Art of Adaptation: Casino Royale


Ich würde mich nicht unbedingt als James-Bond-Fan bezeichnen, insgesamt bin ich eher am cineastischen und popkulturellen Vermächtnis des Agenten mit der Lizenz zum Töten interessiert. Aber ich bin ein Fan von „Casino Royale“, Daniel Craigs Debüt als 007 und meiner bescheidenen Meinung nach der mit Abstand beste Film der Reihe. Während die frühen Einträge des Franchise noch Romane oder Kurzgeschichten von Bond-Erfinder Ian Fleming adaptierten (oder sich zumindest deren Titel ausborgten), ging man in der Roger-Moore-Ära irgendwann dazu über, völlig neue Geschichten zu schreiben – „Casino Royale“ ist der erste Bond-Film seit vielen Jahren, der wieder direkt auf einem der Romane basiert und somit ein idealer Kandidat für „Art of Adaptation“

Handlung und Hintergründe
Nachdem „Die Another Day“ (2002), der letzte Brosnan-Bond, zwar finanziell erfolgreich war, aber aufgrund seiner vielen Probleme, nicht zuletzt dem Übermaß an CGI-Effekten, nicht besonders gut ankam, beschloss man bei Eon Productions, einen Reboot zu wagen. Nicht nur gab es mit Daniel Craig einen neuen Bond, man beschloss darüber hinaus, den Film zu Bonds Origin-Story zu machen und sich dabei auf die Tugenden der frühen Fleming-Romane zu konzentrieren – ganz ähnlich, wie Warner und Chris Nolan bei „Batman Begins“ vorgegangen waren. Nachdem Regisseur Martin Campbell mit „Goldeneye“ bereits einmal einen neuen Bond eingeführt hatte, gab Eon ihm für Craigs Debüt ein weiteres Mal die Zügel in die Hand.

„Casino Royale“ als Vorlage zu nehmen war da ein naheliegender Gedanke, schließlich handelt es sich um Flemings ersten Bond-Roman, der bereits 1953 erschien. Interessanterweise ist der Film von 2006 keinesfalls die erste Adaption dieses Romans – bereits 1954, also mehrere Jahre vor dem ersten „offiziellen“ Bond-Film mit Sean Connery, wurde die Handlung im Rahmen eines Fernseh-Specials umgesetzt und dann noch einmal 1967 in Form einer Parodie mit Orson Wells als Le Chiffre. Erst 1999 gelang es Eon-Productions, die Filmrechte, die Fleming noch in den 50ern äußerst billig abgegeben hatte, zu gewinnen, sodass „Casino Royale“ als offizieller Bond Nummer 21 umgesetzt werden konnte.

Der Roman selbst ist, besonders im Vergleich zu den Bond-Filmen und selbst zu späteren Romanen, sehr schlicht und stilistisch sehr geradlinig. Als Leser wird man direkt in die Handlung geworfen und erlebt Bond am Casino-Tisch, bevor der eigentliche Rahmen abgesteckt und erläutert wird, worum es eigentlich geht: Le Chiffre, ein Agent der Sowjetunion, genauer der russischen Spionageabwehrorganisation SMERSH (Kürzung von „SMERSchpionam“, Russisch für „Tod den Spionen“, der Dienst existierte tatsächlich, allerdings nur von 1943 bis 1946 – Flemings Version ist stark fiktionalisiert) versucht, diverse finanzielle Verluste zu verschleiern. Da er das Geld der Sowjetunion verloren hat, versucht er, dieses nun im Rahmen eines Baccara-Turniers im fiktiven Royale-les-Eaux in Nordfrankreich zurückzugewinnen. Der MI6 hingegen möchte, dass Le Chiffre verliert und schickt James Bond, den besten Kartenspieler der Organisation, nach Frankreich, um Le Chiffres Niederlage zu sichern. Zu Bonds direkten Verbündeten  gehören Vesper Lynd, die die Finanzen verwaltet, sowie René Mathis, der Kontakt vor Ort. Zu Beginn des Spiels verliert Bond erst, erhält jedoch von Felix Leiter, einem CIA-Agenten mit ähnlichem Ziel, neue finanzielle Mittel. Nach einem gescheiterten Attentat auf Bonds Leben durch Le Chiffres Bodyguards gewinnt 007 das Turnier und bringt seinen Kontrahenten so in eine fast aussichtslose Lage. Aus diesem Grund werden sowohl er als auch Vesper gekidnappt – Le Chiffre versucht, den Standort der Gewinne aus Bond herauszufoltern. Ausgerechnet ein Agent von SMERSH rettet den britischen Agenten und das auch nur, weil er keinen expliziten Tötungsauftrag für ihn hat; lediglich Le Chiffre steht auf seiner Liste. So kann Bond wiederum Vesper retten. Während Bonds Genesungsphase besucht sie ihn jeden Tag und die beiden verlieben sich ineinander. Doch nachdem Vesper einen Einäugigen sieht, beginnt sie sich merkwürdig zu verhalten und begeht schließlich Selbstmord. Aus einem Abschiedsbrief erfährt Bond, dass sie eine Doppelagentin der Sowjets war, wenn auch unfreiwillig. SMERSH hielt ihren Liebhaber als Geisel und erpresste sie damit. Aus der Sichtung des Einäugigen – eines SMERSH-Agenten – schloss Vesper, dass ihre Liebhaber getötet wurde. Aus diesem Grund nahm sie sich selbst das Leben, da sie befürchtete, Bond könne das neue Ziel der russischen Organisation werden. So kehrt Bond mit einer deutlich zynischeren Weltsicht in den aktiven Dienst zurück und bekämpft SMERSH von nun an mit vollem Einsatz.

