Hellraiser: The Toll

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„The Scarlet Gospels“, Clive Barkers persönliche Abrechnung mit seiner Schöpfung Pinhead, bzw. wie Barker es vorzieht, dem „Hell Priest“, wurde und wird immer wieder gerne als Fortsetzung zur ursprünglichen Novelle „The Hellbound Heart“ bezeichnet. Diese ist zwar die Vorlage zu „Hellraiser“, beinhaltet aber bestenfalls eine Art Proto-Pinhead, der wenig mit seinem späteren Film-Gegenstück zu tun hat und nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Zudem finden sich auch kaum inhaltliche oder thematische Anknüpfungspunkte. Die 2018 erschiene Novelle „Hellraiser: The Toll“ von Mark Alan Miller, nach einer Idee von Barker, klärt final auf, in welcher Beziehung „The Hellbound Heart“ zu „The Scarlet Gospels“ steht: In keiner. In meiner Rezension zu Barkers Roman schrieb ich, dass dieser am ehesten den ersten Hellraiser-Film als Grundlage verwendet, und tatsächlich erwies sich das als richtig.

In „Hellraiser: The Toll“ schildert Miller, was mit Kirsty in den 30 Jahren nach ihrem Zusammentreffen mit den Cenobiten getrieben hat. Da sie hier eindeutig als Kirsty Cotton identifiziert wird und zudem die Verwandtschaftsverhältnisse und Namen der Filminkarnationen der Figuren verwendet werden, ist eindeutig, dass es sich bei „The Scarlet Gospels“ um die Fortsetzung von „Hellraiser“ und nicht „The Hellbound Heart“ handelt. „The Toll“ miteingerechnet existieren inzwischen drei unterschiedliche Kontinuitäten, in denen sich Kirsty mit der Affäre um Frank, Julia und den Cenobiten auseinandersetzen darf. Zum einen hätten wir die diversen Hellraiser-Sequels, in zumindest zwei davon spielt Kirsty eine zentrale Rolle: In „Hellbound: Hellraiser II“ kommt sie durch die Machenschaften von Dr. Channard ein weiteres Mal mit Pinhead und Co. in Kontakt und, mehr noch, bekommt die „Gelegenheit“, die Hölle, bzw. das Labyrinth, zu erforschen. Schließlich opfert sie in „Hellraiser: Deader“ ihren untreuen Ehemann Trevor den Cenobiten. Die von Clive Barker mitkonzipierten Hellraiser-Comics des Verlags Boom! Studios ignorieren alles nach „Hellbound: Hellraiser II“, integrieren aber die dort inszenierte Version des Labyrinths und Leviathans und zeigen, wie Kirsty selbst zur Urlaubsvertretung für Pinhead wird.

In „The Toll“ verlaufen die Jahrzehnte hingegen äußerst ereignisarm; Kirsty scheint sich mental in einem ähnlichen Zustand wie in den Comics zu befinden, führt aber keinen „Privatkreuzzug“ gegen die Spuren der Hölle und die diversen Puzzleboxen überall auf der Welt, wie es in den Comics der Fall ist. Stattdessen reist Kirsty umher, versucht ihrem Trauma zu entkommen und landet schließlich doch wieder im Haus in der Ludovico Street. Natürlich kommt es zu einer weiteren Begegnung mit Pinhead, der von Kirsty mit einem eigenen Spitznamen bedacht wird: „The Cold Man“. Als Leser von „The Scarlet Gospels“ erfährt man, dass Harry D’Amour nicht der erste Zeuge von Pinheads Machtergreifung in der Hölle werden sollte; ursprünglich wollte der Cenobit Kirsty selbst in dieser Rolle sehen. Kirsty ist allerdings mehr als unwillig, und es gelingt ihr tatsächlich ein weiteres Mal, sich dem Einfluss ihres Widersachers zu entziehen. Der Epilog der Novelle schildert schließlich, sehr knapp, Kirsty Sicht auf die Ereignisse des Pinhead-Romans.

