Valerian – Die Stadt der tausend Planeten

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Story:
Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevingne) sind im 28. Jahrhundert Top-Agenten der menschlichen Territorien. Sie erhalten den Auftrag, auf dem Wüstenplaneten Kyrion einen Transmutator, das letzte Exemplar seiner Spezies, das jeden Gegenstand vervielfältigen kann, ausfindig zu machen, was ihnen auch gelingt. Sie bringen den Transmutator nach Alpha, der sog. „Stadt der tausend Planeten“, einer Raumstation, auf der Millionen Vertreter diverser unterschiedlicher Spezies leben. Schon bald müssen sie jedoch erkennen, dass ihr Vorgesetzter General Filitt (Clive Owen) in ein Komplott verwickelt ist, das mit der Zerstörung des Planeten Mül zusammenhängt. Die letzten Überlebenden von Mül setzen alles daran, Filitt und den Transmutator in die Hände zu bekommen…

Kritik: So wie es aussieht ist „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“, der neueste Film von Luc Besson, der große Flop dieses Jahres. Das ist schon allein deshalb schade, weil es nicht allzu viele unabhängig finanzierte, europäische Science-Fiction-Filme gibt – ich hätte „Valerian“ durchaus Erfolg gegönnt, schon allein, um noch mehr europäische Genre-Filme zu bekommen. Wie dem auch sei, dieser Film ist, was ich als „beauiful mess“ beschreiben würde. Mir sind schon einige Kritiken über den Weg gelaufen, die „Valerian“ auf eine Stufe mit „Jupite Ascending“ stellen und ihn wirklich zu hassen scheinen. Während „Valerian“ einige wirklich massive Schwächen hat, mag ich diese gloriose Fehlkalkulation irgendwie – ein typischer Fall von Guilty Pleasure.

Beginnen wir bei den Schwächen. Dazu zählen primär die Story und die beiden Hauptfiguren bzw. ihre Darsteller. Bei „Valerian“ handelt es sich um die Adaption einer französischen Comicserie aus den 60ern mit dem Titel „Valérian et Laureline“ (auf Deutsche „Valerian und Veronique“), geschrieben von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières; mit Letzterem arbeitete Besson nicht nur an dieser Comicadaption, sondern auch an „Das fünfte Element“ zusammen. Da ich „Valérian et Laureline“ nie gelesen habe, weiß ich nicht, wie genau der Film der Vorlage folgt, allerdings fühlt er sich in mancher Hinsicht ziemlich „altbacken“ an. Es mag sein, dass der Plot des Comics, auf dem dieser Film basiert, in den 60ern neu und aufregend war, aber wie so oft gibt es Abnutzungserscheinungen. Tatsächlich gibt es einige Parallelen zu „Avatar“, primär die oft als problematisch wahrgenommenen „White-Savior-Narrative“. Vielleicht soll „Valerian“ aber auch ein satirischer Kommentar auf eben dieses Konstrukt sein, denn die „edlen Wilden“ dieses Films sind tatsächlich weißer als die Protagonisten. Wenn dem so war, war es den meisten Zuschauern wohl zu subtil. Für mich weitaus schwerer wiegen die eher umständliche Erzählweise und die unelegante Plotkonstruktion. Und dann sind da noch die beiden Protagonisten. Auch hier gilt, ich weiß nicht, wie die beiden in der Vorlage charakterisiert werden, aber man merkt, welche Archetypen Luc Besson darstellen wollte. Die Betonung liegt hier auf wollte, denn weder Dane DeHaan noch Cara Delevingne werden den Anforderungen gerecht. Vor allem DeHaan nimmt man den Han-Solo- oder Starlord-artigen Protagonisten und Weiberhelden einfach nicht ab, und die Chemie, die zwischen ihm und Delevingne herrschen sollte, ist nicht wirklich vorhanden. Auch sonst ist die Darstellerriege eher durchwachsen – Besson war selten ein Regisseur, der das Allerbeste aus seinen Schauspielern herauskitzeln konnte.

Was für „Valerian“ spricht, ist die schiere, visuelle Kreativität, die hier an den Tag gelegt wird. Letztendlich ist Bessons Film ein sehr eindeutiger Fall von „style over substance“, aber was für einer; hier finden sich mehr Opulenz und kreative Einfälle als in den gesamten Blockbustern der letzten Jahre. Schon die Eingangssequenz, in der wir erleben, wie die Raumstation Alpha langsam zur Stadt der tausend Planeten wird, ist brillant, ebenso wie der mehrdimensionale Markt auf Kyrion und natürlich die späteren Eindrücke von Alpha. Allerdings offenbart sich in diesem Zusammenhang ein weiteres Problem: Man wird das Gefühl nicht los, auf Alpha gäbe es noch weitaus interessantere Abenteuer als das, das gerade von Valerian und Laureline durchlebt wird. Dennoch weiß „Valerian“ auf visueller Ebene absolut zu überzeugen; in Zeiten, in denen große Blockbuster immer grauer und farbloser werden, ist Bessons optische Opulenz eine angenehme Abwechslung. Wenn schon CGI-Overkill, dann doch bitte so.

