleme, das auch zu glauben. Leider wirkt sich dieser Umstand negativ auf die Momente aus, die tatsächlich dramatisch sein sollten, denn Waititis Regiestil verhindert, dass diese Momente ihre Wirkung entfalten können. Zwar gab es auch in „Thor“ ironische Seitenhiebe und auflockernden Humor, aber eben auch die durchaus eindrücklichen emotionalen Momente. In diesem Film gibt es keine Szene, die der Intensität von Thors Verbannung aus dem ersten Film auch nur nahe kommt. Im Vergleich dazu hat „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ den Spagat zwischen konstantem Humor und emotionaler Authentizität weitaus besser gemeistert.

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Der Grandmaster (Jeff Goldblum), im Kreise seiner Untergebenen Topaz (Rachel House) und Valkyrie (Tessa Thompson)

Dafür ist „Ragnarok“ visuell zweifellos der gelungenste Film der Thor-Trilogie: Der erste Teil kämpfte mit einem optischen öden zweiten Akt in New Mexico, während „The Dark World“ uns zwar einige der neun Welten zeigte, aber keine davon wirklich interessant war. Diesbezüglich hält sich Waititi absolut nicht zurück, Sakaar ist einer der optisch interessantesten und faszinierendsten Orte des MCU. Wenn man hier einen Kritikpunkt anbringen kann, dann vielleicht den, dass Asgard im Vergleich zu Sakaar ein wenig stiefmütterlich behandelt wird – man merkt, welche Lokalität Waititi selbst am meisten interessierte.

Insgesamt ist „Thor: Ragnarok“ kaum mehr eine Darstellung der nordischen Götterwelt, sondern eine völlig abgedrehte Space Opera im 80er-Jahre-Stil, die recht gut zur aktuellen Welle der 80er-Nostalgie passt. Das reicht von der Neonfarbgebung bis hin zur Musik von Mark Mothersbaugh, die ich noch separat besprechen werde.

Die Revengers
Taika Waititis Regiestil und seine Vorliebe für Improvisation wirken sich natürlich besonders stark auf Darstellung und Charakterisierung der Figuren aus. Im Zentrum der Handlung stehen neben Thor noch drei weitere Figuren, die jeweils ihren eigenen kleinen Charakterhandlungsbogen haben: Loki, der wie schon in „Thor: The Dark World“ als unzuverlässiger Verbündeter fungiert, Hulk, der auf Bruce Banner absolut keine Lust mehr hat, und der Neuzugang Valkyrie. In den Comics ist Valkyrie (zumindest die ursprüngliche Inkarnation) tatsächlich die Marvel-Version von Brünhilde/Brynhildr und fungierte sowohl als Nebenfigur bzw. Love Interest in diversen Thor-Comics als auch als eigenständige Superheldin, die u.a. Teil der Defenders war. Interessanterweise wird ihr Name im Film nicht genannt, sie trägt die Kennung „Scrapper 142“ und wird ansonsten immer nur als eine Walküre bezeichnet (in einem kurzen, aber visuell extrem eindrucksvollen Rückblick sind auch die anderen Walküren zu sehen). Im Marvel Cinematic Universe waren die Walküren wie in den Comics und der Mythologie die Eliteinheit Odins, wurden dann aber von Hela ausgelöscht. Scrapper 142 scheint die einzige Überlebende zu sein (was im Film aber nur angedeutet und nicht bestätigt wird) und versucht, auf Sakaar ihre Schuldgefühle zu ertränken. Im Verlauf des Films überwindet sie ihre Probleme und kehrt an Thors Seite nach Asgard zurück. Valkyrie ist ohnehin der heimliche Star des Films, da überrascht es kaum, dass ihr Handlungsbogen am überzeugendsten und authentischsten ausfällt.

