Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald – Ausführliche Rezension

Spoilerificus Totalus!
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Ich möchte diese Rezension mit einem Zitat Lord Voldemorts beginnen: „They never learn. Such a pity.“ Leider passt dieses Zitat nur allzu gut. Nach einem soliden Start dieser Filmreihe um Newt Scamander mit „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ gelingt es der Fortsetzung mit dem kaum weniger sperrigen Titel „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald“ leider, in so ziemlich jedes Fettnäpfchen zu treten, das man sich bei einem derartigen Franchise-Film nur vorstellen kann. Man kann kaum über diesen Film sprechen, ohne zu spoilern, weshalb ich das auch gar nicht groß versuchen werde. Die Probleme sind im Grunde dieselben wie bei „The Amazing Spide-Man 2“, den Hobbit-Filmen oder „Batman v Superman: Dawn of Justice“.

Handlung
Gellert Grindelwald (Johnny Depp) befindet sich bereits seit einiger Zeit in der Gefangenschaft des MACUSA und soll nun nach Europa überstellt werden, doch ihm gelingt die Flucht. Der finstere Zauberer macht sich auf nach Paris, um seine Anhänger um sich zu scharen. Nach wie vor ist er an Credence Barebone (Ezra Miller) interessiert, der die erste Begegnung mit Grindelwald nicht nur überlebt hat, sondern nun in Paris nach seinen Wurzeln sucht.

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Newt (Eddie Redmayne) und Theseus (Callum Turner), die Gebrüder Scamander

Derweil erhält Newt Scamander (Eddie Redmayne) einen Auftrag von Albus Dumbledore (Jude Law): Er soll sich ebenfalls nach Paris aufmachen, um Credence aufzuspüren. Newt hat derweil eigentlich andere Probleme, da sein Bruder Theseus (Callum Turner) seine alte Flamme Leta Lestrange (Zoë Kravitz) heiraten wird. Zwischendurch tauchen auch Jacob Kowalski (Dan Fogler) und Queenie Goldstein (Alison Sudol) auf; Erster hat sein Gedächtnis wieder, aber in der Beziehung der beiden kriselt es ziemlich, da Jacob Queenie nicht heiraten möchte, um sie nicht in Konflikt mit dem MACUSA zu bringen. Zudem erfährt Newt, dass Tina (Katherine Waterston) sich ebenfalls in Paris aufhält, um nach Credence zu suchen. Es kommt, wie es kommen muss: Die Fäden laufen zusammen, verheddern sich ordentlich und es folgt die Konfrontation mit Grindelwald, in dem sich die Fronten klären und jeder eine Seite wählen muss.

Verlorene Figuren
Wenn ich eine übergreifende Schwäche bei „Crimes of Grindelwald“ nennen müsste, dann wäre das wohl „Mangel an Motivation“, und zwar auf allen Ebenen. Der Vorgänger war zweifelsohne nicht frei von Schwächen, aber im Großen und Ganzen war klar, weshalb die Figuren tun, was sie tun.

Der Mangel an Motivation beginnt bereits bei der Wiedereinführung der Figuren des ersten Teils (wobei es hier sowohl den Figuren selbst als auch Rowling und Yates an Motivation fehlt). Wichtige Schritte in der Entwicklung der Figuren werden einfach übersprungen und in einem Halbsatz abgehandelt, wobei ganz nebenbei noch essentielle emotionale Elemente des ersten Films zerstört werden. Credence hat überlebt? Ja, man konnte in „Fantastic Beasts and Where to Find Them” sehen, dass sich ein Fetzen seines Obscurus-Wesens davon gemacht hat. Aber plötzlich ist er ohne Erklärung wieder völlig beieinander und kann seine Fähigkeiten offenbar weitaus besser kontrollieren als früher. Ähnlich verhält es sich mit Jacobs Gedächtnis. Es wirkt, als hätten Rowling und Yates schlicht keine Lust gehabt, sich mit diesen Elementen auseinanderzusetzen und sie deshalb einfach ignoriert, um zum gewünschten Ausgang zu gelangen.

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Jacob Kowalski (Dan Fogler) und Tina Goldstein (Katherine Waterston)

Auch die Konflikte zwischen den Figuren sind bestenfalls halbherzig und meistens einfach nur schlecht geschrieben. Jacob und Queenie waren im ersten Film äußerst liebenswert, jetzt sind sie einfach nur flach. Queenies gesamter Handlungsstrang in diesem Film ist völlig unlogisch und einfach nur daneben: Weil die Gesellschaft es ihr verbietet, den Mann zu heiraten, den sie liebt, verlässt sie diesen Mann, um sich dem Schwarzmagier anzuschließen, der Muggel gnadenlos zu unterdrücken gedenkt? Auch der Konflikt zwischen Tina und Newt funktioniert vielleicht in einer schlechten Soap, ist im Kontext dieses Films aber so fürchterlich erzwungen und gleichzeitig so banal, dass es schmerzt.

Mit den diversen neuen Figuren verhält es sich ähnlich. Sowohl der Konflikt zwischen Newt und Theseus als auch die Beziehung der beiden zu Leta Lestrange bleiben oberflächlich und undefiniert. Man merkt gerade eben so, dass Substanz hätte da sein können, hätte es nur die passende Motivation dazu von Rowling und Yates gegeben.

Insgesamt bleiben die Figuren, vor allem diejenigen, die neu eingeführt werden, fürchterlich blass und uninteressant. Gerade das ist vielleicht die größte Enttäuschung. Bei allem, was man den Harry-Potter-Romanen vielleicht vorwerfen kann, unmarkante Figuren gehören definitiv nicht dazu. Früher hatte Rowling stets ein Talent dafür, ihre magische Welt mit einprägsamen Charakteren zu bevölkern. Mitunter konnten die Filme sogar noch darauf aufbauen. Man erinnere sich nur an den von Peter Mullan gespielten Yaxley in „Die Heiligtümer des Todes Teil 1“. Eine kleine Rolle, ein verhältnismäßig unwichtiger Todesser, aber er bleibt im Gedächtnis. Kein Vergleich zu Grindelwalds Entourage, die ebenso blass wie austauschbar ist.

Verworrene Handlungsstränge
Im „Fantastic Beasts and Where to Find Thema” konnte David Yates eine im Grunde relativ geradlinige Handlung umsetzen, deren größte Schwäche war, dass die beiden Stränge sich nicht so recht miteinander verknüpfen wollten. „The Crimes of Grindelwald“ hat dieses Problem in noch weit, weit größerem Ausmaß. Hier merkt man schmerzhaft, dass J.K. Rowling eben eine Roman- und keine Drehbuchautorin ist, denn die Handlungskonstruktion des Films mit seinen diversen Subplots ist die eines Romans. Insgesamt denke ich tatsächlich, dass „The Crimes of Grindelwald“ als Roman vielleicht nicht gut, aber doch weitaus besser funktioniert hätte als als Film.

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Nagini (Claudia Kim) und Credence Barebone (Ezra Miller)

Die Handlungsstränge, von denen es hier eine ganze Menge gibt, sind separiert und finden kaum zusammen. Alles ist mit Figuren, Konflikten und Beziehungen überfrachtet, diese bleiben aber ohne Tiefe, alles wird nur oberflächlich angerissen. Zudem sorgen der Schnitt und einige ziemlich merkwürdige Entscheidungen (etwa die Close-ups zu Beginn) dafür, dass man als Zuschauer auch nicht investiert ist. Es gibt durchaus gelungene Einzelszenen und Set-Pieces, aber der Kontext ist stets misslungen. Actionszenen wirken oft aufgesetzt, unlogisch, unnötig oder dramaturgisch daneben. Das beginnt bereits bei Grindelwalds Flucht direkt zu Beginn, bei der ich bis jetzt noch nicht herausfinden konnte, weshalb sie auf diese Weise überhaupt nötig war – was bezweckt Grindelwald damit? Auch die Sequenzen, in denen neue Tierwesen auftauchen, um von Newt gebändigt zu werden, sind hier seltsam fehl am Platz und erwecken den Eindruck, man versuche die Gegenstücke aus dem ersten Film zu rekonstruieren. Immer wieder pausiert die eigentliche Handlung auf plumpe Weise, die Action entwickelt sich nie logisch aus dem Geschehen.

