Art of Adaptation: Dreams in the Witch-House

Unglaublich aber wahr: Nach der Sichtung der sechsten Episode von „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiosities“, „Dreams in the Witch-House“, sah ich mich gezwungen, die fünfte Episode, „Pickman’s Model“, zu reevaluieren. Bei beiden handelt es sich um sehr lose Adaptionen von Lovecraft-Geschichten; in meiner Rezension kam „Pickman’s Model“ nicht allzu gut weg. Nachdem ich nun aber die Adaption von Mika Watkins (Drehbuch) und Catherine Hardwicke (Regie) gesehen habe, musste ich „Pickman’s Model“ deutlich aufwerten. An meinen Kritikpunkten hat sich zwar nicht unbedingt etwas geändert, aber immerhin sind in dieser Episode der Serie noch erkennbare Spuren der ursprünglichen Geschichte vorhanden, von den sonstigen Qualitäten gar nicht erst zu sprechen.

Eine ausführliche Inhaltsangabe von Lovecrafts Kurzgeschichte lohnt sich an dieser Stelle praktisch nicht, da ohnehin kaum etwas geblieben ist, darum werde ich ausnahmsweise die Episode als Ausgangspunkt verwenden. Walter Gilman (als Kind: Gavin MacIver-Wright, als Erwachsener: Rupert Grint) muss mitansehen, die Seele seiner Schwester Epperley (Daphne Hoskins) ins Jenseits gezerrt wird. Fortan dreht sich sein Leben nur noch darum, mit Epperleys Geist Kontakt aufzunehmen – selbst seinem Freund Frank Elwood (Ismael Cruz Cordova), der ihn auf seiner spiritistischen Suche begleitet, wird es irgendwann zu viel. Walter glaubt, seinem Ziel näher zu kommen, indem er sich ein Zimmer im Haus der hingerichteten Hexe Keziah Mason (Lize Johnston) mietet. Schließlich gelingt es Walter, mithilfe einer speziellen Droge einen Weg in das Jenseits zu finden, doch genau dies wollen die zwar tote, aber doch noch ziemlich aktive Keziah und ihr Familiar Jenkins Brown (DJ Qualls) ausnutzen, um in die Welt der Lebenden einzudringen…

Wer mit der Geschichte vertraut ist, merkt sofort: Kaum etwas ist übriggeblieben, im Grunde haben Hardwicke und Watkins lediglich die Namen (Walter Gilman, Keziah Mason, Frank Elwood und Jenkins Brown, bei Lovecraft Brown Jenkin) sowie die sehr grobe Prämisse genommen und eine völlig eigene Geschichte erzählt. Konzeptioneller Kern von „The Dreams in the Witch-House“ ist die Idee, eine klassische Gestalt der Horrorliteratur, die Hexe, zu nehmen und sie in den Kontext kosmischen Horrors zu setzen. Lovecrafts Walter Gilman, Student an der Miskatonic Universität in Arkham, sucht nicht nach der Seele seiner Schwester, sondern glaubt, Keziah Masons „Magie“ sei in Wahrheit extrem fortschrittliche Mathematik, die es ihr unter anderem erlaubt, durch Raum und Zeit zu reisen. In ihr Haus zieht er ein, um seine Erforschung der noneuklidischen Geometrie weiterzutreiben. Nicht nur stellt sich heraus, dass Gilman recht hat, unglücklicherweise wird er von bösartigen Träumen heimgesucht und muss erkennen, dass Keziah Mason ihr finsteres Werk fortführen möchte und dabei den finsteren Göttern Nyarlathotep und Azathoth dient.

Jegliche Spuren des „Cthulhu-Mythos“, von den erwähnten Entitäten bis hin zum obligatorischen Gastauftritt des legendären Necronomicon, wurden vollständige aus der Adaption getilgt. Dasselbe gilt auch für den kosmischen Horror, der die Geschichte ausmacht. Ob Lovecrafts Versuch, klassischen Grusel mit seiner kosmizistischen Philosophie zu verknüpfen, wirklich erfolgreich war, ist freilich diskutabel, Lovecraft-Experte S. T. Joshi kann „The Dreams in the Witch-House“ beispielsweise kaum etwas abgewinnen. Die Adaption im Rahmen von „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiosities“ entnimmt der Story jedoch jeglichen interessanten Ansatz und macht ein generisches Gruselmärchen aus ihr, das nicht einmal besonders furchterregend ist. Keziah Mason wirkt eher lächerlich denn erschreckend und Jenkins Brown/Brown Jenkin, schon in der Kurzgeschichte ein Element, das für mich persönlich nicht funktioniert, wirkt ziemlich bescheuert. Selbst auf handwerklicher und struktureller Ebene bleibt „Dreams in the Witch-House“ hinter den anderen Episoden der Anthologie-Serie zurück. Ironischerweise ist es „Pickman’s Model“, das atmosphärisch näher an Lovecrafts Geschichte herankommt. Zumindest kommt die dort auftauchende Hexe meiner Vorstellung von Keziah Mason deutlich näher als das merkwürdige Baumwesen, zu dem sie im Kontext dieser Adaption gemacht wurde.

Fazit: „Dreams in the Witch-House“ hat mich der gleichnamigen Lovecraft-Geschichte so gut wie gar nichts zu tun, bietet keinen kosmischen Horror und kann auch sonst nicht überzeugen. Rupert Grints Performance ist der einzige Grund, sich diese schwächste Episode aus Guillermo del Toros Anthologie-Serie anzusehen.

Siehe auch:
Art of Adaptation: Pickman’s Model
Lovecrafts Vermächtnis: Dreams in the Witch-House
Lovecrafts Vermächtnis: Die Opferung

Art of Adaptation: Pickman’s Model

Halloween 2022

Dass Guillermo del Toro ein gewisses Faible für H. P. Lovecraft hat, ist nun wirklich kein Geheimnis: Immer wieder finden sich Anspielungen in seinen Filmen und natürlich hat wahrscheinlich kein Lovecraft-Fan del Toros gescheiterte Adaption von „At the Mountains of Madness“ vergessen. So verwundert es kaum, dass der Schriftsteller aus Providence auch in der neuen Horror-Anthologieserie „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiosities“ eine Rolle spielt, und das nicht nur in einzelnen Anspielungen (die natürlich auch vorhanden sind), sondern in Form von zwei Episoden, die sich als direkte Adaptionen von Lovecraft-Geschichten präsentieren. Das Konzept der Netflix-Serie erinnert an „Alfred Hitchcock Presents“: Zu Beginn jeder Episode gibt es ein paar einleitende Worte von del Toro, darauf folgen die von verschiedenen Regisseuren inszenierten Horror-Geschichten. Bei Folge 5, Regie führt Keith Thomas, handelt es sich um eine, wenn auch ziemlich freie, Umsetzung der Geschichte „Pickman’s Model“, was sie zu einem interessanten Sujet für mich macht.

Die Lovecraft-Geschichte
Lovecraft verfasste „Pickman’s Model“ 1926, ein Jahr später wurde die Kurzgeschichte auf den Seiten des Magazins „Weird Tales“ publiziert. Gemessen an vielen der späteren und populäreren Storys wie „The Call of Cthulhu“ oder „The Shadow Over Innsmouth“ ist „Pickman’s Model“ eine eher konventionelle Geschichte, die eigentlich nicht wirklich dem „Cthulhu-Mythos“ oder dem Sub-Genre des kosmischen Horrors zuzurechnen ist, auch wenn Elemente der Geschichte, sei es Richard Upton Pickman selbst oder die Ghule, die er abbildet, in Mythos-Geschichten anderer Autoren nur allzu gerne auftauchen.

Erzählerisch ist die Geschichte recht simpel aufgebaut, wie so oft bei Lovecraft haben wir es mit einem Ich-Erzähler zu tun, der allerdings ausnahmsweise einmal keinen Bericht über erschreckende Ereignisse hinterlässt; stattdessen ist die Geschichte als „einseitiger Dialog“ aufgebaut. Der Erzähler Thurber (in der Geschichte ohne Vornamen, in der Adaption heißt er Will) berichtet seinem Freund Eliot von seinen Erlebnissen mit dem Maler Richard Upton Pickman, wobei der Text Eliots Antworten und Erwiderungen ausspart, sodass der Leser gewissermaßen als Dialogpartner fungiert. Thurber berichtet, dass seine Angst vor der U-Bahn, Kellern und dem Untergrund im Allgemeinen von einem Erlebnis mit dem kürzlich verschwundenen Maler Richard Upton Pickman herrührt, der wie Thurber und Eliot Mitglied des Kunstvereins von Boston ist bzw. war. Pickman eckte dort mehrmals wegen seiner ebenso grausigen wie realistischen Gemälde an, die viele andere Mitglieder verschreckten, während sie Thurber nachhaltig beeindrucken und faszinieren – trotz seines Traumas hält er an der Meinung fest, dass es sich bei Pickman um einen außergewöhnlichen Künstler handelt.

Pickman, der sich von Thurbers Bewunderung offenbar geschmeichelt fühlt, lädt ihn in sein „geheimes Atelier“ in den heruntergekommenen Norden Bostons ein, in welchem er Thurber Gemälde von blutrünstigen Monstrositäten zeigt, gegen die jene, die im Kunstverein schon ausgestellt wurden, regelrecht harmlos sind. Merkwürdige Geräusche veranlassen Pickman, mit einem Revolver das Zimmer zu verlassen, angeblich um Ratten zu verscheuchen – tatsächlich fallen Schüsse. Pickman und Thurber trennen sich hastig. Später stellt Thurber fest, dass er bei Pickman ein Stück Papier eingesteckt hat, bei welchem es sich um eine Fotografie handelt, die eines jener grausigen Wesen zeigt, die Pickman gemalt hat. So muss Thurber feststellen, dass diese Kreaturen keinesfalls der Fantasie entstammen, sondern dass es sich bei Pickmans Gemälden „nur“ um realitätsnahe Wiedergaben handelt.

„Pickman’s Model“ ist eine Geschichte, die heute zugegebenermaßen in dieser Form nicht mehr allzu viele Neuleser besonders beeindrucken dürfte, im Vergleich zu anderen Enthüllungen, besonders Enthüllungen kosmischen Schreckens, ist die hiesige relativ zahm. Wie viele andere Geschichten Lovecrafts ist sie in ihrem Aufbau und in ihren Andeutungen deutlich stärker als in ihrer tatsächlichen Auflösung. Der interessanteste Aspekt dürften wahrscheinlich die immer wieder eingestreuten Diskussionen zum Thema Kunst sein, Thurber dient hier zweifellos als Avatar für Lovecrafts eigene Meinung zum Thema „erschreckende Gemälde“. Tatsächlich funktioniert „Pickman’s Model“ für mich persönlich in der Hörspieladaption der Reihe „Gruselkabinett“ von Titania Medien mit Abstand am besten, da sie unheimlich stimmig inszeniert ist und von dem großartigen Zusammenspiel von Dietmar Wunder (dt. Stimme von Daniel Craig) und Sascha Rotermund (dt. Stimme von Benedict Cumberbatch) profitiert. Dabei bleibt das Hörspiel nah am Text und schafft es, allein durch die Performance der Sprecher das Grauen zu vermitteln. Kaum weniger gelungen ist zudem die GM-Factory-Lesung von Gregor Schweitzer. Eine visuelle Adaption hat es da natürlich schwerer – dementsprechend verwundert es kaum, dass Keith Thomas und Drehbuchautor Lee Patterson sich vom Text sehr weit entfernen.

Die Umsetzung
Zumindest auf handwerklicher Ebene kann man dieser Folge, wie der gesamten Serie (zugegeben, ich habe noch nicht alle Folgen gesehen) wenig vorwerfen. „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiositys“ sieht definitiv sehr gut aus und ist durchweg enorm atmosphärisch. Die Handschriften der einzelnen Regisseure sind sehr wohl präsent, zugleich haftet allen Folgen aber auch eine gewisse, nennen wir es „Del-Toro-haftigkeit“ an, sei es in der Atmosphäre oder im Design der Kreaturen. Inhaltlich ist es leider eine etwas andere Geschichte: Wie bereits zu erwarten war, wird eher die grobe Prämisse als die tatsächliche Geschichte adaptiert: Thurber (Ben Barnes) und Pickman (Crispin Glover) sind beide Schüler einer Kunstakademie. In einer Sitzung beobachtet Thurber zufällig, wie das gewöhnliche Modell, das gemalt werden soll, auf Pickmans Bild vier Arme hat und blutet. Wie in der Geschichte übt Pickman eine gewisse Faszination auf Thurber aus, man unterhält sich und Pickman erzählt Thurber ein wenig von seinen Hintergründen – eine Vorfahrin namens Lavinia (Megan Many) war laut Pickman in diverse kultische bzw. schwarzmagische Handlungen verwickelt, setzte Gästen ihren gekochten Ehemann vor und wurde dafür als Hexe verbrannt – dieses kannibalistische Motiv taucht in der Episode immer wieder auf. Gewisse Andeutungen diesbezüglich finden sich tatsächlich in Lovecrafts Geschichte, auch hier werden Verbindungen zu den Hexenprozessen von Salem erwähnt und eines von Pickmans Werken trägt den Titel „Leichenfresser beim Fraße“, diese sind allerdings weit weniger spezifisch. Der Lovecraft-Kenner wird bei dem Namen Lavinia zudem sofort hellhörig und muss an „The Dunwich Horror“ denken.

Die Werke Pickmans, die Thurber in Kombination mit der Familiengeschichte gezeigt bekommt, haben einen verstörenden Einfluss auf den jungen Maler, er scheint zu halluzinieren und Elemente aus Pickmans Gemälden in der Realität zu sehen, was zur Folge hat, dass seine Geliebte Rebecca (Oriana Leman) glaubt, er sei Betrunken auf ihrer Party erschienen, woraufhin sie die Beziehung beendet. Als Thurber Pickman erneut in seiner Wohnung aufsucht, sind sowohl der Maler als auch seine Gemälde verschwunden. An dieser Stelle macht die Handlung einen Sprung von 17 Jahren, Thurber und Rebecca sind inzwischen verheiratet und haben einen gemeinsamen Sohn. Zudem ist Thurber inzwischen ein einflussreicher Künstler. Da taucht, recht unverhofft, Richard Upton Pickman wieder auf – und mit ihm und seinen Gemälden kehren auch die Visionen und Alpträume zurück, die sich nun direkt auf Thurber und seine Familie auswirken. Pickman taucht schließlich sogar bei Thurber zuhause auf und beteuert, er wolle nur, dass seine Bilder gesehen werden. Abermals lädt er den Kollegen zu sich ein, bei Pickman kommt es allerdings zum Handgemenge, das schließlich mit Pickmans Tod endet. Um ganz sicher zu gehen, verbrennt Thurber die unheilvollen Bilder, doch es stellt sich heraus, dass der unheilvolle Einfluss bereits von Thurbers Frau und Sohn Besitz ergriffen hat, sodass sich Lavinias Tat wiederholt…

Wie bereits erwähnt: „Pickman’s Model“ ist eine Geschichte, die so, wie sie Lovecraft erzählt, weder besonders furchterregend, noch besonders filmisch ist. Thomas und Patterson ließen sich für diese Folge der Anthologie eher von der Prämisse und der Figurenkonstellation inspirieren, entwickelten sie dann jedoch in eine völlig andere Richtung. Gewisse Reste der ursprünglichen Geschichte sind noch vorhanden, so wird Thurber unter anderem auch mit dem tatsächlichen Ghul konfrontiert, anstatt nur dessen Foto zu sehen, ironischerweise hätte man diese Szene jedoch problemlos entfernen können. Wo sich die eigentliche Story auf die Ghule und deren Abbildung konzentriert, schaffen Regisseur und Drehbuchautor aus Implikationen und Andeutungen einen kultischen Überbau, der ironischerweise an „Dreams in the Witch House“ erinnert – zufällig handelt es sich hierbei um die zweite Lovecraft-Geschichte, die im Rahmen des „Cabinet of Curiosities“ verfilmt wird. Das Problem bei der Sache ist, dass die ganze Angelegenheit ziemlich holprig erzählt ist, die einzelnen Bestandteile wollen nicht ineinandergreifen. Es wirkt, als hätten Thomas und Patterson versucht, das Grauen der ursprünglichen Kurzgeschichte zu erweitern, um sie für ein modernes Horror-Publikum ansprechender zu machen, diese Bemühungen sorgen allerdings dafür, dass das Ergebnis recht generisch daherkommt und sich nicht mehr recht nach Lovecraft anfühlen will – man fühlt sich eher etwas an „The Conjuring“ erinnert. Dementsprechend fand ich persönlich die finale Realwerdung eines der Bilder auch nicht allzu überraschend oder schockierend. Hinzu kommt, dass leider auch die beiden Hauptdarsteller ihn ihren Rollen nicht völlig überzeugen können, was primär damit zusammenhängt, dass sie mit ihrem Akzent kämpfen: Sowohl Ben Barnes (dessen Mitwirken angesichts der Tatsache, dass er in „The Picture of Dorian Gray“ die Hauptrolle spielte, wohl als Casting-Gag verstanden werden kann) als auch Crispin Glover scheinen mit dem Bostoner Sprach-Duktus nicht völlig zurechtzukommen. Während das bei Barnes nicht allzu viel ausmacht, ist Glovers Akzent wirklich merkwürdig und klingt eher wie die Parodie eines Iren. Vielleicht bin ich durch Sascha Rotermund, der Pickman sehr charismatisch anlegt, zu sehr vorgeprägt, aber ich persönlich finde Glovers autistisch anmutendes Overacting hier ziemlich fehl am Platz.

