Art of Adaptation: The Dark Lord Ascending

Es ist an der Zeit, mal wieder eine neue Artikelreihe zu starten. „Art of Adaptation“ setzte sich, wie der Titel schon subtil suggeriert, mit dem Adaptionsprozess auseinander. Zwar habe ich durchaus auch vor, Gesamtadaptionen im Rahmen dieser Reihe zu betrachten, der Fokus soll allerdings auf Einzelaspekten liegen: Wie wird eine bestimmte Figur, eine Szene, eine Kapitel oder ein Ereignis von einem Medium ins andere transferiert. Den Anfang macht hierbei das erste Kapitel aus „Harry Potter and the Deathly Hallows“.

Das Außenseiterkapitel
„The Dark Lord Ascending“ ist nicht nur das Eröffnungskapitel des siebten Harry-Potter-Bandes, sondern auch eines der außergewöhnlichsten. In der gesamten siebenbändigen Serie verlassen wir als Leser nur selten Harry Potters Perspektive, er ist nicht nur Namensgeber der Serie, sondern auch die Figur, durch deren Augen wir fast sämtliche Geschehnisse erleben. Eine Ausnahme ist das erste Kapitel des ersten Bandes; hier fungiert Vernon Dursley als Point-of-View-Charakter (PoV), das erste Kapitel des vierten Bandes, das der Leser durch die Augen des Riddle-Gärtners Frank Bryce erlebt, das erste und zweite Kapitel von „Harry Potter and the Half Blood Prince“ und dieses hier. Was dieses Kapitel so außergewöhnlich macht, ist nicht nur der Umstand, dass wir Harrys Perspektive verlassen, sondern dass keine andere Figur seinen Platz einnimmt. In der Literaturwissenschaft spricht man von „externer Fokalisierung“, die relativ selten vorkommt. Hierbei beschreibt der Erzähler nur, was durch die Sinne wahrgenommen werden kann, aber keine inneren Prozesse der Figuren. Das Gegenteil ist die „interne Fokalisierung“ – hier lässt der Erzähler den Leser an den inneren Prozessen der Figuren bzw. einer ausgewählten Figur teilhaben, wie es bei den HP-Romanen normalerweise der Fall ist. Darüber hinaus gibt es auch die Nullfokalisierung; gemeinhin spricht man auch vom „allwissenden Erzähler“. Wie dem auch sei, in diesem Kapitel folgen wir zwar Snape, erfahren aus dramaturgischen Gründen allerdings nicht, was er denkt und empfindet, schließlich soll bis zum Schluss nicht enthüllt werden, dass er in Wahrheit die ganze Zeit für Dumbledore gearbeitet hat.

Die Handlung ist schnell erzählt: Snape trifft zeitgleich mit Yaxley, einem anderen Todesser, bei Malfoy Manor ein. Nach einer kurzen Unterhaltung über Lucius Malfoys Vorliebe für Luxus betreten die beiden das Anwesen und stoßen zur stattfindenden Todesser-Versammlung unter Leitung Lord Voldemorts. Es geht primär darum, Harry Potter zu ergreifen und um die Frage, wie schnell sich das Zaubereiminsterium unter Voldemorts Kontrolle befinden kann – hierzu hat Yaxley Pius Thicknesse, dem Leiter der magischen Strafverfolgungsbehörde, den Imperiusfluch aufgehalst. Auch die erweiterte Verwandtschaft der Malfoys und Blacks kommt zur Sprache, hat doch Nymphadora Tonks, die Nichte von Bellatrix und Narcissa, den Werwolf Remus Lupin geheiratet. Schließlich verkündet Voldemort, dass er Harry Potter nicht mit seinem eigenen Zauberstab töten kann und borgt sich stattdessen den von Lucius Malfoy, den er sogleich an Charity Burbage, der Muggelkundelehrerin von Hogwarts, ausprobiert, deren Leiche anschließend Nagini zum Faß vorgeworfen wird.