Und wo wir gerade von der Handlung sprechen: Auch die Vermittlung dessen, was eigentlich passiert, lässt ziemlich zu wünschen übrig. Manche Szenen sind mit Exposition geradezu vollgestopft, während bei anderen überhaupt nur vage klar ist, was warum geschieht. Natürlich, wer mit Rowling und den HP-Romanen intim vertraut ist, hat meistens keine Probleme, sich alles zusammenzureimen, aber alle anderen dürfte das frustrieren und/oder langweilen. Eines der unschönsten Beispiele ist der gesamte Subplot um die Familiengeschichte der Lestranges und ihre Verknüpfung mit Credence. Hier werden aufwendig Familienverhältnisse erklärt, ohne dass es letztendlich irgendwelche Auswirkungen hat, da es nur eine falsche Fährte ist und letztendlich völlig ohne Konsequenzen bleibt.

Dumbledore vs. Grindelwald
Trotz allem hat auch „The Crimes of Grindelwald“ die eine oder andere Stärke. Das in meinen Augen beste Element des Films ist fraglos Jude Law als junger Dumbledore. Er hat nicht viel Leinwandzeit, nutzt diese aber ausgezeichnet und mausert sich zum heimlichen Star dieses Films. Dabei spielt Law nicht spezifisch einen jungen Richard Harris oder Michael Gambon, sondern tatsächlich einen Dumbledore, der als jüngere Version beider Darsteller funktionieren könnte. Johnny Depp dagegen… die Zweifel, die ich schon seit „Fantastic Beasts and Where to Find Them” hatte, zeigen sich nun als gerechtfertigt. Johnny Depp ist als Schauspieler für meinen Geschmack zu markant und zu sehr mit anderen Rollen verknüpft, um in dieser wirklich funktionieren zu können. Jude Law kann ich problemlos als Dumbledore sehen, aber wenn Depp den Zauberstab schwingt, sehe ich Depp und nicht Grindelwald.

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Leta Lestrange (Zoë Kravitz) und Gellert Grindelwald (Johnny Depp)

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn man Colin Farrell nicht nur Grindewalds Deckidentität, sondern auch den tatsächlichen Schwarzmagier hätte spielen lassen. Leider wird Grindelwald in dem nach ihm benannten Film zu allem Überfluss auch noch nicht allzu gut charakterisiert und erinnert in seiner großen Rede irgendwie an Magneto. Das Problem dabei ist, dass seine Agenda schlecht dargestellt wird. Da sind einerseits die Elemente, die er sich mit Voldemort teilt und mit denen er die alten Reinblüter auf seine Seite ziehen will, gleichzeitig hat er aber auch nichts gegen Muggel, sodass er mit derselben Rede auch Queenie von sich überzeugen kann. Und dann sieht er mit seinen seherischen Fähigkeiten auch gleich noch den Zweiten Weltkrieg voraus. Alles ein wenig viel auf einmal, und zudem schafft Depp es einfach nicht, die diversen Facetten glaubhaft zu verkörpern, sodass Gellert Grindelwald sich problemlos in die Riege an blassen und unmotivierten Figuren dieses Films einreiht.

Harry Potters Vermächtnis
Ein Aspekt, der mir an „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ ziemlich gut gefiel, war der Umstand, dass man die Verknüpfungen zum Franchise im Großen und Ganzen subtil hielt. Es war zweifelsohne dieselbe Welt, aber an einem anderen Ort und zu anderer Zeit. Anspielungen blieben zumeist unaufdringlich und Yates und Rowling gelang es, das New York der Zaubererschaft als eigenständigen Handlungsort zu etablieren. Leider war man wohl der Meinung, dass das alles zu subtil war; „The Crimes of Grindelwald“ erinnert da eher an die Hobbit-Filme – hier wird grob recycelt, um Nostalgie zu erwecken. Wo New York als Handlungsort eigenständig war, ist Paris kaum mehr als ein bloßer Abklatsch. Es gibt eine französische Winkelgasse und ein französisches Zaubereiministerium; beide wirken rechtschaffen profillos und bekannt.

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Albus Dumbledore (Jude Law)

Die Franchise-Probleme reichen aber noch weitaus tiefer. Das Verhältnis dieses Films zu seinem Franchise erinnert mich ein wenig an „Batman v Superman: Dawn of Justice“. Die Handlung ist so konstruiert, dass man mindestens die HP-Filme und idealerweise die HP-Romane ziemlich gut kennen muss, um ihr vollständig folgen zu können. Gleichzeitig bricht dieser Film konstant die Regeln und packt einen Retcon nach dem anderen aus, der genau diejenigen, die der Film eigentlich ansprechen sollte, verärgert. Und das ist auch noch unnötig, weil das alles nicht zur eigentlichen Handlung beiträgt. Warum muss Professor McGongall bereits sieben Jahre vor ihrer Geburt in Hogwarts unterrichten? Ist es wirklich nötig, dass Dumbledore statt Verwandlung Verteidigung gegen die Dunklen Künste lehrt? Ja, die Szene mit dem Irrwicht deutet einen späteren Twist an (was an sich schon ein viel zu deutlicher Rückgriff auf „Der Gefangene von Askaban“ ist), aber wäre es nicht interessanter gewesen, einmal Galatea Merrythought zu zeigen, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichtet? Und dann ist da noch der Schlusstwist, der so gar keinen Sinn ergibt, zeitlich überhaupt nicht passt und, wenn Rowling noch halbwegs bei Sinnen ist, besser eine wilde Lüge von Grindelwald ist.

Fast genauso ärgerlich sind die unnötigen Gastauftritte. Nicolas Flamel (Brontis Jodorowsky) wird nur für billige Gags gebraucht und Nagini (Claudia Kim) ist sogar Gastauftritt und Retcon in einem: Da verpasst Rowling Voldemorts Schlange eine menschliche Identität und einen komplizierten Fluch, um dann praktisch nichts mit ihr zu machen. Nagini ist ein reines Anhängsel für Credence, hat keinen Handlungsbogen, keine Motivation und auch keinen Grund, warum sie überhaupt im Film ist, außer um eventuell etwas für kommende Sequels vorzubereiten.

Ein weiteres Problem, das bereits im ersten Film in Ansätzen zu sehen war, ist die Potenz der Magie. In den Romanen waren die Regeln der Magie zugegebenermaßen auch nicht immer völlig konsistent, aber was in diesen beiden Filmen gezaubert wird, lässt selbst die Erwachsenen Harry-Potter-Figuren amateurhaft wirken. Schon der Wiederaufbau von New York im ersten Teil war zu viel des Guten, aber Grindelwalds blauer Feuerdämon ist endgültig over the top. Das ist Magie auf Warcraft-Level, die in diesem Universum fehl am Platz wirkt und zum hohlen Spektakel ausartet. Nebenbei: Warum ist die Zaubererwelt nach allem, was in diesem Film passiert ist, überhaupt noch geheim?

Fazit: „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald” ist leider ein Sequel, das weit hinter dem zwar nicht herausragenden, aber doch sehr soliden ersten Teil zurückbleibt. Unmotivierte Figuren tummeln sich in einer überfrachteten, schlecht konstruierten Story, die zu allem Überfluss den Kanon des „Potterverse“ (meinetwegen auch der „Wizarding World“) ernsthaft in Mitleidenschaft zieht. Ab in die Potter-Ecke der Schande zu „The Cursed Child“.

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Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

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Story: Wir schreiben das Jahr 1926. Der Zoologe Newt Scamander (Eddie Redmayne) kommt mit einem Koffer voller magischer Tierwesen nach New York, um ein bestimmtes Exemplar in der Wildnis auszusetzen. Dummerweise stellt er sich äußerst ungeschickt an und verstrickt den Muggel (bzw. No-Maj) Jacob Kowalski (Dan Fogler) in die Sache, sodass es schließlich kommt, wie es kommen muss: Diverse Tierwesen entkommen. Natürlich bleibt das nicht unbeachtet. Tina Goldstein (Katherine Waterstone), Angestellte des MACUSA (The Magical Congress of the United States of America, amerikanisches Gegenstück des Zaubereiministeriums) hilft Newt mehr oder weniger freiwillig, während der Auror Percival Graves (Colin Farrell) der ganzen Angelegenheit sehr misstrauisch gegenübersteht, vor allem, da ein unbekanntes magisches Wesen bereits seit einiger Zeit in New York Chaos anrichtet…

Kritik: Als David Yates zum Potter-Franchise kam, war alles schon etabliert: In vier Filmen hatte man die meisten wichtigen Figuren bereits besetzt, Designentscheidungen getroffen, den Ton etabliert etc. Hätte David Yates bereits bei „Harry Potter und der Stein der Weisen“ Regie geführt, wäre das Ergebnis vielleicht ganz ähnlich ausgefallen wie „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“. Vor allem zwei Dinge haben mich an diesem Film besonders beeindruckt: Zum einen ist es erstaunlich, wie frisch die Magische Welt, die Yates den Zuschauern hier präsentiert, ist, und wie viel Enthusiasmus er auch nach vier Potter-Filmen noch für sie hat. Und zum anderen ist es höchst erfreulich, dass es Yates gelingt, den typischen Prequel/Spin-off-Fallstricken auszuweichen. Anders als beispielsweise die Hobbit-Trilogie, in der es ständig erzwungene Anspielungen auf die HdR-Filme gab, gelingt es „Phantastische Tierwesen“ trotz der Tatsache, dass er in einer bereits etablierten Welt spielt, eigenständig zu bleiben. Ein paar Querverweise gibt es natürlich, aber keiner davon wirkt erzwungen, die Erwähnungen von Hogwarts und Dumbledore wirken passend und natürlich. Es gibt keine direkt übernommenen Kameraeinstellungen, unnötige Gastauftritte oder ähnliches; Yates hat derlei nicht nötig, um der Bildsprache des Franchise treu zu bleiben.

