Wonder Woman – Ausführliche Rezension

Achtung, Spoiler!
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Die Filme des DCEU sind ja bekanntermaßen nicht gerade Kritikerlieblinge. Wurde „Man of Steel“ noch gemischt aufgenommen, so wurden „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Suicide Squad“ fast durchgehend (und nicht ganz zu Unrecht) niedergemacht. „Wonder Woman“ ist nun entweder die große Trendwende oder die große Ausnahme – das wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Jedenfalls erhält das erste Leinwandabenteuer der Amazone eigentlich durchweg positive Kritiken. Wie schon bei „Batman v Superman“ und „Suicide Squad“ drängt sich auch dieses Mal wieder eine ausführliche Rezension fast schon auf. Darum wie üblich, mein kurzes, spoilerfreies Fazit, danach nehme ich keine Rücksicht mehr: „Wonder Woman“ ist mit Abstand der beste Film des DCEU. Das allein ist freilich noch nicht wirklich ein Qualitätsmerkmal, aber insgesamt empfand ich ihn als gelungen. Leider gibt es dennoch ein paar kleinere und größere Schönheitsfehler, aber unterm Strich kann sich Dianas erstes Soloabenteuer im Kino durchaus sehen lassen, nicht zuletzt dank der Chemie und Spielfreude von Gal Gadot und Chris Pine.

Handlung und Struktur
Seit Jahrtausenden leben die unsterblichen Amazonen unter dem Schutz von Zeus und der Führung ihrer Königin Hippolyta (Connie Nielsen) abgeschottet von der Menschenwelt auf der Insel Themyscira. Das einzige Kind der Insel ist Diana (zuerst Lilly Aspel und Emily Carey, später Gal Gadot), Tochter der Königin, die von ihrer Mutter behütet und beschützt wird, aber ebenfalls die Kampfkünste der Amazonen erlernen möchte. Schließlich nimmt ihre Tante Antiope (Robin Wright) Diana unter ihre Fittiche, zuerst gegen den Willen der Mutter, später mit ihrem Einverständnis. Diana wird letztendlich zur besten Kämpferin der Insel, als auch schon die Idylle gestört wird: Der junge amerikanische Pilot Steve Trevor (Chris Pine) gelangt durch Zufall durch den magischen Schutzwall, der Themyscira vor der Außenwelt schützt, gefolgt von deutschen Soldaten. Die Amazonen machen zwar kurzen Prozess mit den kaiserlichen Truppen, die Schlacht fordert allerdings das Leben von Antiope und verunsichert die Amazonen zutiefst, nicht zuletzt deshalb, weil Steve ihnen vom Ersten Weltkrieg berichtet. Könnte es sein, dass ihr alter Feind Ares, der Gott des Krieges, zurück ist? Die Amazonen sind zögerlich, doch Diana beschließt zu handeln: Sie stiehlt den „Gotttöter“, ein Schwert, das Ares angeblich vernichten kann, sowie eine zeremonielle Rüstung und das Lasso der Wahrheit und macht sich mit Steve auf in die Welt der Menschen. Kurz vor ihrer Abreise erhält sie allerdings noch den Segen ihrer Mutter.

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Die Amazonen von Themyscira: Menalippe (Lisa Loven Kongsli), Diana (Gal Gadot), Hippolyta (Connie Nielsen) und Antiope (Robin Wright, Bildquelle)

Bevor Steve Diana an die Front bringen kann, geht es jedoch zuerst nach London, wo er seinen Vorgesetzten Bericht erstatten muss, denn er hat schreckliches herausgefunden: Mithilfe der Chemikerin Isabel Maru (Elena Anaya), die den Spitznamen „Doctor Poison“ trägt, möchte der deutsche General Erich Ludendorff (Danny Huston) ein neues, extrem tödliches Gas an der Westfront entfesseln. Obwohl die britische Heeresleitung die aktuell laufenden Friedensverhandlungen mit dem deutschen Reich nicht gefährden möchte, unterstützt Sir Patrick Morgan (David Thewlis) Steves und Dianas Vorhaben, Ludendorff und Maru aufzuhalten. Zusammen mit einigen Spezialkräften begeben sie sich an die belgische Front, wo Diana die Gräuel des Krieges zum ersten Mal mit eigenen Augen sieht. Dies bringt sie zu der Überzeugung, dass es sich bei Ludendorff um Ares handeln muss; sie glaubt, ihre Mission läge klar vor ihr: Ares muss sterben, damit der Krieg endet. Ein Fest der deutschen Heeresleitung in der Nähe scheint sowohl für Steve als auch für Diana die beste Möglichkeit zu sein, ihre Vorhaben umzusetzen…

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Isabel Maru alias Doctor Poison (Elena Anaya, Bildquelle)

Rein strukturell gibt es in „Wonder Woman“ keine großen Experimente, was ich angesichts der bisherigen DCEU-Filme als sehr positiv empfinde, denn bislang hatte jeder von ihnen massive Strukturprobleme. Bei „Man of Steel“ waren es die Flashbacks, mit denen Snyder und Goyer wohl „Batman Begins“ nacheifern wollten, ihr Ziel aber weit verfehlten. „Batman v Superman“ litt vor allem unter der verstümmelten Kinofassung, doch selbst im besser ausbalancierten Extended Cut kommt es zu Längen und anderen dramaturgischen Problemen. Beide Filme leiden außerdem darunter, dass sich fast die gesamte Action im letzten Akt konzentriert. Und dann hätten wir noch „Suicide Squad“ – ich bin immer noch nicht dazugekommen, den Extended Cut dieses Films anzuschauen, aber nach dem, was ich darüber gelesen habe, ändert sich durch die zusätzlichen Szenen kaum etwas. „Suicide Squad“ dürfte der DC-Film mit dem katastrophalsten Schnitt sein, denn Warner war mit David Ayers ursprünglicher Schnittfassung nicht zufrieden und ließ von der Trailer-Firma, die den Bohemian-Rhapsody-Trailer des Films geschnitten hatte, nachbessern. Was für eine bescheuerte Idee.

