Geschichte der Vampire: Nosferatu

Halloween 2014
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Sinfonie des Grauens
Nachdem ich mich im Rahmen dieser Artikelreihe bereits mit dem literarischen Ursprung des modernen Vampirs beschäftigt habe, folgt nun ein Blick auf die filmischen Ursprünge. Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ aus dem Jahr 1922 ist zwar nicht der allererste, aber doch der älteste erhaltene Vampirfilm – somit gilt er, zu Recht, nicht nur als Wegbereiter des Genres, sondern auch als Meisterwerk des deutschen Stummfilms.

Ähnlich wie bei der Vampirliteratur kommt man auch beim Vampirfilm letztendlich nicht um Bram Stokers „Dracula“ und seine Auswirkungen herum, denn bei „Nosferatu“ handelt es sich auch gleichzeitig um die erste Leinwandadaption von Stokers Roman – dies war zumindest der ursprüngliche Plan von Murnau und Albin Grau, dem Produzenten des Films. Allerdings gelang es ihnen nicht, die Rechte an „Dracula“ zu erwerben, weshalb sie gezwungen waren, die Namen der Personen zu ändern. Auch verlegten sie die Handlung des Films vom Großbritannien des späten 19. Jahrhunderts ins Deutschland des Jahres 1838.
Dort lebt, in der fiktiven Stadt Wisborg, der Anwalt Thomas Hutter (Gustav von Wangenheim) mit seiner Frau Ellen Hutter (Greta Schröder). Im Auftrag seines Vorgesetzten Knock (Alexander Granach) begibt er sich ins ferne Transsylvanien, um dort dem Grafen Orlok (Max Schreck) beim Kauf diverser Immobilien in Wisborg behilflich zu sein. Bereits auf dem Weg warnen ihn die Einheimischen vor Orlok und lassen ihm das „Buch der Vampyre“ zukommen. Der Verkauf wird abgeschlossen, allerdings muss Hutter bald feststellen, dass die Warnungen berechtigt waren, denn Orlok ist in der Tat ein Vampir, der nach Wisborg umsiedeln möchte. Als Hutter dies herausfindet, flieht er vom Schloss des Grafen. Doch er kommt zu spät, an Bord der Empusa hat Orlok sich bereits nach Wisborg begeben, um dort das Blut der Unschuldigen zu trinken. Ihm folgt die Pest auf dem Fuße. Nun gibt es nur noch ein Möglichkeit, den Vampir zu besiegen: Ellen muss sich, als Frau reinen Herzens, dem Vampir opfern und ihm freiwillig ihr Blut anbieten, wodurch dieser den Hahnenschrei überhört und durch die Strahlen der Sonne vernichtet wird. Durch Ellens Opfer wird Wisborg schließlich aus der Umklammerung des Untoten befreit.

Wer mit der Handlung von Stokers Roman vertraut ist, erkennt sofort, dass es sich beim Plot von „Nosferatu“ in der Tat um eine, wenn auch reduzierte, Adaption handelt, und es dürfte auch nicht schwerfallen, den handelnden Personen ihre Gegenstücke zuzuordnen: Thomas Hutter ist Jonathan Harker, seine Frau Ellen ist Mina Murray bzw. Mina Harker, da sie als Opfer des Vampirs stirbt, besitzt sie allerdings auch Eigenschaften von Lucy Westenra, der irre Makler Knock ist Renfield, Orlok ist selbstverständlich Dracula und Professor Bulwer (John Gottowt) und Dr. Sievers (Gustav Botz) fungieren wohl als Gegenstücke zu Abraham van Helsing und Dr. Seward, auch wenn die Nosferatu-Versionen der Figuren weniger ernstzunehmende und auch weniger erfolgreiche Gegenspieler des Grafen darstellen, denn letztendlich versuchen sie nur, die durch den Untoten ausgelöste Krankheit zu bekämpfen, und nicht den Vampir selbst.

Die Namensänderungen waren aber letztendendes nicht erfolgreich: Florence Stoker, die Witwe Bram Stokers, klagte gegen Murnaus Film wegen Urheberrechtsverletzung und gewann im Jahr 1925 – ein Berliner Gericht entschied, dass alle Kopien des Films vernichtet werden sollten. Glücklicherweise entgingen einige Kopien diesem Schicksal, vor allem jene, die sich bereits in anderen Ländern befanden. Dabei handelte es sich allerdings zum Teil um unterschiedliche Schnittfassungen oder Schwarzweiß-Versionen (in der ursprünglichen Version war das Bild jeweils komplett eingefärbt, je nach Tageszeit; blau für nächtliche Außenaufnahmen, sepiabraun für nächtliche Innenaufnahmen, gelb für Szenen die am Tag spielten und rosa für die Morgendämmerung). Erst zu Beginn der 80er Jahre veranlasste das Filmmuseum München eine Widerherstellung der ursprünglichen Fassung, wobei man sich vieler verschiedener Schnittfassungen zur Rekonstruierung bediente. Seit 2006 ist „Nosferatu: Eine Sinfonie des Grauens“ auch auf DVD erhältlich, mit digitalisierten und gereinigten Bildern, der ursprünglichen Einfärbung, den originalen deutschen Zwischentiteln und der ursprünglichen Filmmusik von Hans Erdmann.
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Graf Orlok (Max Schreck)

Über Murnaus Film kann man selbstverständlich sehr viel schreiben (was man auch getan hat), seien es die gesellschaftskritischen Untertöne, die okkulte Symbolik (Albin Grau verkehrte in okkulten Kreisen), die hervorragende Arbeit mit Licht und Schatten etc. Mir geht es allerdings in erster Linie um die Darstellung des Vampirs und die massiven Auswirkungen, die „Nosferatu“ auf die weitere Darstellung der untoten Blutsauger hatte.

