Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“


Wir schreiben das Jahr 1959: Dracula gedenkt, die moldawische Prinzessin Asa Vajda, wie der Graf selbst auch ein Vampir, zu ehelichen. Bei der Berühmtheit des Bräutigams ist es nur selbstverständlich, dass sich Menschen und Vampire aus der ganzen Welt für dieses spezielle Ereignis interessieren, so auch Charles Beauregard, inzwischen über hundert Jahre alt, aber immer noch für die britische Regierung tätig, seine Freundin und Partnerin Geneviève Dieudonné, Kate Reed und ein britischer Spion namens Hamish Bond. Doch die Veranstaltung steht unter keinem guten Stern: Bereits im Vorfeld treibt ein merkwürdiger maskierter Mörder, der sich „Der Scharlachrote Henker“ nennt, sein Unwesen und tötet Vampirälteste, die zur Hochzeit gekommen sind. Und bei der feierlichen Begehung selbst geschieht das Unglaubliche: Auch Dracula ist offensichtlich ein Opfer des Henkers…
Der dritte Teil von Kim Newmans Vampireops trägt einen, gelinde gesagt, etwas merkwürdigen Titel, der einerseits auf das gleichnamige Lied des Albums „Italian Graffiti“ anspielt und sich andererseits auf den „Tanz“ bezieht, den die Protagonisten über die Jahrzehnte hinweg mit dem König der Vampire „getanzt“ haben. Und auch sonst unterscheidet sich „Dracula Cha-Cha-Cha“ in einigen Punkten stark von den beiden ersten Teilen der Trilogie, auch wenn vieles natürlich ähnlich geblieben ist. Selbstverständlich bezieht Newman wieder, wie nicht anders zu erwarten, Filme und Bücher en masse ein, sowohl Dinge, die offensichtlich naheliegen, als auch solche, bei denen man sich ein wenig wundert, die aber dennoch passen. Vampir aus den verschiedensten Epochen tauchen auf, wenn auch dieses Mal eher Rande, darunter bereits bekannte wie Lord Ruthven, aber auch solche, die bisher noch nicht erwähnt wurden, wie zum Beispiel Faethor Ferenczy aus Brian Lumleys „Necroscope“. Und auch ansonsten geben sich viele „Prominente“ die Klinke in die Hand; etwa ein amerikanisches Ehepaar namens Addams, ein Footballspieler aus Kansas mit Namen Kent (um auf den Vornamen zu kommen muss man nicht lange raten), Michael Corleone aus „Der Pate“ oder Vater Lancester Merrin aus „Der Exorzist“. Eine wichtigere Rolle spielt der bereits erwähnte Spion Hamish Bond, dessen Identität unschwer zu erkennen ist; Kim Newman musste aus Copyright-Gründen lediglich die gälische Version von James nehmen.
Das Setting des dritten Teils ist dieses Mal natürlich von der Ewigen Stadt geprägt und soll zu dem eine Hommage an die Filme Federico Fellinis darstellen; entsprechend üppig gestaltet sich auch die Atmosphäre und entsprechend unterscheidet sie sich auch von „Anno Dracula“ und „Der Rote Baron“.
Auch in Bezug auf den eigentlichen Plot und die Figurenkonstellation hat sich einiges verändert. So haben wir dieses Mal kein neues Ermittlerpärchen mehr, sondern stattdessen werden Geneviève und Kate, der jeweils weibliche Teil der Pärchen der ersten Bände, in den Fokus gerückt. Auch Penelope Churchward, die in „Anno Dracula“ als Charles Beauregards Verlobte am Rande auftauchte, bekommt dieses Mal eine wichtigerere Rolle.
Die Charakterisierung dieser drei Frauen ist dabei sehr interessant und gelungen, auch wenn sie für meinen Geschmack einen wenig zu oft in Tränen ausbrechen.
Charles Beauregard dagegen steht am Ende seines Lebens und ist nun mehr hauptsächlich Zuschauer, während Dracula, der große Widersacher, ein relativ unrühmliches Ende bekommt. Seine Entwicklung sehe ich recht zwiespältig. Einerseits ist interessant und durchaus realistisch, aber andererseits ist es fast schade, dass der König der Vampire diese Welt derartig verlassen muss.
Fazit: „Dracula Cha-Cha-Cha“ kommt, wie schon „Der Rote Baron“ nicht an „Anno Dracula“ heran, auch wenn Newmans Schreibstil bei diesem dritten Band kaum mehr Probleme macht. Dennoch ist dem Autor abermals ein interessanter Vampirroman gelungen, der sich aus dem ganzen Einheitsbrei abhebt und die Trilogie würdig zu einem (hoffentlich nur vorläufigen) Abschluss bringt.