Ich will ehrlich sein: Ich bin kein allzu großer Fan dieses Kapitels. Voldemort war nie der subtilste Schurke, doch gerade in diesem Kapitel ist er mir eine Spur zu offensichtlich fies, zu plump in seiner Bösartigkeit. Ironischerweise gehört die Filmumsetzung zu meinen liebsten Szenen der gesamten Filmreihe, vielleicht ist sie sogar meine Lieblingsszene.

Auffällige Änderungen

Während das Todesser-Meeting den Roman eröffnet, beginnt die Filmadaption mit einer Rede Rufus Scrimgeours (Bill Nighy), gefolgt von einer Montage, die Harry (Daniel Radcliff), Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson) bei ihren Vorbereitungen zeigt und bereits bestimmte Elemente, die im Roman durch Exposition in späteren Kapiteln auftauchen, visuell vorwegnimmt. Erst nach der Titeleinblendung zeigt David Yates, wie Snape (Alan Rickman) zu Malfoy Manor appariert bzw. fliegt. Anders als im Roman trifft er allerdings alleine ein, Yaxley (Peter Mullan) sitzt bereits am Konferenztisch. Ein Detail, das allerdings übernommen wurde, ist das „durchlässige Eingangstor“, das nicht geöffnet werden muss. Zu den weiteren, besonders auffälligen Änderungen gehört Pius Thicknesse (Guy Henry): Während im Roman nur darüber gesprochen wird, dass Yaxley ihm den Imperius-Fluch auf den Hals gejagt hat, ist der in der Filmszene anwesend, wobei weder hier noch später deutlich wird, ob er ebenfalls unter dem Imperius-Fluch steht, erpresst wird oder sich Voldemort (Ralph Fiennes) freiwillig angeschlossen hat. Dennoch wird er von den Todessern visuell distanziert; während diese alle in ihren typischen Gewändern zur Linken und Rechten des Dunklen Lords sitzen, trägt Thicknesse einen gewöhnlichen Anzug, sitzt Voldemort am anderen Ende der Tafel genau gegenüber und fühlt sich in Naginis Gegenwart sichtlich unwohl. Aus filmischer Sicht ist es äußerst sinnvoll, Thicknesse auf diese Weise zu präsentieren, statt nur über ihn zu reden, da ein Zuschauer, der den Roman nicht gelesen hat, ihn so später deutlich leichter wiedererkennen kann, gerade weil er von den restlichen Todessern abgegrenzt wird.

Wurmschwanz (Timothy Spall) wird, anders als im Roman, ebenfalls von den restlichen Todessern abgegrenzt; er hat gar keinen Platz an der Tafel, sondern muss stehen. Hier wird außerdem bereits das Auftauchen Ollivanders (John Hurt) subtil angedeutet, denn er ist es, der schmerzerfüllt schreit und dem sich Wurmschwanz kümmern soll.

Die Dialoge der Szene sind größtenteils, wenn auch mit einigen Kürzungen und Änderungen, aus dem Kapitel übernommen. Die Unterhaltung über den Fall des Ministeriums fällt weg, ebenso wie die Erwähnung der Heirat von Lupin und Tonks. Der Mord an Charity Burbage (Carolyn Pickles) ist dagegen wieder vorhanden. Die Lehrerin schwebt während der ganzen Szene im Hintergrund herum, als der Fokus auf sie gerichtet wird, ist besonders Draco (Tom Felton) sichtlich verstört. Dennoch denke ich, dass es an dieser Stelle deutlich effektiver gewesen wäre, hätte Voldemort statt einer Lehrerin, die wir nie zuvor gesehen haben, einen Hogwarts-Lehrer getötet, der bereits vorkam. Sibyl Trewlany hätte sich vielleicht wegen der Prophezeiung angeboten, oder Professor Sprout, also eine Lehrerin, die man als bereits seit den ersten Filmen bzw. Büchern kennt. Der Mord an Charity Burbage passt ideologisch, letztendlich ist sie aber nur ein weiterer Name unter Voldemorts Opfern, der für Leser wie Zuschauer kaum Bedeutung hat.