Context Is King
An dieser Inhaltsbeschreibung zeigt sich, dass der Roman „Casino Royale“ sehr stark im Setting der 50er-Jahre und des Kalten Kriegs verwurzelt ist – aus diesem Grund wird der Kontext im Film radikal geändert. Zwar spielte man bei Eon wohl eine Zeit lang mit dem Gedanken, einen Period-Piece-Bond zu drehen (und Quentin Tarantino Regie führen zu lassen), man entschied sich aber letztendlich für einen modernen Reboot. Während also die tatsächliche Handlung des Romans relativ genau umgesetzt wird, ist der Kontext ein völlig anderer. Anstatt für SMERSH und die Sowjets zu arbeiten, ist Le Chiffre (Mads Mikkelsen) nun ein Banker für Terroristen und internationale Kriminelle. Der Kontak zwischen Le Chiffre und seinen Kunden – zu Beginn des Films wird eine Konversation mit ugandischen Terroristen gezeigt – kommt durch eine ominöse Organisation, primär vertreten durch Mister White (Jesper Christensen), zustande, die in Bond Nummer 22 als Quantum identifiziert wird, um dann in Bond Nummer 24 rückwirkend zu einem Teil von Spectre zu werden. Das war zwar sicher nicht von Anfang an so geplant, passt aber gut zur Tradition der Bond-Filme, Spectre bzw. SPECTRE (SPecial Executive for Counter-intelligence, Terrorism, Revenge and Extortion) statt SMERSH zu verwenden. Lange Rede, kurzer Sinn, in der Film-Adaption sind es nicht sowjetische Gelder, die Le Chiffre verliert, stattdessen ist es das Kapital der durch Quantum vermittelten Kunden.

Campbell und die Drehbuchautoren Neal Purvis, Robert Wade und Paul Haggis tun allerdings noch deutlich mehr, als nur den Kontext anzupassen – sie liefern gleich die Vorgeschichte mit. In Flemings Roman haben Bond und der MI6 nichts mit Le Chiffres Verlusten zu tun, im Film dagegen dreht sich der gesamte erste Akt darum. Bonds erste Mission als Doppelnull-Agent führt ihn, nach einer der grandiosesten Action-Szenen des Franchise, auf Le Chiffres Spur. Während der kriminelle Banker im Roman in französische Bordelle investiert, ist es im Film der Niedergang einer Airline, die vom Erfolg eines Prototypen abhängt, dessen Zerstörung Bond verhindert, was Le Chiffre in dieselbe Position bringt wie sein Buchgegenstück. Dementsprechend ist es kein unbekannter SMERSH-Agent, der Le Chiffre am Ende tötet, sondern Mister White persönlich. Auch bezüglich des Handlungsortes gibt es eine Änderung, statt Royale-les-Eaux in Frankreich findet das Turnier in Montenegro statt und es wird auch nicht Baccara, sondern Poker gespielt.