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: „Der Rote Baron“

Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: Der Rote Baron


Bei „Der Rote Baron“ handelt es sich um die direkte Fortsetzung zu „Anno Dracula“. Dieses Mal befinden wir uns im Jahre 1918, mitten im Ersten Weltkrieg. Mehr denn je sind Vampire Teil des öffentlichen Lebens und kämpfen sowohl auf der Seite der Alliierten als auch der Deutschen. Lord Ruthven etwa ist immer noch Premierminister von Großbritannien und inzwischen vom Verbündeten Draculas zu seinem Gegner geworden. Eben dieser nennt sich nun Graf von Dracula und hat sich mit dem deutschen Kaiserreich verbündet, seiner karpatischen Garde (zu der immer noch unter anderem Graf Orlok aus Murnaus „Nosferatu“ gehört) in der deutschen Armee hohe Ränge verliehen und den Kaiser sowie Hindenburg, Ludendorff und andere wichtige Befehlshaber zu Vampiren gemacht. Die eigentlichen Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs bleiben zwar dieselben (Deutschland wünscht einen Platz an der Sonne, bzw. einen Platz am Mond), aber die Tatsache, dass auf beiden Seite Vampire involviert sind, gibt dem ganzen zusätzliche Würze. Die eigentliche Handlung setzt, wie bereits erwähnt, 1918 ein und der Krieg tobt bereits ein ganzes Weilchen.
Eine besonders mächtige Waffe in Draculas Hand ist Manfred von Richthofen, der so genannte Rote Baron und seine Fliegerstaffel. Allerdings besteht diese, im Gegensatz zu unserer Welt, nicht etwa aus Flugzeugen, sondern aus in Fledermaushybriden á la Markus in „Underworld Evolution“ verwandelten Vampiren.
Der eigentliche Grundplot des Romans ist dem von „Anno Dracula“ recht ähnlich: Ein weiteres Mal wird, wie schon bei Jack the Ripper, ein Ermittlerpärchen vom Diogenes-Club ausgesandt, das aus einem männlichen Menschen und einem weiblichen Vampir besteht. Dieses Mal sind es allerdings nicht Geneviève Dieudonné (die in Amerika weilt und in „Der Rote Baron“ lediglich erwähnt wird) und Charles Beauregard (der im Diogenes-Club aufgestiegen ist und nun die Rolle eines Fadenziehers und Befehlshabers innehat), sondern Kate Reed und Edwin Winthrop. Während Kate Reed, die im Vorgänger bereits als Nebenfigur zugegen war, eine recht interessante Figur ist, finde ich persönlich Winthrop, der wohl am ehesten als Held der Geschichte verstanden werden kann, weniger interessant.
Die Ähnlichkeit der Grundhandlung zu „Anno Dracula“ wirkt sich jedoch glücklicherweise nicht auf das Drumherum aus, sodass „Der Rote Baron“ sich atmosphärisch und auch inhaltlich vom ersten Band der Trilogie abhebt. Statt der viktorianischen Atmosphäre steht nun die Stimmung des Ersten Weltkriegs im Mittelpunkt, und neben tatsächlich existierenden Personen wie dem Roten Baron, Hermann Göring oder dem Mörder Fritz Haarmann (der hier eine amüsante Nebenrolle bekommen hat) tauchen auch Figuren aus dem deutschen Stummfilm auf, etwa Dr. Caligari, Dr. Mabuse und natürlich Orlok, der lustigerweise sogar im Roman ziemlich stumm ist.
Newmans Intertextualität und seine extrem vielen gelungenen Anspielungen auf Film und Literatur sind ein weiteres Mal ein wahrer Genuss. Besondere Erwähnung verdient noch der Subplot um die beiden Schriftsteller Edgar (Allan) Poe (sollte bekannt sein) und Hans Heinz Ewers (wohl eher weniger bekannt, hat unter anderem die Kurzgeschichte „Die Spinne“ sowie „Vampir – Ein Roman in Fetzen und Farben“ verfasst), die eine Biographie Manfred von Richthofens schreiben sollen. Beide sind Vampire und darüber hinaus auch noch ziemlich interessante Charaktere, vor allem der mit sich selbst hadernde Poe.
Trotz aller Vorzüge kommt „Der Rote Baron“ leider nicht ganz an „Anno Dracula“ heran. Das hängt zum einen damit zusammen, dass ich die viktorianische Stimmung der dem WW1-Setting vorziehe und zum anderen damit, dass der Schluss leider viel zu kurz und unspektakulär ist, unter anderem tritt Dracula selbst praktisch überhaupt nicht auf.
Fazit: Gelungene Fortsetzung zu „Anno Dracula“, die an den ersten Teil allerdings nicht ganz herankommt. Dennoch ein hochintelligentes Werk mit interessanten Charakteren und enorm vielen Anspielungen, die den Vampirfan begeistern. Ich freue mich schon auf „Dracula Cha-Cha-Cha“, den dritten Band.