Da ich ohnehin kein allzu großer Fan von „The Scarlet Gospels“ bin, hatte ich auch an „Hellraiser: The Toll“ keine hohen Erwartungen, und tatsächlich: Es handelt sich um kaum mehr als ein Tie-in, das quasi nichts Neues anzubieten hat und lediglich einige Kontinuitätsfragen klärt. Mehr noch, ähnlich wie Barkers Roman greift Miller auch kaum die Thematik der ursprünglichen Novelle auf und selbst die Handlung von „The Scarlet Gospels“ wird nicht bereichert. Stilistisch ist das kleine Büchlein zwar kompetent, aber auch sehr anonym gestaltet; wirklich Spannung kommt selten auf und auch die Elemente, die kleinen subtilen Eigenheiten, die „The Hellbound Heart“ zu etwas Besonderem machten, fehlen.

Fazit: „Hellraiser: The Toll“ ist kaum mehr als ein redundantes Tie-in, im Grunde nur geeignet für absolute Fans von „The Scarlet Gospels“, die genau wissen wollen, in welchem Verhältnis Barkers Pinhead-Roman zum Rest des Franchise steht. Wer nach einer literarischen Anknüpfung an Barkers Novelle sucht, ist mit der Kurzgeschichtensammlung „Hellbound Hearts“ deutlich besser bedient.

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Siehe auch:
Art of Adaptation: The Hellbound Heart
The Scarlet Gospels
Hellbound Hearts
Sherlock Holmes and the Servants of Hell

Sherlock Holmes and the Servants of Hell

Spoiler!
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Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes wird nur allzu gerne in Crossovern verwendet – ich besprach bereits das eine oder andere im Rahmen dieses Blogs. Zumeist paaren Autoren den Meisterdetektiv mit anderen Figuren aus dem viktorianischen Umfeld – Dracula, Dr. Jekyll/Mr. Hyde etc. Auch mit anderen legendären Detektiven wie Batman durfte er schon interagieren und selbst in den Gefilden des „Cthulhu-Mythos“ sind Holmes und Watson keine Fremden mehr, mit den Horror-Ikonen der 80er interagieren sie allerdings eher selten, doch auch hier finden sich Ausnahmen. Die vielleicht bemerkenswerteste Pastiche dieser Art ist ein Roman mit dem Titel „Sherlock Holmes and the Servants of Hell“ von Paul Kane. Die Prämisse ist ebenso so simpel wie faszinierend: Was geschieht, wenn man Sherlock Holmes auf die Cenobiten aus Clive Barkers „Hellraiser“ treffen lässt?

Paul Kane ist für ein derartiges Projekt sicher die geeignetste Wahl, vor allem wegen seiner intimen Kenntnis des Hellraiser-Franchise; so verfasste er unter anderem das Sachbuch „The Hellraiser Films and Their Legacy“ und fungiert zusammen mit seiner Frau Marie O’Regan als Herausgeber der Kurzgeschichtensammlung „Hellbound Hearts“. Das Verfassen eines passenden Romans scheint da der nächste logisch Schritt. Die Kombination von Holmes und „Hellraiser“ scheint auf den ersten Blick ein wenig gewöhnungsbedürftig zu sein, passt aber deutlich besser, als es etwa bei vergleichbaren Horror-Filmreihen der 80er der Fäll wäre. Sowohl in den Filmen als auch in Comics und sonstigen Fortführungen zeigten Autoren bereits, dass eine Hellraiser-Geschichte auch sehr gut in vergangenen Epochen funktionieren kann. Richtet man sich allerdings nach dem etablierten Kanon der Filme, steht die Franchise-Ikone Pinhead während des viktorianischen Zeitalters noch nicht zur Verfügung, da sein menschliches Alter Ego Elliot Spencer erst 1921 in den Besitz der Lament Configuration gelangt, um im Anschluss zum Cenobiten zu werden – auch das ein Problem, mit dem Paul Kane in diesem Kontext umgehen muss und für das er eine sehr kreative Lösung findet.