Ansonsten folgt der Film dem Roman relativ genau, erhöht die Dramatik allerdings hier und da ein wenig. Sowohl bei Fleming als auch bei Campbell versucht Le Chiffre, Bond während des Spiels zu töten, im Roman ist es ein Bodyguard, der ihn erschießen soll, im Film vergiftet Le Chiffres Freundin Valenka (Ivana Miličević) Bonds Drink. Die attackierenden ugandischen Terroristen sind ein weiteres Action-Intermezzo, das ausschließlich in der Adaption vorkommt. Die berühmt-berüchtigte Folter-Szene stammt hingegen quasi direkt von Fleming, der einzige Unterschied ist das Werkzeug, denn statt eines Seils benutzt Le Chiffre einen Teppichklopfer.

Figuren und Beziehungen
Obwohl „Casino Royale“ Flemings erster Bond-Roman war, kann er nur bedingt als Origin Story verstanden werden – im Gegensatz zum Film, der diesen Aspekt deutlich stärker herausarbeitet. Der Bond der späteren Romane mag hier entstehen, seine Lizenz zum Töten besitzt er aber bereits seit einiger Zeit – nicht so die Film-Version. Im Cold Open erleben wir, wie Bond genau diese Lizenz erwirbt. Ohnehin ist der Bond, den wir in Campbells Film sehen, noch sehr unausgereift, ja mitunter fast schon naiv. Obwohl er sich um ein ordentliches Maß an Arroganz und Kaltschnäuzigkeit bemüht, wird er erst mit Vespers Tod zum tatsächlichen zynischen Agenten, der niemandem vertraut. All das wird im Film deutlich stärker betont als im Roman, gerade durch das Brechen oder Etablieren der für dieses Franchise typischen Konventionen – sei es der Vodka-Martini oder das typische Outfit. Viele dieser Elemente wurden erst in späteren Bond-Romanen oder -Filmen eingeführt, weshalb sie in Flemings Erstling schlicht keine Rolle spielen können. Auch Bonds Beziehung zu M bedarf einer näheren Betrachtung. M spielt im Roman keine besonders große Rolle, während das Film-Gegenstück deutlich mehr Präsenz besitzt. Die von Judi Dench gespielte Version ist das einzige On-Screen-Überbleibsel der Brosnan-Ära, wobei sich das Verhältnis quasi gedreht hat. In „Goldeneye“ scheint Denches M relativ neu als Kopf des MI6 und bezeichnet Bond als „sexist, misogynist dinosaur. A relic of the Cold War, whose boyish charms, though wasted on me, obviously appealed to that young woman I sent out to evaluate you.” Bond scheint hier der etablierte Agent zu sein, der sich mit einem neuen, weiblichen Befehlshaber auseinandersetzen muss. Im Gegensatz dazu ist M in „Casino Royale“ die Etablierte, während Bond der Neuling ist. Dementsprechend wird das obige Zitat quasi auf den Kopf gestellt. Nachdem Bond bei seiner ersten Mission Mist baut, erklärt M: „In the old days if an agent did sommething that embarrassing he’d have the good sense to defect. Christ, I miss the Cold War.“

Auch rein visuell gibt es einige Unterschiede, der von Fleming beschriebene Bond hat nicht allzu viel mit Daniel Craig gemeinsam – er wird als groß, dunkelhaarig, mit einem länglichen Gesicht und einer Narbe auf der Wange beschrieben. In mehreren Romanen wird Bond visuell mit dem Schauspieler Hoagy Carmichael verglichen – rein optisch käme Timothy Dalton dem Roman-Bond wohl am nächsten. Ganz ähnlich verhält es sich mit Le Chiffre, der bei Fleming übergewichtig und rothaarig ist. Zudem wird er mitunter auf eine Art beschrieben, die man heute eher als problematisch empfinden würde, beispielsweise hebt Fleming Le Chiffres kleine Ohren mit den großen Ohrläppchen hervor, die auf jüdisches Blut hindeuten sollen. Der Inhalator kommt auch im Roman vor, die Narbe am Auge und das Weinen von Blut hingegen nicht. Ein Detail, das der Film auslässt, ist Le Chiffres großer sexueller Appetit; die von Mad Mikkelsen gespielt Version scheint monogam zu sein. Da Le Chiffre im Film deutlich mehr Zeit gewidmet wird und Mads Mikkelsen einfach ein grandioser Schauspieler ist, macht seine Interpretation der Figur letztendlich deutlich mehr her als ihr Romangegenstück – mitunter tendiert Fleming in seinem Erstling dazu, den Leser eher über Sachverhalte und Eigenschaften zu informieren, als sie tatsächlich zu zeigen, während Campbell Letzteres wirklich mit Bravour erledigt – nicht nur in Bezug auf Le Chiffre, sondern bei allen Figuren.