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Die Revengers: Hulk (Mark Ruffalo), Thor (Chris Hemsworth), Valkyrie (Tessa Thompson) und Loki (Tom Hiddleston)

Der titelgebende Donnergott setzt im Grunde die Reise fort, die er zu Beginn seines ersten Films antrat – in gewisser Weise ist „Thor: Ragnarok“ diesbezüglich ein Spiegel besagten ersten Films. Abermals verliert Thor seinen Hammer, sogar verhältnismäßig endgültig, und abermals bereitet er sich darauf vor, den Thron von Asgard zu besteigen – nur dass das dieses Mal am Ende seiner Reise steht und er nun auch wirklich würdig ist, sein Volk anzuführen. Eigentlich eine gut konstruierter Handlungsbogen – hier schadet allerdings Waititis Regiestil, weil man aufgrund der konstanten Selbstironie und der humoristischen Seitenhiebe nie ein Gefühl dafür bekommt, was das alles eigentlich für Thor bedeutet. Der Thor dieses Films ist die bislang gelassenste und lustigste Version der Figur, zugleich bekommt man aber auch das Gefühl, dass ihm nichts mehr wirklich emotional nahe geht, ganz im Unterschied zu Kenneth Branaghs Thor, der weit wütender und verzweifelter werden durfte. Ein interessantes kleines Detail in seiner Charakterisierung ist die Signifikanz, die seine Identität als Avenger einnimmt und auf die er scheinbar großen Wert legt. Dies wird am deutlichsten sichtbar, als er das Team um sich selbst, Loki, Valkyrie und Hulk zu den „Revengers“ erklärt.

In Lokis Fall sieht es ganz ähnlich aus – bei Waititi geht der Humor oft auf seine Kosten. Nicht, dass das völlig neu wäre („puny god“), aber auch hier haben vorhergegangene Filme dem Gott der Lügen zumindest hin und wieder einen, nennen wir es, „authentischen Moment“ gegönnt, etwa seine Reaktion auf den Tod seiner Mutter in „Thor: The Dark World“. Mit „Ragnarok“ wird Loki endgültig zum Antihelden, der zwar zwischendurch einmal ein bisschen Verrat übt (alte Gewohnheiten legt man schwer ab), aber letztendlich das richtige tut.

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Hulk (Mark Ruffalo) gegen Surtr (Clancy Brown)

Und dann wäre da noch der Hulk, der sich in seiner interessanten Situation befindet. Seit „Age of Ultron“ hat er sich nämlich nicht wieder in Bruce Banner zurückverwandelt, erst Thors Auftauchen (und ein wenig indirekte Hilfe von Black Widow) sorgen dafür, dass Banner zurückkehrt. Sein Schicksal ist relativ offen, da Bruce selbst befürchtet, dass er sich beim nächsten Mal überhaupt nicht mehr zurückverwandelt. Dennoch tut er am Ende das, was ohnehin jeder Zuschauer erwartet: Er wird grün und legt sich mit Fenrir und Surtr an.

Hela
Kehren wir noch einmal zur nordischen Mythologie zurück. Schon die Comicversion von Hela hat mit ihrem mythologischen Gegenstück recht wenig zu tun. Das beginnt bereits beim Namen, denn die nordische Göttin des Todes heißt Hel – von diesem Namen leiten sich die Wörter „Hell“ und „Hölle“ ab. Da die Marvel-Version der nordischen Mythologie in den 60ern entstand, als der Comics Code alle religiösen Verweise in Comics untersagte, änderten Stan Lee und Jack Kirby den Namen ab, um ihn zu entschärfen, jedenfalls meine ich, das irgendwo einmal gelesen zu haben. Vereinzelt tauchte die Hela-Schreibweise der Totengöttin aber auch schon vor der Marvel-Version auf. Wie dem auch sei, in der nordischen Mythologie ist Hel die Tochter Lokis und der Riesin Angrboða, mit der Loki auch Fenrir und die Midgardschlange zeugte. Optisch hat sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Two Face, ihre eine Körperhälfte ist jung, schön und üppig, während die andere tot und verfault ist. In der nordischen Mythologie herrscht sie, ähnlich wie Hades, über die nach ihr benannte Unterwelt, wobei sie lediglich die Seelen derjenigen bekommt, die eines friedlichen oder natürlichen Todes sterben, während die Krieger, die in der Schlacht gestorben sind, von den Walküren nach Walhalla gebracht werden.