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“

Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“


Story: Wir schreiben das 15. Jahrhundert: Nach seinem Sieg über die Türken kehrt der Voivode Vlad Dracula (Gary Oldman) nach Hause zurück, nur um feststellen zu müssen, dass seine Frau (Winona Ryder) wegen einer falschen Nachricht seinen Tod betreffend Selbstmord begangen hat. Daraufhin schwört Dracula dem Glauben ab und wendet sich den Mächten der Finsternis zu – er wird zum Vampir.
400 Jahre später reist der junge Anwalt Jonathan Harker (Keanu Reaves) nach Transsylvanien, um dem mysteriösen Grafen Dracula mehrere Anwesen in London zu verkaufen. Schnell muss er allerdings feststellen, dass auf dem düsteren Schloss Draculas merkwürdige Dinge vorgehen. Spätestens nachdem Harker von drei verführerischen und unheimlichen Frauen „angegriffen“ wurde, wird ihm klar, dass Dracula kein Mensch, sondern eine Bestie ist.
Auch Harkers Verlobte Mina Murray (Winona Ryder) und deren Freundin Lucy Westenra (Sadie Frost) geraten bald mit dem nach England gereisten Grafen aneinander, da Dracula in Mina seine lange verstorbene Ehefrau zu erkennen glaubt. Kann der Vampir mit Hilfe des holländischen Wissenschaftlers Abraham van Helsing (Anthony Hopkins) noch aufgehalten werden?