Während die Handlung „Dracula“ noch relativ genau folgt, ist die Konzeption des Vampirs doch eine ganz andere. Dracula begann als alter Mann und wurde im Verlauf des Romans ein junger Verführer. Die Tiere, die mit ihm assoziiert werden, sind Wolf und Fledermaus. Orlok dagegen verändert sich nicht (was er mit vielen späteren Leinwand-Draculas Gemeinsam hat), und darüber hinaus unterscheidet sich sein Aussehen stark vom allgemeinen Dracula-Bild. Der von Max Schreck dargestellte Vampirgraf ist kahl, hakennasig, spindeldürr und hat statt zweier spitzer Eckzähne zwei spitze Schneidezähne. Alles in allem hat er ein sehr rattenhaftes Aussehen, und die Ratte ist auch das Tier, mit dem er vor allem assoziiert ist. Ratten folgen Orlok nach Wisborg, und wie sie bringt er die Pest mit sich. Die Konzeption des Vampirs hängt auch mit der anders gelagerten Thematik zusammen. Wie in „Dracula“ spielt unterdrückte Sexualität eine Rolle, auch Orlok kann als Metapher für verdrängte Triebe interpretiert werden. Der Konflikt der unterschiedlichen Welten, der „Dracula“ ebenfalls dominiert, wird in „Nosferatu“ allerdings weit weniger stark betont. In Stokers Roman ist der Graf in der für den Autor modernen und aufgeklärten Welt des viktorianischen Englands ein Eindringling aus einer älteren, mythischen und nicht rationalen Zeit – am Ende wird er durch die Bemühungen Van Helsings und seiner Verbündeter, die für eine aufgeklärte Welt stehen, vernichtet. In „Nosferatu“ wird der Vampir zwar ebenfalls besiegt, aber eher durch ein märchenhaft-mythisches Vorgehen, das Opfer einer Frau mit reinem Herzen. Aus diesem Grund funktionieren Bulwer und Sievers auch nur sehr bedingt als Gegenstücke zu Van Helsing und Seward: In „Nosferatu“ sind die Vertreter der Aufklärung im Grunde nicht nötig, das mythische Ungeheuer wird mit seinen eigenen Waffen geschlagen. In Murnaus Film scheint das Übernatürliche viel stärker in die „normale Welt“ eingebettet zu sein, weshalb er auch oft dem magischen Realismus zugerechnet wird.

„Nosferatu“ hatte enormen Auswirkungen viele Vampirdarstellungen (diese werden weiter unten detailliert behandelt), die bedeutendste aber, die sich auf fast alle Vampirfilme, -romane, -comics und sonstige Darstellung der blutsaugenden Untoten bis heute auswirkt, lässt sich mit einem Wort ausdrücken: Sonne. Graf Orlok war der erste Vampir, der durch das Licht der Sonne vernichtet wurde. Zwar hatte die Sonne auch schon zuvor eine schwächende Wirkung auf Vampire, doch erst Orlok verbrannte in ihrem Licht zu Asche. Die Sonne als größte Schwäche des Vampirs hat sich unwiederbringlich mit der Wahrnehmung des Vampirs verbunden, sodass selbst jemandem, der sonst keine Ahnung von Vampiren hat, die in der Sonne glitzernden Meyer-Vampire seltsam vorkommen.

Phantom des Nacht
Es gibt zwei Filme, die die Tradition von „Sinfonie des Grauens“ direkt fortsetzen und Murnaus Film gewissermaßen thematisieren und kommentieren. Der erste ist „Nosferatu: Phantom der Nacht“. Hierbei handelt es sich um ein Remake des Murnau-Films von Werner Herzog. Die Rolle des Vampirgrafen spielt Herzogs Stammschauspieler und Lieblingsfeind Klaus Kinski, in weiteren Rollen sind Bruno Ganz, Isabelle Adjani und Walter Ladengast zu sehen.
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Graf Dracula (Klaus Kinski)

Die Konzeption des zweiten Nosferatu-Films ist dabei sehr interessant: Statt der Ersatznamen, die Murnau und Grau den Figuren gaben, verwendet Herzog, der auch das Drehbuch schrieb, wieder die Namen aus Stokers Roman, der Vampirgraf heißt Dracula, der junge Makler Jonathan Harker, seine Frau Lucy (was freilich nicht ganz passt, aber auch nicht das erste Mal ist, dass die beiden Frauenfiguren des Romans vertauscht werden) und auch Van Helsing taucht auf, ist aber ziemlich inkompetent. Andererseits behält Herzog aber das Setting Murnaus bei, auch wenn er statt Wisborg die reale Stadt Wismar verwendet, in der „Sinfonie des Grauens“ zum Teil gedreht wurde.

Auch sonst orientiert sich Herzog stilistisch und inhaltlich stark an der Vorlage: Der von Kinski dargestellte Dracula ist kahl, hat fledermausohren und spitze Vorderzähne, die Sets ähneln denen des Originals sehr stark, die Thematik des Vampirs als Pestbringer wird sogar noch stärker herausgearbeitet, und darüber hinaus ist dieser Dracula auch eine sehr einsame, von seiner Unsterblichkeit gepeinigte Kreatur, ein Element, das im Original weit weniger stark vorhanden war.

In einem Punkt weicht Herzog allerdings von Murnaus Film ab: Zwar opfert sich Lucy auch bei ihm, sodass der Vampir vernichtet werden kann (hier wird er von der Sonne nur paralysiert und muss anschließend noch gepfählt werden), doch das Opfer ist letztendlich umsonst: Jonathan Harker wurde bereits infiziert und reitet am Schluss in die Welt hinaus, um die Seuche weiter zu verbreiten. Herzogs Version ist somit sehr viel pessimistischer als Murnaus Film, und insgesamt auch sehr viel deprimierender.

