Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Tales – Soundtrack

Spoiler!
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Track Listing:

01. Dead Men Tell No Tales
02. Salazar
03. No Woman Has Ever Handled My Herschel
04. You Speak of the Trident
05. The Devil’s Triangle
06. Shansa
07. Kill the Filthy Pirate, I’ll Wait
08. The Dying Gull
09. El Matador del Mar
10. Kill the Sparrow
11. She Needs the Sea
12. The Brightest Star in the North
13. I’ve Come With the Butcher’s Bill
14. The Power of the Sea
15. Treasure
16. My Name Is Barbossa
17. Beyond My Beloved Horizon

Nachdem Hans Zimmer bei drei Pirates-Scores federführend war und bei einem zumindest die musikalische Grundlage lieferte, auch wenn sein Name aus vertraglichen Gründen nicht im Abspann des Film stehen durfte, scheint er nun endgültig die Karibik verlassen zu haben. An seiner Statt schwingt nun Geoff Zanelli, ein langjähriger Zimmer-Mitarbeiter, den Taktstock. Zwar hat Zanelli schon bei vielen Filmen zusätzliche Musik geliefert, so komponierte er etwa das Spanier-Thema in „Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides“ und arrangierte die Wilhelm-Tell-Ouvertüre für „The Lone Ranger“, „Dead Men Tell No Tales“ dürfte jedoch seine mit Abstand prominenteste Solo-Arbeit sein. Durch die Verpflichtung eines Komponisten aus Zimmers Remote Control Productions bleibt natürlich erst einmal der Sound des Franchise unangetastet, und auch die Themen werden nahtlos weitergeführt, schließlich gehören die Pirates-Filme zu den wenigen, die ein Thema haben, das den meisten Nicht-Filmmusikfans vertraut ist.

Bei einem Film wie diesem hat der Komponist natürlich kaum freie Hand, und so verwundert es kaum, dass Zanelli, bzw. die Regisseure und das Studio, sehr sicher spielen. Tatsächlich spielen sie zu sicher. Bislang versuchte zumindest jedes Pirates-Sequel, die stilistische und instrumentale Palette zu erweitern, im Fall von Teil 2 und 3 sehr erfolgreich, bei Teil 4 eher weniger. Insgesamt leidet dieser Score unter fast denselben Problemen wie die Musik von „On Stranger Tides“: Zu viel Recycling, zu große Liebe zum Temp-Track, zu wenig Variation der bekannten Themen. Wenigstens ein Problem des Vorgängers wurde immerhin beseitigt; „Dead Men Tell No Tales“ hat ein anständiges Album bekommen, das den Score angemessen repräsentiert. Etwas problematischer sind leider Aufnahme und Abmischung, die hier deutlich schlechter ausfallen als bei den Vorgängern, sodass die synthetischen und elektronischen Elemente deutlicher und vor allem unangenehmer herausstechen.

Zusätzlich zu den bereits bekannten Melodien, die ich weiter unten besprechen werde, steuert Zanelli drei neue Themen bei. Das zentrale neue Leitmotiv des Films gilt Carina Smyth; es handelt sich dabei um eine sehnsuchtsvolle Melodie, die oft von den Streichern gespielt wird und vor allem ihre Suche nach ihrem Vater repräsentiert. Carinas Thema passt recht gut zum anderen romantischen Material der Filmreihe, tut sich mit der Eigenständigkeit aber etwas schwer. Sein Debüt feiert dieses Thema bereits im ersten Track, Dead Men Tell No Tales, direkt am Anfang – es ist die erste Musik, die im Film zu hören ist. Auch sonst ist es prominent vertreten, in No Woman Has Ever Handled my Herschel ist eine positivere Variation zu hören, in The Brightest Star in the North erklingt die imposanteste Version, hier schöpft das Thema sein Potential aus. Die Stellung als de facto Hauptthema dieses Films wird durch das Abspannstück Beyond my Beloved Horizon unterstrichen, hier erklingt es prominent direkt nach dem obligatorischen Einsatz von He’s a Pirate.

Das zweite neue Thema gilt dem von Javier Bardem gespielten Captain Armando Salazar. Hier verfremdet und manipuliert Zanelli alle möglichen Instrumente, darunter diverse Holzbläser, E-Gitarre und Cello. Unglücklicherweise sind die Noten, die diese bearbeiteten Instrumente spielen, fast dieselben, aus denen Blackbeards Thema in „On Stranger Tides“ besteht. Salazars Thema mag noch harscher und unangenehmer klingen, aber es ist dennoch im Grunde dasselbe Thema und hat mich bereits im Kino fürchterlich irritiert, da ich jedes Mal einen Auftritt von Ian McShane erwartet habe. Wenn Zanelli schon ein Thema aus „On Stranger Tides“ für Salazar recycelt, wäre doch sein eigenes Spanier-Thema weitaus besser geeignet, schließlich jagte Salazar einmal für die spanische Krone Piraten. Wie dem auch sei, Salazars Thema ist ebenfalls sehr dominant und taucht zum ersten Mal im Track Salazar auf, erklingt aber auch prominent in The Devil’s Triangle, El Matador del Mar sowie I’ve Come with the Butcher’s Bill, The Power of the Sea und Treasure, den drei Tracks, die das Finale untermalen.

Und schließlich hätten wir da als drittes noch ein neues Action/Abenteuer-Thema, das ein wenig an He’s a Pirate erinnert und in der zweiten Hälfte von No Woman Has Ever Handled my Herschel zum ersten Mal zu hören ist. Weitere prominente Einsätze finden sich in Kill the Filthy Pirate, I’ll Wait, Kill the Sparrow und I’ve Come with the Butcher’s Bill. Allzu viel gibt es über dieses Thema nicht zu sagen. Insgesamt fällt, wie bereits erwähnt, ein gewisser Mangel an Variation dieser Themen auf. Carinas Thema ist diesbezüglich noch am besten, aber schon Salazars Thema hätte durchaus etwas mehr Abwechslung vertragen können und das neue Abenteuer-Thema ist zwar sehr unterhaltsam, hat aber kaum erzählerischen Mehrwert und klingt fast immer gleich.

Und nun zu den alten Themen: Eine ganze Menge kehrt zurück, mitunter sind die Rückkehrer aber ein wenig problematisch, da „Dead Men Tell No Tales“ in mancher Hinsicht dort weitermacht, wo „On Stranger Tides“ aufhörte: Bekannte Themen werden umgedeutet. Ich bin nicht pauschal gegen derartige Maßnahmen, wenn es erzählerisch Sinn ergibt (man denke nur an Smaugs Thema im dritten Hobbit-Film, das auf den an der Drachenkrankheit leidenden Thorin übergeht) aber gerade in den Pirates-Filmen wirken derartige Umdeutungen oft unmotiviert und tragen dazu bei, dass sich die Scores der Filme 4 und 5 sehr recycelt anfühlen.

Nun denn, wie nicht anders zu erwarten kehrt He’s a Pirate zurück, eröffnet wie gewohnt den Abspann (Beyond my Beloved Horizon) und ist auch in einigen Action-Szenen vertreten (am Ende von No Woman Has Ever Handled my Herschel und, besonders bombastisch, im letzten Drittel von El Matador del Mar). Die Jack-Sparrow-Themen dürfen natürlich ebenfalls nicht fehlen, besonders Jacks heroisches Thema hat es Zanelli (oder den Regisseuren) angetan; es scheint hier fast Jacks primäre thematische Repräsentation zu sein, was ich etwas merkwürdig finde. In den ersten vier Filmen wurde es primär für parodistische Zwecke verwendet und kontrapunktiere oft absurde Situationen: Jack steht auf einem absaufenden Boot, Jack befreit sich aus einem Sarg und benutzt die Knochen als Ruder oder er distanziert sich in Davy Jones Reich von einer Horde Doppelgänger. Besagtes heroisches Thema taucht unter anderem in der Mitte von No Woman Has Ever Handled my Herschel und am Ende von El Matador del Mar auf, wird in She Needs the Sea gleich zwei Mal angespielt, und ist auch am Ende von Treasure und My Name is Barbossa vertreten.