Für Potter-Fans wie mich ist „Phantastische Tierwesen“ darüber hinaus auch anderweitig eine erfrischende Erfahrung: Zum ersten Mal kann man sich völlig auf die Magische Welt einlassen, ohne dass man nebenbei vergleicht, wo die Vorlage verändert oder wo etwas ausgelassen wurde. Dem Namen nach basiert dieser Film zwar auf einem von J. K. Rowling verfassten Buch, aber bei diesem Buch handelt es sich um ein enzyklopädisches Werk, das zur Schullektüre von Hogwarts gehört, dessen Entstehung im Film thematisiert wird. Dementsprechend ist Newt Scamander, der fiktive Autor besagten Werkes, auch der Protagonist des Films. Das Drehbuch stammt ebenfalls aus J. K. Rowlings Feder, weshalb dieser Film wohl als vollwertige Ergänzung nicht nur zu den Filmen, sondern auch zu den Romanen zu werten ist.

In erster Linie ist „Phantastische Tierwesen“ eine Entdeckungsreise durch das magische New York der 20er, gespickt mit kreativen Tierwesen und höchst liebenswerten Figuren. Gerade das primäre Quartett weiß den Zuschauer sofort für sich einzunehmen, besonders Jacob und Tinas Schwester Queenie (Alison Sudol) sind wirklich knuffig. Zugegebenermaßen ist Newt manchmal wirklich extrem naiv und blauäugig. Auch Colin Farrell macht als bedrohlicher Auror seine Sache sehr gut. Allerdings gibt es zu dem Twist, den seine Figur umgibt, noch das eine oder andere zu sagen, was ich allerdings in einem separaten Artikel tun werde. Insgesamt ist „Phantastische Tierwesen“ ein eher gemütlicher und freundlicher Film, der weder konstante Action und Nervenkitzel, noch dauernde Intensität besitzt und diese auch nicht braucht. Hin und wieder schimmert allerdings die Düsternis durch, die man aus den Yates’schen Potter-Filmen kennt und die in den kommenden Fortsetzungen wahrscheinlich zunehmen wird. Die Altersfreigabe ab sechs Jahren finde ich jedoch eher grenzwertig.

Die größte Schwäche des Films ist in meinen Augen die Verknüpfung der Haupthandlung um Newt Scamander mit dem B-Plot, in dessen Zentrum Credence Barebone (Ezra Miller) und die New Salem Philanthropic Society steht. Grundsätzlich finde ich es gut, dass Muggel (bzw. No-Majs) hier eine größere Rolle spielen als es in den Harry-Potter-Romanen und -Filmen der Fall war. No-Maj- und Zaubererwelt sind hier weitaus weniger separiert, als es bei HP der Fall war. Gerade eine Muggel-Organisation, die sich gegen Hexen und Zauberer richtet, finde ich sehr begrüßenswert. Leider bleiben die Second Salemers sehr blass und werden kaum als Bedrohung inszeniert, sie sind eher eine Randerscheinung. Zusätzlich ist der Handlungsstrang um Credence und Graves nur marginal mit dem Rest verbunden. Zwar gibt es zwischen Tina und Credence eine Verbindung, aber diese ist minimal. Im Finale finden die Handlungsstränge dann schon zusammen, aber so ganz passt es nicht und hat auch nicht die Wirkung, die es hätte haben können, wären die Plots ordentlich miteinander verknüpft.

Fazit: Anders als „Harry Potter and the Cursed Child“ ist „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“, trotz des ziemlich sperrigen Titels, eine gelungene Erweiterung des Franchise, der es trotz einiger erzählerischer Schwächen gelingt, die Magische Welt wieder frisch und neu erscheinen zu lassen.

Trailer

Siehe auch:
Harry Potter and the Cursed Child

Harry Potter and the Cursed Child

Spoilerificus totalus! Wer nichts wissen will, liest nicht weiter!
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Harry Potter war ein wichtiger Teil meiner Kindheit und Jugend. Da ich ziemlich genauso alt bin wie Daniel Radcliff (und zu allem Überfluss auch noch am 31. Juli Geburtstag habe, genau wie Harry und seine Schöpferin) hab ich praktisch das perfekte Alter – als Band 7 erschien, war ich 17 Jahre alt. Ich entdeckte die Serie noch während meiner Grundschulzeit, verschlang die ersten drei Bände und wartete von diesem Zeitpunkt begierig auf jedes neue Buch und jeden neuen Film. Erst „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ schaffte es, meine Begeisterung zu bremsen; nach wie vor bin ich mit dem Ausgang der Serie nicht zufrieden. Dennoch, wer sich so sehr in ein Franchise vertieft, kommt davon nicht mehr los, wie man vielleicht merkt, wenn man die Harry-Potter-Kategorie dieses Blogs durchstöbert. Wie dem auch sei, dieses Jahr erlebt das Franchise eine Revitalisierung an zwei Fronten: Zum einen kommt das Prequel bzw. Spin-off „Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ im November ins Kino und zum anderen gibt es ein weitere Fortsetzung von Harrys Geschichte, und zwar auf der Theaterbühne. „Harry Potter and the Cursed Child“ feierte seine Premiere nach diversen Previews am 30. Juli 2016, einen Tag später wurde das Skript des Stückes veröffentlicht, und das möchte ich hier nochmal deutlich betonen, weil man immer wieder von falschen Erwartungen hört, mit denen die Leute an dieses Buch herangehen: Es ist keine Romanfassung des Stückes, es ist ein tatsächliches Skript, das nur aus Dialog und Regieanweisungen besteht. Und es wurde auch nicht von J. K. Rowling allein verfasst, die Geschichte des Stückes stammt von ihr, für die Dramatisierung ist jedoch vornehmlich der Theaterautor Jack Thorne verantwortlich, und auch John Tiffany, der Regisseur, hat seinen Teil beigetragen.

Bevor ich den Inhalt bespreche, noch eine kurze Warnung vorweg: Ich hab das Stück nicht gesehen, alles Folgende bezieht sich ausschließlich auf das im Handel erhältliche Skript. Das könnte vor allem deshalb wichtig sein, weil die eigentliche Aufführung zumeist sehr positiv bewertet wird, was sich über das Skript nicht sagen lässt.

Nun denn, frisch ans Werk. „Harry Potter and the Cursed Child“ beginnt genau dort, wo „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ endet, tatsächlich sind die ersten beiden Szenen eine erweiterte Version des bereits bekannten Epilogs. Wir folgen Albus Severus Potter, der bald mit Scorpius Malfoy Freundschaft schließt, nach Hogwarts wo er, entgegen aller Erwartungen, vom sprechenden Hut nach Slytherin gesteckt wird. Schon bald stellt sich heraus, dass Albus, wie auch sein Vater, mit der eigenen Berühmtheit zu kämpfen hat, allerdings geht er damit ganz anders um als Harry, was unter anderem dazu beiträgt, dass sich das Verhältnis zwischen beiden ziemlich verschlechtert. Die ersten vier Schuljahre von Albus werden knapp in einigen Einzelszenen thematisiert, die eigentliche Handlung beginnt im vierten Schuljahr. Albus‘ Unzufriedenheit wächst immer weiter und auch Scorpius hat seine Probleme, da das Gerücht umgeht, er sei in Wahrheit nicht der Sohn von Draco Malfoy, sondern von Lord Voldemort. Die Situation eskaliert, als Harry eines Tages Besuch von Amos Diggory erhält, der über den Verlust seines Sohnes Cedric immer noch verbittert ist, Harry die Schuld gibt und ihn dazu überreden möchte, besagten Tod mithilfe eines Zeitumkehrers, der beschlagnahmt wurde, zu verhindern. Harry lehnt ab, doch Albus und Skorpius werden von Amos‘ Nichte Delphini dazu angestiftet, den Plan auszuführen, und es kommt wie es kommen muss: In bester Zurück-in-die-Zukunft-Manier bricht temporales Chaos aus mit allem was dazugehört: Rückkehr in die Vergangenheit, Logiklöcher, dumme, dumme Entscheidungen und alternative Zeitlinien.