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Sir Patrick Morgan (David Thewlis, Bildquelle)

„Wonder Woman“ dagegen arbeitet mit einer ganz klassischen Drei-Akt-Struktur, man merkt aber, dass Regisseurin Patty Jenkins ihr Handwerk versteht, denn schon allein dramaturgisch ist ihr Film der beste des DCEU. „Wonder Woman“ ist durchgehend spannend und es gibt eigentlich keine Längen. Die nicht gerade kurzen 141 Minuten Laufzeit vergehen wie im Flug, ohne dass die Handlung eine Bruchlandung hinlegt, wie es beispielsweise in „Batman v Superman“ der Fall war, als sich Diana auf ihrem Laptop den Quasi-Teaser für „Justice League“ ansieht. Humor und Action sind insgesamt sehr gut ausbalanciert, jeder Akt verfügt über ein größeres und durchaus beeindruckendes Action-Set-Piece – die Schlacht der Amazonen gegen die deutschen Soldaten in Akt 1, Wonder Womans Eroberung des „No Man’s Land“ in Akt 2 und der Kampf gegen Ares in Akt 3. Bei der Action bemerkt man noch den Einfluss Zack Snyders, dem sich Patty Jenkins wohl ein wenig annähern wollte oder musste: Sie macht ausgiebig Gebrauch von Zeitlupeneffekten, sodass die Kämpfe mitunter an „Watchmen“ erinnern. Mir persönlich hat tatsächlich der Amazonen-Kampf im ersten Akt am besten gefallen, Dianas Auftritt auf dem Schlachtfeld war ebenfalls gut, nur ihr Kampf gegen Ares war für meinen Geschmack zu CGI-lastig, das weckt unangenehme Erinnerungen an „Batman v Superman“ und „Suicide Squad“, wobei man diesbezüglich in den letzten Jahren einfach besseres gesehen hat. Aber das ist verzeihlich.

Setting
Beim Setting trafen Warner, Patty Jenkins und die Storyverantwortlichen Zack Snyder, Jason Fuchs und Allan Heinberg, Letzterer verfasste auch das Drehbuch, eine eher unorthodoxe Entscheidung: Sie verlegten die Handlung in den Ersten Weltkrieg. Wonder Woman debütierte bekanntermaßen in den 40ern, weshalb der Zweite Weltkrieg vielleicht die naheliegendere Wahl gewesen wäre. In den späteren Neufassungen ihrer Origin-Story (das aktuellste Beispiel stammt von Greg Rucka und wurde im Rahmen des DC-Rebirth-Events verfasst) wurde diese dann zumeist in die Gegenwart verlegt. Im DC Extended Universe scheint Wonder Woman nun jedoch das Gegenstück zu Captain America im MCU zu sein: Der chronologisch erste Superheld, dem andere nacheifern (was auch in moralischer Hinsicht ganz gut zu Diana passt, siehe unten). Der Erste Weltkrieg wurde wohl ausgewählt, um nicht allzu sehr mit „Captain America: The First Avenger“ verglichen zu werden. Außerdem meine ich gelesen zu haben, dass die Verantwortlichen auch eine zu starke Schwarz/Weiß-Perspektive vermeiden wollten – wenn Nazis vorkommen, sind sie halt die Bösen. Ich muss jedoch leider sagen, dass die Rechnung nicht wirklich aufgeht, denn der Film arbeitet zu wenig mit der gewählten Zeitperiode. Aus historischer Sicht ist „Wonder Woman“ sowieso Unsinn, schon allein weil Ludendorff erst 1937 starb, aber selbst wenn man derart Plakatives ignoriert, hätte der Film fast ebenso gut während des Zweiten Weltkriegs spielen können (mit Ausnahme des Endes und der kleinen Rolle, die ein gewisser Friedensvertrag spielt). Die beiden Unterschurken, Ludendorff und Doctor Poison, wirken wie die typischen Pulp-Nazis, die einem in der Popkultur von „Indiana Jones“ über „Hellboy“ bis zu „Captain America: The First Avenger“ überall über den Weg laufen; es fehlt lediglich die Hakenkreuz-Armbinde, denn Ludendorffs Uniform sieht schon verdammt nach Wehrmacht aus. Auch sonst sind die Deutschen primär einfach nur die Bösen – so viel also zur Schwarz/Weiß-Perspektive. Ich erwarte ja nun nicht, dass ein Superhelden-Popcorn-Film wie „Wonder Woman“ ein derart komplexes Ereignis wie den Ersten Weltkrieg völlig angemessen darstellt, aber ein bisschen mehr wäre nett gewesen, besonders, da einiges sehr gut zur Botschaft des Films gepasst hätte; etwa der Umstand, dass die anderen Parteien 1914 kaum weniger kriegslüstern waren als das Kaiserreich oder dass Hindenburg und Ludendorff gegen Ende praktisch eine Militärdiktatur etablierten. Ein paar derartige in die Handlung eingewobene Details hätten den Film und sein Setting runder gemacht.

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Erich Ludendorff (Danny Huston, Bildquelle)

Einen Aspekt möchte ich, davon fast schon unabhängig, jedoch noch hervorheben: Farben, Design und Atmosphäre. Auch diesbezüglich hatten die bisherigen DCEU-Filme massive Probleme in Form von hässlichen, hässlichen Farbfiltern. Bei „Man of Steel“ versuchte man, alles möglichst realistisch zu halten, übertrieb es dabei aber – alles war ausgewaschen und graublau. „Batman v Superman“ war zwar weniger auf Pseudorealismus aus, aber die Farbfilter waren noch stärker und irgendwann versank alles in einem schwarzgrauen Meer. „Suicide Squad“ versuchte es mit dem entgegengesetzten Ansatz und ertränkte den Zuschauer in grellen Neonfarben, die unangenehme Erinnerungen an Joel Schumacher wecken. „Wonder Woman“ fühlt sich diesbezüglich richtig an, die Farben wirken natürlich und passen. Die Paradiesinsel erstrahlt in sattem Grün, London und die Westfront sind zwar in Grau gehalten, aber es ist ein passendes, natürliches Grau, das zum Ambiente und entsprechenden Szene passt.