Kritik: Die Zahl der Dracula-Verfilmungen geht in die Hunderte. Stokers Graf ist zusammen mit Sherlock Holmes die am öftesten verfilmte Romanfigur. Aber interessanterweise hält sich kaum eine dieser Leinwandadaptionen sehr nah an die Vorlage. In der Tat ist „Bram Stoker’s Dracula“, Francis Ford Coppolas Versuch, dem König der Vampire gerecht zu werden, der Film, der dem Roman noch am nächsten ist, und das trotz einiger massiver Änderungen. So stellen Coppola und sein Drehbuchautor James V. Hart eine direkte Verbindung zum historischen Vlad Tepes her und konstruieren zwischen Dracula und Mina eine richtige Liebesgeschichte, die weit über alle Andeutungen des Romans hinausgeht. Im Zuge dieser Liebesgeschichte wird auch das Ende geändert, in dem Mina den Grafen erlösen darf. Aber trotz all dieser Änderungen ist „Bram Stoker’s Dracula“ der einzige Film, der den Stationen des Romans, natürlich mit einigen Kürzungen, relativ genau folgt. Und er ist auch der einzige Film, in dem die Hauptfiguren nicht durcheinander gewürfelt werden. Was hatten wir da nicht schon alles: Lucy als Jonathan Harkers Verlobte, Doktor Seward als Lucys Vater, Mina als Arthur Holmwoods Frau; die Liste ließe sich noch sehr lange fortsetzen.
So weit so gut, aber relative Werktreue macht noch keinen guten Film. Ist „Bram Stoker’s Dracula“ gelungen? In meinen Augen voll und ganz. Ich gehe sogar noch weiter: „Bram Stoker’s Dracula“ ist mein Lieblingsfilm von Francis Ford Coppola. Ich gebe dabei durchaus zu, dass „Der Pate“ und „Apocalypse Now“ objektiv betrachtet (so weit das überhaupt möglich ist) die besseren Filme sind. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich „Dracula“ lieber mag.
Das fängt schon bei der Atmosphäre an, die wirklich unheimlich dicht ist. Ich liebe viktorianisches Setting und Gothic Horror, und Coppola schafft es perfekt, diese Stimmung(en) zu inszenieren. Ausstattung, Kulissen und vor allem Kostüme schaffen düstere, üppige und manchmal fast surreal anmutende Bilder.
Einen großen Anteil an der atmosphärischen Dichte hat natürlich auch die Musik des polnischen Komponisten Wojciech Kilar. Diese besteht eigentlich nur aus etwa vier verschiedenen Themen, die allerdings so geschickt variiert werden und die Stimmung des Films so gut treffen, dass dieser Umstand schlicht nicht auffällt.
Beeindruckend ist auch die Schauspielerleistung der beiden „großen Gegenspieler“ Dracula und Van Helsing. Die Leinwandpräsenz von Anthony Hopkins und Gary Oldman ist derart mächtig, dass fast alle anderen dagegen blass wirken. Hopkins spielt „seinen“ Van Helsing weit ab von der stoischen und kalten Ruhe eines Peter Cushing; dieser Vampirjäger ist ein Exzentriker, ein Verrückter, ein Getriebener. Übertroffen wird er dabei nur von Gary Oldman, der einen Vampir spielt, wie man ihn sich besser nicht wünschen könnte. Oldman ist ein extrem vielschichtiger Schauspieler, der in den verschiedensten Rollen voll überzeugen kann, und sein Dracula ist fast ebenso vielschichtig: Egal ob nach Liebe hungernder Verdammter, tückischer Planer oder bestialischer Jäger, Oldman stellt alles glaubhaft dar, im Gegensatz zu Robert Pattinson, der, trotz aller Glitzereffekte, einfach nicht wie ein Raubtier wirkt.
Eine besondere Erwähnung verdienen noch die Verweise auf Murnaus „Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens“ die immer wieder gemacht werden (zum Beispiel in der Szene, in der sich Dracula senkrecht im Sarg aufrichtet), sowie die allgemeine Anspielung auf das Kino und seine Geschichte.
Fazit: „Bram Stoker’s Dracula“ ist trotz vieler Änderungen der vorlagengetreuste Dracula-Film und dazu auch noch einer der besten Vampirfilme. Eine perfekte Atmosphäre, interessante Figuren und ein glaubhafter Vampir, was will man mehr?