In jedem Fall zeigt Kane mit „Sherlock Holmes and the Servants of Hell”, dass er zu deutlich mehr in der Lage ist als nur einem simplen Crossover, denn der Roman ist tatsächlich eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Franchise, die dessen Entwicklung kommentiert, aber zugleich auch die Holmes-Aspekte nicht aus den Augen verliert. Aus diesem Grund lässt Kane Holmes und Watson nicht einfach „nur“ die Lament Configuration lösen und auf Cenobiten treffen, sondern integriert verschiedene Elemente der Filme in den Roman. Zu Beginn befinden sich Holmes und Watson nicht unbedingt im besten emotionalen Zustand: Letzterer trauert um seine verstorbene Ehefrau Mary, während Ersterer nach den Ereignissen an den Reichenbach-Fällen und seinem vermeintlichen Tod nicht mehr derselbe ist: Holmes gibt sich mehr denn je seinem alten Laster, den bewusstseinsverändernden Drogen hin, und wird regelrecht zum Adrenalinjunkie. Vielleicht verschafft ja ein neuer Fall Ablenkung: Mehrere Personen sind unter mysteriösen Umständen verschwunden, und in jedem dieser Fälle spielt eine mysteriöse Puzzlebox eine Rolle. Die Namen der verschwundenen Personen lassen den Hellraiser-Fan sofort aufhorchen: Francis Cotton, James Philip Monroe und Howard Spencer. Hier beginnen die Handlungselemente der Hellraiser-Filme mehr oder weniger subtil in die Holmes-Geschichte einzudringen, indem Kane viktorianische Pendants zu Figuren der ersten drei Hellraiser-Filme als Nebenfiguren auftreten lässt. Francis Cottons Bruder Lawrence und seine Frau Juliet sind diejenigen, die Holmes und Watson beauftragen, und natürlich hat Lawrence eine Tochter namens Kirsten aus erster Ehe – Fank, Larry, Julia und Kristy Cotton sind da nicht allzu weit entfernt. Dennoch begnügt sich Kane nicht damit, die Handlung des ersten Films im London des späten 19. Jahrhunderts noch einmal durchzuexerzieren, die Cottons sind nur ein kleines Puzzelstückchen. James Philip Monroe verweist natürlich auf den Clubbesitzer J. P. Monroe aus „Hellraiser III: Hell on Earth“ und bei Howard Spencer handelt es sich um den Vater von Elliot Spencer, der später zu Pinhead werden soll – auf diese Weise integriert Kane jeweils ein Opfer der Lament Configuration aus den ersten drei Filmen in seinen Roman. Auch weitere Figuren erhalten, was man als „Pseudo-Cameos“ bezeichnen könnte, darunter eine Reporterin namens Summerskill (Joe Summerskill aus „Hellraiser III: Hell on Earth“), ein Polizist namens Thorndyke (Joseph Thorne aus „Hellraiser: Inferno“) und eine junge Frau namens Kline (Amy Kline aus „Hellraiser: Deader“). Natürlich stoßen Holmes und Watson bei ihren Ermittlungen schließlich auf Gerüchte um den „Orden der klaffenden Wunde“ („Order of the Gash“). Holmes weiß zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits deutlich mehr, als er mit Watson teilen möchte. Um ihn vor weiteren Gefahren zu schützen, schickt er ihn nach Frankreich, um dort über die Herkunft der Puzzlebox nachzuforschen. Wie nicht anders zu erwarten, stößt Watson dort auf ein Mitglied der Lemarchand-Familie und trifft zudem auch einen gewissen Henri D’Amour, Vorfahre des von Clive Barker geschaffenen okkulten Detektivs Harry D’Amour, der u.a. Protagonist des Romans „The Scarlet Gospels“ ist und auch in diversen Hellraiser-Comics auftritt. Holmes macht sich derweil an den finalen Schritt zur Aufklärung des Falls: Die Lösung der Lament Configuration…

Es sollte erwähnt werden, dass Kane nicht nur im Hellraiser-, sondern auch im Sherlock-Holmes-Bereich sehr kompetent ist. Stilistisch baut er definitiv auf Doyle auf und vermittelt sofort die richtige Atmosphäre, auch die Beziehung zwischen Holmes und Watson gelingt ihm sehr gut. Große Teile des Romans sind zudem, in bester Tradition, als Bericht Watsons konzipiert, bei den restlichen Kapiteln fungiert Holmes selbst als PoV-Charakter, aber nicht als Ich-Erzähler. Nach einem stark an den Anfang von „Hellraiser“ und „Hellbound: Hellraiser II“ erinnernden Prolog, in welchem ein Individuum, das sich im letzten Satz als Sherlock Holmes herausstellt, die Lament Configuration löst, folgt ein erster Teil, der ausschließlich aus Watsons Perspektive verfasst ist, im zweiten Teil folgen wir ausschließlich Holmes und im dritten wechseln sich die Holmes- und Watson-Kapitel ab. Kenner beider Franchises werden viele Anspielungen und Referenzen entdecken, neben den oben erwähnten Gastauftritten dürfen natürlich auch Mycroft Holmes und Mrs. Hudson auftauchen, zudem werden viele vergangene Fälle erwähnt. Auch „The Hellbound Heart“ wird nicht ausgespart, wo immer Cenobiten aktiv waren, kann beispielsweise ein Vanille-Duft festgestellt werden.