Diana
Im Zentrum dieses Artikels muss natürlich die Titelheldin stehen. Wonder Woman feierte ihr Debüt bereits im Jahr 1941 auf den Seiten von All Star Comics #8 und wurde von William Moulton Marston, seines Zeichens Psychologe und Erfinder des Lügendetektors (das Lasso der Wahrheit kommt nicht von ungefähr) geschaffen, der mit ihr einen Gegenentwurf zu maskulinen Helden wie Batman und Superman schaffen wollte. Mehr noch, Marston war feministischer Theoretiker und kreierte mit den Amazonen von Themyscira eine aus seiner Sicht ideale weibliche Gesellschaft. Diana, die Prinzessin der Amazon, kann praktisch als deren Höhepunkt verstanden werden, da sie von ihrer Mutter aus Lehm geformt und von den Göttern zum Leben erweckt wurde, also im Grunde ohne männliche Direktbeteiligung entstand. Insofern ist es eher fraglich, ob Marston mit dem Wonder-Woman-Film zufrieden wäre. Allerdings hat die Figur in ihrer inzwischen über fünfundsiebzigjährigen Geschichte viele Veränderungen durchgemacht, die im Kontext des Films ebenfalls berücksichtigt werden müssen.

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Diana (Gal Gadot) auf dem Schlachtfeld (Bildquelle)

Primär zwei Inkarnationen Dianas scheinen für den Ursprung der Filmversion Pate gestanden zu haben: Die New-52-Version, die vor allem von Brian Azzarello geprägt wurde, und die animierte Verkörperung aus der Serie „Justice League Animated“. Die Film-Wonder-Woman ist ebenso wie die New-52-Wonder-Woman keine lebendig gewordene Lehmfigur, sondern eine Tochter des Zeus – die Lehmgeschichte ist lediglich Tarnung, um Dianas wahre Herkunft zu verschleiern. In beiden Fällen ist das keine willkürliche Änderungen, sondern ein wichtiges Handlungselement: Hier ist Diana der eigentlich „Gotttöter“, die lebendige Waffe, die Ares aufhalten kann. Natürlich hätte dieser Plottwist auch mit der ursprünglichen Origin umgesetzt werden können – Zeus verleiht der aus Lehm geformten Diana Leben, um sie als Waffe gegen Ares einzusetzen (wobei die klassische Zeugung aus Zeus‘ Perspektive natürlich ansprechender gewesen sein dürfte). Es hätte allerdings noch schlimmer kommen können, denn man hätte auch Ares zum leiblichen Vater machen und einen Vader-Plottwist einbauen können. In der bereits erwähnten aktuellsten Neuerzählung von Wonder Womans Ursprüngen wurde die New-52-Anpassung rückgängig gemacht, in den Comics ist sie damit wieder eine Lehmgeburt.

Wenden wir uns nun Dianas Aufbruch zu: In ihrer klassischen Origin-Stroy wird nach dem Eintreffen von Steve Trevor ein Wettbewerb abgehalten, bei dem entschieden wird, welche der Amazonen ihn in die „Welt der Männer“ zurückbegleitet. Gegen den Willen ihrer Mutter nimmt Diana teil und gewinnt, sodass sie als Botschafterin ausgewählt wird. In der Justice-League-Zeichentrickserie dagegen kommt Steve Trevor in diesem Kontext ebenso wenig vor wie der Wettbewerb, stattdessen greifen Aliens die Erde an und Diana stiehlt Lasso und Rüstung, um gegen den Willen ihrer Mutter die Erde zusammen mit der Justice League vor den Invasoren zu schützen. Die Folgen dieser Tat werden in späteren Episoden der Serie verarbeitet, sodass Diana dann letztendlich doch auch offiziell als Botschafterin fungieren kann. Ähnlich verhält es sich im Film; natürlich ist Steve Trevor beteiligt, aber auch hier stiehlt Diana Lasso und Rüstung, um gegen den Willen Hippolytas das zu tun, was sie für richtig hält.

Noch wichtiger als die Origin Story ist selbstverständlich die eigentliche Interpretation von Diana. Wir sehen diese Inkarnation von ihr zwar nicht zum ersten Mal, schließlich debütierte sie bereits in „Batman v Superman: Dawn of Justice“, in diesem Film bekam sie allerdings nicht sehr viel Raum zur Entfaltung und man erfuhr nicht besonders viel über sie. Zudem liegen zwischen „Batman v Superman“ und der Haupthandlung von „Wonder Woman“ über neunzig Jahre. Ein weiterer Grund, weshalb „Wonder Woman“ der beste DCEU-Film ist, findet sich in Dianas klarer, nachvollziehbarer Entwicklung über den Verlauf des Films. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal eine Parallele zu Captain America ziehen: Sowohl Diana als auch Steve Rogers sind keine Figuren, die sich wirklich zu Helden entwickeln müssen, wie etwa Tony Stark oder Bruce Wayne. Die heroische Grundhaltung besitzen sie von Anfang an. Stattdessen müssen beide lernen, wie sie diese heroische Grundhaltung sinnvoll einsetzen. Gerade diesbezüglich unterscheidet sich Diana von den anderen Heroen des DCEU. Zack Snyders Versionen von Batman und Superman sind bestenfalls wiederwillige Helden und schlimmstenfalls rücksichtslose Heuchler. Wonder Woman, zumindest Patty Jenkins‘ Wonder Woman, folgt nicht diesem Konzept. Man könnte fast schon von einer Rückbesinnung auf den klassischen DC-Helden sprechen. Vor allem zwischen den 40ern und 60ern waren die DC-Helden eher moralische Vorbilder, zu denen man aufschaute, während die Marvel-Helden menschlicher und alltäglicher waren, sodass man sich mit ihnen identifizieren konnte. Das bedeutet nicht, dass Wonder Woman in diesem Film allzu abgehoben wäre, aber sie ist nicht gebrochen oder ständig geplagt von Selbstzweifeln, sie ist ehrlich, aufrichtig, neugierig und hat Spaß an ihrer Existenz – Eigenschaften, die man in den ewig grimmigen Snyder-Filmen kaum findet. Mehr noch, sie wirkt auf positive Art überlebensgroß, eine klassische Heldin, die nicht fragt, ob sie eine Heldin sein soll oder nicht, sondern die einfach aufrichtig Menschen helfen möchte – vor allem die Szenen im Schützengraben sind da exemplarisch. Was früher langweilige Norm war, wird nun wieder erfrischend, weil es in den letzten Jahren fast nur noch geplagt Selbstzweifler als Superhelden gab. Was lernen wir daraus? Abwechslung ist der richtige Weg. Dass das alles so exzellent funktioniert liegt natürlich auch an Gal Gadot, die nun bewiesen hat, dass sie einen Film problemlos tragen kann. Ja, ihr Auftritt in „Batman v Superman“ war cool, aber er hat ihr nicht gerade viel abverlangt. Die wirkliche Leistung erbringt sie in „Wonder Woman“. Man merkt, wie involviert und leidenschaftlich sie ist – sie weiß, dass das mit großer Wahrscheinlichkeit die Rolle ist, wegen der man sie im Gedächtnis behalten wird.