Und dann wären da noch die tatsächlichen Umdeutungen. Wie schon in „On Stranger Tides“ wird Becketts Thema hier verwendet, um die Briten, dieses Mal angeführt von David Wenham, insgesamt zu repräsentieren, es taucht jedoch nur ein oder zwei Mal eher subtil auf, u.a. am Anfang von I’ve Come with the Butcher’s Bill als Ostinato. Es besteht natürlich die Möglichkeit, wie bei jeder Umdeutung, dass das in diesem Zusammenhang die Themen nicht wirklich repräsentativ sind und erzählerische Funktion haben, sondern lediglich gespielt werden, weil Regisseure und Cutter der Meinung waren, sie würden an dieser Stelle gut passen und sich nicht vom Temp Track lösen konnten. Wie dem auch sei, eine Umdeutung finde ich sogar relativ clever: Das Liebesthema aus „At World’s End“, speziell die Variation aus dem Stück Up Is Down, fungiert in diesem als Thema für Henry Turner, was ich durchaus passend finde. Die entsprechenden Einsätze sind in Kill the Filthy Pirates, I’ll Wait zu hören. Ein kompletter Einsatz aller Phrasen erklingt darüber hinaus am Ende von My Name Is Barossa, ebenso wie das Liebesthema aus Teil 1 (wer da wohl wiedervereint wird?).

Schließlich gibt es noch eine Umdeutung, die mich höchst zwiegespalten zurücklässt. In „Dead Men Tell No Tales“ taucht tatsächlich mein Lieblingsthema dieses Franchise, ach, was sage ich, Hans Zimmers beste Komposition überhaupt auf: Hoist the Colours. Zwei Mal taucht dieses Thema in Zanellis Score auf, einmal eingewoben in die Action-Musik von Kill the Filthy Pirates, I’ll Wait, und einmal in The Dying Gull, wobei dieser Track quasi ausschließlich aus Hoist the Colours besteht. Ich bin ja nun wirklich der allerletzt, der sich über ein Vorkommen dieses Themas beschwert, und ich war hocherfreut, als ich es auf dem Album (noch vor Kinobesuch) hörte. Aber der Kontext ist fragwürdig. Der erste Einsatz untermalt Jacks abgehalfterte Crew, während die zweite den Aufbruch mit der Dying Gull, Jacks aktuellem marodem Schiff begleitet. Hoist the Colours, die Hymne der Bruderschaft, dient hier als parodistisch-kontrapunktierendes Thema, was ich nicht besonders gelungen finde – dazu ist dieses Thema zu gut. In „At World’s End“ gab es zwar „komische“ Variationen, aber es wurde immer ehrlich und nie parodierend verwendet.

Dennoch sind die beiden Stücke für mich ohne Zweifel die Highlights des Albums, zusammen mit El Matador del Mar und The Brightest Star in the North. Nach diesem Track folgen primär Actionstücke, diese erreichen allerdings nie die flüssige Eleganz von Kill the Filthy Pirates, I’ll Wait, werden zunehmend gleichförmig und führen fast schon zu Ermüdungserscheinungen. Auch die düster-atmosphärischen Stücke, etwa Shansa oder You Speak of the Trident sind wenig bemerkenswert.

Fazit: Geoff Zanellis erster Solo-Pirates-Score hat durchaus seine Highlights, aber auch einige massive Schwächen; der Recyling-Faktor ist sehr hoch, der Grad an Variation bekannter oder neuer Themen eher niedrig. Zanellis Arbeit ist kein völliger Reinfall und weiß streckenweise durchaus zu unterhalten, aber von „At World’s End“, dem Goldstandard dieses Franchise, ist „Dead Men Tell No Tales“ weit entfernt.

Bildquelle

Siehe auch:
Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Tales
Hoist the Colours

Game of Thrones Staffel 6

Enthält die volle Ladung Spoiler!
got6
Für die GoT-Staffeln 3, 4 und 5 schrieb ich seinerzeit umfassende Episodenreviews, während ich bei Staffel 6 darauf verzichtet habe. Das hat zwei Gründe: Zum einen war ich von Staffel 5 nicht wirklich begeistert und zum anderen sind besagte Reviews sehr zeitintensiv. Aus diesem Grund folgt nun, da die Staffel komplett ist, dieser ausführliche Artikel. Wir befinden uns im Hinblick auf die Staffel an einem interessanten Punkt. Staffel 5 adaptierte (für mich leider eher mäßig) „A Feast for Crows“ und „A Dance with Dragons“. Da „The Winds of Winter“ (mit Ausnahme einiger Kapitel, die George R. R. Martin auf seinem Blog veröffentlichte oder auf Conventions vorlas) immer noch nicht erschienen ist, begibt sich die Serie nun erstmals völlig auf Neuland und folgt keiner Vorlage mehr. Es sind noch George R. R. Martins Figuren, aber es ist nicht mehr seine Geschichte – das könnte als Leitsatz dieses Artikels fungieren. Fakt ist allerdings: Wie viel von Martins Geschichte übrig ist, wie viel er den Serienschöpfern David Benioff und D. B. Weiss verraten hat, ist nicht wirklich klar. Staffel 6 gibt Antworten auf viele Fragen, aber sind es die Antworten Martins oder doch die der Serienschöpfer? In Bezug auf einige Dinge haben Benioff und Weiss erklärt, sie stammten tatsächlich von Martin, etwa was Melisandres Alter und wahre Erscheinung oder die Bedeutung von Hodors Namen angeht. Die Antwort auf die Frage, wie viel Martin tatsächlich noch in Staffel 6 steckt, kann erst mit „The Winds of Winter“ und/oder „A Dream of Spring“ beantwortet werden.

Words Are Wind
Die Eigenständigkeit von Staffel 6 gilt jedoch mit Einschränkungen, denn einige Aspekte stammen tatsächlich noch aus den bereits erschienenen Romanen oder aus veröffentlichten Winter-Kapiteln. Das betrifft primär Jaime Lannisters Ausflug in die Flusslande. Nachdem Cersei nach Lord Tywins Tod die Macht in King’s Landing übernimmt und den Kleinen Rat mit Ja-Sagern füllt, schickt sie im Roman wie in der Serie Jaime von ihrer Seite, weil er ihr unangenehm wird. In der Serie soll Jaime Myrcella aus Dorne retten, eine Mission, die zum schlimmsten Handlungsstrang der Serie wurde, platt, schlecht geschrieben, uninteressant und langweilig. In „A Feast for Crows“ dagegen begibt sich Jaime in die Flusslande, um die letzten Tully-Loyalisten zu besiegen und Riverrun, das vom Blackfish gehalten wird, zurückzuerobern. Diese Ereignisse werden nun, wenn auch stark verkürzt, nachgeholt.

