Spider-Man: No Way Home – Ausführliche Rezension

Volle Spoiler für das gesamte MCU!
No_Way_Home_Logo_Only
Nach dem Ende der dritten Phase des MCU war ich dieses Franchise betreffend ein wenig ausgebrannt – besonders, da sich „Avengers: Endgame“ als durchaus gelungener Abschluss erwies. Verstärkt wurde das durch die Pandemie, die weitere Filme wie „Black Widow“ deutlich nach hinten schob. Zudem sorgte Corona dafür, dass sich der Fokus stärker auf die Disney-Plus-Serien verlegte, die ich auch tatsächlich alle gesehen habe. Ich fand sie durchweg entweder ziemlich gelungen oder doch zumindest kurzweilig genug, um sie bis zum Ende anzusehen, aber aus irgendeinem Grund hatte ich kein Bedürfnis, über sie schreiben. Mit „Spider-Man: No Way Home“ kommt nun allerdings der erste Phase-4-Film, der eine bereits zuvor begonnene Filmreihe fortsetzt – angesichts der Prämisse der Handlung war ich deshalb auch der Meinung, dass sich ein Kinobesuch hier lohnt. Um es kurz zu machen: „Spider-Man: No Way Home“ hat durchaus seine Probleme, die angesichts der Konzeption der Handlung eigentlich schon absehbar waren, im Großen und Ganzen ist der dritte MCU-Spider-Man aber ziemlich gelungen und auf emotionaler Ebene vielleicht sogar der stärkste der Trilogie.

Handlung
Nachdem J. Jonah Jameson (J. K. Simmons) Spider-Mans Geheimidentität enthüllt hat, haben Peter Parker (Tom Holland) und seine Freunde MJ (Zendaya) und Ned (Jacob Batalon) massive Probleme mit ihrer Privatsphäre. Peter gibt sich unter anderem auch die Schuld daran, dass seine Freunde von allen Colleges nur Ablehnungen erhalten. In seiner Verzweiflung wendet sich Peter an Doctor Strange (Benedict Cumberbatch). Dieser schlägt vor, einen Zauber zu wirken, der alle Menschen vergessen lässt, dass Peter Parker Spider-Man ist. Doch der Zauber geht schief und öffnet die Pforten des Multiversums: Plötzlich tauchen Schurken auf, die Peter zwar noch nie getroffen hat, die aber ihrerseits nur allzu versessen darauf sind, Spider-Man zu töten. Der Grüne Kobold (Willem Dafoe), Doctor Octopus (Alfred Molina), Sandman (Thomas Haden Church), die Echse (Rhys Ifans) und Electro (Jamie Foxx) haben alle eine Rechnung mit Spider-Man offen, nur nicht unbedingt mit der Version, die sie antreffen. Chaos bricht aus und Peter muss versuchen, alle Schurken einzufangen, damit Doctor Strange sie zurückschicken kann. Doch reicht das aus? Anstatt die Schurken einfach nur zurück und damit in den fast sicheren Tod zu schicken – fast alle sterben im Kampf gegen anderen Versionen von Spider-Man – entschließt sich Peter, motiviert von seiner Tante May (Marisa Tomei), ihnen zu helfen, doch auch hier kommt es zu ebenso ungeahnten wie tragischen Folgen…

Multiversity
Bei der oben erwähnten Prämisse handelt es sich natürlich um das Vorhaben, die Schurken aus den beiden bisherigen, nicht im MCU verorteten Spider-Man-Filmreihen von Sam Raimi und Marc Webb zurückzubringen und hierfür das frisch etablierte Multiversum zu verwenden. Die Möglichkeit eines solchen wurde bereits in „Doctor Strange“ und „Avengers: Endgame“ angedeutet, bevor Marvel-Mastermind Kevin Feige es mehrfach anteaserte, ohne es tatsächlich durchzuziehen. Sowohl in „Spider-Man: Far From Home“ als auch in „WandaVision“ wurde mit dem Konzept gespielt, in beiden Fällen erwies es sich aber als geschickte Täuschung: Mysterio alias Quentin Beck (Jake Gyllenhaal) behauptet zwar von sich, von einer anderen Erde des Multiversums zu stammen, erweist sich aber als Betrüger, was Spider-Man-Fans, die mit Mysterio aus den Comics vertraut sind, jedoch erwarteten. Der Auftritt des von Evan Peters gespielten Quicksilver der Fox-X-Men dagegen schien eine eindeutige Sprache zu sprechen, auch hier wurden die Zuschauer allerdings an der Nase herumgeführt, denn bei diesem Quicksilver handelt es sich um den eigentlich unbeteiligten Westview-Einwohner Ralph Bohner, der lediglich durch Wandas Chaosmagie zu Pietro Maximoff wird.

MJ_and_Spider-Man_No_Way_Home
MJ (Zendaya) und Spider-Man (Tom Holland)