Auch die von der nicht minder grandiosen Eva Green gespielte Vesper Lynd ist bei Campbell die interessante Figur. Das mag natürlich auch der Entstehungszeit geschuldet sein, aber Buch-Vesper ist deutlich stärker Anhängsel, während sie in der Adaption eine weitaus besser ausgearbeitete Figur ist, die mit Bond auf Augenhöhe agiert, aber gerade im Angesicht der Gewalt, die auszuüben er gezwungen ist, genauso reagiert, wie wohl die meisten Menschen reagieren würden. Die Szene, in der Vesper Bond das Geld zum Weiterspielen verweigert, findet sich beispielsweise ausschließlich bei Campbell, Flemings Vesper würde so etwas schlicht nicht tun. Nebenbei bemerkt, wer den Bond der Filme bereits für einen Chauvinisten hält, wird sich mit seinem schriftlichen Gegenstück sicher nicht anfreunden. Ein weiterer Aspekt, den Fleming im Roman nicht allzu gut zu vermitteln weiß, ist die Chemie zwischen Vesper und Bond – man hat das Gefühl, dass die Romanze nie wirklich in Fahrt kommt, bevor sie auch schon auseinanderbricht. Im Gegensatz dazu ist die Chemie zwischen Craig und Green exzellent, da funkt und knistert es bereits bei der ersten Begegnung, sodass das Finale, das im Film weitaus actionreicher ist, deutlich besser funktioniert. Wo Vesper bei Fleming einfach nur Schlaftabletten schluckt, bietet die Adaption eine weitere Actionszene und einen wirklich emotionalen Tod. Auch sonst profitiert der Film vom wirklich exzellenten Cast. Eine Figur wie Felix Leiter, die im Roman noch kaum Profil besitzt, wird im Film durch Jeffrey Wright enorm aufgewertet, obwohl ihm kaum mehr Zeit zur Verfügung steht. Auch René Mathis profitiert ungemein durch Giancarlo Gianninis Darstellung.

Fazit
Hier haben wir mal wieder einen dieser Fälle, in denen eine Filmadaption der Vorlage nicht nur gerecht wird, sondern sie sogar weit übertrifft. Martin Campbells Adaption profitiert natürlich von vielen Jahrzehnten an Bond-Geschichte, aus der sie schöpfen kann. Dennoch: Im Grunde ist jeder Aspekt, von der Charakterisierung der Figuren über den Handlungsverlauf bis hin zur Ausgestaltung, im Film deutlich überlegen. Die Aspekte, die funktionierten, wurden praktisch eins-zu-eins übernommen und die, die nicht funktionierten, wurden entweder erzählerisch oder filmisch ausgestaltet, sodass sie funktionieren. Egal ob als Bond-Film bzw. -Origin, actionreiches Charakterdrama oder clevere Dekonstruktion, „Casino Royale“ überzeugt einfach auf allen Ebenen.

Spectre

Enthält Spoiler!
spectre
Story: Selbst nach ihrem Tod gibt M (Judy Dench) noch Anweisungen. Per posthumer Videonachricht weist sie James Bond (Daniel Craig) an, Marco Sciarra (Alessandro Cremona) zu töten, was Bond in Mexico City auch gelingt. Über Sciarra und seine Witwe Lucia (Monica Belucci) kommt Bond einer Verschwörung auf die Spur, in die sein totgeglaubter Halbbruder Franz Oberhauser (Christoph Waltz) verwickelt ist. Schon bald ist Bond fast vollständig auf sich allein gestellt, denn Max Denbigh (Andrew Scott), ein Beauftragter der britischen Regierung, macht Gareth Mallory (Ralph Fiennes), dem neuen M, die Arbeit schwer und versucht das Doppelnull-Programm einzustellen. Um Oberhausers finstere Machenschaften zu stoppen kann sich Bond schließlich nur noch auf die Hilfe von Dr. Madeleine Swann (Léa Seydoux), der Tochter seines alten Feindes Mister White (Jesper Christensen), verlassen…

Kritik: „Spectre“ habe ich im Kino verpasst, aber immerhin kommt die Heimkinoauswertung inzwischen so schnell, dass das kaum mehr einen Unterschied macht. Wie dem auch sei, „Spectre“ ist Sam Mendes‘ zweiter Bond-Film und der vierte mit Daniel Craig in der Titelrolle. Nach dem phänomenalen Erfolg von „Skyfall“ wollte Eon unbedingt, dass Mendes auch den nächsten Bond-Film dreht, während der Regisseur seinerseits eher zögerlich war, bis das Studio ihn überzeugen konnte (vermutlich mit sehr viel Geld). Wie dem auch sei, nach der Sichtung von „Spectre“ muss ich sagen: Mendes‘ erster Instinkt war leider richtig.