Schatten des Vampirs
„Shadow of the Vampire“ aus dem Jahr 2000 von E. Elias Merhige ist der zweite Film, der sich direkt mit dem Vermächtnis des ursprünglichen „Nosferatu“ auseinandersetzt. Anders als Herzogs „Phantom der Nacht“ ist „Shadow of the Vampire“ kein Remake, sondern ein Metafilm, er erzählt die fiktionalisierte Entstehungsgeschichte von Murnaus „Nosferatu“. Der Twist dabei: Da Murnau (John Malkovich) in „Shadow of the Vampire“ den realistischsten Vampirfilm drehen möchte, schafft er es, mit Max Schreck (Willem Dafoe) einen echten Vampir aufzutreiben. Als Gegenleistung für das Mitwirken in seinem Film darf er am Ende der Dreharbeiten die Hauptdarstellerin Great Schröder (Catherine McCormack) aussaugen.
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Max Schreck (Willem Dafoe)

Merhiges Film ist, wie nicht anders zu erwarten, eine einzige Liebeserklärung an „Eine Sinfonie des Grauens“, viele Filmszenen werden minutiös nachgestellt und zum Teil in einen neuen Kontext gesetzt. Gleichzeitig thematisiert „Shadow of the Vampire“ auch das Filmemachen und den absoluten Willen zur Kunst an sich. Nicht von ungefähr stellt sich am Schluss die Frage, ob Murnau auf seine Art nicht ein genauso großes Monster ist wie Max Schreck.

Wirkung des Pestbringers
„Nosferatu“ mag auf Dracula basieren, mit seinem Film hat Murnau allerdings einen ganz eignen Vampir-Archetypen geschaffen. Das Wort Nosferatu stammt aus Stokers Roman und fungierte dort als Synonym für Vampir. Das tut es heutzutage zwar auch noch, aber meistens ist mit einem Nosferatu gezielt ein an Orlok angelehnter Vampir gemeint. Kahler Schädel, krumme Nase, Feldermausohren und übermäßige Fangzähne trifft man im Vampirfilm fast so häufig wie den stereotypen Aristokraten (in manchen Fällen, wie auch bei Orlok selbst, ist der Vampir sowohl hässlich als auch aristokratisch). Ein Beispiele wäre etwa Kurt Barlow in der Verfilmung von Stephen Kings „Brennen muss Salem“ aus dem Jahr 1979. Während Barlow im Roman an Dracula angelehnt ist, sieht er in besagter Adaption aus wie eine türkise Version von Orlok. Auch in moderneren Vampirfilmen, etwa „30 Days of Night“ oder „Daybreakers“ (um nur zwei zu nennen) finden sich Variationen des Nosferatu-Vampirs. Und selbst in vielen nicht-Vampirfilmen findet man die Spuren Orloks, etwa wenn man sich die Fremden in „Dark City“ oder den Pinguin in „Batmans Rückkehr“ (wo zu allem Überfluss auch noch eine Figur namens Max Shreck auftaucht) ansieht.
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Kurt Barlow (Reggie Nalder) in „Brennen muss Salem“

Und natürlich zollt auch das Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“ Orlok und Murnaus Film seinen Respekt, in dem es einen ganzen Vampirclan nach Orloks Vorbild formt. Bei diesem handelt es sich, wie könnte es anders sein, um die Nosferatu.

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Halloween 2014
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Story: In London geht ein grausamer Mörder um – Jack the Ripper tötet eine Prostituierte nach der anderen, weidet sie mit chirurgischer Präzision aus und scheint die Polizei dabei gnadenlos zu verhöhnen. Somit ist es an Inspektor Abberline (Johnny Depp), der aufgrund seines Laudanum-Konums geradezu prophetische Visionen erhält, sich des Falls anzunehmen. Und er stößt auf eine undurchsichtige Verschwörung, in die neben der Prostituierten Mary Kelly (Heather Graham) und ihren „Arbeitskolleginnen“ auch der britische Hochadel und die Freimaurer verstrickt sind…

Kritik: Alan Moore ist bekannt dafür, die Filmadaptionen seiner Werke grundsätzlich abzulehnen, und bei Machwerken wie „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ ist das auch ziemlich verständlich. Bei „From Hell“ dagegen ist die Sache in meinen Augen ein wenig zwiespältiger. Hier gilt es erst einmal festzustellen, was der Film ist und was er nicht ist. Die Adaption des Moore-Comics ist nämlich eindeutig keine vorlagengetreue Umsetzung. Die Graphic Novel „From Hell“ ist ein enorm vielschichtiges und komplexes Meisterwerk. Zwar ist die Antwort auf die Frage, wer Jack the Ripper ist, nicht korrekt, da diese Theorie widerlegt wurde (Alan Moore und Zeichner Eddie Campbell entschiede sich allerdings bewusst für diese widerlegte Theorie, die auf Stephen Knight zurückgeht), aber davon einmal abgesehen ist „From Hell“ extrem gut recherchiert, stellt das viktorianische London sehr detailliert dar und ist randvoll mit Philosophie, Metaphysik und sorgsam konstruierten Charakteren. Die Verfilmung der Hughes-Brüder hat nichts dergleichen anzubieten. Ohnehin könnte ein Film der Vorlage nicht gerecht werden, da bräuchte es mindestens eine Miniserie, und wohl genau aus diesem Grund hat das Regisseur-Duo es auch gar nicht versucht. Die Hughes übernehmen lediglich die Grundprämisse (Identität des Rippers, Gründe für die Morde und die damit verbundene Freimaurerverschwörung) und machen aus dem Stoff ein Whodunit (im Unterschied dazu erfährt der Leser im Comic bereits im ersten Drittel, wer der Mörder ist, die Vorlage hat einen völlig anderen Fokus). Die meisten Thematiken des Comics werden, wenn überhaupt, nur kurz oberflächlich angekratzt. Auch wurde Vieles „glattgebügelt“. Frederick Abberline ist im Comic ein etwas übergewichtiger und nicht gerade attraktiver Mann mittleren Alters, während er im Film von Johnny Depp gespielt wird (in der Tat sieht Robbie Coltrane, der Abberlines Gehilfen Sergeant Peter Godley spielt, dem echten bzw. dem Comic-Abberline ähnlicher als Depp). Auch Heather Graham ist, gerade im Vergleich zu ihren Freundinnen, sehr sauber und sehr unnatürlich rothaarig. Ebenso dürfte es kaum verwundern, dass es eine Romanze zwischen Abberline und Mary Kelly gibt.
Als Film funktioniert „From Hell“ dann am besten, wenn man die Vorlage nicht beachtet und ihn als das wertschätzt, was er ist: Ein düsterer, unterhaltsamer Thriller mit grandioser Atmosphäre (ich liebe das gotisch-düstere London des viktorianischen Zeitalters), der zwar nicht um einige Klischees herumkommt, aber nicht zuletzt durch seinen hervorragenden Cast besticht; vor allem zu erwähnen sind natürlich Johnny Depp, der zwar nichts mit dem Abberline der Vorlage zu tun hat, aber seine Rolle ansonsten gut spielt, Robbie Coltrane, dessen Peter Godley ein wenig Humor in die doch sehr ernste Angelegenheit bringt, Ian Holm als Sir William Gull (mit Abstand die beste Performance des Films) und Ian Richardson als herrlich arroganter Polizeichef. Nur Heather Graham wirkt einfach insgesamt irgendwie fehl am Platz. Unbedingt erwähnenswert ist auch Trevor Jones brillanter, abgründig düsterer Soundtrack.
Fazit: „From Hell“ überzeugt zwar nicht als Adaption der Vorlage, ist aber auf sich gestellt ein sehr unterhaltsamer, atmosphärisch überwältigender Thriller im viktorianischen London.