Trotz der Hellraiser-Elemente ist „Sherlock Holmes and the Servants of Hell” bis zu dem Moment, in dem der Titelheld selbst die Lament Configuration löst, eine relativ „normale“ Holmes-Geschichte, ab dann begeben wir uns allerdings in völlig andere Gefilde. Auch sorgt Kane dafür, dass sein Roman die Tendenzen der Filmreihe widerspiegelt. Die ersten zwei Drittel erinnern stärker an „Hellraiser“, sind geerdeter und subtiler, während das letzte Drittel eher „Hellbound: Hellraiser II“ gleicht, und das nicht nur, weil das Labyrinth zum primären Handlungsort wird, auch inhaltlich finden sich einige deutliche Parallelen. Wir erfahren, dass – wie könnte es anders sein? – James Moriarty ein weiteres Mal hinter allem steckt. Anstatt, wie in „Victorian Undead“, eine Zombieseuche loszulassen, ist er dieses Mal zum Cenobiten geworden und trachtetet danach, mit seinen eigenen Horden die Macht im Labyrinth zu übernehmen. Diese „handgemachten“ Häscher erinnern bezüglich ihrer Beschreibung an Steampunk-Cenobiten und werden ähnlich behandelt wie Pinheads Fußsoldaten in „Hellraiser III: Hell on Earth“. Kane verwendet sogar dieselbe Bezeichnung für sie, „Pseudo-Cenobiten“. Moriartys Rolle gleicht der von Dr. Channard in „Hellbound: Hellraiser II“, auch er wird als Emporkömmling, als neuer Cenobit, der den Status Quo aufmischt, dargestellt. Er steht im Kontrast zu den „alten“ Cenobiten, dem Quartett, das erscheint, als Holmes die Lament Configuration löst und das stark an jenes aus den ersten beiden Hellraiser-Filmen erinnert, auch wenn sich der Anführer DIESER Vierertruppe durch Glasscherben statt durch Nägel im Kopf auszeichnet, weshalb Watson ihm den Spitznamen „Glass“ verpasst. Wie Pinhead in „Hellbound: Hellraiser II“ wird er allerdings äußerst unelegant abserviert. Mitunter wirkt es anschließend fast, als wolle Kane Channard eher unbefriedigendes Ableben ausgleichen, denn nun wird Holmes selbst zum Cenobiten, um die Ordnung in der Hölle wieder herzustellen und gegen den Empokömmling zu kämpfen. Gerade hier scheint Kane die Entwicklung des Franchises zu kommentieren: der Moriarty-Cenobit mit seinen megalomanischen Absichten erinnert nicht nur an Channard, sondern auch an den eindeutig bösen Pinhead des dritten und vierten Hellraiser-Films, während der Holmes-Cenobit mehr an die stoische, die Regeln befolgende Inkarnation der ersten beiden Filme gemahnt. Wie ich selbst scheint auch Kane eindeutig diesen ursprünglichen Hell Priest, „demon to some, angel to others“ dem eindeutig satanischen Pinhead späterer Filme vorzuziehen. Obwohl die Franchise-Ikone bis auf einen kurzen Cameo-Auftritt in einer Vision in Kanes Roman nicht vorkommt, ist der Schatten, den er voraus (bzw. zurück) wirft, stets wahrnehmbar, nicht zuletzt, da sein Kommen bereits kryptisch angedeutet wird.