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Das, äh, Wonder-Team? Sameer (Saïd Taghmaoui), Steve Trevor (Chris Pine), Diana (Gal Gadot), Chief (Eugene Brave Rock) und Charlie (Ewen Bremner, Bildquelle)

Wie fast jeder Superheldenfilm folgt auch „Wonder Woman“ der klassischen Heldenreise. Schon im Konzept der Figur gibt es da die eine oder andere interessante Variation. Normalerweise bricht der Held aus der profanen Welt in die Welt des Mythos auf. Bei Diana ist es umgekehrt: Sie lebt in der Welt des Mythos, für sie wartet das Abenteuer in der profanen Welt. Wie nicht anders zu erwarten rührt der Humor des Films deshalb zum Großteil aus der Konfrontation Dianas mit der Menschenwelt des frühen zwanzigsten Jahrhunderts her. Interessanterweise spielt der Status der Frau in dieser Ära dabei eine eher untergeordnete Rolle. Zwar gibt es den einen oder anderen Seitenhieb, gerade im Dialog zwischen Diana und Etta Candy (Lucy Davis), aber davon abgesehen ist „Wonder Woman“ diesbezüglich geradezu zahm, obwohl die Zeit Derartiges fast schon provoziert. Ein interessantes Gegenstück wäre in mehr als einer Hinsicht der Wonder-Woman-Animationsfilm aus dem Jahr 2009, der Dianas Origin Story ins 21. Jahrhundert verlegt, die Stellung der Frau (und Dianas Irritation über das Verhalten der Frauen in der „Männerwelt“) aber in weit größerem Ausmaß thematisiert. In diesem Film ist auch ihr ursprünglicher Hintergrund intakt (Lehmgeburt, Wettkampf etc.).

Steve
Eine weitere Säule dieses Films ist Chris Pine, der ebenfalls einen großen Teil zum Gelingen von „Wonder Woman“ beiträgt. Die Chemie zwischen ihm und Gal Gadot stimmt einfach, anders als es zum Beispiel bei Henry Cavill und Amy Adams in „Man of Steel“ der Fall war – deren Beziehung war nie greifbar, sie haben sich am Ende geküsst, weil es im Drehbuch stand, aber nicht weil sie sich als Charaktere zu diesem Punkt hinentwickelt hätten. Ganz anders Chris Pine und Gal Gadot, deren Interaktion immer authentisch und nachvollziehbar wirkt und die sich ihre Filmromanze verdient haben. Ähnliches lässt sich auch über die anderen Nebenfiguren wie Chief (Eugene Brave Rock), Sameer (Saïd Taghmaoui) und Charlie (Ewen Bremner) sagen, die einen Grad an Authentizität und Einprägsamkeit mitbringen, den man bei den DC-Nebenfiguren bislang vermisst hat.

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Steve Trevor (Chris Pine, Bildquelle)

Steve Trevors Rolle als Love Interest ist allerdings fast schon zweitrangig. Im Vorfeld gab es Bedenken, Steve Trevor könnte als eigentlicher Held des Films inszeniert werden, während die Titelheldin zur zweiten Geige degradiert wird. Der eine oder andere Kritiker scheint sogar der Meinung zu sein, dass dem so ist, ich würde diesem Urteil allerdings widersprechen. Wenn wir noch einmal zur Heldenreise zurückkehren, dann ist Steve Trevor nicht einfach nur Love Interest, sondern auch Mentor Dianas. Ihre erste Mentorenfigur ist freilich nicht schwer auszumachen: Antiope bringt ihr das Kämpfen bei und stirbt dann auch schon im ersten Akt. Ab diesem Zeitpunkt übernimmt Steve die Rolle des Mentors, er bringt Diana in die Menschenwelt und schließlich an die Front. Er ist aber vor allem deshalb für Dianas Entwicklung unerlässlich, weil er ihr durch Worte und Taten zeigt, wie es um das Wesen der Menschen bestellt ist. Im zweiten Akt folgt Diana stur ihrer Mission: Sie glaubt, dass Ares die Gestalt von Ludendorff angenommen hat und sie ihn töten muss, um den Krieg zu beenden. Als sie Ludendorff dann tötet und er sich als normaler Mensch entpuppt, ist es Steve, der ihr zeigt und erklärt, womit sie eigentlich zu kämpfen hat. Da er aber kein klassischer Mentor á la Dumbledore oder Gandalf ist, durchläuft auch er einen Lernzprozess und beginnt, vorgefertigte Meinungen zu hinterfragen. Dennoch, wie es sich für einen guten Mentor gehört, opfert sich Steve letztendlich, damit Diana erkennt, wie und warum sie zur Heldin geworden ist – erst ab diesem Moment wird sie wirklich zu Wonder Woman. Die Erkenntnis (Liebe allein kann das Böse nicht vernichten, aber sie ist es wert, dafür zu kämpfen) selbst scheint dabei verhältnismäßig plakativ zu sein, spricht aber eher für einen Kompromiss als für die Philosophie der Extreme, die die bisherigen DCEU-Filme vertraten. Mich hat das ein wenig an Visions Erkenntnis am Ende von „Avengers: Age of Ultron“ erinnert.