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Pinhead

Halloween 2014
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„I cannot die. I am forever.“
– Pinhead in „Hellraiser Bloodline“

So ziemlich jede erfolgreiche Horrorfilmreihe mit einer Legion immer schlechter werdender Sequels führt ihren Erfolg auf ein ikonisches Monster zurück: „Nightmare on Elm-Street“ hat Freddy Krüger, „Freitag der 13.“ Jason Voorhees, „Halloween“ Michael Myers, „Saw“ hat Jigsaw und „Hellraiser“ hat Pinhead – wobei dieser in meinen Augen bei Weitem der Interessanteste aus dieser Liste der Horrorfilmantagonisten ist. Das liegt schon allein daran dass er, anders als zum Beispiel Michael Myers oder Jason Voorhees, keine tumbe Killermaschine ist. Darüber hinaus ist er auch kein richtiger Slasher und manchen Hellraiser-Filmen nicht einmal der Schurke. In der Tat ändert sich seine Rolle fast von Film zu Film. Dies alles rechtfertigt in meinen Augen eine gründliche Betrachtung der Figur.

The Hellbound Heart

„Weißt du überhaupt, wer wir sind?“
– Proto-Pinhead in Clive Barkers „The Hellbound Heart“ (dt. Titel: “Hellraiser”)

Wer Clive Barkers Novelle, auf der die Hellraiser-Filme basieren, nicht kennt, könnte sich darüber wundern, dass Pinhead, das Aushängeschild des Franchise, darin praktisch überhaupt nicht vorkommt, zumindest nicht so, wie man das erwarten würde. Besonders in Hinblick auf die deutsche Version (die, wie der Film, den Titel „Hellraiser“ trägt) ist dies ironisch, da Pinhead sich auf dem Titelbild befindet.
Die vier Cenobiten, die am Anfang beschrieben werden, entsprechen ungefähr ihren Filmpendants, aber eben nur ungefähr. Einer davon wird wie folgt beschrieben: „‚Verstehst du?‘, wollte die Gestalt neben dem ersten Sprecher schroff wissen. Diese Stimme klang, im Gegensatz zu der des Gefährten, hell und schnaufend – die Stimme eines aufgeregten Mädchens. Jeder Zentimeter des Kopfes war von der komplexen Tätowierung eines Gitters bedeckt, der Schädelknochen an jeder Kreuzung horizontaler und vertikaler Linien von einer edelsteinbesetzten Nadel durchbohrt.“ Mit diesem Cenobiten hat der Pinhead, der letztendlich im Film vorkommt, recht wenig zu tun, bis auf die Tatsache, dass beide Nadeln bzw. Nägel im Kopf haben. Gerade an der Stimme wird dies deutlich, da der Film-Pinhead mit einer sehr tiefen, sonoren Stimme spricht. Der in der Novelle beschriebene Cenobit ist auch nicht der Wortführer der Gruppe, alle anderen geben mehr von sich. Dass Pinhead im Film der wurde, der er ist, hat vor allem praktische Gründe: Das aufwendige Make-up erschwerte den anderen Cenobiten das Sprechen oder machte es unmöglich. Wie so oft sorgte ein Zufall dafür, dass eine Ikone geboren wurde.

Hellraiser

„We’ll tear your soul apart! “
– Pinhead in „Hellraiser”

Wie oben bereits geschildert entstand der eigentlich Pinhead erst für die Filmadaption von „The Hellbound Heart“. Da Clive Barker bereits schlechte Erfahrungen mit Verfilmungen seiner Werke gemacht hatte, beschloss er, bei der Leinwandadaption „The Hellbound Heart“ selbst zu Regie zu führen, sodass er den kreativen Prozess auch kontrollieren und dafür sorgen konnte, dass die Verfilmung seinen Vorstellungen entsprach. Das Design von Pinhead, inspiriert durch die S/M-Szene, den Punk und auch römischen Katholizismus, stammt wohl fast vollständig von Barker selbst.
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Pinhead-Entwurf von Clive Barker