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Hela (Cate Blanchett)

Für die Marvel-Version der nordischen Mythologie wurden viele dieser Aspekte abgewandelt. Visuell ist nun der geweihartige Kopfschmuck Helas Markenzeichen. Sie ist nach wie vor die Herrscherin der Unterwelt, hat aber, anders als ihr mythologisches Gegenstück, Ambitionen darüber hinaus, sodass als sie als Schurkin für Thor fungieren kann. Ihre Herkunft bleibt in den Comics ziemlich undurchsichtig, sie scheint tatsächlich eine Tochter von Loki zu sein, allerdings eines anderen Loki als des aktuellen, was entweder mit wiederkehrenden Inkarnationen der Asen oder mit Zeitreisen erklärt wird.

Die von Cate Blanchett dargestellte Film-Hela entfernt sich schließlich noch weiter von der nordischen Göttin. Optisch wurde die Comicfigur fast perfekt umgesetzt, nun ist sie allerdings die älteste Tochter von Odin, die früher an seiner Seite die Neun Welten eroberte, dann aber die Macht übernehmen wollte und deshalb verbannt wurde. Ihre Rolle als Herrscherin der Unterwelt findet im Film keine Erwähnung, sie ist Göttin des Todes, weil sie den Tod bringt. Ehrlich gesagt bin ich mit der Darstellung Helas im Film nicht wirklich zufrieden. Cate Blanchett hat sichtlich Spaß dabei, so richtig aufzudrehen, und im Vergleich zum sterbenslangweiligen Malekith ist Hela definitiv eine Verbesserung, aber insgesamt ist sie mir mit ihrem Vaterkomplex Loki im ersten Thor-Film zu ähnlich, ohne dessen Nachvollziehbarkeit zu besitzen. Mehr noch, in den Comics ist Hela nie eine Sprücheklopferin, sondern enigmatisch, kalt, unnahbar und fremdartig. Hier hätte man einen schönen Kontrast zu den anderen Figuren schaffen und Hela als Widersacherin eindringlich gestalten können, leider hält sie stattdessen primär größenwahnsinnige Monologe, in denen sie ihre Hintergrundgeschichte erzählt. Somit ist Hela zwar sehr unterhaltsam, verschenkt aber gleichzeitig das Potential, eine wirklich eindringliche Schurkin zu sein.

Einordnung ins MCU
Insgesamt nimmt „Ragnarok“ sehr viel inhaltlichen Bezug auf bisherige MCU-Filme, mitunter auf ziemlich amüsante und kreative Weise. So wird Lokis Pseudosterbeszene aus „The Dark World“ in Asgard aufgeführt, wobei Matt Damon Loki spielt, Sam Neill als Odin zu sehen ist und Chris Hemsworths Bruder Luke Thor mimt. Auf Sakaar gibt es viele Bezüge zu „Age of Ultron“ und, in geringerem Maße, zum ersten Avengers-Film. Am interessantesten sind allerdings die kleinen und größeren Details, die auf Kommendes hindeuten. So wurde beispielsweise bestätigt, dass es sich beim Grandmaster und den Bruder des von Benicio del Toro dargestellten Collector aus „Guardians of the Galaxy“ handelt – steht da irgendwann ein familiäres Wiedersehen bevor? Darüber hinaus finden sich einige Verweise auf den anstehenden Krieg um die Infinity-Steine: Dass Loki kurz vor Schluss den Tesserakt aus Odins Schatzkammer stiehlt, dürfte ja wohl klar sein und das Schiff, auf das die Asen in der Mid-Credits-Szene stoßen, hat sicher direkt oder indirekt etwas mit Thanos zu tun. In Fankreisen wird darüber hinaus spekuliert, ob Hela im Kontext des dritten Avengers-Film noch eine größere Rolle spielen könnte. Thanos‘ primäre Motivation dafür, die Infinity-Steine zu sammeln und Allmacht zu erlangen, ist seine Liebe zur Personifikation des Todes. Könnte Hela im MCU diese Personifikation sein? Nach „Ragnarok“ halte ich das allerdings eher für unwahrscheinlich oder doch zumindest für ziemlich unpassend, nicht zuletzt weil ich hoffe, dass „Avengers: Infinitiy War“ einen deutlich anderen Ton hat als „Ragnarok“