Darüber hinaus greift die Serie noch einige andere Aspekte der Romane auf, die bislang nicht berücksichtigt wurden. Großmaester Pycelle stirbt im Epilog von „A Dance with Dragons“, ermordet von Kindern – diese folgen im Roman allerdings nicht Qyburns, sondern Varys‘ Befehl. Die Folgen von Aryas Blindheit wird darüber hinaus noch im letzten Roman thematisiert, wenn auch detaillierter und mit unterschiedlichen Ereignissen. Zu Pastete verarbeitete Freys tauchen in „A Dance with Dragons“ ebenfalls auf, wenn auch in völlig anderem Kontext (Ramsays Hochzeit, der Schuldige ist Lord Wyman Manderly und Lord Walder selbst ist nicht zugegen), und schließlich setzt die Serie nun auch eine Rückblicksszene bzw. Erinnerung um: Während Eddard Stark in „A Game of Thrones“ nach seiner Auseinandersetzung mit Jaime Lannister auf dem Krankenbett liegt, erinnert er sich an den „Tower of Joy“ und das letzte Gespräch mit seiner Schwester Lyanna, bei dem er ihr etwas verspricht (als Leser erfährt man nicht was, aber man kann es sich denken). In Staffel 6 sieht Bran besagte Szene durch seine Gaben, hier wird allerdings geklärt, was es mit dem Versprechen auf sich hat. Gleichzeitig wird die Fantheorie bestätigt, dass Jon Snow nicht der Bastard von Eddard Stark, sondern tatsächlich der Sohn von Lyanna Stark und Rhaegar Targaryen ist – zumindest für die Serie.

Heartsbane
Eigentlich könnte man Sams und Gillys Handlungsstrang ebenfalls noch zu den adaptierten Elementen rechnen. In „A Feast for Crows“ fahren die beiden per Schiff über Braavos nach Oldtown, damit Sam Maester werden kann und Gilly samt Kind bei Sams Familie auf Horn Hill unterkommt. Einige der Ereignisse dieser Reise, etwa der Tod von Maester Aemon, wurden bereits in Staffel 5 umgesetzt, mit Castle Black als Schauplatz. Der Ausflug nach Braavos und das Zusammentreffen mit Arya wurden gestrichen, stattdessen geht Sam zusammen mit Gilly nach Horn Hill, um anschließend von dort aus nach Oldtown zu fahren. Das hat zur Folge, dass wir als Zuschauer Randyll Tarly (James Faulkner), Sams Vater kennen lernen. Zwar sind die Szenen in Horn Hill serienspezifisch, Lord Tarly taucht aber auch in „A Feast for Crows“ auf, um Brienne das Leben schwerzumachen. Insgesamt denke ich, dass die Figur sehr gut umgesetzt ist: Im Buch wie in der Serie ist Randyll Tarly ein ziemlich engstirniges Arschloch. Martin zeichnet ihn ein wenig subtiler als Benioff und Weiss, aber davon abgesehen ist er gut getroffen.

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Lord Randyll Tarly (James Faulkner)

Sams Diebstahl des Familienschwertes aus valyrischem Stahl namens Heartsbane (wir erinnern uns an die Folge „Hardholm“: Valyrischer Stahl kann Weiße Wanderer töten) ist ein netter Akt der Emanzipation, auch wenn man sich fragt, ob Lord Tarly nicht ein wenig besser auf diese Klinge achtgeben würde. Wie auch immer, Sams Handlungsstrang in dieser Staffel endet dort, wo auch sein Handlungsstrang in „A Feast for Crows“ endet: In Oldtown, in der Citadel, wo er sich anschickt, ein Maester zu werden. Als bibliophiler Mensch, der ich nun einmal bin, hat mir die Einstellung der Bibliothek besonders gut gefallen.

Unbowed, Unbent, Unbroken
Oh, Dorne. Der allgemein unbeliebteste Handlungsstrang der letzten Staffel; Benioff und Weiss haben es hier geschafft, eine interessante Kultur zu ruinieren und aus einem hochinteressanten politischen Ränkespiel einen Idiot Plot erster (bzw. letzter) Güte zu konstruieren, dem jeglicher Sinn und jegliche Logik fehlt. Das Beste, was sich über Dorne in Staffel 6 sagen lässt, ist, dass Ellaria und die Sandschlangen nur in der ersten und letzten Folge auftauchen. Logischer wird es leider nicht: In „The Red Woman“ sind Obara und Nymeria plötzlich unerklärlicherweise auf Trystanes Schiff und töten ihn, während Ellaria und Tyene Doran Martell ermorden und in Dorne die Macht übernehmen. Bei aller Liebe, das ist völlig hirnverbrannt und entbehrt jeglicher Logik. Ja, in Dorne ist man Bastarden und Frauen gegenüber aufgeschlossener als im Rest der Sieben Königslande, und ja, Doran Martell hat vielleicht gerade nicht den besten Ruf. Aber es ist völlig irrsinnig zu glauben, dass Bastarde auf diese Weise einfach die Macht übernehmen könnten, nachdem sie den amtierenden Fürsten getötet haben. Bestenfalls würde das Land nach einer derartigen Tat in Anarchie versinken, da es keinen rechtmäßigen Erben gibt. Hier wird das feudale System zugunsten eines idiotischen Plots völlig ausgeklammert. In „The Winds of Winter“ (Folge 10 von Staffel 6, nicht der unveröffentlichte Roman) schließt sich Dorne unter Ellarias Führung schließlich mal eben schnell Daenerys an. Damit hat sich Dorne als Schauplatz wohl erst einmal erldeigt, es sei denn, Daenerys benutzt es in der nächsten Staffel als Basis für ihren Eroberungsfeldzug.

Intermezzo: Chicken
Als angekündigt wurde, dass Ian McShane in Staffel 6 eine Gastrolle spielen würde, begann das Spekulieren, das sich als müßig erwies, da er eine neue Figur namens Bruder Ray verkörpert. Burder Ray ist Teil eines… interessanten Inzermezzos in Episode 7 der sechsten Staffel mit dem Titel „The Broken Man“. In dieser Folge stellt sich heraus, dass Sandor Clegane, der Bluthund, den Arya Stark in der letzten Folge der vierten Staffel sterbend zurückließ, noch ziemlich quicklebendig ist und einer kleinen Gemeinde, angeführt von Bruder Ray, dabei hilft, eine Septe zu bauen. Offenbar hat er der Gewalt mehr oder weniger abgeschworen.

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Bruder Ray (Ian McShane)

Unter Buchfans existierte schon lange die Theorie, Sandor Clegane habe überlebt. In „A Feast for Crows“ landen Brienne und Pod auf ihrer Reise durch die Flusslande auf einer Art „Klosterinsel“ des Glaubens; dort finden sie einen sehr großen, schweigsamen Totengräber, der Sandor Clegane sein könnte. Diese Theorie wird durch die Anwesenheit von Cleganes Pferd Fremder bestärkt. Auch weiß der „Klostervorsteher“, der als Vorbild für Bruder Ray fungiert haben könnte, erstaunlich viel über den Bluthund. Einer beliebten Fantheorie zufolge wird Sandor Clegane in „The Winds of Winter“ in Cersei Lannisters Gottesurteil gegen seinen eigenen, von Qyburn verfrankensteinten Bruder Gregor antreten. Als ich „The Broken Man“ sah, dachte ich, dass dies auch in der Serie der Fall sein würde, es stellte sich aber als eine der wenigen Fantheorien heraus, die Staffel 6 nicht bestätigt. Bislang ist das Intermezzo relativ folgenlos geblieben: Ehemalige Anhänger der Bruderschaft ohne Banner töten Bruder Ray und seine Gemeinde, was Sandor nicht besonders gut verkraftet. Es kommt schließlich zu einem Wiedersehen mit Beric Dondarrion und Thoros von Myr (Ersterer wurde in den Romanen von der untoten Catelyn Stark als Anführer der Bruderschaft abgelöst; damit dürfte klar sein, dass es in der Serie dazu sicher nicht mehr kommen wird), die es schaffen können, Sandor für ihre Sache zu rekrutieren. Gemeinsam wollen sie nach Norden ziehen; vermutlich kommt es in der nächsten Staffel zu Begegnungen mit Jon Snow, Melisandre und/oder Sansa – besonderes Letztere könnte interessant werden.