Barker und der Schauspieler Doug Bradley waren zu diesem Zeitpunkt bereits seit vielen Jahren gut Freunde – aus diesem Grund bot Barker Bradley eine verhältnismäßig kleine Rolle in seinem Film an, und zwar die des Anführers der Cenobiten. In der Tat entstand der Name „Pinhead“ erst nach dem Erscheinen von „Hellraiser“, im Abspann ist Doug Bradley als „Lead Cenobite“ aufgeführt.
Einflüsse auf die Konzeption der Figur gibt es viele. Barker wollte sich gezielt von den Monstern der Slasher-Filme der 80er distanzieren; Pinhead sollte weder ein stummer, tumber Killer wie Michael Myers oder Jason Vorhees sein, noch ein Sprücheklopfer wie Freddy Krüger. Stattdessen war die von Christopher Lee dargestellte Version von Dracula eine wichtige Inspiration, Pinhead sollte kultiviert, einschüchternd und stoisch wirken. Bradley selbst erzählte einmal in einem Interview, er sehe Pinhead als eine Mischung aus Oscar Wilde und Noël Coward. Von Barker bekam er die Anweisung, Pinhead als eine Mischung aus Chirurg und Verwalter zu spielen.
Betrachten wir nun einmal Pinheads Rolle im ersten Hellraiser-Film ein wenig genauer. Obwohl er die Posterfigur ist, handelt es sich bei Pinhead eindeutig nicht um den Schurken des Films, denn das ist Frank Cotton. Frank hegt Ambitionen, er ist aktiv und auch die direkte Bedrohung für Kirsty. Pinhead und die Cenobiten dagegen agieren nicht, sie reagieren nur. Sie planen nicht, sie verfolgen keine eigenen Absichten, sie kommen nur, wenn man die Puzzlebox öffnet und gleichen somit eher einer Institution, die lediglich für Menschen unverständliche Regeln befolgt. Gerade im ersten Film der Serie sind die Cenobiten eben eigentlich keine Dämonen oder höllische Wesen (trotz des Titels). Pinhead selbst sagt ja, sie seien „explorers in the further regions of expirience, demons to some, angels to others“. Wenn man „Hellraiser“ für sich betrachtet, sind sie lediglich Wesen aus einer anderen Dimension, nicht einmal primär böse, sondern nur vollständig amoralische Hedonisten, für die Lust und Schmerz unterschiedliche Wege zum selben Ziel sind.
Pinhead hebt sich gegenüber den anderen Cenobiten nur dadurch ab, dass er als ihr Wortführer fungiert, ansonsten hat er keine hervorgehobene Rolle, keinen Hintergrund oder ähnliches. Dennoch schafft es Doug Bradley durch seine stoisch-beeindruckende Präsenz, den Zuschauer sofort für sich einzunehmen. Nach dem Sehen des Film ist es trotz allem nicht Frank, der einem am meisten im Gedächtnis bleibt, sondern der Anführer der Cenobiten.

Hellbound: Hellraiser II

„It is not hands that call us, it is desire!”
– Pinhead in „Hellbound: Hellraiser II“

Bereits im ersten Sequel reagierte man auf die wachsende Beliebtheit Pinheads. Zwar wird er am Ende getötet (aber welche Horror-Ikone kann das schon aufhalten?), und anscheinend war der ursprüngliche Plan, Julia als immer wiederkehrende Schurkin zu verwenden, aber dennoch gibt „Hellbound: Hellraiser II“ Pinhead einen Namen und einen Hintergrund. Der Film beginnt mit einem Mann, der die Puzzlebox öffnet, von Ketten hineingezogen und anschließend in Pinhead verwandelt wird. Im Verlauf des Films findet Kirsty Cotton heraus, wer Pinhead war, bevor er zum Cenobiten wurde: Elliot Spencer, ein britischer Offizier, der nach dem ersten Weltkrieg den Glauben an die Menschheit verliert und deshalb letztendlich in den Besitz der Puzzlebox gelangt. Darüber hinaus erfährt der Zuschauer auch mehr über die Cenobiten an sich und die Dimension, aus der sie stammen. Bei dieser handelt es sich um ein gewaltiges Labyrinth (in gewissem Sinne die Hölle), über diesem schwebt Leviathan, der Herrscher des Labyrinths, in Gestalt einer gewaltigen, dreidimensionalen Raute. Obwohl das Ganze recht abstrakt ist, ist das Labyrinth der christlichen Hölle doch näher als alles, was im ersten Film auftaucht; Leviathan ist immerhin (zumindest dem Namen nach) eine dämonische Kreatur aus der Bibel. Auch scheint es ihm hier in der Tat darum zu gehen, so viele Seelen wie möglich im Labyrinth zu fangen.
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Die ursprünglichen Cenobiten in „Hellbound: Hellraiser II“ (von links nach rechts): Butterball (Simon Bamford), Pinhead (Doug Bradley), Female Cenobite (Barbie Wilde) und Chatterer (Nicholas Vince)

Pinhead selbst hat in „Hellbound: Hellraiser II“ zu Anfang dieselbe Funktion wie in Teil 1, er befolgt die Regeln. Dies zeigt sich vor allem bei seinem ersten Auftritt: Die Puzzlebox wird von einem Mädchen gelöst, das von seinen Psychosen (und so indirekt von ihrem Arzt Dr. Channard, der die Mysterien der Box erforschen möchte) dazu gezwungen wird. Als die Cenobiten sich Tiffany zuwenden wollen, hält Pinhead sie davon ab, da es nicht Hände seien, die sie riefen, sondern Verlangen.
Im Verlauf des Films wird Dr. Channard ebenfalls zu einem Cenobiten und damit zu Pinheads Gegenstück: Wo Pinhead sich an die Regeln hält (oder halten muss), kann Channard scheinbar problemlos verstümmeln und metzeln, wie es ihm beliebt. Letztendlich erinnert sich Pinhead an sein früheres Selbst, es kommt zur Konfrontation mit Channard, während der er zurückverwandelt wird, und schließlich sterben sowohl er als auch die anderen drei ursprünglichen Cenobiten.

Hellraiser III: Hell on Earth

„Down the dark decades of your pain, this will seem like a memory of Heaven.”
– Pinhead in “Hellraiser III: Hell on Earth”

Während die ersten beiden Hellraiser-Filme noch relative stark aufeinander aufbauten, ist der dritte bereits ziemlich losgelöst. Im Grunde sind, bis auf ein paar Anspielungen, Pinhead und die Puzzlebox die einzigen widerkehrenden Elemente. Zwar wurde Pinhead am Ende von „Hellbound“ getötet, aber wann hätte der Tod einer Figur die Studios je daran gehindert, einen Fortsetzung zu machen? Nachdem „Hellbound“ durchaus erfolgreich war, sich viele Fans aber über Pinheads Ableben beschwerten, wurde den Verantwortlichen klar, dass sie den nagelgespickten Cenobiten zurückbringen mussten. Zu diesem Zweck bauten sie auf dem Schlussgag des Vorgängers auf. Obwohl Channard ihm den Hals aufgeschlitzt hat, ist Pinhead noch nicht wirklich tot, vielmehr hat er sich aufgespalten: Seine menschliche Hälfte, Elliot Spencer, befindet sich in einer Art Limbo, während seine Cenobiten-Ich im sogenannten Pillar of Souls, der in den Besitz des Nachtclubbesitzers J. P. Monroe gerät, gefangen ist. Es kommt natürlich, wie es kommen muss: Mit Monroes nicht ganz freiwilliger Hilfe wird Pinhead befreit. Das Ganze ist nicht besonders logisch und wie genau es funktioniert, wird auch nicht erklärt, aber sei’s drum: Pinhead ist zurück.
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Captain Elliot Spencer (natürlich ebenfalls von Doug Bradley dargestellt)