Das Finale des Romans ist für Fans der Filmreihe und der zugehörigen Druckerzeugnisse natürlich ein gefundenes Fressen, nicht zuletzt, weil Kane noch einmal eine ganze Menge Referenzen unterbringt. Die diversen Cenobiten und Dämonen, die Teil von Holmes‘ Armee werden, könnten mitunter aus den Hellraiser-Comics der 90er stammen, da ich davon nur einige wenige gelesen habe, bin ich mir diesbezüglich allerdings nicht sicher. Der Dämon, der als „Our Lord of Quarters“ bezeichnet wird, stammt aber definitiv aus der gleichnamigen Kurzgeschichte, die in „Hellbound Hearts“ erschienen ist. Trotz allem muss allerdings erwähnt werden, dass Kane die Subtilität im Finale eindeutig dem Spektakel unterordnet, und zudem erinnert der Plot einer höllischen Machtübernahme nicht nur an „Hellbound: Hellraiser II“, sondern auch an „The Scarlet Gospels“ und die Hellraiser-Comics von Boom!-Studios. Zudem passt Holmes als Opfer der Box thematisch weniger gut ins Raster als die oben erwähnten Figuren aus den Filmen, da es bei ihm keine hedonistischen Triebe im engeren Sinne sind, die ihn dazu verleiten, die Cenobiten zu beschwören, sondern eher Wissendurst und die innere Leere nach seinem Beinahe-Tod. Dennoch bemüht sich Kane, diese Aspekte miteinander zu verknüpfen bzw. einander gleichzusetzen. In Bezug auf die Polarität von Lust und Schmerz, die im Kern des Hellraiser-Franchise liegt, bleibt Watson eher außen vor und gewissermaßen distanziert, auch wenn er natürlich emotional stark involviert ist.

Fazit: „Sherlock Holmes and the Servants of Hell” ist ein gelungenes, mit viel Liebe zum Detail versehenes Crossover, dem es gelingt, beiden Hälften der Gleichung gerecht zu werden. Autor Paul Kane schafft es, sowohl den Doyle-Tonfall zu treffen als auch die sadomasochistischen Elemente Clive Barkers zu vermitteln. Im letzten Drittel nimmt das Spektakel vielleicht ein wenig zu sehr Überhand weshalb auch dieser Roman eher dem Genre „Dark Fantasy“ statt „Horror“ zuzuordnen ist, aber alles in allem ist diese Pastiche ein deutlich besserer Hellraiser-Roman als „The Scarlet Gospels“.

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Siehe auch:
Art of Adaptation: The Hellbound Heart
The Scarlet Gospels
Hellbound Hearts
Lovecrafts Vermächtnis: A Study in Emerald
Victorian Undead

Art of Adaptation: The Hellbound Heart

Halloween 2022
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Beim 1987 erschienen Film „Hellraiser“ handelt es sich um einen der seltenen Fälle, in denen ein Autor nicht einfach nur als Drehbuchschreiber oder Berater an der Filmadaption beteiligt ist, sondern das Ganze auch noch in Eigenregie umsetzt. Zustand kam diese Konstellation, weil Clive Barker mit vorherigen Adaptionen seiner Werke absolut unzufrieden war – die Umsetzung der Novelle „The Hellbound Heart“ wollte er deshalb selbst durchführen. Gerade in diesem Kontext traf Barker bei der filmischen Umsetzung einige interessante Entscheidungen. Nicht wenige, die die Novelle lesen, nachdem sie den Film gesehen haben, sind etwas erstaunt, wenn nicht gar enttäuscht, dass Pinhead (oder der „Hell Priest“; bekanntermaßen verabscheut Barker den Spitznamen Pinhead, den diese Horrorikone aber wohl nicht mehr loswird). Die deutsche Übersetzung, die den Filmtitel trägt, hat zu allem Überfluss auch noch Pinhead auf dem Cover und auch eine der englischen Ausgaben deutet Doug Bradleys ikonische Figur zumindest an, in der Geschichte selbst findet sich allerdings kaum eine Spur von ihm.