Erst „Loki“ sorgte dafür, dass aus konzeptionellen Andeutungen „Realität“ wurde; die Serie führte Konzepte wie die „Time Variance Authority“ (TVA) und die „Sacred Timeline“ ein und zeigte zudem einige Alternativversionen von Loki (Tom Hiddleston), darunter Sylvie (Sophia Di Martino), Classic Loki (Richard E. Grant) und Alligator Loki. Die Animationsserie „Marvel’s What If…?“ schließlich machte sich (mal mehr, mal weniger gelungen) als erste daran, die Möglichkeit eines Multiversums zu erforschen, wählte dabei aber die bisherigen MCU-Filme als Ausgangspunkt – bei den Figuren handelte es sich stets um die MCU-Version in anderem Kontext. Im Gegensatz dazu bedient sich „Spider-Man: No Way Home“ vom MCU bislang völlig separierter Kontinuitäten. Im Vorfeld stellte sich freilich die Frage, wie sehr sich Feige, Regisseur Jon Watts und die Drehbuchautoren Chris McKenna und Erik Sommers auf die Inhalte der bisherigen Filme einlassen würden, schließlich könnten sie sich auch eines „Broad-Strokes-Ansatzes“ bedienen und alles verhältnismäßig vage halten – für diesen Ansatz entschied man sich immer wieder bei den X-Men-Filmen. Stattdessen beschlossen die Verantwortlichen jedoch, dass die Raimi- und Webb-Filme in ihren jeweiligen Universen genauso passiert sind, wie wir sie in Erinnerung haben. Mehr noch, Watts und sein Team haben es sich zum Anspruch gemacht, sowohl der Raimi- als auch der Webb-Serie einen angemessenen Abschluss zu verpassen.

Das ist nun freilich ein enormes Unterfangen, vielleicht nicht ganz auf dem Level von „Infinity War“ und „Endgame“, dem aber doch schon ziemlich nahe. Nebenbei sollte „No Way Home“ auch noch eine eigene Geschichte erzählen und die Handlung des MCU-Spider-Man sinnvoll weiterführen. Zumindest in Ansätzen könnte man von „No Way Home“ durchaus als Realfilmversion von „Spider-Man: Into the Spider-Verse“ sprechen, ironischerweise hatte es besagter Animationsfilm von Sony sowohl leichter als auch schwerer. Leichter, da ihm als Animationsfilm ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen und schwerer, da er eine ganze Reihe an neuen Figuren bzw. Versionen von Spider-Man etablieren muss, die dem Nichtcomicleser völlig unbekannt sind, von Miles Morales (Shameik Moore) über Spider-Gwen (Hailee Steinfeld) bis hin zu meinem persönlichen Favoriten, Spider-Man Noir (Nicolas Cage). „No Way Home“ hingegen kann mit der Wirkung der in den Raimi- und Webb-Filmen etablierten Schurken und Spider-Men arbeiten, was, wenn man denn alle nötigen Darsteller zusammenbekommt (das allein ist schon eine beeindruckende Leistung), schon einiges rumreißt.

Sinister Six Minus One
Eines der vielleicht größten konzeptionellen Probleme des MCU-Spider-Mans ist der Umstand, dass er auch nach drei Filmen quasi keine eigenen Schurken hat. Dies ist besonders ironisch, da Spider-Man bekanntermaßen eine der üppigsten und ikonischsten „Rogues Galleries“ aller Superhelden hat, lediglich übertroffen von Batman. Natürlich sind der Vulture (Michael Keaton) und Mysterio formale gesehen Spider-Man-Gegenspieler, in ihren MCU-Inkarnationen sind sie aber, zumindest bedingt durch ihre Entstehung und ihre Motivation, Iron-Man-Schurken. Beide tun, was sie tun und wie sie es tun, weil sie sich von Tony Starks Handlungen direkt oder indirekt hintergangen fühlen – die Auseinandersetzung mit Spider-Man ist sowohl in „Homecoming“ als auch in „Far From Home“ fast schon Zufall, es besteht kaum eine persönliche Verbindung zwischen ihnen und Peter Parker. „No Way Home“ verschlimmert dieses Problem noch, da hier kein neuer Schurke etabliert wird, sondern alte Schurken zurückkehren, die zwar alle eine persönliche Verbindung zu Spider-Man haben, aber eben nicht zu diesem Spider-Man.

GREEN_GOBLIN
Der Grüne Kobold (Willem Dafoe)

Wie bereits mehrfach erwähnt, handelt es sich bei den fünf Schurken dieses Films um alte bekannt – ein Widersacher pro Spider-Man-Film, die beiden MCU-Einträge nicht mitgerechnet und jeder von ihnen gespielt vom ursprünglichen Schauspieler. Rhys Ifans und Thomas Haden Church sind allerdings fast durchgängig in ihrer Echsen- bzw. Sandform, sprich von ihnen sieht man nicht allzu viel. Abgesehen von diesem Umstand wurden beide ohne größere visuelle Änderungen übernommen, dasselbe trifft auch auf Doctor Octopus zu. Bei Electro und dem Grünen Kobold hingegen nahm man einige Anpassungen vor. Besonders das Design von Ersterem in „The Amazing Spider-Man 2“ kam bei Fans und Publikum nie besonders gut an, weshalb man sich wohl entschied, einfach Jamie Foxx‘ Gesicht ohne merkwürdiges lila Makeup und Effekte zu verwenden. Erklärt wird dieser Wandel mit dem Übertritt in das andere Universum. Immer, wenn Electro in „No Way Home“ seine Kräfte anwendet, bilden die Blitze um seinen Kopf zudem die Form seiner klassischen Maske – ein kleines Zugeständnis an sein Comicoutfit. Ähnlich verhält es sich mit dem Kobold. Zuerst taucht er mit Maske auf, diese wird aber bald zerstört und der Film verzichtet dann auch auf sie – stattdessen trägt der Kobold aber violette Kleidungsfetzen inklusive Kapuze, die ebenfalls eine Reminiszenz an sein Kostüm aus den Comics darstellt. Dass Willem Dafoe der richtige Darsteller ist, um das irre Grinsen des Kobolds auf die Leinwand zu bringen, ist ja ohnehin bereits seit dem ersten Spider-Man-Film klar.