Auffällig bei der Konzeption von Pinhead in diesem Film ist, dass er zum ersten und eigentlich auch einzigen Mal der alleinige Antagonist des Films ist, während Elliot Spencer als Mentor der Protagonistin Joey fungiert. Laut Spencers Erklärungen ist seine böse Seite nun frei und nicht mehr an die Gesetze der Puzzlebox gebunden, was von Pinheads Handlungen bestätigt wird: Nachdem er aus dem Pillar of Souls entkommen ist, massakriert er erst einmal die Besucher von J. P. Monroes Nachtclub (von denen eindeutig niemand die Puzzlebox gelöst hat) und bastelt sich neue Cenobiten, die im Vergleich zu den alten allerdings ziemlich uninteressant sind.
Zusammen mit seiner menschlichen Hälfte hat Pinhead in „Hell on Earth“ darüber hinaus auch seine stoische Präzision verloren, denn erstmals hat er so richtig Spaß bei dem was er tut und lacht sogar das eine oder andere Mal ziemlich bösartig.
Am Ende des Films wird er schließlich wieder mit seiner menschlichen Hälfte vereint und ist damit auch abermals den Gesetzen der Box unterworfen, will heißen, man kann ihn wieder zurück ins Labyrinth schicken, was Joey auch umgehend tut.
Noch eine interessante Beobachtung: Ab diesem und dem folgenden Film werden Pinhead und die anderen Cenobiten explizit als Dämonen bezeichnet.

Hellraiser: Bloodline

„Do I look like someone who cares what God thinks?“
– Pinhead in „Hellraiser: Bloodline“

Da es bei „Hellraiser: Bloodline“ so viele Unstimmigkeiten und Umschnitte gab, ist auch Pinheads Rolle schwerer zu definieren. Ursprüngliche sollte er nur einen sekundären Schurken spielen, der Fokus lag auf der Dämonen-Prinzessin Angelique. Das Studio wollte allerdings mehr von Pinhead, und das früher im Film. Letztendlich kommt Pinhead im fertigen Streifen zu Beginn kurz vor, für den ersten Akt ist allerdings nach wie vor Angelique die Hauptantagonistin, jedenfalls bis sie einen armen Tropf dazu bringt, die Puzzlebox zu lösen, was Pinhead auf den Plan bringt. In der fertigen Version des Films ist das Verhältnis zwischen Pinhead und Angelique aufgrund diverse Umschnitte relativ schwierig zu bewerten, während sie ursprünglich vor allem gegeneinander arbeiten sollten. Wie dem auch sei, ab der Hälfte des Films nimmt Pinhead im Grunde die Zügel in die Hand, sodass Angelique im dritten Akt nicht mehr viel zu tun hat. Pinheads emotionale Ausbrüche aus „Hell on Earth“ wurden jedenfalls wieder merklich zurückgefahren, er agiert wieder stoischer und „professioneller“.
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Angelique (Valentina Vargas), nachdem sie von Pinhead umgestaltet wurde

Obwohl er nun wieder den Gesetzen der Hölle unterworfen ist, scheint Pinhead nach wie vor eine Sonderstellung innezuhaben, so kann er immer noch nach eigenem Gutdünken neue Cenobiten basteln. Auch scheint sich die Funktion der Cenobiten, vor allem gegenüber dem ersten Teil, gewandelt zu haben. Sie reagieren nun nicht mehr einfach auf das Öffnen der Box, sie versuchen aktiv, eine stärkere Präsenz in der sterblichen Welt zu etablieren. Hinzu kommt mit Angelique eine „echte“ Dämonin, wir erfahren, wie Dämonen beschworen wurden, bevor es die Puzzlebox gab und Pinhead deutet an, dass das Labyrinth, wie wir es in „Hellbound“ gesehen haben, eventuell noch nicht sehr alt ist, denn er erklärt Angelique bei ihrem ersten Treffen: „Hell is more ordered since your time, princess. And much less amusing.“ Dies wirft natürlich die Frage auf, inwiefern das alles noch zu Clive Barkers ursprünglicher Version passt. Pinhead und Co. sind hier im Grunde nur noch böse Dämonen, die am Ende auf Hollywood-typische Art besiegt werden. Von der Finesse und Komplexität des ursprünglichen Konzepts bleibt da nicht mehr viel.

Hellraiser: Inferno

„Welcome to hell!“
– Pinhead in „Hellraiser: Inferno“

In den diversen Hellraiser-Direct-to-Video-Filmen wird Pinheads Rolle signifikant reduziert. Dies betrifft nicht nur die Anzahl und Dauer seiner Auftritte, sondern auch die Rolle, die er im Plot spielt. Ab „Hellraiser: Inferno“ arbeitet die Serie praktisch kaum mehr mit dem von Clive Barker geschaffenen Mythos, was primär daran liegt, dass in bereits existierende Drehbücher die Puzzlebox und ein kurzer Auftritt von Pinhead eingefügt wurde, da ein Hellraiser-Film nun einmal diese beiden Elemente braucht und man davon ausgehen kann, dass sich der Streifen mit einem Franchise-Namen einfach besser verkauft.
„Hellraiser: Inferno“ ist dabei zwar der Film, der noch am gelungensten ist, aber auch derjenige, in dem Pinheads Auftritt schlicht um unnötigsten ausfällt. Im Grunde tritt er am Ende für fünf Minuten auf, um dem Zuschauer die Zusammenhänge zu erklären, die dieser ohnehin schon kennt. Dabei ist er weder der Schurke wie in den Teilen 3 und 4, noch die Instanz aus den ersten beiden Filmen der Serie. Im Grunde ist er der Wächter der persönlichen Hölle des Protagonisten, in der dieser sich den ganzen Film über befindet und so gezwungen ist, dasselbe immer wieder zu erleben. Das Problem daran: Nachdem, was die bisherigen Filme etabliert haben funktioniert die Hölle (bzw. das Labyrinth) nicht auf diese Weise, ebenso, wie auch die Konzeption Pinheads in diesem Film absolut nicht zu den restlichen Filmen passt. Die moralische Rolle, die er hier einnimmt, ist absolut nicht mit der amoralischen Grundhaltung der Cenobiten im ersten Film zu vergleichen.