Fazit: Die Umsetzung von „Pickman’s Model“ im Rahmen von „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiosities“ kann zwar nicht wirklich als misslungen bezeichnet werden, vor allem auf technischer und atmosphärischer Ebene weiß sie durchaus zu überzeugen. Allerdings scheitern Regisseur Keith Thomas und Drehbuchautor Lee Patterson an einer wirklich effektiven Modernisierung der Lovecraft-Geschichte, die zudem an Fokusproblemen und Crispin Glovers Darstellung von Richard Upton Pickman leidet.

Siehe auch:
Hörbuch: Pickman’s Model bei GM Factory
Lovecraft im Gruselkabinett
Lovecrafts Vermächtnis: Der Cthulhu-Mythos

Geschichte der Vampire: Blade

Halloween 2022
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Während wir uns heute vor Comic- bzw. Superheldenfilmen kaum retten können, sah das in den 90ern noch ganz anders aus: Neben diversen B- und C-Produktionen (wer erinnert sich noch an den Captain-America-Film von 1990?) hatte man eigentlich nur zwei Filmreihen zur Auswahl: Die Superman-Filme mit Christopher Reeve, denen nach dem vierten Eintrag die Luft ausgegangen war und die Batman-Filme von Tim Burton und Joel Schumacher, denen 1997 ebenfalls die Luft ausging. Bereits ein Jahr später kam dann die Figur ins Kino, die als erster früher Wegbereiter der aktuell anhaltenden Welle von Superhelden-Filmen gilt: Blade. Zugleich hatte der Daywalker allerdings auch massiven Einfluss auf Vampirfilme und sonstige -medien. Dieser Artikel dient zur Eröffnung der diesjährigen Halloween-Saison.

Die Comicfigur
Sein Debüt feierte der Daywalker 1973 in der zehnten Ausgabe der Comicserie „The Tomb of Dracula“, Marvels wahrscheinlich profiliertester Horrorserie; geschaffen wurde er von Autor Marv Wolfman und Zeichner Gene Colan. In „The Tomb of Dracula“ gehört Blade zu einer Gruppe Vampirjäger, darunter Rachel Van Helsing und Quincey Harker, die sich, wie könnte es auch anders sein, mit Dracula herumschlagen müssen. Diese erste Version der Figur hat optisch noch nicht allzu viel mit der späteren Inkarnation gemein: Er hat einen Afro und trägt eine gelbe Brille sowie eine leuchtend grüne oder orange-braune Jacke. Wie seine spätere Filminkarnation wird auch in den Comics seine Mutter von einem Vampir gebissen, dadurch wird Blade, dessen bürgerlicher Name Eric Brooks lautet, allerdings erst einmal „nur“ immun gegen Vampirbisse – übernatürliche Fähigkeiten erhält er erst später durch Morbius, den lebenden Vampir. Nach seinem Debüt wurde Blade allerdings eher sparsam eingesetzt, agierte außerhalb von „The Tomb of Dracula“ aber auch immer wieder mit anderen Marvel-Figuren, die eher in Richtung Horror tendieren, darunter, wie bereits erwähnt, Morbius oder der Ghost Rider.

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Blades ursprüngliches Design

Sein ikonisches schwarzes Lederoutfit bekam Blade Anfang der 90er, zu dieser Zeit war er auch immer wieder mit anderen übernatürlichen Superhelden unterwegs, mit denen er ein Team bildete, darunter die Midnight Sons und die Nightstalker – Letztere tauchen zumindest namentlich in „Blade Trinity“ auf. Zugegebenermaßen bin ich mit der Comicversion der Figur nur leidlich vertraut, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass Blade nie eine länger laufende eigene Serie vergönnt war. Stattdessen trat er als Teil der oben genannten Teams auf, absolvierte Gastauftritte oder bekam Miniserien spendiert. Seinen ersten bewegten Auftritt bekam er in einigen Episoden von „Spider-Man: The Animated Series“, in welcher er von J. D. Hall gesprochen wurde.

Art of Adaptation: Vampirkonzept der Trilogie
Vampire in den Marvel-Comics begannen relative nah an Stoker – die Comicserie „The Tomb of Dracula“ zeigte einen relativ traditionellen Grafen, dementsprechend konnten sich Marvel-Vampire verwandeln und Tiere kontrollieren, waren anfällig gegenüber heiligen Symbolen usw. Über die Jahre hinweg wurde Marvels „Vampir-Mythologie“ natürlich deutlich komplexer, man schuf Verknüpfungen ins Hyborische Zeitalter (ja, Conan gehört formal zum Marvel-Universum) und machte einen gewissen Varnae (eine Anspielung auf „Varney, the Vampire; or, the Feast of Blood“, eine Penny-Dreadful-Reihe, die Jahrzehnte vor Dracula, in den 1840ern publiziert wurde) zum ersten Vampir. Marvel-Vampire waren und sind sehr eindeutig magisch – ein Aspekt, von dem sich die Blade-Filme fast völlig distanzierten.

Vampirismus in der Blade-Trilogie wird eindeutig als Virus identifiziert, Vampire bekommen einen wissenschaftlichen Namen – Hominis nocturnae – und auch sonst werden die „mythischen“ Aspekte zurückgefahren. Während Knoblauch, Silber und Sonnenlicht adäquate Waffen gegen die Blutsauger sind, bleiben heilige Symbole oder fließendes Wasser völlig nutzlos. Statt Varnae ist nun Dracula, bzw. Drake, bzw. Dagon der erste Vampir. Bei ihm handelt es sich um eine Art fast perfekter Prototyp, der wie Blade selbst über die Stärken der Vampire, aber nicht über die Schwächen (ausgenommen der Blutdurst) verfügt. Ein mythisches Element bleibt aber doch erhalten: Der Blutgott La Magra, der im ersten Film als finaler Gegner fungiert, ist recht eindeutig übernatürlich und scheint in letzter Konsequenz der Verursacher des Vampirvirus zu sein. Wie in „Vampire: The Masquerade“ und anderen Medien (inklusive der Marvel-Comics) teilen sich die Vampire in verschiedene Gruppierungen auf, hier als „Häuser“ bezeichnet, und verfügen zudem über eine große Anzahl menschlicher Diener, die mit Vampirrunen gebrandmarkt werden. Vampire können sowohl normal gezeugt als auch durch einen Biss verwandelt werden, wobei Erstere einen höheren Status als Letztere haben und es durchaus möglich ist, Letztere wieder in Menschen zurückzuverwandeln. In „Blade II“ wird eine durch Experimente geschaffene Unterart eingeführt, die Reaper, die Vampirblut trinken und „gewöhnliche“ Vampire durch ihren Biss in Reaper verwandeln.

Blade selbst verfügt von Anfang an über die Kräfte, die er in den Comics erst nach und nach bekommt, da Morbius in der Filmtrilogie nicht auftaucht (allerdings war wohl ein Cameo geplant, das es aber nicht in die finale Schnittfassung des ersten Films schaffte). Alle seine Fähigkeiten werden durch seinen Status als Halbvampir erklärt, die einzige Schwäche, die geblieben ist, ist der Blutdurst, gegen den er mit einem speziellen Serum ankämpft. In ernsten Situationen ernährt er sich allerdings durchaus auch von echtem Blut. Einige weitere Elemente der Comics finden sich ebenfalls in den Filmen, wenn auch meistens stark abgewandelt. Deacon Frost (Stephen Dorff) ist in den Comics wie in den Filmen der Vampir, der Blades Mutter attackiert und auch regelmäßiger Widersacher – die Comicversion ist allerdings deutlich älter (sowohl optisch als auch tatsächlich). Hannibal King und die Night Stalker entstammen ebenfalls den Comics, genauso wie Dracula selbst, alle wurden aber massiven Änderungen unterzogen.

Urban Style: Blade

In vielerlei Hinsicht ist „Blade“ als Superheldenfilm eine eher untypische Angelegenheit, da Blade eben kein typischer Superheld ist. Zwar verfügt Blade technisch gesehen über einen bürgerlichen Namen – Eric Brooks – dieser spielt für ihn aber keine Rolle. Auch geht es ihm nicht wirklich darum, Menschen zu retten, sondern Vampire zu bekämpfen. In dieser Hinsicht gehört er zudem zu den Vorreitern eines Umkehrtrends im Genre: Zuvor waren Vampire zumeist die Einzelgänger, die von Vertretern einer bürgerlichen Gesellschaft gejagt wurden, in „Blade“ hingegen ist es genau anders herum: Es sind die Vampire, die als mafiöse Gruppe die Menschheit unterwandert haben, während der Jäger alleine bzw. mit nur wenigen Verbündeten arbeitet. Dieser Aspekt wird in „Blade: Trinity“ noch einmal stärker, dort benutzen die Vampire das Gesetz, um Blade auf den Leib zu rücken.

Angesichts all dessen ist es fast schon ironisch, wenn auch nicht unbedingt überraschend, wie sehr sich Regisseur Stephen Norrington und Drehbuchautor David S. Goyer an Tim Burtons „Batman“ orientierten. Gerade bezüglich der Charakterisierung der Hauptfigur und der Handlungskonstruktion finden sich viele Parallelen. Wesley Snipes‘ Blade ist wie Michael Keatons Batman ein ziemlich statischer Charakter, über den man als Zuschauer nicht allzu viel erfährt – beide bleiben relativ unerforschte Antihelden, Getriebene, deren Motivation und Werdegang nicht en detail dargelegt werden. Beide sind zu Beginn des Films bereits vollständig geformt und entwickeln sich, wenn überhaupt, nur minimal. Bei beiden erleben wir nur das auslösende Moment (Mord an den Waynes bzw. Vampirwerdung der Mutter) ihres Kreuzzugs in Flashbacks, aber nichts von der formativen Zeit. Das steht in krassem Gegensatz zu vielen späteren Superheldenfilmen wie „Batman Begins“ oder Sam Raimis „Spider-Man“, die sich diesen Aspekten sehr ausführlich widmen.

Auch die Beziehung zwischen Protagonist und Antagonist ist erstaunlich ähnlich: Sowohl Jack Napier/Joker (Jack Nicholson) als auch Deacon Frost (Stephen Dorff) beginnen als „Unterboss“ in ihrer Organisation, um sich anschließend den Weg an die Spitze zu morden. Zudem sind beide Verantwortlich für die Heldenidentität des Widersachers: Jack Napier tötete die Waynes, Deacon Frost verwandelte Blades Mutter Vanessa (Sanaa Lathan) während der Schwangerschaft in eine Vampirin und sorgte so dafür, dass Blade überhaupt erst in der Lage ist, seinem Handwerk nachzugehen. In der Handlungskonstruktion finden sich zudem Parallelen zwischen Vicky Vale (Kim Basinger) und Karen Jenson (N’Bushe Wright), die mehr oder weniger unfreiwillig in die Welt des Titelhelden hineingezogen werden und als Avatar der Zuschauer fungieren. Anders als in „Batman“ gibt es hier allerdings keine Romanze – tatsächlich hat Wesley Snipes mit keiner der „Leading Ladies“ der Filmreihe wirklich Chemie. Alfred (Michael Gough) und Whistler (Kris Kristofferson) gleichzusetzen ist vielleicht ein wenig zu weit hergeholt, aber als einzige Vertrauter und Mentor des Helden gibt es doch gewisse Parallelen…

Stilistisch hingegen distanziert sich „Blade“ stärker von sowohl „Batman“ als auch von herkömmlichen Vampirfilmen – Stephen Norrington fährt den Gothic-Faktor soweit zurück wie möglich, alles ist urban, stylisch und glatt. In vielerlei Hinsicht bereitete Blade bereits die Ästhetik vor, die die Matrix-Trilogie später popularisieren sollte – inklusive der allgegenwärtigen Ledermäntel und Sonnenbrillen. Zweifelsohne ist „Blade“ Style over Substance, wie bereits erwähnt macht der eigentliche Titelheld kaum eine Entwicklung durch, wenn überhaupt ist es Karen Jenson, die sich von der Ärztin zur Vampirjägerin wandelt. Trotzdem funktioniert Blade, primär deshalb, weil Goyer, Norrington und Snipes die Figur ernst nehmen und natürlich, weil die Action schlicht gut und unterhaltsam ist. Die größte Schwäche des Films ist dabei das Finale, das die geerdeten Aspekte und die pseudowissenschaftliche Natur der Vampire hinter sich lässt und uns nebst einem Blutgott auch viel schlechtes CGI serviert, das einfach nicht hätte sein müssen. Zudem ist es eine merkwürdige Entscheidung, Blade seine Mutter als Vampirin zu präsentieren und dann praktisch nichts damit zu machen.

Ironischerweise bringt „Blade“ gerade die Qualitäten mit, die bei aktuellen Marvel-Filmen oftmals vermisst werden: Handgemachte Action mit einem gewissen Härtegrad und eine Portion Ernsthaftigkeit. Nicht, dass in „Blade“ nicht absurdes Zeug passieren würde oder der Film humorbefreit wäre, aber es fehlt das selbstreferenzielle Augenzwinkern und der Metahumor, der selbst eingefleischten MCU-Fans inzwischen zu viel wird. Gerade aus diesem Grund ist ein in nicht allzu ferner Zukunft ausstehender MCU-Auftritt Blades (gespielt von Mahershala Ali) nicht unbedingt vielversprechend – es sei denn, Kevin Feige entschließt sich, den Tonfall und den Gewaltgrad der Marvel-Netflix-Serien zuzulassen.

Kommen wir noch zu den Vampiren in diesem Film: Eine wirklich tiefgründige Erforschung der vampirischen Zustandes oder des Blutdurstes darf man hier natürlich nicht erwarten, schließlich hat Anne Rice nicht das Drehbuch geschrieben. Blade hat wegen seines Blutdurstes keine Schuldgefühle und fällt in diesem Film auch nicht unkontrolliert Menschen an, der Durst wird eher wie eine typische Superheldenschwäche behandelt. Alle anderen Vampire sind unweigerlich böse, ob sie nun Traditionalisten sind wie der von Udo Kier gespielte Gitano Dragonetti (eine Anspielung auf Kiers Auftritt als Dracula in „Blood for Dracula“ aus dem Jahr 1974?) oder aufbegehrende Rebellen wie Deacon Frost. Als solche hinterlassen Frost und seine Kumpanen zweifelsohne ordentlich Eindruck und sind höchst unterhaltsam.

Neo Gothic: Blade II

Trotz des Erfolges von „Blade“ – der erste Marvel-Charakter, der an den Kinokassen tatsächlich einen ordentlichen Gewinn einbrachte – kehrte Stephen Norrington nicht zurück. An seiner statt nahm Guillermo del Toro die Zügel in die Hand. Für viele, mich eingeschlossen, ist „Blade II“ nach wie vor der beste Teil der Trilogie, denn del Toro nimmt im Grunde alles, was im ersten Teil funktionierte und reichert es um seine eigene Ästhetik an. Wesley Snipes kehrt natürlich als Titelheld zurück. N’Bushe Wright als Karen Jenson sehen wir dagegen nicht wieder, statt ihrer hat Blade mit Scud (Norman Reedus) einen neuen Sidekick. Trotz seines scheinbaren Todes in „Blade“ taucht Kris Kristofferson wieder auf, der Dank eines ziemlich uneleganten Retcons abermals als Blades Vertrauter und Mentor fungieren darf.

Die Action, Coolness und eher dürftige Figurenzeichnung des Vorgängers behält del Toro bei (David S. Goyer ist abermals für das Drehbuch verantwortlich), geht ästhetisch jedoch völlig andere Pfade: „Blade II“ ist dreckiger, gotischer und, in Ermangelung eines besseren Wortes, „europäischer“ als Teil 1, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Film in Prag spielt und dort auch gedreht wurde. Zudem fährt del Toro hier ein völlig anderes Kaliber an Vampiren auf: Die rebellischen Hipster-Vampire, aus denen Deacon Frosts Clique bestand, sind ebenso Vergangenheit wie die Mafiosi-artige alte Garde um Dragonetti, stattdessen lebt del Toro seine Vorliebe für monströse Vampire aus, die später in der von ihm produzierten Serie „The Strain“ noch stärker hervortreten sollte. Die neue große Gefahr dieses Films sind die Reaper, eine erst vor kurzem aufgetauchte Unterart von Vampiren, deutlich stärker und widerstandsfähiger als die gewöhnlichen Blutsauger, nicht zuletzt, weil ihr Herz besser geschützt ist. Da die Reaper bevorzugt Vampirblut trinken und so andere Vampire in ihresgleichen verwandelt, haben Blade und die „normalen“ Vampire einen gemeinsamen Feind. Blade muss sich also mit einem vampirischen Einsatzteam, dem „Blood Pack“ unter Führung von Nyssa Damaskinos (Leonor Varela) verbünden, um die Reaper aufzuhalten. Sowohl Eli Damaskinos (Thomas Kretschman) als auch die Reaper und ihr Anführer Nomak (Luke Goss) sind mit ihren entstellten Gesichtern und kahlen Schädeln eindeutig von Graf Orlok aus Wilhelm Friedrich Murnaus „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ beeinflusst.