Ares
Es heißt immer, das größte Problem der MCU-Filme seien die Schurken, aber ehrlich gesagt ist dieses Problem beim DCEU sogar noch größer. General Zod hatte ein paar interessante Ansätze, die aber im Sand verliefen, Lex Luthor war komplett für die Tonne und über die Enchantress reden wir besser gar nicht erst. Leider sind auch in „Wonder Woman“ die Schurken eher problematisch. Wie ich bereits erwähnte, sind sowohl Ludendorff als auch Doctor Poison im Grunde ziemlich langweilig. Ares ist interessanter – nicht unbedingt gelungen, aber interessanter. Letztendlich stellt sich heraus, dass nicht Ludendorff, sondern der von David Thewlis gespielte Sir Patrick Morgan tatsächlich der Gott des Krieges ist. Ares ist ein klassischer Wonder-Woman-Gegner und bei diesem Setting drängt er sich geradezu auf. Jenkins und Co. versuchen allerdings, ihn eher unkonventionell aufzuziehen. Normalerweise wird Ares durch Krieg stärker – ich verweise abermals auf den Wonder-Woman-Animationsfilm. Die Philosophie, die Ludendorff erläutert, kurz bevor Diana ihn aufspießt, DAS ist die Geisteshaltung des Comic-Ares. Die Filmversion dagegen scheint sich eher bei Magneto und Ra’s al Ghul inspiriert zu haben und verachtet die Menschheit für ihre Kriege, statt stärker zu werden. Ab hier werden Motivation und Absicht allerdings etwas schwammig, obwohl er nach bester Schurkentradition einen Monolog hält. Das Endziel ist wohl die Menschheit endgültig auszurotten. Mir gefällt die Idee, dass Ares die Menschen nicht tatsächlich zum Krieg zwingt, sondern ihnen lediglich die Ideen für Waffen u.ä. eingibt, aber was er dann genau zu erreichen versucht ist nicht so ganz klar. Man könnte vermuten, dass das eine Art „Foreshadowing“ auf den Zweiten Weltkrieg sein soll – Ares will ja tatsächlich, dass der Friedensschluss vonstattengeht, dass es aber ein inakzeptabler Friede wird – klingt nach dem Versailler Vertrag, der dann zum Entstehen des Dritten Reiches und dem Zweiten Weltkrieg zumindest beiträgt. Ares‘ Motivation, Absicht und Handlungen greifen alle nicht so recht ineinander – der klassische Ares hätte hier wohl besser funktioniert. Alternativ hätte man sich auch am New-52-Ares orientieren können, der aus den unpersönlichen Kriegen der Moderne keine Kraft mehr schöpfen kann, seine Stellung als Kriegsgott leid ist und die Menschheit deshalb vernichten will – denn solange es Menschen gibt, wird es auch Kriege geben. Letztendlich wird Ares Diana untergeordnet; er fungiert primär als Vehikel, damit sie ihre endgültige Lektion über Natur und Wert der Menschen lernen kann.

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Ares in den Comics (Bildquelle)

In diesem Zusammenhang sollte das Setting noch einmal erwähnt werden. Ich fand es gut, dass Ares‘ Deckidentität britisch ist und er nicht einfach nur der Drahtzieher hinter den Deutschen ist. Zugleich hätte der Film diese Inhalte noch weit besser vermitteln können, hätte er die Deutschen etwas differenzierter dargestellt – etwa ein Ludendorff, der kein Superdrogen schnüffelt und einfach alles sinnlos mit Gas niedermähen möchte. Mit Ares‘ Inszenierung bin ich auch nicht wirklich einverstanden. David Thewlis macht sich gut als Tarnidentität, aber muss der Gott des Krieges wirklich noch sein Gesicht haben, nachdem er seine wahre Gestalt angenommen hat? Das wirkt ziemlich lächerlich, ich hätte hier den klassischen Ares-Look mit nicht sichtbarem Gesicht und rot leuchtenden Augen definitiv bevorzugt.

Fazit
Im Großen und Ganzen ist „Wonder Woman“ der erste Film des DCEU, den ich als gelungen bezeichnen würde. Es gibt diverse Schwächen, die ihn etwas herunterziehen, vor allem die Schurken und mangelnde Sensibilität für das Setting und die Mythologie der Figur. Die gelungene Darstellung der Titelheldin und die Chemie zwischen Gal Gadot und Chris Pine wiegen allerdings einiges wieder auf. Wichtiger noch: „Wonder Woman“ trifft den richtigen Ton. Seit „The Dark Knight“ scheint die DC-Prämisse „düsterer und ernster“ zu sein – die Filme des DCEU scheiterten allerdings daran, das auch passend umzusetzen und die Prämisse nicht zum Selbstzweck verkommen zu lassen. „Wonder Woman“ gelingt die richtige Balance, düster und grimmig wenn nötig, hoffnungsvoll und optimistisch wo angebracht. Patty Jenkins kopiert nicht einfach nur die Formel der MCU-Filme, noch macht sie dieselben Fehler wie Zack Snyder – sie zeigt, wie die DCEU-Filme eigenständig funktionieren können. Hoffen wir, dass Warner Bros. aufgepasst hat.

Trailer

Titelbildquelle

Siehe auch:
Wonder Woman (Animationsfilm)
Brian Azzarellos Wonder Woman
Batman v Superman: Dawn of Justice – Ausführliche Rezension
Suicide Squad – Ausführliche Rezension

Suicide Squad – Analytische Rezension

Enthält Spoiler!
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Dieses Mal ein wenig anders als sonst: Die kurze, spoilerfreie Rezension spare ich mir, stattdessen gibt es sofort das analytische Rundumpaket. Einen spoilerfreien Eindruck setze ich deshalb gleich an den Anfang: Ich persönlich fand „Suicide Squad“ unterhaltsamer, weniger dröge und frustrierend als „Batman v Superman: Dawn of Justice“. Leider ist das nicht unbedingt als Lob zu verstehen. David Ayers Superschurken-Team-up hat einige positive Ansätze, talentierte Darsteller und einige der Gags funktionieren durchaus, aber insgesamt ist auch dieser Film problembehaftet und scheitert letztendlich.

Prämisse
Eines muss man den Filmen des DC Extended Universe durchaus lassen: Man (und wenn ich man sage, meine ich mich) kann darüber sehr viel schreiben. Wie schon „Batman v Superman: Dawn of Justice“ ist auch „Suicide Squad“ ein höchst interessantes Sujet. Kein guter Film, aber ein ergiebiger. Insgesamt ist es schon ein wenig ironisch: Ursprünglich warb Warner damit, die Filme des DCEU seien stärker von ihrem jeweiligen Regisseur geprägt. Dies tat man, um sich von Marvel zu distanzieren; bei den Filmen des MCU achtet Kevin Feige als verantwortlicher Produzent auf stilistische und inhaltliche Kontinuität. Ironisch ist die von Warner gemacht Behauptung, weil sowohl „Batman v Superman“ als auch „Suicuide Squad“ in großem Maße unter Studio-Einmischungen litten – Entfaltungsfreiheit für die Regisseure sieht definitiv anders aus.