Fazit
„Thor: Ragnarok“ ist eine visuell überbordende Space Opera im 80er-Stil, deren selbstironischer Humor zugleich Stärke und Schwäche ist. Thors dritter Solo-Leindwandausflug ist durchweg unterhaltsam und kurzweilig, äußerst lustig, aber selbst im Vergleich zu anderen MCU-Filmen emotional verhältnismäßig eindimensional.

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Siehe auch:
Thor
Thor: The Dark World

Grand Budapest Hotel

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Story: Im einstmals großen, inzwischen aber schon ziemlich heruntergekommenen Grand Budapest Hotel erzählt der Besitzer Zéro Moustafa (F. Murray Abraham) einem Schriftsteller (Jude Law) seine Geschichte: Als Junge war Zéro (Tony Revolori) Lobby-Boy unter dem perfektionistischen Concierge Monsieur Gustave H. (Ralph Fiennes), zu dessen engstem Vertrauten er schnell wird. Der Tod der Hotel-Kundin Céline Villeneuve Desgoffe und Taxis (Tilda Swinton), genannt Madame D., die Monsieur Gustave ein unbezahlbares Bild hinterlässt, sorgt allerdings dafür, dass alles drunter und drüber geht: Madame D.s Sohn Dimitri (Adrien Brody) beschuldigt Monsieur Gustave des Mordes an seiner Mutter, um das Bild in seinen Besitz zu bringen. Monsieur Gustave lässt dies allerdings nicht auf sich sitzen und bricht mit Zéros Hilfe aus dem Gefängnis aus, um die Angelegenheit zu klären…

Kritik: „Grand Budapest Hotel“ ist ein höchst eigenwilliger und stilistisch sehr ausgefallener Film. Als solcher ist Wes Andersons neue und äußerst absurde Tragikkomödie sicher nicht etwas für jeden Geschmack. Das beginnt schon bei der Tatsache, dass es neben der eigentlichen Haupthandlung um Monsieur Gustave und Zéro noch drei weitere Rahmenhandlungen gibt und erstreckt sich über die recht eigenwilligen Stilmittel des Films. So ist die Kamera äußerst statisch, während die Kulissen sehr offensichtliche Modelle sind, sodass oftmals der Eindruck erweckt wird, es handle sich um eine Modelleisenbahn oder ein Puppenhaus. Wie dem auch sei, ich fand den Film jedenfalls äußerst gelungen, die eigenwillige Atmosphäre, die er aufbaut, passt perfekt zu der aberwitzigen Handlung und den enorm skurrilen Figuren. Vor allem in diesem Bereich punktet „Grand Budapest Hotel“ enorm: Die Charaktere sind schrill und außergewöhnlich, und selbst relativ unwichtige Nebenfiguren bleiben problemlos im Gedächtnis. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Film extrem prominent besetzt ist. In zum Teil geradezu winzigen Rollen (und oft auch ziemlich gut verkleidet) tauchen unter anderem Owen Wilson, Bill Murray, Harvey Keitel, Tom Wilkinson und Jeff Goldblum auf – um nur einige zu nennen. Letztendlich sind es allerdings die Darsteller der beiden Hauptfiguren, die den Film tragen und dafür sorgen, dass er funktioniert. Ralph Fiennes beweist ein weiteres mal, dass er nicht nur als Psychopath, sondern auch als liebenswerter Exzentriker problemlos zu überzeugen weiß, während Tony Revolori ein vielversprechener Newcomer ist. Noch wichtiger ist allerdings, dass die Chemie zwischen beiden einfach hervorragend ist und viel dazu beiträgt, dass der Humor immer ins Schwarze trifft und die großartigen Dialoge ihre Wirkung nicht verfehlen.
Alles in allem ist „Grand Budapest Hotel“ so sehr mit skurrilen, absurden, schwarzhumorigen und kreativen Einfällen und Szenen vollgestopft, dass ich noch ziemlich lange weiterschreiben könnte, was ich allerdings nicht tun werde, da es viel mehr Spaß macht, alles selbst zu entdecken. Unbedingt erwähnt werden muss allerdings noch die Musik von Alexandre Desplat, ebenso verschroben wie der Film selbst, die sehr präsent ist und stark aus dem sonstigen Remote-Control-Einheitsbrei hervorsticht.
Fazit: Schräger, vollauf gelungener Trip ins fiktive Zubrowka. Bisher der beste Film des Jahres (zugegebenermaßen war ich dieses Jahr allerdings noch kaum im Kino und habe einiges verpasst) und für alle geeignet, die auf grandiose Absurdität stehen.