Ironischerweise gefallen mir viele der Konzepte von „Spectre“ richtig gut: Die inhaltliche Verknüpfung aller bisherigen Craig-Bonds, die Wiedereinführung von Spectre (früher SPECTRE als Abkürzung für SPecial Executive for Counter-intelligence, Terrorism,
Revenge and Extortion) und Bonds altem Erzfeind Ernest Stavro Blofeld. Das Hauptproblem dabei ist, dass die Umsetzung nicht besonders gelungen ist – es scheint fast, als habe Mendes die Lust an Bond verloren. „Spectre“ wirkt schwerfällig, ja manchmal fast schon dröge, dem Film fehlt sowohl die grimmige Intensität von „Casino Royale“ als auch die Energie und der Enthusiasmus von „Skyfall“. Natürlich ist letztendlich alles vorhanden, was die Bondfilme scheinbar ausmacht: Schnelle Autos, schöne Frauen, exotische Schauplätze, Action und eine ominöse Verschwörung. Anders als „Casino Royale“ oder „Skyfall“ ist „Spectre“ aber nie mehr als die Summe seiner Teile.

Während der erste Akt des Films durchaus noch zu überzeugen weiß – der Prolog in Mexico City ist sehr ansehnlich, ebenso wie die Szenen in Rom mit der Verfolgungsjagd und dem ersten Auftritt von Christoph Waltz als Oberhauser/Blofeld – verliert „Spectre“ ab diesem Zeitpunkt seine Energie. Mendes gelingt es einfach nicht, wirklich Spannung aufkommen zu lassen, die verschiedenen Schauplätze, die Actionszenen und die Einführung von Léa Seydoux als Bondgirl wirken eher, als hätte Mendes eine Checklist abgearbeitet. Die Einzelbausteine des Films wollen einfach nicht so recht zusammenpassen, die Zusammenführung der Handlungsstränge von „Casino Royale“, „Ein Quantum Trost“ und „Skyfall“ wirkt ziemlich plump und, am schlimmsten, der Schurke funktioniert nicht so richtig. Der Blofeld dieses Films klingt als Konzept recht vielversprechend, aber gerade hier wirkt die Umsetzung höchst uninspiriert, Blofelds Motivation bleibt unklar und er selbst als Figur ziemlich blass, was auch damit zusammenhängt, das er kaum vorkommt. Der Film erläutert zwar, warum er Bond nicht mag, aber darüber hinaus wird kaum etwas konkretisiert; Blofeld wird ja wohl kaum eine weltumspannende Verbrecherorganisation gegründet haben, nur um sich an seinem Stiefbruder zu rächen. Apropos, angesichts der Tatsache, dass der Film „Spectre“ heißt, bleibt besagte Organisation ebenfalls höchst nebulös und uninteressant, dem Film gelingt es einfach nicht, die Bedrohung, die von einem derartigen Schattenkollektiv ausgehen sollte, richtig aufzubauen.

Insgesamt kommt „Spectre“ einfach nicht über ein „solide, aber uninspiriert“ hinaus: Die Action ist ganz ansehnlich, aber nicht wirklich kreativ, die Schauplätze sind nett, aber man hätte mehr damit machen können und die Darsteller sind solide, bekommen aber kaum Gelegenheit, wirklich zu zeigen, was sie können – gerade bei Christoph Waltz fällt das auf. Ich finde Waltz als Schauspieler ziemlich toll, aber gerade hier spielt er eher auf Autopilot, sein Oberhauser unterscheidet sich nicht groß von den diversen anderen Schurkenrollen, die er die letzten Jahre gespielt hat, die ihrerseits im Grunde nur verwässerte Versionen von Hans Landa waren. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit Thomas Newmans Score, der sich noch stärker vom typischen Sound der Bond-Filme entfernt und, wie der Film selbst auch, außerhalb der Statements von Monty Normans Bond-Thema recht dröge daherkommt.

Fazit: Sam Mendes‘ zweiter Bondfilm bleibt leider ziemlich weit hinter „Skyfall“ zurück; „Spectre“ wirkt oft uninspiriert und schafft es einfach nicht, eine gelungene Spannungskurve aufzubauen oder über die Summe seiner Teile hinauszuwachsen.