Kehren wir noch einmal kurz zu „Dawn of Justice“ zurück, denn „Suicide Squad“ ist geprägt von den Reaktionen auf den zweiten DCEU-Film. Dieser kam bekanntermaßen nicht allzu gut an, wurde von vielen Kritikern verrissen und spielte zwar viel Geld ein, blieb aber doch hinter den Studioerwartungen zurück. Vehementen Verteidiger des Snyder-Films warfen Kritiker daraufhin vor, man sei gegen die düstere, grimmige Herangehensweise an die Superheldenthematik voreingenommen und wolle, dass alle Superheldenfilme so seien wie die des MCU. Warner scheint diesen Vorwurf als Kritikerkonsens wahrgenommen zu haben und beweist damit wieder einmal, dass Hollywood-Studios sehr lernresistent sind und immer nach der einfachen Lösung suchen. Mir und vielen anderen Kritikern ging es nicht darum, dass die DC-Filme mehr wie die Streifen des MCU sein sollten. Nicht die Prämisse an sich ist schlecht, nur ihre Umsetzung. Nun glaubt Warner, wenn man die Filme nur leichtherziger und lustiger gestalten würde, würde es auch mit den Reaktionen besser funktionieren. Dem ist allerdings nicht so, auch wenn die Kasse bislang zu stimmen scheint. Durch oberflächliche Drehbuchkorrekturen, Umschnitte und ähnliche Studioeinmischungen bekommt man keinen besseren Film, nur einen chaotischeren.

Handlung und Struktur
Eigentlich ist die Handlung von „Suicide Squad“ sehr simpel: Nach Supermans Tod hat die Regierung der USA Angst, dass weitere Metawesen auftauchen könnten, die nicht so heroisch (*hust*) sind wie der Mann aus Stahl. Also kreiert die skrupellose Regierungsagentin Amanda Waller (Viola Davis) die Task Force X, ein Team aus größtenteils verurteilten Straftätern mit besonderen Fähigkeiten – zu diesen gehören unter anderem der meisterhafte Attentäter und Scharfschütze Deadshot (Will Smith), die irre Ex-Psychologin und Freundin des Jokers Harley Quinn (Margot Robbie), der australische Verbrecher Capain Boomerang (Jai Courtney), der Feuerteufel El Diablo (Jay Hernandez), das menschliche Krokodil Croc (Adewale Akinnuoye-Agbaje) und die uralte Zauberin Enchantress (Cara Delevigne). Wie sie jedoch herausstellt, lässt sich Letztere nicht kontrollieren und verursacht Chaos und Zerstörung. Der erste Auftrag für diese Suicide Squad unter Führung von Wallers Vertrautem Rick Flagg (Joel Kinnaman) und Katana (Karen Fukuhara) ist somit das Ausschalten einer bösartigen, magischen Wesenheit.

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Die Suicide Squad von links nach rechts: El Diablo (Jay Hernandez), Captain Boomerang (Jai Courtney), Killer Croc (Adewale Akinnuoye-Agbaje), Harley Quinn (Margot Robbie), Deadshot (Will Smith), Rick Flagg (Joel Kinnaman) und Katana (Karen Fukuhara)

Eine simple Grundhandlung muss nicht per se etwas schlechtes sein, wenn man sich ihrer richtig zu bedienen weiß. Die Handlung von „The Avengers“ ist ebenfalls eher einfach, aber stimmig und gibt den Figuren reichlich Gelegenheit zu gelungener Interaktion. Leider hat „Suicide Squad“ gerade diesbezüglich zwei große Probleme. Das erste: Die Handlung ist nicht stimmig. Es ist wohl davon ausgehen, dass Warner mit „Suicide Squad“ schon einmal die übernatürlichen Elemente des DC-Universums vorstellen wollte, um auf dieser Grundlage in späteren Filmen weiter aufzubauen. Allerdings passt die Enchantress als Gegnerin schlicht nicht zur Suicide Squad, sondern viel eher zur Justice League Dark. Ein Team wie die Task Force X sollte sich in ihrem ersten Film besser mit einem kleineren Gegner auseinandersetzen, der nicht potentiell die Welt zerstören könnte und besser zu ihr passt. Terroristen, organisiertes Verbrechen, Warlords oder Superschurken, die geerdeter sind – es gibt sehr viele Möglichkeiten und im DC-Universum finden sich auch genug Figuren, die sich eher anbieten würden als die Enchantress.

Das zweite große Problem ist, dass die Handlung die Charaktere nicht wirklich unterstützt; die Figuren agieren kaum miteinander, Dialoge gehen selten über Oneliner hinaus. Die größte Ausnahme ist die Barszene, die das Finale des Films einleitet und auch wirklich etwas zu Charakterentwicklung und Verhältnis beiträgt. Davon abgesehen hat „Suicide Squad“ diesbezüglich wahrlich nicht viel Fleisch auf den Knochen.

Darüber hinaus gibt es auch noch einige strukturelle Probleme, die dafür sorgen, dass der Film in seiner Dramaturgie sehr uneben daherkommt. Interessanterweise finden sich besagte Probleme primär im ersten Akt, der in meinen Augen dennoch der gelungenste ist. Zu Anfang des Films werden die Mitglieder der Task Force X ausführlich vorgestellt, und zwar ein einer Reihe von kurzen Segmenten, die stilistisch auf die jeweiligen Figuren zugeschnitten sind. Individuell betrachtet sind diese Segmente extrem gelungen, ihr Anordnung im Film ist es allerdings nicht unbedingt. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Haupthandlung stärker in die „Vorstellungsrunde“ einfließen zu lassen, oder die Einzelsegmente besser im Film zu verteilen (oder beides). Diese Struktur hat jedoch auch eine positive Seite: Gerade der erste Akt erinnert strukturell stark an einen Comic, in dem dieses Stilmittel so weitaus besser funktioniert. Ich kann mir nicht helfen, dieses comicartige Element des ersten Akts spricht mich an.