Das Blood Pack hingegen knüpft relativ direkt an „Blade“ an, indem hier eine Reihe von nicht unbedingt gut ausgearbeiteten, aber doch einprägsamen Charakteren geboten wird. Zudem finden sich einige interessante Schauspieler in dieser Gruppe. Ron Perlmans Präsenz dürfte wohl niemanden, der mit del Toro vertraut ist, groß überraschen – er spielt den ziemlich sadistischen Vampir Reinhardt. Perlman, Nomak-Darsteller Luke Goss und del Toro sollten später zusammen „Hellboy II: The Golden Army“ drehen. Darüber hinaus gehören auch Martial-Arts-Legende Donnie Yen als „Snowman“ sowie Tony Curran als „Priest“ zum Bloodpack – Letzterer sollte in „Underworld: Evolution“ in die Rolle des Vampirältesten Markus Corvinus schlüpfen. Das gesamte Bloodpack ist höchst unterhaltsam, ebenso wie Luke Goss‘ Nomak und sein Vater Eli Damaskinos – Thomas Kretschman hat sichtlich Spaß daran, so richtig schön fies zu sein. Das schwächste Glied in der Kette ist tatsächlich Leonor Varela, die zwar sehr gut aussieht und wie ein Prototyp von Kate Beckinsales Selene aus den Underworld-Filmen wirkt, aber ihre Figur nicht wirklich authentisch rüberbringen kann. Das ist verdammt schade, da sie im Grunde der einzige Vampircharakter der gesamten Trilogie ist, der nicht ausschließlich böse ausfällt. Ein weiteres Manko sind abermals einige der Effekte – während die Action nach wie vor sehr gut ist, traf man die Entscheidung, die Figuren immer wieder absurde akrobatische Einlagen absolvieren zu lassen, die per CGI umgesetzt wurden, die bereits 2002 nicht gut aussahen und wirklich extrem schlecht gealtert sind.

Dennoch, aufgrund von Guillermo del Toros Regieführung und seinen stilistischen Vorlieben, die sich mit den meinen überschneiden, ist „Blade II“ definitiv mein Favorit dieser Filmreihe, nicht zuletzt, weil del Toro sich hier noch am ehesten mit der vampirischen Natur auseinandersetzt, sei es durch die etwas komplexere Nyssa oder den Umstand, dass die Vampire hier selbst von Jägern zu Opfern einer noch übleren Spezies von Monstern werden, während ihr Anführer sich nicht nur als Mafiaboss oder machthungriger Aufsteiger, sondern praktisch als Nazi entpuppt, der so etwas wie eine neue vampirische Herrenrasse züchten möchte. Diese Aspekte gehen nach wie vor nicht wirklich in die Tiefe, werden aber stärker und besser herausgearbeitet, als es im ersten und dritten Teil der Trilogie der Fall ist.

The Tomb of Dracula: Blade Trinity

David S. Goyer ist ein ziemlich wechselhafter Drehbuchschreiber – wenn er mit einem guten Regisseur wie Guillermo del Toro oder Christopher Nolan zusammenarbeitet, kann durchaus ein brauchbarer oder sogar sehr guter Film herauskommen. Wenn er hingegen selbst Regie führt, wie es bei „Blade: Trinity“ der Fall ist, entsteht ein mittelschweres Desaster. Die Probleme und Konflikte, die sich hinter den Kulissen abspielten, sind inzwischen legendär, nicht zuletzt, weil Patton Oswald und Ryan Reynolds immer wieder gerne aus dem Nähkästchen plaudern. Goyer und Wesley Snipes konnten sich offenbar nicht ausstehen, was dazu führte, dass Letzterer ernsthafte Diva-Allüren entwickelte, seinen Trailer nicht verlassen wollte, mit dem Regisseur nur über Notizen kommunizierte und generell nicht zugänglich war. Doch selbst wenn man davon absieht, dass Snipes schlicht keine Lust hatte, in diesem Film mitzuspielen, passt vieles einfach nicht zusammen, die Regieführung ist bestenfalls holprig und schlimmstenfalls inkompetent. Erschwerend hinzu kommt, dass Elemente, die 1998 noch frisch und innovativ waren, im Jahr 2004, nach drei Matrix- und dem ersten Underworld-Film inzwischen ziemlich ausgelutscht wirkten.

Goyers Drehbuch ist da leider auch keine Hilfe, denn im Grunde handelt es sich bei der Story von „Blade: Trinity“ um ein Konglomerat an Handlungselementen aus den ersten beiden Filmen. Whistler stirbt zum zweiten und letzten Mal, Blade muss, wie schon im zweiten Teil, abermals mit einer Gruppe zusammenarbeiten; dieses Mal sind es die zumindest dem Namen nach aus den Comics stammenden Nightstalker, ein weiteres Mal hat er es mit einem „Supervampir“ zu tun und bereits zum dritten Mal macht Blade praktisch keinerlei Wandlung durch. Im Gegensatz zum zweiten Film greift Goyer zumindest formal in größerem Ausmaß auf die Vorlage zurück – auch Hannibal King (Ryan Reynolds) entstammt den gedruckten Seiten und natürlich hätten wir da noch Dracula…

Der Fürst der Vampire wird in diesem Film von Dominic Purcell, primär aus der Serie „Prison Break“ bekannt, gespielt, und ist leider ein weiterer Aspekt, der auf keiner Ebene funktioniert. Wie oben bereits erwähnt nimmt Dracula die Stellung als erster Vampir ein, die in den Comics Varnae innehat. Wie Blade ist er immun gegen das Tageslicht und wurde darüber hinaus als Vampir im antiken Babylon geboren, wo er unter dem Namen Dagon ein Kriegsherr wurde und sich einen blutigen Weg durch die Jahrtausende bahnte. U.a. posierte er auch als Vlad Țepeș und inspirierte in letzter Konsequenz Bram Stoker, zog sich dann aber angewidert von der Welt zurück, um im 21. Jahrhundert von der Vampirin Danica Talos (Parker Posey) und ihren Handlangern wiederweckt zu werden, um gegen Blade zu kämpfen. Schauspieler, die Dracula spielen, werden automatisch an ihren Vorgängern gemessen – eine illustre Riege, zu der neben Bela Lugosi auch Größen wie Christopher Lee, Gary Oldman oder Frank Langella gehören. Dominic Purcell ist zweifelsohne einer der schlechtesten Draculas, weder verfügt er über die Ausstrahlung eines Lugosi, noch über das Charisma eines Lee oder die Komplexität eines Oldman; auch als sumerischer Kriegsherr oder uraltes, unmenschliches Monster weiß er nicht zu überzeugen. Stattdessen wirkt er eher wie ein gelangweilter Rapper.

Alle anderen Aspekte der Produktion sind ebenso misslungen. In den ersten beiden Filmen merkt man Snipes seine Passion für das Material an, diese ist durch den Konflikt mit Goyer völlig verloren gegangen. Die ürbigen Charaktere sind entweder flach, überzeichnete Karikaturen oder beides. Abigail Whistler (Jessica Biel) ist quasi wandelndes Product Placement, Ryan Reynolds scheint schon mal für Deadpool zu üben und Parker Posey und ihr vampirischer Anhang ist völlig überdreht und weit entfernt von den einprägsamen Blutsaugern der ersten beiden Teile.

Apokryphen und Vermächtnis
Unglaublich, aber wahr: Trotz der nicht gerade überwältigenden Rezeption von „Blade: Trinity“ schickte Warner Bros. 2006 eine Blade-Fernsehserie an den Start, die wirklich kaum jemand gesehen hat. Ich glaube, ich habe mir ein oder zwei Folgen angeschaut, als die Serie damals auf ProSieben startete, kann mich aber an absolut nichts mehr erinnern. Obwohl Wesley Snipes nicht mehr beteiligt war – die Titelfigur wird von dem Rapper Kirk Jones alias „Sticky Fingaz“ gespielt – knüpft die Serie an die Filme an, es gibt diverse Anspielungen und sowohl David S. Goyer als auch Ramin Djawadi, der Komponist von „Blade: Trinity“, wirkten an dem Unterfangen mit. Deutlich aufmerksamer dürften Fans der alten Trilogie die MCU-Neuauflage des Vampirjägers verfolgen. Ein erstes (rein stimmliches) Cameo absolvierte Mahershala Ali bereits in der Post-Credits-Szene von „The Eternals“, sein eigener Film kommt im November 2023 ins Kino; meine Bedenken diesbezüglich habe ich oben bereits geschildert.

Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss von „Blade“ auf das Horror-Action-Genre – wenn der Film von 1998 es nicht begründet hat, gehört er doch zumindest zu den Wegbereitern. Filme, Filmreihen und Serien wie „Underworld“, „Resident Evil“, „Van Helsing“, „Priest“ oder „First Kill“ sind massiv vom Einfluss der Blade-Trilogie geprägt. Zudem zeigte Blade, dass ein relativ obskurer Marvel-Charakter an den Kinokassen extrem erfolgreich sein kann. Wenn das MCU sich schon nicht stilistisch an der Trilogie orientiert, so hat es sich doch schon oft genug der Vorgehensweise bedient, indem es absolute Nischenfiguren aus der Versenkung holte und für ein breites Publikum aufbereitete; wer kannte vor 2014 schon die Guardians of the Galaxy? Zudem, und das sollte ebenfalls nicht unterschlagen werden, ist Blade der erste erfolgreiche Superheldenfilm mit einem schwarzen Protagonisten („Spawn“ und „Steel“ kamen zwar vorher ins Kino, können aber beim besten Willen nicht als erfolgreich bezeichnet werden) und einem R-Rating und damit Wegbereiter für Filme wie „Black Panther“ oder „Deadpool“.

Bildquelle Titel (New Line Cinema)
Bildquelle klassischer Blade

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf
Geschichte der Vampire: Secret Origin
First Kill Staffel 1

Geschichte der Vampire: Secret Origins

Wo kommen Vampire eigentlich her? Damit meine ich nicht, wie die ursprünglichen Legenden und Geschichten entstanden sind (dazu gibt es viele Theorien und Erklärungsversuche), sondern die Ursprünge und „Werdungsgeschichten“ innerhalb der erzählten Welten. Dieser Artikel soll einen kleinen Überblick über einige Entstehungsgeschichten der untoten Blutsauger bieten, erhebt aber keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit – bei der schieren Masse an Vampirmedien müsste man darüber schon mindestens ein Buch schreiben. Dennoch soll hier eine kleine Auswahl an Erklärungen für den untoten Zustand geboten werden, von mythologisch-religiös über magisch bis hin zu pseudowissenschaftlich.

Back to the Roots: Dracula
Die meisten frühen Vampirgeschichten sorgen sich nicht allzu sehr um den Ursprung der Blutsauger, und dementsprechend tun es auch die Protagonisten nicht, da sie viel mehr damit beschäftigt sind, zu überleben. Während die Werdegänge einzelner Vampire durchaus geschildert werden, wird die Gesamtheit der „Spezies“ bzw. des Phänomens in der Regel einfach nur als übernatürliches Vorkommnis behandelt, für das es keine tiefergreifende Erklärung gibt. In „Dracula“ ist das größtenteils zwar ebenso, aber immerhin gibt Bram Stoker eine kleine Andeutung, woher Vampire kommen könnten. Zwei Mal erwähnt Abraham Van Helsing im Rahmen seiner Ausführungen die „Scholomance“, die Dracula zu Lebzeiten besucht haben soll, eine Art schwarzmagische Schule aus der transsylvanischen Folklore, die vom Teufel selbst betrieben wird. Es werden jeweils nur zehn Schüler auf einmal ausgebildet, die zehnten gehören immer dem Satan und dürfen für ihn Stürme verursachen und einen Drachen reiten. Die Implikation ist für die wenigen, die mit dieser Legende vertraut sind, recht eindeutig: Dracula wurde an dieser Schule ausgebildet und war wahrscheinlich ein zehnter Schüler – eventuell wird jeder zehnte Schüler zum Vampir. Auf diese Weise wäre Satan persönlich für den Vampirismus verantwortlich und das würde natürlich auch die Anfälligkeit der Vampire gegenüber heiligen Symbolen erklären. Bei all den Weiterverarbeitungen von Dracula im Laufe der Jahrzehnte wurde dieser Aspekt interessanterweise kaum aufgegriffen.

Stattdessen haben aber viele Autoren und Regisseure beschlossen, Dracula selbst zum ersten Vampir zu machen. In „Bram Stoker’s Dracula“ (1992) von Francis Ford Coppola ist zwar nicht klar, ob Dracula (Gary Oldman) tatsächlich der erste Vampir ist, aber immerhin entsteht er nicht auf normale Weise (Blutaustausch mit einem anderen Vampir, der im Film ja auch praktiziert wird), sondern indem er Gott verflucht und sein Schwert in ein Kreuz rammt, das daraufhin zu bluten anfängt. Nachdem Dracula von diesem Blut getrunken hat, ist er ein Vampir. Obwohl nicht explizit klargemacht, scheint die Implikation, dass der Vampirismus auf dieser Weise in die Welt dieses Films kam, relativ eindeutig.

In „Dracula 2000“ (auch bekannt als „Wes Craven’s Dracula“, die Horror-Legende führte hier aber nicht Regie, sondern produzierte lediglich, Regisseur war Patrick Lussier) ist der Graf ganz eindeutig der erste Vampir, Dracula bzw. Vlad Țepeș (Gerard Butler) ist allerdings nur eine von vielen Identitäten dieses Blutsaugers, und auch nicht die erste. Als Sterblicher war er Judas Iscariot, der als Buße für seinen Verrat an Jesus von Gott zum Vampirismus verflucht wurde – daher rühren sowohl die Aversion gegen heilige Symbole als auch gegen Silber (wegen der allseits bekannten 30 Silberstücke, die Judas für seinen Verrat bekommen haben soll). Damit greifen Lussier und Drehbuchautor Joel Soisson die nicht ganz unproblematische Sagenfigur des „Ewigen Juden“ bzw. „Wandernden Juden“ auf, der, je nach Version, von Gott zur Unsterblichkeit verdammt wird, u.a. auch, weil er Jesus schlecht behandelt. Gerade im Mittelalter und der Frühen Neuzeit erfreute sich der „Ewige Jude“ latenter Beliebtheit und im Nationalsozialismus feierte er natürlich ein großes Comeback, unter anderem in Form des üblen Propagandafilms „Der ewige Jude“ (1940). Tatsächlich kann diese Version von Dracula nicht sterben, weshalb „Dracula 2000“ noch zwei weitere Direct-to-DVD-Sequels erhielt. Die Idee, den Vampirismus mit jüdische-christlichen Elementen zu verbinden, war schon im Jahr 2000 nicht mehr neu und wird in diesem Artikel noch das eine oder andere Mal auftauchen.

Dracula (Dominic Purcell) fungiert auch in der Blade-Trilogie, spezifisch in „Blade: Trinity“ (2004), als Protovampir. Wie in „Dracula 2000“ ist er deutlich älter als Stokers Roman oder Vlad Țepeș, sogar älter als Judas und war schon Jahrtausende vor Christi Geburt im alten Babylon als Dagon aktiv, wurde irgendwann zu Dracula und nimmt in der Moderne dann schließlich den Namen Drake an. Hier fungiert er als erster der „Hominis nocturnae“, wie Vampire in der Blade-Trilogie gerne genannt werden, und verfügt über einige Qualitäten, die der gewöhnliche Vampire dieser Filmreihe nicht sein Eigen nennen kann, u.a. ist er in der Lage, Sonnenlicht auszuhalten, deutlich stärker als seine minderen Nachfahren und besitzt zudem begrenzte gestaltwandlerische Fähigkeiten.