A Thousand Eyes and One
Nachdem er eine Staffel Pause gemacht hat, ist Bran Stark nun zurück und lernt von Lord Brynden Rivers, alias Bloodraven, alias Dreiäugige Krähe (nun nicht mehr, wie in der letzten Folge der vierten Staffel, von Struan Rodger, sondern von Max von Sydow dargestellt) die Grünseherei. Wie schon in den Romanen erinnert das Setting an Luke Skywalkers Dagobah-Aufenthalt in Episode V. Die Star-Wars-Assoziationen werden noch durch Max von Sydow verstärkt, der eine Obi-Wan-artige Figur spielt (inklusive Tod des Mentors) und darüber hinaus, wenn auch nur kurz, in „Das Erwachen der Macht“ als Lor San Tekka zu sehen war.

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Die dreiäugige Krähe (Max von Sydow) unterrichtet Bran Stark (Isaac Hempstead-Wright)

Während Bran in den Romanen in der Lage war, durch die Augen der Wehrholzbäume zu sehen und so Zeit und Raum zu überwinden, ist er in der Serie nicht an die Wehrholzbäume gebunden und kann offenbar zu jedem Ort seiner Wahl reisen. Das erlaubt den Machern, mehrere Rückblicke einzubauen und mehrere Fragen zu beantworten, die uns Fans schon lange plagen. So sehen wir unter anderem, dass es sich beim ersten Weißen Wanderer, dem sogenannten „Night King“, um einen Menschen handelt, der von den Kindern des Waldes durch ein Blutopfer verwandelt wurde, um als Waffe gegen die einfallenden Ersten Menschen zu dienen. Das Geheimnis von Hodors Name und Kondition wird kurz vor seinem Tod enthüllt („Hold the Door“) und die Frage, wer Jon Snows Eltern sind, wird, wie oben bereits erwähnt, beantwortet. Schließlich gelingt es dem Night King, in das geheime Versteck der Krähe einzubrechen und diese zu töten, wodurch Bran sein Nachfolger wird. An dieser Stelle greifen Benioff und Weiss ein weiteres Element der Romane auf: Ein mysteriöser, vermutlich untoter Reiter in der Kleidung der Nachtwache, der sich als Benjen Stark entpuppt, taucht auf und rettet Bran und Anhang (in „A Storm of Swords“ rettet er allerdings Sam und Gilly und bringt Bran, Meera, Jojen und Hodor zu Brynden Rivers, während seine Identität nie enthüllt wird). Eine weitere Stark-Wiedervereinigung wird somit sehr wahrscheinlich.

We Do Not Sow
Noch eine Gruppe von Figuren, die eine Staffel lang Pause gemacht hat. Zum letzten Mal haben wir Yara (bzw. Asha) in Staffel 4 gesehen, als sie versuchte, Theon aus Ramsays Klauen zu befreien. Ihr Handlungsstrang aus „A Feast for Crows“ und „A Dance with Dragons“ wurde aus Staffel 5 komplett entfernt. Einige Elemente werden nun hier nachgeholt, die meisten wurden jedoch völlig verändert. In der Serie wie in der Vorlage stirbt Balon Greyjoy (bei Martin sogar noch vor der Roten Hochzeit), was zur Folge hat, dass der Königsthing von Balons jüngstem Bruder, dem zum Priester gewordenen Aeron (Michael Feast) einberufen wird, der Balons Bruder Euron (Pilou Asbæk) zum König der Iron Islands wählt, während Yara/Asha übergangen wird. So viel zu den Gemeinsamkeiten. In der Serie fehlen allerdings einige signifikante Faktoren, primär Balons dritter Bruder Victarion. Dafür ist Theon Greyjoy in der Serie zugegen, nachdem er Sansa geholfen hat und dann per Expressschiff nach Pyke gefahren ist. Und während Asha nach dem Königsthing im Norden eine eroberte Burg hält und später als Kriegsgefangene von Stannis Baratheon endet, begeben sich Theon und Yara mit ihren Getreuen gen Osten und schließen sich Daenerys an, da ihr Onkel ihnen nach dem Leben trachtet.

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Euron Geryjoy (Pilou Asbæk)

Ich bin mit der Umsetzung dieses Handlungsstranges ehrlich gesagt nicht besonders zufrieden, was vor allem an der Besetzung Euron Greyjoys liegt. Pilou Asbæk passt für mich überhaupt nicht in die Rolle des charismatischen, mysteriösen Piraten, den George R. R. Martin beschreibt; dafür hätte es jemanden wie Mads Mikkelsen gebraucht. Asbæk hätte perfekt zum geschnittenen Victarion gepasst. Auch geht alles ziemlich schnell und wirkt irgendwie sehr klein. Die Iron Islands sind nun nicht die prächtigste Gegend von Westeros, aber in den Romanen hatte man dennoch das Gefühl, dass hier ein bedeutendes Ereignis stattfindet, dem alle wichtigen Bewohner der Iron Islands samt Gefolge beiwohnen. In der Serie laufen beim Königsthing höchstens zehn bis zwanzig Leute herum.

I Am No One
Arya wird nach wie vor von den Männern und Frauen ohne Gesicht trainiert, bzw. von dem Mann und der Frau. Wie bei Martin ist sie vorübergehend blind und erlangt im weiteren Verlauf ihre Sehkraft wieder – ein weiterer Aspekt, der noch aus den Büchern stammt. Das Problem in der Serie: Aryas Ausbildung mäandert so vor sich hin und ist einfach nicht interessant, während sie in den Büchern tatsächlich auf abwechslungsreiche Missionen geschickt wird. Erst, als sie in der Serie den Auftrag erhält, eine bestimmte Schauspielerin namens Lady Crane (Essie Davis) zu töten, kommt ein wenig Leben in ihren Handlungsstrang. Besagte Schauspielerin ist nämlich Teil eines Ensembles, das ein Theaterstück aufführt, das auf den Ereignissen in Westeros basiert und dem Ganzen eine schöne Metaebene hinzufügt. Nicht von ungefähr erinnert das Stück an Shakespeares Verarbeitung der Rosenkriege. Im Stück tritt Tyrion als Schurke á la Richard III. auf, eine historische Persönlichkeit, die durch die Geschichtsschreibung der Tudors im Allgemeinen und William Shakespeares gleichnamiges Stück im Besonderen als einer DER machiavellistischen Schurken der Weltliteratur gilt. Tatsächlich basiert Tyrion zumindest teilweise auf Richard III., der in der Realität gar nicht so übel war, zwar durchaus intelligent und rücksichtslos, aber bei weitem nicht das tyrannische Monster, als das Shakespeare ihn zeichnet. Die Idee für dieses „Stück im Stück“ stammt übrigens von Martin selbst, es ist Teil eines im Vorfeld veröffentlichten Arya-Kapitels aus „The Winds of Winter“.

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Lady Crane (Essie Davis) spielt Cersei Lannister

Wie dem auch sei, das Stück veranlasst Arya dazu, Jaqen H’Gars Anweisungen und Methoden zu hinterfragen. Nach einer Auseinandersetzung mit der Herrenlosen („the Waif“) hört sie schließlich auf, Niemand zu sein und nimmt ihre alte Identität wieder an, um in der letzten Folge mal eben kurz Walder Frey zu töten. Das bringt mich zu einem verwandten Thema: Reisewege werden in dieser Staffel fast völlig ausgeklammert. Selbst unter Berücksichtigung der von Autoren und Produzenten getätigten Aussage, dass die Handlungsstränge nicht synchron verliefen, passt das alles nicht so recht. Dass die Schlusszene der letzten Folge, in der Daenerys‘ Flotte gen Westeros segelt, zeitlich von den anderen Ereignissen der Episode entfernt ist, kann ich noch akzeptieren (in der Flotte sind dornische Schiffe, was erklären würde, wie Varys von Dorne wieder zu Daenerys gekommen ist), aber das Tempo, in dem sich Littlefinger bewegt, legt nahe, dass er ein Jet-Pack besitzt – bereits seit Staffel 2 eine beliebte Fantheorie.

