Die Schöne und das Biest

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Story:
Als ein dekadenter junger Prinz (Dan Stevens) eine alte Bettlerin (Hattie Morahan) abweist, entpuppt sich diese als Zauberin, die den Prinzen zur Strafe für seine Arroganz und Oberflächlichkeit in ein Biest verwandelt. Bevor das letzte Blütenblatt einer magischen Rose gefallen ist, muss der Prinz beweisen, dass er lieben und geliebt werden kann. Einige Jahre später ergibt sich die Gelegenheit: Um ihren Vater Maurice (Kevin Kline), der eine Rose aus dem Schlossgarten pflücken wollte, aus den Klauen des Biests zu befreien, erklärt sich die Bücherfreundin Belle (Emma Watson) bereit, den Platz ihres Vaters als Gefangene des Biests einzunehmen. Derweil versucht Belles Verehrer Gaston (Luke Evans) die Situation zu seinem Vorteil auszunutzen, da Belle ihn partout nicht heiraten will…

Kritik: Holen wir mal ein wenig weiter aus und betrachten „Die Schöne und das Biest“, Disneys neuestes Realfilmremake eines Zeichentrickklassikers, mal im Kontext eben dieses Trends („Elliot der Drache“ mal ausgenommen, da ich ihn noch nicht gesehen habe). Die Frage nach Sinn und Unsinn sollte dabei gar nicht erst gestellt werden, denn der Sinn ist eindeutig: Bislang waren alle Remakes finanziell äußerst erfolgreich, weshalb Disney sicher nicht damit aufhören wird, diese Filme zu produzieren.

Es fing alles 2010 mit Tim Burtons „Alice im Wunderland“ an, das gleichermaßen Remake wie Fortsetzung war, da es von Alice‘ zweitem Ausflug ins Wunderland erzählt (der dennoch in vieler Hinsicht dem ersten gleicht). Das Ergebnis war leider ein vor CGI überquellender Film, der an der Essenz der Geschichte vorbeierzählte: „Alice im Wunderland“, sowohl der Film von 1951 als auch die Vorlage von Lewis Carrol, ist ein Werk der englischen Nonsense-Strömung, einem solchen Werk einen sinnvollen Plot zu geben, der daraus einen etwas schrägeren Narnia-Abklatsch macht, ist fürchterlich daneben. „Maleficent“ (2014) von Robert Stromberg, der bereits bei „Alice im Wunderland“ für die Effekte verantwortlich war, ist in mancherlei Hinsicht das interessanteste Remake, da es sich hierbei quasi um die märchenhafte Disney-Version eines Rape/Revenge-Films handelt. Dass der Film unter dieser Prämisse überhaupt zustande kam ist beeindruckend, leider ist die Umsetzung alles andere als gelungen und passt einfach hinten und vorne nicht. Der künstliche CG-Look von „Alice“ wird auf die Spitze getrieben, die Handlung ist schlecht erzählt, die Charakterzeichnung unterirdisch und der Schlusstwist stammt direkt aus „Frozen“. „Cinderella“ (2015) von Kenneth Branagh war da ausgeglichener und runder, aber auch unspektakulärer; ein harmloser, unterhaltsamer, aber vergessenswerter Märchenfilm (ich bin allerdings auch nicht der größte Fan des Originals). Jon Favreaus „Jungle Book“ zeigte dann, wie so eine Realfilmremake idealerweise auszusehen hat. Favreau bemühte sich, den Zeichentrickklassiker und die Atmosphäre von Kiplings Vorlage miteinander zu verbinden. Dabei erweist er, anders als „Maleficent“, dem Original stets die nötige Ehrerbietung, ohne sich allerdings sklavisch an ihm zu orientieren. Während die Handlung dieselbe ist, schafft es Favreau doch, fast jeder Szene einen neuen Twist oder Blickwinkel zu verleihen, der sie interessant macht.

Und nun also „Die Schöne und das Biest“, entstanden unter der Ägide von Breaking-Dawn-Regisseur Bill Condon (was ich ihm allerdings nicht vorwerfen will, tatsächlich hat er zumindest in „Breaking Dawn Teil 2“ alles aus dem Stoff herausgeholt, was herauszuholen ist). Von allen Realfilmremakes ist dieses zwar nicht das schlechteste, aber wohl das überflüssigste. Wo „The Jungle Book“ und „Cinderella“ die Vorlage durchaus erzählerisch und inhaltlich erweiterten, schaffen es Bill Condon und die Drehbuchautoren Stephen Chbosky und Evan Spiliotopoulos kaum, den Zeichentrick-Klassiker von 1991 wirklich sinnvoll zu ergänzen. Es gibt zwar durchaus einige Hinzufügungen und Veränderungen, so verläuft etwa der Subplot von Belles Vater Maurice ein wenig anders, die Zauberin, die das Biest verflucht, bekommt weitere Auftritte und es wurden auch ein paar neue Lieder beigefügt, aber im Großen und Ganzen handelt es sich um kosmetische Korrekturen. Am interessantesten ist der Umstand, dass sich der Film der Rezeption des Originals scheinbar bewusst ist und versucht, die kleinen Logikprobleme, die im Verlauf der letzten 25 Jahre ermittelt wurden, zu lösen. Dazu gehören zum Beispiel die genaue Funktionsweise des Fluchs (warum vermisst niemand das Schloss samt Prinz und Belegschaft?) oder auch nur der Umstand, dass ein Dorf voller Lesemuffel eine gut ausgestattete Bibliothek hat. Im Grunde sind diese Details und Erklärungen eigentlich überflüssig, da das Original sie schlicht nicht braucht. Der Zeichentrickfilm funktioniert mit Märchenlogik, die Probleme, die das Remake löst, entstehen erst durch die Neuverfilmung.

In diesem Zusammenhang lässt sich Condons Film am ehesten mit Baranghs „Cinderella“ vergleichen, wobei ich das Gefühl habe, dass die Hinzufügungen und Erweiterungen bei „Cinderella“ weitaus gewichtiger ausfielen. Mehr noch, „Cinderella“ fühlte sich trotz des Respekts vor dem Original eigenständiger an. Condon, bzw. Disney versucht in erster Linie, das Original und seine Wirkung minutiös zu rekreieren. Nun ist es nicht so, dass das Remake keinen Charme hätte – dummerweise ist es der Charme des Originals. Jemanden, der die Zeichentrickversion nicht gesehen hat, könnte dieser Film vielleicht überzeugen, wer jedoch mit dem Original vertraut ist, stellt sich unweigerlich die Frage, weshalb er gerade das Remake ansieht – jedenfalls ging es mir so. Dem Remake gelingt es nie, dieses gewisse Etwas einzufangen, dass den ursprünglichen Film so besonders gemacht hat.

Lässt man diesen Aspekt außen vor, überzeugt „Die Schöne und das Biest“ vor allem durch das Design und die Gestaltung. Das Schloss ist beeindruckend und die diversen lebendigen Haushaltsgegenstände sind mit viel Liebe zum Detail konstruiert (bzw. animiert). Auch die Besetzung kann sich sehen lassen, von Ewan McGregor als Lumiere über Emma Thompson als Madame Pottine bis zu Ian McKellen (Von Unruh), Josh Gad (Le Fou), Kevin Kline (Maurice) und Luke Evans (Gaston). Dasselbe lässt sich leider nicht über die Hauptdarsteller sagen: Während weder Dan Stevens noch Emma Watson wirklich schlecht spielen, fehlt doch einfach diese Chemie zwischen den beiden, die dafür sorgte, dass das Original so wunderbar funktioniert. Darüber hinaus finde ich das Biest optisch nicht besonders gelungen. Wo die anderen CGI-Figuren zu überzeugen wissen, wirkt das Biest fürchterlich unecht – vielleicht wären praktische Effekte, Prothesen und Make-up hier sinnvoller gewesen.

Bevor ich auf die Musik zu sprechen komme, noch ein kurzes Wort zur Kontroverse um Le Fou: Diese ist kaum der Rede wert. Josh Gads Version der Figur ist ein wenig femininer als das Original und als Figur ein wenig eigenständiger; sie hat einen Mini-Subplot. Das ändert im Grunde kaum etwas und wirkt nach der Sichtung des fertigen Films primär wie ein Marketing-Stunt, mit dem Disney zeigt, wie progressiv es ist. Umso alberner und bescheuerter sind dann auch die Reaktionen aus Alabama und Russland, wo der Film entweder boykottiert wurde oder eine Altersfreigabe ab 16 bekam. Und nun zu einem wirklich wichtigen Aspekt.

Da es sich bei „Die Schöne und das Biest“ um ein tatsächliches Musical handelt und die Songs eine wichtige Rolle spielen (immerhin ist jedes einzelne Lied des Originals ein Ohrwurm, der die Gehirnwindungen nie wieder verlässt), werde ich ein wenig ausführlicher auf die Musik eingehen. Insgesamt bin ich zwiegespalten. Keines der Lieder aus dem Remake kommt auch nur ansatzweise an das Gegenstück aus dem Original heran. Luke Evans singt erstaunlich gut, bei den meisten anderen lassen die Sangeskünste jedoch zu wünschen übrig. In der deutschen Version ist das ein wenig besser, weil hier tatsächlich Sänger angeheuert werden, während im O-Ton die Schauspieler selbst singen. Vor allem Emma Watson und Emma Thompson können da absolut nicht überzeugen. Die neuen Lieder, darunter Evemore, eine Solonummer für das Biest, gehen neben ikonischen Nummern wie Be Our Guest oder Gaston ziemlich unter und schaffen es kaum, sich ins Gedächtnis einzubrennen. In einem Aspekt übertrifft das Remake jedoch das Original. Wie schon 1991 komponierte Alan Menken auch hier den Score. Nun kommt es ziemlich selten vor, dass ein Komponist denselben Film zwei Mal vertont, aber Menken zeigt, dass er als Score-Komponist unterbewertet ist und definitiv mehr Arbeit abseits von Musicals braucht. Nun hatte das Original keinesfalls einen schlechten Score, aber Menken bekommt hier die Gelegenheit zu zeigen, wie er sich als Komponist weiterentwickelt hat. Die Orchestrierungen sind besser und komplexer und auch die leitmotivische Arbeit weiß zu gefallen. Mühelos nimmt Menken seine ikonischen Melodien, variiert sie, kontrapunktiert sie und lässt sie mit- und gegeneinander arbeiten. Passend zum barocken Stil des Films bekommt das Cembalo eine größere Rolle. Ähnlich verhält es sich mit dem Fluch-Thema, das nun endgültig zum Rückgrat des Scores wird.

Fazit: Während „Die Schöne und das Biest“ kein wirklich schlechter Film ist, ist er doch im Grunde überflüssig, da er primär versucht, das Original zu reproduzieren, dabei aber nur erreicht, dass zumindest ich mich frage, weshalb ich mir nicht gerade die Zeichentrickversion ansehe.

Trailer

Bildquelle

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Die Top 10 + 10 Film- und Serienschurken

Die singende Lehrerin hat mal wieder zur Blogparade aufgerufen. Beim Thema „Die besten Schurken in Film und Serie“ kann ich als Fan der Bösen Buben natürlich kaum widerstehen. Zwar habe ich in der Anfangszeit meines Blogs bereits eine derartige Liste konzipiert, diese bestand aber nur aus fünf Filmschurken, insofern ist es, denke ich, mehr als berechtigt, nun die aktualisierte und erweiterte Liste zu präsentieren. Wie so oft gilt auch hier: Die Rangfolge ist nicht in Stein gemeißelt, sie entspricht meiner aktuellen Gemütslage und kann sich schon nächste Woche wieder ändern. Ich habe darüber hinaus versucht, pro Film (bzw. Filmreihe) und Serie nur einen Schurken auszuwählen, aber natürlich musste ich hin und wieder doch ein wenig schummeln, vor allem bei Platz 1 der Filmschurken. Insgesamt finde ich es auch ein wenig traurig, dass es keine einzige Schurkin auf die Film-Liste geschafft hat (das Herz will, was das Herz will), aber dafür ist die Serienliste fast ausgeglichen.

Und nun, schon mal zur Einstimmung, die Runners-up-Liste, völlig unsortiert: Sauron, Darth Maul, Malefiz, Smaug, Thailog, Antonio Salieri, Davy Jones, Hades („Disneys Hercules“), Hector Barbossa, Roose Bolton, Coriolanus Snow, Darth Tyranus, Bellatrix Lestrange, Satan („Im Auftrag des Teufels“), Lex Luthor („Superman: The Animated Series“), Darth Vader, Bane („The Dark Knight Rises“), Ava Lord, Dschafar, Francis Dolarhyde, die Meerhexe Ursula, Imhotep, William Stryker, Mystique, Saruman, Jack the Ripper („From Hell“), David Xanatos, Scar.

Serie

10. Morgan (Eva Green) aus „Camelot“

Die kurzlebige Starz-Serie „Camelot“ war zwar gewiss nicht frei von Fehlern (der größte war Jamie Campbell Bower als Arthur), hat es aber dennoch geschafft, dem allseits bekannten Artus-Mythos die eine oder andere neue Facette abzugewinnen, wobei das Highlight definitiv die Interpretation von Merlin und Morgan war. Letztere gibt im Rahmen dieser Serie eine wirklich grandiose Schurkin ab, was einerseits daran liegt, dass sie ziemlich nachvollziehbar gestaltet ist und mit ihren Ansichten dem modernen Zuschauer oftmals näher ist als die eigentlich guten Figuren (warum sollte nicht eine Frau über England herrschen?), und andererseits, weil sie von Eva Green gespielt wird, was prinzipiell nicht schadet. Schon allein wegen ihrer Interpretation von Morgan lohnt es sich, die Serie anzuschauen.

9. Jim Moriarty (Andrew Scott) aus „Sherlock“

Professor Moriarty gehört zu den großen Widersachern der Literatur und wurde schon vielfach interpretiert. Die Sherlock-Version, ohne akademischen Titel, muss sich definitiv nicht verstecken – in bester Schurkentradition ist er sowohl Spiegel als auch Gegensatz zu seinem heroischen Gegner. Wo Sherlock Holmes ein „Consulting Detective“ ist, ist Moriarty ein „Consulting Criminal“ und wo Sherlock stoisch und kalt erscheint, sich in Wahrheit aber sehr um die Menschen, die ihm am nächsten stehen, sorgt und für sie eintritt, scheint Moriarty übermäßigen emotionalen Ausbrüchen und Stimmungsschwankungen unterworfen, schert sich aber um niemand anderen als sich selbst. Beide Widersacher verbindet allerdings ihre überragende Intelligenz und ihre durchaus ähnliche Weltsicht, denn in vielerlei Hinsicht ist Moriarty das, was Sherlock wäre, besäße er kein Gewissen. Zu all diesen gelungenen Gemeinsamkeiten und Gegensätzen kommt hinzu, dass Andrew Scott beim Spielen der Figur sichtlich Spaß hat, zur großen Freude des Zuschauers.