Der häufigste Kritikpunkt an „Harry Potter and the Cursed Child“ ist, dass es sich wie Fanfiction liest. Da möchte ich ein wenig differenzieren: Es gibt durchaus Fanficitions, an das Niveau des Originals herankommen oder es sogar in einigen Aspekten übertreffen, die Welt sinnvoll und glaubhaft erweitern und qualitativ hochwertig sind. „Harry Potter and the Cursed Child“ erinnert an schlechte Fanfiction. Wer einschlägige Archive durchstöbert, wird sehr schnell auf Geschichten stoßen, die sich derselben Elemente bedienen. Am deutlichsten wird das, wenn man sich Delphini betrachtet: Diese Figur, in Wahrheit nicht Amos Diggorys‘ Nichte, sondern Lord Voldemorts Tochter, schreit geradezu nach schlechter Fanfiction, nicht nur ist sie als Figur flach und schlecht konstruiert, ihre bloße Existenz ist höchst unlogisch. Alles in allem ist „Harry Potter and the Cursed Child“ kaum eine wirkliche Weiterführung der Serie, das Stück ist in höchstem Maße selbstreferenziell, ohne dem bereits Bekannten eine neue Seite abzugewinnen. Schlimmer noch: Wie schon in „Die Heiligtümer des Todes“ werden dem Voranschreiten der Handlung oftmals die Figuren und die Logik der erzählten Welt geopfert. Gerade in Details passt vieles oft nicht zur bereits etablierten Welt der Romane. Als bestes Beispiel fungiert die alternative Zeitlinie, in der Voldemort den Krieg gewonnen und Dolores Umbridge Schulleiterin von Hogwarts ist. In einer Welt, die von Voldemort regiert wird, nimmt jeder problemlos seinen Namen in den Mund, der Gruß des Regimes ist „Voldemort and Valour“. Das passt in meinen Augen überhaupt nicht zu dem Voldemort, der Jahrzehnte lang daran gearbeitet hat, dass sein Name gefürchtet wird wie der keines anderen Zauberers.

Trotz allem gibt es durchaus auch einige positive Aspekte: Mir gefiel Grundkonstellation der Figuren, die Tatsache, dass Albus Severus in Slytherin landet und sich mit Scorpius anfreundet (wobei „anfreundet“ eigentlich untertrieben ist). In manchen Dialogzeilen und Witzen schimmert darüber hinaus die alte Magie durch und man erinnert sich, wie es war, die alten Harry-Potter-Bände zum ersten Mal zu lesen. Leider ändert das kaum etwas daran, dass die Handlungen der Figuren mitunter so absurd und idiotisch und viele Wendung fürchterlich unlogisch und weit hergeholt sind, dass „Harry Potter and the Cursed Child“ mitunter wie eine Selbstparodie wirkt.

Dennoch muss ich zugeben, wenn sich mir die Gelegenheit bieten würde, ich würde mir das Stück ansehen, denn die Bühnenumsetzung des Skripts macht mich schon neugierig, denn was man so dort liest, klingt höchst aufwendig, wenn es nicht gerade eine absolut minimalistische Inszenierung sein sollte.

Fazit: Vielleicht machen Darsteller und Bühnenmagie ja einen Unterschied, aber als Skript weiß „Harry Potter and the Cursed Child“ absolut nicht zu überzeugen, die Handlung gleicht einer unausgegorenen Fanfiction, die außer Referenzen und Logiklöchern nur wenig zu bieten hat.

Blogparade: Jesus 2.0 – Die sieben besten Erlöser

Spoiler zu „Game of Thrones Staffel 5“ und „Batman v Superman: Dawn of Justice“

Die singende Lehrerin hat mal wieder zu einer interessanten Blogparade aufgerufen, dieses Mal passend zu Ostern mit dem Thema „messianische Erlöserfigur“. Auserwählte, die sich selbst opfern und mit ihrem Tod die Welt retten, gibt es für meinen Geschmack in der Populärkultur leider viel zu viele. Natürlich ist klar, weshalb: Die Passion Christi (ich meine nicht den Mel-Gibson-Film) ist nun mal eine der grundlegenden Geschichten der christlich geprägten Welt, und auch in anderen Erdteilen ist dieses Konzept alles andere als unbekannt. In der Zwischenzeit gibt es so viele Versionen des Pseudo-Jesus, dass das Konzept einfach nicht mehr interessant ist, besonders, weil kaum jemand es schafft, dem Ganzen eine neue Facette abzugewinnen. Wie dem auch sei, hier sind meine sieben Jesus-Verschnitte, die Reihenfolge ist willkürlich.

Anakin Skywalker („Star Wars“)
Die von Joseph Campbell dargestellte Heldenreisethematik und das Erlöserkonzept gehen oft Hand in Hand – nur allzu oft ist der arme Bauernjunge, der unverhofft zum Helden wird, auch gleich von Gott oder einer anderen höheren Macht auserwählt, die Welt zu retten oder, wie in diesem Fall, der Macht das Gleichgewicht zu bringen. Luke Skywalker würde sich im Kontext dieser Blogparade vielleicht auch anbieten, aber der eigentliche Auserwählte ist Anakin. Während die Jesus-Parallelen bei Luke eher subtil sind, hat sich George Lucas bei Anakin kaum zurückgehalten. Er ist der Auserwählte, dessen Ankunft vor tausenden von Jahren prophezeit wurde, das Resultat einer unbefleckten Empfängnis und am Ende opferte er sich schließlich, um das Böse endgültig in seine Schranken zu weisen. Gut, Jesus hat sich nie temporär mit Satan verbündet, Kinder abgeschlachtet und für eine brutale Diktatur Armeen in die Schlacht geführt, aber von diesen kleinen Details einmal abgesehen sind die Parallelen wirklich überdeutlich.

Frodo/Gandalf („Der Herr der Ringe“)
Professor Tolkien war überzeugter Katholik und das zeigt sich auch im „Herrn der Ringe“, wenn man zwischen den Zeilen liest. Allerdings hatte er auch eine ausgeprägte Abneigung gegenüber Allegorien, weshalb sich zwar bei einigen Figuren seines Werkes gewisse Parallelen zu Jesus finden, aber keine wirklich als „Christus von Mittelerde“ gelten kann (anders als bei gewissen anderen Fantasy-Autoren). Frodo ist natürlich das offensichtlichste Beispiel, er durchlebt einen Leidensweg, um Mittelerde zu retten. Allerdings ist er keine wirklich messianische Figur, seine Ankunft wurde nicht prophezeit, er ist höchstens ein impliziter Auserwählter, primär gelangt er an den Ring durch Zufall (sofern wir hier nicht von einem göttlichen Plan ausgehen), behält ihn auch nur, weil es für die Freien Völker so am sichersten und stirbt auch keinen Opfertod inklusive Auferstehung, um die Welt zu erlösen. Sein Ende erinnert viel eher an das von König Artus, der auf Avalon Ruhe findet, um seine tiefen Wunden heilen zu lassen. Gandalf ist derjenige, der einen Opfertod stirbt, damit die Gefährten fliehen können, und dann wieder zurückkehrt, um seine Aufgabe zu vollenden. Diese Aufgabe ist im Vergleich zu Frodos allerdings sekundär, im Grunde verhindert nur Kollateralschäden und sorgt für Ablenkung. Bis auf Opfertod und Auferstehung hat Gandalf viel mehr mit dem nordischen Gott Odin oder dem finnischen Zauberer Vainämöinen gemein als mit Jesus.