The North Remembers
Am Ende von Staffel 5 stapelten sich die Cliffhanger im Norden regelrecht: Stannis Armee wurde von den Boltons besiegt, er selbst von Brienne getötet, während Sansa und Theon entkommen konnten und Jon Snow von seinen eigenen Brüdern ermordet wurde. Besonders Letzteres geisterte ausgiebig durch die Medien und allen Beteiligten wurde die Frage gestellt: „Ist Jon Snow wirklich tot?“ Das ist natürlich die falsche Frage, sie müsste eigentlich lauten: „Bleibt Jon Snow tot?“ Und natürlich bleibt er das nicht, schließlich ist Melisandre im Nebenzimmer. Ob es wirklich sie war, die Jon Snow wiedererweckt hat, oder ob es auch mit einem getöteten Schattenwolf zusammenhängt, wurde im Fandom heftig debattiert, von der Serie aber nicht aufgeklärt – letztendlich ist es auch irrelevant. Die Fronten klären sich im Norden endgültig: Nach Stannis‘ Tod wird Ser Davos Seaworth zu Jon Snows rechter Hand, Sansa erreicht sicher die Mauer, es kommt zur Wiedervereinigung von Halbbruder und Halbschwester und Tormund macht Brienne schöne Augen. Ramsay bekommt derweil noch einmal ausreichend Gelegenheit dazu, sich so richtig fies zu verhalten, u.a. in dem er seinen eigenen Vater tötet, so ziemlich die einzige Person, die ihn noch kontrollieren könnte, und auch gegenüber Walda Frey, Rickon Stark und Osha verhält er sich sehr Ramsay-typisch. Mal ehrlich: Langsam aber sicher wiederholt man sich an dieser Front viel zu sehr, wir wissen schon seit Staffel 3, was für ein Monster Ramsay ist, wir müssen nicht alle zwei Folgen daran erinnert werden.

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Jon Snow (Kit Harrington) im Getümmel der Schlacht

Die nördlichen Handlungsstränge gipfeln alle schließlich in einer Schlacht, die den (oder zumindest einen) dramatischen Höhepunkt dieser Staffel darstellt, ganz ähnlich wie in den Staffeln 2 und 4. Jon Snow, die Wildlinge und einige Häuser des Nordens, primär die Mormonts, stehen auf der einen Seite, Ramsay und einige andere auf der anderen. Die Schlacht der Bastarde vor den Mauern Winterfells ist optisch beeindruckend und vermittelt ausgezeichnet die Klaustrophobie eines solchen Ereignisses. Gleichzeitig gibt es aber auch einige Aspekte, die mich genervt haben. Da wäre zum einen Jon Snows völlig kopfloses Verhalten und zum anderen die Tatsache, dass schon wieder am Ende die Kavallerie auftaucht, um den Tag zu retten. Gut, es war abzusehen, aber dennoch. Jedenfalls wird Ramsay nach seiner Niederlage von seinen eigenen Hunden gefressen, das Stark-Banner weht wieder über Winterfell und Jon Snow wird von den Lords des Nordens zum König im Norden erhoben – kommt mir vage bekannt vor. Nach so vielen Staffeln, in denen es mit den Starks bergab ging, kann man ihnen durchaus ein wenig Erfolg gönnen (dass Rickon tot ist, scheint niemanden groß zu interessieren). Wir werden sehen, ob Jon Snow als König mehr Erfolg hat als Robb Stark.

The Lannisters Send Their Regards
Zu Anfang von Staffel 6 ist Cersei am Ende: Sie wurde öffentlich gedemütigt und verfügt über keinerlei Macht mehr. Und es kommt noch schlimmer: Dem Hohen Spatz gelingt es, ihren Sohn Tommen auf seine Seite zu ziehen. Darüber hinaus will Tommens Kleiner Rat, primär bestehend aus Ser Kevan Lannister und Lady Olenna Tyrell, ihr keinerlei Macht oder Kontrolle zugestehen. Bis zum Ende der Staffel sieht das ganz anders aus… Tatsächlich wirkt der Großteil des King’s-Landing-Handlungsstrangs wie ein weiterer, konstanter Abstieg Cerseis, während der Hohe Spatz seine Macht sichert und weiter ausbaut, um das Königreich endgültig zu übernehmen. In der Mitte der Staffel plant Cersei sogar einen Coup, ihr gelingt es, Kevan Lannister und Olenna Tyrell zu überzeugen, Margaery mit Gewalt aus den Klauen Glaubens zu befreien, um einen Marsch der Schande zu verhindern – nur um festzustellen, dass der Hohe Septon es geschaft hat, König und Königin zu seinen Marionetten zu machen. Die Situation wird für die königliche Witwe immer verworrener, also greift sie zu verzweifelten Maßnahmen und tut, was Alexander der Große mit dem gordischen Knoten tat. Als alle Würdenträger des Reiches (inklusive Margaery, Loras und Mace Tyrell, Kevan Lannister und natürlich dem Hohen Spatz) in Baelors Septe versammelt sind, jagt sie sie mithilfe von Seefeuer in die Luft. Umso ironischer, dass Tommen daraufhin Selbstmord begeht und Cersei somit die Schuld am Tod ihres letzten Kindes trägt. Ich persönlich finde, dass das alles etwas zu schnell und einfach geht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Handlungsstrang bei Martin ganz anders verlaufen wird (wenn auch eventuell mit ähnlichem Ausgang), schon allein wegen diverser Faktoren, die in der Serie keine Rolle spielen, etwa der Tod Kevan Lannisters durch Varys und die Landung Aegons VI. Auf der anderen Seite: Sämtliche Cersei-Szenen der letzten Episode sind exzellent inszeniert, Ramin Djawadi hat hier wirklich gelungene Musik geschrieben (primär das Stück Light of the Seven), Atmosphäre, Bildsprache – alles wunderbar gelungen. Ganz allgemein ist die Ironie dieser Entwicklung natürlich köstlich, und das nicht nur, weil Cersei Tommens Tod nun selbst herbeigeführt hat. Mehr denn je erinnert sie in dieser Folge an Aerys Targaryen, der King’s Landing mit Seefeuer zerstören wollte – genau das, was Cersei nun teilweise getan hat. Wird Jaime nun auch zum „Queenslayer“? Wird eine Targaryen die irre Lannister-Königin töten, so wie ein Lannister den irren Targaryen-König getötet hat?

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Cersei aus dem Haus Lannister, die Erste ihres Namens, Königin der Andalen (der Rhoynar) und der Ersten Menschen und Protektor der Sieben Königreiche (Lena Headey)

Apropos Königsmörder: In diesem Zusammenhang ist wohl noch Jaimes kleiner Abstecher in die Flusslande erwähnenswert, in dessen Rahmen wir die Freys und Tullys wiedersehen. Wie bereits erwähnt handelt es sich hier um Material aus den Romanen, das noch nachgeholt wurde, wenn auch stark zurechtgestutzt. Das Ganze funktioniert dennoch relativ gut, weil Jaimes Handlungsstrang in „A Feast for Crows“ und „A Dance with Dragons“ realtiv episodisch verläuft. Ich freue mich, dass diese Elemente der Romane es noch in die Serie geschafft haben, obwohl es sich letztendlich um Füllmaterial handelt und man nicht viel durch das Weglassen verloren hätte.

