Geschichte des amerikanischen Comics Teil 3: Das Goldene Zeitalter

Sowohl über Anfang als auch Ende des Goldenen Zeitalters der amerikanischen Comics ist man sich gemeinhin einig, da sowohl Anfang als auch Ende von einer bestimmten Publikation bestimmt werden, die die amerikanische Comiclandschaft jeweils sehr nachhaltig veränderte.

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Action Comics #1

Den Anfang des Goldenen Zeitalters markiert das Erscheinen der ersten Ausgabe von Action Comics im Jahr 1938, die den ersten Auftritt von Superman enthielt. Der Begriff „Goldenes Zeitalter“ wurde für diese Zeit gewählt, weil die Superheldencomics ihre erste Blüte erlebten und die Autoren und Zeichner noch sehr wenige kreative Einschränkungen hatten. Darüber hinaus waren die Verkaufszahlen der Comics in Amerika nie wieder so hoch wie in dieser Zeit.

Dieses Ereignis hat natürlich vor allem für die Superhelden eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, immerhin ist Superman die erste Figur dieser Gattung, sofern man „Protosuperhelden“ wie Zorro oder The Shadow nicht berücksichtigt. Die Bedeutung für den amerikanischen Comic im Allgemeinen sollte allerdings ebenfalls berücksichtigt werden. Superman und die Superhelden sorgten dafür, dass sich das Comicheft endgültig als erfolgreiche Unterhaltungsform in den USA etablieren konnte.

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Detective Comics #27

Superman erwies sich als durchschlagender Erfolg, dem viele weitere, ähnlich konstruierte Figuren folgten. Bereits 1939 feierte Batman in der 27. Ausgabe von Detective Comics seinen Einstand, und bald darauf kamen Wonder Woman, The Flash oder Captain America, die auch heute noch nach wie vor extrem beliebt sind. Die erste Hälfte der 40er Jahre kann getrost als Höhepunkt des Goldenen Zeitalters betrachtet werden, zumindest, was die kostümierten Helden betrifft, denn in dieser Krisenzeit kam ihnen vor allem eine propagandistische Rolle zu – sowohl Captain America als auch Superman kämpften mehrfach gegen Hitler oder andere Gegner der USA. Superhelden spielten eine wichtige Rolle in der Propaganda der Vereinigten Staaten – das Cover der ersten Captain-America-Ausgabe, auf dem er Hitler niederschlägt, hat inzwischen Kultstatus und wurde sogar auf humoristische Weise in die Filmadaption von 2011 eingearbeitet.

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Captain America #1

Zu dieser Zeit formte sich auch das erste Superheldenteam, die Justice Society of America, die der Verlag All-American (der sich später in DC umbenennen sollte) nutzte, um einigen seiner weniger bekannten Charaktere mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Zu den Mitgliedern der Society gehörten unter anderem The Flash, The Spectre, Green Lantern, Hawkman oder Doctor Fate. Auch Marvel existierte bereits, trug allerdings noch den Namen Timely Comics und verlegte neben Captain America Helden wie Namor den Submariner und The Human Torch (nicht mit dem gleichnamigen Mitglied der Fantastic Four zu verwechseln).

Obwohl die Superhelden das meiste Geld einbrachten, wäre es falsch anzunehmen, dass sie die einzigen Comiccharaktere waren. In der Tat zeichnet sich das Goldene Zeitalter durch eine Vielzahl weiterer Genres aus. Auch Genrevertreter aus Bereichen wie Horror, Romanze oder Krimi erlebten große Erfolge, vor allem, als der Superheldenboom nach Kriegsende langsam nachließ, was anderen Genres zum Erfolg verhalf. Die wachsende Beliebtheit von Horror- und Krimicomics begünstigte den Aufstieg des Verlags EC (zuerst „Educational Comics“, später „Entertaining Comics“). Ursprünglich hatte EC vor allem Bildungscomics herausgegeben, konzentrierte sich aber nach dem Tod des Verlagsgründers auf Horror, Science Fiction, Krimis – eine der bekanntesten Serien ist „Tales from the Crypt“. EC-Comics zeichneten sich ab diesem Zeitpunkt vor allem durch eine explizite Gewaltdarstellung aus. Die meisten Titel und Figuren dieser Zeit (mit Ausnahme der Superhelden) sind inzwischen allerdings relativ obskur und blieben kaum im Gedächtnis.