Ebenfalls sehr angenehm ist die Art und Weise, wie sich der Film selbst ernst nimmt. Während es durchaus (mal mehr, mal weniger funktionierenden) Humor gibt, fehlen die heute oft obligatorischen Metaanspielungen und das Augenzwinkern. Eigentlich stehe ich ja auf beides, aber auch hier gilt: Abwechslung ist der Schlüssel. Hin und wieder ist auch nett, wenn die Helden den größten Absurditäten mit stoischer Gelassenheit entgegenblicken, ohne dabei einen selbstironischen Kommentar abzulassen. Trotz seiner vielen Schwächen bekommt „Valerian“ gerade dadurch eine naive Authentizität, die selten geworden ist. Der Score von Alexandre Desplat schließlich ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben und dürfte auf meiner Jahresbestenliste ziemlich weit vorne landen.

Fazit: „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ ist beileibe kein guter, aber ein unterhaltsamer und visuell brillanter Film – ein Guilty Pleasure erster Güte.

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Trailer

A Cure for Wellness

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Story: Im Auftrag seines Unternehmens reist Lockhart (Dane DeHaan) in ein abgelegenes Sanatorium in der Schweiz, um das Vorstandsmitglied Pembroke (Harry Groener) zurück nach New York zu holen. Doch schon bald stellt er fest, dass in dem Sanatorium unter Leitung von Dr. Heinreich Volmer (Jason Isaacs) etwas ganz und gar nicht stimmt. Kein Patient verlässt die Einrichtung je wieder, sie alle finden den Ort wunderbar, obwohl sie nach und nach verfallen. Und dann ist da noch die mysteriöse Hannah (Mia Goth), ein, wie sie selbst sagt, Spezialfall. Schon bald erkennt Lockhart: Um seinen Auftrag erfüllen zu können, muss er herausfinden, was in den Kellerräumen des Sanatoriums wirklich geschieht…

Kritik: Betrachtet man sich Gore Verbinskis Filme der letzten zehn Jahre, darunter vor allem die ersten drei Teile von „Pirates of the Caribbean“ sowie „Rango“ und den Disney-Megaflop „The Lone Ranger“, dann will „A Cure for Wellness“ da erstmal nicht so recht reinpassen. Einen offensichtlich verwandten Film findet man erst, wenn man ins Jahr 2002 zu Verbinskis Remake von „The Ring“ zurückgeht. Während nicht jeder dieser Filme wirklich vollauf gelungen ist, sind sie doch alle zumindest interessant – „A Cure for Wellness“ reiht sich da wunderbar ein. Vor allem gilt es jedoch, erst einmal eine Warnung auszusprechen: Dieser Film ist gewissermaßen eine Mogelpackung – vielleicht die grandioseste Mogelpackung der letzten Jahre. Die Trailer mögen einen Psychothriller á la „Shutter Island“ suggerieren, während der Titel und die ersten zehn Minuten eine damit verbundene Auseinandersetzung mit modernen Themen wie Wellness, Burn-out und dem leeren Erfolgsstreben des Großkapitalismus versprechen. „A Cure for Wellness“ ist nach diesen zehn Minuten allerdings ein völlig anderes Biest: Sobald Lockhart im Sanatorium in der Schweiz ankommt und beginnt, auf dunkle Geheimnisse zu stoßen, stellt sich heraus, dass es sich bei diesem Film eigentlich um eine waschechte Gothic-Horror-Geschichte mit einer Prise Lovecraft handelt.

Viele Rezensenten kritisierten vor allem das Ende, bzw. das Finale und die damit zusammenhängende Enthüllung, ich sehe das allerdings anders. Die größte Schwäche dieses Films ist in meinen Augen der bereits erwähnte Anfang, denn er veranlasst den Zuschauer, den Film unter einer letztendlich falschen Prämisse zu betrachten, die dazu führt, dass man unweigerlich enttäuscht wird, weil man etwas anderes erwartet. Dementsprechend uninspiriert wirkt dann auch die Schlussszene; es scheint, als hätten sich Verbinski und sein Drehbuchautor Justin Haythe (beide zusammen haben die Story geschrieben) daran erinnert, dass da ja noch die zu Beginn gestellte Thematik war und versucht, einen Abschluss zu liefern, was aber nicht wirklich gelingt.