Jene, die bewahrt werden müssen: Akasha und Enkil
Es kann gar nicht oft genug betont werden, wie essentiell Anne Rice‘ „The Vampire Chronicles“ für die Entwicklung des Vampir-Genres sind. Die meisten Tropen, die in der Vampirliteratur oder in den Vampirfilmen noch heute eine wichtige Rolle spielen und nicht von Bram Stoker stammen, etablierte Rice in den ersten drei Romanen dieser Serie, „Interview with the Vampire“ (1976), „The Vampire Lestat“ (1985) und „Queen of the Damned“ (1988). Dazu gehört nicht nur eine vampirische Gesellschaftsstruktur, sondern auch ein Ursprungsmythos für die Blutsauger. Bereits in „Interview with the Vampire“ sucht Louis nach dem Ursprung des Vampirismus, erhält aber weder von den hirnlosen, Nosferatu-artigen Vampiren Osteuropas, noch vom über 400 Jahren alten Armand in Paris eine Antwort. Anders ergeht es Lestat im Folgeroman, der im Verlauf seiner Abenteuer auf „Jene, die bewahrt werden müssen“, die ersten beiden Vampire, sowie ihren Wächter Marius trifft. Diese beiden Urvampire, Akasha und Enkil, waren zu Lebzeiten, viele Jahrtausende vor Christi Geburt, Herrscher des Landes Kemet, das später Ägypten werden sollte. Erst in „Queen of the Damned“ erfahren wir allerdings die vollständige Geschichte: Akasha ist die eigentliche Urvampirin, ihr Zustand resultiert aus einer Vereinigung mit dem bösen Geist Amel, dieser drang durch Wunden in ihren Körper ein und machte sie so zur Untoten. Enkil und alle anderen Vampire stammen von Akasha ab und sind an ihr Schicksal gebunden, sie ist die älteste und mächtigste Blutsaugerin. Wenn ihr etwas geschieht, wenn sie bspw. der Sonne ausgesetzt wird, erleiden alle anderen Vampire dasselbe Schicksal – aus diesem Grund der Spitzname „Jene, die bewahrt werden müssen“. Irgendwann im Verlauf ihres langen Lebens verfallen die beiden Urvampire in Starre und müssen vom bereits erwähnten Marius, einem römischen Vampir, behütet werden. In dieser Zeit werden „Jene, die bewahrt werden müssen“ zu Figuren der Legende, an die sich kaum noch jemand erinnert. Dabei bleibt es in „Queen of the Damned“ natürlich nicht, Akasha erhebt sich aus ihrem Jahrtausende dauernden Nickerchen, entledigt sich ihres Gemahls und strebt danach, die Welt zu beherrschen – mit Lestat an ihrer Seite. Daraus wird letzten Endes nichts und die Vampir-Zwillinge Maharet und Mekare, uralte Gegner Akashas, verschlingen ihr Herz, sodass Mekare zur neuen „Königin der Verdammten“ wird. Über die gleichnamige Verfilmung von „Queen of the Damned“, in der die 2001 tragisch verstorbene Aaliyah die Titelfigur mimt, breitet man lieber den Mantel des Schweigens.

Nach „The Blood Canticle“ (2003), dem zehnten bzw. zwölften Band der Serie (je nachdem, wie man die beiden Bücher der kurzlebigen Sub-Reihe „New Tales of the Vampires“ zählt), legte Anne Rice eine elfjährige Pause ein, da sie zwischenzeitlich ihren Katholizismus wiederentdeckt hatte und Romane über Jesus schrieb. In den 2010er-Jahren wandte sie zwar nicht Jesus, aber der Kirche wieder den Rücken zu und ab 2014 erschienen in jeweils zweijährigem Abstand drei neue Romane der „Vampire Chronicles“: „Prince Lestat“ (2014), „Prince Lestat and the Realms of Atlantis“ (2016) und „Blood Communion: A Tale of Prince Lestat“ (2018). Ich habe diese drei Bücher noch nicht gelesen, allem Anschein nach gibt es aber gerade bezüglich des Ursprungs der Vampire einige Retcons, u.a. scheinen sowohl das legendäre Atlantis als auch Aliens involviert zu sein, was nicht allzu berauschend klingt, weshalb ich nach wie vor zögere, die „Prince-Lestat-Trilogie“ zu konsumieren.

Biblische Ursprünge: Kain und Lilith

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Kains Mord an Abel, dargestellt in „Vampire: The Masquerade“

Wie oben bereits erwähnt liegt der Gedanke, dem Ursprung des Vampirismus eine religiöse Komponente zu verleihen, nahe – schon allein wegen der bekannten Abneigung der Blutsauger gegen Religion und religiöse Symbole. Das Konzept, dass vom biblischen ersten Mörder Kain übernatürliche Kreaturen abstammen könnte, ist ziemlich alt, bereits im altenglischen Gedicht „Beowulf“ (etwa um das Jahr 1000 herum entstanden) werden Grendel und seine Mutter als Nachfahren Kains bezeichnet. Die Idee, bei Kain könne es sich um den ersten Vampir handeln, stammt meines Wissens nach aus George R. R. Martins überaus gelungenem Vampirroman „Fevre Dream“ (1982), in welchem der mögliche Ursprung der Vampire zwar diskutiert wird, darüber hinaus aber keine große Rolle spielt; es ist eher ein Nachgedanke. Im Gegensatz dazu ist „Kain als erster Vampir“ für das Pen&Paper-Rollenspiel „Vampire: The Masquerade“ (ab 1991) essentiell. In der sog. „Welt der Dunkelheit“ verflucht Gott Kain nach dem Mord an Abel dazu, für immer über die Erde zu wandern (wobei wir wieder beim „Wandernden Juden“ wären) und sich nicht mehr von den Früchten des Ackers ernähren zu können. Stattdessen soll er nach dem Blut seines Bruders dürsten, das er vergossen hat. Auf Englisch wird Vampir-Kain durch ein zusätzliches „e“ gekennzeichnet, also „Caine“. Im Verlauf der letzten dreißig Jahre und fünf Editionen hat sich zu diesem Thema einiges an Material angesammelt. Zwar existieren in „Vampire: The Masquerade“ durchaus auch parallele Entstehungsmythen, die sich diverser Elemente aus der ägyptischen, indischen, südamerikanischen und vielen weiteren Mythologien bedienen (und diese hier zu thematisieren den Rahmen des Artikels sprengen würde), aber der „Kains-Mythos“ ist letztendlich doch die dominante Ursprungserzählung. Anders handhabte man dies im Nachfolge-System „Vampire: The Requiem“, hier finden sich mehrere, konkurrierende Erzählungen, tatsächlich besteht die Möglichkeit, dass die fünf Hauptclans völlig voneinander unabhängig entstanden sind. Aber zurück zu „Vampire: The Masquerade“: Neben einer ständigen Grundpräsenz des Kains-Mythos in fast allen Regelwerken gibt es mit „The Book of Nod“ (1993) „Revelations of the Dark Mother“ (1998) und „The Erciyes Fragments“ (2000) drei Bücher im pseudo-biblischen Stil, die erzählen, wie Kain mit Irad, Zillah und Enoch drei weitere Vampire zeugt, die ihrerseits wiederum die dreizehn Vampire erschaffen, die später die dreizehn Vampir-Clans des Rollenspiels gründen, zusätzlich zu ominösen Prophezeiungen, Gesetzen etc.

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Lilith-Relief

Zudem spielt auch Lilith, Adams erste Frau, eine Rolle. Bei Lilith handelt es sich um eine Immigrantin aus der mesopotamischen Mythologie, die es zwar nicht wirklich in die Bibel, aber doch in apokryphe Texte und den babylonischen Talmud geschafft hat und u.a. dazu genutzt wird, die Diskrepanz zwischen den beiden Schöpfungsberichten im Buch Genesis zu erklären – im einen erschafft Gott Mann und Frau gleichzeitig, im anderen entsteht die Frau aus der Rippe des Mannes. Lilith ist die Frau, die gleichzeitig mit Adam geschaffen wird, sich ihm aber nicht unterordnen (sprich: unten liegen) will und deshalb aus dem Garten Eden verbannt wird, um anschließend als Kinder stehlende Dämonin und Mutter von Ungeheuern Karriere zu machen. In „Vampire: The Masquerade“ ist sie keine Vampirin, tatsächlich lässt sie sich hier sehr schwer klassifizieren, spielt aber eine wichtige Rolle bei der Erforschung von Kains neuen, finsteren Gaben, nur um schließlich von ihm verraten zu werden, weshalb sie einen tiefen Groll gegen ihn hegt. Ihre Sichtweise wird in „Revelations of the Dark Mother“ dargestellt. In vielen anderen Werken der Popkultur taucht Lilith allerdings tatsächlich als erste Vampirin auf – am prominentesten vielleicht in der HBO-Serie „True Blood“, dargestellt von Jessica Clark. Vor allem in den Staffeln 5 und 6 spielt sie eine prominente Rolle, fungiert als Antagonistin und wird von mehreren Fraktionen angebetet, natürlich unter Verwendung einer Bibel-artigen Schriftensammlung, des „Book of the Vampyr“.

Viren, Krankheiten und Familiendramen

Mythologien, besonders die jüdisch-christliche, sind ohne Zweifel eine beliebte Quelle für den Ursprung der Vampire, viele Autoren bedienen sich allerdings eines pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuchs für den Vampirismus und bedienen sich meistens eines Virus, um die übernatürliche bzw. magische Komponente loszuwerden oder zumindest zu minimieren. Ein besonders prominentes Beispiel ist die von Len Wiseman, Kevin Grevioux und Danny McBride ins Leben gerufene Filmserie „Underworld“ (2003 bis 2016). Hier sorgt ein mysteriöser Virus in Kombination mit einer genetischen Mutation dafür, dass der ungarische Kriegsherr Alexander Corvinus (Derek Jacobi) unsterblich wird. Diese Eigenschaft gibt er an seine Söhne Marcus (Tony Curran) und William (Brian Steele) weiter, die jedoch durch die Bisse einer Fledermaus bzw. eines Wolfes zum ersten Vampir und ersten Werwolf weitermutieren und auf diese Weise ihrerseits zu Begründern zweier neuer „Gattungen“ werden. In der Blade-Trilogie wird der Vampirismus ebenfalls durch ein Virus erklärt, dessen erstes Opfer bzw. erster Nutznießer der oben erwähnte Dracula/Dagon/Drake ist. Auch in der von Guillermo del Toro und Chuck Hogan verfassten Vampir-Trilogie bestehend aus den Romanen „The Strain“ (2009), „The Fall“ (2010) und „The Night Eternal“ (2011) sowie der darauf basierenden Serie „The Strain“ hat Vampirismus die Züge einer seuchenartigen Krankheit, die hier allerdings nicht durch einen Virus, sondern durch Parasiten, hier Würmer, weitergegeben wird. Auch diese Idee ist nicht neu und wurde bereits in Brian Lumleys Romanreihe „Necoroscope“ (ab 1986) etabliert und erforscht.

Eine zwar magische, aber erstaunlich unmythologische Entstehung bietet im Kontrast dazu die Serie „The Vampire Diaries“. Die Vampire als übernatürliche Wesen sind hier noch verhältnismäßig jung (gerade einmal tausend Jahre). Die Urvampire der Serie, die „Originals“ (die unter diesem Namen eine Spin-off-Serie erhielten) waren ursprünglich eine Wikingerfamilie, die sich in Amerika ansiedelte und sich mit Werwölfen herumplagen musste. Um dem entgegenzuwirken, beschließen die Oberhäupter Mikael (Sebastian Roché) und Esther (Alice Evans), sich und ihre Kinder per Magie in Unsterbliche zu verwandeln, was aber nur bedingt klappt, da sie zu blutsaugenden Vampiren werden. Alle anderen Vampire der Serie stammen von einem Mitglieder der „Originals“ ab. Wie so häufig sind diese deutlich potenter und schwerer zu töten als gewöhnliche Vampire. Trotz der Präsenz von Magie fällt auf, dass hier jegliches religiöses Element völlig fehlt, wodurch die Hintergründe dieser Serie äußerst prosaisch daherkommen. Ich persönlich ziehe meistens einen gut ausgearbeiteten, mythologischen Ursprung vor, aus diesem Grund ist die Version mit Kain aus „Vampire: The Masquerade“ auch mein Favorit. Und selbst die oben genannten Vertreter der Virus-Version können es mitunter nicht lassen, die pseudobiologische Entstehung ihrer Vampire durch altehrwürdige Dokumente ein wenig zu mythologisieren.

Bildquelle Kain
Bildquelle Lilith

Crimson Peak

Halloween 2015
Enthält leichte Spoiler!

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Story: Edith Cushing (Mia Wasikowska), Tochter des reichen amerikanischen Unternehmers Carter Cushing (Jim Beaver), sieht als Kind den Geist ihrer verstorbenen Mutter, der sie vor „Crimson Peak“ warnt. Viele Jahre später versucht sie sich als Autorin und erregt dabei die Aufmerksamkeit von Sir Thomas Sharpe (Tom Hiddleston), der mit ihrem Vater ins Geschäft kommen möchte. Carter Cushing findet schon bald heraus, dass Sir Thomas eine dunkle Vergangenheit hat und möchte nicht, dass seine Tochter mit ihm verkehrt, als er allerdings kurz darauf brutal ermordet wird, entschließt sich Edith, Thomas zu heiraten und mit ihm in das altehrwürdige Anwesen seiner Familie zu ziehen. Doch schon bald häufen sich merkwürdige Vorkommnisse, Thomas‘ Schwester Lucille (Jessica Chastain) verhält sich merkwürdig, Edith sieht Geister und dann erfährt sie auch noch, dass das Anwesen aufgrund der roten Lehmvorkommen auf dem Grundstück den Spitznamen „Crimson Peak“ trägt…

Kritik: Dieser Film steht schon länger auf meiner Liste: Guillermo del Toro, Tom Hiddleston, und dann auch noch ein viktorianisches Setting? Her damit. Zuvor allerdings ein Wort der Warnung: Um von „Crimson Peak“ nicht enttäuscht zu werden, sollte man auch nicht mit den falschen Erwartungen an den Film herangehen, die zum Beispiel durch die Trailer geweckt werden könnten, die sich eher auf die Horror-Aspekte des Films konzentrieren; stattdessen sollte man lieber hören, was der Regisseur sagt, der „Crimson Peak“ als „Gothic Romance“ beschreibt. Es kommen zwar Geister vor, diese sind aber eher eine Randerscheinung und stehen nicht wirklich im Fokus der Geschichte. Ironischerweise (und sicher mit Absicht) erläutert Edith selbst zu Beginn des Films, welcher Natur er ist. Sie spricht dabei zwar über ihr Romanmanuskript, aber was sie sagt, trifft auch auf den Film selbst zu: Es ist eine Geschichte mit Geistern, keine Geistergeschichte. „Crimson Peak“ ist nicht „Die Frau in Schwarz“; wer einen reinrassigen Horrorfilm erwartet, könnte enttäuscht werden.

Was Guillermo del Toro mit „Crimson Peak“ geschaffen hat, ist eine Liebeserklärung an die „Gothic Novel“, die nicht hinterfragt oder parodiert, sondern die Thematik einfach durchspielt. Der Horror der „Gothic Novel“ kommt zumeist aus zwei Quellen: Entweder es handelt sich um eine äußere, übernatürliche Bedrohung (Geister, Vampire, etc.), oder aber es ist eine „innere“ Bedrohung, in Form von Wahnsinn oder Verderbtheit. Trotz des Vorhandenseins von Geistern handelt „Crimson Peak“ letztendlich von Letzterem. Die größte Schwäche des Films ist wohl, dass man den Twist bzw. die Lösung des Rätsels ziemlich problemlos erahnen kann, besonders, wenn man gewisse Genre-Kenntnisse besitzt. Interessanterweise ist das Werk, an das ich beim Schauen des Films immer wieder denken musste, Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“, statt einer richtigen Geistergeschichte.

Wie dem auch sei, natürlich gibt es ein Gebiet, auf dem „Crimson Peak“ vollkommen zu überzeugen weiß, und das ist die Atmosphäre. Wie kein Zweiter versteht es Guillermo del Toro, eine grandiose Stimmung aufzubauen. Selbst im ersten Akt, der noch in Amerika und der „normalen“ Welt spielt, herrscht ein Atmosphäre sehr subtiler Bedrohung. Das titelgebende Herrschaftshaus übertrifft schließlich alle Erwartungen – was für ein grandioses Setting. Die Idee mit dem roten Lehm, durch den Haus regelrecht zu bluten scheint, ist brillant, und auch sonst verkörpert Allderdale Hall bzw. Crimson Peak die Qualitäten eines gotischen Schauplatzes: Pracht und Verfall, Kunst und Verderben. Ebenfalls gelungen ist der langsame, subtile Spannungsaufbau, der wohl für manche Zuschauer ein wenig zu viel war; diese stempelten „Crimson Peak“ sofort als langweilig ab. Mir hat das aber gut gefallen – auch das gehört zu den Stilmitteln der Gothic Novel.

Ebenso weiß „Crimson Peak“ schauspielerisch zu überzeugen, auch wenn Tom Hiddleston und Jessica Chastain ein wenig unterfordert wirken. Und schließlich wären da noch die Geister, die zwar nur spärlich auftauchen, aber unverkennbar als Kreaturen aus einem Film von Guillermo del Toro zu erkennen sind. Viele von del Toros Monster haben eine spezielle Eigenart, die man bereits vom Pale Man aus „Pans Labyrinth“ oder dem Todesengel aus „Hellboy: Die goldene Armee“ kennt, und das trifft auch auf die Geister dieses Films zu.