Charakterlich bemühen sich Watts und Co., die Figuren so zu zeigen, wie man sie kennt, wobei Sandman und der Echse verhältnismäßig wenig Platz eingeräumt wird – bei Ersterem würde ich sogar zögern, ihn eindeutig als Schurken zu klassifizieren, da er primär nur nachhause zu seiner Tochter möchte und von der ganzen Situation in erster Linie genervt ist. Doc Ock wird ebenfalls verhältnismäßig früh „gezähmt“, da Peter ihn durch die Nanotechnologie seines Anzugs lahmlegt und später den Kontrollchip wiederherstellt, sodass er im finalen Kampf zum Verbündeten und nicht zum Gegner wird. Die beiden Hauptschurken des Films sind eindeutig Electro und der Kobold. Max Dillon erhält nicht nur ein Power-Up durch Iron Mans Arc-Reaktor, sondern verliert auch seine Neurosen und geht deutlich skrupelloser vor, er sieht in diesem neuen Universum seine Chance, seine Allmachtsphantasien zu verwirklichen. Die Pläne des Kobolds sind weniger eindeutig, er reagiert eher, als dass er agiert, in „No Way Home“ wird allerdings die gespaltene Persönlichkeit Norman Osborns noch einmal deutlich stärker betont, als das in Raimis „Spider-Man“ der Fall war. Dort war der Kobold eher Ausdruck von Norman Osborns verborgenen Wünschen, Osborn wurde nicht unbedingt als besonders guter Mensch dargestellt, der Kobold war lediglich eine völlig enthemmte Erweiterung seiner Persönlichkeit. In „No Way Home“ dagegen sind Osborn und Kobold einander völlig entgegengesetzt, Ersterer fungiert eher als Wirt für Letzteren und würde sich seines Alter Ego am liebsten entledigen. Norman wird hier als tragisch und mitleiderregend inszeniert.

Besonders interessant ist der Fokus des Films auf die Heilung und die damit implizierte Rehabilitation der Schurken, etwas, das gerade in den MCU-Filmen mit ihren häufig doch eher eindimensionalen Widersachern recht selten auftaucht. Diese Inkarnation von Spider-Man möchte allen fünf die Chance geben, ein normales Leben wiederzuerlangen, was ihm mit Abstrichen und Opfern auch gelingt, wobei sich letztendlich die Frage stellt, welche Auswirkungen das auf das Multiversum bzw. das Raimi- und Webb-Universum hat. Mit Ausnahme Sandmans wurden alle Widersacher „entnommen“, kurz bevor sie im Kampf gegen ihren Spider-Man sterben – ändert sich durch die Heilung etwas oder wird trotz aller Bemühungen einfach nur die reguläre Timeline der jeweiligen Kontinuität wiederhergestellt?

DocOctopusArmsWeHaveCompetition
Doctor Octopus (Alfred Molina)

Wie dem auch sei, der vielleicht beeindruckendste Aspekt an dieser Schurkenversammlung ist, dass sie im großen und ganzen relativ gut funktioniert. Jede der drei Spider-Man-Filmreihen besitzt jeweils ihren eigenen, sehr individuellen Tonfall, der sich natürlich gerade und im Besonderen auf die Schurken auswirkt. Sie alle in einem Film zusammenzubringen hätte leicht zum Desaster ausarten können, aber sowohl Watts als auch den Darstellern – hier seien besonders Molina und Dafoe hervorgehoben – gelingt es ziemlich gut, das ganze organisch zu gestalten und sogar ein wenig mit den tonalen Unterschieden zu spielen. Wenn Peter, Ned und MJ den Namen „Otto Ocatvius“ für falsch halten und sich darüber lustig machen, passt das zu Figuren des MCU ebenso wie Doc Ocks diesbezügliche Authentizität zu den Raimi-Filmen.

Strange Days Ahead
Als ob die ganzen Schurken nicht schon ausreichen würden, müssen Watts und Co. auch noch Doctor Strange unterbringen, von den regulären Nebenfiguren gar nicht erst zu sprechen. Das hat zwar durchaus zur Folge, dass „No Way Home“ mitunter recht überladen wirkt, zugleich schafft der Film es aber verhältnismäßig gut, mit der Vielzahl an Charakteren zu jonglieren und sie wirklich effektiv einzusetzen. Sowohl Marisa Tomeis Tante May als auch Zendayas MJ erleben in diesem Film ihre Sternstunde, die beiden Darstellerinnen bekommen endlich die Gelegenheit, wirklich etwas aus ihren Figuren herauszuholen und nutzen sie vollständig aus.

Auf handlungstechnischer Ebene wird man hin und wieder allerdings den Verdacht nicht los, dass Watts und seine Autoren es sich das eine oder andere Mal ein wenig zu leicht gemacht haben. Die „Mechanik“ der mutliversalen Einmischungen und gedächtnislöschenden Zaubersprüche bleibt schwammig und undurchsichtig – hat der finale Spruch auch Auswirkungen auf die anderen beiden Peters? Zudem hätte sich das ganze Fiasko um die multiversalen Schurken leicht verhindern lassen können, hätten Doctor Strange und Peter hin und wieder kurz innegehalten und eine Minute nachgedacht. Auch manche der moralischen Implikationen hätten vielleicht noch etwas überdacht werden müssen, da Peter im Grunde bereit ist, sein Universum oder sogar das Multiversum zu opfern, um fünf Schurken zu retten. Ebenso wirken manche Wendung doch recht unplausibel; Ned kann plötzlich mit einem Sling-Ring umgehen? Peters Nanotechnik übernimmt mal eben Doc Ocks Tentakel? Nun ja…