Ralph Fiennes at his Best

Der wirklich Unterschied zwischen Buch- und Filmszene kommt allerdings von Ralph Fiennes‘ Darstellung Lord Voldemorts und der Art und Weise, wie David Yates ihn in Szene setzt. Das beginnt schon bei den ersten Sätzen, die wir von Voldemort hören. Im Roman begrüßt er Snape und Yaxley ziemlich plump mit „You are very nearly late” und weist ihnen dann per Befehl Plätze zu. Film-Voldemort ist da deutlich subtiler. In der ganzen Szene merkt man, dass der Dunkle Lord hier auf dem Höhepunkt seiner Macht ist – er hat es nicht nötig, plump zu befehlen, stattdessen spricht er mit einer merkwürdigen, subtil spöttischen, aber sehr ausgewählten Ausdrucksweise, die zugleich höflich und zuvorkommend, aber auch bedrohlich ist: „Severus, I was beginning to worry you had lost your way. Come, we’ve saved you a seat.“ Ähnlich verhält es sich, wenn Voldemort mit Pius Thicknesse oder Bellatrix Lestrange (Helena Bonham Carter) spricht. Selbst als Ollivander schmerzerfüllt schreit und Voldemort kurz lauter wird, bleibt seine Wortwahl beinahe zurückhaltend: „Wormtail, have we not spoken about keeping our guest quiet?“ Dieser Höhepunkt der Macht wird visuell unter anderem auch dadurch vermittelt, dass sich Voldemort in den Einstellungen, in denen er zu sehen ist, zumeist in der Bildmitte befindet.

Die Ausnahme hierbei ist Lucius Malfoy (Jason Isaacs), vor dem Voldemort offensichtlich jeglichen Respekt verloren hat. Die Demütigung erfolgt hier sehr ähnlich wie im Roman durch die Zauberstababnahme, wenn auch verbal etwas subtiler. Der Dialog ist fast identisch, allerdings erklärt Voldemort im Roman: „Lucius… I see no reason for you to have a wand any more.” Im Film dagegen schreitet er die Reihe der Todesser ab wie ein Lehrer, der keine Antwort erhält und fragt dabei: „Who would like the honour?“ Statt des oben erwähnten Satzes äfft Voldemort Lucius allerdings nach. Die symbolische Kastration durch die Zauberstababnahme wird im Film sogar noch deutlicher, als er den Schlangenkopf abbricht.

Wohl primär aus Gründen der Länge wurden einige Voldemort-Seitenhiebe entfernt, u.a. hackt er noch ein, zwei Mal auf den Malfoys im Allgemeinen und Draco im Besonderen herum. Auch die ausführlichere Erläuterung des Zauberstabproblems, in dem Voldemort in ungewohnter Manier zur Selbstkritik neigt, ist der Schere zum Opfer gefallen. In beiden Fällen tut das der Szene allerdings durchaus gut – besonders, wenn es um die Seitenhiebe geht. Durch die aufgesetzte Höflichkeit – selbst das Opfer wird im Film als „Miss Charity Burbage“ vorgestellt, während die formale Anrede im Roman fehlt – wirkt Voldemort deutlich selbstsicherer und gefährlicher.

Fazit: An dieser Szene aus „Harry Potter and the Deathly Hallows Part 1” zeigt sich, wie eine Szene einerseits sehr vorlagengetreu umgesetzt werden kann, andererseits aber durch einige kleine und subtile Änderungen – und nicht zuletzt durch hervorragendes Spiel – deutlich effektiver gestaltet werden kann. Gerade in Bezug auf Voldemort setzt sich diese Tendenz fort. Die Filmversion ist meiner Ansicht nach in diesem und dem Folgefilm deutlich effektiver und besser inszeniert als in der Vorlage.