Aslan („Die Chroniken von Narnia“)
C.S. Lewis war ein Zeitgenosse und Freund Tolkiens und nach seiner Konvertierung ebenso überzeugter Christ, wenn auch anglikanisch und nicht katholisch. Mit seiner siebenbändigen Narnia-Reihe hat er ebenfalls einen Klassiker der Fantasy-Literatur verfasst, anders als Tolkien arbeitet Lewis bezüglich der christlichen Inhalte aber mit dem Holzhammer. Aslan besitzt nicht nur Eigenschaften von Jesus, Aslan IST Jesus – C.S. Lewis hat selbst einmal erklärt, er habe sich überlegt, welche Gestalt Jesus wohl in einer anderen Welt, in diesem Fall Narnia, annehmen würde. Zwar mag er ein Löwe sein, aber ansonsten passt alles: Aslan ist der Sohn des Kaisers jenseits des Meeres (wer damit wohl gemeint sein könnte?) und in „Der König von Narnia“ opfert er sich, geht als Lamm zur Schlachtbank, wird gequält, hingerichtet, steht wieder auf und beißt der Weißen Hexe den Kopf ab. Alles vollkommen biblisch.

Harry Potter („Harry Potter“)
Und nochmal ein Auserwählter, der den Opfertod stirbt. Um ehrlich zu sein: Harry Potters Selbstopfer gehört zu den Aspekten, die mir „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ kräftig vermiest haben. Nicht nur ist diese Wendung, wie bereits erwähnt, in meinen Augen ziemlich ausgelutscht, Aufbau und Hinführung sind auch noch so fürchterlich schlecht konstruiert und uninspiriert (Stichwort Elderstab). Damit Jesus-Harry sich am Ende nicht selbst die Hände schmutzig macht, muss Voldemort von seinem eigenen Zauber getötet werden – schon wieder. Ich bin da immer noch traumatisiert.

Neo („Matrix“)
Selbst in einer von Maschinen beherrschten Welt, in der Gott eigentlich keine Rolle spielt (zumindest oberflächlich betrachtet), ist man vor einem Pseudo-Jesus nicht sicher. Die ganze Angelegenheit ist äußerst konfus, maschineninhärent und Wiedergeburt spielt offenbar auch eine Rolle, weil Neo der sechste Auserwählte ist und im Grunde nur als Systemneustart der Matrix funktionieren soll. Neo durchbricht jedoch den Kreislauf und, wie könnte es anders sein, opfert sein Leben, um die Menschheit zu retten. Er wird nicht ans Kreuz genagelt, sondern prügelt sich zu apokalyptisch-grandioser Musik mit Agent Smith und darf auch nicht wiederkommen (immerhin da sind die Wachowskis konsequent, jedenfalls bis Warner beschließt, dass ein weiteres Matrix-Sequel her muss), aber es ist trotzdem eine Holzhammer-Allegorie.

Superman („Superman“)
Eine weitere Figur mit mehr Jesus-Parallelen, als ihr gut tun. Das fängt schon beim kryptonischen Namen an: Kal-EL (hochsubtil). Für Supermans Ursprungsgeschichte haben seine Schöpfer Jerry Siegel und Joe Shuster praktisch die Erzählungen von Moses und Jesus miteinander verknüpft und in ein Science-Fiction-Setting verfrachtet. In den Comics (zumindest den meisten) hat man sich inzwischen dankenswerterweise von der Jesus-Symbolik ein wenig distanziert, aber die diversen Filme tragen diesbezüglich noch einmal richtig dick auf. In Richard Donners „Superman“ von 1978 sagt Jor-El doch tatsächlich: „Live as one of them, Kal-El, to discover where your strength and your power are needed. But always hold in your heart the pride of your special heritage. They can be a great people, Kal-El, they wish to be. They only lack the light to show the way. For this reason above all, their capacity for good, I have sent them you… my only son.” Während das schon ziemlich plakativ ist, hat Zack Snyder aber wirklich den Vogel abgeschossen: „Man of Steel“ quillt nur so über vor Jesus-Symbolik. Superman hatte eine spezielle Geburt (das erste kryptonische Kind seit langer Zeit, das natürlich geboren wurde), ist in diesem Film 33 und wird ständig im Kontext christlicher Bildsprache gezeigt, als Kreuz, in der Kirchenszene sieht man seinen Kopf neben einer Abbildung Christi als Gleichgestellte etc. Damit auch wirklich der Letzte kapiert, was hier ausgedrückt werden soll. Und in „Batman v Superma: Dawn of Justice“ geht’s genau so weiter, Lex Luthor spricht ständig in religiösen Metaphern, der Kryptonitspeer erinnert an einen gewissen anderen Speer und dann ist da natürlich Supermans Opfertod samt angedeuteter Auferstehung. Als ob das noch nicht genug wäre, kam der Film auch noch in der Karwoche in die Kinos. Wirklich?

Azor Ahai („A Song of Ice and Fire“)
Der wahrscheinlich interessanteste Eintrag auf dieser Liste stammt aus Geore R.R. Martins nach wie vor unvollendeter Fantasy-Reihe (wo bleibt „The Winds of Winter“?). Azor Ahai ist ein legendärer Held, der viele tausend Jahre vor der eigentlichen Handlung der Romane gegen finstere Mächte kämpfte und seither als Messias-Figur für den Glauben der Roten Priester fungiert. Die Anhänger des Feuergottes R’hllor glauben, Azor Ahai würde eines Tages wiederkehren, um die Finsternis endgültig zu besiegen. Melisandre, die mit Abstand prominenteste Vertreterin dieser Religion in den Romanen, vermischt die Prophezeiung von Azor Ahais Wiederkehr mit einer anderen Weissagung bezüglich des „prince that was promised“, der zwischen Fels und Salz geboren und dessen Ankunft von einem roten Kometen begleitet wird. Melisandre selbst glaubt, Stannis Baratheon sei besagter Prinz und damit auch der wiedergeborene Azor Ahai. Es gibt jedoch diverse andere Kandidaten, nicht zuletzt Daenerys Targaryen oder Jon Snow. Da Letzterer am Ende von „A Dance with Dragons“ das zeitliche gesegnet hat, könnte er sogar wieder auferstehen, was ihn noch messianischer machen würde. Aber so wie ich George R.R. Martin kenne, wird die Antwort sicher nicht simpel sein und einen besonderen Twist haben.

Blogparade: Buch vs. Film

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In den letzten beiden Wochen hatte ich recht wenig Zeit zum Schreiben, eine Blogparade ist da genau der richtige Anreiz, besonders, wenn es zum Thema so viel zu sagen gibt wie zu diesem. Initiatorin ist Miss Booleana, und der Titel lautet „Buch vs. Film“. Adaption ist ein Thema, das mich grundsätzlich sehr interessiert und mit dem ich mich auch immer wieder beschäftige. Viel zu oft hört bzw. liest man Sätze wie „Das Buch ist immer besser“, was freilich eine völlig unreflektierte, verallgemeinerte und pauschalisierte Aussage ist, und derartigen Aussagen kann ich einfach nichts abgewinnen.

Letztendlich stellt sich die Frage: Was macht eine gute Adaption aus? Ich will ungern allgemeingültige Aussagen treffen, denn letztendlich sollte man sich jedes Werk individuell betrachten, aber ich will dennoch versuchen, etwas Umfassenderes zu dieser Frage zu sagen. Einerseits gibt eine Adaption, die sich so genau wie möglich an die Vorlage hält, meistens kein besonders gutes Werk ab. Wann immer man eine Geschichte von einem Medium ins andere überträgt, muss man zwangsläufig Abstriche machen. Stilmittel, die in der Literatur funktionieren, wirken in Filmen oft bestenfalls komisch. Innere Monologe sind dafür ein gutes Beispiel. Natürlich gibt es Ausnahmen, in „Sin City“ funktionieren diese beispielsweise auch im Film (dazu später mehr), aber meistens läuft es doch wie bei David Lynchs Adaption von Frank Herberts „Dune: Der Wüstenplanet“. Dort wurden die inneren Monologe auch in den Film integriert – und das Ganze funktioniert einfach nicht.

Andererseits hat die Adaption gegenüber der Vorlage schon eine gewisse Verantwortung. Wenn ein Studio bzw. ein Filmteam sich dazu entscheidet, ein Werk zu adaptieren, dann sollen sie doch bitte auch das Werk adaptieren und nicht einfach irgendetwas machen, das mit der Vorlage nichts mehr zu tun hat, denn wieso sollte man dann überhaupt adaptieren, wenn man ohnehin sein eigenes Ding dreht? Eine Adaption kann und soll der Vorlage nicht minutiös folgen, doch ich denke, der „Geist“ des ursprünglichen Werkes sollte erhalten bleiben. Ob und in wie weit das der Fall ist, ist natürlich wieder sehr diskutabel.