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Der Prinz von Ägypten

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Story: Als der ägyptische Pharao Sethos I. (Patrick Stewart) anordnet, alle neugeborenen israelitischen Kinder zu töten, legt eine verzweifelte Mutter (Ofra Haza) ihren Sohn in ein Körbchen und schickt ihn den Fluss hinab. Das Baby wird von der Gattin Sethos‘ (Helen Mirren) gefunden und als Findelkind aufgezogen. Unter dem Namen Moses (Val Kilmer) wächst besagtes Baby, in Unkenntnis seiner wahren Herkunft, zu einem jungen Mann heran, der zusammen mit seinem älteren Bruder Ramses (Ralph Fiennes) auch gerne Unheil stiftet. Doch schließlich kommt die Wahrheit ans Licht: Moses erfährt, dass er in Wahrheit ein Hebräer ist und tötet im Zorn einen ägyptischen Aufseher, der einen israelitischen Sklaven schindet. Bestürzt über seine eigene Tat flieht Moses nach Midian, wo er eine Frau (Michelle Pfeiffer) und eine neue Familie findet. Allerdings erteilt der Gott der Hebräer (Val Kilmer) Moses schon bald einen Auftrag: Er soll die versklavten Israeliten befreien. Als Moses nach Ägypten zurückkehrt, ist Ramses inzwischen Pharao, und er weigert sich partout, Moses‘ Volk ziehen zu lassen, sodass sich die beiden Brüder nun auf unterschiedlichen Seiten eines Konflikts befinden…