Task Force X
Eines der Probleme, das ich mit „Batman v Superman“ habe, war, dass sich die Helden zu unheroisch und rücksichtslos verhalten. Dagegen sind die Figuren in „Suicide Squad“, die eigentlich Schurken, Psychopathen und Arschlöcher sein sollten, zu zurückhaltend und nicht rücksichtslos genug. Hier haben wir abermals das Problem, dass Warner gerne eine pauschale Herangehensweise hätte, wo sich das Studio stattdessen auf die individuellen Bedürfnisse des Films konzentrieren sollte. Nach dem, was man so hört (und wohl auch in der Romanadaption des Films lesen kann), war David Ayers ursprüngliches Drehbuch, bzw. die ursprüngliche Schnittversion, weitaus düsterer und grimmiger. Nach der Rezeption von „Batman v Superman“ griff Warner ein und forderte, dass die Figuren sympathischer werden sollten. Und auch Will Smith wollte wohl keinen gewissenlosen Profikiller spielen. Das hat nun fast zur Folge, dass die eigentlich schurkischen Figuren aus „Suicide Squad“ einsichtiger und weniger heuchlerisch wirken als Batman und Superman. Insgesamt sind die Mitglieder der Task Force X hier schlicht zu harmlos. Das trifft besonders auf Deadshot zu. Der von Will Smith gespielte Floyd Lawton ist eigentlich gar kein so übler Kerl, im Gegensatz zur Comicfigur. Ja, auch Comic-Deadshot hat eine Tochter, die er aufrichtig liebt. Aber das ist dann auch schon seine einzige positive Eigenschaft, davon abgesehen ist er ein rücksichtsloser und arroganter Arsch. Gerade dieser Gegensatz macht die Figur interessant. Man könnte fast sagen, Film-Deadshot profitiert zu sehr von Will Smiths sympathischer Ausstrahlung, sodass der Zuschauer viel zu schnell vergisst, dass er es hier eigentlich mit einem rücksichtslosen Killer zu tun hat. Das heißt nicht, dass Will Smith Deadshot schlecht spielt, denn dem ist nicht der Fall. Er spielt ihn höchstens unpassend. Ähnliches trifft auch auf die anderen Mitglieder des Teams zu, die zum Teil schon fast überflüssig und verschenkt sind. Killer Croc und Katana beispielsweise wirken völlig verschenkt und tragen kaum etwas zur Handlung bei.

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Amanda Waller (Viola Davis)

Schließlich und endlich erweist sich auch die Charakterentwicklung als problematisch. Viel zu schnell freunden sich die Figuren an, ohne dass man so recht wüsste, weshalb – oft informiert der Film, anstatt zu zeigen. Die Beziehung zwischen Rick Flagg und June Moon, dem Wirt der Enchantress, ist ein besonders gutes Beispiel, sie verlieben sich zu Beginn kurz, weil es für den Plot nötig ist bzw. weil Waller es so geplant hat. Das wirkt fürchterlich erzwungen und unglaubwürdig. Auch die moralische Wandlung der Schurken am Schluss bleibt verhältnismäßig unmotiviert und schlecht erklärt. Die nachvollziehbarste und am besten entwickeltest Figur der Task Force ist El Diablo, der als Antiheld und Sympathieträger am besten funktioniert.

Amanda Waller und Enchantress
Zuerst einmal: Amanda Waller ist eine der Figuren des Films, die am besten umgesetzt wurde. Viola Davis passt perfekt und kann C.C.H. Pounder, die Waller im DCAU gesprochen hat, durchaus das Wasser reichen. Leider kommt sie dafür, dass sie ein Mastermind sein soll, im Film nicht allzu gut weg. Eigentlich sollte die Enchantress, alias Dr. June Moon, Wallers Geheimwaffe sein, doch das geht fürchterlich nach hinten. Ich finde es dramaturgisch sehr unglücklich, dass Waller direkt in ihrem ersten Film gleich derartig scheitert. Darüber hinaus finde ich es auch nicht besonders gelungen, dass die Squad bereits als Präventivmaßnahme versammelt wird und die Widersacherin dann (mehr oder weniger) aus den eigenen Reihen kommt. In meinen Augen wäre es weitaus gelungener gewesen, wenn Waller die Task Force X bereits zu einem bestimmten Zweck versammelt hätte.

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Die Enchantress (Cara Delevigne)

Nun denn, kommen wir zur Enchantress selbst. Cara Delevignes Darstellung der Figur, einer eher obskuren Antiheldin des DC-Universums, die immer mal wieder sporadisch auftaucht und sich in den Comics optisch sehr stark von ihrem Filmgegenstück unterscheidet, musste viel Kritik einstecken. Als ich ihre erste größere Szene (Waller stellt sie diversen Regierungsbeamten und Militärs vor) im Kino sah, konnte ich das noch nicht verstehen, denn besagte Szene gefiel mir sehr gut, die Verwandlung und die Magie der Enchantress waren sehr ansehnlich und sie selbst durchaus unheimlich. Sobald allerdings ihr Bruder (der wie eine billigere Version des Destroyer aus „Thor“ aussieht) dazustößt und die Enchantress das Outfit wechselt, ändert sich das leider. Zum einen ist die neue Optik nicht vorteilhaft, und zum anderen ist Delevignes übertriebenes Spiel in diesen Szenen höchstens albern, aber niemals einschüchternd oder beeindruckend. Auf der inhaltlichen Eben sieht es ebenso schlecht aus wie auf der inszenatorischen: Als Figur ist die Enchantress in etwa so gut entwickelt wie Lex Luthor in „Batman v Superman“. Motive hat sie eigentlich keine und selbst ihr Ziel ist eher schwammig; sie will eine Waffe bauen um damit die Welt zu erobern oder zu zerstören – irgendetwas in diese Richtung. Ich mag ja uralte böse Mächte, die wiedererwachen, aber wenn man sich dieser Thematik annimmt, sollte man besagte Mächte schon besser ausarbeiten – entweder macht man sie nachvollziehbarer, oder man orientiert sich an Lovecraft und gestaltet sie als völlig fremdartige und unmenschliche Wesen. Die Enchantress ist weder interessant noch fremdartig, sondern einfach nur schlecht geschrieben.