Fire and Blood
Auch im weit entfernten Meereen gibt es noch etwas Buchmaterial, das es aufzuarbeiten gibt. Der komplexe Daenerys-Handlungsstrang aus „A Dance with Dragons“ wurde in Staffel 5 nur sehr reduziert umgesetzt; während sich die Mutter der Drachen am Ende besagter Staffel an derselben Stelle findet wie ihr Buchgegenstück – umringt von Dothraki – sieht das in Meereen anders aus. Die Stadt wird im Roman von den Streitkräften (bzw. den Sklaven- und Söldnerheeren) von Yunkai, Astapor, Neu Ghis und Volantis belagert. Ser Barristan Selmy, den Benioff und Weiss bereits sehr unrühmlich abgemurkst haben, findet sich als „Hand der Königin“ wieder und muss versuchen, diese chaotische Stadt, die von innen und außen belagert wird, zu regieren. Die Serie setzt diesen Sachverhalt ganz ähnlich um, nur dass es hier Tyrion ist, der mithilfe von Varys, Missandei und Grey Worm die Ordnung aufrecht erhalten muss, während Daario und Jorah nach Daenerys suchen. Wie bei Martin rücken schon bald die Belagerer aus Yunkai und Astapor an, die den Sklavenhandel wieder vollständig einführen wollen. Bei all seiner Gewitztheit gelingt es Tyrion trotz allem nicht, den Angriff auf die Stadt zu verhindern.

Im Gegensatz dazu marschiert Daenerys fast schon von Erfolg zu Erfolg. Sie wird von den Dothraki nach Vaes Dothrak gebracht, wo sie Teil der Dosh Khaleen, der Khals-Witwen werden soll, worauf sie allerdings keine Lust hat. Mit der Hilfe Jorahs, Daarios und einiger Dosh Khaleen schafft sie es, die regierenden Khals zu töten, einen ähnlichen Auftritt wie in Staffel 1 hinzulegen und so sämtliche Dothraki auf ihre Seite zu ziehen. Dann gelingt es ihr auch mal eben schnell, Drogon völlig zu kontrollieren, sodass sie mit einer weiteren Armee in Meereen einmarschieren und die Sklavenhändler genüsslich grillen kann. Am Ende geht es mit der Flotte der Eisenmänner gen Westeros.

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Daenerys (Emilia Clarke) macht Tyrion (Peter Dinklage) zur Hand der Königin

Auch hier läuft alles für meinen Geschmack ein wenig zu schnell und problemlos. Man kann Benioff und Weiss schon verstehen: Nach so vielen Staffeln wollen sie dem Publikum geben, worauf es wartet (oder worauf sie glauben, dass es wartet). Leider wird hier oftmals die Glaubwürdigkeit und Logik geopfert, vor allem bezüglich der Zähmung Drogons, der auf jedwede Suggestion am Ende von Staffel 5 noch sehr unwillig reagiert hat, während er jetzt plötzlich vollkommen ergeben ist.

Winter Has Come
Die sechste Staffel von „Game of Thrones“ ist für mich außerordentlich schwer zu bewerten. Um eines gleich einmal vorwegzunehmen: Ich mochte sie insgesamt definitiv lieber als Staffel 5. Bei dieser hatte ich stets das Gefühl, dass die Schockmomente inzwischen zum Selbstzweck geworden sind und ohne Rücksicht auf Verluste (oder Logik) umgesetzt wurden. Auch das gnadenlose Eindampfen diverser Handlungsstränge auf ein absolutes Minimum ist mir oftmals sauer aufgestoßen. Staffel 6 arbeitet natürlich mit dem Material aus Staffel 5 weiter, aber gerade in dieser Hinsicht ist es vielleicht von Vorteil, dass sie, mit Ausnahmen, ohne Vorlage agiert und ich keinen Vergleich habe. Somit ist Staffel 6 für mich weitaus weniger frustrierend. Natürlich sterben immer noch viele, viele Leute, aber diese Tode wirken weniger sensationsheischend – wen kümmert schon Rickon Stark?

Darüber hinaus wirkt Staffel 6 auf mich, als versuche man die Fans nun für den langen Aufbau vorheriger Staffeln zu entschädigen, denn plötzlich geht alles verhältnismäßig schnell. Man hat das Gefühl, in fast jeder Folge würde eine wichtige Frage beantwortet oder ein Ereignis treffe ein, auf das man schon lange gewartet hat. Wir erfahren, wer tatsächlich Jon Snows Eltern waren, wie der erste Weiße Wanderer entstand und woher Hodors Name kommt. Mit Ramsay, Walder Frey und dem Hohen Spatz sterben einige der verhasstesten Figuren, Haus Stark gewinnt wieder an Stärke, Daenerys bricht gen Westeros auf etc. Gleichzeitig kann ich mich eines bestimmten Gefühls nicht erwehren, dass mich schon in Staffel 5 beschlich: Es ist George R. R. Martins Welt, es sind George R. R. Martins Figuren (mehr oder weniger), aber es ist nicht mehr George R. R. Martins Geschichte, die hier erzählt wird. Das gewisse Etwas, das „Game of Thrones“ zu einer außergewöhnlichen Serie gemacht hat, fehlt. Komplexität, Konsequenz und Logik wird nun oftmals dem Ausgang geopfert, das Ziel ist wichtiger als der Weg.

Natürlich muss man auch beachten: In „A Feast for Crows“ und „A Dance with Dragons“ wurde Martins Welt von Eis und Feuer immer komplexer. Während in den ersten drei Romanen trotz allem einige klare Handlungsstränge auszumachen waren, drifteten sämtliche Figuren nun immer weiter auseinander, es kamen immer mehr Figurenperspektiven dazu, was das adaptieren nicht gerade einfacher macht. Dennoch ist auffällig, wie viel in dieser Staffel, gerade im Vergleich zu den bisherigen, geschieht und wie schnell es voran geht. Und tatsächlich müsste ich lügen, würde ich sagen, dass es darunter nicht viele Dinge gibt, die auch ich nur allzu gerne sehe. Dennoch, „Game of Thrones“ wirkt nun einfacher – ich will nicht sagen „banaler“, aber doch gewöhnlicher, die Handlung, die Figurenentwicklung etc. gleicht stärker anderen TV-Serien. Eine wirklich endgültige Meinung werde ich wohl erst haben, wenn „The Winds of Winter“ erschienen ist und ich weiß, wie Martin seine Geschichte weitererzählt, ob er dieselben Ziele auf anderem Wege erreicht oder ob seine Handlung in eine völlig andere Richtung steuert.

Davon einmal abgesehen ist „Game of Thrones“ nach wie vor die wohl derzeit opulenteste und optisch beeindruckendste Serie überhaupt, gerade bezüglich Dramatik und Bildsprache (bestes Beispiel, wie erwähnt, ist Folge 10) legen Benioff, Weiss und ihre Regisseure noch einmal eine ordentliche Schippe drauf. Ebenso gibt es bezüglich der Darsteller kaum etwas zu meckern, im Gegenteil. Höchstens die Dornischen sind nach wie vor suboptimal, aber bei zwei kurzen Auftritten fällt das kaum ins Gewicht. Insgesamt definitiv besser als Staffel 5, allerdings merkt man, sowohl in den positiven als auch negativen Aspekten, dass Martin, wenn überhaupt, nur noch marginal an der Serie beteiligt ist und dass Benioff und Weiss seine Geschichte mehr oder weniger hinter sich gelassen haben und ihr eigenes Ding durchziehen.