Trailer

Siehe auch:
Skyfall

 

Skyfall – Soundtrack

skyfall
Tracklisting:

01. Grand Bazaar, Istanbul
02. Voluntary Retirement
03. New Digs
04. Severine
05. Brave New World
06. Shanghai Drive
07. Jellyfish
08. Silhouette
09. Modigliani
10. Day Wasted
11. Quartermaster
12. Someone Usually Dies
13. Komodo Dragon
14. The Bloody Shot
15. Enjoying Death
16. The Chimera
17. Close Shave
18. Health & Safety
19. Granborough Road
20. Tennyson
21. Enquiry
22. Breadcrumbs
23. Skyfall
24. Kill Them First
25. Welcome to Scotland
26. She’s Mine
27. The Moors
28. Deep Water
29. Mother
30. Adrenaline

Es gibt unleugbar etwas, das man als „DNA“ der Bond-Musik beschreiben könnte. Wie viele Franchises hat auch James Bond einen distinktiven Sound, was in Anbetracht der Tatsache, dass bereits sehr viele Komponisten Musik für 007 geschrieben haben, durchaus beeindruckend ist. Natürlich liegt das mitunter auch daran, dass die Verwendung des Bond-Themas vom Studio diktiert und vom Publikum erwartet wird, aber selbst, wenn man vom Bond-Thema absieht, gibt es gewisse Stilmittel, die einfach dazugehören, etwa die jazzigen Elemente, die mal mehr, mal weniger in den Vordergrund treten. Ein schönes Beispiel für gelungene Anwendung der „Bond-DNA“ findet sich in Richard Jacques Musik zu dem Bond-Spiel „Blood Stone“; dort wird das Thema zwar nicht verwendet, aber dennoch ist es unverkennbar Bond-Musik.
Freilich ist es nicht jedem der vielen Komponisten gleichermaßen gelungen, mit der von John Barry und Monty Norman geschaffenen grundsätzlichen Stilistik auch einen guten Soundtrack zu komponieren. Eric Serra, der Komponist des Brosnan-Debüts „GoldenEye“, ist in meinen Augen zum Beispiel grandios gescheitert (den von Tina Turner gesungenen Titelsong natürlich außen vorgelassen). Als „Erbe“ John Barrys, der bis dato die meisten Bond-Filme vertont hat und für viele DER Bond-Komponist ist, gilt David Arnold, der den Sound des modernen Bond prägte, das Ganze rockiger gestaltete und sowohl für die restlichen drei Brosnan-Bonds als auch für „Casino Royale“ und „Quantum Trost“ verantwortlich ist. Während ich mit den älteren Bond-Soundtracks außerhalb des ikonischen Themas kaum vertraut bin, finde ich vor allem das, was Arnold für die Craig-Bonds komponiert hat, äußerst gelungen.
Sam Mendes, der Regisseur des neuesten Bond-Films „Skyfall“, griff allerdings nicht auf Arnold, sondern auf seinen Stammkomponisten Thomas Newman zurück. Leider bin ich mit Newmans anderen Werken nicht vertraut, allerdings bin ich durchaus geneigt den Stimmen zu glauben, die behaupten, dass seine Musik für „Skyfall“ viele der Stilmittel enthält, die er auch sonst gerne verwendet. Auf jeden Fall enthält seine Musik weniger vom typischen Bond-Sound als das, was David Arnold für den Agenten mit der Lizenz zum Töten komponiert hat. Der größte Pluspunkt ist Newmans äußerst gelungene Verwendung des Bond-Themas, das meistens recht subtil eingesetzt wird (wenn auch nicht ganz so subtil wie in „Casino Royale“). Im Auftaktstück Grand Bazaar, Istanbul arbeitet Newman das Thema beispielsweise immer wieder fragmentarisch ins Action-Underscoring ein, und auch in New Digs und Day Wasted sind subtile Anspielungen herauszuhören. In Komodo Dragon, The Bloody Shot und Enquiry taucht es schon ein wenig stärker auf, und in Breadcrumbs (welches die nostalgisch aufgeladene Aston-Martin-Szene untermalt) erklingt es voll. Weitere, heroische Fragmente sind in She’s Mine zu hören.
Ansonsten besticht Newmans Musik vor allem durch interessantes Action-Scoring und der Verwendung einer eher unkonventionellen Instrumentiertung (zusätzlich zu viel Elektronik), was vor allem im bereits erwähnten Grand Bazaar, Istanbul seine Wirkung durchaus nicht verfehlt, an anderen Stellen aber eher Fehl am Platz ist und des Öfteren dafür sorgt, dass die Musik einfach nicht nach Bond klingt. Newman scheint sich im Allgemeinen eher für orchestrale Strukturen denn für Leitmotive zu interessieren, denn außer dem Bond-Thema gibt es praktisch keines. Dies ist vor allem in Anbetracht des Titelsongs sehr Schade, da sich die von Adele und Paul Epworth komponierte Melodie wunderbar als Thema für Bonds innere Konflikte geeignet hätte. Zugegebenermaßen ist es nicht Newmans Schuld, dass es nur in Komodo Dragon eine Score-Adaption des Liedes gibt, da es nicht rechtzeitig fertig wurde; besagtes Stück wurde nachträglich komponiert. Was man Newman allerdings vorwerfen kann ist, dass er keinen adäquaten Ersatz geschaffen hat – oder überhaupt eine leitmotivische Struktur. Das einzige Element, das in diese Richtung geht, ist eine ziemlich simple Blechbläserfigur, die in Voluntary Retirement und Mother auftaucht und wohl M gilt. Eine andere, sich wiederholende Figur taucht öfter in den Action-Stücken auf, etwa in Grand Bazaar, Istanbul bei 1:10 oder in The Bloody Shot bei 2:38, vielleicht handelt es sich dabei um ein Gefahren-Motiv, vielleicht ist es auch nur Zufall. Möglicherweise gibt es noch weitere wiederkehrende Motive, aber mir ist zumindest nichts aufgefallen, markante Themen gibt es jedenfalls keine. Newman verlässt sich fast ausschließlich auf Underscoring und vernachlässigt die narrativen Elemente des Scores, mit Ausnahme seiner Anwendung des Bond-Themas, sträflich.
Fazit: Thomas Newman bleibt als Bond-Komponist, trotz passender Anwendung des klassischen Themas, leider weit hinter David Arnold zurück. „Skyfall“ mangelt es außerhalb des Adele-Songs sowohl an Identität als auch an narrativen Qualitäten.