Fazit: „Crimson Peak“ ist zwar kein Meisterwerk á la „Pans Labyrinth“, aber eine gelungene Liebeserklärung an die Gothic Novel, die zwar unter einer eher konventionellen Geschichte und einem recht schwachen Twist leidet, aber atmosphärisch grandios daherkommt. Wer viktorianischen Horror mag, kommt trotz der Schwächen voll auf seine Kosten.

Trailer

Lovecrafts Vermächtnis: Das Necronomicon

Halloween 2015
necro
Anmerkung: Im Verlauf meines Studiums habe ich es immer mal wieder geschafft, Hausarbeiten über Themen zu schreiben, die mir besonders am Herzen liegen. Bei diesem Artikel handelt es sich um eine davon, die ich bearbeitet, gekürzt und von Zitaten und dem wissenschaftlichen Apparat befreit habe. Für den Fall, dass dieser Text Interesse an der Thematik geweckt hat, habe ich die Bibliographie der verwendeten Werke ans Ende des Artikels gepackt.

Howard Phillips Lovecraft gehört mit Sicherheit zu den einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts – oder zumindest zu den Autoren, die am häufigsten imitiert und deren Ideen weiter verfolgt werden. Gerade in den Bereichen Horror und Science-Fiction – die Genres, denen Lovecrafts Geschichten selbst ebenfalls am ehesten zuzuordnen sind – stößt man immer wieder auf Spuren des Schriftstellers aus Providence. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Lovecraft verfügte, dass seine Geschichten und Ideen weiterverwendet werden durften und sollten, was befreundete Autoren bereits zu seinen Lebzeiten taten. Nach seinem Tod nahm dies noch viel größere Ausmaße an, viele Autoren wurden zu direkten „Nachfolgern“ Lovecrafts und bauten direkt auf seinen Geschichten auf.

Eine der wohl populärsten Erfindungen Lovecrafts ist das Necronomicon, ein verbotenes Buch mit fürchterlichem Inhalt, verfasst von dem verrückten Araber Abdul Alhazred, das in vielen seiner Geschichten eine wichtige Rolle spielt oder doch zumindest erwähnt wird. Das Necronomicon ist auch das Element aus Lovecrafts Schaffen, das bei anderen Autoren am häufigsten verwendet wird. Es taucht oftmals – und sei es nur als Anspielung – in Geschichten auf, die augenscheinlich gar nichts mit der von Lovecraft geschaffenen Mythologie zu tun haben – ein Beispiel ist Stanley G. Weinbaums Roman „The New Adam“, aber selbst in einer Episode der Zeichentrickserie „Justice League Unlimited“ wird es einmal beiläufig erwähnt. Darüber hinaus hat es praktisch ein Eigenleben entwickelt, da sich lange der Glaube hielt, beim Necronomicon handle es sich um ein wirklich existierendes und nicht um ein fiktives Buch. In den Jahrzehnten nach Lovecrafts Tod entstanden sogar mehrere Ausgaben des Necronomicons, die von sich behaupteten, das „echte“ zu sein.

Das Necronomicon in Lovecrafts Geschichten
Wie bereits erwähnt zählt das Necronomicon, neben Orten wie dem fiktiven Arkham, zu den immer wiederkehrenden Elementen in Lovecrafts Geschichten. Zwar ist es nicht das einzige fiktive okkulte Werk in seinen Geschichten, aber mit Abstand das bekannteste. Zum ersten Mal tauchte es in der 1922 erschienen Geschichte „The Hound“ auf, es gab allerdings in anderen Geschichten bereits erste „Vorzeichen“, etwa in „Polaris“ (1918) oder „The Statement of Randolph Carter“ (1919) – in beiden ist die Rede von mysteriösen Manuskripten und Büchern. In „The Nameless City“ von 1921 wird darüber hinaus bereits Abdul Alhazred, der Autor des Necronomicons, erwähnt, ebenso wie ein später dem Necronomicon zugeordneter und von Alhazred verfasster Zweizeiler, der auch in „The Call of Cthulhu“ wieder auftaucht: „That is not dead which can eternal lie,/And with strange aeons even death may die.”

In „The Hound“ schließlich erfolgte die erste namentliche Erwähnung des Necronomicons, und zusätzlich wird Abdul Alhazred als Autor genannt, ansonsten gibt es allerdings kaum weitere Informationen zum finsteren Grimoire. Stattdessen führt Lovecraft hier schon die Art und Weise ein, wie das Necronomicon in kommenden Erzählungen oftmals verwendet werden sollte, denn in vielen Geschichten, in denen es vorkommt, ist es nicht wirklich für die Handlung relevant, stattdessen wird es benutzt, um die Atmosphäre des Unheimlichen und Verbotenen aufzubauen oder zu verstärken. Oftmals erinnern die merkwürdigen Vorkommnisse, die die Protagonisten Lovecrafts erleben, sie an Dinge, die sie im Necronomicon gelesen haben. In „The Hound“ wird zum Beispiel ein Amulett gefunden, das den Erzähler an eine Textstelle aus dem verbotenen Buch erinnert.

„Fragment“ des Necronomicon (kann als Wanddekoration oder RPG-Requisit käuflich erworden werden)

Ähnliche Einsätze des Necronomicons finden sich in Geschichten wie „The Call of Cthulhu“ oder „At the Mountains of Madness”, in denen das Buch selbst ebenfalls kaum handlungsrelevant ist, sondern eher dazu dient, die Atmosphäre zu schüren und der Erzählung Tiefe zu verleihen. Gerade bei Letzterer fühlt sich der Protagonist beim Anblick der Antarktis an eine Beschreibung aus dem Necronomicon erinnert, und später kommt er zu dem Schluss, dass die „Elder Things“, die die Expedition in der Antarktis gefunden hat, wohl die Grundlage für die Schilderungen im Necronomicon sind.

Es gibt allerdings auch Geschichten, in welchen das Necronomicon und sein Inhalt eine wichtige Rolle für den Plot spielen und nicht nur „Dekoration“ sind. Eine solche ist „The Case of Charles Dexter Ward“. Bei dem in dieser Geschichte enthaltenen Auszug handelt es sich um zwei Formeln, mit deren Hilfe es möglich ist, die Toten aus ihren chemischen Salzen wiederzuerwecken und diese Wiedererweckung rückgängig zu machen. Beide Formeln werden lediglich in einer fiktiven und somit unverständlichen Sprache wiedergegeben, sie enthalten jedoch den Namen des dunklen Gottes Yog-Sothoth, der in einigen anderen Geschichten eine größere Rolle spielt, u.a. in „The Dunwich Horror“. Besagte Geschichte ist auch die einzige außer „The Festival“, in welcher sich ausführliche (und auch verständliche) Zitate aus dem Necronomicon finden. In „The Festival“ steht das Necronomicon praktisch im Zentrum der Handlung, die Geschichte arbeitet jedoch in erster Linie mit Atmosphäre: Der Protagonist nimmt in der fiktiven Stadt Kingsport an einem unheimlichen Ritual, das um das Necronomicon und merkwürdige, geflügelte Kreaturen herum aufgebaut ist, teil. Letztendlich wehrt er sich, fällt in einen Fluss und wacht im Krankenhaus wieder auf. Am Ende der Geschichte sucht er ein anderes Exemplar des Necronomicon auf und liest dort einen Abschnitt, der seine Erlebnisse genau widerspiegelt.

Die in „The Dunwich Horror“, eine der wenigen Lovecraft-Geschichten mit einem „Gut-gegen-Böse-Schema“, wiedergegebene Stelle ist noch länger und auch hier ist das Necronomicon ein Teil der Handlung: Mithilfe des verfluchten Buches möchte Wilbur Whateley seinem Vater, dem finsteren Gott Yog-Sothoth, den Zugang zur Welt der Menschen ermöglichen. Besagte Stelle stammt von Seite 751 des verbotenen Buches, und ist, im Vergleich zu anderen Geschichten, verhältnismäßig eindeutig, vor allem, was die „Great Old Ones“ angeht, neben Yog-Sothoth selbst werden auch Shub-Niggurath und Cthulhu erwähnt.

Da das Necronomicon in seinen Geschichten immer häufiger auftauchte, verfasste Lovecraft 1927 einen kurzen, nicht immer ganz ernst gemeinten Abriss der Geschichte des verbotenen Buches, um in seinen Verweisen konsistent zu bleiben. Darin enthüllt er den ursprünglichen Titel des Werkes – Al Azif (abgeleitet von Geräusch, das nächtliche Insekten machen und das für das Heulen von Dämonen gehalten wurde) – und macht Angaben zur Entstehung und zum Autor, ebenso wie zur weiteren Verbreitung. So kommt der Name „Necronomicon“ nicht von Alhazred selbst, sondern von Theodorus Philetas, der das Buch im 10. Jahrhundert ins Griechische übersetzt hat. In diesem historischen Abriss finden sich auch immer wieder historische Persönlichkeiten wie Olaus Wormius oder John Dee (die Idee, dass Letzterer eine englische Übersetzung des Necronomicons anfertigte, stammt allerdings von Frank Belknap), die das Necronomicon weiter verbreiteten und übersetzten. Tatsächlich werden die historischen Persönlichkeiten, die, wie John Dee, in Lovecrafts Geschichten mit dem Necronomicon zu tun haben, genau gleich behandelt wie die fiktiven Figuren und Ereignisse, was abermals für die Verwischung der Grenze zwischen Fakt und Fiktion sorgt. Das Necronomicon bei Lovecraft ist also, wenn es für die Handlung wirklich eine Rolle spielt, immer eine Quelle von verbotenem Wissen – mitunter ist es allerdings recht unzuverlässig. In manchen Fällen sind dies lediglich Informationen, in anderen aber auch wirkungsvolle Zaubersprüche.

Das Necronomicon und der „Cthulhu-Mythos“
Beim sogenannten „Cthulhu-Mythos“ handelt es sich um eine thematische Kategorisierung der Geschichten Lovecrafts. In den Werken, die dem „Cthulhu-Mythos“ zugeordnet werden, spielen die von ihm geschaffenen, bedrohlichen und enorm mächtigen fiktiven Götter – Cthulhu, Yog-Sothoth, Azathoth etc. – eine Rolle. Er ist praktisch das, was hinter dem Necronomicon steht und die Quelle des Wahnsinns seines Autors. So gehören die meisten der oben aufgezählten Werke zu den „Mythos-Geschichten“, in denen das Necronomicon zumeist als mehr oder minder zuverlässige Wissensquelle fungiert – somit ist es, neben den unbegreiflichen Gottheiten, eines der Elemente, die die eigentlich für sich stehenden Geschichten verbinden.

Diese Einordnung ist jedoch alles andere als unumstritten. Zuerst einmal ist es nicht immer eindeutig, ob eine Geschichte zum Mythos gehört. „The Dream-Quest of Unknown Kadath“ unterscheidet sich beispielsweise stilistisch und inhaltlich stark von der „typischen“ Mythos-Geschichte wie „The Call of Cthulhu“, mit Azathoth und Nyarlathotep tauchen aber zwei Mythos-Götter auf. Ganz ähnlich verhält es sich mit „The Hound“ oder „The Festival“, in denen Mythos-Bestandteile wie Abdul Alhazred und das Necronomicon erwähnt werden, der Mythos an sich aber keine Rolle zu spielen scheint oder lediglich sehr vage angedeutet wird. Andere Geschichten, vor allem aus den früheren Jahren von Lovecrafts Tätigkeit, weisen dagegen bereits inhaltliche oder stilistische Merkmale späterer, eindeutiger „Mythos-Geschichten“ auf, enthalten aber noch keine direkten Verweise, etwa „Dagon“ oder „The Temple“. Die Zuordnung, welche Geschichten zum „Cthulhu-Mythos“ gehören und welche nicht, ist somit nicht eindeutig.

Weiteres „Fragment“ des Necronomicon

Darüber hinaus ist der Begriff „Cthulhu-Mythos“ selbst ziemlich umstritten. Er wurde von Lovecrafts Freund und Nachlassverwalter August Derleth geprägt und stammt nicht von Lovecraft selbst. In der Tat nahm Lovecraft seine Pseuodmythologie, wie sich anhand mehrerer Aussagen belegen lässt, wohl nicht besonders ernst. Viele der Aspekte stammen in der Tat von Derleth, der selbst auch „Mythos-Geschichten“ schrieb und für die zentrale Stellung Cthulhus verantwortlich ist – Lovecraft verwendete den tentakelgesichtigen Gott verhältnismäßig selten, und er ist auch nicht das dominanteste oder mächtigste Wesen seines „Pantheons“. Er selbst bezeichnete die Mythologie, wenn auch scherzhaft, als „Yog-Sothothery“. In der Tat wurde das Konzept „Cthulhu-Mythos“ von vielen Nachfolgern Lovecrafts weitaus ernster genommen als von diesem – und zum Teil wohl auch falsch verstanden, was wohl letztendlich auf Derleth zurückzuführen ist.

Das Missverständnis besteht letztendlich in der Uminterpretation der Großen Alten, die Derleth vornahm. Er klassifizierte sie als böse Wesenheiten und führte, als Gegenstück, die den Menschen wohlgesonnenen „Old Beings“ oder „Elder Gods“ ein, die es in dieser Form bei Lovecraft niemals gegeben hat – diese Begriffe beschreiben in Lovecrafts Geschichten unterschiedliche Gruppen, und auf keine davon passt Derleths Definition. Lovecraft selbst verstand den „Cthulhu-Mythos“ niemals als einen Konflikt „Gut gegen Böse“, sondern thematisierte die Begegnungen einzelner Individuen mit gewaltigen, chaotischen Kräften, auf die sie durch Zufall, Wissensdrang oder Unachtsamkeit stoßen. Zumeist endet dieser Zusammenstoß damit, dass die beteiligten Menschen sterben oder wahnsinnig werden; die destruktiven und unverständlichen Götter können nur selten direkt bekämpft werden. Gerade „The Call of Cthulhu“, wohl eine der bekanntesten Geschichten Lovecrafts, ist hier exemplarisch, Lovecraft stellt dort die Frage, ob der Mensch damit umgehen kann, dass er als Einzelner oder als Spezies völlig unbedeutend ist. Dies wird durch übermächtige Götter versinnbildlicht, die der Mensch nicht einmal verstehen kann.

Andere Autoren nahmen später weitere Modifikationen vor, die ebenfalls nicht mit Lovecrafts Absichten konform waren, aber die Wahrnehmung des „Mythos“ prägten. So versuchte Lin Carter, Lovecrafts Götter in einer Hierarchie unterzubringen oder sie den vier Elementen zuzuordnen. Trotz, oder gerade wegen des Missverständnisses, ist der „Cthulhu-Mythos“ der Aspekt von Lovecrafts Schaffen, der seine Nachfolger am meisten inspirierte. Bei ihnen ist er allerdings weniger Ausdruck der persönlichen Philosophie als viel mehr Selbstzweck.

Das Necronomicon bei anderen Autoren
Die Frage nach literarischem Einfluss des Werkes eines Autors auf die Nachfolgenden lässt sich äußerst schwer beantworten, weil dieser „Einfluss“ kaum oder gar nicht messbar ist. So finden sich in vielen Werken, die zu den Genres Science Fiction, Horror oder Fantasy gehören, gewisse Merkmale, die von Lovecraft inspiriert worden sein könnten.

Lovecrafts Einfluss erstreckt sich allerdings nicht nur auf die Literatur: In Guillermo del Toros Film „Hellboy“ etwa tauchen ebenfalls böse, schlafende Götter auf, die beim Erwachen drohen, die Welt zu zerstören, die Handlung von Ridley Scotts „Prometheus“ gleicht der von „At the Mountains of Madness“ und selbst in Werken wie George R. R. Martins Buchreihe „A Song of Ice and Fire“, die von der Konzeption doch sehr weit von Lovecraft entfernt ist, gibt es Elemente, die man als Anspielung auf ihn verstehen könnte – in diesem Fall die Religion des „Drowned God“, in Verbindung mit dem Wappen des Hauses Greyjoy (ein Krake), welches besagten Gott verehrt und der „Taufformel“ „What is dead may never die, but rises again, harder and stronger.“ Der Zweizeiler Abdul Alhazreds aus „The Nameless City“ und „The Call of Cthulhu“ könnte gut als Vorlage gedient haben. Sogar das Necronomicon selbst taucht des Öfteren in Werken auf, die nicht zum Mythos gehören, etwa in dem bereits erwähnten Roman „The New Adam“ oder der Filmreihe „The Evil Dead“.

Das „Necronomicon“ (auch „Necronomicon Ex-Mortis“) in den Evil-Dead-Filmen

Weitere Autoren, die zwar nicht den „Cthulhu-Mythos“ weiterstricken, aber doch merklich von Lovecrafts beeinflusst wurden, sind zum Beispiel Kurt Vonnegut jr. oder Ray Bradbury. Insgesamt ist die Feststellung des Lovecraft’schen Einflusses auf die nach ihm kommenden Autoren leichter festzustellen als bei vielen anderen, vor allem natürlich, weil viele andere Autoren bis heute die Tradition Lovecrafts fortführen und den Mythos kontinuierlich erweitern, wobei das Necronomicon stets ein wichtiges Element dieser Fortführung ist.