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Carl Barks, Vater der Ducks

Die Figuren, deren Bekanntheit heute noch am größten ist, sind die in der Tradition der Funny-Animal-Comics stehenden Disney-Charaktere wie Donald oder Dagobert Duck (Scrooge McDuck), die in den 40ern, 50ern und 60ern ebenfalls sehr populär waren, nicht zuletzt dank der Geschichten von Carl Barks, der fast alle wichtigen Figuren aus Entenhausen (Duckburgh) erschuf. In den USA sind diese Charaktere aber vor allem als Cartoon-Figuren bekannt, während die Comics von Barks dort nur noch wenige Anhänger haben und neue Disney-Comics selten produziert werden. In Europa dagegen waren Donald Duck und Micky Maus vor allem als Comicfiguren populär, weshalb die meisten Disney-Comics inzwischen in Italien entstehen. Aber auch in Deutschland und Skandinavien sind die Enten nach wie vor unheimlich beliebt; Carl Barks‘ Comics zählen dort zu Klassikern, die im Rahmen von verschiedenen Heft- und Albenserien immer wieder neu aufgelegt werden.

Das Goldene Zeitalter endete schließlich 1954 mit der Publikation eines Buches mit dem Titel „Seduction of the Innocent“, das einen beinahe ebenso großen Einfluss auf den amerikanischen Comic hatte wie der erste Auftritt von Superman, allerdings in negativer Hinsicht. Das von Dr. Frederic Wertham, dem Direktor der psychiatrischen Lafargue-Klinik in New York verfasste Werk stellt einen massiven Einschnitt auf allen Ebenen dar. Mit diesem Buch versuchte Wertham die steigende Jugendkriminalität zu erklären und machte kurzerhand die Comics dafür verantwortlich. Wertham behauptete, Comics seien „an invitation to illiteracy“ und stimulierten „unwholesome fantasies“. Darüber hinaus machte er Comics für alles Mögliche verantwortlich, etwa drogenabhängige Kinder oder Jugendkriminalität und postulierte, neben vielen weiteren derartigen Vorwürfen, Superhelden würden eine faschistische Ästhetik vertreten. Werthams Thesen gelten inzwischen als unsinnig, absurd und überholt; bereits mehrere Jahre vor der Publikation von „Seduction of the Innocent“ wurden Werthams Methoden von einigen seiner Kollegen als unwissenschaftlich bewertet.

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Siegel der Comics Code Authority

Die Wirkung des Werkes war enorm und löste eine Hetze gegen Comichefte aus, die perfekt zur Kommunistenjagd der McCarthy-Ära passte. Es kam sogar zu öffentlichen Comicverbrennungen, und als Reaktion richteten die Verlage mit der „Comics Code Authority“ eine Instanz zur Selbstzensur ein. Dies hatte wiederum zur Folge, dass sämtliche Elemente, die als anstößig empfunden wurden, etwa Sex, übermäßige Gewalt, das Infragestellen der Autorität etc., aus den Comics entfernt wurden. Zwar war der Comics Code theoretisch freiwillig, jedoch war ein Mainstream-Comic ohne das Siegel der Comics Code Authority praktisch nicht verkäuflich – für einen Verlag wie EC bedeutete das das Todesurteil. Auch für viele Superhelden bedeutete der Comic Code das Aus, lediglich Superman, Batman und Wonder Woman verkauften sich noch. Die Vorgaben des Comics Code verhinderten fast jegliche kreative Entfaltung und jede Umsetzung einer anspruchsvollen Geschichte im Medium und warfen seine Entwicklung um Jahrzehnte zurück.

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter

Onkel Dagobert: Sein Leben, seine Milliarden

Bei diesem geradezu epischen Werk handelt es sich um die Biographie der reichsten Ente der Welt: Dagobert Duck. Verfasst wurde es von dem amerikanischen Zeichner und Autor Keno Don Hugo Rosa, der sich bei den Duck-Fans aus aller Welt großer Beliebtheit erfreut und nebenbei mein Lieblingszeichner und -autor der Familie aus Entenhausen ist.