Dark Shadows


Story: Weil sie von ihm zurückgewiesen wurde, verflucht die Hexe Angelique Bouchard (Eva Green) Barnabas Collins‘ (Johnny Depp) Familie, schickt seine Geliebte in den Tod und verwandelt ihn in einen Vampir. Und schließlich sorgt sie dafür, dass Barnabas 200 Jahre lang in einen Sarg gesperrt wird. Der Vampir erwacht erst wieder im 1972 und muss fortan mit den Tücken der modernen Welt kämpfen. Er offenbart sich Elizabeth Collins Stoddard (Michelle Pfeiffer), dem aktuellen Oberhaupt der Collins-Familie und verspricht ihr, den verarmten und heruntergekommenen Clan zu neuem Ruhm zu führen. Doch Angelique lebt ebenfalls noch und will dies nicht zulassen…

Kritik: Nun wendet sich auch Tim Burton, der Meister des Makabren, mit diesem Remake einer TV-Serie aus den 60er Jahren den Vampiren zu – durchaus passend, die Hälfte seiner Filme sieht sowieso aus, als wären es Vampirfilme, selbst wenn gar keine Blutsauger darin vorkommen. Mit dabei sind natürlich seine üblichen Kollaborateure Johnny Depp, Helena Bonham Carter und Danny Elfman sowie einige Gesichter, die man in einem Burton-Film noch nicht gesehen hat dabei. Und zum ersten Mal seit „Batmans Rückkehr“ arbeitet Burton wieder mit Michelle Pfeiffer zusammen. Gleich vorneweg: Ich habe die Serie „Dark Shadows“ nie gesehen, kann also nicht bewerten, inwiefern dieser Film der Vorlage gerecht wird.
Die Trailer erweckten den Eindruck eines Hybriden aus „Mars Attacks“ und „Sleepy Hollow“ oder „Sweeney Todd“, von Ersterem schien der überdrehte Humor, von Letzteren das düstere, gotische Ambiente zu stammen. Dieser Eindruck bewahrheitet sich nicht ganz, da „Dark Shadows“ weder so überdreht wie „Mars Attacks“, noch so finster wie „Sweeney Todd“ ist, der Spur nach kommt es allerdings trotzdem ungefähr hin. Schade ist auf jeden Fall, dass die Trailer bereits viele der besten Momente des Films vorwegnahmen.
„Dark Shadows“ ist letztendlich sehr amüsant, aber nicht ohne Schwächen – die Vorlage macht sich letztendlich bemerkbar, da der Film ab dem Moment, in dem Barnabas im Jahr 1972 aufwacht und die Familiengeschäfte in die Hand nimmt, sehr episodenhaft strukturiert ist. Die Handlung baut sich nicht wirklich auf, der Endkampf hätte genauso gut direkt nach der ersten Begegnung zwischen Barnabas und Angelique in der Gegenwart stattfinden können. Ebenfalls negativ fällt auf, dass Handlungsstränge zum Teil vernachlässigt werden. Nach dem äußerst atmosphärischen Prolog, in dem man erfährt, wie Barnabas zum Vampir wird, lernt man die restliche Familie Collins durch die Augen der neun Gouvernante Victoria Winters (Bella Heathcote) kennen, die allerdings stark vernachlässigt wird, sobald Barnabas aufwacht. Vieles wird angeschnitten, aber nicht wirklich ausgeführt – am extremsten ist in dieser Hinsicht die kurz vor dem Ende stattfindende und praktisch aus dem Nichts kommende Enthüllung, dass Elizabeths Tochter Carolyn ein Werwolf ist. Äh, ja…
Auf der Habenseite steht eindeutig der bestens aufgelegte Cast. Johnny Depp, selbst ein Fan der ursprünglichen TV-Serie, spielt wie üblich ironisch und augenzwinkernd und schafft es, nicht zu einem Vampir-Jack-Sparrow zu werden. Auch Eva Green („Casino Royale“) zelebriert mit Genuss ihre Rolle als verführerische, arrogante und bösartige Angelique, Michelle Pfeiffer gibt glaubwürdig die Collins-Patriarchin der Familie, Helena Bonham Carter ist sowieso immer herausragend, egal was sie macht und Jackie Earl Haley („Watchmen“) hat als betrunkener Hausmeister Willie Loomis die Lacher stets auf seiner Seite. Oft hat man das Gefühl, Burton sei gar nicht an einer konsequenten Handlungsführung interessiert, sondern koste vor allem die Figuren und ihr Zusammenspiel aus, was zu allerhand spaßigen und amüsanten Situationen führt. Durch den selbstironischen Ton vermeidet es Burton glücklicherweise auch, sich in Twilight-Gewässer zu begeben (Barnabas wirkt sowieso um ein vielfaches glaubwürdiger, vampirischer und sympathischer als Edward). Besonders an einer Stelle scheint sich Burton bewusst über die Glitzervampire lustig zu machen. Wer „Breaking Dawn“ gelesen bzw. gesehen hat, wird beim etwas gewalttätigen Liebesspiel zwischen Barnabas und Angelique mit Sicherheit an das unfreiwillig komische erste Mal von Edward und Bella denken: In beiden Fällen wird die Einrichtung völlig zerlegt. Während sich aber „Breaking Dawn“ selbst todernst nimmt und besagte Szene dort völlig albern wirkt, passt sie in „Dark Shadows“ wunderbar.
Fazit: Nicht unbedingt Tim Burtons bester Film, aber eine amüsante, selbstironische Vampirpersiflage, die Twilight und Konsorten allemal vorzuziehen ist.