Außerdem sorgt der recht große Unterschied im Tonfall, der etwa ab der Hälfte stattfindet, für ein ziemlich unebenes Gefühl. Die Comedy-Elemente der beiden Vorgänger sind zu Anfang vorherrschend, während es gegen Ende deutlich ernster und emotionaler zugeht. Letzteres war in dieser Filmreihe dringend nötig – gerade „Homecoming“ und „Far From Home“ wirkten immer etwas inkonsequent, ein wenig wie eine „Filler-Episode“. Ein essentielles Thema vieler Spider-Man-Comics ist der „Preis des Heldentums“: Peter kämpft immer mit den Konsequenzen seiner Handlungen; wird er als Netzschwinger aktiv, leiden Peter Parkers soziale Beziehungen, konzentriert er sich hingegen auf seine bürgerliche Identität, dann besteht die Chance, dass Menschen sterben. „No Way Home“ vermittelt das deutlich besser als die Vorgänger, wenn auch etwas uneben. Zudem bekommt man manchmal das Gefühl, dass Watts seine inszenatorischen Möglichkeiten nicht ganz ausschöpft: „No Way Home“ lebt vor allem von dem, was der Film erzählt, nicht wie er es erzählt.

Spider-Man_and_Doctor_Strange_Still
Peter Parker (Tom Holland) und Doctor Strange (Benedict Cumberbatch)

Als Action-Highlight empfinde ich persönlich den Kampf zwischen Spider-Man und Strange in der Spiegel-Dimension, während das Ende vor allem durch seine emotionale Komponente überzeugt – die Stärke des Finales wird allerdings durch ein kleines Problem etwas gedämpft, das nicht einmal dem Film an sich inhärent ist. Der tatsächliche Ausgang – und ein Stück weit der gesamte Handlungsanlass – erinnern mich unangenehm an die Spider-Man-Story „One More Day“, die zurecht als eine der schlechtesten Spider-Man-Storys überhaupt gilt. Wegen der Enthüllung seiner Geheimidentität im Rahmen des Marvel-Großereignisses „Civil War“ (das als lose Vorlage für den gleichnamigen Captain-America-Film fungierte) wird Tante May angeschossen und kein Held des Marvel-Universums sieht sich imstande, sie zu retten; nicht Doctor Strange, nicht Reed Richards, niemand. Aus diesem Grund bietet der Dämon Mephisto Peter an, nicht nur Mays Leben zu retten, sondern auch das Wissen um seine Geheimidentität aus den Köpfen der gesamten Welt zu löschen. Der Preis dafür ist allerdings nicht Peters Seele, wie man vielleicht annehmen würde, sondern Peters und Mary Janes Ehe, die durch diesen satanisch-kosmischen Retcon rückwirkend ausgelöscht wird, primär weil der damalige Spider-Man-Redakteur Joe Quesada weder einen verheirateten, noch einen geschiedenen Helden haben wollte. „No Way Home“ hat in sehr groben Zügen denselben Plot, inklusive der weltweiten Gedächtnislöschung und eines tödlichen Angriffs auf Tante May, was bei mir im Kino zu äußerst unangenehmen Assoziationen führte. „One More Day“ ist mir als Story so sehr zuwider, dass ich jede Verbindung automatisch negative Gefühle hervorruft. Zugegebenermaßen arbeitet „No Way Home“ mit der Grundprämisse jedoch deutlich besser, vermeidet die Fehler des Comics und holt aus dem Plot heraus, was herauszuholen ist, nicht zuletzt deshalb, weil Peter hier, anders als im Comic, als selbstlos und nicht als egoistisch herüberkommt (wobei man darüber vielleicht nicht zu genau nachsinnieren sollte, sonst wird es schon wieder problematisch).

Interessanterweise funktioniert „No Way Home“ auch ganz gut als aktuelle Bestandsaufnahme des MCU. Nach wie vor wirkt das „Duo Infernale“ aus „Infinity War“ und „Endgame“ nach, wie sich auch in diesem Film aus den diversen Rückbezügen zeigt, aber so langsam bekommen wir zumindest eine Idee, in welche Richtung sich das MCU bewegt: „No Way Home“ und „Loki“ haben vollends klargemacht, dass das Multiversum das „neue, große Ding“ ist, auf das man sich konzentriert, was durch die Post-Credits-Szene untermauert wird, die lediglich aus einem Teaser zu „Doctor Strange and the Multiverse of Madness“ besteht. Zudem zeigt sich, dass Feige und Disney gewillt sind, jeglichen filmischen Marvel-Content endgültig unter dem Paradigma des Marvel Cinematic Universe bzw. Marvel Cinematic Multiverse zu subsumieren. Nicht nur treten Helden und Schurken der bisherigen beiden Spider-Man-Filmreihen in diesem Film auf, auch der von Tom Hardy gespielte Eddie Brock/Venom aus Sonys Versuch, ein eigenes, wie auch immer geartetes (Anti-) Heldenuniversum mit Spider-Man-Figuren zu etablieren, tauch in der Mid-Credits-Szene auf und zudem darf Charlie Cox‘ Matt Murdock/Daredevil aus den Netflix-Serien kurz vorbeischauen, nachdem sein Widersacher, der von Vincent D’Onforio gespielte Wilson Fisk, bereits als Widersacher in der Disney-Plus-Serie „Hawkeye“ fungierte. Beide sind wohl nicht unbedingt völlig identisch mit den Netflix-Versionen, aber immerhin zeigen die Marvel Studios, dass sie gewillt sind, die etablierten Darsteller für diese Figuren zu übernehmen.