Harley Quinn, Batman und der Joker
Ist „Suicide Squad“ ein verkappter Batman-Film? Darauf kann ich mit einem ganz eindeutigen „schon irgendwie, aber doch nicht ganz“ antworten. Es lässt sich kaum leugnen, dass die Squad zum Großteil aus Batman-Schurken besteht und sowohl der Dunkle Ritter selbst als auch der Joker im Marketing eine wichtige Rolle spielten, von Harley Quinn gar nicht erst zu sprechen. Batmans tatsächliche Rolle im Film ist dann aber doch wieder relativ überschaubar – er taucht in zwei der Rückblicke am Anfang auf und dann noch einmal als Bruce Wayne in der Mid-Credits-Szene. Einerseits hätte man da durchaus noch mehr machen können. Im Vorfeld wurde von offizieller Seite behauptet, Batmans Präsenz sei den Film über spürbar, selbst wenn er nur eine kleine Rolle spiele, man sehe ihn aus der Perspektive seiner Gegner, wie ein angsteinflößendes Schreckgespenst. Das ist nicht der Fall, der Animationsfilm „Batman: Assault on Arkham“ (der eigentlich „Suicide Squad: Assault on Arkham“ heißen müsste), hat dieses Konzept weitaus besser umgesetzt. Dennoch muss ich sagen, dass mir die beiden Bat-Auftritte hier ausnehmend gut gefallen haben. In diesen beiden doch relativ kurzen Szenen habe ich mehr von „meinem“ Batman gesehen als in der gesamten Laufzeit von „Batman v Superman“. Wenn das ein Indikator für den Batfleck-Film sein sollte, dann Daumen hoch. Der Joker dagegen bleibt (Achtung, Gag) leider ziemlich blass. Um ihn in „Suicide Squad“ effektiv einzusetzen, hätte man seine Rolle entweder größer oder kleiner machen müssen. Das Hauptproblem ist, dass er für die Handlung des Films kaum Bedeutung hat und einfach irgendwie da ist, um noch ein paar Batman-Fans mehr ins Kino zu locken. Seine Auftritte sind zu häufig und zu wenig erinnerungswürdig, um als Highlights funktionieren zu können – ein Auftritt im Harley-Rückblick und einer am Ende hätten dramaturgisch weitaus besser funktioniert. Alternativ hätte Ayer ihn tatsächlich zu einem wichtigen Teil der Handlung machen müssen. Jared Leto selbst gab um den Kinostart herum zu Protokoll, dass viele seiner Szenen geschnitten wurden, er hatte also ursprünglich eine größere Rolle, wenn auch wahrscheinlich keine sehr viel bedeutendere. Ayer hätte zwei Probleme seines Films auf einmal beseitigen können, hätte er den Joker zum Gegner der Suicide Squad gemacht. Zwar wäre es vielleicht ein wenig repetitiv gewesen, hätte der Joker schon wieder als Hauptantagonist fungiert, aber ansonsten ist der Clown Prince of Crime als Gegner für die Suicide Squad weitaus besser geeignet als die Enchantress.

Auch die Konzeption dieses Jokers funktioniert nicht so recht, er ist nicht wirklich greifbar, es wird nie so richtig deutlich, was DIESEN Joker ausmacht, wenn man seine Tatoos ignoriert. Abermals gilt: Eine reduzierte Präsenz im Film hätte diese Schwäche zumindest reduziert, eine stärkere hätte die Möglichkeit gegeben, die Figur zu erforschen. Nachdem, was Ayer uns zeigt, kann man wohl davon ausgehen, dass diese Inkarnation des Jokers ein ziemlich schriller Gangsterboss ist, vielleicht dem Joker aus Brian Azzarellos und Lee Bermejos „Joker“ gar nicht so unähnlich.

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Der Joker (Jared Leto)

Kommen wir schließlich noch zum nicht ganz so heimlichen Star des Films: Harley Quinn. Ähnlich wie Viola Davis ist auch Margot Robbie eine Idealbesetzung für die Figur und spielt hervorragend. Von allen Mitgliedern der Squad ist Harley am besten umgesetzt. Interessanterweise wurde die Beziehungsdynamik zwischen ihr und dem Joker verändert. In den Comics (und natürlich in „Batman: The Animated Series“) handelt es sich um eine einseitige und höchst dysfunktionale Partnerschaft, der Joker ist oftmals von Harley genervt und versucht sie zum Teil loszuwerden oder gar umzubringen. Sie wird immer erst dann interessant für ihn, wenn sich jemand anderes für sie interessiert (Deadshot, Poison Ivy etc.). Im Film dagegen scheint die Beziehung gesünder (nicht gesund) und die Liebe gegenseitig zu sein. Möglicherweise sind jedoch viele Elemente einfach der Schere zum Opfer gefallen. Jedenfalls bleibt die Harley/Joker-Dynamik im Film sehr flach und man fragt sich, ob Harley im DCEU eine ähnliche Entwicklung und Emanzipation durchmachen wird wie in der Comickontinuität.  Auch in anderer Hinsicht ist Film-Harley zahmer: Während sie in anderen Medien durchaus gerne ein Techtelmechtel mit Deadshot anfängt, bleibt es im Film zwischen den beiden ziemlich platonisch.

Die Musik
An der Musik merkt man am deutlichsten, dass David Ayer sich durchaus an „Guardians of the Galaxy“ orientiert hat. Der von Steven Price komponierte Score spielt kaum eine Rolle, das Augenmerk liegt auf den Songs. Anders als bei „Guardians of the Galaxy“ funktioniert das hier bei Weitem nicht so gut. James Gunn hat es geschafft, die Lieder sehr gezielt einzusetzen und sie zu einem unverzichtbaren Teil der Narrative des Films zu machen. In „Suicide Squad“ dagegen erleben wir einen Song-Overkill ohne inhaltlichen Mehrwert, die Platzierung erinnert an Werbespots oder Doku-Soaps. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen, so können die Lieder ihre Wirkung nicht wirklich entfalten, musikalisch wirkt „Suicide Squad“ wie gewollt und nicht gekonnt. Leider schneidet Steven Price‘ Score kaum besser ab. Handwerklich betrachtet ist er wahrscheinlich der beste DCEU-Score, aber da sowohl „Man of Steel“ als auch „Batman v Superman“ für mich absolut fürchterliche Soundtracks sind, sollte man das nicht als Lob verstehen. Price‘ Musik bleibt nicht nur unauffällig, sondern auch anonym und langweilig. Eine gelungene, ausführliche Rezension des Scores findet sich hier.

Fazit: Es wird Zeit, dass Warner bei den DC-Filmen endlich aus den Fehlern lernt: Statt ihre Prämisse anzuzweifeln, sollte sich das Studio lieber darum kümmern, sie angemessen umzusetzen und nicht die Filme vor dem Kinostart verstümmeln. In mancher Hinsicht ist „Suicide Squad“ tatsächlich eine Verbesserung gegenüber „Batman v Superman“, viel zu oft macht David Ayers Schurkenfilm aber dieselben Fehler und scheitert letztendlich genauso. Nicht unerwartet, aber gerade für einen Fan der Vorlage dennoch traurig, gerade weil doch einiges an Potential vorhanden ist.