Da es eine schier unüberschaubare Anzahl an Lovecraft-Nachfolgern gibt – schon zu seinen Lebzeiten ermunterte er Autoren wie Robert Howard oder Clark Ashton Smith dazu, sich Elemente wie das Necronomicon zu „borgen“, während er seinerseits Dinge aus deren Geschichten in seinen Erzählungen einbaute – werde ich hier nur ein paar ausgewählte Beispiele aufzählen.

So manch ein Autor setzt das Necronomicon nur als Beiwerk ein, um, wie so oft bei Lovecraft, die Atmosphäre zu unterstützen und eine Verbindung zum Vorbild zu schaffen. Dies ist in Brian Stablefords „Das Innsmouth-Syndrom“ der Fall, in welcher das Necronomicon nur beiläufig erwähnt wird. Auch in der Geschichte „Der runde Turm“ ist das Vorkommen des Necronomicons eher beiläufig, auch wenn es die Nachforschungen des Protagonisten Armitage Harper in eine neue Richtung lenkt und zudem auf „History of the Necronomicon“ anspielt. Das Necronomicon wird hier im Zusammenhang mit anderen fiktiven Werken des Okkulten erwähnt, allerdings wird seine Sonderstellung gegenüber den anderen verbotenen Büchern hervorgehoben, vor keinem anderen hat Harper einen ähnlichen Respekt. Ganz ähnlich verhält es sich in „Der große Fisch“, wo das Necronomicon ebenfalls für die Handlung keine Rolle spielt und nur erwähnt wird, um noch mehr typische Lovecraft-Elemente zu haben.

Es gibt jedoch auch Gegenbeispiele. Schon in Jens Schumachers „Der Hügel von Yhth“ ist das Necronomicon als Ausgangspunkt einer Recherche von größerer Bedeutung. „Ein Porträt Torquemadas“, verfasst von Christian von Aster, stellt diesbezüglich allerdings ein noch lohnenderes Objekt dar, da das Necronomicon in dieser Geschichte eine wichtige und darüber hinaus ziemlich einzigartige Rolle spielt, durch die von Aster gleichzeitig die Popularität des verbotenen Buches kommentiert. In dieser Geschichte entdeckt der Kunsthistoriker Felix Ney, dass mit einem Bild des Malers Guiseppe del Candini, das den spanischen Großinquisitor Tomas de Torquemada zeigt, etwas nicht stimmt. Am Ende findet er heraus, dass Torquemada ein Anhänger des Cthulhu-Kultes war und die katholische Kirche von dem finsteren Gott seit Jahrhunderten beeinflusst wird. Was ihn zu dieser Entdeckung geführt hat, ist ein übermaltes Buch im Hintergrund des Bildes. Nachdem er die Übermalung abgekratzt hat, entdeckt er das ursprünglich gemalte Buch. Er bringt das Bild zu bibliophilen Antiquaren, denen es in der Tat gelingt, besagtes Buch nur anhand des Aussehens als eine Ausgabe des Necronomicons zu identifizieren. Die Handlung wird also durch das Necronomicon ausgelöst, allerdings nicht direkt durch den Inhalt, sondern vielmehr durch die bloße Existenz auf einem Gemälde. Nicht das, was ein Leser im Necronomicon findet, zählt hier, sondern die bloße Natur des Werkes. Darüber hinaus ist das Necronomicon in der erzählten Welt, ähnlich wie in der Realität, bekannt und so markant, dass es nur anhand einer unbeschrifteten Abbildung erkannt werden kann. Somit spiegelt Christian von Aster die Realität wieder, in der sich das Necronomicon ebenfalls verselbstständigt hat. Und ebenso vermischt er wie Lovecraft Realität und Fiktion, indem er real existierend historische Figuren wie Tomas de Torquemada mit dem Necronomicon in Verbindung setzt.

Eine weitere Geschichte, in der das Necronomicon eine wichtige Rolle spielt, ist „Die Glocke im Turm“ von Lin Carter, basierend auf einer Idee oder einem Fragment Lovecrafts. In dieser Geschichte ist das Necronomicon gleich in doppeltem Sinn das handlungsauslösende Element. In der Rahmenhandlung bringt der junge William dem eigentümlichen Lord Northam eine Ausgabe des Necronomicons, was diesen dazu veranlasst, William von seinen Erfahrungen mit den dunklen Künsten zu berichten. Dort ist das Necronomicon abermals handlungsauslösend; nachdem Northam lange versucht hat, durch Drogen sein Bewusstsein zu erweitern, stößt er auf „das verabscheuungswürdige und grässliche Necronomicon“ , das hier erneut als das finsterste aller finsteren Bücher dargestellt wird. Northam entdeckt dort ein Ritual, das ihm einen Einblick in andere Welten gewähren soll und das er schließlich durchführt.

Außergewöhnlich an dieser Geschichte ist, dass es, außer der Erwähnung des Necronomicons und Abdul Alhazreds, keinen wirklichen Bezug zum „Cthulhu-Mythos“, keine Erwähnung der „Great Old Ones“ oder ähnliches gibt, was für die Geschichten der Lovecraft-Nachfolger eher selten ist. Insofern steht „Die Glocke im Turm“ eher in der Tradition von Geschichten wie „The Hound“ oder „The Festival.“
Es zeigt sich also, dass das Necronomicon zwar kein unverzichtbarer, aber doch ein häufig verwendeter Bestandteil der Geschichten in Lovecraft’scher Tradition ist. Oftmals wird es nur erwähnt um, wie Lovecraft es selbst oft tat, die Atmosphäre zu steigern, manchen Autoren wie Christian von Aster gelingt es allerdings auch, das Necronomicon als wichtigen Bestandteil der Handlung zu verwenden. Die Verwendung des Necronomicons bei anderen Autoren, vor allem wenn es in Werken geschieht, die, wie die Evil-Dead-Filme, nichts mit Lovecraft zu tun haben, hat darüber hinaus auch den Nebeneffekt, dass uneingeweihte Konsumenten dadurch zu dem Schluss kommen könnten, es gäbe für das Necronomicon eine reale Grundlage.

Necronomicon-Fälschungen
Obwohl Lovecraft selbst mehrfach zu Protokoll gegeben hat, dass das Necronomicon seine Erfindung ist, hält sich nach wie vor der Glaube, es handle sich dabei um ein real existierendes Werk. Das liegt zum einen an Dingen wie der oben geschilderten Präsenz bei anderen Autoren sowie gefälschten Anzeigen oder Bibliothekseintragungen, zum anderen aber auch daran, dass es in der Tat Bücher im Handel gibt, die von sich behaupten, das echte Necronomicon zu sein, was zeigt, wie stark das Necronomicon in Lovecrafts Schaffen ist. Lovecraft selbst hatte auch mit dem Gedanken gespielt, die Nachfragen zu befriedigen, indem er das Necronomicon selbst schrieb, kam jedoch zu dem Schluss, dass es einerseits zu viel Aufwand wäre (den Angaben seiner Geschichten zufolge hätte das Buch mindestens 800 Seiten) und dass andererseits die Andeutungen und die Ungewissheit viel mehr Grauen erzeugten, als jeder Text, den er schreiben konnte.

Das Simon-Necronomicon
Das Simon-Necronomicon

Zwei dieser Werke besitze ich: „Das Buch der Toten Namen: Necronomicon“ (auch als „Hay-Wilson-Langford-Turner-Necronomicon“ bezeichnet) und das Necronomicon von Simon. Ersteres wurde bereits von einem der Autoren, Colin Wilson, als Fälschung bestätigt. Wilson veröffentlichte 1992 einen Aufsatz, der sich explizit mit der Schaffung des „Buchs der toten Namen“ beschäftigt und den Titel „The Necronomicon: The Origin of a Spoof“ trägt. Bei beiden Werken handelt es sich, da es sich nicht um die Nachahmung eines existierenden Objekts handelt – stattdessen wird etwas Fiktives „real“ – um einen sogenannten „Hoax“, was sich ehesten mit dem Begriff „Spottfälschung“ übersetzen ließe.

Sowohl das „Buch der toten Namen“ als auch das Simon-Necronomicon müssen sich erst einmal mit der Tatsache auseinandersetzen, dass das okkulte Werk, das darzustellen sie behaupten, in erster Linie in den eindeutig fiktiven Geschichten Lovecrafts vorkommt. In gewissem Sinne werfen beide Werke Lovecraft implizit selbst Fälschung vor: Während allerdings das gewöhnliche „Hoax“ Fiktion als Wahrheit präsentiert, fälsche Lovecraft, in dem er Fakt als Fiktion darstellt. Während das „Buch der toten Namen“ sich noch bemüht, dieses Problem mit umstrittenen und weit hergeholten Anekdoten aus Lovecrafts Biographie zu erklären, versucht das Simon-Necronomicon nicht einmal, diesen Umstand irgendwie zu thematisieren.

Die wichtigste Frage, die sich nun im Zusammenhang mit den beiden Necronomicon-Fälschungen stellt, ist die nach den inhaltlichen Verknüpfungen zwischen den beiden Werken und Lovecrafts Geschichten. Die Anzahl der inhaltlichen Verknüpfungen zu Lovecraft im Simon-Necronomicon ist verhältnismäßig gering. Das Werk besteht in erster Linie aus Anrufungen, Bannsprüchen, Ritualanleitungen u.ä., diese richten sich zumeist allerdings nicht an Lovecrafts Götter, sondern an Götter wie Nergal, Ishtar oder Marduk, die in Altmesopotamien oder Syrien verehrt wurden. Die Verbindungen zu Lovecrafts Werk, die tatsächlich vorhanden sind, wirken eher wie nachträglich eingearbeitet. Keines der Zitate aus „The Festival“, „The Call of Cthulhu“ oder „The Dunwich Horror“ findet sich im Simon-Necronomicon, ebenso wenig wie die Yog-Sothoth-Formel aus „The Case of Charles Dexter Ward“ oder andere wiedergegebene Inhalte aus „At the Mountains of Madness“, „The Hound“ oder irgendeiner anderen Geschichte von Lovecraft. Stattdessen werden nur immer wieder, in unterschiedlichen Zusammenhängen, einige Namen der „Great Old Ones“ genannt, in leicht abgeänderter Schreibweise, die laut Simon sumerisch ist; Cthulhu heißt im Simon-Necronomicon Kutulu, Azathoth trägt den Namen Azag-thoth und Shub Niggurath wird Shub Ishniggarab geschrieben. Der Text beschränkt sich auf diese drei, die meisten anderen Entitäten Lovecrafts, etwa Nyarlathothep oder Yog-Sothoth, finden keine Erwähnung. Darüber hinaus scheinen die meisten Referenzen ziemlich willkürlich hinzugefügt und bestehen aus eingestreuten Sätzen oder Teilsätzen, die sogar vage nach Lovecraft Inhalten klingen, wie etwa „The Dead Kutulu, Dead but Dreaming“ oftmals werden die Namen von Lovecrafts Göttern nur zusammen mit anderen aufgezählt.

Das Buch der Toten Namen
Das Buch der Toten Namen

Im Gegensatz dazu beruft sich das „Buch der toten Namen“ sehr viel stärker auf Lovecraft, seine Götter werden eindeutig und häufig beim Namen genannt, und die Beschwörungen und Rituale richten sich an sie. Und in der Tat beziehen sich einige der kurzen Kapitel auf Erwähnungen aus Lovecrafts Geschichten; die Beschreibung von „Leng in der kalten Einöde“ etwa taucht am Rande in „At the Mountains of Madness“ auf, ein Teil der Yog-Sothoth-Beschwörung aus „The Dunwich Horror“ findet sich ebenso wie der „Erkennungssatz“ der Cthulhu-Kultisten aus „The Call of Cthulhu“ – laut besagter Geschichte ist dieser allerdings gar nicht Teil des Necronomicon. Der Rest ist, salopp gesagt, Standard-Okkultismus, gewürzt mit den Namen einiger Mythos-Götter.

Das „Buch der toten Namen“ hat also weitaus mehr mit den Geschichten Lovecrafts zu tun als das Simon-Necronomicon, beide haben allerdings ein Detail gemeinsam, das sie von Lovecraft entfernt: Die grundsätzliche Auffassung des „Cthulhu-Mythos“. Hier orientieren sich beide nicht an Lovecraft selbst, sondern an August Derleths Sichtweise auf Lovecrafts Geschichten. Das trifft besonders auf das „Buch der toten Namen“ zu, das Derleths „Elder Gods“ als den Menschen wohlgesonnene Gegenspieler der „Great Old Ones“ aufgreift. Letztendlich sind sowohl das „Buch der toten Namen“ als auch das Simon-Necronomicon nicht nur Fälschungen, sie sind sogar ziemlich fehlerhafte Fälschungen, die mit dem, was sie zu sein behaupten, wenig zu tun haben. Daher eignen sie sich nicht dazu, das verbotene Buch zu sein, das Lovecraft zu seinen Geschichten inspirierte, da sie nur die Interpretation eines Nachahmers enthalten.

Bibliographie

Primärliteratur:
– Carter, Lin; Lovecraft, Howard Phillips: Die Glocke im Turm, übersetzt von Ralph Sander, in: Fest, Frank (Hg.): Der Cthulhu-Mythos: 1976-2002. Leipzig 2003, S. 55-76.
– Hay, George u.a.: Das Buch der toten Namen: Necronomicon. Holdenstedt 2000.
– Lovecraft, Howard Phillips: At the Mountains of Madness, in: Ders.: The Complete Fiction. New York 2008, S. 723-806.
– Lovecraft, Howard Phillips: The Call of Cthluhu, in: Ders.: The Complete Fiction. New York 2008, S. 355-379.
– Lovecraft, Howard Phillips: The Case of Charles Dexter Ward, in: Ders.: The Com-plete Fiction. New York 2008, S. 490-593.
– Lovecraft, Howard Phillips: The Dunwich Horror, in: Ders.: The Complete Fiction. New York 2008, S. 633-667.
– Lovecraft, Howard Phillips: The Festival, in: Ders.: The Complete Fiction. New York 2008, S. 262-269.
– Lovecraft, Howard Phillips: History of the Necronomicon, in: Ders.: The Complete Fiction. New York 2008, S. 621 f.
– Lovecraft, Howard Phillips: The Hound, in: Ders.: The Complete Fiction. New York 2008, S. 216-222.
– Lovecraft, Howard Phillips: The Nameless City, in: Ders.: The Complete Fiction. New York 2008, S. 141-150.
– Martin, George R. R.: A Clash of Kings. Book Two of A Song of Ice and Fire. New York 2011.
– Newman, Kim: Der große Fisch, übersetzt von Andreas Diesel, in: Festa, Frank (Hg.): Der Cthulhu-Mythos: 1976-2002. Leipzig 2003, S. 47-71.
– Price, Robert M.: Der Runde Turm. (Der Bericht des Armitage Harper), übersetzt von Alexander Röder, in: Fest, Frank (Hg.): Der Cthulhu-Mythos: 1976-2002. Leipzig 2003, S. 77-111
– Schumacher, Jens: Der Hügel von Yhth, in: Festa, Frank (Hg.): Der Cthulhu-Mythos: 1976-2002. Leipzig 2003, S. 102-128.
– Simon: Necronomicon. New York 1980.
– Stableford, Brian: Das Innsmouth-Syndrom, übersetzt von Usch Kiausch in: Fest, Frank (Hg.): Der Cthulhu-Mythos: 1976-2002. Leipzig 2003, S. 113-139.
– Von Aster, Christian: Ein Porträt Torquemadas, in: Fest, Frank (Hg.): Der Cthulhu-Mythos: 1976-2002. Leipzig 2003, S. 291-308.