8. Harley Quinn (Arleen Sorkin) aus „Batman: The Animated Series“

Harley Quinn ist witzig, lebensfroh, hin und wieder ziemlich durchgeknallt und unglaublich tragisch, denn sie hat das Pech, dass sie unsterblich in den Joker verliebt ist. Die Beziehung der beiden hat eine unglaubliche Dynamik, die Tragik rührt daher dass Harley, egal wie sehr die Joker sie misshandelt, doch stets zu ihm zurückkehrt, weil sie von ihm vollkommen besessen ist. Der Joker seinerseits ist oft von ihr genervt oder versucht sogar umzubringen, sollte sie sich aber kurzfristig für jemand anderen interessieren, wird er unglaublich eifersüchtig und besitzergreifend. Ursprünglich begann Harley als relativ unwichtiger Nebencharakter in „Batman: The Animated Series“, weil Bruce Timm und Paul Dini sich dachten, dass es cool wäre, wenn der Joker einen weiblichen Sidekick hätte. Gewissermaßen begann Harley danach aber ein Eigenleben zu entwickeln, sie bekam in Form der Graphic Novel „Mad Love“ (die im Rahmen der Serie auch adaptiert wurde) eine interessante Hintergrundgeschichte und war bei den Fans so beliebt, dass sie schon bald ins reguläre DC-Universum übernommen wurde, von zusätzlichen Auftritten in weiteren Serien (beispielsweise „The Batman“) oder Spielen („Arkham Asylum“ und Sequels) ganz zu schweigen. Und mit Suicide Squad steht bald ihr erster Auftritt in einem Realfilm bevor. Aber es ist die Cartoon-Version, gesprochen von Arlene Sorkin, die Harley definiert hat.

7. Russel Edgington (Denis O’Hare) aus „True Blood“

„True Blood“ wurde ab Staffel 4 deutlich schwächer, Staffel 3 war aber noch wirklich grandios, was zum Großteil dem von Denis O’Hare gespielten Russel Edgington zu verdanken ist. Der gute Russel balanciert auf einem sehr schmalen Grat, er ist unterhaltsam und witzig, aber gleichzeitig bedrohlich und gefährlich, ohne dass das eine das andere aufheben würde. O’Hare gelingt es, den uralten Vampir glaubwürdig und charismatisch darzustellen, und ihm zu allem Überfluss auch noch einen Hauch Tragik zu verleihen, denn man merkt, dass ihm der Verlust seines geliebten Talbot wirklich und aufrichtig zu Herzen geht. Und wer könnte jemals die geniale Fernsehansprache vergessen.

6. Amanda Waller (C. C. H. Pounder) aus „Justice League Unlimited“

Amanda Waller ist so ganz anders als die typischen Superschurkinnen mit Modelfiguren und hautengem Spandex: Sie ist keine gute Kämpferin und übergewichtig, aber trotzdem eine, wenn nicht gar die, gefährlichste Frau des DC-Universums – und dazu noch eine ziemlich komplexe und interessante Figur, gerade in „Justice League Unlimited“. Dort fürchtet sie die wachsende Macht der Justice League, eine Angst, die durchaus berechtigt ist, denn in einem Paralleluniversum machten sich die Mitglieder der Justice League zu den Justice Lords und errichteten eine Diktatur. Waller will die Menschheit vor übermächtigen Superwesen beschützen, diese Aufgabe verfolgt sie allerdings völlig rücksichtslos: Der Zweck heiligt fast jedes Mittel.

5. Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio) aus „Daredevil“
Achtung! Das Video stammt aus dem Finale der ersten Staffel von „Daredevil“ und enthält Spoiler.

Ich habe Wilson Fisk, den Kingspin (auch wenn dieser Spitznamen in der ersten Staffel von „Daredevil“ nie benutzt wird) ja bereits ausführlich gelobt. Vincent D’Onofrio spielt Fisk als außergewöhnlich vielschichtigen Widersacher des Titelhelden, als Gangsterboss mit Vision, auf der einen Seite brutal und geplagt von seinem Temperament, auf der anderen Seite schüchtern und unsicher; ein Schurke, von dem ich definitiv mehr sehen will. Glücklicherweise ist Staffel 2 bereits in der Mache.

4. Demona (Marina Sirtis) aus „Gargoyles“

Disneys „Gargoyles“ hat eine ausgezeichnete Schurkenriege, von David Xanatos über Thailog und MacBeth bis hin zu Fox und Oberon, aber Demona ist ohne Zweifel die Krönung. Goliaths ehemalige Geliebte ist ganz ähnlich konzipiert wie Magneto: Aufgrund ihrer tragischen Vergangenheit hat sie gelernt, Menschen zu hassen, mehr als einmal versucht sie, die gesamte Menschheit auszulöschen, wobei ihr der Manhatten-Clan natürlich stets einen Strich durch die Rechnung macht. Tief in ihrem Inneren ist Demona allerdings ein zutiefst einsames Wesen, das sich nach einer verlorenen Liebe sehnt und sich konsequent selbst belügt. Tragisch, getrieben, und wunderbar gesprochen von Marina Sirtis – die perfekte Schurkin für eine der besten Zeichentrickserien.

3. Darkseid (Michael Ironside) aus „Superman: The Animated Series“

Darkseid ist der große Böse des DC-Universums und die (inoffizielle) Vorlage für Thanos (der nette Herr, der in der Mid-Credits-Szene der beiden Avengers-Filme kurz auftaucht). Zwar wurde er schon einige Mal dargestellt, unter anderem in „Smallville“ und dem einen oder anderen Zeichentrickfilm, aber bislang hat mich nur eine Interpretation des finsteren Gottes wirklich zufrieden gestellt: Die von Michael Ironside aus „Superman: The Animated Series“ und den restlichen DCAU-Serien. Allein mit seiner Stimme schafft es Ironside, die Essenz der Figur perfekt einzufangen. Darkseid spricht fast immer ruhig, gelassen und mit absoluter Selbstsicherheit, er ist sich der Tatsache, dass er eines er mächtigsten Wesen des Universums ist, absolut bewusst. Umso furchterregender wird es dann, wenn er einmal wirklich die Stimme erhebt. Darüber hinaus ist er (zumindest im Rahmen des DCAU) der Schurke, der Superman am nachhaltigsten unter die Haut geht, indem er ihm eine Gehirnwäsche verpasst und ihn dazu zwingt, die Erde anzugreifen. Darkseid ist der einzige Schurke, bei dem sich Superman nicht zurückhält und den er tot sehen möchte.

2. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) aus „Hannibal“

Da gibt es keine Diskussion: Kultivierte Kannibalen geben einfach grandiose Schurken ab. In Bezug auf Hannibal Lecter stellt sich natürlich oft die Frage: Anthony Hopkins oder Mads Mikkelsen? Diese Frage beantworte ich mit einer Gegenfrage: Warum sollte ich mich entscheiden? Mads Mikkelsen Interpretation der Figur ist anders als die von Hopkins, ruhiger, subtiler, aber deswegen keinesfalls weniger gelungen oder fesselnd. Die Serien-Version von Hannibal Lecter ist extrem beherrscht und sehr auf Kontrolle bedacht, spielt jedoch trotzdem (oder gerade deshalb) hervorragend mit allen Menschen, die ihn umgeben.

1. Tywin Lannister (Charles Dance) aus „Game of Thrones“

Ob Tywin Lannister überhaupt ein Schurke ist, ist freileich diskutabel; Charles Dance sieht ihn jedenfalls nicht als solchen, aber immerhin gehört er zu den Figuren, die einem bösen Masterminde in „Game of Thrones“ am nächsten kommen. Joffrey mag ein sadistisches Arschloch sein, aber es ist Lord Tywin, von dem die Gefahr ausgeht, er ist stets die eigentliche Macht hinter dem Eisernen Thron. Ich muss ja zugeben, als ich Tywin in der Serie zum ersten Mal sah, war ich doch ein wenig enttäuscht, denn in den Romanen hat er mit Glatze und Backenbart eine so markante Erscheinung. Schnell stellte ich allerdings fest, dass man für Lord Tywin keinen besseren Schauspieler als Charles Dance hätte finden können. Von den Unterschieden bei Kopf- und Gesichtsbehaarung einmal abgesehen bringt Dance die Figur nämlich perfekt auf den Punkt und hat genau die richtige Ausstrahlung. Schon sein Blick allein reicht, um andere verstummen zu lassen und wenn er spricht, hört man zu. Charles Dance als Lord von Casterly Rock kommandiert eine Präsenz, wie man sie nur selten findet, und das selbst dann noch, wenn Tywin auf dem Klo sitzt.

Filme

10. Frollo (Tony Jay) aus „Der Glöckner von Notre Dame“

Disney-Schurken sind so eine Sache für sich: Sie sind selten vielschichtig, aber doch sehr oft äußerst einprägsam, weil sie auf so glorreiche Weise schurkisch sind und bei vielen von uns die Kindheit dominiert haben. Richter Frollo, gesprochen vom leider verstorbenen, aber grandiosen Tony Jay, ist zwar ebenfalls unheimlich markant, unterscheidet sich aber von vielen anderen Disney-Schurken dadurch, dass er seine Taten tatsächlich zu rechtfertigen versucht, während Dschafar oder Hades sich einfach in ihrer Bosheit suhlen und sich Malefiz sogar zur „Mistress of all evil“ erklärt. Frollo ist für einen Disney-Schurken beängstigend realistisch, denn er besitzt keinerlei magische Kräfte, zettelt dafür aber ein Pogrom an, plant einen Genozid und wird von fleischlicher Lust angetrieben. Hach ja, die magische Welt von Disney…

9. Dracula (Gary Oldman) aus „Bram Stoker’s Dracula“

Über die Jahrzehnte hinweg wurde Dracula bereits von vielen großen (und auch vielen weniger großen) Darstellern verkörpert, von Bela Lugosi über Christopher Lee, Klaus Kinski, Luke Evans, bis hin zu Frank Langella und Jonathan Rhys Meyers, aber meine Lieblingsversion ist eindeutig die von Gary Oldman verkörperte aus „Bram Stoker’s Dracula“. Anders als die meisten Inkarnationen, die vorher kamen, ist Oldmans Graf ein tragisches Monster, aber im Unterschied zur Luke-Evans-Version ist trotzdem nicht völlig heroisiert, sondern tatsächlich eine Bestie. Dass die Figur so funktioniert, ist vor allem Gary Oldmans Wandlungsfähigkeit zu verdanken, der sowohl als tragischer Liebhaber als auch als bösartig lachender Vampirfürst überzeugt. Nebenbei, dieser Dracula hat wohl mit Abstand die meisten unterschiedlichen Erscheinungsformen; alter Mann, junger Mann, Werwolf, Nebel, Fledermausmonster…

8. Hans Landa (Christoph Waltz) aus „Inglourious Basterds“

Landa ist die Rolle, die Christoph Waltz international bekannt gemacht hat und ein Oscar ist auch dabei herausgesprungen – völlig zurecht, denn Hans Landa ist ein grandioser Schurke, der die gängigen Filmnazi-Klischees widerlegt und am Ende sogar die Seiten wechselt (aus reinem Opportunismus, versteht sich). Bis dahin ist er aber rechtschaffen gemein und grausam, deduziert als finstere Version von Sherlock Holmes und macht seine Feinde in vier verschiedenen Sprachen nieder.

7. Loki (Tom Hiddleston) aus „Thor“, „The Avengers“ und „Thor: The Dark World“

Ich mochte Loki als Schurke in der nordischen Mythologie und im Marvel-Universum schon vor dem MCU, was Tom Hiddleston aus der Figur macht, ist allerdings noch einmal eine Klasse für sich. Lange war Loki der mit Abstand beste und beliebteste MCU-Schurke (jedenfalls, bis Wilson Fisk sich zeigte), und das aus gutem Grund. Loki ist nicht nur durchtrieben, seine Handlungen sind auch nachvollziehbar, und darüber hinaus ist er noch so unheimlich unterhaltsam. Hinzu kommt, dass er sich über die Filme konstant weiterentwickelt und bei jedem neuen Auftritt an einem völlig anderen Punkt steht. Ironischerweise gewinnt er in dem Film, in dem er nicht der Hauptschurke ist.

6. Pinhead (Doug Bradley) aus „Hellraiser 1-8“
Achtung, das Video könnte religiöse Gefühle verletzen und ist recht eklig!

Im Horrorfilmbereich gibt es diverse Filmreihen, die jeweils von ihrem Schurken definiert werden und deren Sequels von Film zu Film immer schlechter werden. Freddy Kruger, Michael Myers, Jason Vorhees und Jigsaw sind nur einige davon, aber einer steckt sie meiner Meinung nach alle in die Tasche: Pinhead, der nagelgespickte Priester der Hölle. Obwohl er das Element ist, das alle Hellraiser-Filme zusammenhält, fungiert er dabei nicht einmal per se immer als Schurke – genau genommen tut er das nur in den Teilen 3 und 4. Gerade das macht Pinhead so interessant, wobei Doug Bradley und das ikonische Design ihren Teil ebenfalls beitragen. Über Pinhead habe ich mich bereits sehr ausführlich geäußert.

5. Magneto (Ian McKellen, Michael Fassbender) aus „X-Men 1-3“, „X-Men: First Class“ und „X-Men: Days of Future Past“

Magneto ist nicht nur einer der bekanntesten Comicschurken, sondern auch, wenn er angemessen umgesetzt wird, einer der nachvollziehbarsten: Seine Eltern wurden während des Holocaust getötet, er selbst überlebte, kam aber zu dem Schluss, dass es den Mutanten irgendwann ähnlich ergehen wird wie den Juden im Dritten Reich, weshalb er eine Vormachtsstellung für die Seinen anstrebt. Sowohl Michael Fassbender als auch Ian McKellen spielen den Meister des Magnetismus so grandios und einnehmend, dass ich mich beileibe nicht für einen der beiden entscheiden kann. Egal ob jung oder alt, Magneto ist ein grandioser Schurke.

4. Lord Voldemort (Ralph Fiennes) aus „Harry Potter 4-7.2“

Als literarische Figur hat mich Lord Voldemort von Anfang an fasziniert, was Rowling in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ dann aber letztendlich aus ihm gemacht hat, fand ich äußerst unbefriedigend. Aus diesem Grund hat Ralph Fiennes Lord Voldemort im Grunde für mich gerettet, denn er gehört zu den Schauspielern, die dafür sorgen, dass auch die schwächsten Dialogzeilen noch funktionieren. Bereits nach der Sichtung von „Harry Potter und der Feuerkelch“ war ich von Fiennes‘ Dunklem Lord begeistert, „Der Orden des Phönix“ hat noch eine Schippe draufgelegt, aber richtig brillant wurde es erst mit den beiden Teilen von „Die Heiligtümer des Todes“: Im ersten sehen wir einen Voldemort auf dem Höhepunkt seiner Macht, im zweiten einen Voldemort, der durch die Zerstörung seiner Horkruxe immer wahnsinniger wird – und beides stellt Fiennes blendend dar. Er schafft es gar, allein durch sein Spiel, Voldemort noch eine tragische Seite abzugewinnen, wo er im Roman nur noch eine flache Parodie seiner selbst war. Hut ab!

3. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) aus „Das Schweigen der Lämmer“, „Hannibal“ und „Roter Drache“

Die andere Version des kultivierten Kannibalen, anders, aber nicht minder gelungen. Für Anthony Hopkins‘ Hannibal Lecter ist seine Zelle (und später Florenz) eine Bühne, er genießt es, seine Gegenspieler psychologisch fertig zu machen und ihnen seine Überlegenheit unter die Nase zu reiben. Anthony Hopkins war es, der die Figur des kannibalischen Psychiaters zur Ikone gemacht hat.

2. Darth Sidious (Ian McDiamird) aus „Star Wars Episode VI und I-III”

In den meisten Schurkenhitlisten ist es Darth Vader, der Star Wars vertritt, doch letztendlich ist er „nur“ ein Handlanger, der eigentliche Vertreter des Bösen in George Lucas‘ Weltraumoper ist der Imperator. Interessanterweise gehört er auch zu den wenigen Figuren, die von den Prequels tatsächlich profitiert haben. War er in „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ vor allem ein relativ typischer böser Overlord, der in erster Linie in seinem Sessel saß, Befehle gab, böse lachte und am Ende Blitz schleuderte, so gewinnt er in den Prequels an Facetten, wir sehen ihn als Charismatiker, politischen Ränkeschmied und Puppenspieler, der galaktische Regierungen zu seinen Marionetten macht und Anakin Skywalker gekonnt zur Dunklen Seite der Macht verführt. Er ist der wahre Dunkle Lord der Sith, und aus diesem Grund benutze ich, wenn ich über ihn spreche oder schreibe, auch seinen Sith-Namen, da „Darth Sidious“den Kern seines Wesens besser trifft als „Palpatine“.

1. Der Joker (Jack Nicholson, Mark Hamill und Heath Ledger) aus „Batman“, „Batman: Mask of the Phantasm“ und „The Dark Knight“

Okay, hier habe ich geschummelt, denn ich liebe alle drei Inkarnationen von Batmans Erzfeind. Streng genommen ist die Mark-Hamill-Version auch kein Film-, sondern ein Serienschurke, aber da er auch in dem Kinofilm „Batman: Mask of the Phantasm“ auftauchte (und ich andernfalls auf Harley Quinn verzichten müsste), wird auch dieser Joker hier integriert. Während sowohl die Jack-Nicholson- als auch die Heath-Ledger-Version – der Todeskünstler und der nihilistische Terrorist – genau auf ihren jeweiligen Film perfekt zugeschnitten sind, ist der Hamill-Joker die genaueste Verkörperung der Comicfigur, die mühelos zwischen dem harmlosen Spaßmacher der 60er und dem mörderischen Psychopathen der Moderne hin- und herwechseln kann und praktisch immer funktioniert. Wenn ich Comics mit dem Joker lese, stelle ich mir dabei Mark Hamills Stimme vor. Nichts desto trotz, alle drei sind wirklich grandiose Schurken, die ihrer Version von Batman jeweils das Leben zur Hölle machen.

Die Hobbit-Trilogie: Resümee

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Da die Hobbit-Trilogie nun komplett ist, wird es Zeit für eine abschließende Gesamtbetrachtung. Hierzu werde ich verschiedene Einzelaspekte der Filmreihe genauer beleuchten, bewerten und gegebenenfalls auch mit der HdR-Trilogie vergleichen denn, seien wir einmal ehrlich, die Hobbit-Filme fordern das ja schon geradezu heraus.

48 frames per second: Optik und Effekte
Beginnen wir gleich mit einem Knackpunkt, nämlich dem visuellen Stil der Hobbit-Filme, der stark von Peter Jacksons Entscheidung geprägt ist, die Trilogie in 3D und mit 48 Bildern pro Sekunde (statt der üblichen 24) zu drehen, völlig egal ob man sich als Zuschauer nun die Filme in 3D, 3D HFR oder ganz klassisch in 2D und mit 24 Bildern pro Sekunde angesehen hat. Die hohe Bildrate sorgt nämlich dafür, dass viele bewährte Techniken, die in der HdR-Trilogie eingesetzt wurden, nicht mehr funktionieren, allen voran der Einsatz der grandiosen Modelle und Miniaturen – bei 48 fps wäre einfach offensichtlich, dass es sich um Miniaturen handelt, also muss alles aus dem Computer kommen. Darüber hinaus sorgt das „Ultra-HD“ für einen sehr sauberen, mitunter fast schon sterilen und künstlichen Look. Je nach Film ist das prinzipiell nicht so tragisch, aber gerade im HdR bemühte sich Jackson, alles real und „dreckig“ wirken zu lassen. Die grundsätzliche Herangehensweise war: Mittlerde soll nicht wirken wie ein „typischer“ Fantasy-Film, sondern wie ein Historienepos. Ja, der „Hobbit“ ist ein Kinderbuch mit mehr fantastischeren Elementen, aber dennoch hätte ich mir gerade bei diesem Aspekt mehr Kontinuität gewünscht, weshalb ich letztendlich der Meinung bin, dass die 48 Bilder pro Sekunde eine Fehlentscheidung waren.
Gerade die Tatsache, dass in der HdR-Trilogie viele praktische Effekte zum Einsatz kamen, sorgte zumindest bei mir dafür, dass sich alles real und authentisch anfühlte. Besonders deutlich wird dies, wenn man die Orks betrachtet. Azog und Bolg, entstanden durch Motion-Capturing, sind einfach weit weniger einschüchternd als, sagen wir, Lurtz oder Grishnákh. Besonders deutlich wird das in den Szenen, in denen „echte“ Orks (ein paar davon tauchen in den Hobbit-Filmen noch auf) mit Azog interagieren.
Trotz allem gibt es bei den Hobbit-Filmen immer noch einiges an Handarbeit. Etwa im Vergleich zu den Star-Wars-Prequels setzt Jackson immer noch stark auf echte Sets (wie im Bonusmaterial der SEEs eindrücklich dokumentiert wird) und beeindruckende Landschaftsaufnahmen. Das Problem dabei ist lediglich, dass man sie kaum zu würdigen weiß, da alles durch Aufnahmetechnik und Weichzeichner eben künstlich wirkt. Dennoch gibt es gerade im Special-Effects-Bereich viel zu loben, allen voran die Umsetzung von Gollum und Smaug – beide sind in meinen Augen Beweise dafür, wie weit die Motion-Capture-Technik inzwischen fortgeschritten ist und was man mit ihr anstellen kann, besonders, wenn man Schauspieler hat, die sich richtig in den Prozess einbringen.

Far over the misty mountains: Die Musik
Auch hinsichtlich der Musik gibt es bei der Hobbit-Trilogie ein paar Probleme. Howard Shores Kompositionen für die HdR-Filme gehören für mich zu den besten Soundtracks überhaupt, die Musik der Trilogie war ein entscheidender Faktor für mein Interesse an Filmmusik und Leitmotivik. Kaum ein anderer Komponist beherrscht die Leitmotivtechnik in solchem Ausmaß wie Shore – und kaum eine andere Musik schafft es, mich derart emotional zu berühren.
Die Musik der Hobbit-Trilogie würde ich persönlich ein bis zwei Stufen unter der HdR-Musik ansiedeln. Das liegt zum einen an Shores leicht veränderter Vorgehensweise; während die Verknüpfungen der Leitmotive und die narrativen Techniken Shores nichts von ihrer Komplexität eingebüßt haben, sind die neuen Themen, die er für die Hobbit-Filme geschaffen hat, bis auf das Misty-Mountains-Thema (welches ja bekanntermaßen ohnehin von Plan 9 komponiert wurde), weniger eingängig und markant. Einer der Gründe, dass die HdR-Soundtracks sowohl den Score-Fan als auch den Mainstream-Filmmusikhörer ansprachen, war die perfekte Balance aus musikalischer und vor allem leitmotivischer Komplexität auf der einen und eingängiger, melodischer Themen auf der anderen Seite (obwohl Score-Fans natürlich auch Letzteres durchaus zu schätzen wissen). Die Hobbit-Soundtracks, vor allem die Musik von „Smaugs Einöde“ und „Die Schlacht der fünf Heere“, legt den Fokus aber stärker auf Ersteres, was es dem Gelegenheits-Filmmusikhörer schwieriger macht, „rein“ zu kommen.
Und zum anderen wäre da die Platzierung der Musik in den Filmen – hierfür kann Shore freilich nichts. Genaues weiß man diesbezüglich nicht, allerdings lässt sich anhand der Resultate erraten, dass es da einige Probleme welcher Natur auch immer gab. Ein Teil davon mag eventuell mit der Erweiterung von zwei auf drei Filmen zusammenhängen, es gab wohl allgemein zeitliche und logistische Probleme (weshalb die Musik von „Smaugs Einöde“ und „Die Schlacht der fünf Heere“ auch in Wellington und nicht in London aufgenommen wurde), und auch unterschiedliche Vorstellungen. So unterscheidet sich bei „Eine unerwartete Reise“ die Musik, die im Film zu hören ist, signifikant vom Soundtrack-Album, wobei man wohl davon ausgehen kann, dass das Album Shores ursprünglicher Vision entspricht – in jedem Fall ist es subtiler und besser durchdacht als das, was letztendlich im Film gelandet ist.
Für „Smaugs Einöde“ scheint Jackson sich dann wieder anders entschieden zu haben, denn vor allem im zweiten, aber auch im dritten Teil ist auffällig, wie viele Stellen plötzlich ohne Musik sind; unter Einbeziehung der bisherigen Mittelerde-Filme, die wirklich sehr viel Musik enthielten (und gerade deshalb für mich so gut funktionierten), ist das extrem viel, und ich finde, dass es den Filmen schadet, da es für mich die Emotionen mindert.
Ebenfalls seltsam ist, dass die in „Eine unerwartete Reise“ vorgestellten neuen Themen recht einseitig weiterentwickelt werden. Während die Leitmotive der Zwerge, der Waldelben und des Drachen Smaug (die letzten beiden werden im ersten Film nur angedeutet) auf phänomenale Weise weiterentwickelt werden, bleiben andere praktisch vollkommen auf der Strecke, so absolvieren die Themen für Bilbo nur noch Gastauftritte und das Misty-Mountains-Thema und Radagasts Thema werden vollständig fallen gelassen.
Unter Einbeziehung all dessen, was einem anderen Soundtrack gut das Genick hätte brechen können, muss allerdings gesagt werden, dass die Hobbit-Soundtracks zwar schwächer als die HdR-Scores sind, aber immer noch sehr viel stärker als fast alles andere. Shores Gespür für Leitmotive, Instrumentierung und interessante musikalische Texturen ist nach wie vor brilliant – allein, was er in der Trilogie mit Smaugs Thema alles anstellt sucht in der Welt der Filmmusik Seinesgleichen. Jeder der drei Hobbit-Soundtrack war für mich bisher jeweils der beste Soundtrack des Jahres, in dem er erschienen ist.

There are far too many dwarves in my dining room: Die Schauspieler
Wenn es einen Bereich gibt, in dem die Hobbit-Filme mit den HdR-Filmen gleichziehen oder sie vielleicht sogar übertreffen (momentan will ich da noch kein Urteil fällen, das mache ich vielleicht, wenn es möglich ist, alle sechs Filme im Heimkino mit relativ wenig Zeitabstand anzusehen), dann ist das die Schauspielerei. Denn einerseits kehren viele der besten Schauspieler der HdR-Trilogie wie Ian McKellen, Andy Serkis, Cate Blanchett, Christopher Lee oder Hugo Weaving in ihre alten Rollen zurück und spielen, als hätten sie nach dem Kinostart von „Die Rückkehr des Königs“ gleich weitergemacht, und andererseits hat Jackson es geschafft, eine beeindruckende Riege an Neuzugängen zu versammeln. Um ehrlich zu sein, Martin Freeman ist eindeutig mein Lieblings-Hobbit der Mittelerde-Hexalogie. Auch Richard Armitage gefällt mir außerordentlich gut, vor allem in „Die Schlacht der fünf Heere“ darf er zeigen, was er kann. Ähnlich verhält es sich mit Lee Pace als Thranduil, Luke Evans als Bard, Benedict Cumberbatch als Smaug, und auch die restlichen zwölf Zwerge sind ziemlich gut besetzt, auch wenn sie weitaus weniger Gelegenheit bekommen, sich hervorzutun. Selbst Evangeline Lillys Tauriel hätte eine gelungene Hinzufügung sein können, gäbe es nicht dieses unsägliche Liebesdreieck – aber dafür kann man Lilly ja wohl kaum die Schuld geben.
Alles in allem hat die Hobbit-Trilogie wirklich einen herausragenden Cast. Wenn es Orlando Bloom jetzt noch hin und wieder gelingen würde, Emotionen glaubhaft darzustellen…