Aller guten Dinge sind drei?
Die Crux bei „No Way Home” ist fraglos der Umstand, dass hier nicht nur die Charakterentwicklung von einem, sondern gleich drei Spider-Men zu einem (vorläufigen?) Ende gebracht werden soll. Während die Beteiligung der diversen Schurken von Anfang an offen von Marvel kommuniziert wurde, versuchte man, das Mitwirken von Tobey Maguire und Andrew Garfield mit mehr oder weniger großem Erfolg geheim zu halten. Ich begrüße es definitiv, dass Watts und Co. sich dazu entschieden, den beiden emiritierten Spider-Men nicht nur einen kleinen Cameo-Auftritt zu spendieren, sondern sie zu einem essentiellen Teil des dritten Aktes zu machen. Die Karrieren beider Versionen des Netzschwingers wurden nach Filmen beendet, die unter Fans keinen allzu guten Ruf haben, wobei „Spider-Man 3“ immer noch ganz gut als Trilogie-Abschluss funktioniert, während „The Amazing Spider-Man 2“ nichts als offene Enden hinterlässt. Bekanntermaßen sollte der Film als Sprungbrett für die Sinister Six dienen, aber selbst in Bezug auf Peter Parker blieb vieles offen: Am Ende sehen wir zwar, dass er wieder als Spider-Man aktiv wird, aber eine wirkliche Auseinandersetzung der Figur mit dem Tod der von Emma Stone gespielten Gwen Stacey findet nicht statt. „No Way Home“ liefert das in gewissem Sinne nach und gibt Andrew Garfields Peter die Gelegenheit, als symbolische Aufarbeitung an Gwens Stelle MJ zu retten. Man merkt Garfields Performance durchaus an, wie viel ihm die Rolle bedeutet haben muss und wie dankbar er dafür ist, nun noch einmal die Gelegenheit zu bekommen, sie zu spielen. Höchst amüsant, aber kaum weniger kathartisch ist die Diskussion, die die drei Spider-Men über ihre Werdegänge, ihre Verluste oder auch nur organische und anorganische Netzdüsen führen – wer hätte schon erwartet, einmal eine derartige Fan-Diskussion in einem Film zu erleben?

Electro_No_Way_Home
Electro (Jamie Foxx)

Aber konzentrieren wir uns noch ein wenig auf unseren eigentlichen Helden: Tom Hollands Peter Parker macht in diesem Film nun wirklich einiges durch und bekommt zudem „seinen“ Onkel-Ben-Moment nachgereicht. Bereits seit „Captain America: Civil War“ fragen sich Fans und Zuschauer, wie es denn eigentlich um Ben Parker und seinen Tod im MCU steht. Kaum eine andere Superhelden-Origin, mit Ausnahme der Ermordung der Waynes, ist so sehr im popkulturellen Gedächtnis verankert – nach zwei relativ dicht aufeinander folgenden Versionen mieden die Autoren und Regisseure des MCU diesen essentiellen Teil von Spider-Mans Werdegang ebenso wie das Motto „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“. In „Captain America: Civil War“ antwortet Peter auf Tony Starks Frage, weshalb er tut, was er tut, mit einer eher vagen Andeutung, die auf Ben Parkers Existenz und Tod hinweisen könnte oder auch nicht: „Look, when you can do the things that I can, but you don’t… and then the bad things happen, they happen because of you.“ Explizit wird Ben Parker lediglich in einer Episode der Animationsserie „What If…?“ erwähnt, hier handelt es sich aber natürlich um einen alternativen Peter. In „No Way Home“ muss nun an seiner statt Tante May das zeitliche segnen, inklusive des ikonischen Satzes. Diese Entwicklung führt dazu, dass Peter sich endgültig mit den Konsequenzen seiner Handlungen auseinandersetzt, seine Verantwortung akzeptiert und dabei den moralischen Anspruch seiner Tante hochhält. Nun wird klar (auch wenn es wohl nicht von Anfang an so geplant war), dass das MCU Spider-Mans Origin tatsächlich nicht ausgelassen, sondern sie auf eine komplette Trilogie ausgedehnt hat. Am Ende von „No Way Home“ finden wir diesen Peter, der lange über ein außerordentliches Sicherheitsnetz aus Superhelden-Verbündeten verfügte, in einer wirklich Spider-Man-typischen Position wieder: Völlig pleite, in einem heruntergekommenen Appartement und allein mit seiner Verantwortung. Gerade das Ende des Films und die emotionale Tragkraft haben mir außerordentlich gut gefallen. Zudem eröffnen sich nun eine ganze Reihe an vielversprechenden Möglichkeiten, sowohl für diesen Spider-Man als auch für, sagen wir, Andrew Garfields Version oder weitere multiversale Zusammenkünfte.

Spider Symphonies
Wie schon bei den beiden vorangegangenen MCU-Spider-Man-Filmen sorgt Michael Giacchino auch dieses Mal wieder für den Score. Bereits in der Vergangenheit zeigte sich Giacchino sowohl in diesem als auch in anderen Franchises durchaus gewillt, bereits existierende Themen zu verwenden, in beiden Spider-Man-Scores bediente er sich beispielsweise des Avengers-Themas von Alan Silvestri (Brian Tylers Iron-Man-Thema hingegen verwarf er leider und ersetzte es durch eine eigene, merkwürdigerweise an John Ottmans X-Men-Thema erinnernde Komposition). In „No Way Home“ gibt es selbst im Vergleich zu bisherigen MCU-Scores eine gewaltige Masse an leitmotivischem Material, das Giacchino auf die Handlung und Figuren basierend hätte integrieren können und zum Teil auch integriert hat. Doctor Strange ist da freilich ein No-Brainer. Der Sorcerer Supreme erfuhr bislang eine erfreulich konsistente musikalische Repräsentation über die diversen Filme und Serien hinweg, sowohl in „What If…?“ (Laura Karpman) als auch in „Avengers: Endgame“ (Alan Silvestri) und „WandaVision“ (Christophe Beck) erklingt sein Thema (ironischerweise ist die Figur selbst in den beiden Letztgenannten in der entsprechenden Szene nicht zugegen) und in „Thor: Ragnarök“ und „Avengers: Infinity War“ passen Mark Mothersbaugh und Alan Silvestri immerhin ihre Instrumentierung an. Dass Giacchino Doctor Stranges Thema und die spezifische Instrumentierung großzügig in „No Way Home“ verwendet, dürfte kaum verwundern, hat er es doch ursprünglich für „Doctor Strange“ selbst komponiert.