Marvel-Musik Teil 2: Iron Man

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Während im Marvel Cinematic Universe in den meisten Aspekten recht genau auf die Kontinuität geachtete wird (ein hier und da ersetzter Schauspieler mal nicht mitgerechnet), ist das Element, in dem es praktisch keine Kontinuität gibt, die Musik. Die bisherigen acht Filme wurden von sechs Komponisten vertont, und nur ein einziges Mal hat es ein Komponist für nötig erachtet, das Thema eines anderen Komponisten auch nur zu zitieren. Gerade innerhalb einer Reihe ist das äußerst ärgerlich; besonders, weil die Filme des MCU wunderbar dazu geeignet wärenq, ein Paradebeispiel für sich entwickelnde Themen zu sein. Was allerdings nicht heißt, dass es unter den MCU-Soundtracks nicht einige ziemlich gute gibt.
Um den Artikel nicht zu überfrachten, werden die drei Iron-Man-Filme hier separat behandelt und die restlichen MCU-Filme im folgenden Artikel.

Ramin Djawadi

„Iron Man“ ist nicht nur der erste Film des MCU, sondern in meinen Augen auch einer der besten – das musste er auch sein, um dem Film-Franchise einen gelungenen Start zu ermöglichen. Leider hat „Iron Man“ auch den schlechtesten Soundtrack des MCU. Regisseur Jon Favreau beauftragte Zimmer-Zögling Ramin Djawadi mit der Musik, und was dieser ablieferte ist leider alles andere als optimal. Seine Musik für „Iron Man“ ist ein wunderbares Beispiel für „Style over Substance“ in der Musik: Djawadi ist vor allem darauf bedacht, dass es cool und rockig klingt. Außer schmetternden E-Gitarren und Remot-Control-Minimalismus hat der Score allerdings kaum etwas zu bieten, er ist schlicht dröge und uninteressant. Themen sind kaum auszumachen, geschweige denn eine narrative Entwicklung. Von den widerkehrenden Elementen sticht noch am deutlichsten die Identität für den Titelhelden hervor, eine extrem simple, vage heroisch klingende Melodie, die zumeist als Reihe gleichbleibender E-Gitarren-Riffs mit auf- oder absteigender Begleitung erklingt und hin und wieder auch mal vom (ohnehin arg an den Rand gedrängten) Orchester wiedergegeben wird. Der Rest funktioniert im Film nach halbwegs, ist aber ansonsten schlicht langweilig und eines Helden wie Iron Man unangemessen.
Immerhin ist bei Ramin Djawadi eine eindeutige Lernkurve feststellbar; waren seine Kompositionen zu „Iron Man“ und „Kampf der Titanen“ noch uninspirierte 0815-Remote-Control-Scores, ist er mit jedem Game-of-Thrones-Soundtrack besser geworden und hat für Guillermo del Toros „Pacific Rim“ das abgeliefert, was „Iron Man“ hätte werden sollen. Dieselben stilistischen Zutaten sind vorhanden, aber das Ergebnis ist um einiges kreativer, komplexer und interessanter.

John Debney

Was Komponisten angeht, ist John Debney eine Allzweckwaffe; der gute Mann hat schon für so ziemlich jedes denkbaren Genre komponiert, seien es Piratenfilm („Die Piratenbraut“), Komödien („Bruce Allmächtig“), Animationsfilme („Himmel und Huhn“) oder historische Bibel-Epen („Die Passion Christi“). Für den zweiten Iron-Man-Film ersetzte er Ramin Djawadi und verschaffte dem zweiten Leinwandausflug des Eisernen (das kurze Cameo in „Der unglaubliche Hulk“ nicht mitgerechnet) eine wenn auch nicht optimale, so doch weitaus gelungenere musikalische Untermalung als Djawadi es tat. Auch wenn Debney keines der „Themen“ seines Vorgängers übernahm (in diesem Fall die richtige Entscheidung), ist sein grundsätzlicher Ansatz derselbe (rockig, viele E-Gitarren), allerdings bezieht Debney das Orchester stärker mit ein und kann auch besser mit ihm umgehen. So wird Debneys Iron-Man-Thema mehr von Blechbläsern dominiert und ist sehr viel brauchbarer als Djawadis Heldenidentität. Das Problem ist allerdings, dass das Thema für meinen Geschmack nicht distinktiv genug ist und im Score zu selten angewendet wird – in all seiner Pracht ist es nur im letzten Track zu hören.
Die Actionmusik ist nach wie vor ziemlich rockig, aber um einiges eleganter und komplexer als Djawadis. Das eigentliche Highlight des Scores ist allerdings die Musik für den Schurken Ivan Vanko/Whiplash, die von tiefen, russisch singen Chören dominiert wird.
Gegenüber dem Soundtrack des ersten Teils eine eindeutige Verbesserung.

Brian Tyler

Als ich mir „Iron Man 3“ anschaute, hatte ich erwartet, dass der musikalische Stil der beiden Vorgänger weitergeführt wird, nicht zuletzt, weil ich mit dem Namen „Brian Tyler“ bis zu diesem Zeitpunkt zu meiner Schande noch nichts anfangen konnte. Ich war dann auch ziemlich überrascht, dass die Musik zu „Iron Man 3“ um einiges orchestraler ist als die der beiden Vorgänger und genau das hat, was diesen fehlt: Ein einprägsames, heroisches Thema, das sich beim ersten Hören sofort festsetzt und im Film angemessen oft, aber nicht erschöpfend verwendet wird. Zwar ignoriert Tyler abermals die Motive seiner Vorgänger, aber in Anbetracht dessen, was er als Heldenthema für „Iron Man 3“ geschrieben hat, bin ich ausnahmsweise sogar froh darüber.
In gewissem Sinne ist Brian Tyler in meinen Augen Hans Zimmer, wie er sein sollte: Obwohl er kein RCP-Komponist ist, gehört er, wie Patrick Doyle, James Newton Howard oder Javier Navarette, zu den vielen Komponisten, die die Zimmer-Techniken in kleinerem oder größerem Ausmaß in ihr Repertoire integriert haben – in Tylers Fall sogar in größerem Ausmaß. Er komponiert heute ähnliche „Episch-auf-Teufel-komm-raus-Hymnen“ wie es Zimmer früher getan hat, bevor er dem Minimalismus anheim gefallen ist, allerdings sind Tylers Kompositionen besser orchestriert und komplexer. Und im Gegensatz zu Zimmers aktuellem Output machen sie mir verdammt viel Spaß. Dies trifft auch auf die Action-Szenen zu, speziell wenn das Iron-Man-Thema auftaucht. Die Musik für die ruhigeren Szenen und für den Mandarin dagegen ist weniger amüsant, Debneys Schurkenthema war da überzeugender. Wegen des vollauf gelungenen, vielseitig variierten und gut integrierten Titelthemas sind das allerdings Schwächen, über die man großzügig hinwegsehen.

Fazit: Iron Mans musikalische Reise startete suboptimal, allerdings wurde es von Film zu Film besser. Ausnahmsweise hat der Komponistenwechsel innerhalb der Filmreihe einmal positive Folgen – nach drei Filmen hat Iron Man endlich zu der thematischen Identität gefunden, die er verdient, und ich hoffe, dass sie uns erhalten bleibt.