A Hobbit’s Tale: Adaption der Vorlage
Als Tolkien in den 30ern den „Hobbit“ schrieb, war dieser noch nicht Teil von Mittelerde, primär war er als märchenhaftes Kinderbuch konzipiert. Die wenigen vorhandenen Anspielungen an Tolkiens persönliche Mythen- und Sprachschöpfungen (die Erwähnung von Gondolin und die paar wenigen, elbischen Namen) waren im Grunde nichts weiter als persönliche Insidergags. Erst, als sich der Professor an die Fortsetzung machte, wuchs der „Hobbit“ langsam mit dem Proto-Silmarillion zusammen. In diesem Zusammenhang wurde aus Bilbos magischem Ring der Eine Ring des Dunklen Herrschers, weshalb Tolkien für die zweite Auflage des „Hobbit“ das Gollum-Kapitel umschrieb – ursprünglich verwettet Gollum seinen Ring und er und Bilbo trennen sich im Guten. Nach der Veröffentlichung des „Herrn der Ringe“ versuchte Tolkien sich an einer grundlegenden Überarbeitung des „Hobbit“, um ihn mit seinem „Hauptwerk“ konformer zu machen, allerdings kam er bald zum Schluss, dass dies dem Roman schaden würde. Somit enthält die dritte Auflage des „Hobbit“ von 1966 nur minimale Änderungen und Hinzufügungen. Überbleibsel von Tolkiens Versuchen finden sich unter anderem noch in den „Nachrichten aus Mittelerde“, einer von Christopher Tolkien herausgegebenen Sammlung diverser unvollendeter Schriften seines Vaters.
Im Grunde entspricht das, was Peter Jackson, Fran Walsh, Philippa Boyens und Guillermo del Toro (wobei nicht mehr klar ist, wie viel von del Toros Ideen überhaupt noch in den Filmen sind) für die Hobbit-Filmtrilogie erreichen wollten, Tolkiens Versuchen, seinen Roman mit dem HdR kompatibler zu machen, sodass viele Informationen aus dem HdR und seinen Anhängen herangezogen wurden (allerdings nicht, wie man so häufig liest, aus dem „Silmarillion“, und auch nicht aus „Nachrichten aus Mittelerde“, an beiden hat New Line nämliche keine Rechte). So weit, so gut, ich hätte an ihrer Stelle vermutlich einen ähnlichen Ansatz gewählt. Allerdings muss ich sagen, insgesamt betrachtet sind Jackson und Co. für meinen Geschmack sowohl zu weit als auch nicht weit genug gegangen. Zu weit, weil sie den „Hobbit“, vor allem durch die Anfangs- und Schlussszene, aber auch durch viele plumpe Verweise, im Grunde seiner Eigenständigkeit beraubt und zum reinen Herr-der-Ringe-Prequel gemacht haben, das vor allem in Abhängigkeit zur ursprünglichen Filmtrilogie steht. Andererseits hatten sie allerdings nicht den Mut (vor allem wohl wegen Puristen und Fanerwartungen) pragmatischer zu adaptieren und die Kinderbuchelemente auszulassen – dies betrifft vor allem „Eine unerwartete Reise“, aber auch Elemente in den anderen beiden Teilen. Beorn hätte man in der Kinofassung genauso gut auslassen und sich komplett für die SEE aufheben können.
Im Grunde ist der erste Hobbit-Film sogar eine ziemlich genaue Adaption, bei der es weniger Änderungen als viel mehr Hinzufügungen in Form von HdR-Foreshadowing bzw. -Hintergrundmaterial gibt, was dazu führt, dass Kinderbuchinhalte wie die Trolle und der Großork und die eher düsteren Vorausdeutungen ein relativ ungleichmäßiges Bild abgeben. Allerdings konzentriert sich „Eine unerwartete Reise“ trotz allem auf die wichtigsten Figuren, nämlich Bilbo und Thorin, und, mehr noch, er hat es bei mir geschafft, das alte Mittelerde-Feeling zu erwecken.
„Smaugs Einöde“ hat es zwar geschafft, eine einheitlichere Atmosphäre zu etablieren als „Eine unerwartete Reise“, hat dafür aber ganz andere Probleme, die sich in zwei Wörtern zusammenfassen lassen: Unnötige Subplots. Gerade hier merkt man die Ausdehnung der Vorlage am meisten und am unangenehmsten. Wurde „Eine unerwartete Reise“ vor allem mit mehr oder weniger von Tolkien stammendem Hintergrundmaterial (die Schlacht von Azanulbizar, das Auftauchen des Nekromanten etc.) erweitert, sind es in „Smaugs Einöde“ vor allem Erweiterungen von den Drehbuchautoren, die qualitativ leider einfach abfallen und platt wirken. Dabei sind durchaus einige gute Ideen dabei, etwa Bard, der bereits sehr früh eingeführt wird und im Film um einiges interessanter und plastischer ist als im Roman (nicht zuletzt dank Luke Evans). Aber die Dreiecksbeziehung von Legolas, Tauriel und Kili oder die Leinwandzeit des Bürgermeisters von Esgaroth und seines Gehilfen Alfrid sind nun wirklich unnötig und tragen im Grunde nichts sinnvolles zur eigentlichen Handlung bei. Das Hauptproblem bei diesem Film ist, dass die eigentlichen Hauptfiguren stagnieren – die Hauptentwicklung des Verhältnisses zwischen Bilbo und Thorin fand bereits in „Eine unerwartete Reise“ statt und wird erst in „Die Schlacht der fünf Heere“ wieder fortgesetzt. Im Grunde verhält sich Thorin Bilbo gegenüber in „Smaugs Einöde“ einfach zu kalt. Allgemein geht Bilbo für einen Film, der „Der Hobbit“ heißt, irgendwie unter. Im ersten Drittel tötet er ein paar Spinnen, befreit die Zwerge aus Thranduils Verließen… und dann läuft er bis zum Dialog mit Smaug eigentlich nur den Zwergen hinterher. Und dann ist da natürlich noch die unterirdische Jagd durch den Erebor…
Diese Nebenbaustellen hat „Die Schlacht der fünf Heere“ zwar auch noch (und sie stören mich), dafür ist aber der emotionale Kern, sprich Thorin und Bilbo, wieder intakt, was das Ganze gegenüber „Smaugs Einöde“ eindeutig aufwertet, auch wenn immer noch zu viel gestreckt wird. Stattdessen kommen andere Figuren zu kurz: Ich hätte viel lieber mehr von Dáin Eisenfuß gesehen statt von Alfrid – wenn man schon erweitert, warum dann nicht die Figuren, die auch tatsächlich in der Vorlage da sind, anstatt denen, die man extra dazu erfunden hat? So hätten auch Thorins Tod (und der von Fili und Kili) sehr viel emotionaler sein können, hätte man nicht ständig wieder bei irgendwelchen Nebenschauplätzen vorbeigeschaut.

Fazit: Und was bleibt zum Schluss zu sagen? Es ist nicht so, dass die Hobbit-Trilogie völlig misslungen wäre, es gibt viele gelungene Elemente und gute Ideen, aber auch vieles, das unnötig , platt oder schlicht unpassend ist. So schaffen es die Filme letztendlich nicht, über die Summe ihrer Teile hinauszuwachsen und sich zu einem Gesamtwerk zu verbinden, so wie es bei der HdR-Trilogie der Fall war. Das Ganze wäre nicht einmal so tragisch, wenn es sich dabei nur um eine „gewöhnliche“ Fantasy-Trilogie handeln würde, aber es ist nun einmal Mittelerde, da reicht das Schlussurteil „ganz in Ordnung“ einfach nicht aus. Ich denke, letztendlich war die Teilung in drei Filme der größte Fehler, denn ich wage einmal die These, dass irgendwo in diesen drei mäßigen Streifen zwei gute Filme stecken.

Siehe auch:
Der Hobbit: Eine unerwartete Reise
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension Teil 1
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension Teil 2
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension Teil 3
Der Hobbit: Smaugs Einöde
Der Hobbit: Smaugs Einöde – Analytische Rezension
Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere

Der Hobbit: Smaugs Einöde – Analytische Rezension

desolation
Dieser Artikel ist schon lange überfällig, aber irgendwie bin ich entweder nicht dazu gekommen, es gab anderes, über das ich schreiben wollte und dann lief auch schon wieder die nächste GoT-Staffel. Wie dem auch sei, besser spät als gar nicht.
Vor einiger Zeit enthüllte Peter Jackson in einem Interview etwas, das eigentlich bereits seit Sommer 2012 bekannt war: Wären es nur zwei Hobbit-Filme geworden, hätte der erste Film mit der Flucht aus Thranduils Palast geendet. Jackson hat dies noch ein wenig spezifiziert: In der letzten Einstellung hätten die Zwerge, Bilbo und die Zuschauer die Silhouette Bards gesehen. Dies erklärt auch, warum in den Trailern, die Auschnitte aus der Fässerflucht-Szene zeigen, Azog noch zugegen war, der dort im Film gar nicht vorkommt. Vermutlich hätte eine ähnliche Konfrontation wie am Ende des ersten Hobbit-Films an dieser Stelle stattgefunden. Nun ist das Ganze ja aber bekanntermaßen anders gekommen, und statt zwei Filmen, „An Unexpected Journey“ („Eine unerwartete Reise“) und „There and Back Again“ („Hin und wieder zurück“) haben wir nun drei: „An Unexpected Journey“, „The Desolation of Smaug“ („Smaugs Einöde“) und „The Battle of the Five Armies“ („Die Schlacht der fünf Heere“, diese Umbenennung des dritten Teils erfolgte erst dieses Jahr und sagt wohl schon einiges über den Inhalt aus). Geht man von der alten Aufteilung aus, dann besteht das Sujet dieses Artikels theoretisch aus dem Ende des ursprünglichen ersten und dem Anfang des zweiten Filmes. Diese Hybridnatur zeigt sich schon am Titel diese Mittelteils der Trilogie. Die beiden ursprünglichen sind ziemlich logische Wahlen, beides sind Phrasen, die Bilbo als mögliche Titel für seine Memoiren verwendet. „The Desolation of Smaug“ rückt nun den Drachen stärker in Mittelpunkt. Auch diese Phrase stammt von Tolkien selbst, auf der Karte von Wilderland, die dem „Hobbit“ beiliegt, wird das Gebiet um den Erebor herum so bezeichnet. „Desolation of Smaug“ ist dabei eine relativ clevere Wahl sowohl für das Gebiet als auch für den Film, da das Wort „Desolation“ sowohl „Einöde“ (wie im Filmtitel und der Krege-Übersetzung) als auch „Verwüstung“ oder „Zerstörung“ heißen kann – dieser Doppelsinn geht in der deutschen Übersetzung freilich verloren.
„Smaugs Einöde“ also – interessanterweise wird dieser Mittelteil, ohne richtigen Anfang und Ende – mitunter sehr verschieden bewertet. Den meisten „normalen“ Kritikern gefällt dieser Film sehr viel besser als „Eine unerwartete Reise“, oft liest man, „Smaugs Einöde“ gehe wieder stärker in Richtung HdR-Trilogie, und ganz offensichtlich ziehen viele Kritiker Action singenden Zwergen vor. Vielen Tolkien-Fans, speziell aus dem Puristen-Lager, ist dieser Film dagegen noch mehr zuwider als der erste.
Wie schon bei „Eine unerwartete Reise“ folgt der spoilerfreien Kritik auch dieses Mal wieder meine ausführliche, analytische Rezension, dieses Mal in einem Stück.
Zu Beginn noch ein paar allgemeine Dinge: Wie man an meiner ursprünglichen Kritik vielleicht merkt, wollte ich, dass mir dieser Film genauso gut gefällt wie die anderen, aber dem ist leider nicht der Fall. Dennoch fand ich ihn beim zweiten Ansehen besser als beim ersten, was auch daran lag, dass dies in 2D, ohne HFR und im O-Ton geschah – im Gegensatz zum ersten Hobbit-Film fand ich die 3D/HFT-Kombination dieses Mal ziemlich störend (das kann aber natürlich auch die Schuld des Kinos sein).
Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Hobbit-Filmen, die ich festgestellt habe, ist die Wirkung einiger Erweiterungen und Ausdehnungen. Bei „Eine unerwartete Reise“ dachte ich oft: „Das hätte da nicht sein müssen, aber es stört mich nicht.“ Bei „Smaugs Einöde“ dagegen dachte ich eher: „Das wäre besser rausgefolgen.“ Obwohl es sich um den kürzesten Mittelerde-Film handelt, hat er für mich doch die meisten Längen und wirkt insgesamt unausgegoren und nicht gut ausbalanciert. Dazu kommt noch ein sehr persönlicher Aspekt: Als ich nach der ersten Sichtung von „Eine unerwartete Reise“ das Kino verließ, hatte ich ein ähnliches Gefühl wie nach den HdR-Filmen. Bei „Smaugs Einöde“ hat dieses Gefühl gefehlt, was definitiv kein gutes Zeichen ist.

Politik im Prolog: Das Arkensteinproblem
Wie jeder der Mittlerde-Filme von Peter Jackson beginnt auch „Smaugs Einöde“ mit einem Rückblick. Ähnlich wie in „Die zwei Türme“ und anders als in den restlichen drei Filmen reicht der Rückblick dieses Mal jedoch nicht Jahrhunderte oder gar Jahrtausende zurück, stattdessen springen wir nur ein Jahr in die Vergangenheit, zur ersten Begegnung zwischen Thorin und Gandalf in Bree. Diese Begegnung ist den Anhängen des „Herrn der Ringe“ entnommen (Anhang A III für alle, die Nachlesen wollen; dieser Anhang enthält allgemein viele Informationen, die in den Hobbit-Filmen verwendet wurde, u.a. beschreibt er die Schlacht von Azanulbizar und die allgemeine Geschichte der Zwerge).
Die Örtlichkeit ruft sofort Erinnerungen wach, und das nicht nur, weil Howard Shore seine Bree-Musik aus „Die Gefährten“ zitiert und Peter Jackson mit einer Möhre durchs Bild läuft. Auch viele Jahre vorher ist das Film-Bree immer noch ziemlich dreckig und ungemütlich, und das Wetter ist auch nicht besser. Immerhin sieht man im Tänzelnden Pony (denn wo auch sonst sollten sich Gandalf und Thorin begegnen?) dieses Mal einheimische Hobbits. Die Begegnung ist recht Vorlagengetreu wiedergegeben: Gandalf befürchtet, dass Sauron zurückkehren und Smaug auf seine Seite ziehen könnte (im Buch weiß er bereits, dass Sauron im Düsterwald lauert). Deshalb hätte er gerne den Drachen aus dem Erebor draußen (und am besten tot) und stattdessen ein mächtiges Zwergenreich, damit Sauron im Osten nicht ungestört seinen Plänen nachgehen kann. Thorin und Gandalf verbünden sich schließlich und planen die Aktionen, die sie im „Hobbit“ durchführen.
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Gandalf (Ian McKellen) und Thorin (Richard Armitage) treffen sich in Bree

Es gibt allerdings einige signifikante Hinzufügungen: Zum ersten wird bereits das Kopfgeld auf Thorin etabliert – in einem „Steckbrief“ in Schwarzer Sprache, was ein wenig merkwürdig anmutet, da diese in Reinform nur von den Nazgûl und einigen anderen hohen Offizieren Saurons gesprochen wurde. Azog kann man vielleicht noch als einen solchen ansehen, aber sicher nicht die angriffslustige Kundschaft im Tänzelnden Pony. Das ist freilich nur ein winziges Detail. Viel schwerer wiegt die Arkensteinfrage. Im Roman taucht der Arkenstein erst im letzten Drittel auf und ist vor allem ein Handlungskniff, quasi eine Art sehr spät eingefügtes Macguffin. Die Bedeutung des Arkenstein für Thorin ist vor allem persönlicher Natur. Bereits in „Eine unerwartete Reise“ dagegen wird der Arkenstein im Prolog eingeführt, und Bilbos Erzählstimme erklärt, dass Thorins Großvater Thrór ihn als Zeichen dafür sah, dass seine Herrschaft heilig bzw. gottgegeben war („divine“ im original). Gerade hier zeigt sich, wie PJ und Co. versuchen, die Handlung des Hobbits bzw. die Pläne von Gandalf und Thron logischer und besser durchführbar zu machen. Tolkiens Roman ist diesbezüglich natürlich vor allem ein märchenhaftes Kinderbuch: Die Zwerge machen sich halt auf den Weg. Warum genau sie überhaupt einen Meisterdieb brauchen, ist dabei nicht wirklich eindeutig: Der Schatz ist viel zu gewaltig, um ihn zu stehlen. Diese Planlosigkeit der Zwerge wird in der Tat im Roman angesprochen, was aber nicht unbedingt hilfreich ist. Erst im Nachhinein versuchte Tolkien, einige ihrer Handlungen zu rationalisieren, und Jackson geht da noch einen Schritt weiter, was ich gar nicht schlecht finde. Der Arkenstein mutiert hier zum Zeichen des obersten Zwergenherrschers; wer den Arkenstein besitzt, hat damit Anrecht, zu einer Art „Zwergenkaiser“ zu werden. Dies entspricht freilich nicht Tolkiens Legendarium, wo die Zwerge nie als geeintes Volk auftreten – in der Tat spielen fast ausschließlich Zwerge aus Durins Stamm eine Rolle in den Werken des Professors. Laut Film-Thorin kann ein Zwergenherrscher mit dem Arkenstein allerdings alle sieben Zwergenstämme vereinigen. Thorins und Gandalfs Plan sieht deshalb wie folgt aus: Eine kleine Gruppe von 13 Zwergen, einem Zauberer und einem Hobbit begibt sich zum einsamen Berg. Dort stiehlt Bilbo den Arkenstein, Thorin kann die Zwergenvölker vereinigen und den Erebor „offiziell“ angreifen. Dies simplifiziert zwar Tolkiens Welt, aber andererseits ist der Plan in der Tat sinnvoller.