Trailer

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Alice im Wunderland


Story: Die kleine Alice (Mia Wasikowska) ist erwachsen geworden, hat das Wunderland vergessen und soll sich den Zwängen der viktorianischen Gesellschaft unterwerfen, sprich: Einen langweiligen, biederen Adeligen heiraten und selbst langweilig und bieder werden. Der etwas zerstreuten Alice steht danach allerdings so gar nicht der Sinn, stattdessen folgt sie lieber einem weißen Kaninchen und landet, wie schon einmal, im Wunderland (oder Unterland), wo sie ihren ganzen alten Bekannten begegnet (an die sie sich ebenfalls nicht mehr erinnern kann), wie etwa dem Verrückten Hutmacher (Johnny Depp), der Grinsekatze (Stephen Fry), Diedeldei und Dideldum (Matt Lucas) oder der Raupe Absolem (Alan Rickman).
Doch seit Alice’ letztem Besuch hat die Rote Königin (Helena Bonham Carter) die Herrschaft übernommen und ihre Schwester, die Weiße Königin (Anne Hathaway) ins Exil geschickt. Kann Alice den Kampf mit der großköpfigen Despotin und ihrem Jabberwocky (Christopher Lee) aufnehmen?

Kritik: Zugegeben, beim Thema „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ bin ich nicht allzu sattelfest, und auch die Disney-Version habe ich schon sehr lange nicht mehr gesehen, also kann ich nicht allzu viel zur Vorlagentreue sagen.
Nach dem extrem düsteren „Sweeney Todd“ ist Tim Burtons Folgefilm wieder einer der etwas bunteren Sorte. Das zeigt sich schon allein am Kostüm von Johnny Depps Figur. War der kehlenschlitzende Barbier praktisch schwarzweiß, so ist der Verrückte Hutmacher dermaßen grell und farbig, dass Depps Willy Wonka (aus Burtons „Charlie und die Schokoladenfabrik“) dagegen fast schon bieder wirkt.
Und obwohl Johnny Depp mal wieder so richtig aufdrehen darf, ist „Alice im Wunderland“ teilweise fast schon eine Enttäuschung. Vielleicht liegt es daran, dass der Film für Disney entstanden ist, oder dass Burton (wie er selbst zugegeben hat) nicht allzu viel mit der Vorlage anfangen kann, aber zeitweise wirkt dieser Verfilmung nach den Motiven aus Lewis Carrols Kinderbüchern einfach viel zu geradlinig.
Besonders trifft dies auf den Endkampf zu, der auf äußerst unangenehme Weise an „Der König von Narnia“ erinnert, und derartige High-Fantasy-Momente (insbesondere, wenn sie auch noch nicht wirklich überzeugend daherkommen), passen nicht wirklich zu diesem Film.
Ein weiterer Kritikpunkt sind die Computeranimationen: Keine Frage, das Design und die Atmosphäre sind toll, wie bei Tim Burton nicht anders zu erwarten, aber an vielen Stellen sieht man die CGI-Effekte doch etwas zu deutlich. Besonders bei Dideldei und Dideldum, dem Herzbube und dem Jabberwocky ist dies auffällig.