Die beiden vorherigen Spider-Man-Filmserien haben natürlich ihre eigenen Leitmotive, die Raimi-Trilogie ist, trotz des Wechsels nach zwei Filmen von Danny Elfman zu Christopher Young, leitmotivisch und stilistisch relativ konsistent, da Young sich der Elfman-Themen weiter bediente. In der Amazing-Spider-Man-Serie gab es ebenfalls einen Wechsel, nachdem James Horner den ersten Film vertonte, übernahmen Hans Zimmer und Co. das Sequel – hier ist der Unterschied deutlich gravierender, auch wenn durchaus eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den jeweiligen Spidey-Themen besteht, da beide an Aaron Coplands Fanfare for the Common Man angelehnt sind (und ein wenig wie eine Nachrichtenfanfare klingen). Mit einer Reihe an Figuren aus beiden Filmreihen liegt der Gedanke nahe, sich der bereits etablierten Themen zu bedienen, was Giacchino auch tut, allerdings nicht in dem Maße, in dem ich mir das gewünscht hätte. Die Schurken-Themen von Elfman für Doc Ock und den Kobold sind am prominentesten, im Gegensatz dazu habe ich kein Schurken-Material von Horner, Zimmer oder Young herausgehört. Die beiden Spider-Man-Themen von Elfman und Horner bekommen ein, zwei fragmentierte Cameo-Auftritte, allerdings nur in ruhigen, emotionalen Variationen. In der finalen Action-Szene, in der drei Spider-Men und fünf Schurken gegeneinander kämpfen, dominiert ausschließlich Giacchinos Spider-Man-Thema – eindeutig eine vertane Chance. Darüber hinaus finden sich noch zwei, drei neue Leitmotive, beispielsweise eines, das die multiversale Schurkenzusammenkunft repräsentiert, diese orientieren sich allerdings so eng am bereits bestehenden Material, dass sie kaum herausstechen. Alles in allem ist der Score von „No Way Home“ der schwächste der MCU-Spider-Man-Trilogie und vor allem im Vergleich zum wirklich gelungenen Soundtrack von „Far From Home“ mit den starken S.H.I.E.L.D.- und Mysterio-Themen eindeutig ein Rückschritt. Kurzweilig und unterhaltsam ist dieser Score dennoch. Eine ausführliche Rezension findet sich hier.

Fazit
„Spider-Man: No Way Home” hätte leicht zu einer chaotischen Katastrophe ausarten können oder in reine Nostalgie und Fan Service ausarten. Diese Elemente sind zwar sehr stark vorhanden, aber nicht als reiner Selbstzweck, stattdessen gelingt es Jon Watts und Kevin Feige, mit ihnen eine durchaus berührende und für die Entwicklung des MCU-Spider-Man bedeutende Geschichte zu erzählen, die zudem alle bisherigen Inkarnationen der Figur ausgiebig würdigt. Ein paar strukturelle Schwächen, mechanische Ungenauigkeiten und sonstige unangenehme Implikationen fallen da kaum ins Gewicht.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Spider-Man: Homecoming
Spider-Man: Far From Home

The Amazing Spider-Man 2

Enthält Spoiler!
tasm2
Story: Peter Parker alias Spider-Man (Andrew Garfield) hadert mit sich selbst: Einerseits kann er ohne seine Freundin Gwen Stacey (Emma Stone) nicht sein, andererseits hat er aber ihrem Vater vor dessen Tod versprochen, sie aus Gefahr herauszuhalten. Und um alles noch schwieriger zu machen, tritt Peters alter Kindheitsfreund Harry Osborn (Dane DeHaan) auf den Plan, der Spider-Mans Blut braucht, um von einer tödlichen Krankheit, die seinen Vater Norman (Chris Cooper) dahingerafft hat, geheilt zu werden. Währenddessen entsteht eine neue Bedrohung: Durch einen Unfall wird der Oscorp-Mitarbeiter Max Dillon (Jamie Foxx) zum blitzeschleudernden Electro…