Beorn und die Überdramatisierung
Nachdem Prolog schließt „Smaugs Einöde“ direkt an den Vorgänger an: Nach der gelungenen Adlerrettung begeben sich Thorin und Kompanie auf direktem Weg zu Beorn, immer noch verfolgt von Azog und seinen Wargreitern. Jackson bemüht sich dabei, das Ganze in ziemlich hohem Tempo zu inszenieren, während besagte Szenen im Roman sehr viel gemütlicher sind. Im Film kommen die Zwerge nicht in Zweiergrüppchen, während Gandalf Beron von ihren bisherigen Abenteuern erzählt, sie werden gejagt, zuerst von den Orks, dann von ihren zukünftigen Gastgeber in Bärengestalt.
Im Grunde ist die eigentliche Beorn-Szene wirklich sehr kurz, man bekommt kaum einen richtigen Eindruck von dem Pelzwechsler (in der SEE soll hier allerdings noch mehr Beorn-Material folgen), aber dennoch eignet sich der Dialog zwischen Gandalf, Bilbo, den Zwergen und Beorn hervorragend, um eine bestimmte Tendenz Peter Jacksons anzusprechen.
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Beorn (Mikael Petersbrandt)

Was man auch immer von Professor Tolkien sagen kann, ein Meister der atemlosen Spannung ist er nicht, und auch eine schnörkellose Dramaturgie gehört nicht unbedingt zu seinen größten Stärken. Bei Peter Jackson ist es dagegen genau anders herum, er legt ziemlich großen Wert auf die kleineren dramatischen Bögen (weshalb die HdR-Filme „rundere“ Abschlüsse haben als die jeweiligen Romane) und hat darüber hinaus die Tendenz zur Überdramatisierung, und bei Beorn zeigt sich das besonders schön. Im Roman ist er ein Einzelgänger, zu dem nicht viel Hintergrund geliefert wird, er ist einfach da, genau wie Märchenfiguren oft einfach da sind. Über Volk und Vergangenheit erfahren wir fast gar nichts. In den Filmen dagegen gibt es eine direkte Verbindung zu Azog, der für die Ausrottung von Beorns Volk verantwortlich ist, Beorn selbst ist der Letzte seiner Art.
Derartige Dramatisierungen hielten sich in den HdR-Filmen meistens noch im Rahmen, in den Hobbit-Filmen treibt Jackson es allerdings an mancher Stelle zu weit.
Beorns Auftritt im Film bleibt insgesamt jedenfalls trotz besagter dramatischer Zuspitzung ziemlich insignifikant, zu kurz um wirklichen Eindruck zu machen oder auch nur Mikael Petersbrandts Spiel wirklich bewerten zu können. Ich weiß nicht, wie Jackson ihn in „Die Schlacht der fünf Heere“ einzusetzen gedenkt, aber letztendlich wäre es wohl konsequenter gewesen, ihn einfach herauszuschneiden – die Puristen meckern so oder so. Der Film wäre dadurch stringenter geworden und hätte ein wenig von seiner Episodenhaftigkeit verloren.

Im Düsterwald
Die Szenen im Düsterwald wurden gegenüber dem Roman ebenfalls verkürzt und vereinfacht. Gandalf verlässt die Gemeinschaft ebenfalls am Waldrand, im Film allerdings, im Gegensatz zum Buch, spontan, weil er von Galadriel den telepathischen Befehl bekommt, das Nekromantenproblem zu untersuchen (bei Tolkien erfahren wir erst im „Herrn der Ringe“, was Gandalf während der weiteren Abenteuer der Gemeinschaft so getrieben hat).
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Bilbo (Martin Freeman) kämpft gegen die Spinnen des Düsterwaldes

Die Festivitäten der Elben, die die Zwerge immer wieder stören, fehlen im Film ebenso wie einige andere kleine Hindernisse. Die vergiftete Atmosphäre setzte Thorin, Bilbo und Co. ebenfalls ziemlich zu, aber nach recht kurzer Wanderung befinden sie sich auch schon in den Fängen der Spinnen, und es ist an Bilbo, die Zwerge zu befreien. Das Problem mit den sprechenden Spinnen wurde interessant gelöst: Bilbo kann sie nur verstehen, wenn der den Ring trägt, bzw. ab dem Zeitpunkt, ab dem er den Ring in ihrer Gegenwart aufgesetzt. In meinen Augen wäre es allerdings besser gewesen, hätte man die Szene, in der Bilbo eine der Spinnen auch ohne Ring verstehen kann, gestrichen.
Das Zusammentreffen mit den riesigen Arachniden illustriert darüber hinaus, wie der Ring von Bilbo Besitz ergreift. Dieses Element ist im Roman natürlich nicht vorhanden, da der Ring beim Abfassen des „Hobbits“ noch ein simples magisches Spielzeug war und erst während des Schreibprozesses des HdR zum „Einen Ring“ wurde. Hier überzeugen vor allem Martin Freeman und Shores Musik. Shore deutet das Geschichte-des-Ringes-Thema immer wieder subtil an, bevor er es einmal vollständig erklingen lässt.
Der Kampf mit den Spinnen wird von den Waldelben sehr schnell beendet, die die Zwerge in Gewahrsam nehmen. Anders als im Buch wird Thorin nicht im Vorfeld von ihnen getrennt, aber genauso wie im Buch schafft Bilbo es, sich abzusetzen und seine Freiheit zu behalten.

Thranduil, die Waldelben und das unnötige Liebesdreieck
Thranduil
Thranduil (Lee Pace), der König des Waldlandreiches

In den bisherigen Mittelerde-Filmen haben wir vor allem zwei Elbenkulturen kennen gelernt: Bruchtal und Lorien. Die Waldelben des Düsterwalds sind die dritte (auch wenn es natürlich bereits Eindrücke im ersten Hobbit-Film gab). Generell gefällt mir ihre Konzeption, das Aussehen von Thranduils Hallen und das restliche Drumherum ziemlich gut. Auffällig ist, dass die Waldelben fast durchgehend rothaarig sind, lediglich die beiden Mitglieder ihres Königshauses sind blond. Apropos Königshaus: Thranduil, gespielt von Lee Pace, ist in meinen Augen eines der Highlights des Films; eine ideale Besetzung und ein hervorragendes Spiel (auch Lee Pace kam natürlich schon in „Eine unerwartete Reise“ vor, hatte aber nicht wirklich viel Gelegenheit zu zeigen, was er kann). Bei Tolkien ist Thranduil als Charakter (zumindest im „Hobbit“) nicht wirklich gut ausgebaut. Er ist ein wenig fremden- bzw. zwergenfeindlich, hat eine gewisse Schwäche für Schätze, ist aber letztendlich einer der Guten, und das war es auch schon. Jackson und Co. haben sich da noch ein paar mehr Gedanken gemacht und Thranduil als Verkörperung des Düsterwaldes konzipiert – je weiter der Verfall des Düsterwaldes voranschreitet, desto fragwürdiger werden auch Thranduils Handlungen. So erinnert er eher an die zwiespältigen Elben des „Silmarillion“ als an die „Gutelben“ des HdR. Außerdem deutet Thranduil an, dass er bereits Begenungen mit einem oder mehreren Drachen (vielleicht sogar Smaug selbst?) hatte, und ich bin durchaus neugierig, woher seine Narbe stammt. Darüber hinaus weiß Film-Thranduil, im Gegensatz zu Buch-Thranduil, sehr genau, wen er mit Thorin vor sich hat und was dieser möchte.
Neben Thranduil gibt es noch zwei weitere Waldelben, die eines gemeinsam haben: Im Film spielen sie eine wichtige Rolle, im Roman kommen sie überhaupt nicht vor. Legolas auf die Leinwand zurückkehren zu lassen war eine durchaus logische Entscheidung, immerhin ist er in Tolkiens Legendarium tatsächlich Thranduils Sohn und lebt zu diesem Zeitpunkt schon. Man kann wohl davon ausgehen, dass er im „Hobbit“ tatsächlich anwesend ist, auch wenn er nicht namentlich genannt wird, da Bilbo ihn nicht kennt oder kennen lernt. Dass seine Rolle so groß ausfällt ist in meinen Augen dagegen eher unnötig, für mich hätte auch ein Cameo gereicht. Das Problem bei der ganzen Sache ist, dass Legolas als Charakter einfach nicht interessant ist. In „Smaugs Einöde“ wirkt er noch stoischer und langweiliger. Im HdR hatte er wenigstens einen Platz in der Gemeinschaft (und der Geschichte), er war nicht besonders interessant, er stand aber auch nicht im Weg. Hier hingegen wirkt seine Rolle unnötig aufgeblasen. Das bringt uns auch schon zur dritten dominanten Elben-Figur: Tauriel, gespielt von Evangeline Lilly. Hinsichtlich dieses Charakters bin ich ein wenig zwiegespalten. Einerseits mag ich Tauriel, ich finde, dass sie grundsätzlich gut hineinpasst, mir gefällt Evangeline Lillys Spiel und darüber hinaus ist die Figur schlicht interessanter und emotionaler als Legolas.
Tauriel
Tauriel (Evangeline Lilly)

Was mir nicht gefällt ist die Richtung, in die sie entwickelt wird, sprich: Das Liebesdreieck Kili-Tauriel-Legolas. Es wirkt einfach fürchterlich erzwungen und unnötig (und wir müssen auch noch von Thranduil darüber informiert werden, dass Legolas etwas für Tauriel empfindet, denn allein aufgrund von Orlando Blooms Spiel merkt man davon nicht allzu viel). Das erste Gespräch zwischen Tauriel und Kili ist dabei sogar noch ziemlich erträglich, aber muss das gleich zur Romanze weiterentwickelt werden, wäre es nicht viel interessanter gewesen, hätten die beiden einfach eine grundsätzliche Sympathie für den anderen entdeckt? Die Weiterentwicklung dieses Handlungsstrangs ist in meinen Augen völlig unnötig, und dazu gehören auch die Vergiftung Kilis, das Zurückbleiben einiger Zwerge in Esgaroth, die angreifenden Orks und die Arwen-mäßige Heilung. Hier werden zu viele Handlungsschauplätze aufgemacht, die vom eigentlichen Kern ablenken, immerhin heißt der Film „Der Hobbit“. Letztendlich wäre es vielleicht besser gewesen, hätte es Jackson bei einem kurzen Cameo-Auftritt für Legolas belassen und Tauriel eine andere Motivation gegeben, um den Zwergen zu folgen – Thranduil will wissen, was weiter geschieht o.ä.

Gandalfs Reise
Wenden wir uns nun dem Subplot des Grauen Zauberers zu, dessen Einzelszenen zwar über den Film verteilt sind, den man aber dennoch am besten am Stück betrachtet. Wir wird am stärksten Vorarbeit für den HdR betrieben, obwohl auch hier so manch eine Ausdehnung recht überflüssig ist.
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Bolg (Lawrence Makaore)

Bereits zu Beginn des Films wird Azog gezwungen, seine Jagd abzubrechen und stattdessen in Dol Guldur Saurons Armeen zu trainieren und auf den Einsatz vorzubereiten. Statt seiner setzt sein Sohn Bolg die Jagd fort, weil Thorin und Kompanie halt auch unbedingt die ganze Strecke bis zum Erebor von Orks gejagt werden müssen. Über das Bolg/Azog-Problem hatte ich ja bereits in meinen Artikeln zum ersten Hobbit-Film geschrieben; diese Thematik setzt sich nun fort. Bolg wurde völlig neu gestaltet, die notdürftig zusammengeflickten Wunden und das ramponierte Aussehen sind geblieben, aber ansonsten wurde Bolg stark an Azog angeglichen, um als dessen Sohn überzeugen zu können (ironischerweise erfährt der Filmzuschauer vom Verwandtschaftsverhältnis der beiden nichts). Und leider muss ich sagen, ich fand das ursprüngliche Aussehen Bolgs weitaus überzeugender. Die Orks sorgen auch dafür, dass es zu weiteren zusätzlichen Actionszenen kommt: Die Waldflussszene ist durchaus amüsant (Stichwort Bombur im Fass), aber das Ausmaß der ausgehebelten physikalischen Gesetze nimmt hier bedrohliche Ausmaße an, und darüber hinaus sind Schnitt und Music-Editing hier mitunter ziemlich merkwürdig, sodass Howard Shores grandiose Komposition ziemlich verstümmelt wird.
Aber zurück zum Thema. Gandalf soll herausfinden, wer der Nekromant tatsächlich ist. Zu diesem Zweck begibt er sich erst zu den Gräbern der Ringgeister, wo er auf Radagast trifft. Es ist wohl zu vermuten, dass im dritten Film die Nazgûl allesamt auftauchen, denn ansonsten ist diese Szene ziemlich überflüssig und passt auch nicht so recht ins Legendarium. Wo liegt dieses Grab, im Nebelgebirge, in Angmar? Warum sind hier alle neun Ringgeister beerdigt, wo sie doch aus verschiedenen Kulturen stammen (Khamûl, der einzige, der einen richtigen Namen hat, war ein Ostling, und drei von ihnen, wahrscheinlich inklusive des Hexenkönigs, waren Schwarze Númenórer). Warum wurden sie überhaupt begraben, die Träger der neun Menschenringe müssten nach einem endlos ausgedehnten Leben langsam geschwunden und so zu Ringgeistern geworden sein, und das bereits während des Zweiten Zeitalters. Alles nicht wirklich durchdacht.
Die aufgebrochenen Gräber geben Gandalf auf jeden Fall den Hinweis, dass es sich beim Nekromanten um Sauron handeln muss, da nur dieser die Nazgûl befehligen kann. Darum begibt er sich nach Dol Goldur. Prinzipiell findet sich Gandalfs Eindringen in Saurons Festung auch bei Tolkien, allerdings zu einem früheren Zeitpunkt und einem anderen Zweck, nämlich um Thráin, Thorins Vater zu finden, der dort von Sauron eingekerkert. Gandalf schleicht sich ein und erhält vom sterbenden Thráin Schlüssel und Karte, die er dann später an Thorin weitergibt. Derartiges wurde wohl in der Tat gedreht, denn in frühen Trailern sieht man noch, wie Gandalf gegen einen ziemlich untot aussehenden Zwerg kämpft, bei dem es sich wohl um den wahnsinnig gewordenen Thráin handelt. Stattdessen betritt er nun in „Smaugs Einöde“ die finstere Festung, um jeglichen Zweifel zu beseitigen. Man muss wohl davon ausgehen, dass Gandalf sich nicht darüber im Klaren ist, wie groß Saurons Macht bereits ist, denn ansonsten ist es ziemlich dumm, die Festung des Dunklen Herrschers auf diese Art und Weise zu betreten.
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Der Nekromant enthüllt sein wahres Wesen

Sauron offenbart sich nach einem kurzen Handgemenge mit Azog auch endgültig. Diese Szene ist ebenfalls ein wenig fragwürdig, da Gandalf in den HdR-Filmen vom Lidlosen Auge überrascht zu sein schien (ganz allgemein scheint Gandalf hier bereits viel zu viel zu erfahren), aber ich muss zugeben, ich liebe diese Enthüllung, nicht zuletzt wegen Howard Shores grandiosem Einsatz von Saurons Thema. Der Kampf zwischen Licht und Dunkle mutet zwar ein wenig Harry-Potter-mäßig an, aber die visuelle Gestaltung des sich materialisierenden Auges, inklusive eines Eindrucks der engelsgleichen und der gerüsteten Gestalt des Dunklen Herrschers finde ich hervorragend.