In mancher Hinsicht hat „A Cure for Wellness“ einiges mit Guillermo del Toros „Crimson Peak“ gemein. Bei beiden Filmen handelt es sich um Liebeserklärungen an den klassischen Schauerroman und das Gothic-Horror-Genre des 19. Jahrhunderts, in beiden Fällen wurden die Filme allerdings nicht unbedingt als das beworben, was sie sind. „Crimson Peak“ ist immerhin vom Marketing losgelöst sehr ehrlich und erklärt dem Zuschauer am Anfang, woran er ist, während „A Cure for Wellness“ den Zuschauer noch im Film täuscht. Ich persönlich denke, dieser Film hätte weitaus besser funktioniert, hätte er nicht im 21. Jahrhundert, sondern in den 1950ern, den 1920ern oder sogar im späten 19. Jahrhundert gespielt; das Sanatorium wirkt ohnehin, als stamme es direkt aus den 50ern.

Wenn man die falsche Prämisse und die Tatsache, dass es eigentlich weder um Wellness, noch um sonstige Themen des 21. Jahrhunderts geht, überwunden hat, funktioniert der Film als Gothic-Horror-Geschichte exzellent. Verbinskis etwas umständliche, behäbige und zum Teil auch langatmige Erzählweise, die schon bei den Pirates-Sequels oftmals kritisiert wurde, passt tatsächlich wunderbar zu dieser Hommage, da sie im besten Sinne viktorianisch ist. Die Art, wie die Geschichte aufgebaut ist, die Konzeption des Protagonisten, des Antagonisten und der mysteriösen Frauenfigur, der Twist am Ende, die moralischen Abgründe – all das entspricht genau den Konventionen der klassischen Gothic Novel. Selbst das Geheimnis, das sich im Sanatorium verbirgt wäre in einem „gewöhnlichen“ Thriller unpassend, aber auch hier folgt „A Cure for Wellness“ mit seiner Steampunk-Ästhetik und dem beinahe magischen Prozess den gotischen Konventionen. Wer, wie ich, diesen etwas abgewinnen kann, dürfte auch von „A Cure for Wellness“ angetan sein.

Zumindest ein Aspekt ist jedoch über jeden Zweifel erhaben: Verbinskis Bildsprache ist schlicht brillant. Und das betrifft nicht nur die exzellent gefilmte Bergpanoramen und Kulissen, darunter Burg Hohenzollern, sondern auch die diversen Techniken wie die Parallelmontage oder die optischen Spiegelungen, derer er sich bedient, um alptraumhafte Bilder zu erzeugen. Apropos alptraumhaft, auch diesbezüglich gibt es einiges zu bieten. Verbinski schreckt vor visuellen Gemeinheiten absolut nicht zurück und gewährt dem Zuschauer kein gnädiges Abblenden. Die üppige Bilderwelt des Films ist ebenfalls vom gotischen Geist durchdrungen. Darüber hinaus hat Verbinsiki noch die eine oder andere kleine Anspielung versteckt – so liest einer der Pfleger des Sanatoriums gerade Thomas Manns „Der Zauberberg“. Hätte Mann sein Werk nichts als Bildungs- sondern als Schauerroman konzipiert, wäre vielleicht etwas wie „A Cure for Wellness“ dabei herausgekommen.

Schauspielerisch bewegt sich „A Cure for Wellness“ ebenfalls durchaus auf hohem Niveau. Dane DeHaan wirkt ein wenig überfordert, dafür weiß Mia Goth aber vollauf zu überzeugen (und hat auch noch einen passenden Namen) und Jason Isaacs wurde die Rolle des Sanatoriumsleiters mit dem finsteren Geheimnis geradezu auf den Leib geschrieben. Ähnlich überzeugend ist auch die Musik, die dieses Mal nicht von Verbinskis Stammkomponisten Hans Zimmer kommt, sondern von dem britischen Komponisten Benjamn Wallfisch, der einen wirkungsvollen Horror-Score in der Tradition Jerry Goldsmiths und Christopher Youngs beisteuert.

Fazit: „A Cure for Wellness“ ist ein unbequemer und unebener Film, aber auch eine visuell brillante, enthusiastische Liebeserklärung an das Gothic-Horror-Genre, die für mich als solche wunderbar funktioniert hat und der ich den Erfolg an den Kinokassen vollauf gegönnt hätte, immerhin werden Filme, die nicht zu einem Franchise gehören und keine Adaption oder ein Remake sind, immer seltener.

Trailer

Siehe auch:
Crimson Peak