Und auch die Hauptdarstellerin, die bisher eher unbekannte Mia Wasikowska, kann nicht so recht überzeugen; ihre Alice bleibt blass und muss mit immer demselben, ziemlich unpassenden ernsten Gesichtsausdruck auskommen. Die „Verpeiltheit“, die durch die Dialoge impliziert wird, wird nie spürbar. In meinen Augen wäre Evanna Lynch (Luna Lovegood in den Harry-Potter-Filmen) die ideale Besetzung gewesen.
Ein wenig enttäuschend ist auch die Rote Königin, die zwar zu Helena Bonham Carters anderen Rollen passt, aber im Vergleich zu Bellatrix Lestrange oder Mrs. Lovett außer „Kopf ab“ Geschrei nicht wirklich viel zu bieten hat.
Die Weiße Königin dagegen hätte einiges an Potential gehabt, kommt aber viel zu kurz.
Zum Glück gibt es einige Elemente, die den Film dann doch noch äußerst genießbar machen. Die meisten Nebenfiguren sind toll und schräg umgesetzt, allen voran die Grinsekatze und die Raupe Absolem. Passenderweise sind diese beiden am besten animiert, und zusätzlich werden sie in der englischen Originalfassung auch noch von Stephen Fry und Alan Rickman gesprochen.
Allgemein hat Tim Burton es mal wieder geschafft, haufenweise hochkarätige Schauspieler für jede noch so winzige Nebenrolle zu casten. Der Jabberwocky etwa sagt nur etwa zwei Sätze, diese allerdings mit der mächtigen Stimme von Christopher Lee.
Fazit: Für einen Film von Tim Burton ist „Alice im Wunderland“ zu brav und uninspiriert und eindeutig einer seiner schwächeren Filme. Allerdings ist ein schwächerer Film von Tim Burton immer noch weitaus besser als viele andere Streifen; denn im Großen und Ganzen weiß „Alice im Wunderland“ durchaus gut zu unterhalten, vor allem dank toller und liebenswerter Nebenfiguren. Aber mit Meisterwerken wie „Sweeney Todd“ oder „Sleepy Hollow“ kann er nicht mithalten.

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Sweeney Todd


Story: London im späten 19. Jahrhundert: Der korrupte Richter Turpin (Alan Rickman) hat es auf die Frau des Barbiers Benjamin Barker (Johnny Depp) abgesehen. Kurzerhand beschuldigt Turpin diesen deshalb eines Verbrechens und lässt ihn nach Australien abschieben, damit er freie Bahn hat.
Viele Jahre später: Barker kehrt unter dem Namen Sweeney Todd nach London zurück, um Rache an Turpin zu nehmen. Zur Hand geht ihm dabei Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter), die Inhaberin eines Pastetengeschäfts.
Durch die Tötung eines Konkurrenten Todds (Sacha Baron Cohen), der diesen zu erpressen versucht, wird die Mordlust des Barbiers allerdings erst richtig geweckt. Und da er des Richters noch nicht habhaft werden kann, meuchelt er solange seine Kunden, während Mrs. Lovett die Überreste zu Pasteten verarbeitet.