Esgaroth auf dem langen See
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Der Meister der Seestadt (Stephen Fry)

Bei Tolkien sind die Zwerge und Bilbo nicht besonders lange in Seestadt und der Leser erfährt auch kaum etwas über die Kultur diese Menschen, lediglich, dass es sich um eine Art Handelsrepublik mit einem korrupten (Bürger-)Meister handelt – möglicherweise war Venedig eine Inspiration. Jackson und Co. bauen Seestadt jedoch kräftig aus. Film-Esgaroth vereint hier einige Einflüsse, unter anderem russisch-slawische und barocke. Auch gibt es eine Umdeutung des von Stephen Fry gespielten Meisters, der hier kein gewähltes Oberhaupt ist, sondern eher als Diktator eines Überwachungsstaates (eine Entschädigung dafür, dass in „Die Rückkehr des Königs“ die Säuberung des Auenlandes der Schere zum Opfer fiel?) fungiert und den Gedanken an freie Wahlen nicht besonders behaglich findet. Hier gilt letztendlich Ähnliches wie bei Tauriel: Ich finde die grundsätzliche Ausgestaltung gut, aber Jackson schießt zu weit übers Ziel hinaus, er widmet Seestadt und seinen Einwohnern in meinen Augen zu viel Zeit. Es ist allerdings eindeutig ein Plus, dass Bard, hervorragend gespielt von Luke Evans, bereits so früh eingeführt und als Charakter auch weitaus plastischer ist als im Roman, wo er eigentlich nur auftaucht, um Smaug zu töten und die Menschen angemessen zu repräsentieren. Trotzdem werde zumindest ich das Gefühl nicht los, man hätte Bard auch gut einführen können, ohne dass die Zwerge sich so lange in Esgaroth herumtreiben. Eines der größten Probleme bei den vielen Subplots ist, dass Bilbo, immerhin die Titelfigur, mitunter völlig untergeht. Ich sehe hier ein eindeutiges Fokusproblem, statt dem Meister der Seestadt, Bards Familie und Tauriel und Legolas hätte man sich lieber auf die Beziehung von Thorin und Bilbo konzentrieren sollen.

Der Drache
Kommen wir zum Herzstück des Films: Die Zwerge und Bilbo erreichen endlich den Einsamen Berg, dessen Design mich schon im ersten Film vage an „Die Schlacht um Mittelerde II“ erinnert hat. Auch hier gibt es gegenüber dem Roman einige geringfügige strukturelle Unterschiede. Bei Tolkien schleicht sich Bilbo zwei Mal ins Innere des Einsamen Berges. Beim ersten Mal schläft Smaug und Bilbo stiehlt einen Becher, um sich als Meisterdieb zu profilieren. Samug findet das gar nicht toll und zündet eine Seite des Erebor an. Es erfolgt ein zweites Einschleichen, bei dem sich Bilbo, durch den Ring unsichtbar, ausgiebig mit dem Drachen unterhält, bevor dieser ausrückt, um Esgaroth zu zerstören. Im Film gibt es dagegen nur eine Begegnung.
Smaug
Smaug (Benedict Cumberbatch)

Sprechen wir zuerst einmal über Smaug. Als sein Kopf zum ersten Mal in einem der Trailer zu sehen war, war ich recht skeptisch. Aber nach der ersten Filmsichtung war mir klar: Ich liebe das Vieh. Design, Animation, Stimme, Bewegungen (die letzten beiden sind natürlich auf Benedict Cumberbatch zurückzuführen) – alles herausragend, Smaug hat sich in kürzester Zeit zu meinem liebsten Leinwanddrachen gemausert. Der Dialog zwischen Bilbo und dem Drachen ist in meinen Augen ohne Zweifel der Höhepunkt des Films. Vieles stammt direkt von Tolkien, es gibt jedoch ein paar kleine Veränderungen: Bilbo hat nur zu Beginn den Ring an, da Jackson nicht die ganze Zeit entweder Optik der Schattenwelt oder Smaug, der sich mit einem unsichtbaren Bilbo unterhält, zeigen wollte. Das ist ein wenig unglaubwürdiger, aber wenn man Smaugs Spieltrieb miteinbezieht, geht das schon in Ordnung. Darüber hinaus wurde auch eine Verbindung zwischen Smaug und Sauron hergestellt, denn Smaug kann den Ring spüren und weiß, wer dahinter steckt.
Eine weitere kleine Änderung findet sich bei Smaugs Bauchpanzer: Im Roman ist sein Bauch von Gold und Juwelen bedeckt, aber es gibt eine nackte Stelle. Im Film dagegen hat er einen normalen Bauchpanzer, der aber durch den schwarzen Pfeil von Girion, Bards Vorfahren, leicht beschädigt ist. Man kann sich schon ausmalen, wie Bard den Drachen letztendlich tötet.

Was besser auf dem Boden des Schneideraums gelandet wäre: Das Finale
Leider endet der Film nicht auf dem Niveau des Bilbo-Smaug-Dialogs, da Jackson der Meinung war, es müsse noch ein actionreiches Finale her, um den Film abzuschließen. Dummerweise findet sich an dieser Stelle im Roman allerdings keine wirklich Actionszene. Also kommen die Zwerge in den Berg und liefern sich eine Hetzjagd mit Smaug durch die Hallen des Erebor, kombiniert mit den oben erwähnten Orks-in-Seestadt-Handgemengen, was leider eine ganz blöde Idee war, und das aus mehreren Gründen. Zuerst einmal ist die Inszenierung beider Handlungsstränge schlicht nicht interessant, und vor allem für Buchleser auch extrem sinnlos, weil sich diese Einlagen absolut nicht organisch in den Rest der Geschichte einfügen oder die weitere Entwicklung in irgend einer Form beeinflussen – ähnliche Probleme hatte auch die vierte Staffel von „Game of Thrones“.
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Bard (Luke Evans)

Noch viel schwerer wiegt, dass die Jagd durch den Erebor die Glaubwürdigkeit des Films beträchtlich in Mitleidenschaft zieht. Physikalische Gesetze und die Verwundbarkeit der Hauptfiguren haben Peter Jackson schon in den HdR-Filmen nur partiell interessiert, aber dort gab es noch einen gewissen Rahmen. Gut, möglicherweise sind die Gefährten bei der Schlacht um Helms Klamm einmal zu oft in einen Wald aus Speeren gesprungen, nur um völlig unverletzt wieder daraus hervorzukommen, aber was hier geschieht, ist ganz eindeutig zu viel des Guten und raubt darüber hinaus Smaug alles, was vorher an Bedrohlichkeit mühsam aufgebaut wurde, weil er hier schlicht unfähig erscheint.
Der Drache speit sein Feuer ständig und die Zwerge sind nur wenige Zentimeter davon entfernt. Schon bei gewöhnlichem Feuer ist das sehr unrealistisch, und nun muss man sich vor Augen halten, dass Drachenfeuer heiß genug ist, um die minderen Ringe der Macht zu zerstören. Auch der Riesenzwerg aus Gold wirkt reichlich einfallslos.
So kommt es, dass das Finale sehr angeklebt und, zumindest für mich, auch nicht in irgendeiner Form einnehmend wirkt. Möglicherweise wäre es besser gewesen, die Zerstörung Seestadts oder sogar Smaugs Tod noch in diesen Film mit hineinzunehmen und das als Finale zu verwenden. Ich verstehe durchaus die Absicht, die Jackson hatte, er wollte, dass sich Smaug und die Zwerge (vor allem natürlich Thorin) wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und in irgendeiner Form kämpfen. Aber so, wie es ist, ist das reichlich nach hinten losgegangen.

Fazit
„Smaugs Einöde“ ist keinesfalls vollkommen misslungen, aber leider zeigt sich hier, dass es letztendlich eine schlechte Idee war, den „Hobbit“ in drei statt in zwei Filmen zu adaptieren, weil man als Buchleser genau merkt, wo unnötigerweise gestreckt wurde, um auf die benötigte Laufzeit zu kommen. Darüber hinaus werden gewisse Tendenzen von Jacksons Regiestil hier übermäßig betont. Dramatisierung und Übertreibung gab es auch schon im HdR, aber dort hielt es sich in Grenzen und störte den Film nicht, während in „Smaugs Einöde“ diese Tendenzen an einigen Stellen geradezu überhand nehmen.
Viele Einzelaspekte sind dennoch gelungen, etwa Thranduil, Bard, das Waldlandreich, Seestadt, Saurons Enthüllung, Smaug, der Dialog Drache/Hobbit, Howard Shores Musik (unter Ausklammerung des teilweise merkwürdigen Musikschnitts und des fürchterlichen Abspannsongs von Ed Sheeran, für beides kann Shore allerdings nichts) und auch die schauspielerischen Leistungen alter wie neuer Darsteller sind (bis auf die von Orlando Bloom) wirklich sehenswert, aber „Smaugs Einöde“ schafft es nicht, über die Summe seiner Teile hinauszuwachsen, weil die Episodenstruktur der Vorlage und die oben aufgezählte Kritikpunkte dagegen arbeiten.
Hätte Jackson am ursprünglichen Plan festgehalten und nur zwei Filme gemacht, so hätten wir, denke ich, zwei wirklich gute, kompakte, mit den HdR-Filmen konforme Adaptionen des „Hobbit“ gehabt. Dennoch blicke ich positiv in die Zukunft und hoffe, dass wir mit „Die Schlacht der fünf Heere“ wenigstens ein überzeugendes Finale bekommen, dass uns die Schwächen des zweiten Hobbit-Films vergessen lässt.

Siehe auch:
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension Teil 1
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension Teil 2
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension Teil 3
Der Hobbit: Smaugs Einöde
Der Hobbit: Smaugs Einöde – Soundtrack

Der Hobbit: Smaugs Einöde

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Story: Bilbo (Martin Freeman), Gandalf (Ian McKellen), Thorin (Richard Armitage) und der Rest der Kompanie sind nach wie vor auf dem Weg zum Erebor, und nach wie vor jagt sie der Ork Azog (Manu Bennett). Ihr Weg führt die Kompanie nun, nachdem sie das Nebelgebirge überquert haben, immer weiter nach Osten, wo sie zuerst dem Pelzwechsler Beorn (Mikael Persbrandt) begegnen und sich später mit Riesenspinnen und unfreundlichen Waldelben im Düsterwald herumschlagen müssen. Nach einer eher ungemütlichen Begegnung mit dem Waldelbenkönig Thranduil (Lee Pace), dessen Sohn Legolas (Orlando Bloom) und Tauriel (Evangeline Lilly), der Anführerin von Thranduils Garde, gelangen die Zwerge schließlich nach Esgaroth. Der Erebor ist nun zum Greifen nahe, doch die größte Herausforderung liegt noch vor ihnen, denn in seinem Inneren schlummert der gewaltige Drache Smaug (Benedict Cumberbatch)…

Kritik: Genau wie im letzten Jahre gibt es auch beim zweiten Hobbit-Film wieder eine kürzere, möglichst spoilerfreie Kritik und eine ausführliche, detaillierte Rezension. Im Rahmen dieses Artikels bemühe ich mich, keine Details zu verraten.
Während „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ äußerst gespalten aufgenommen wurde, erhält „Smaugs Einöde“ insgesamt weitaus positivere Kritiken, besonders aus den Reihen der „normalen“ Filmkritiker – Tolkien-Puristen sind freilich wieder ein anderes Völkchen, denn was ich beim ersten Teil geschrieben habe, gilt hier noch stärker: Auch dieser Film ist eindeutig nichts für all diejenigen, die nur das auf der Leinwand sehen wollen, was Professor Tolkien geschrieben hat.
In der Tat wurden einige der Probleme, die den ersten Teil plagten, ausgemerzt – wobei sich nun die Frage stellt, ob die Konzeption der Filme von Anfang an so gedacht war oder ob Peter Jackson auf Kritiken reagiert hat und noch mal ein wenig umgeschnitten und nachgedreht hat. Eines der größten Probleme bei „Eine unerwartete Reise“ waren die atmosphärischen Schwankungen, die Kinderbuchelemente, die direkt neben eher an den „Herrn der Ringe“ angelehnten Teile des Films standen. „Smaugs Einöde“ ist bezüglich des Tonfalls sehr viel konsistenter und geht stärker in Richtung HdR-Trilogie. Ingesamt wird alles düsterer, der Humor wird spärlicher und Gestalten wie die Trolle oder der Große Ork tauchen nicht mehr auf. Die märchenhafteren Elemente werden zurückgefahren, stattdessen gibt es neue, zum Teil recht ambivalente Figuren auf.
Ebenso wird der Nostalgiefaktor verringert; in „Eine unerwartete Reise“ wurden bewusst so viele Parallelen zur HdR-Trilogie gezogen wie möglich, sei es durch den Einsatz der Musik, durch Kameraeinstellungen, Hinzufügungen etc. Nun betreten wir allerdings zusammen mit Bilbo Länder, die bisher noch nicht filmisch umgesetzt wurden. Die neuen Locations – Düsterwald, Thranduils Palast, Egarroth sind allesamt sehr gut gelungen, ebenso wie die neuen Figuren. Besonders gelungen sind der von Luke Evans verkörperte Bard, Lee Pace als Thranduil (endlich einmal ein Elb, der etwas ambivalenter ist als Galadriel oder Elrond) und natürlich Benedict Cumberbatch als Smaug, der mal eben den besten Leinwanddrachen der Filmgeschichte gibt – da können HP 4 und 7.1 leider einpacken. Inzwischen finde ich das Design auch ziemlich gelungen – im ersten Trailer erschien es mir noch recht merkwürdig, aber man gewöhnt sich daran und es passt auch. Wie schon im ersten Hobbit-Film ist auch dieses Mal das Highlight eine Konversation zwischen Martin Freeman und einem Schauspieler, der durch Motion Capture in etwas anderes verwandelt wurde. Was die wiederkehrenden Schauspieler angeht, diese knüpfen ziemlich nahtlos an das Vorherige an. Richard Armtiage, Martin Freeman und Ian McKellen sind nach wie vor grandios, die restlichen Zwerge (mit Ausnahme von Kili) bleiben dagegen recht anonym.
Nach wie vor folgt „Smaugs Einöde“ der Struktur des Romans relativ genau – von Beorn in den Düsterwald, von dort über Thranduils Hallen per Fass nach Esgaroth und von dort wiederum direkt zum Erebor – allerdings wurde einiges stark erweitert, vor allem um Actionszenen. So treiben die Zwerge nicht einfach nur in Fässern versteckt nach Seestadt, sie werden von Elben und Orks dabei noch gejagt, die sich nebenher munter gegenseitig umbringen. Eine ähnliche Erweiterung findet sich im Finale, das sich für meinen Geschmack zu lange hinauszieht. Besagte Action-Szenen sind, wie üblich bei Jackson, relativ übertrieben, aber damit habe ich persönlich weniger Probleme.
Einige alte Probleme hat der Film aber dennoch: Die Handlung kommt nach wie vor äußerst episodisch daher. Regisseur und Drehbuchautoren haben wieder einiges unternommen, um das ganze kohärenter zu gestalten, aber ein weiteres Mal mit gemischten Ergebnissen. Im Roman gibt es ja bekanntermaßen nur einen Handlungsstrang, dies wurde im Film geändert: Gandalf geht allein auf Wanderschaft, Legolas und Tauriel folgen den Zwergen nach Esgaroth, und später gehen nur einige Zwerge zum Erebor, während ein Teil von ihnen in Esgaroth zurückbleibt. Um das Ganze einheitlicher wirken zu lassen, gibt es im letzten Drittel viele schnelle Szenenwechsel, die aber wiederum dafür sorgen, dass sich die einzelnen Szenen nicht wirklich gut entfalten können. Und die episodenhaftigkeit der Handlung bleibt trotzdem offensichtlich. Dennoch funktioniert die Aufspaltung erstaunlich gut, vor allem im Hinblick auf das, was noch im dritten Film folgen wird.
Fazit: Insgesamt ist „Smaugs Einöde“ konsistenter und besser durchdacht als „Eine unerwartete Reise“ und hat mir eigentlich sehr gut gefallen. Was allerdings ausgeblieben ist, ist dieselbe Begeisterung, die ich nach dem Ansehen des ersten Hobbit-Films verspürt habe. Ein endgültiges Urteil folgt nach der Zweitsichtung im O-Ton.