Siehe auch:
Marvel-Musik Teil 1: X-Men
Iron Man
Iron Man 2
Iron Man 3

American Horror Story: Asylum

Halloween 2013
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Nachdem in der ersten Staffel von „American Horror Story“, nachträglich mit „Murder House“ betitelt, das Geisterhaus thematisiert wurde, ist der Schauplatz der zweiten Staffel ein weiterer klassischer Ort des Horrors: Die Irrenanstalt.
Wie bereits in meinem Artikel zu Staffel 1 erwähnt handelt es sich bei „American Horror Story“ um eine Anthologie; jede Staffel erzählt eine eigene, in sich abgeschlossene Geschichte, inhaltliche Verknüpfungen zwischen den einzelnen Staffeln gibt es nicht. Allerdings kehren in „Asylum“ viele der Darsteller aus „Murder House“ in neuen Rollen zurück, u.a. Jessica Lange, Zachary Quinto, Frances Conroy und Evan Peters.

Die Handlung
Die Handlung von „Asylum“ spielt sowohl im Jahr 1964 als auch 2012, wobei der zweiten Zeitebene nur vergleichsweise wenig Zeit eingeräumt wird. Im Zentrum der Handlung steht die katholische Irrenanstalt Briarcliff, gegründet vom ambitionierten Monsignor Timothy Howard (Joseph Fiennes) und unter der Leitung der Nonne Schwester Jude (Jessica Lange) und des Arztes Dr. Arthur Arden (James Cromwell). Die beiden Letzteren bekriegen sich geradezu und sehen die Anstalt als ihren persönlichen Spielplatz, worunter nicht zuletzt die Patienten leiden. Viele von ihnen scheinen gar zu Unrecht in Briarcliff zu sein. Die Reporterin Lana Winters (Sarah Paulson) zum Beispiel soll wegen ihrer Homosexualität behandelt werden, doch eigentlich sitzt sie ein, weil sie zu viele unangenehme Fragen gestellt hat. Kit Walker (Evan Peters) wird beschuldigt, der Serienkiller Bloody Face (dessen Taten bis ins Jahr 2012 nachhallen) zu sein, pocht jedoch auf seine Unschuld und behauptet steif und fest, dass er von Aliens entführt wurde. Der einzige, der sich wirklich um die Patienten kümmert, scheint der Arzt Dr. Thredson (Zachary Quinto) zu sein, doch auch er verbirgt etwas. Briarcliff ist ein Ort des Grauens, der niemanden, der ihn einmal betritt, wieder loslässt. Selbst die Ärzte und Nonnen sind davor nicht gefeit, denn seltsame Dinge geschehen, und wer sich an einem Tag noch um die Patienten kümmert, kann sich am nächsten schon selbst als Patient wiederfinden…

Die Umsetzung
Die Inhaltsangabe ist absichtlich recht knapp gehalten, da es in „Asylum“ sehr viele Handlungsstränge gibt und eine ausführliche Wiedergabe den Rahmen sprengen würde. Wo die erste Staffel von „American Horror Story“ noch einen engeren Fokus hatte – im Mittelpunkt stand eindeutig die Familie Harmond und ihre Interaktion mit den verschiedenen Geistern – ist die zweite Staffel zerfaserter. Die Anstalt ist das Zentrum der Handlung, allerdings kocht jede Figur ihr eigenes Süppchen und hat ihren eigenen Plot. Diese verbinden sich freilich später miteinander, aber dennoch wirkt „Asylum“ weniger kohärent als „Murder House“. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Staffel 2 nicht nur eines, sondern gleich viele verschiedene Untergenre des Horrors (Exorzismus, Aliens, Serienkiller) verwendet und dabei ausgiebig bekannte und beliebte Filme („Der Exorzist“, „Das Schweigen der Lämmer“ und „Saw“ sind nur einige Beispiele) zitiert.
Manche der Handlungsstränge scheinen gar ins Leere zu laufen. Ein gutes Beispiel findet sich in Episode 2, in welcher ein besessener Junge nach Briarcliff gebracht und anschließend exorziert wird. Der Dämon (es wird angedeutet, dass es sich um Satan persönlich handelt) fährt daraufhin in die Nonne Mary Eunice (Lily Rabe), stiftet weiteres Unheil in der Anstalt und scheint sich zum großen Bösen zu entwickeln, bis Satan/Mary Eunice recht plötzlich und unelegant abserviert wird. Ähnlich verhält es sich mit der Nazivergangenheit von Dr. Arden, die vor allem in der Mitte der Serie stark im Zentrum steht, oder den Aliens, die Kit Walker entführt haben. Gerade zu Beginn wirkt „Asylum“ regelrecht überladen, es scheint, als ob die Serienschöpfer Ryan Murphy und Brad Falchuk versucht hätten, alles in die Geschichte reinzustopfen, was irgend möglich ist. Interessanterweise entwickelt sich die Staffel über den Verlauf ihrer dreizehn Episoden ungemein. Gerade in der letzten Folge wird klar, dass das ganze Drumherum letztendlich eher Beiwerk ist, der Fokus liegt auf den Figuren, v.a. Jude, Lana und Kit.
Dennoch, „American Horror Story: Asylum“ funktioniert, obwohl sich nicht sagen lässt, ob dies trotz oder gerade wegen dieser etwas merkwürdigen Konzeption der Fall ist. Einige Faktoren hierfür lassen sich allerdings eindeutig ausmachen. Wie schon Staffel 1 ist auch Staffel 2 atmosphärisch einwandfrei gelungen. Briarcliff ist düster, einschüchternd und exakt so, wie man sich den Alptraum einer Irrenanstalt vorstellt – das Arkham Asylum lässt grüßen. Durch schnelle Schnitte, vor allem in der ersten Episode, wird sehr gelungen Unbehagen und Wahnsinn vermittelt. Dennoch ist das Ganze nicht völlig humorlos, es gibt immer wieder trockene und schwarzhumorige Einlagen, die nicht stören, aber die Staffel ein wenig auflockern. Der Höhepunkt ist diesbezüglich zweifelsohne die vom Cast gesungene Nummer „The Name Game“, die es schafft, gleichzeitig lustig, völlig absurd, tragisch und ein wenig unheimlich zu wirken und Jessica Lange darüber hinaus die Gelegenheit gibt zu zeigen, wie gut sie singen kann.
Noch wichtiger als die Atmosphäre sind die Darsteller, die, wie schon in Staffel 1, ausgezeichnet sind. Wie bereits erwähnt kehren viele Schauspieler aus „Murder House“ zurück, zusätzlich zu einigen neuen „Schwergewichten“ wie Joseph Fiennes, James Cromwell oder Ian McShane, der in einer kleinen, aber enorm gelungenen Gastauftritt als blutrünstiger Wahnsinniger hat. Von allen Neuzugängen erweist sich Sarah Paulson als die Wichtigste, auch wenn die Bedeutung ihrer Figur erst im Verlauf der Staffel deutlich wird.
Abermals ist vor allem Jessica Lange hervorzuheben, die ihrer Figur, der getriebenen Nonne Jude, Tiefe und Glaubwürdigkeit verleiht. Nicht minder gelungen spielt Zachary Quinto, dessen Rolle dieses Mal sehr viel größer und bedeutender ausfällt und der die Gelegenheit bekommt, die tiefsten Abgründe seiner Figur auszuloten.

Fazit: Insgesamt ist „Asylum“, aufgrund des fehlenden Fokus, ein wenig schwächer als „Murder House“, weiß aber dennoch, nicht zuletzt dank der hervorragenden Darsteller, bestens zu unterhalten. Wie schon die erste Staffel von „American Horror Story“ ist auch die zweite jedem Fan gepflegten Horrors zu empfehlen. Und sollte die dritte Staffel, „Coven“, halten, was die erste Folge verspricht, könnte sich „American Horror Story“ zu einer der besten Horror-Serien überhaupt entwickeln.

Intro
Trailer

Halloween 2013:
Prämisse
Hellraiser: Hellworld
Geschichte der Vampire: The Vampyre

Siehe auch:
American Horror Story: Murder House