Lovecrafts Vermächtnis: Die Opferung

opferung
Lovecrafts „The Dreams in the Witch House“ ist eine der wenigen Geschichten des Schriftstellers aus Providence, in der tatsächlich eine markante weibliche Figur auftaucht, nämlich die Hexe Keziah Mason, die mithilfe noneuklidischer Geometrie und sehr, sehr fortgeschrittener Mathematik alles Mögliche zustande bringt, etwa reisen durch Zeit und Raum. Lovecraft nimmt hier ein klassisches Element der Horror-Literatur, die Hexe, und interpretiert sie neu. Ob das wirklich gelungen ist, ist allerdings umstritten, denn „The Drams in the Witch House“ gehört nicht zu Lovecrafts beliebtesten Geschichten; der führende Lovecraft-Experte S. T. Joshi hat beispielsweise keine allzu hohe Meinung von ihr. Ich persönlich sehe die Erzählung etwas positiver als Joshi, finde sie aber vor allem wegen ihrer Ideen interessant und weniger wegen der Umsetzung. Trotzdem hat auch „The Dreams in the Witch House“ viele Autoren beeinflusst. Einer davon ist Graham Masterton, dessen 1992 erschienener Roman „Die Opferung“ (Originaltitel: „Prey“; die deutsche Ausgabe erschien erst 2014 beim Festa-Verlag) eine sehr deutliche Hommage an „The Dreams in the Witch House“ ist.

Anders als Lovecrafts Erzählung spielt „Die Opferung“ nicht in Arkham, sondern in dem tatsächlich existierenden englischen Küstendorf Bonchurch. Protagonist ist der geschiedene Handwerker David Williams, der mit seinem kleinen Sohn Danny vorübergehend in das alte, etwas marode Fortyfoot-Haus zieht, um es zu renovieren, da sein Besitzer es verkaufen möchte. Mit der mittellosen Studentin Liz gesellt sich ein weiterer Hausgast hinzu. Wie nicht anders zu erwarten kommt es schon bald zu merkwürdigen Ereignissen. Die merkwürdige Architektur des Fortyfoot-Haus wäre ja noch zu ertragen, aber nachts scheinen merkwürdige Lichter aus den Fenstern, Ratten bewegen sich im Gemäuer, Dorfbewohner sterben eines mysteriösen Todes und dann ist da noch die Legende von Brown Jenkin, der Riesenratte mit menschlichem Gesicht, die sich schon bald als äußerst wahr entpuppt…

Die Parallelen zu „The Dreams in the Witch House“ fallen sofort auf, vor allem da Masterton zwei Figuren, Brown Jenkin und die Hexe Keziah (hier Kezia) Mason direkt übernimmt. Auch die Konzeption des Fortyfoot-Haus mit seinen merkwürdigen Winkeln erinnert stark an Lovecrafts titelgebendes Hexenhaus in Arkham. Mastertons Roman ist allerdings keine Fortsetzung, sondern eher eine Neubearbeitung von Lovecrafts Ideen. Vor allem Mastertons Kezia ist definitiv ein anderer Charakter als das Gegenstück aus „The Dreams in the Witch House“, beide teilen nur den Namen und einige Eigenschaften. Lovecrafts Hexe war eine tatsächliche Frau, die lebte und scheinbar hingerichtet wurde; optisch erinnert sie stark an das Klischeebild der hässlichen, alten Hexe. Bei Masterton ist Kezia letztendlich eher ein parasitäres Wesen, das ein wenig an die Rasse von Yith aus Lovecrafts „The Shadow out of Time“ erinnert. Ebenso hat sich Masterton für eine andere kosmische Entität entschieden, die letztendlich hinter allem steht. Bei Lovecraft schließt die Hexe einen Pakt mit Azathoth, wobei Nyarlathotep als Vermittler fungiert. Masterton dagegen verwendet Yog-Sothoth.

Anders als viele andere Lovecraft-Nachfolger kommt Masterton seinem Vorbild stilistisch kaum entgegen. Zwar bedient er sich eines Ich-Erzählers, aber das war es im Grunde auch schon. David Williams ist kein etwas fragiler Intellektueller und hat auch sonst recht wenig mit dem typischen Lovecraft-Protagonisten gemein. Ein weiterer Unterschied zu Lovecraft sind die zum Teil sehr expliziten Sex- und Gewaltszenen. Insgesamt liest sich „Die Opferung“ sehr angenehm und flüssig. Anders als Lovecraft hat Masterton keinerlei Probleme damit, spannend und halbwegs mitreißend zu schreiben, es fehlen jedoch spezifische Eigenheiten; Masterton schreibt routiniert und gelungen, aber recht anonym.

Inhaltlich lässt sich der Roman grob zweiteilen. Die erste Hälfte ist eine Haunted-House-Geschichte mit langsamem Spannungsaufbau, in der zweiten Hälfte dominiert dann der Kosmische Horror, wobei Masterton bei weitem nicht so indirekt und distanziert vorgeht wie Lovecraft – ich erwähnte ja bereits die diversen sehr expliziten Schilderungen. Vor allem in der ersten Hälfte ist Handlung äußerst vorhersehbar – dass David und Liz im Bett landen ist schon bei ihrem ersten Auftritt überdeutlich. Die Charaktere sind insgesamt leider nicht allzu interessant, bleiben profillos und erweisen sich mitunter als nicht besonders intelligent – gerade im Horror-Bereich gehört das unglücklicherweise oft zum Genre-Standard.

Fazit: Mastertons „Die Opferung“ ist eine durchaus gelungene und spannend geschriebene Neubearbeitung von Lovecrafts „The Dreams in the Witch House“, die jedoch über einige Schwächen verfügt. Wer sich für Kosmischen Horror interessiert, aber an Lovecrafts sperrigem, oft eher spannungsarmen Stil scheitert, könnte mit Mastertons Roman glücklicher werden, da hier Lovecraft’scher Schrecken im Gewand eines modernen Horror-Thrillers präsentiert wird.

Bildquelle

Lovecrafts Vermächtnis:
Der Cthulhu-Mythos
Nathaniel
Dagon

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