Freilich sollte man auch hier ein wenig differenzieren: Wie die meisten anderen Menschen auch messe ich mit mehreren Maßstäben; wenn mir das ursprüngliche Werk egal ist, ich es nicht kenne oder nicht schätze, stört mich eine freie Adaption nicht besonders und dann interessiert es mich nicht, ob der Geist der Vorlage erhalten geblieben ist. Auch bei Werken, die schon mehrfach adaptiert wurden, kann eine freiere Interpretation interessant sein – ich meine hiermit klassische Geschichten, die seit Jahrzehnten, Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden in verschiedener Form immer und immer wieder erzählt wurden, von der Odysee über Dracula bis hin zu Batman. Ein gewisse Gemeinsamkeit mit der Vorlage, ein gemeinsamer Nenner, sollte aber auch hier vorhanden sein.

„Der Herr der Ringe“ vs. „Der Herr der Ringe“
Beginnen wir mit einer Adaption, die gemeinhin als positives Beispiel für den Wechsel einer Geschichte von Buch zu Film gilt. Freilich gibt es da Tolkien-Puristen, die dem vehement widersprechen würden, ich persönlich teile allerdings die Ansicht, dass es sich bei Peter Jacksons HdR-Trilogie um eine hervorragende Adaption von Tolkiens Werk handelt. Grundsätzlich scheuen Jackson und seine Drehbuch-Co-Autorinnen Fran Walsh und Philippa Boyens sich nicht davor, einige Abläufe und Elemente doch recht stark zu verändern. Manches davon ist fast schon unumgänglich: In „Die Gefährten“ funktioniert der lange Anfang im Auenland in Filmform einfach nicht, speziell, wenn der Film nicht sechs bis sieben Stunden lang sein soll. Ähnlich verhält es sich mit Tom Bombadil, der zur eigentlichen Geschichte praktisch nichts besteuert. Oftmals gehen Jackson und Co. allerdings noch einige Schritte weiter, was letztendlich mit der Natur der Vorlage zusammenhängt. Professor Tolkien ist ein genialer Sprach- und Weltenschöpfer, der seine Sekundärwelt mit einem Detailgrad ausgestattet hat, den man in anderen Werken selten findet. Dramaturgie zählt allerdings nicht unbedingt zu seinen Stärken – wobei das ein wenig vereinfacht ausgedrückt ist. Vielmehr sollte man sagen: Tolkiens Sinn für Dramaturgie war sehr eigen, geprägt von den nordischen Sagen und Epen, auf denen Mittelerde letztendlich basiert. Sowohl im „Herrn der Ringe“ als auch in seinen anderen Werken tut Tolkien Dinge, vor denen Standardwerke über Literatur und Grundkurse für kreatives Schreiben warnen und die heute wohl kein Lektor mehr akzeptieren würde. Gerade deshalb ist der „Herr der Ringe“ ein ziemlich einzigartiges Werk – aber viele dieser Kniffe, etwa die strikte Trennung zwischen Frodo und Sam und dem Rest der Gefährten in „Die zwei Türme“, funktionieren in einem Film einfach nicht, weshalb stärkere Anpassungen nötig sind.

Schließlich und endlich würde ich behaupten, dass Jackson Tolkiens Roman nicht nur einfach adaptiert hat, er hat ihn auch, gerade was Struktur und Charaktere angeht, zugänglicher gemacht und ergänzt ihn somit. Zwar geht an einigen Stellen Tolkiens Liebe zum Detail und die inhaltliche Komplexität der Vorlage verloren, allerdings haben die Filmemacher ihren ganz eigenen Sinn für Komplexität, der sich an den Kulissen, den Kostümen oder der Musik (ganz besonders der Musik) zeigt. Und die Vereinfachungen und Änderungen haben in meinen Augen letztendlich keine Auswirkungen auf Geist oder Botschaft der Vorlage. Mehr noch, die Filme folgen der Handlung im Groben ziemlich gut, besonders wenn man bedenkt, was ein „normaler“ Filmemacher vielleicht mit der Geschichte getan hätte (in Tom Shippeys „Der Weg nach Mittelerde“ findet sich hierzu eine passende Anekdote).
Sieger: Unentschieden

„Der Hobbit“ vs. „Die Hobbit-Trilogie“
Die Hobbit-Trilogie ist ein sehr interessanter Fall, gerade, weil sie von denselben Machern kommt wie die HdR-Trilogie und auch weil es nicht die üblichen Faktoren sind, die die Schwächen dieser Adaption ausmachen. Normalerweise geht es darum, was geändert oder weggelassen wurde: Filme haben gemeinhin weniger inhaltliche Kapazität als Romane, weshalb beides unumgänglich ist. In der Hobbit-Trilogie wurde allerdings kaum etwas weggelassen, und selbst die Änderungen sind nicht größer als bei den HdR-Filmen. Hier sind es die Dinge, die Jackson und Co. hinzugefügt haben, die Probleme bereiten, sodass man sich letztendlich fragt, wer die eigentlichen Hauptfiguren sind: Thorin und Bilbo oder Legolas, Tauriel und Alfrid.

Das Scheitern der Hobbit-Trilogie ist insofern schade, da ich denke, dass das Vorhaben hätte gut gelingen können, hätte Jackson es bei zwei Filmen belassen und sich auf Tolkiens Material konzentriert statt Romanzen und sinnlose Action hinzuzufügen. Auch „Der Hobbit“ ist dramaturgisch nicht wirklich leicht umzusetzen, da er sich aus diversen Episoden zusammensetzt, die kaum zusammenhängen; die eigentliche Haupthandlung beginnt erst, nachdem Bilbo und die Zwerge in Esgaroth angekommen sind. Hinzu kommt die Tendenz des Professors, nur wenige Figuren wirklich zu charakterisieren. Diesbezüglich gibt es bei Jackson einige sehr gute Ansätze, besonders bei Bard und Thranduil. Auch an anderen Stellen ist immer wieder die alte Magie zu spüren, aber dann…

Bereits in der HdR-Trilogie arbeitete Jackson oftmals konträr zu Tolkiens Sinn fürs Dramatische: Wo der Professor eher dazu neigt, Ereignisse ein wenig undramatisch zu gestalten, tendiert der Regisseur zur Überdramatisierung. Beim „Herrn der Ringe“ hält sich das bis auf ein, zwei Ausrutscher aber noch in Grenzen, in der Hobbit-Trilogie übertreibt er es aber wirklich mit geradezu exzessiven Szenen, die jeglicher Logik und jeglichen Gesetzen der Physik spotten.

Die Verfilmung des „Hobbit“ war letztendlich ein ambitioniertes Projekt, das gescheitert ist. Der Roman war weitaus weniger ambitioniert, eine Abenteuergeschichte für Kinder, aber letztendlich funktioniert er, besonders, wenn man ihn sich vom Rest Mittelerdes losgelöst betrachtet, einfach besser.
Sieger: Buch

„Watchmen“ vs. „Watchmen“
Alan Moores „Watchmen“ gilt zu Recht als Meisterwerk der graphischen Literatur, als Meilenstein des Medium Comics und als gelungene Dekonstruktion des Superheldengenres. Die gleichnamige Filmadaption gilt ebenfalls zurecht als Zack Snyders bester Film – wobei ich gestehen muss, dass Letzteres weitaus weniger beeindruckend ist als Ersteres, denn Snyders Œuvre ist doch eher durchwachsen. „300“ funktioniert noch ganz gut als Guilty Pleasure, der Rest dagegen ist optisch zwar meistens ganz interessant, aber inhaltlich doch eher mau (nun gut, auf „300“ trifft das eigentlich auch zu, ich habe nur eine gewisse Affinität dafür). Ich denke, Snyders Problem ist vor allem, dass er zwar weiß, wie man coole Bilder auf die Leinwand zaubert, diese aber stets reines Gimmick bleiben und er keine Ahnung hat, wie er seine Stilmittel einsetzen muss, um eine gute Geschichte zu erzählen, egal ob es sich dabei um die Zeitlupe in „300“ oder die Shaky-Cam in „Man of Steel“ handelt; der Einsatz seiner Stilmittel wirkt stets ziemlich willkürlich.