Kritik: „Der Prinz von Ägypten“ gehört für mich zu einer sehr merkwürdigen Kategorie: Filme, die mit jedem Ansehen besser werden. Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich: „Ganz in Ordnung.“ Als ich ihn zum zweiten Mal sah, dachte ich: „Eigentlich ziemlich gut.“ Inzwischen hat er sich fast schon auf die Liste meiner Lieblingszeichentrickfilme vorgearbeitet.
Dieser Streifen aus dem Hause Dreamworks gehört zu den ersten Produktionen besagten Studios. Nachdem Jeffrey Katzenberg, der als Vorstandsvorsitzender von Disney für die Disney-Renaissance mitverantwortlich war und den Maus-Konzern eher unfreiwillig verließ, wollte er mit dem neuen Studio, das er mitbegründet hatte, zeigen, dass er sehr wohl in der Lage war, an seine größten Erfolge als Produzent, zu denen u.a. „Die Schöne und das Biest“ und „Der König der Löwen“ gehören, anzuknüpfen. Während das qualitativ in meinen Augen durchaus gelungen ist, hatte „Der Prinz von Ägypten“ beim Mainstream-Publikum leider keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Beim Erscheinen war er zwar durchaus erfolgreich, im Gegensatz zu den beiden oben genannten Disney-Filmen verschwand er allerdings nach einiger Zeit in der Versenkung, sodass sich heute nur noch wenige an ihn erinnern, was eigentlich ziemlich schade ist.
Widmen wir uns nun allerdings dem Film selbst: Wenn man an eine Umsetzung der Moses-Geschichte denkt, kommt man wahrscheinlich eher selten auf den Gedanken „Zeichentrickmusical á la Disney“ – nicht zuletzt wegen solch pikanter Zutaten wie dem Tod der Erstgeborenen. Dennoch funktioniert das Ganze erstaunlich gut, denn „Der Prinz von Ägypten“ ist ein schönes Beispiel für einen Film, in dem alle Elemente wunderbar funktionieren und perfekt ineinander greifen. Natürlich wurde der Film gegenüber der Bibel-Vorlage ein wenig entschärft – er endet zum Beispiel damit, dass Moses mit den Zehn Geboten im Gepäck vom Sinai herabsteigt, das Goldene Kalb und alles, was danach kommt, wird nicht mehr gezeigt – bleibt dem Quellenmaterial ansonsten aber erstaunlich treu. Die Regisseure (Simon Wells, Brenda Chapman und Steve Hickner) und Drehbuchautoren (Philip LaZebnik und Nicholas Meyer) änderten vor allem Details, um die Geschichte ansprechender und emotionaler zu gestalten. In der Bibel scheint Moses beispielsweise zu wissen, dass er adoptiert ist, während dies im Film nicht der Fall ist. Die wichtigste Änderung ist jedoch die Beziehung zwischen Moses und dem Pharao (hier Ramses II., dies ist allerdings keinesfalls unumstritten). Beide sind Brüder und werden auch als solche dargestellt. Zu Beginn des Films sind sie unzertrennlich und auch später bedauern sie es zutiefst, dass sie auf unterschiedlichen Seiten stehen. Diese Beziehung ist der emotionale Kern des Films und funktioniert blendend, nicht zuletzt wegen der grandiosen Sprecher. Gerade in diesem Bereich weiß „Der Prinz von Ägypten“ vollständig zu überzeugen, selbst die kleinsten Nebenrollen sind prominent besetzt. Neben den in der Inhaltsangabe erwähnten sind unter anderem auch Sandra Bullock als Moses‘ Schwester Miriam, Jeff Goldblum als Moses‘ Bruder Aaron, Danny Glover als Zipporas Vater Jethro und Steve Martin und Martin Short als die ägyptischen Priester Hotep und Huy zu hören.
Auch sonst weiß so ziemlich jeder Aspekt der Produktion zu überzeugen. Die Optik, speziell die Gesichter, ist zwar ein wenig gewöhnungsbedürftig, dafür allerdings wunderbar episch und visuell beeindruckend, egal, ob Ägypten in Szene gesetzt oder das Rote Meer geteilt wird. Genauso stimmig sind Lieder und Score von Stephen Schwartz und Hans Zimmer. Gerade der Musical-Aspekt des Films hätte leicht schiefgehen können, dem ist allerdings nicht der Fall. In der Tat gibt es in meinen Augen unter den Liedern keinen „Stinker“ – etwas, das ich selbst über meinen liebsten Disney-Film nicht sagen kann. Jeder der sechs Songs passt wie die Faust aufs Auge. Deliver Us ist eine gänsehauterzeugende Eröffnungsnummer, All I Ever Wanted drückt schön Moses‘ Zweifel aus, Through Heaven’s Eyes ist das angenehmste und schmissigste Lied Films, ohne fehl am Platz zu wirken, Playing with the Big Boys geht am ehesten in Richtung Comdey-Song, passt aber wunderbar zur Szene, in der Gottes Macht den ägyptischen Zauberkünstlern gegenübergestellt wird, The Plagues (mein persönlicher Favorit, schon allein, weil Ralph Fiennes mitsingt) setzt die ägyptische Plagen wortgewaltig in eine musikalische Montage um und When You Believe sorgt für einen gelungenen Abschluss.
Fazit: Grandiose Dreamworks-Umsetzung der Moses-Geschichte. Dank toller Musik, Sprecher, der Schauwerte und des emotionalen Kerns sowohl für Gläubige als auch Atheisten und alles dazwischen geeignet.

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