Trailer

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: „Der Rote Baron“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“

Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“

In den ersten beiden Artikeln mit dem Namen „Draculas aus anderer Perspektive“ habe ich drei Romane, „Anno Dracula“, „Der Vampir“ und „Vlad“ vorgestellt und rezensiert, die sich dem König der Vampire auf ganz unterschiedliche Art und Weise nähern. Im zweiten Artikel, praktisch der Fortsetzung, geht es um eine dreibändige Comicreihe, die sich ebenfalls mit dieser Figur und ihrem Hintergrund auseinandersetzt: „Auf Draculas Spuren“.
Autor aller drei Bände ist Yves H., die Zeichnungen stammen von unterschiedlichen Künstlern. Alle drei nähern sich Dracula von einem anderen Standpunkt. Der erste Band, „Vlad der Pfähler“, beschäftigt sich, ähnlich wie C.C. Humphreys Roman mit der historischen Figur Dracula, der zweite „Bram Stoker“, erzählt vom Autor des Romans und der dritte entführt seinen Leser schließlich in Draculas Heimat; nicht umsonst trägt er den Titel „Transsylvanien“.

Vlad der Pfähler
Der erste Band sammelt die historischen Informationen über Vlad III. und setzt sie graphisch um. Beim Lesen beschleicht einen allerdings das Gefühl, dass sehr viel gesprungen wird. „Vlad“ ist in dieser Hinsicht um ein vielfaches besser konstruiert, da der Roman nicht, wie dieser Comic, einfach nur Szenen aus dem Leben des Pfählers zeigt, sondern diese auch erklärt und sie auf glaubhafte und sinnvolle Weise miteinander verbindet und ergänzt. Draculas Taten werden für den Leser dadurch zumindest ein wenig nachvollziehbarer.
Das größte Problem des Comics ist, dass jemand, der mit der Biographie des Pfählers nicht vertraut ist, Probleme haben wird, alles zu verstehen (auch und vor allem politische Hintergründe betreffend), während jemand, der sich mit Vlad auskennt, nicht viel Neues erfahren wird.
Die Zeichnungen von Hermann empfand ich ähnlich zwiespältig; sie sind zwar teilweise durchaus detailliert, aber gerade die Gesichter sehen irgendwie merkwürdig aus. Die helle Kolorierung sorgt dafür, dass die Grundatmosphäre sehr kalt ist, was den Zeichnungen zusätzlich noch Charme raubt.
Fazit: „Vlad der Pfähler“ bietet sowohl für den Laien als auch für den Experten einfach zu wenig. Wer sich mit dem historischen Dracula beschäftigen möchte, sollte entweder zu einem Sachbuch oder zu C.C. Humphreys hervorragendem Historienroman „Vlad“ greifen.

Bram Stoker
Dieser Band ist sowohl graphisch als auch inhaltlich der interessanteste. Ich muss zugeben, dass ich mich mit dem Autor von „Dracula“ zuvor nie richtig beschäftigt habe; wenn man seinen Lebenslauf irgendwo liest, kommt dieser einem doch recht bieder vor, gerade im Vergleich zu seinem Werk.
Doch der Comic belehrt den Leser eines Besseren: In extrem düsteren, poetischen Bildern, die ein wenig an eine Negativversion von Eddie Campbells Zeichnungen für „From Hell“ erinnern, erzählen Yves H. und Séra, der Zeichner dieses Bandes, die hochinteressante Geschichte eines abhängigen Mannes und wie er mit dieser Abhängigkeit umgeht. Dabei geht es allerdings nicht um Alkohol oder Drogen; Bram Stoker ist (bzw. war) abhängig von dem Schauspieler John Irving, von dessen Gunst und Wertschätzung. Stoker war Irvings Partner, Regisseur, Sekretär und Prügelknabe in einer Person und es ist äußerst faszinierend zu lesen, wie die Hassliebe zu seinem Arbeitgeber Stokers Roman beeinflusste.
Fazit: Beim zweiten Band macht Yves H. nicht denselben Fehler wie beim ersten; er ist auch ohne Vorkenntnis der Materie sehr gut zu verstehen, extrem interessant und hilft, „Dracula“ besser zu verstehen.