Sekundärliteratur:
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Berge des Wahnsinns

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An H. P. Lovecraft scheiden sich die Geister – für seine Art des Horrors und des Grauens muss man empfänglich sein (und zudem sollte man wegen seines trockenen und mitunter sperrigen Stils auch ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen besitzen). An seiner, nach „Der Ruf des Cthulhu“, berühmtesten Geschichte, „Berge des Wahnsinns“, scheiden sich allerdings selbst unter denen, die Lovecraft wohlgesonnen sind, die Geister.
Inhaltlich gibt es zwar viele Parallelen, aber auch einige Unterschiede zu den typischen Lovecraft-Geschichten. Die bedeutendste Abweichung vom üblichen Schema dürfte wohl der Schauplatz sein; während die meisten seiner Geschichten in Lovecrafts Heimat Neuengland (wo „Berge des Wahnsinns“ immerhin beginnt), finden die Ereignisse dieser Erzählung in der Antarktis statt. Ansonsten ist allerdings vieles Vertraut: Wie so oft haben wir einen Ich-Erzähler; die Geschichte ist als Bericht eines Überlebenden konzipiert. Ebenso tauchen viele der typischen Lovecraft-Anspielungen auf, etwa die Stadt Arkham oder das Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Alhazred.
Der Ich-Erzähler, William Dyer, berichtet von einer Expedition der Miskatonic-Universität in die Antarktis. Das Expeditionsteam entdeckt dabei tief im Süden eine gewaltige Bergkette, deren Gipfel höher sind als der Mount Everest. In diesen Bergen des Wahnsinns stoßen die Forscher zuerst auf merkwürdige Fossilien und später auf eine gewaltige Stadt, die nicht von Menschenhand errichtet wurde. Sie entdecken, dass bereits andere intelligente Geschöpfe, die sie die „Alten Wesen“ nennen, die Erde bevölkert, gegen den tentakelgesichtigen Gott Cthulhu gekämpft und wahrscheinlich auch das restliche Leben auf der Erde erschaffen haben – und nicht nur dieses. Als Sklaven verwendeten sie die ebenfalls künstlich gezüchteten Shoggothen, doch diese erhoben sich gegen ihre Herren, und sie bevölkern immer noch die Berge des Wahnsinns…
„Berge des Wahnsinns“ gehört zwar zum sogenannten „Cthulhu-Mythos“ (Lovecraft selbst verwendete diesen Begriff nie für die von ihm geschaffene, lose miteinander verknüpfte Mythologie, er stammt von August Derleth), doch die Herangehensweise ist eine andere als in den meisten anderen Lovecraft-Geschichten. Während diese zumeist eher andeuten und mysteriös bleiben – nicht selten verfällt der Protagonist dem Wahnsinn, weil er das Ausmaß des kosmischen Bedrohung, die von den Großen Alten ausgeht, schlicht nicht erfassen kann – ist diese Geschichte eindeutiger. Auf gewisse Weise folgt „Berge des Wahnsinns“ dem üblichen Muster, aber eben nur auf gewisse Weise. Nicht zuletzt wegen der Protagonisten ist alles wissenschaftlicher als in den meisten anderen Lovecraft-Geschichten; „Berge des Wahnsinns“ führt den „Cthulhu-Mythos“ nicht nur weiter, sondern dekonstruiert ihn auch. Lovecraft war bekennender Atheist und ging schließlich auch an seinen eigenen Mythos wissenschaftlich heran. In vielen Mythos-Geschichten gibt es ein gewisses Science-Fiction-Element, das in dieser am stärksten hervortritt – durch die Analyse Dyers werden die „Monster“ der Geschichte greifbarer. Obwohl der Mythos dekonstruiert wird, ist der Schrecken von „Berge des Wahnsinns“ doch von der Sorte, wie man ihn häufig bei Lovecraft findet: Die Idee der Bedeutungslosigkeit der Menschen, die lediglich aus Zufall oder zum Amüsement einer überlegenen Spezies erschaffen wurden.
Um ganz ehrlich zu sein: Mir persönlich sind die mythischeren Lovecraft-Geschichten lieber, in „Berge des Wahnsinns“ ist vieles ein wenig zu klar und eindeutig; so spielen die mythischeren Elemente, wie das Necronomicon, dieses Mal auch eine eher untergeordnete Rolle. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Geschichte nicht auch ihre ganz eigene Faszination ausüben würde. Das ewige Eis der Antarktis schafft eine fremdartige Atmosphäre, die Lovecraft vorzüglich auszunutzen weiß.
Daher ist es wenig verwunderlich, dass vor einiger Zeit eine Filmadaption von „Berge des Wahnsinns“ geplant war. Guillermo del Toro sollte Regie führen – eine Nachricht, die den Fans buchstäblich das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, immerhin hatte der Mexikaner bereits bei „Hellboy“ eine gewisse Affinität für Lovecraft gezeigt. Del Toro war auch nicht bereit, Kompromisse einzugehen und wollte partout nicht, dass der Stoff entschärft, mit einem Happy-End versehen oder auf andere Art an Hollywood-Konventionen angepasst wurde. Möglicherweise wurde der Film deshalb auch, trotz der Unterstützung James Camerons, für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Als weiterer Grund wird oftmals Ridley Scotts „Prometheus“ angegeben – ich schrieb ja bereits an anderer Stelle, dass „Prometheus“ beinahe wie eine Sci-Fi-Version von „Berge des Wahnsinns“ wirkt.
Obwohl der Film letztendlich nicht gedreht wurde und die Chancen darauf, dass er noch gedreht wird, zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher gering sind, ist es möglich, „Berge des Wahnsinns“ zu konsumieren, ohne Lovecrafts Text lesen zu müssen – man kann ihn einfach hören. Für den Anfänger empfiehlt sich hierbei das Gruselkabinett-Hörspiel von Titania Medien, in der das Ganze ein wenig entschärft und den Gewohnheiten eines modernen Publikums angepasst wurde. Die Figuren wirken ein wenig runder und lebensechter, zwei der Wissenschaftler wurden zu Frauen gemacht, es existiert die Andeutung einer Romanze (was bei Lovecraft nun wirklich selten vorkommt) und die ganzen mythologischen Hintergründe (Cthulhu, Necronomicon etc.) wurden ersatzlos gestrichen. Dennoch bleibt die Essenz der Geschichte erhalten – und rein technisch ist die Umsetzung, wie üblich, tadellos.
Wer den unverfälschten Text möchte, kann auch zur Komplettlesung mit David Nathan von LPL-Records greifen. Nathan liest gut und routiniert, aber gerade, wenn sich der Text in wissenschaftlichen Details zu verlieren droht, ist das Hören fast anstrengender als das Lesen.
Fazit: „Berge des Wahnsinns“ gehört zu den Lovecraft-Geschichten, die sich recht weit vom Horror entfernen und eher in Richtung Science-Fiction tendieren. Sie funktioniert fast als Dekonstruktion des „Cthulhu-Mythos“, wobei der Grusel leider ein wenig auf der Strecke bleibt. Interessant ist „Berge des Wahnsinns“ jedoch allemal und sollte von jedem, der sich für Lovecraft interessiert, gelesen werden.

Anmerkung: Dieser Artikel sollte eigentlich Teil der Halloween-Artikelreihe sein, universitäre Gründe haben allerdings verhindert, dass ich all das geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe. Die geplanten Artikel kommen trotzdem, aber eben mit Verspätung.

Siehe auch:
Der Cthulhu Mythos
Prometheus – Dunkle Zeichen
Hellboy
Batman: Schatten über Gotham

Das DC Cinematic Universe

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In den Comics treffen sich die Superhelden bereits seit den 40ern und bilden Teams, im Kino dagegen ist dies ein sehr neues (und eigentlich überfälliges) Phänomen. Nachdem die Marvel Studios vorgemacht haben, wie es geht, will DC/Warner Bros. Sich natürlich nicht lumpen lassen.
Bei Marvel erwiesen sich die ursprünglichen Startprobleme als Glücksfall: Man hatte bereits viele Filmrechte an andere Studios verkauft (u.a. die zu Verlagsflagschiffen wie X-Men, Spider-Man oder den Fantastischen Vier), war aber nicht mit den Anteilen zufrieden, weshalb der Verlag sein eigenes Studio gründete: Die Marvel-Studios. Zufälligerweise besaß man auch alle Filmrechte an den Figuren, die für eine Leinwandadaption der Avengers nötig wären, und so machte man aus der Not eine Tugend, baute die Helden in Einzelfilmen auf und feierte schließlich mit „The Avengers“ einen überragenden Erfolg, Kritiker, Fans und Publikum liebten den Film. Man war ein gewisses Risiko eingegangen und es hatte sich ausgezahlt.
Generell sind Studios allerdings eher selten risikofreudig, besonders, wenn es um Millionenblockbuster geht. Wenn allerdings etwas erfolgreich ist, möchten die anderen natürlich etwas vom Kuchen abhaben. Die Studios, die zum Beispiel immer noch Marvelrechte besitzen, werden den Teufel tun und diese an den Verlag zurückfallen lassen. Und Warner möchte mit den DC-Helden natürlich Marvels Erfolg gerne wiederholen. Und theoretisch wäre das auch kein Problem, denn da DC-Comics Warner gehört, gibt es rechtliche keine Probleme. Das Problem ist eher, dass bisher so ziemlich alle DC-Filme, die nicht Batman oder Superman als Protagonisten hatten, floppten. In der Tat sind viele der Meinung, dass sich die DC-Helden, mit Ausnahme der beiden Flagschiffe, überhaupt nicht für die Leinwand eignen würden. Viele bezeichnen gar Batman als den Marvel-Helden im DC-Universum. Als jemand, der praktisch schon sein ganzes Leben lang DC-Comics liest, sehe ich das völlig anders. Ingesamt ist das Potential der DC-Figuren in meinen Augen genauso groß wie das der Marvel-Helden. In beiden Verlagen gibt es viele tolle Figuren, und in beiden Verlagen wurde schon viel Müll fabriziert. Flash oder Green Lantern sind keineswegs lächerlicher oder schwerer umzusetzen als Thor oder Captain America. In meinen Augen wurden bei DC bisher schlicht und einfach die falschen kreativen Entscheidungen getroffen.
Nun, da „Man of Steel“, von Warner als Startfilme eines DC Cinematic Universe intendiert, zwar keineswegs so gut war, wie ich es mir erhofft habe (im Vergleich mit Marvels Startfilm „Iron Man“ zieht MoS auch eindeutig den kürzeren), aber doch erfolgreich genug, kann man wohl davon ausgehen, dass das DC Cinematic Universe wohl angelaufen ist. Die Fortsetzung zu „Man of Steel“ wurde bereits angekündigt, und in den nächsten Wochen und Monaten hört man sicher weiteres. Dies nehme ich hiermit zum Anlass, um einmal ausführlich über ein DC Cinematic Universe zu sinnieren und meine Hoffnungen, Wünsche und Vorstellungen niederzuschreiben, ähnlich, wie ich das in Hinblick auf zukünftige Star-Wars-Episoden getan habe.

Man of Steel 2
In meinem Review zu „Man of Steel“ habe ich versucht, das Ganze möglichst spoilerfrei zu halten, dies wird hier nicht der Fall sein.
Trotz einiger gravierender Schwächen hat „Man of Steel“ eines auf jeden Fall richtig gemacht: Das Casting von Superman. Die größte Schwäche von Martin Cambbells „Green Lantern“ war in meinen Augen Ryan Reynolds, den ich nicht als Hal Jordan sehen konnte und den ich auch nicht als Hal Jordan sehen will (ich bin immer noch für Nathan Fillion). Henry Cavill dagegen gefällt mir als Superman richtig gut, und ich kann mir auch gut vorstellen, ihn in weiteren Filmen in dieser Rolle zu sehen.
Was eine Fortsetzung zu „Man of Steel“ allerding in jedem Fall braucht, ist mehr Charakter. Nolan, Goyer und Snyder arbeiten mit so ikonischen Figuren, dass das eigentlich kein Problem sein sollte, ist es aber dennoch. Und etwas weniger Daueraction und stattdessen mehr Entwicklung wäre sicher auch nicht verkehrt. Wie ich an anderer Stelle bereits schrieb: Es wäre wohl nicht übel, David S. Goyer noch einen weiteren Drehbuchautor zur Seite zu stellen, der ein wenig korrigierend wirkt.
Was ebenfalls wichtig ist: Die Verantwortlichen bemühten sich sehr, das Ganze ernst und düster wirken zu lassen, möglicherweise auch, um Marvel und den recht selbstironischen Ansatz nicht einfach nur zu kopieren. So weit so gut, dann aber bitte auch durchgängig. Der Mord an Zod sollte schon große Nachwirkungen haben. Mit dem Umstand, dass Superman Zod umbringt, habe ich weniger Probleme (auch wenn man das Ganze plausibler hätte inszenieren können), denn in den Comics hat Superman das ebenfalls getan (irgendwann in den frühen 90ern, wenn ich mich recht erinnere, hatte etwas mit einem Taschenuniversum und dem formwandelnden Matrix-Supergirl zu tun). Jedenfalls hatte diese Tat enorme Nachwirkungen und hat Superman noch lange gequält. Wenn man schon diesen Ansatz wählt, sollte man auch im kommenden Film zeigen, dass Superman sich extreme Vorwürfe macht, sich fragt, ob es wirklich richtig und nötig war etc. Ebenso die Zerstörung von Metropolis: Wenn man bedenkt, welche Nachwirkungen der 11. September hatte, wäre das mehr als logisch: Aliens haben eine Großstadt verwüstet. Damit lässt sich viel Konfliktpotential aufbauen.
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Mark Strong mit fast passender Frisur

Dies bringt mich auch gleich zum Schurken: In diesem Zusammenhang ist Lex Luthor unabdingbar und drängt sich geradezu auf. Luthor als verrückter Wissenschaftler oder labiler Immobiliengangster wäre allerdings völlig fehl am Platz. Ich mochte weder Gene Hackman noch Kevin Spacey in der Rolle, was aber auch an der Konzeption lag. Luthor gefällt mir als eiskalter Geschäftsmann, der in Superman eine Bedrohung der menschlichen Größe (und seiner eignen) sieht, am besten – so, wie er in „Superman: The Animated Series“ auftrat. Gerüchtehalber will Zack Snyder Mark Strong in der Rolle, wenn es allerdings nach mir ginge, würde man einfach Clancy Brown, den Luthor-Sprecher aus S:TAS nehmen und ihn rasieren.
Luthor sollte allerdings nicht alleine agieren, denn das hatten wir schon in „Superman“ und „Superman Returns“.
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Clancy Brown hat für Lex Luthor noch zu viele Haare, aber das kann man schnell ändern

Für „Man of Steel 2“ sollte man ihn mit einem anderen Schurken kombinieren, bei dem er im Hintergrund die Fäden ziehen kann. Metallo (John Corben, ein Cyborg mit Kryptonit-Herz) würde sich vielleicht anbieten, oder der Parasit (kann die Kräfte von Superhelden absaugen). Luthor in Kombination mit Metallo oder dem Parasiten wären darüber hinaus eine logische Weiterführung von „Man of Steel“, wo Superman es mit Artgenossen zu tun bekam, die dieselben Fähigkeiten hatten wie er. In der potentiellen Fortsetzung würde er dann seine Kräfte verlieren (entweder durch Metallos Kryptonit oder die Fähigkeiten des Parasiten) und würde so die Erfahrung machen, wie es ist, als „Normalo“ gegen jemanden mit Superkräften bestehen zu müssen.
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Der Parasit und Metallo (aus „Superman: The Animated Series“)

Wen ich ebenfalls gerne sehen würde, nach Möglichkeit allerdings noch nicht in „Man of Steel 2“, ist Brainiac, eine außerirdische künstliche Intelligenz, die Informationen von verschiedenen Planeten sammelt und diese anschließend zerstört.
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Eine der vielen verschiedenen Inkarnationen von Brainiac

Batman
DASS der Dunkle Ritter auf die Leinwand zurückkehren wird, dürfte außer Frage stehen, immerhin hat er Warner zwei Mal Rekordeinnahmen beschert. Die Frage ist, WIE. Der einfachste Weg für Warner wäre es natürlich, an den Erfolg der Dark-Knight-Trilogie anzuknüpfen, zumindest theoretisch. Allerdings gibt es da freilich einige Probleme. Die pseudorealistische Inszenierung der Dark-Knight-Trilogie verhindert die Existenz anderer Superhelden, und mehr noch: Nolan hat explizit gesagt, dass es in der Welt, in der sein Batman existiert, keine weiteren Superhelden gibt. Das Ende von „The Dark Knight Rises“ macht es darüber hinaus noch schwieriger (denn mal ehrlich, wer will schon Joseph-Gordon-Levitt als nicht-Bruce-Wayne-Batman sehen?). Man hatte auch überlegt, Christian Bale einfach in einem Reboot erneut als Bruce Wayne/Batman einzusetzen (so ähnlich wie Judy Dench, die sowohl in den Brosnan-Bonds als auch in den Craig-Bonds, die ja einer unterschiedlichen Kontinuität folgen, M darstellt), dieser machte sein Mitwirken an einem weiteren Batman-Film allerdings an Chris Nolan fest. Es wird also auf einen kompletten Reboot hinauslaufen, und mal ehrlich, ich bin damit ziemlich zufrieden. Ich liebe die Dark-Knight-Trilogie (zumindest die ersten beiden Teile, „The Dark Knight Rises“ ist immerhin noch akzeptabel), aber Batman ist eine Figur, die bei der Adaption sehr viele Herangehensweisen erlaubt.
Gerüchten zufolge will man sich bei einem Batman-Reboot lose an den Arkham-Spielen („Arkham Asylum“ und „Arkham City“) orientieren, was eigentlich gar keine üble Idee ist. Das sog. „Arkhamverse“ vereint sowieso Stilmittel aller Interpretationen. Die Charaktere wirken mitunter wie düsterere Versionen der Figuren aus „Batman: The Animated Series“, nicht zuletzt deshalb, weil einige der Sprecher (Kevin Conroy für Batman, Mark Hamill für den Joker, in „Arkham Asylum“ auch Arleen Sorkin für Harley Quinn) ihrer Rollen wieder aufnehmen und viele andere (zum Beispiel Mister Freeze und Two-Face) ihren B:TAS-Pendants stimmlich sehr ähneln. Atmosphärisch wird Tim Burtons Gothic-Ambiente mit der dreckig-realistischen Stimmung von „Batman Begins“ vermischt und in „Arkham City“ finden sich sogar Anspielungen an die Schumacher-Filme in Form von Neonfragenzeichen.
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Der Pinguin in „Arkham City“