Hellraiser: Hellseeker

„Welcome to the worst nightmare of all… reality!.“
– Pinhead in „Hellraiser: Hellseeker“

Pinheads Rolle im sechsten Film der Reihe gleicht der in „Inferno“ – wieder ist er der Aspekt, der ein vorher selbstständiges Drehbuch zu einem Hellraiser-Film machen soll. Und abermals funktioniert das nicht wirklich. Neben dem nagelköpfigen Cenobiten und der Puzzlebox brachte man sogar Kristy Cotton zurück, die außer der Tatsache, dass sie wieder von Ashley Laurence gespielt wird, nichts mit der ursprünglichen Figur aus den ersten beiden Filmen zu tun hat.
In der Tat ist der Plot von „Hellseeker“ zum Teil sehr verworren, sodass man ohnehin nur schwer Motivationen bei den Figuren ausmachen kann. Was Pinhead angeht, dieser will wohl die offene Rechnung mit Kirsty aus den ersten Filmen begleichen, und bekommt dazu Gelegenheit, weil sie wieder die Puzzlebox öffnet bzw. von ihrem Mann (ein weiterer Arschloch-Protagonist) dazu gedrängt wird. Allerdings kann sie Pinhead davon überzeugen, einen Deal mit ihr einzugehen (schon wieder), indem sie ihm diverse andere Seelen, nämlich die ihres Mannes und seiner diversen Geliebten, anbietet. Dies zeigt abermals, dass sich die Macher von „Hellseeker“ nicht wirklich mit der Materie beschäftigt haben. Damit Pinhead auf besagte Seelen zugriff oder überhaupt ein Interesse an ihnen hätte, müssten sie selbst die Puzzlebox öffnen oder geöffnet haben und anschließend entkommen sein, so wie es bei Frank der Fall war.
Letztendlich läuft das Ganze auf dasselbe hinaus wie in „Inferno“: Der Zuschauer erfährt, zusammen mit dem Protagonisten, dass dieser sich schon den ganzen Film über in seiner eigenen, privaten Hölle befunden hat, und Pinhead ist derjenige, der ihm das erklären darf.

Hellraiser: Deader

„Dreams are fleeting. Only nightmares last forever!”
– Pinhead in „Hellraiser: Deader“

Im Grunde gibt es über „Deader“ dasselbe zu sagen wie über die beiden Vorgänger: Pinhead wurde nachträglich hinzugefügt. Dies merkt man schon daran, dass die Themen des Films, Unsterblichkeit und Nekromantie, mit denen von Clive Barkers Novelle nicht wirklich etwas zu tun haben.
Im Grunde sind Pinhead und die Cenobiten in „Inferno“, „Hellseeker“ und „Deader“ wieder eher Instanzen denn Schurken, aber offensichtlich hat sich niemand so genau damit auseinandergesetzt, wie sie funktionieren. Das gilt speziell für „Deader“, da es ohnehin niemanden mehr zu interessieren scheint, was die Box kann und was sie nicht kann. Im Grunde lassen sich sämtliche übernatürlichen Elemente nicht mit dem Hellraiser-Mythos vereinbaren.
Wenigstens ist die dieses Mal die Protagonistin nicht schon die ganz Zeit in ihrer eigenen, privaten Hölle gefangen. Trotzdem lässt sich Pinheads Funktion in diesem Film am besten mit den Worten „Expositions-Fee“ beschreiben. Er erklärt den löchrigen Plot und räumt am Ende auf, womit er technisch wieder gegen die Regeln des Labyrinths verstoßen würde, aber wen interessiert das überhaupt noch? In „Hell on Earth“ hat man sich wenigstens die Zeit genommen zu erklären, warum er Unbeteiligte niedermetzelt.
Letztendlich ist „Deader“ zwar nicht so unendlich dröge wie „Hellseeker“, hätte aber als Lovecraft-Film besser funktioniert denn als Hellraiser-Streifen – so ist Pinhead letztendlich ebenso fehl am Platz wie in „Inferno“

„Hellraiser: Hellworld“

„You still don’t understand, do you?”
– Pinhead in „Hellraiser: Hellworld“

Diese Frage könnte man auch an die Verantwortlichen hinter den Hellraiser-Filmen 5-8 stellen, gerade was Pinhead betrifft. In diesem Pseudo-Meta-Hellraiser-Film, bei dem sich die Autoren (wieder mal) nicht genug mit den ursprünglichen Filmen auseinandergesetzt haben, verkommt Pinhead endgültig zum Slasher. Zwar sind sich die Autoren und sogar die Figuren im Klaren darüber, dass Pinhead und die Puzzlebox so nicht funktionieren, aber trotzdem wird er nun einmal auf diese Weise eingesetzt. In der Tat handelt es sich bei jeder Pinhead-Sichtung außer der letzten um eine Illusion, was auch erklärt, weshalb der Cenobiten-Chef einfach Leute umbringt, ohne dass die Puzzlebox gelöst wurde.
Am Ende des Films tut dies schließlich der von Lance Henriksen gespielte Gastgeber und es stellt sich heraus, dass Pinhead tatsächlich existiert. Statt den Gastgeber allerdings mitzunehmen, wird er einfach von zwei völlig unkreativen Cenobiten in Stücke gehackt. Im Grunde lohnt es sich kaum zu erörtern, welche Rolle Pinhead in diesem Film spielt, seine Seinsberechtigung ist noch dünner als in den anderen Directo-to-DVD-Filmen der Serie.