Transsylvanien
Ich weiß nicht so recht, ob man diesen dritten Band eher als „Vampirstory mit integrierter Sightseeing-Tour“ oder als „Sightseeing-Tour mit integrierter Vampirstory“ bezeichnen soll. Ist auch einerlei, beides trifft es relativ gut. Yves H. und sein Zeichner Dany schicken jedenfalls ein junges Pärchen durch Transsylvanien. Er ist Comickünstler und reist nach Rumänien, um sich für einen anstehenden Vampircomic zu inspirieren (sind das autobiographische Elemente?), sie kommt halt mal mit.
Was die beiden, neben Schauplätzen aus Vlad Draculas Leben erwartet, ist eine relativ konventionelle, leicht an Stokers Roman angelehnte Vampirgeschichte mit ein wenig Blut und ein wenig Erotik.
Die Zeichnungen wirken dabei merkwürdig fehl am Platz, Danys Stil passt eher zu humorvollen und weniger ernsten Comics; hier wirken die Zeichnungen, als hätte sich der Künstler gezwungen, etwas ernstes und düsteres zu machen und wäre daran gescheitert.
Fazit: Der dritte Band bietet relativ gewöhnliche Genrekost in einem verkehrten Gewand. Impressionen von Rumänien bekommt man auch anders.

Gesamtfazit: Wirklich lohnend ist nur der zweite Band, der sich mit Bram Stoker auseinandersetzt, da er eine interessante Geschichte und außergewöhnliche, ja fast schon visionäre Zeichnungen zu bieten hat. Band 1 und 3 sind dagegen eher enttäuschend.

Leider findet man im Internet so gut wie keine Bilder zu oder aus dieser Serie.

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: „Der Rote Baron“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“

Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“

Dracula ist ein popkulturelles Phänomen sondergleichen. Es gibt kaum eine andere Figur, die so oft und auf so unterschiedliche Weise in so vielen Medien präsent ist.
Und damit meine ich nicht nur die unzähligen Filme. Auch in Romanen taucht Dracula immer wieder auf, wie zum Beispiel in Kim Newmans Anno Dracula, das auf einem alternativen Ende zu Stokers Original aufbaut.
Anfang des Jahres habe ich zwei Romane neueren Datums gelesen, die sich dem Fürsten der Vampire aus zwei völlig entgegengesetzten Richtungen näheren: „Die Vampire“ von John Marks und „Vlad“ von C.C. Humphreys.

„Der Vampir“ von John Marks

John Marks Roman mit dem etwas unglücklich übersetzten Titel (der englische Name des Buches lautet „Fangland“) beginnt eigentlich recht interessant: Evangeline Harker, angestellt bei einer bekannten Fernsehsendung, wird nach Rumänien geschickt, um den osteuropäischen Mafiaboss Ion Torgu zu interviewen. Doch bei Torgu geschehen der Protagonistin merkwürdige Ereignisse, die schließlich zu ihrem Verschwinden führen…
Bereits hier werden die Parallelen zu „Dracula“ offensichtlich, „Der Vampir“ lässt sich am besten als Post 9/11 Version von Stokers Klassiker beschreiben. Wie die Vorlage auch wird die Geschichte in Form von Tagebucheinträgen und Briefen (bzw. E-Mails erzählt).
Und der Anfang (Reise nach Transsylvanien, Besuch auf dem „Schloss“ des Vampirs, kurzgesagt also Jonathan Harkers Reisetagebuch) ist auch äußerst vielversprechend und atmosphärisch. Doch was danach kommt, hält dieses Niveau leider nicht mehr aufrecht, denn in diesem Teil gibt es sehr wenig Grusel und Vampir, dafür sehr viel Medieneinsicht und Kritik, die allerdings nicht gerade spannend zu lesen ist. Zugegeben, auch in „Dracula“ tauchte die Titelfigur eher selten auf, aber ihre Anwesenheit und ihr Wirken war praktisch immer zu spüren. „Der Vampir“ schafft es leider nicht, diese ganz spezielle, bedrohliche Atmosphäre aufzubauen.
Auch die Vampirart, zu der Torgu gehört, fand ich irgendwie merkwürdig, die weitere Handlung ist verwirrend und die neu hinzukommenden Personen bleiben charakterlos. Selbst der Schluss ist merkwürdig.
Fazit: Mäßige Neuauflage eines Klassikers mit gutem Anfang, aber verwirrendem und ungruseligem Rest. Das Original ist eindeutig besser.