Siehe auch:
Skyfall

Skyfall


Story: Nach einer missglückten Mission in Istanbul, bei der er von seiner Kollegin Eve (Naomie Harris) angeschossen wurde, gilt James Bond (Daniel Craig) als tot und schlägt sich mit der psychischen Belastung des verpatzten Einsatzes herum. Währenddessen muss sich M (Judi Dench) mit internen Ermittlungen und dem Quasivorgesetzten Gareth Mallory (Ralph Fiennes) herumschlagen. Bond kehrt trotz seines angeschlagenen Zustands schließlich zum Dienst zurück, als das MI6-Gebäude angegriffen wird, um diesbezüglich Ermittlungen anzustellen. Die mysteriöse Sévérine (Bérénice Lim Marlohe) führt ihn schließlich zu Raoul Silva (Javier Bardem) einen Ex-MI6-Agenten, der mit M noch eine offene Rechnung hat…

Kritik: Unglaublich aber wahr, „Skyfall“ ist der erste Bond-Film, den ich im Kino gesehen habe. Um ehrlich zu sein, mit den „klassischen“ Bond-Streifen von Connery bis Brosnan konnte ich nie allzu viel anfangen. Doch dann kam „Casino Royale“, düster, realistischer und mit einem weitaus menschlicheren und verletzlicheren Bond. „Casino Royale“ gefiel mir richtig gut und weckte mein Interesse am Stoff. „Ein Quantum Trost“ war dagegen eher mäßig, zwar amüsant und unterhaltsam, aber insgesamt zu wenig Substanz und zu viel Kameragewackel. Nun, vier Jahre nach „Ein Quantum Trost“, war ich der Meinung, dass es an der Zeit für einen 007-Kinobesuch ist, und welcher Film würde sich dazu besser eignen als derjenige, der das 50. Jubiläum der Filmfigur zelebriert.
Man merkt, dass sich Regisseur Sam Mendes dieses Jubiläums sehr bewusst war, denn „Skyfall“ soll etwas Besonderes sein. Während die ersten beiden Bond-Streifen mit Daniel Craig auf viele der Bond-typischen Elemente verzichteten, wird in „Skyfall“ der normale Status Quo wieder hergestellt, was vor allem durch die Rückkehr von Q deutlich wird. Ben Wishaw legt die Rolle mit enormem Potential an, das in diesem Film allerdings noch nicht voll ausgeschöpft wird. Macht aber nichts, der 24. Bond ist mit Sicherheit schon in den Startlöchern.
Außerdem markiert der Film auch das Ende einer Ära und ist darüber hinaus gespickt mit Verweisen und Anspielungen. Das alles sagt allerdings noch nichts über die Qualität von „Skyfall“ aus. Hier kann ich allerdings Entwarnung geben: Zwar kommt „Skyfall“ in meinen Augen nicht ganz an „Casino Royale“ heran – der erste Craig-Bond war einfach noch etwas intensiver und gelungener – ist aber sehr viel mehr als zufriedenstellend und übertrifft „Ein Quantum Trost“ problemlos. Bond Nummer 23 weiß ab der ersten Minute zu fesseln und überzeugt mit der Einführungsaction, die gottseidank völlig ohne wacklige Handkamera auskommt. Tempo und Spannung halten den ganzen Film durch, ohne dass er überladen oder gehetzt wirken würde, die Action und die Effekte sind vom Feinsten, die Schauplätze abwechslungsreich und auch sonst passt alles.