Die beste und gleichzeitig schlechteste Entscheidung von Snyder war es, sich sehr eng an die Vorlage zu halten. Die beste, weil „Watchmen“ einfach eine verdammt gute Geschichte hat und Snyder trotz allem ein relativ gutes Händchen dabei beweisen hat, diese Geschichte visuell umzusetzen und den eigentümlichen Stil bzw. die Farbgebung des Comics gelungen in Filmform zu bringen. Nach wie vor gibt es diverse stilistische Gimmicks, die im Grunde sinnlos sind, aber auch (zumindest mich) nicht weiter stören. Ebenfalls gelungen ist die Darstellung der Figuren; Snyder verzichtete darauf, „Watchmen“ mit großen Namen zu besetzen, sodass die Figur und nicht der Schauspieler im Vordergrund steht, was vollständig aufgeht. Die Tatsache, dass die Vorlage wirklich außergewöhnlich tiefgründig, hochkomplex, perfekt durchdacht und umgesetzt ist, verhindert, dass der Film der Graphic Novel ebenbürtig ist. Kein Film hätte alle Facetten des Werkes umsetzen können, weshalb immer etwas fehlt, der Vergleich zur Vorlage aufgrund der Nähe aber kaum umgangen werden kann. Auf gewisse Weise ist die Adaption gleichzeitig zu dicht und nicht dicht genug am Comic dran.

Auch fehlt dem Film die zeitgeistliche Komponente. „Watchmen“ war, in Bezug auf Weltgeschehen und Comiclandschaft, extrem aktuell und brachte viele Neuerungen, die zum Erscheinen des Films freilich schon lange bekannt waren. Insofern ist der Film in gewissem Sinne veraltet, er ist, anders als der Comic, nicht revolutionär oder bahnbrechend. Aber angesichts dessen, wie eine Adaption dieses Werkes hätte aussehen können, ist Snyders Verfilmung des Kultcomics trotz allem eine ziemlich gelungene Umsetzung, der man die Liebe zur Vorlage anmerkt.
Sieger: Buch (bzw. Comic)

„X-Men: Days of Future Past“ vs. „X-Men: Days of Future Past“
Der letzte X-Men-Film steht hier im Grunde stellvertretend für alle Superheldenadaptionen. Sehr, sehr selten wird ein ganz bestimmter Superheldencomic wirklich direkt umgesetzt. „Watchmen“ ist eine der wenigen Ausnahmen, es gibt auch noch ein paar Zeichentrickfilme, die sich ebenfalls eine bestimmte Vorlage aussuchen und diese ziemlich genau umsetzen. Die meisten Live-Action-Filme dieses Genre vermengen dagegen zumeist Elemente mehrerer Storylines oder Einzelgeschichten. „Batman Begins“ kombiniert beispielsweise Versatzstücke aus „Batman: Year One“, „Batman: The Man Who Falls“ und „Batman: The Long Halloween“, „The Dark Knight“ bedient sich der Comics „Batman: The Long Halloween“ und „Batman: The Killing Joke“ sowie „Batman 1“ aus dem Jahr 1940, während man in „The Dark Knight Rises“ Versatzstücke aus „Batman: The Dark Knight Returns“, „Batman: Knightfall“ und „Batman: No Man’s Land“ findet. Zumindest in dieser Hinsicht ist die Nolan-Trilogie geradezu stereotyp für das Genre.

„Days of Future Past“ ist in diesbezüglich interessant, weil Bryan Singer eine ganz bestimmte Geschichte als alleinige Grundlage verwendete. Von dieser einen Geschichte benutzte er allerdings ausschließlich den Grundplot (dystopische Zukunft, Mutanten stehen kurz vor der Auslöschung durch die Sentinels, ein Mutant wird in die Vergangenheit geschickt, um einen Mord zu verhindern, der die dystopische Zukunft auslöst) sowie den Titel. Das ganze Drumherum ist allerdings radikal anders, weil das X-Men-Filmuniversum sich eben stark vor X-Men-Comicuniversum der 80er unterscheidet und eine genaue Umsetzung einfach nicht funktioniert hätte. „Days of Future Past“ ist eine freie Adaption, die es allerdings schafft, die Vorlage zu übertreffen; der Film bleibt dem Geist des Comics treu, macht die Geschichte aber gleichzeitig größer, emotionaler, epischer und holt schlicht alles aus dem Grundkonzept heraus, was man herausholen kann.
Sieger: Film

„Star Wars Episode III: Die Rache der Sith“ vs.
„Die Rache der Sith“

Drehen wir den Spieß doch einmal um. Romanadaptionen von Filmen sind zwar auch in Deutschland nicht wirklich eine Seltenheit, aber doch weitaus weniger verbreitet als im angloamerikanischen Raum, wo wirklich sehr viele Exemplare dieser Gattung erscheinen, von denen lediglich ein Bruchteil übersetzt wird. Romanadaptionen von Filmen (bzw. von Filmdrehbüchern, evtl. unter Einbeziehung von Rohschnitten, Konzeptzeichnungen etc.) genießen zumeist keinen allzu guten Ruf, da sie sich oft darauf beschränken, das Drehbuch nachzuerzählen, wobei sie eventuell noch ein paar geschnittene Szenen oder Gedanken der Charaktere einfügen. Das Problem dabei ist, dass sie auch der Narrative des Films sehr genau folgen und schnelle Szenenwechsel, Montagen etc. direkt umsetzen. Im Film können diese Wunder wirken, in einem Roman sind sie dagegen fehl am Platz.

Matthew Stovers Romanadaption von „Die Rache der Sith“ dagegen ist ein Idealbeispiel dafür, wie ein Roman zum Film sein sollte. Stover beschränkt sich nicht nur darauf, die Handlung nachzuerzählen und ein paar geschnittene Szenen zu integrieren, er nutzt gezielt die Stärken des Mediums Roman, da er ja auf die Stärken des Mediums Film (Musik, Optik etc.) verzichten muss. Stover lässt die Figuren reflektieren, geht detailliert auf ihre inneren Prozesse ein, konzentriert sich auf die Charaktere als Kern der Geschichte und scheut sich auch nicht davor, Dialoge abzuändern oder Dinge, die rein visuell sind, einfach auszulassen. Während der Film beispielsweise immer wieder nach Kashyyyk schneidet, unterlässt Stover dies, da die Schlacht um Kashyyyk zur eigentlichen Handlung kaum etwas beiträgt und vor allem als Fanservice fungiert („Hey, da ist Chewie“). Letztendlich sorgt Stover dafür, dass alles, was im Film nicht so ganz passt, nahtlos ineinander greift. „Die Rache der Sith“ erzählt nicht einfach nur die Geschichte des gleichnamigen Streifens, der Roman ergänzt den Film, wertet ihn auf und macht ihn logischer, verständlicher und nachvollziehbarer.
Sieger: Buch

„Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ vs. „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 und 2“
Ich bin seit meiner Grundschulzeit Harry-Potter-Fan; im Grunde habe ich die Bücher ziemlich genau im richtigen Alter entdeckt, um bei allem hautnah dabei zu sein; ich bin quasi mit Harry, Ron und Hermine zusammmen aufgewachsen, habe den Büchern und Filmen immer entgegengefiebert, war Teil des Fandoms etc.; tatsächlich bin ich acht Tage Jünger als Daniel Radcliff und habe am selben Tag Geburtstag wie Harry Potter und J. K. Rowling – das muss doch fast schon Schicksal sein. Leider ändert das alles nichts daran, dass ich von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ maßlos enttäuscht war. Nach dem ersten Lesen war das noch nicht der Fall, weil mich der Roman da noch fesseln konnte. Sobald ich allerdings über das Gelesene nachzudenken begann… Mit gefällt nicht, wie die Geschichte endet, mir gefällt nicht, wie sich die wichtigen Figuren entwickeln, und vor allem gefallen mir die massiven Logiklöcher und der furchtbar konstruierte Plot um die Deus-Ex-Heiligtümer absolut nicht. In meinen Augen ist der siebte Harry-Potter-Band als Abschluss der Reihe unwürdig.

Und dann ist da die zweiteilige Verfilmung, die einen Trend begründet hat, der immer noch anhält. Erfreulicherweise ist das Verhältnis zwischen Roman und Filmadaption hier ähnlich wie bei „Die Rache der Sith“: Die Adaption nutzt die Stärken des Mediums, um die Vorlage aufzuwerten. Zwar wird die Geschichte nicht besser oder logischer, aber der Film schafft es, viele der Schwächen ganz gut zu kaschieren und profitiert von der gelungenen Optik, der Musik, kleinen Änderungen und natürlich den grandiosen Schauspielern. Ralph Fiennes sorgt allein durch sein Spiel dafür, dass Voldemort im Film funktioniert, was er im Roman nicht tut. Trotz all seiner Schwächen gelingt es dem Film, mich emotional mitzureißen, was das Buch nicht schafft.
Sieger: Film

„Der Kunde hat immer recht“, „Stadt ohne Gnade“, „Das große Sterben“ und „Dieser feige Bastard“ vs. „Sin City“
Für gewöhnlich funktionier eine eins-zu-eins-Adaption kaum oder gar nicht. „Sin City“ ist gewissermaßen die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Es gibt wohl kaum einen Film, der so nahe an seiner Vorlage ist wie dieser. Natürlich, ein paar winzige Änderungen gibt es, hier eine Szene, die der Schere zum Opfer gefallen ist, da eine kleine Ergänzung, aber insgesamt folgt Robert Rodriguez‘ und Frank Millers Episodenfilm der Handlung der drei adaptiert langen und des einen kurzen Comics sehr genau, und das sowohl inhaltlich als auch optisch. Rodriguez heuerte dazu nicht nur Miller als Co-Autor und –Regisseur an, tatsächlich wurden die Comics als Storyboards verwendet und die meisten Dialoge und Einstellungen fast eins zu eins übertragen.