„Vlad“ von C.C. Humphreys

Nach der enttäuschenden Neuauflage von Bram Stokers Klassiker, als die sich „Der Vampir“ entpuppte, beschloss ich, mich dem Dracula-Mythos mal (wieder) von der ganz anderen Seite zu nähern, nämlich von der historischen. Wie passend, dass gerade erst vor kurzem ein Roman erschienen ist, der sich genau dieses Themas annimmt, nämlich „Vlad“, geschrieben vom kanadischen Autor C.C. Humphreys.
Und tatsächlich: Im Gegensatz zu John Marks‘ „Vampir“ hat „Vlad“ mich nicht enttäuscht, sondern, im Gegenteil, voll überzeugt und bestens unterhalten.
Vorneweg: Auch wenn die meisten Buchhandlungen diesen Roman im Zuge des „Twilight“-Booms zu den Vampirromanen stellen, handelt es sich doch um einen historischen Roman, der bis auf einige Andeutungen, nichts mit Vampiren zu tun hat, sondern von dem Menschen bzw. der historischen Persönlichkeit Vlad III., genannt Tepes, Sohn des Dracul, erzählt.
Der Autor greift hierbei die historisch verbürgten Punkte im Leben des Pfählers auf und füllt, wie er im Nachwort sagt, die Lücken.
Die Rahmenhandlung ist Folgende: Nach Draculas Tod wollen einige Kräfte den guten Namen des Drachenordens, der untrennbar mit Dracula und dessen Taten verknüpft ist, wiederherstellen, um ihn als Waffe gegen die Türken zu verwenden. Zu diesem Zweck werden die drei Menschen zusammengerufen, die Dracula am besten kannten, um seine Geschichte zu erzählen, wie sie wirklich war. Bei diesen dreien handelt es sich um seine Mätresse, seinen besten Freund und seinen Beichtvater.
Zusammen rekonstruieren sie das Leben Vlad Draculas.
Der Roman ist sehr gut und spannend geschrieben und gewinnt durch die Verwendung türkischer und wallachischer Titel und Begriffe an Autheniziztät, allerdings erschweren diese auch etwas den Lesefluss (zum Glück ist ein Glossar vorhanden). Vlad selbst und auch die besagten Zeugen kommen als glaubwürdige und gut gezeichnete Charaktere rüber.
Natürlich ist ein Roman über Vlad Tepes nicht ganz magenfreundlich, aber das beschriebene hält sich dennoch in Grenzen, die Gewalt, die Dracula ausübt, wird nie zum Selbstzweck, sondern ist Teil der Figur und als solche unverzichtbar.
Fazit: Vollste Empfehlung für alle, die gerne mal einen Roman über den wahren Dracula lesen wollen. „Vlad“ macht eigentlich alles richtig und geht nicht in die selbe Falle wie der (ziemlich schlechte) Film „Dark Prince“, der die historische Figur und den Vampir verbinden will und daran gnadenlos scheitert.

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: „Der Rote Baron“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“