Das Hauptwerk besteht aus zwölf Kapiteln, dazu gibt es noch einige Neben- bzw. Ergänzungskapitel.
Die Biographie beginnt im Jahr 1867 mit Dagoberts Kindheit in Schottland. Das erste Kapitel handelt von seiner Familiengeschichte (die Ducks sind ein verarmter schottischer Clan) und seinen ersten Gehversuchen als „Geschäftsmann“ (u.a. als Schuhputzer und Holzverkäufer) und endet mit seiner ersten Reise nach Amerika zu seinem Onkel Diethelm, der dort als Dampferkapitän tätig ist.
Im zweiten Kapitel arbeit Dagobert für seinen Onkel auf dessen Dampfer und lernt unter anderem Dankwart Düsentrieb, Daniel Düsentriebs Großvater sowie den Großvater und die Väter der Panzerknacker kennen (und Letztere auch hassen).
Im dritten Kapitel versucht sich Dagobert als Cowboy in Montana (und begegnet so berühmten Persönlichkeiten wie Frank und Jesse James sowie dem späteren Präsidenten Theodore Roosevelt), was er im vierten Kapitel aufgibt, um Kupfer zu schürfen. Gerade in dem Moment, in dem er beginnt, wirklich Geld zu verdienen, wird die Duckenburg, der Stammsitz seiner Familie, verpfändet und Dagobert muss sich im fünften Kapitel mit den Schulden seiner Familie und einer alten Fehde herumplagen.
Im sechsten Kapitel führt in seine Suche nach Reichtum nach Afrika, wo er sich einen weiteren Feind macht, mit dem er in späteren Tagen noch oft zu kämpfen haben wird: Mac Moneysac.
Dagoberts Weg führt ihn schließlich nach Australien (siebtes Kapitel), von wo aus er sich nach Alaska aufmacht (achtes Kapitel). Dort, in der eisigen und wilden Gegend des Yukon, erreicht Dagobert endlich sein Ziel: Er findet Gold und wird reich.
Doch Dagobert Duck ist niemand, der sich auf seinen Lorbeeren ausruht, weshalb er sich in Kapitel neun in kürzester Zeit seine erste Milliarde verdient und zurück nach Schottland begibt, um sich niederzulassen. Er muss allerdings erkennen, dass das verschlafene Schottland nichts für ihn ist, weshalb er sich abermals nach Amerika begibt, genauer gesagt in eine kleine, aufstrebende Siedlung namens Entenhausen. Dort errichtet er in Kapitel zehn seinen berühmten Geldspeicher.
In Kapitel elf reist er weiter um die Welt, um seinen Reichtum zu mehren und verlässt sogar kurzzeitig den Pfad der Tugend, was ihn allerdings in Form eines Zombies, der ihm an den Kragen will, viele Jahre lang verfolgt. Am Ende des Kapitels ist Dagobert bereits ein älterer Mann und lässt sich in Entenhausen, das inzwischen eine blühende Großstadt ist, nieder.
Die vielen Jahre des Kämpfens haben ihn allerdings hart und kalt gemacht, was zur Folge hat, dass er seine gesamte Familie (u.a. seine Schwestern) vergrault.
17 Jahre später, im zwölften und letzten Kapitel, erfolgt dann die erste Begegnung zwischen Dagobert, seinem Neffen Donald und dessen Neffen Tick, Trick und Track.
In den Zusatzkapiteln werden einzelne Zeiten in Dagoberts Leben genauer behandelt, zum Beispiel seine Zeit als Cowboy oder die Alaska-Ära. So viel erstmal zum Inhalt.
Was macht nun diese Biographie so besonders? Don Rosa ist ein eingefleischter Fan des Autors und Zeichners Carl Barks, der Dagobert (und auch viele andere Figuren wie Daniel Düsentrieb, die Panzerknacker etc.) erfunden hat. Als solcher hat er sich bemüht, alle „Bark’schen Fakten“ über Dagoberts Leben, die in den Comics des Entenaltmeisters auftauchen, zu verarbeiten, und wenn es noch so kleine Andeutungen sind. Darüber hinaus bemüht sich Don Rosa stets um historisch korrekte Tatsachen.
Aber das alles ist nur das Sahnetüpfelchen, denn was die Geschichten von Don Rosa wirklich ausmacht, ist sein überragender, sehr detaillierter und oft ein wenig überladen wirkender Zeichenstil und sein unvergleichlicher Humor sowie seine Fähigkeit, gute und spannende Gesichten zu erzählen. Dabei holt er nie den moralischen oder humoristischen Holzhammer hervor, sondern bemüht sich um Subtilität.
Fazit: Dieses Epos in Comicform gehört zum Besten, was jemals über die berühmtesten Enten der Welt geschrieben und gezeichnet wurde und sollte nach Möglichkeit im Regal von jedem stehen, der sich für Comics und/oder die Familie Duck interessiert. Und selbst wer sich für keines von beidem sonderlich erwärmen kann, wird vielleicht durch dieses Werk bekehrt.