„Hellraiser: Revelations“

„We have no desire for you.”
– Pinhead in „Hellraiser: Revelations“

Ein besseres Zitat zu diesem Film, der nur gedreht wurde, damit Dimension die Rechte am Hellraiser-Franchise behalten konnte, kann man wahrlich nicht finden. Dies zeigt sich schon allein daran, dass Doug Bradley, der selbst bei „Hellworld“ noch Pinhead spielte, sich weigerte, an diesem Machwerk teilzuhaben – im Vergleich zu „Revelations“ ist selbst „Hellworld“ noch ansehbar.
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Stephan Smith Collins als Pinhead-Actionfigur

Beim Skript handelt es sich um Grunde um eine abgewandelte Version des Originals, inklusive hautlosem Onkel-Frank-Ersatz, und somit ist auch Pinheads Rolle im Grunde dieselbe wie im ersten Film. Betrachten wir also lieber Doug Bradleys Nachfolger, Stephan Smith Collins, denn bei seinem Pinhead stimmt leider gar nichts. Er hat keine Ausstrahlung, kein Charisma, Kostüm und Make-up wirken, als handle es sich um eine Pinhead-Action-Figur und die Stimme (von Fred Tatatsciore) ist ebenfalls absolut nicht einschüchternd. Über diese Version von Pinhead breitet man lieber den Mantel des Schweigens.

Pinhead außerhalb der Filme

„I require a new arrangement. I require something…greater.”
– Pinhead in „Clive Barker’s Hellraiser: Pursuit of the Flesh“

Nach dem Erfolg der ersten Hellraiser-Filme dauerte es nicht lange, bis die Geschichte um die mysteriöse Puzzlebox auch in comicform fortgesetzt wurde. In der Tat gibt es ziemlich viel Material, diverse länger laufende Serien, Miniserien, Filmadaptionen, Crossover etc. Viele davon erhielten sogar mehr Input von Clive Barker als die meisten Hellraiser-Sequels. Ich habe leider nur einen Bruchteil dieser Comics gelesen, allerdings taucht Pinhead in ihnen eher selten auf, die Comics haben es sich vornehmlich zum Ziel gesetzt, dass Hellraiser-Universum zu erforschen, es werden neue Cenobiten eingeführt und Konzepte erforscht, die man in den Filmen nicht darstellen konnte oder wollte. Als Vorzeige-Cenobit zeigt Pinhead dennoch hin und wieder sein Gesicht und erhielt sogar seine eigene, sechsteilige Miniserie (die ich nicht mein Eigen nenne, weshalb ich nicht weiß, wie sie ihn darstellt).
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Kirsty Cotton als weiblicher Pinhead

Seit 2011 gibt es darüber hinaus eine neue Serie namens „Clive Barker’s Hellraiser“, die vom Erfinder des Franchise zumindest mitverfasst wurde und in der Pinhead wieder eine bedeutende Rolle spielt. In dieser Serie scheint er seiner cenobitischen Existenz überdrüssig zu werden tauscht schließlich den Platz mit Kirsty Cotton, die zu einem neuen, weiblichen und in weiß gewandeten Pinhead wird.
In der Popkultur ist Pinhead natürlich ebenfalls häufig zu finden, fungiert er doch als Vorzeigefigur des Franchise. Als solche hat er sich auch schon einige Male in „Die Simpsons“, bei „Family Guy“, „Robot Chicken“, „South Park“ oder ähnliche Formaten blicken lassen und wurde auch schon anderweitig parodiert, etwa in „The Cabin in the Woods“ – dort tritt eine vertraute Gestalt auf, die statt Nägeln allerdings ein Sägeblatt im Kopf hat.

Things to come…

„We have such sights to show your.”
– Pinhead in „Hellraiser“

Gegenwärtig sind zwei größere Hellraiser-Projekte angekündigt. Zum einen wäre da „The Scarlet Gospels“, ein Romanprojekt, das Clive Barker schon vor einiger Zeit ankündigte und das nun, den Informationen auf Barkers Internetseite zufolge, 2015 erscheint. In diesem sollen nicht nur die Hintergründe der Cenobiten und der Hölle erforscht werden, es soll auch Pinheads Ende enthalten.
Und schließlich ist schon seit längerer Zeit ein Hellraiser-Remake/Reboot angekündigt. 2013 ließ Clive Barker dann überraschend verlauten, er selbst werde Regie führen und Doug Bradley werde ebenfalls als Pinhead zurückkehren. Seither ist es an dieser Front allerdings ruhig geworden.
Sollte es wirklich dazu kommen, und sollte Doug Bradley doch nicht mehr den Anführer der Cenobiten spielen wollen/können (der Gute ist immerhin auch nicht mehr der Jüngste), wäre meine Wahl für Pinhead Benedict Cumberbatch. Er hat das Charisma, die nötige Präsenz und, vor allem, die Stimme. In „Star Trek Into Darkness“ zitiert er Pinhead sogar und klingt fast gleich: „Shall we begin?“

Fazit:
Pinhead ist ohne Zweifel eine Ikone des Horror-Films, die nicht nur auf einer Stufe mit Freddie Kruger und Jason Vorhees steht, sondern diese durch seine interessante und einzigartige Konzeption sogar übertrifft. Und obwohl Pinhead ebenfalls das Aushängeschild seiner Filmserie ist, ändert sich die Rolle, die er spielt, von Film zu Film. Das faszinierende ist, dass Pinhead als Figur so vielschichtig ist, dass er sowohl als emotionslose Instanz als auch als manischer Schurke funktionieren kann.

Halloween 2014:
Only Lovers Left Alive

Siehe auch:
Hellraiser
Hellbound: Hellraiser II
Hellraiser III: Hell on Earth
Hellraiser: Bloodline
Hellraiser: Inferno
Hellraiser: Hellseeker
Hellraiser: Deader
Hellraiser: Hellworld
Hellraiser: Revelations