Dracula aus anderer Perspektive Teil 1: „Anno Dracula“

Nachdem ich in meinem letzten Artikel die „Twilight-Saga“ nach Strich und Faden heruntergeputzt habe, muss ich nun wohl auch Alternativen empfehlen.
Zur Zeit wird der Buchmarkt ja geradezu von „Bis(s)“-Klonen ertränkt, die zwar nicht alle unbedingt Meyers religiöse Ansichten teilen (und in denen die Vampire bis zuweilen auch vorehelichen Sex haben dürfen), aber davon abgesehen handelt es sich meistens um ebenso kitschiges und für mich unbrauchbares Material.
Der Vorteil der Twilight-Manie ist, dass im Rahmen des Hypes auch einige ältere Werke neu aufgelegt werden, die wirklich etwas taugen. Und wer weiß, vielleicht ist ja auch unter den Neuerscheinungen hin und wieder das eine oder andere Kleinod versteckt.
Eines der brauchbaren älteren Werke ist der Roman „Anno Dracula“ von Kim Newman, der zusammen mit seinen beiden Fortsetzungen „Der Rote Baron“ und „Dracula Cha-Cha-Cha“ unter dem Namen „Die Vampire“ in einem Band herausgebracht wurde.
In dieser Trilogie, bzw. dem ersten Band, entwirft Kim Newman eine faszinierende alternative Zeitlinie, beginnend im viktorianischen London: Van Helsing und seinen Mitstreitern ist es nicht gelungen, Dracula zu töten, weshalb der Vampirgraf sich an die verwitwete Queen Victoria heranmacht und kurz darauf zum neuen Prinzgemahl wird und eine Vampirdiktatur in Großbritannien errichtet. Die Vampire leben von nun an vollkommen öffentlich und werden Teil des Alltags.
Doch auch wenn die Herrschenden Vampire sind, geht nicht alles völlig problemlos. Denn in den Straßen Whitechapels geht ein Mörder um, der Vampirprostituierte tötet und von der Bevölkerung „Silver Knife“ genannt wird. In einem Schreiben gibt er sich allerdings selbst den Namen „Jack the Ripper“.
Um die öffentliche Ordnung nicht zu gefährden, werden zwei Ermittler auf die Spur des Rippers angesetzt: Die Vampirahnin Geneviève Dieudonné und Charles Beauregard, ein Mitglied des Diogenes-Clubs.
Zwar ist Kim Newmans Schreibstil bei Weitem nicht so angenehm und leicht zu lesen wie der von Stephenie Meyer, aber dafür hat Anno Dracula so viel mehr zu bieten als die „Bis(s)-Reihe“. Denn neben interessanten Hauptcharakteren und einer atmosphärischen Geschichte zeigt Kim Newman mit diesem Roman auch seine Kenntnis und umfassende Liebe zur viktorianischen Literatur sowie zum Vampir in allen Medien.
Ganz ähnlich wie Alan Moores Comic „Die Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen“ handelt es sich bei „Anno Dracula“ um eine große Zusammenkunft verschiedener literarischer und filmischer Figuren. Neben Dracula selbst und anderen Figuren aus Bram Stokers Roman (wie zum Beispiel Arthur Holmwood, Mina Harker oder Jack Seward) tauchen unter anderem auch Charaktere wie Mycroft Holmes (Sherlock Holmes Bruder aus Arthur Conan Doyles Romanen und Kurzgeschichten), Inspektor Lestrade (ebenfalls Arthur Conan Doyle), Basil Hallward (der Maler des „Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde), Doktor Jekyll (aus Stevensons „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mister Hyde) und noch Haufenweise weitere Figuren dieser Epoche auf. Natürlich bedient sich Kim Newman auch an dem reichen Vampirfundus, der sich in den letzten hundert Jahren angehäuft hat. So ist Lord Ruthven (der erste Gentlemanvampir aus John Polidoris Novelle „Der Vampir“) Premierminister von Großbritannien und Graf Orlok (aus Murnaus Stummflim „Nosferatu“) fungiert als Wächter des Towers von London, in dem regimefeindliche Vampire interniert werden.
„Anno Dracula“ ist, auch wenn nicht ganz leicht zu lesen, ein hochintelligenter und extrem gut ausgearbeiteter Roman, der sich für jeden Liebhaber von viktorianischer und/oder Vampirliteratur zu lesen lohnt.

Siehe auch:
Dracula aus anderer Perspektive Teil 2: „Der Vampir“ und „Vlad“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 3: „Auf Draculas Spuren“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 4: „Bram Stoker’s Dracula“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 5: „Der Rote Baron“
Dracula aus anderer Perspektive Teil 6: „Dracula Cha-Cha-Cha“