Wie auch in „Casino Royale“ ist Bond sehr viel menschlicher als in den früheren Filmen. Daniel Craig beweist ein weiteres Mal, dass er genau der richtige Schauspieler für diese Interpretation der Figur ist.
An manchen Stellen merkt man den Einfluss von Chris Nolans Dark-Knight-Filmen, an denen sich Sam Mendes laut eigener Aussage grob orientiert hat, allerdings ohne sie plump zu kopieren. Wie in „The Dark Knight Rises“ haben wir es mit einem angeschlagenen Protagonisten zu tun, der nicht ganz auf der Höhe seiner Kräfte ist. Javier Bardems Silva erinnert zumindest indirekt ein wenig an den Joker, vor allem was seine Präsenz angeht, allerdings, wie gesagt, ohne eine plumpe Kopie zu sein. Der deutlichste Verweis dürfte sein Vorgehen sein: Eine vorgetäuschte Gefangennahme, die ihn zu seinem Ziel bringt. Ganz allgemein ist Silva ein toller Schurke, der von Bardem hervorragend dargestellt wird. Sehr interessant ist dieses Mal, dass die Bedrohung nicht von einer weltumspannenden Verbrecherorganisation wie Quantum ausgeht. Silva ist eher ein Freelancer (vielleicht so etwas wie ein Consulting Criminal?), dessen Motivation eine sehr persönliche ist: Rache. Silva ist weniger kalkulierend als beispielsweise Le Chiffre und hat eine wahnsinnige Ader, was ihn unberechenbarer und fast noch gefährlicher macht. Er ist nicht so filmbeherrschend wie der Joker, was in diesem Fall aber auch nicht angemessen wäre; „Skyfall“ ist viel eher ein Ensemblestück, in dem alle Darsteller, von Naomie Harris über Ben Wishaw bis zu Ralph Fiennes, Gelegenheit bekommen zu glänzen.
Lediglich Bondgirl Bérénice Lim Marlohe ist ausschließlich schmückendes Beiwerk, wird sehr schnell nach ihrem ersten Auftritt wieder abserviert und ist eigentlich unnötig. Dafür kann Marlohe allerdings nichts, das ist eindeutig dem Drehbuch zur Last zu legen. Das eigentliche Bondgirl des Films ist sowieso M, die hier im Mittelpunkt steht und vor allem im letzten Drittel sehr viel mehr tut, als nur Anweisungen zu erteilen. Dass Judi Dench dabei exzellent ist, muss wohl kaum erwähnt werden.
Sehr schön sind auch die Elemente der Rückbesinnung. In seiner ersten Hälfte ist „Skyfall“ ein sehr moderner Actionfilm, Silva ist ein begnadeter Hacker, gegen den Q versucht anzukommen. In der zweiten Hälfte könnte man „Skyfall“ fast schon als „Old-School“ bezeichnen, der Showdown auf dem alten Familiensitz der Bonds hat wenig Brimborium und ist sehr emotional, atmosphärisch und direkt. Die beiden kleinen Schlusstwists sind zwar recht vorhersehbar, aber dennoch allerliebst.
Fazit: Der Jubiläums-Bond weiß zu überzeugen und zu begeistern und könnte diejenigen, denen „Casino Royale“ und „Ein Quantum Trost“ zu Bond-untypisch waren, wieder versöhnen. Vollste Empfehlung.

Trailer

Siehe auch:
Skyfall – Soundtrack