Trailer

Siehe auch:
Der Hobbit: Smaugs Einöde – Soundtrack

Der Hobbit: Eine erwartete Rezension – Teil 3

THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY
Der dritte Teil meiner ausführlichen Hobbit-Rezension kommt nun doch um einiges später als ursprünglich geplant; aus vielen Gründen (vor allem GoT-bezogen) bin ich einfach nicht dazugekommen. Dafür kann ich nun allerdings die Bewertung der Blu-Ray (normal, nicht 3D) miteinbeziehen: Bild- und Tonqualität der Heimkinoversion von „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ sind herausragend, man sieht wirklich selten eine BD mit einem derartig gestochen scharfen Bild. Auch die Tonspur sorgt für den nötigen Bombast. Das Bonusmaterial lässt dagegen leider eher zu wünschen übrig. Es gibt zwar eine Bonusdisc, diese beinhaltet aber lediglich die zehn Produktionstagebücher in Videoform, die bereits im Internet zu sehen waren, und noch einige Trailer. Das wirklich üppige Bonusmaterial (ich erwarte ausführliche Dokumentationen zu allen Aspekten der Produktion) kommt wohl erst mit der Special Extende Edition, die diesbezüglich hoffentlich mit den HdR-SEEs gleichzieht. Und nun wieder zum eigentlichen Film.

„Take up arms! Fight! Fight!“ – Nebelgebirge und Orkstadt
Nach den Nebelgebirgspanoramas á la „Die Gefährten” folgt die Begegnung mit den Steinriesen, die im Roman allerdings nicht wirklich definiert wurden und auch später nicht mehr vorkamen. Peter Jackson nahm den Begriff jedenfalls wörtlich, die Riesen sind gigantische Steinwesen, praktisch wandelnde Berge. Und hier muss ich leider vielen Kritikern zustimmen: Optisch ist die Szene ohne Frage beeindruckend, allerdings auch überdramatisiert und unpassend; die gewählte Interpretation ist die wohl denkbar schlechteste. In „Schlacht um Mittelerde 2“ sind die Steinriesen beispielsweise größere Verwandte der Trolle, was in meinen Augen weitaus passender gewesen wäre. Aus dramaturgischer Sicht wäre es vielleicht sogar besser gewesen, die Szene vollständig zu streichen.
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Ein Steinriese im Nebelgebirge

Danach folgt eine kurze Verschnaufpause, die im Roman allerdings nicht auftaucht: Während der Sache mit den Steinriesen hat Thorin noch einmal betont, wie nutzlos er Bilbo doch findet, was sich dieser ziemlich zu Herzen nimmt und, während die Gemeinschaft in einer Höhle übernachtet, beschließt, lieber nach Bruchtal zurückzukehren. Bofur hat allerdings gerade die erste Wache inne, bemerkt was Bilbo vorhat und versucht, ihn aufzuhalten. Dieser kurze Dialog dürfte einer der Gründe sein, weshalb Bofur und sein Schauspieler James Nesbitt inzwischen zu Fanlieblingen geworden sind. Der schnauzbärtige Zwerg erweist sich als überaus sympathischer Zeitgenosse, der Bilbo aufrichtig gern zu haben scheint und ihm, nachdem Bilbo trotz guten Zuredens beschlossen hat, umzukehren, alles Gute wünscht. Aus dem Vorhaben wird allerdings nichts, da Stichs Klinge just in diesem Moment blau zu leuchten beginnt und sich der Boden auftut; so gelangen die Zwerge nach Orkstadt.
Obwohl eigentlich alle Elemente des Romans auf die eine oder andere Weise vorhanden sind, wurde hier doch kräftig umstrukturiert. Bei Tolkien werden Zwerge und Hobbit vor den Großen Ork gebracht, entkommen Dank Gandalfs Hilfe (der es zuvor geschafft hat, den Orks zu entgehen, nachdem er einige von ihnen in der Höhle gegrillt hat) und während der Flucht kommt Bilbo abhanden und landet in Gollums Höhle. Im Film dagegen ist Gandalf vorerst überhaupt nicht zugegen, stattdessen schafft Bilbo es, den Orks zu entgehen, nur um von einem einzelnen angegriffen zu werden und zusammen mit ihm abzustürzen.
So treten Thorin und Kompanie dem Großen Ork allein gegenüber. Wie auch die Trolle ist er eher ein typischer Kinderbuchschurke, der recht wenig mit den grimmigen Orks des „Herrn der Ringe“ zu tun hat. Der von Barry Humphries dargestellt, übermäßig aufgequollene Anführer der Orks des Nebelgebirges ist zu gesprächig und zu wenig barbarisch, eher komisch denn furchterregend. Allerdings muss ich sagen: Ich mag ihn irgendwie. Der Dialog stammt zum Großteil direkt aus dem Roman, abzüglich der an Thorin gerichteten Information, dass Azog der Schänder noch lebt.
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Der Große Ork (Barry Humphries)

Die folgende Flucht wurde natürlich ein wenig epischer und actionreiche umgesetzt, als Tolkien es schildert, und viele störten sich an der Jagd durch die Orkhöhlen. Diesem Urteil kann ich mich allerdings nicht anschließen, vor allem in 3D war diese Szene außerordentlich überzeugend. Auch das Design von Orkstadt – es erinnert ein wenig an die Kavernen von Isengart, nur in größerem Maßstab – fand ich gelungen. Die Bewohner, mit denen Thorin und Kompanie sich messen müssen, sind noch kleiner als ihre Verwandten aus den Minen von Moria und weisen sehr viele, äußerst unansehnliche Hautkrankheiten auf.
Unbedingt erwähnt werden sollte im Zusammenhang mit dieser Szene noch einmal Howard Shores Musik, der die Moria-Chöre noch einmal toppt und die Blechbläser höchst interessante Dinge anstellen lässt.

„What has it got in its nasty little pocketses?” – Rätsel in der Finsternis
Das Rätselspiel in Gollums Höhle ist nicht nur das Herzstück von „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise”, sondern auch die erste Szene die gedreht wurde; und bis auf ein, zwei kleine Schönheitsfehler ist sie perfekt gelungen. Peter Jackson setzt genau den richtigen Rahmen, in dem er die Szene am Stück zeigt, ohne Unterbrechung, wodurch sie als intensives Kammerspiel funktioniert, das vor allem von der Kunst zweier hervorragender Darsteller lebt.
Anders als im Roman sieht sowohl der Zuschauer als auch Bilbo im Film, wie Gollum den Ring verliert, als er den Ork, der zusammen mit Bilbo abgestürzt ist. Gerade hier wäre noch mehr Nähe zum Buch wünschenswert gewesen, da Bilbo im Film nun weiß, was ihn erwartet. Und er weiß auch, woher der Ring stammt, den er da an sich nimmt.
Äußerst beeindruckend ist, wie real Gollum inzwischen aussieht. Er war bereits in der HdR-Trilogie der beste Effekt, und die Künstler von Weta haben sich noch einmal selbst übertroffen. Andy Serkis tut es ihnen gleich und geht ein weiteres Mal völlig in der Rolle auf. Obwohl die Szene insgesamt sehr Vorlagengetreu ist, baut Jackson weiter auf der Interpretation der Figur aus „Die zwei Türme“ und „Die Rückkehr des Königs“ auf; die Persönlichkeitsspaltung wird hervorgehoben und zum wichtigen Bestandteil der Szene gemacht. Gollum würde Bilbo lieber sofort töten, während Sméagol dem Rästelspiel absolut nicht abgeneigt ist, weil es ihn an sein früheres Leben erinnert.
Nicht alle Rätsel haben es in den Film geschafft, aber die wenigen, die fehlen, tauchen möglicherweise in der Special Extended Edition auf.
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Gollum (Andy Serkis)

Der einzige andere Kritikpunkt an dieser Szene ist die Musik: Auf dem Soundtrackalbum variiert Howard Shore hier geschickt die Themen für Gollum, Sméagol und die Geschichte des Ringes; vor allem Letzteres erfährt einen besonders gelungenen Einsatz, bei dem man direkt heraushören kann, dass der Ring lange geschlafen hat und nun „erwacht“. Leider hat es keine dieser Variationen in den Film geschafft, stattdessen sind Neuaufnahmen von bereits aus der Trilogie bekannten Variationen zu hören. Der Filmmusikfreund fragt sich natürlich, weshalb dies so ist: Waren Peter Jackson die neuen Variationen zu subtil?
Über die erzwungene Parallele beim Aufsetzen des Rings (Bilbo fällt und der Ring gleitet auf seinen Finger, genauso wie bei Frodo in Bree) kann man hinwegsehen, vor allem da der Augenblick, in dem Bilbo die Möglichkeit hat, Gollum zu töten, ebenfalls exzellent umgesetzt wurde. Was Martin Freeman und Andy Serkis hier allein mit ihrer Mimik ausdrücken, ist unglaublich.

„Out of the frying-pan.“ – „And into the fire.” Das Finale
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Thorin (Richard Armitage) geht zum Angriff über

Nachdem Bilbo, Gandalf und die Zwerge wieder beieinander sind, folgt das actionreiche Finale des Films. Abermals ist die Szene im Buch weit weniger aufwendig, emotional aufgeladen und ernst als im Film. Nach der Flucht aus Orkstadt stoßen Zwerge, Hobbit und Zauberer eher zufällig auf ein Rudel Warge, das mit den Orks gemeinsame Sache macht. Die Gemeinschaft flieht in die Bäume und wird schließlich von den Adlern gerettet. Die Szene ist mit ihren singenden Orks bei Tolkien relativ humorvoll. Ganz anders im Film: Da dies als emotionaler Höhepunkt fungieren muss, wurde das Ganze aufgewertet. Die einzelnen Bestandteile sind nach wie vor vorhanden: Warge, Orks, Zwerge auf Bäumen und Rettung durch die Adler, aber der Rahmen wurde geändert. Im Film holen Azog und seine Wargreiter, alarmiert durch den Boten des Großen Ork, Thorin und Kompanie ein. Thorin, getrieben von Rache, will es mit Azog allein aufnehmen und wird schließlich von Bilbo gerettet, kurz bevor die Adler auftauchen. Somit bekommt diese Szene weitaus mehr Bedeutung, vor allem, was die Beziehung der Figuren angeht. Der Durst nach Rache am Mörder seines Vaters kommt für Thorin nun als bedeutende Motivation hinzu, die sich im Buch nicht findet, in den kommenden Filmen aber wohl noch eine wichtige Rolle spielen wird. Ebenso wird die Beziehung Thorin-Bilbo geändert: Im Roman ist der Hobbit dem Zwergenkönig im Exil relativ egal, während im Film die Abneigung, die dieser gegen Bilbo hegt, sehr deutlich hervorgearbeitet wird. Durch Bilbos Einsatz erkennt Thorin am Ende des Films Bilbo als nützlichen Teil der Gemeinschaft an.
Ansonsten wird dem Endkampf oft vorgeworfen, überdramatisiert zu sein, und dieser Vorwurf lässt sich nicht wirklich von der Hand weisen. Die Klippe, die umstürzenden Bäume, die Adlerrettung in allerletzter Sekunde und natürlich Thorins Angriff blähen die Szene geradezu auf. Allerdings, um es mit einer netten englischen Phrase auszudrücken: Hell, I don’t care. Peter Jackson ist für seine extrem dramatischen, am Kitsch kratzenden Szenen bekannt. Dennoch funktionieren sie für mich, was meistens an Howard Shores Musik liegt, die mir interessanterweise so ziemlich alles schmackhaft macht.
Am Ende des Films, nachdem Thorin Bilbo umarmt hat und die Gemeinschaft positiv in die Zukunft blickt, wird den Zuschauern schließlich ein erster Blick auf Smaugs Auge gewährt.
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Das Auge des Drachen

Fazit: Wenn ich mich um eine halbwegs objektive Sichtweise bemühe, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ Probleme hat. Dazu gehören, unter anderem, das Ungleichgewicht zwischen den ursprünglichen, direkt aus der Vorlage übernommenen (oder neu hinzugefügten) Kinderbuchelementen und den eher düsteren, auf die HdR-Trilogie hindeutenden Aspekte. Ebenso gibt es zu viele Rückgriffe auf die ursprüngliche Trilogie, die der Hobbit-Verfilmung ein Stück weit ihre Eigenständigkeit rauben – weniger wäre in diesem Fall mehr gewesen, vielleicht hätte sich die ursprünglich geplante zweiteilige Verfilmung als die bessere Alternative erwiesen.
Was diesen Film allerdings so interessant macht, ist, dass mich diese negativen Aspekte kaum stören. Ich erkenne sie, aber sie nerven mich nicht, wie es bei anderen Filmen der Fall wäre. Die subjektive Seite verlangt nach mehr Mittelerde und ist froh, dass drei und nicht zwei Filme gibt. Ich erwarte „Der Hobbit: Smaugs Einöde“ bereits sehensuchtsvoll.