Was den Film so interessant macht ist, dass er trotz allem eine Eigendynamik entwickelt, die den Comics in dieser Form fehlt. Diese Eigendynamik entsteht, eigentlich ganz simpel, durch die clevere, nonlineare Anordnung der einzelnen Episoden. Die Comics erzählen jeweils eine Geschichte von Anfang bis Ende. Der Film schneidet die Geschichten in nicht chronologischer Ordnung ineinander, ohne sie zu verändern. Wir beginnen mit „Der Kunde hat immer recht“ als Prolog, gefolgt vom Anfang von „Dieser feige Bastard“. Es folgen „Stadt ohne Gnade“ und „Das große Sterben“, bevor der Film mit „Dieser feige Bastard“ und einem extra für den Film verfassten Epilog, der „Der Kunde hat immer recht“ und „Das große Sterben“ auf ironische Weise verbindet, endet. Das mag chronologisch nicht stimmen („Dieser feige Bastard“ spielt in seiner Gesamtheit vor allen anderen Geschichten), funktioniert dramaturgisch aber hervorragend. Der Extended Cut, der im Grunde aus vier separaten Kurzfilmen besteht, ist für Fans der Vorlage interessant, weil er fast alle geschnittenen Szenen des Comics enthält; Dynamik und Dramaturgie der Kinoversion gehen allerdings verloren.
Sieger: Unentschieden

„A Song of Ice and Fire“ vs. „Game of Thrones“
Hätte ich diese Liste vor etwa zwei Jahren angefertigt, wäre das Urteil für „Game of Thrones“ wohl anders ausgefallen, denn bis zur dritten Staffel war die Serie eine sehr gelungene Adaption mit ähnlichen Stärken wie Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Verfilmung. Staffel 4 und 5 (besonders Staffel 5; ich bemühe ich, Spoiler für diese zu meiden und das Ganze auf allgemeine Aussagen zu beschränken) haben mich allerdings dazu gezwungen, dieses Urteil zu revidieren. Insgesamt muss man den Serienmachern zugestehen, dass besonders „A Feast for Crows“ und „A Dance with Dragons“ enorm schwer zu adaptieren sind, weil die Handlung immer weiter zerfasert, King’s Landing als zentrale Örtlichkeit wegfällt und jede der Hauptfiguren im Grunde anfängt, ihr eigenes Süppchen zu kochen. Dennoch: Gerade in Staffel 5, und in geringerem Maße auch in Staffel 4, haben Benioff und Weiss wirklich sehr viele sehr schlechte Entscheidungen getroffen. Staffel 4 hat immerhin noch einige Höhen, um die Tiefen auszugleichen, in Staffel 5 dagegen ist kaum noch etwas von George R. R. Martins Geschichte übrig geblieben. Man kann über Martin sagen, was man will, aber „A Song of Ice and Fire“ ist eigentlich immer nachvollziehbar, die Figuren handeln passend, die Abläufe sind in sich logisch, die aufgestellten Regeln werden befolgt und es gibt Wirkung und Ursache. Staffel 5 dagegen ist, gerade was die Drehbücher angeht, im Niveau sehr stark gesunken. Subplots wurde auf das Minimum reduziert, die Komplexität wird billigem Drama geopfert, die Handlungen der Figuren wirken an den Haaren herbeigezogen und die Schockmomente, für die GoT berühmt ist, die sich aber bisher logisch aus der Handlung ergaben, verkommen zum Selbstzweck. Staffel 5 entfernt sich insgesamt sehr weit von der Buchvorlage – das muss per se erst einmal nichts Schlechtes sein, aber leider hat sich nun erwiesen, dass Benioff und Weiss sehr viel schlechtere Geschichtenerzähler als George R. R. Martin sind. Ich hege aber nach wie vor die Hoffnung, dass sich GoT mit Staffel 6 wieder erholt.
Sieger: (Buch bzw. Bücher)

„The Hunger Games“ vs. „The Hunger Games“
Bei den Hunger-Games-Filmen handelt es sich um sehr werkgetreue Adaptionen. Ich habe seinerzeit den ersten Film gesehen, der mir ganz gut gefallen, mich aber nicht dazu gebracht hat, die Vorlage zu lesen – das habe ich erst im Zuge eines Uni-Seminars getan. Die Kenntnis der Vorlage hat allerdings für eine gesteigerte Wertschätzung der Filme gesorgt. Zwar hat Suzanne Collins interessante Ideen, allerdings schadet der Umstand, dass wir alles durch Katniss‘ Augen sehen, der Geschichte in meinen Augen. Während sie auch in den Filmen ohne Frage die Protagonistin ist, können diese es sich doch hin und wieder erlauben, sich von ihr lösen, Hintergründe zu beleuchten und die erzählte Welt plastischer zu gestalten. Hinzu kommt, dass ich Film-Katniss weitaus sympathischer finde als Buch-Katniss, was wohl auch mit Jennifer Lawrence zusammenhängt. Insgesamt würde ich sagen, dass die „Hunger Games“, ähnlich wie „Die Heiligtümer des Todes“, vom Medienwechsel und vor allem von den wirklich gut ausgewählten Schauspielern profitiert.
Sieger: Film (bzw. Filme)

„Vampire: The Masquerade“ vs. „Clan der Vampire“
Noch etwas eher Obskures zum Schluss. Außerhalb von Rollen- oder Computerspielkreisen ist das Pen & Paper-RPG „Vampire: The Masquerade“ nicht allzu bekannt, allerdings hat es einen meiner Meinung nach stark unterschätzten Einfluss auf die aktuelle Vampirlandschaft. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der heute fast schon selbstverständliche Konflikt zwischen Vampiren und Werwölfen nahm hier seinen Anfang. Für mich persönlich ist V:tM immer noch die beste Version des Vampir-Mythos, weil er im Grunde jede andere Version mit einschließt, einen grandiosen, komplexen und mythologisch sehr vielseitigen Hintergrund hat und weil man mit ihm im Grunde jede Art von Vampirgeschichte erzählen kann, vom romantischen Twilight-Verschnitt über ein Action-Szenario á la „Blade“ oder „Underworld“ bis hin zur klassischen Gothic Novel nach Bram Stoker oder der Anne Rice’schen Charakterstudie.

In den späten 90ern gab es eine kurzlebige Serienadaption namens „Clan der Vampire“ (im Original „Kindred: The Embraced“), die sich einiger grundlegender Aspekte (und Bezeichnungen) der Vorlage bediente. Allerdings zeigte sich schnell, dass die Serienmacher die Vorlage nicht verstanden hatten. Dass die komplexe Vampirpolitik vereinfacht wurde, hätte ich ja durchaus verziehen, aber weder Atmosphäre noch erzählerische Grundlage oder Thematik wurden in irgendeiner Form umgesetzt. „Clan der Vampire“ gleicht eher einer zweitklassigen Gangster-Serie, in der die Gangster halt Vampire sind. Das, was V:tM eigentlich ausmacht, der persönliche Horror, das Ringen um Menschlichkeit, die Konfrontation mit dem Tier im Inneren, wurde nicht im geringsten integriert, die Charaktere bleiben flache, uninteressante Stereotypen und die Gothic-Punk-Amtosphäre, auf die die Vorlage sehr viel wert legt (und die Beispielsweise in „Underworld“ zu finden ist), verzichtet „Clan der Vampire“ ebenfalls völlig. Setzen, sechs.
Sieger: Buch (bzw. RPG)

Ergebnis:
Buch: 5
Film: 3
Unentschieden: 2

(Anmerkung: Man könnte, wegen „Die Rache der Sith“, auch nach Vorlage und Adaption abrechnen, in dem Fall wäre es unentschieden mit 4:4:2).