Kritik: Obwohl „The Amazing Spider-Man“ keinesfalls frei von Schwächen war, gefiel er mir doch ziemlich gut; der Film war, trotz eines eher schwachen, bzw. nicht gut ausgestalteten Widersachers, ziemlich rund. Insgesamt gefällt mir Marc Webbs Herangehensweise, die Atmosphäre die er kreiert und die Art, wie er den Netzschwinger umsetzt, besser als Sam Raimis Adaption der Figur. „The Amazing Spider-Man 2“ dagegen ist eine höchst eigentümliche Kreatur. Das Sequel geht einerseits zu weit und doch nicht weit genug, es passiert zu viel und gleichzeitig zu wenig.
Ich denke, dies sind die ersten negativen Auswirkungen des Erfolgs von „The Avengers“, und interessanterweise findet man sie nicht im Marvel Cinematic Universe, sondern im „Schwesterfranchise“. Der Erfolg der Marvel-Studios führt nun den anderen Rechteinhabern vor Augen, wie man den Superheldenfilm auf ein neues Level heben und damit noch viel mehr verdienen kann. Grundsätzlich befürworte ich diesen Ansatz sogar, weil Superheldengeschichten nun einmal dafür prädestiniert sind, große, epische Geschichten zu erzählen, die sich in mehreren Episoden erst so richtig entfalten. Der Fehler liegt bei der Herangehensweise: Studios sind ungeduldig. Das Marvel Cinematic Universe entstand in einem Zeitraum von fünf Jahren, bis sich der Megaerfolg einstellte. Die anderen Studios, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Lizenzen ähnliches erreichen könnten – in diesem Fall Sony (Spider-Man), Fox (X-Men und Fantastic Four) und Warner (DC) wollen aber nicht so lange warten und auch nicht so viel Mühe investieren, weshalb sie versuchen, eine Abkürzung zu nehmen. Oder, um es kurz und knapp auszudrücken: Für „The Amazing Spider-Man 2“ wurden die Fehltritte von „Iron Man 2“ und „Spider-Man 3“ auf eindrucksvolle Weise miteinander kombiniert.
Ich kann das natürlich nicht beweisen, aber ich habe so den Verdacht, dass Marc Webb nicht wirklich verantwortlich für viele der Entscheidungen ist, die letztendlich dafür sorgen, dass „The Amazing Spider-Man 2“ so fürchterlich unausgegoren ist – das riecht stark nach Studioeinmischung. Dafür würde auch die Beteiligung von fünf Drehbuchautoren sprechen. Es ist nämlich nicht so, dass die Stärken von Webbs erstem Spider-Man-Film völlig verloren gegangen wären: Die Darsteller sind durch die Bank gut bis sehr gut, und die Action ist zwar nicht spektakulär, aber überzeugend und die Chemie zwischen Andrew Garfield und Emma Stone stimmt nach wie vor, die Beziehung von Peter und Gwen wirkt authentisch – gerade bei der Inszenierung von Beziehungen liegen Webbs Stärken.
Studio und Drehbuch arbeiten allerding auf ein ganz bestimmtes Ziel zu, und diesem Ziel werden die anderen Aspekte des Films geopfert: Sony möchte die Sinister Six, quasi Spider-Mans ganz persönliche Anti-Avengers, versammeln. Drei, Electro, Rhino und der Grüne Kobold, kommen bereits in Person vor, während man gegen Ende des Films die Ausrüstung von zwei weiteren Mitgliedern, Dr. Octopus und des Geiers, kurz sieht. Über die Aufbauarbeit vergisst der Film allerdings, seine Schurken auch interessant zu machen. Abermals: Das liegt nicht an den Schauspielern, sowohl Jamie Foxx als auch Dan DeHaan spielen gut, aber sie können nur mit dem arbeiten, was man ihnen vorsetzt. Die Filmversion von Electro bemüht sich nach Aldrich Killian ein weiteres Mal des Syndrome-Konzepts, dem ich nicht allzu viel abgewinnen kann, und darüber hinaus bleibt die Figur ziemlich blass und klischeehaft. Harry Osborn ist praktisch ein wandelnder Retcon, im Vorfeld des Films entschied man, dass er nötig sein würde, wollte aber eine Beziehung zwischen ihm und Peter nicht neu aufbauen, weshalb er ein alter Freund ist, der nach Abwesenheit zurückkehrt (im ersten Film kam er selbstverständlich nicht vor). Anstatt die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Peter und Harry zu zeigen informiert der Film den Zuschauer einfach ziemlich plump.
Was noch erschwerend hinzukommt ist, dass der Plot des Films nicht nur ziemlich zerfasert und unzusammenhängend ist, sondern viel zu stark auf die Raimi-Filme basiert. Schon in „The Amazing Spider-Man“ war es ein Problem, dass der Film zum Großteil bereits Bekanntes einfach neu erzählt hat. Ein Stück weit lässt sich das bei einem Reboot natürlich nicht vermeiden, und darüber hinaus gefällt mir die Webb-Version der Geschichte besser als die Raimi-Version – das ändert aber nichts an der Tatsache, dass beide Versionen zu ähnlich sind. Für „The Amazing Spider-Man 2“ hatte ich die Hoffnung, man würde sich nun weiter von Raimis Spider-Man-Trilogie entfernen, aber die Grundplots der beiden zweiten Teile gleichen sich verblüffend: In beiden wird ein Oscorp-Angestellter durch einen Unfall zum Schurken, und in beiden wird besagter Schurke dann von Harry Osborn angeheuert, da dieser ein Hühnchen mit Spider-Man zu rupfen hat. Am Ende wird Harry dann zum nächsten (im Fall von „The Amazing Spider-Man 2“ zum ersten) Kobold.
Diese Handlung hat in „The Amazing Spider-Man 2“ allerdings nicht genug Substanz, weil man gleichzeitig versucht hat, zu viel in den Film hinein zu quetschen. Das betrifft vor allem Gwen Staceys Tod und das Aufgeben der Spider-Man-Identität (ein weiteres Element, das sich auch in „Spider-Man 2“ fand). Letzteres wird viel zu schnell abgehakt, als dass es irgendeinen Eindruck machen würde, während bei Ersterem die eigentliche Wirkung völlig verfehlt wurde. Mich stört nicht, dass sie stirbt oder dass Harry und nicht Norman dafür verantwortlich ist, mich stört, dass es jetzt schon geschieht. Der Tod von Gwen Stacey ist in den Comics der Höhepunkt der Feindschaft zwischen Spider-Man und dem Grünen Kobold, ähnlich wie es die Verkrüppelung von Barbara Gordon und der Mord an Jason Todd bei Batman und dem Joker ist. Auf diese Art funktioniert dieses einschneidende Erlebnis am besten, während es hier verschenkt wirkt und an „X-Men: First Class“ erinnert, wo man ebenfalls versuchte, noch schnell alles unterzubringen.
Fazit: „The Amazing Spider-Man 2“ konzentriert sich zu sehr darauf, die Sinister Six aufzubauen und zu wenig damit, eine kohärente Geschichte zu erzählen und interessante Schurken einzuführen. Ein weiteres Mal zeigt sich, dass Studioeinwirkungen und zu viele Drehbuchautoren schädlich sind.