Nachdem vor allem „The Dark Knight“ und „The Dark Knight Rises“ sehr große Filme waren (mitunter eines der Hauptprobleme von Letztgenanntem, er war fast zu groß und wollte zu viel) würde ich mich auch über einen kleineren Batman-Film freuen, in dem Mal nicht die ganze Stadt in Gefahr ist, etwas psychologischeres, das eher in Richtung Thriller geht, Batmans detektivische Seite hervorhebt, und das am besten mit Schurken, die es in den Nolan-Filmen nicht zu sehen gab. Hush würde sich anbieten (hier könnte man sich am Hush-Quest in „Arkham City“ orientieren und etwas Ähnliches als Ausgangspunkt verwenden. Ebenso wäre eine düsterere Version des Riddlers denkbar, Calendar Man (wie er in Jeph Loebs „The Long Halloween“ auftaucht) wäre eine Möglichkeit und Hugo Strange würde sich ebenfalls anbieten. Darüber hinaus könnte man den Pinguin oder Black Mask als Gangsterboss etablieren.
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Hush in „Arkham City“

Die Ursprungsgeschichte sollte nach Möglichkeit vermieden oder in ein, zwei Flashbacks relativ schnell abgehandelt werden; zugegebenermaßen wurde dieser Aspekt in „Batman Forever“ recht gut bearbeitet, der Film verlangt eigentlich keine Vorkenntnisse, Batman ist bereits etabliert und der Mord an Thomas und Martha wird in Rückblicken noch einmal als Subplot aufgearbeitet.
Eine weitere Möglichkeit, die von Warner ebenfalls bereits in Erwägung gezogen wurde, ist, Batman zuerst in einem Team-Film vorzustellen, entweder direkt „Justice League“ oder ein World’s-Finest-Film, also ein Zusammentreffen von Batman und Superman. Von Superman ausgehend könnte in einem solchen Streifen Batman neu eingeführt werden.
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Black Mask

Wie auch immer Batman auf die Leinwand zurückkehrt, ich hoffe, dass dieses Mal David S. Goyer nicht am Drehbuch beteiligt ist, und das nicht nur wegen des suboptimalen MoS-Scripts, sondern auch, weil ich sehr gerne die Vision eines anderen Autors sehen würde. Ob Paul Dini wohl zu gewinnen wäre…?

Die Anderen
„Man of Steel“ wird in die zweite Runde gehen und Batman mit Sicherheit zurückkehren, aber DC verfügt noch über viele weitere Helden, die filmische Potential aufweisen. Green Lantern, Flash und Wonder Woman wären wohl die aussichtsreichsten für einen eigenen Film.
Aktuell ist noch nicht einmal geklärt, ob der gefloppte Green-Lantern-Film mit Ryan Reynolds fortgesetzt bzw. integriert wird oder nicht, aber die Chancen stehen relativ schlecht. Die Frage ist natürlich, ob Warner nach so kurzer Zeit schon wieder einen Reboot veranlassen wird oder ob Green Lantern erst in einem Justice-League-Film auftauchen wird. Eventuell könnte man den Weg der Justice-League-Zeichentrickserie gehen und einfach einen anderen als Hal Jordan im Green-Lantern-Kostüm nehmen, John Stewart oder Kyle Rayner vielleicht.
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Erst nur Hald Jordans Ersatzmann, später durch die Justice-League-Serie enorm populär: John Stewart

Wie auch immer Warner es anpackt: Man sollte die Verschiedenheit der Helden nutzen. Die Wonder-Woman-TV-Serie, die vor einiger Zeit angekündigt wurde und mit den Testvorführungen des Pilotfilms gescheitert ist, ist ein schönes Negativbeispiel: In ihre versuchte man, aus Wonder Woman eine Art weiblichen Batman mit Superkräften zu machen. Die von Adrianne Palicki gespielte, in ein dämliches Latexkostüm gehüllte Wonder Woman muss sich darin mit einer korrupten Firmenchefin auseinandersetzen. Das Ganze hat mit Wonder Woman recht wenig zu tun. Anstatt einfach einen „gewöhnlichen“ Verbrechensbekämpfer mit Kräften aus den Helden zu machen, sollte man sich lieber genau überlegen, in welchem Subgenre man den Film ansiedelt.
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Wonder Womans Badeanzug wirkt im Film sicher leicht lächerlich und das superheldentypische Latex passt auch nicht, also warum nicht ein etwas…griechischeres Outfit?

Warum Wonder Woman gegen Verbrecher kämpfen lassen, wenn es viel interessanter ist, sie gegen Figuren aus der griechischen Mythologie antreten zu lassen? Warum Green Lantern mit der x-ten Neuauflage des mutierten Wissenschaftlers konfrontieren (nein, ich mag Hector Hammond nicht), wenn man ihn stattdessen im Weltall viel interessantere Abenteuer erleben lassen könnte. Bei den Filmen des Marvel-Cinematic-Universe hat das auch ziemlich gut funktioniert: „Captain America: The First Avenger“ ging in Richtung Kriegsfilm (und das Sequel „The Winter Soldier“ soll wohl ein Spionage-Thriller werden), und auch Thor musste sich nicht mit irgendwelchen unpassenden irdischen Schurken herumschlagen, sondern mit Loki und den Eisriesen.

Justice League Dark
Bevor ich über das große Ziel, DCs Äquivalent zu Marvels Avengers spreche, noch kurz zu etwas anderem, das damit nur lose (wenn überhaupt) zusammenhängt: Die Justice League Dark. Bei dieser handelt es sich um ein Team von DCs übernatürlichen Helden, die Zauberin Zatanna, die Wahrsagerin Madame Xanadu, John Constantine oder der Geist Deadman sind nur einige Beispiele. Obwohl ich DCs magische Helden wirklich liebe, würden sie wohl nicht in diesem Artikel auftauchen, wäre da nicht die Aussage Guillermo del Toros, er habe vor, die Justice League Dark zu verfilmen. Meine Reaktion: ICH WILL DAS SEHEN! Wenn es jemanden gibt, der DCs übernatürliche Helden verfilmen kann, dann Guillermo del Toro – der Stil von „Pans Labyrinth“ und den beiden Hellboy-Filmen eignet sich vorzüglich.
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Mögliche Mitglieder der JLD: Deadman, Madame Xanadu, John Constantine, Zatanna, Enchantress, Shade und Mindwarp

Die JLD existiert unter diesem Namen erst seit dem Reboot des DC-Universums, allerdings gab es in der Gestalt der Sentinels of Magic und des Shadowpact zwei ähnlich geartete Vorgängerteams, die sich im Rahmen größerer übernatürlicher Bedrohungen immer mal wieder zusammenfanden.
Gegenwärtig arbeitet del Toro nach eigener Aussage wohl am Drehbuch und hat bereits einige Figuren genannt, die nach seiner Vorstellung auftauchen sollen, neben den oben genannten unter anderem auch der Spectre, der Dämon Etrigan und der Phantom Stranger, welche ich alle nur zu gern in einem Film sehen würde.
Als Randnotiz: Anders als Tim Burton oder Chris Nolan, die einen Lieblingskomponisten haben, mit dem sie fast immer zusammenarbeiten, wechselt del Toro praktisch von Film zu Film, sogar innerhalb einer Filmreihe (Marco Beltrami schrieb die Musik für „Hellboy“, Danny Elfman für „Hellboy II: Die goldene Armee“). Für einen Justice-League-Dark-Film würde ich sehr gerne hören, wie eine Zusammenarbeit von del Toro und Christopher Young klingen würde.

Justice League
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Die aktuelle Justice League (von links nach rechts): Aquaman, Green Lantern, Wonder Woman, Superman, Batman, Flash und Cyborg

Das Ziel, das DC-Äquivalent zu den Avengers: Die Justice League. Kann sie funktionieren? Wenn es richtig angepackt wird, ja. Warner möchte am liebsten auch für die Justice League David S. Goyer, nach „Man of Steel“ muss ich allerdings sagen: Bitte nicht, zumindest nicht ohne Unterstützung. Der Plot von „The Avengers“ war zwar relativ simpel (Aliens greifen die Erde an), aber der Film hat funktioniert, weil Joss Whedon es exzellent versteht, mit einem Ensemblecast umzugehen. Jede der ikonischen Figuren wird entsprechend in Szene gesetzt und bekommt ihren Anteil. Genau das ist es, was auch die Justice League benötigt und was ich bei „Man of Steel“ vermisst habe – Stichwort Funktionalität vs. echter Charakter.
Die nächste Frage ist die Zusammensetzung: Bei der Justice League spielt die Zahl sieben immer eine große Rolle. Als die Gruppe in den 60ern zum ersten Mal zusammenkam, bestand sie aus sieben Mitgliedern: Superman, Batman, Wonder Woman, Flash, Green Lantern, Aquaman und Martian Manhunter. Die ersten fünf sind wohl mit ziemlicher Sicherheit dabei, Aquaman und Martian Manhunter wurden bereits in der Vergangenheit gerne ausgetauscht, Ersterer in der Justice-League-Zeichentrickserie (ersetzt durch Hawkgirl) und Letzterer im aktuellen Reboot (durch Cyborg). Natürlich besteht auch die Möglichkeit, mit einer anderen Mitgliederzahl anzufangen, fünf zum Beispiel, und die genannten Helden für einen späteren Film aufzuheben – oder durch völlig andere zu ersetzen. Auf der B-List der Justice League gibt es ja auch noch einen ganzen Haufen Helfen, etwa Green Arrow, Black Canary, The Atom, Zatanna, Plastic Man, Steel, und, und, und…
Wichtig ist in jedem Fall, dass diew Gruppendynamik stimmt und jede der Figuren auch einen Zweck hat. Batman zum Beispiel hat zwar keine Superkräfte, eignet sich aber hervorragend als Taktiker des Teams, der einen Blickwinkel hat, den alle anderen nicht vorweisen können.
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Darkseid

Noch interessanter als die Mitglieder ist die Frage nach dem Schurken und der Bedrohung, der sich die Justice League entgegenstellen muss. Gerüchtehalber möchte man Darkseid als ersten Schurken der Liga sehen, immerhin war er auch der erste Gegner der New-52-Justice League, allerdings bin ich dagegen. Darkseid ist praktisch DER Oberschurke des DC-Universums und würde sich für einen späteren Film viel besser anbieten. Traditionell wird die Justice League in den Comics zumeist wegen einer Alien-Invasion ins Leben gerufen (auch bei Darkseid wäre etwas in diese Richtung wohl unausweichlich). Als globale Bedrohung bietet sich das natürlich an, die Frage ist, ob man es damit nicht zu ähnlich wie Marvel macht. Meine Meinung: Wenn es Aliens werden, dann mit einem speziellen Twist. Hierfür würden sich eventuell die Weißen Marsianer (bösartige Verwandte des Martian Manhunter und damit Gestaltwandler) oder Starro der Eroberer (der Seesterne in Parasiten verwandeln kann und auch der erste Gegner der Justice League in den 60ern war). Ansonsten gäbe es freilich auch die Möglichkeit, einen irdischen Gegner zu bemühen. Beispiele wären die Injustice Gang, die Legion of Doom oder die Secret Society of Super Villains (alles Zusammenschlüsse von Superschurken, ähnlich der Justice League), Vandal Savage (ein unsterblicher Höhlenmensch), Prometheus (eine Art Anti-Batman), Projekt Cadmus (eine Regierungseinrichtung gegen Superhelden, würde sich aber erst für einen späteren Film eignen) oder der Androide Amazo, der die Fähigkeiten der Justice League imitieren kann.
In jedem Fall gibt es genug Quellenmaterial, an dem man sich orientieren kann und in dem die Justice League funktioniert hat, vor allem Grant Morrisons JLA-Run, die Justice-League-Zeichentrickserie (inklusive „Justice League Unlimited“) und Miniserien wie „JLA: Das erste Jahr“.

Die Saat


Der Großteil der aktuellen Vampirneuerscheinungen ist meistens romantischer und/oder erotischer Natur. Guillermo del Toros und Chuck Hogans „Die Saat“ (welches ich in Hörbuchform, von David Nathan gelesen, konsumiert habe) hebt sich von der grauen Masse durch in der heutigen Zeit fast schon innovativen Traditionalismus ab. Das Autorenduo erfindet dabei ganz sicher das Rad nicht neu, „Die Saat“ bewegt sich ganz eindeutig auf klassischen Spuren und leugnet das auch nicht, aber es ist schön, wenn die Vampire einfach mal wieder nur böse sind.
Der Plot erinnert im Groben ein wenig an „Dracula“, ist allerdings keine Eins-zu-Eins Übertragung in die Moderne wie John Marks‘ „Der Vampir“. Die Handlung beginnt mit der Landung einer Boeing 777 am JFK-Airport in New York. Schnell wird klar, dass einiges hier nicht mit rechten Dingen zugeht, denn alle Menschen an Bord bis auf vier sind tot. Dieser Umstand ruft Doktor Ephraim Goodweather von der Seuchenschutzbehörde auf den Plan, doch weder er, noch seine Kollegen sind auf das vorbereitet, was an Bord des Flugzeuges nach Amerika gekommen ist, nämlich die schlimmste vorstellbare Seuche überhaupt: Der Vampirismus, in Gestalt des Ältesten Jusef Sardu.
Der einzige, der Goodweather helfen kann, ist Professor Abraham Sektrakian, ein Überlebender des Holocaust, der bereits zuvor mit Sardu zu tun hatte. Zusammen mit einigen Helfern müssen die beiden nun versuchen, das „Virus“ aufzuhalten, bevor es sich unaufhaltsam ausbreitet.
Spontan würde ich annehmen, dass es zwei Haupteinflussquellen für „Die Saat“ gibt. Die eine ist natürlich Dracula, was sich schon an den vielen mehr oder weniger versteckten Anspielungen zeigt. Die Boeing 777 erinnert stark an die in Whitby einlaufende Demeter, Jusef Sardu weist eindeutig den einen oder anderen „draculösen“ Zug auf, inklusive osteuropäischer Herkunft und Setrakian trägt den Vornamen Abraham wohl auch nicht zufällig.
Die zweite Einflussquelle ist einer von del Toros Filmen, nämlich (leider?) der offensichtlichste: „Blade 2“. In gewisser Weise ist das durchaus schade; die philosophische Ebene, die zum Beispiel „Pans Labyrinth“ oder „Hellboy 2“ auszeichnete, fehlt in „Die Saat“. Stattdessen gibt es reichliche und ziemlich deftig-blutige Horroraction und, wie auch schon in „Blade 2“, eine eher wissenschaftliche Herangehensweise an die Vampire. Zudem erinnern sie sogar ein wenig an die Reaper aus oben erwähntem Film. Darüber hinaus zeichnet sich der Roman vor allem durch einen gut und atmosphärisch aufgebauten Anfang aus. Besonders die langsame Wandlung der vier Überlebenden des Fluges halte ich für enorm gelungen und interessant. Der Schlussteil dagegen wirkt ein wenig überhastet; am Ende geht alles sehr schnell und fast ein wenig zu unspektakulär.
Der eigentliche Protagonist, Ephraim Goodweather, erfüllt seinen Zweck ganz gut, auch wenn der geschiedene, seinen Sohn liebende Vater relativ klischeehaft und in letzter Zeit etwas überstrapaziert ist („Krieg der Welten, „2012“ etc.) Auch Abraham Setrakian ist nicht wirklich innovativ und erinnert stark an eine Kombination aus seinem Namenspatron aus „Dracula“ und Whistler aus der „Blade“-Reihe, der zu allem Überfluss ebenfalls denselben Vornamen trägt.
Einerseits hätte man durchaus mehr erwarten können, aber andererseits ist es auch schön, sich einen kurzweiligen Vampirthriller zu Gemüte zu führen, der sich der Flut der Twilight-Trittbrettfahrer entgegenstellt.
Die actionreiche, sehr filmische Handlung gibt darüber hinaus auch David Nathan (u.a. deutsche Synchronstimmte von Christian Bale und Johnny Depp) die Gelegenheit, ein weiteres Mal zu beweisen, dass er ein erstklassiger Sprecher ist und sich gerade für Spannungsliteratur wunderbar eignet.
Fazit: Kurzweilig, actionreich, blutig und absolut nicht romantisch, alles von David Nathan hervorragend interpretiert. Monströse Vampire waren einfach mal wieder nötig.