Kritik: Ohne Zweifel ist dieser auf Stephen Sondheims (welcher auch am Film mitgearbeitet hat) gleichnamigem Musical basierende Film Tim Burtons düsterster, sowohl in Hinblick auf die Atmosphäre als auch Handlung, Figuren und Humor betreffend.
Stilistisch knüpft Burton dabei an „Sleepy Hollow“ an, wie bei diesem sind auch in Sweeney Todd schwarz und grau die vorherrschenden Farben, sodass man sich fast wie in einem Schwarzweißfilm vorkommt, während das rote Blut meistens grell hervorsticht. Wie üblich erweist sich Tim Burton wieder als Meister der Atmosphäre; sein hier geschaffenes London übertrifft sogar die Versionen aus „Sherlock Holmes“ oder „From Hell“.
Doch während es in „Sleepy Hollow“ mit Ichabod Crane (ebenfalls von Johnny Depp verkörpert) noch einen eindeutigen, positiven Protagonisten gibt, fehlt dieser in „Sweeney Todd“ fast völlig. Der Titelheld mag eine tragische Figur sein, das ändert aber nichts daran, dass er praktisch den ganzen Film über düster-brütend seine Rache vorantreibt, ohne zu merken, dass diese ihn völlig auffrisst. Nur in seinen Songs wird er praktisch aus der Lethargie gerissen und mutiert zu einem zynischen Dämon, wenn er nicht gerade seine Tragik in die Welt hinausschreit.
Die eigentlichen positiven Figuren, Toby (Ed Sanders), der kleine Junge, den Mrs. Lovett adoptiert, Johanna (Jayne Wisener), Sweeneys Tochter, und Anthony, ein Matrose, dem Sweeney begegnet und der sich in seine Tochter verliebt, haben zu wenig Leinwandzeit und sind zu passiv-naiv, als das sie als Identifikationsfiguren fungieren könnten.
Am ehesten funktioniert noch Mrs. Lovett auf diese Weise; zwar ist auch sie geistig nicht ganz gesund, dabei aber äußerst liebenswürdig und fürsorglich.
Besetzt sind diese Figuren eigentlich alle wunderbar. Dass Depp und Bonham Carter mit von der Partie sind verwundert nicht, sind sie doch Tim Burtons Stammschauspieler. Johnny Depp beweist einmal mehr, dass er äußerst wandlungsfähig ist, während Helena Bonham Carter die schrägen, ziemlich psychotischen Damen abonniert zu haben scheint (die kann sie auch einfach gut spielen). Mrs. Lovett ist allerdings eine Ecke sympathischer als zum Beispiel Bellatrix Lestrange.
Auch Alan Rickman weiß als bösartiger, lüsterner Richter zu überzeugen, während Timothy Spall als Büttel Bamford einmal mehr so richtig eklig sein darf (Wurmschwanz lässt grüßen).
Enorm wichtig für ein Musical sind natürlich auch Musik und Lieder. In „Sweeney Todd“ gibt es keine munteren Tanzszenen, keine Ohrwürmer zum Mitpfeifen und auch sonst recht wenig vom konventionellen Musical. Die Songs, deren Zahl recht hoch ist, sodass der Film hin und wieder fast opernhaft wirkt, sind passgenau in die Handlung eingebettet, meistens recht schwierig und harmonisch ausgefeilt und oft eher dissonant.
Manchmal sind die Songs sogar für die Schauspieler zu ausgefeilt; immerhin sind diese keine ausgebildeten Sänger. Aber andererseits passt der nichtperfekte Gesang ganz gut zu den Figuren und ist auch nicht sonderlich störend.
Darüber hinaus dienen die Lieder, neben dem Voranbringen der Handlung und der Erforschung der Figuren, vor allem dazu, den tiefschwarzen Humor zu vermitteln. Wenn Sweeney zum sehnsuchtsvollen „Johanna“ Kehlen aufschlitzt oder der Barbier und der Richter in „Pretty Women“ über ihre Ambitionen singen, die verschiedener nicht sein könnten, aber dennoch genau denselben Text verwenden, ist das einfach unbeschreiblich.
Fazit: Einer von Tim Burtons gelungensten Filmen, ein vollkommen unkonventionelles Musical mit dichter Atmosphäre und tiefschwarzem Humor. Zwar kein Splatterfilm, aber dennoch keinesfalls etwas für Leute mit schwachen Nerven.

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