Trailer

Siehe auch:
The Amazing Spider-Man

Django Unchained

Django_Unchained_Poster
Story: Der deutsche Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) ist zur Ergreifung von Kriminellen auf die Mithilfe des Sklaven Django (Jamie Foxx) angewiesen, den er kurzerhand auf höchst eigenwillige Art kauft und anschließend befreit. Nachdem die beiden die besagten Verbrecher zur Strecke gebracht haben, beschließen sie, auch weiterhin als Duo tätig zu sein mit dem endgültigen Ziel, Djangos Frau Broomhilda (Kerry Washington) aus den Händen des sadistischen Plantagenbesitzers Calvin Candie (Leonardo DiCaprio). Dies erweist sich jedoch als schwierig, vor allem wegen Candies gerissenem Haussklaven Stephen (Samuel L. Jackson)…

Kritik: Nachdem sich Quentin Tarantino mit dem düstersten Kapitel der deutschen Geschichte beschäftigt hat, wendet er sich mit „Django Unchained“ nun dem düstersten Kapitel der amerikanischen Geschichte zu: Der Sklaverei. Und da er ein großer Fan des Spaghetti-Western-Genres ist, hat er das Ganze als solchen inszeniert (zugegebenermaßen ließen sich auch in „Inglorious Basterds“ gewisse Tendenzen in diese Richtung feststellen).
Rein strukturell lassen sich allerdings eher Parallelen zu „From Dusk Till Dawn“ (für diesen Film von Robert Rodriguez hat Tarantino das Drehbuch geschrieben) denn zu „Inglorious Basterds“ ziehen. Wie „From Dusk Till Dawn“ lässt sich auch „Django Unchained“ in zwei Hälften teilen, die ziemlich unterschiedlich sind: Die erste Hälfte gleicht einem Buddy-Movie mit Jango und Schultz als humorigem Kopfgeldjägerduo, das Gewaltausmaß hält sich (verhältnismäßig) in Grenzen, während vor allem der Humor im Vordergrund steht. Die zweite Hälfte (bzw. das letzte Drittel) ist dann eher ein ziemlich harter Rachfilm, in dem das Blut ordentlich spritzt.
Und auch sonst gibt es, trotz Christoph Waltz und Samuel L. Jackson, viele weitere Unterschiede zu den „Basterds“: „Django“ ist sehr viel weniger als Kammerspiel inszeniert, weitaus geradliniger und simpler als die meisten anderen Tarantinos und alles in allem sehr viel lockerer und humorvoller, speziell natürlich in der ersten Hälfte. Dennoch wird eindeutig nichts beschönigt und die Sklaverei wird als das gezeigt, was sie ist: Ein Gräuel sondergleichen. Zwar ist amerikanische Geschichte, speziell diese Epoche, nicht gerade mein Fachgebiet, aber dennoch wirkte auf mich alles recht authentisch. Tarantino wandelt hier auf einem schmalen Grad: Er zeigt die Gräuel, aber niemals mit erhobenem Zeigefinger, und bleibt dennoch seinem Stil treu (unvergleichlich beispielsweise der Auftritt des Proto-Ku-Klux-Klan).
Schauspielerisch wird einiges geboten. Jamie Foxx in der Titelrolle ist vor allem stoisch und cool, die eigentlichen Zugpferde des Ensembles sind jedoch Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio und Samuel L. Jackson. Dass Tarantino Waltz nicht noch einmal als Schurken gecastet hat (wie es in fast jedem anderen Film der Fall war, in dem Waltz seit 2009 mitspielte), ist eindeutig positiv zu bewerten. Obwohl es ein paar Gemeinsamkeiten zwischen Hand Landa und King Schultz gibt, ist Schultz doch nie einfach nur ein Abziehbild, sondern eine fast ebenso gelungene Figur mit ihrem ganz eigenen Charme. Waltz ist dieses Mal der Lehrmeister des Helden, seine Figur macht allerdings eine ganz eigene Wandlung durch und ist äußerst vielschichtig.
Leonardo DiCaprio, der ursprünglich Landa hätte spielen sollen, bevor Tarantino sich für Waltz entschied, hat nun endlich die Gelegenheit, den Fiesling in einem Tarantino-Streifen zu spielen, was er genüsslich und zur großen Freude der Zuschauer tut. Interessant ist dabei auch die Rollenumkehrung zwischen ihm Samuel L. Jacksons Stephen (eine großartige, kauzige und unheimlich lustige Performance). Denn Stephen ist es, der den Plan von Django und Schultz durchschaut und er fungiert auch im letzten Drittel des Films als eigentlicher Schurke.
Fazit: Gelungener „Southern“ mit brillanten schauspielerischen Leistungen, der Tarantinos Meisterwerk „Inglorious Basterds“ allerdings nicht ganz das Wasser reichen kann. Dennoch, vollste Empfehlung!

Trailer

Siehe auch:
Inglorious Basterds
Sin City