Siehe auch:
Der Hobbit: Eine unerwartete Reise
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension – Teil 1
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension – Teil 2
Der Hobbit: Eine unerwartete Reise – Soundtrack

Der Hobbit: Eine erwartete Rezension – Teil 2

THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY

„I’ve got parasites the size of my arm!“ – Die drei Trolle
Die Szene, in der die drei Trolle Bert, William und Tom Bilbo und die Zwerge fangen und überlegen, wie man sie am besten zubereitet, gehört zu den ikonischsten des Romans – aber auch zu denen, die einen starken Kinderbuchcharakter haben und unter Betrachtung des „Herrn der Ringe“ und des „Silmarillion“ ein wenig fehl am Platz wirken. Die Trolle im HdR und auch in Jacksons Verfilmung waren Kampfmaschinen, die kein Wort von sich geben und lediglich als besonders zähe Gegner fungiert haben – man denke nur an den Höhlentroll in „Die Gefährten“. Bert, William und Tom dagegen sind klassische, dumme, für ein Kinderbuch recht typische Antagonisten, die überlistet werden sollen.
Ich könnte mir vorstellen, dass diese Szene Peter Jackson und seinen Co-Autoren durchaus Kopfzerbrechen bereitet haben dürfte, da sie einerseits von dem bisher etablierten Bild der Trolle stark abweicht, es andererseits aber enorme Proteste gegeben hätte, wäre sie nicht oder stark verfremdet enthalten.
Letztendlich entschied man sich, sie mit nur geringen Abweichungen zu integrieren. Die sprechende Geldbörse, die Bilbo im Roman von einem der Trolle stehlen will, wurde entfernt, stattdessen wird er durch Zufall geschnappt, als er versucht, die Ponys der Zwerge zu befreien (und ist damit schon der zweite Held, der sich mit Trollpopel herumärgern muss). Insgesamt lässt sich beobachten, dass die Trolle eigentlich noch dümmer sind als im Roman – womit quasi ein Kompromiss zwischen den nicht sprachfähigen Trollen der HdR-Trilogie und den Trollen, wie sie in Tolkiens „Hobbit“ auftauchen, geschlossen wird. Im Film werden die drei von Zwergendarstellern per Motion Capture gespielt, Bert von Mark Hadlow (Dori), William von Peter Hambleton (Glóin) und Tom von William Kircher (Bifur). Das Design wirkt ein wenig menschlicher als bei den HdR-Trollen. Zugegebenermaßen erreicht die Qualität der Troll-Animationen nicht die Gollums.
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Die drei Trolle Willam (Peter Hambleton), Tom (William Kircher) und Bert (Mark Hadlow)

Eine weitere Änderung findet sich in der Art, wie die Zwerge gefangen genommen werden: Im Roman werden sie einfach eingesammelt, während sie im Film vorinformiert sind und die Trolle unter Begleitung und einer markanten und sehr heroischen Blechbläservariation des Misty-Mountain-Themas angreifen – jedenfalls bis die Trolle drohen, Bilbo auseinander zu reißen. Auch ist es im Film nicht Gandalf, der die Trolle mit verstellter Stimme beschäftigt, sondern Bilbo. Gandalf taucht erst auf, als die Sonne auch wirklich aufgeht, und spaltet in bester Moria-Manier einen Felsen.
Besonders auffällig an dieser Szene ist, dass Bilbo im Film weitaus besser dasteht als im Buch. Anstatt Unnützes zu tun wie eine Trollbörse zu stehlen, versucht er, die Ponys zu befreien, was durchaus logisch ist und auch funktioniert hätte, hätte einer der Trolle sich nicht die Nase putzen müssen. Ebenso verrät Bilbo die Anwesenheit der Zwerge im Film nicht (im Buch fällt ihm immerhin noch ein, dass man so etwas ja eigentlich nicht tut). Und natürlich ist er es, der die Trolle zu einer Diskussion veranlasst, während die Zwerge vor allem komödiantische Zwecke erfüllen – der Zwergenspieß ist wirklich unheimlich albern. Dass diese Szene so funktioniert ist vor allem Martin Freeman zu verdanken, der das Ganze dominiert und Bilbos Handlungen großartig und nachvollziehbar darstellt.
Der auf die Trollszene folgende Schwertfund ist sehr buchgetreu dargestellt, auch wenn der Fokus noch einmal auf Thorins Abneigung gegen die Elben (und auch das, was sie geschaffen haben) gelegt wird. Das Aussehen von Glamdring und Stich ist ja bereits aus den HdR-Filmen bekannt. Orcrists Design ist recht interessant: Das Elbenschwert ist kürzer, einschneidig und alles in allem ein wenig kompakter, um so besser zu Thorin zu passen. Von Glamdring unterscheidet es sich ziemlich stark, die Klinge erinnert jedoch an Stich (obwohl Letzteres zweischneidig ist). Dies legt die Vermutung nahe, dass Stich ursprünglich als Zweitwaffe von demjenigen, der Orcrist führte, benutzt wurde – jedenfalls scheint dies die Intention der Filmemacher gewesen zu sein.
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Thorin mit Orcrist

Und wo wir gerade bei Elbenschwertern sind: In den Filmen (sowohl HdR als auch „Hobbit“) scheint ausschließlich Stich blau zu glühen, während in den Romanen sämtliche Schwerter aus Gondolin blau leuchten, wenn Orks in der Nähe sind. Allerdings fällt auf, dass sowohl Glamdring als auch Orcrist zumindest ein wenig zu glühen scheinen – besonders gut sichtbar in „Die Rückkehr des Königs“ (Special Extended Edition) in der Szene, in der Pippin und Gandalf über das Leben nach dem Tod sprechen.

„A dark power has found a way back into the world.“ – Radagast der Braune und Dol Guldur
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Gandalf (Ian McKellen) und Radagast (Sylvester McKoy)

Nach Azog ist Radagast der Braune (gespielt von Sylvester McCoy) die zweite Figur, die die Gemüter enorm erhitzte. Ein Kritiker sprach gar von einem Jar-Jar-Binks-Äquivalent. So schlimm ist es gottseidank nicht, zugegebenermaßen wäre in Bezug auf Radagast aber weniger mehr gewesen. Die Figur an sich, ebenso wie ihre Darstellung, stört mich nicht, allerdings wird Radagast wohl auch nicht zu meiner Lieblingsfigur werden. Sein Debüt feiert er bereits vor der Trollszene: Gandalf erzählt Bilbo von den anderen vier Zauberern. Der Grund, weshalb er sich nicht an die Namen der beiden blauen Zauberer erinnert (sie heißen Alatar und Pallando), findet sich in den verfügbaren Lizenzen: Für die Hobbit-Filme stehen der „Herr der Ringe“ und der „Hobbit“ zur Verfügung, nicht aber die Tolkien-Schriftensammlung „Nachrichten aus Mittelerde“, in der die beiden blauen Zauberer namentlich genannt werden.
Kurz nach besagtem Dialog entfernt sich die Filmhandlung erst einmal von den Zwergen und Bilbo und wendet sich stattdessen Radagast und den Vorkommnissen im Grünwald bzw. Düsterwald zu. Der braune Zauberer stellt fest, dass eine dunkle Macht sich in der alten Festung Dol Guldur (deren Design phänomenal ist) eingenistet hat und von dort aus den Wald regelrecht vergiftet. Nebenbei bemerkt: Bei Tolkien ist diese dunkle Macht, Sauron in Gestalt des „Nekromanten“ (im Film nur einmal als schattenhafter Umriss zu sehen) schon ein wenig länger aktiv. Ich persönlich habe allerdings die Theorie, dass die erste Radagast-Szene bereits vor dem Beginn der eigentlichen Hobbit-Handlung stattfindet und nicht parallel zur ersten Reiseetappe der Gemeinschaft. Das würde auch erklären, wie Radagast so unwahrscheinlich schnell vom Düsterwald nach Eriador gekommen ist – Rhosgobel-Kaninchen hin oder her. Genau diese sind übrigens, ebenso wie die Geschichte mit der Heilung des Igels Sebastian und Radagasts Reaktion auf Pfeifenkraut, die besagten Fälle, bei denen weniger mehr gewesen wäre. Von diesen „Ausrutschern“ einmal abgesehen hat Radagast durchaus auch klarere, sprich: ernsthafterer Momente (speziell der kurze Kampf mit dem Hexenkönig) und trägt auch wirklich etwas zur Geschichte bei. Wenn man einmal außen vorlässt, dass die Szenen im Düsterwald nach Tolkien sehr viel früher hätten spielen müssen – in den Büchern war sich der Weiße Rat zu diesem Zeitpunkt bereits darüber im Klaren, wer sich da im Düsterwald niedergelassen hat, stattdessen diskutierte man darüber, ob man ihn austreiben sollte oder nicht – hätte es in der Tat Radagast sein können, der Saurons Rückkehr bemerkt und dem Weißen Rat davon berichtet.
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Die finstere Festung Dol Guldur

Schließlich wäre da noch die Konfrontation mit den Wargreitern. Generell habe ich gegen die Konzeption dieser Szene nichts einzusetzen – es ist verständlich, dass hier die Spannung noch etwas aufgebaut wird – die Umsetzung schmeckt mir allerdings auch nicht wirklich. Die Warge selbst gefallen mir eigentlich recht gut und ich sehe auch kein Problem mit der Art und Weise, wie Warge in der HdR-Trilogie in Erscheinung treten; während sie im „Hobbit“ einfach sehr große und bösartige Wölfe sind (so hatte ich sie mir auch ursprünglich beim Lesen vorgestellt), hatten sie in der HdR-Trilogie mehr mit Hyänen gemein. Die Lösung für diese Inkonsistenz: Bei den HdR-Wargen handelt es sich um eine südliche Rasse, während die Hobbit-Warge aus Gundabad, einer Orkfestung im Norden des Nebelgebirges stammen.
Was dagegen stört ist die Landschaft, die einfach nicht so wirklich in die Gegend um Bruchtal passen will und mehr nach Rohan aussieht. Und schließlich ist die Jagd mit dem Kaninchenschlitten doch ein wenig zu viel Slapstick.

„You are not the only guardian to stand watch over Middle-earth.“ – Bruchtal und der Weiße Rat
Bruchtal entschädigt glücklicherweise für die erste Konfrontation mit den Wargreitern. Gerade hier finden sich natürlich verdammt viele Verweise auf die HdR-Trilogie. Die meisten davon sind sehr gut gelungen. Beispielsweise ist es sehr schön, noch einmal vollgerüstete Elbenkrieger und Elrond (Hugo Weaving) in voller Montur zu sehen. Einige haben es auch nicht in die Kinoversion geschafft, etwa die Szene (im ersten Trailer zu sehen), in der Bilbo die Bruchstücke von Narsil entdeckt.
Nach der Ankunft der Zwerge ist alles ziemlich buchgetreu inszeniert, allerdings sind Elben weniger verspielt als im Roman und Thorins Abneigung gegen sie wird noch einmal besonders betont. Recht auffällig in diesem Abschnitt ist, dass Bilbo in den Hintergrund tritt, zwar ist er überall dabei, bekommt aber kaum Gelegenheit, etwas beizutragen.
Von größtem Interesse ist natürlich die Zusammenkunft des Weißen Rates. Auch diese finde ich prinzipiell sehr gelungen, auch wenn sie ein paar kleine, wenn auch nahvollziehbare, Schönheitsfehler hat. Dem Kenner fällt natürlich sofort auf, dass der Rat mit lediglich vier Mitgliedern zu klein ist. Die Intention ist klar, die Macher wollten die unbedarften Zuschauer nicht mit zusätzlichen, unbekannten Figuren verwirren, aber zumindest Radagast hätte ebenfalls dazugehört – er war ja sowieso gerade in der Gegend. Und ich hätte auch gerne Círdan, Glorfindel, Erestor oder andere wichtige Elben gesehen. Davon abgesehen gibt es noch in der Diskussion etwas, das ein wenig merkwürdig anmutet. Ob der Dolch des Hexenkönigs von Angmar wirklich vonnöten gewesen wäre, ist sicherlich diskutabel, aber ich fand vor allem das Gespräch über das Grab des Hexenkönigs ein wenig seltsam, da sie den Anschein erweckt, der Fürst der Nazgûl habe zu Lebzeiten über Angmar geherrscht, sei begraben worden und dann als Ringgeist zurückgekehrt. Das widerspricht zumindest Tolkien direkt, und auch der Prolog von „Die Gefährten“ suggeriert, dass die neuen Ringgeister bereits seit dem Zweiten Zeitalter aktiv sind. Die beiden kommenden Filme werden zeigen, was sich aus diesen Andeutungen entwickelt.
Davon abgesehen finde ich die Szene allerdings grandios, vor allem wegen Cate Blanchett und Christopher Lee. Erstere ist (wie Gandalf korrekt feststellt) wirklich nicht gealtert, und spielt sogar fast noch besser als in der HdR-Trilogie. Und Christopher Lee verdient den höchsten Respekt; mit 90 noch in Filmen mitzuspielen ist eine beeindruckende Leistung. Hier wurde er sogar erfolgreich verjüngt, sein Gesicht ist ein wenig faltenfreier und sein Bart ein wenig dunkler als in der HdR-Trilogie.
THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY
Der Weiße Rat von links nach rechts: Gandalf (Ian McKellen), Galadriel (Cate Blanchett), Saruman (Christopher Lee) und Elrond (Hugo Weaving)

Auch das Verhältnis der Figuren, wie es in dieser Szene dargestellt wird, gefällt mir ausnehmend gut und erinnert sehr an die „Nachrichten aus Mittelerde“ (natürlich ohne, dass besagtes Buch wirklich miteinbezogen würde): Saruman, der auf Gandalf herabblickt, gleichzeitig eifersüchtig ist und prinzipiell gegen ihn spricht (was auch die Frage aufwirft, in wie weit Saruman hier bereits eigene Ambitionen verfolgt) und Gandalf, der sich als geringer sieht als er ist, aber trotzdem gegen das Haupt des Ordens arbeitet und sowieso tut, was er will. Allgemein ist der Gandalf dieses ersten Hobbit-Films ein wenig unsicherer und weniger energisch als der Gandalf der HdR-Trilogie.
Unbedingt erwähnenswert ist im Zusammenhang mit dieser Szene noch Howard Shores Musik, denn was er hierfür komponiert hat, ist wunderbar vielschichtig und gehört zu den besten Verarbeitungen von HdR-Themen im Hobbit-Score. Gekonnt verwendet er Andeutungen des Isengart- und Sauron-Themas, um Zukünftiges anzudeuten, verwoben mit neuen Variationen der Themen für Bruchtal und Lórien.
Der Aufbruch der Gemeinschaft (ohne Gandalf wohlgemerkt, der im Buch dabei ist) schließlich spiegelt, wie nicht anders zu erwarten, den Aufbruch der Gefährten wieder. Statt einer epischen Variation des Gefährtenthemas gibt es eine nicht minder epische des Misty-Mountain-Themas, dazu umwerfende Landschaftsaufnahmen von Neuseeland.
Letztendlich ist das größte Manko des Bruchtal-Abschnitts ist wohl, dass er ein wenig zu kurz geraten ist – hier wird allerdings mit ziemlicher Sicherheit die Extended Edition Abhilfe schaffen.

Siehe auch:
Der Hobbit: Eine unerwartete Reise
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension – Teil 1
Der Hobbit: Eine erwartete Rezension – Teil 3
Der Hobbit: Eine unerwartete Reise – Soundtrack