Handlung und Konzeption der Novelle
Zumindest im Groben stimmen Handlung von Novelle und Film überein: Der Hedonist Frank Cotton sucht nach neuen fleischlichen Genüssen und wird auf den sog. „Lemarchand-Würfel“ aufmerksam, der Wollust jenseits aller Vorstellungskraft verspricht. Frank gelingt es, den Würfel an sich zu bringen, sodass er die Cenobiten beschwören kann – bei diesen handelt es sich allerdings nicht, wie Frank angenommen hat, um willige, überirdisch schöne Frauen, sondern um entstellte Kreaturen, die Frank mit in ihr Reich nehmen, um ihm zu zeigen, dass Schmerz und Lust zwei Seiten derselben Medaille sind. Einige Zeit später ziehen Franks Bruder Rory und seine Frau Julia in Franks und Rorys Elternhaus ein – jenes Haus, in welchem Frank den Lemarchand-Würfel löste. Beim Einzug verletzt sich Rory und Blut tropft auf die Stelle, an der Frank bei seiner Begegnung mit den Cenobiten unwillentlich und -wissentlich etwas Ejakulat zurückließ – dies ermöglicht es Frank, dem Reich der Cenobiten zu entkommen und in die Welt der Lebenden zurückzukehren, wenn auch als geschwächtes und hautloses Etwas. Julia ist derweil in ihrer Ehe gelangweilt und unbefriedigt, sie sehnt sich nach Frank, mit dem sie kurz vor ihrer Hochzeit eine Affäre hatte. Als sie entdeckt, dass Frank noch… existiert und sich im Haus versteckt, entschließt sie sich, zuerst widerwillig, ihm zu helfen. Denn um sich zu regenerieren benötigt Frank vor allem Blut, und der attraktiven Julia ist es ein Leichtes, Männer ins Haus zu locken, damit Frank sie aussagen kann. Rorys Freundin Kirsty, die heimlich in Rory verliebt ist, schöpft allerdings Verdacht, als sie beobachtet, wie Julia fremde Männer ins Haus führt. Doch die Wahrheit, die sie bald darauf entdeckt, ist noch einmal deutlich schlimmer, denn sie entdeckt den hautlosen Frank, der sie zu töten versucht. Kirsty gelingt es, den Lemarchand-Würfel als Waffe gegen Frank zu verwenden und aus dem Haus zu entkommen. Kurz darauf bricht sie zusammen und wacht in einem Krankenhaus wieder aus. Eher aus Langweile löst auch sie den Würfel und beschwört unwillentlich einen Cenobiten, der jedoch bereits ist, Kirsty gehen zu lassen, wenn sie ihm Frank ausliefert. Also kehrt sie zurück und muss feststellen, dass Frank inzwischen Rory getötet und sich dessen Haut „angezogen“ hat. Chaos bricht aus, in welchem Frank eher versehentlich Julia tötet. Bald darauf tauchen die Cenobiten auf, um Frank zurück in ihr Reich zu holen…

Als Novelle ist „The Hellbound Heart” sehr geradlinig aufgebaut und schnörkellos erzählt. Die primären Figuren, durch deren Augen man Leser am Geschehen teilhat, sind Julia und Kirsty, aber auch an Frank Cottons Gedanken dürfen wir zumindest im ersten Kapitel teilhaben. Zugleich ist „The Hellbound Heart“ aber auch deutlich vielseitiger, als auf den ersten Blick deutlich wird. Nachdem der erste Hellraiser-Film Kultstatus erlangte, von den kontinuierlich schlechter werdenden Sequels gar nicht erst zu reden, mag das heute nicht mehr ganz so offensichtlich sein, aber Barkers Novelle ist innerhalb des „Übergenres Horror“ praktisch ein Chamäleon, das flüssig zwischen diversen Subgenres wechselt, in seinen Themen, primär der Dualität von Lust und Schmerz, aber immer konsistent bleibt. Die Novelle beginnt mit okkultem Horror und Franks Ritual, sodass man nun den Eindruck bekommen könnte, die Cenobiten seien die Monster des Werkes, dies erweist sich aber bald als Trugschluss. Daraufhin kombiniert Barker verschiedene Elemente: Spukhaus-, Vampir- und Serienkillergeschichte, von den dominanten Body-Horror-Elementen gar nicht erst zu sprechen. Diese werden in der Verfilmung natürlich noch einmal besonders betont, einerseits durch das grandiose Design der Cenobiten, aber auch durch Franks nicht minder grandiose Rückkehr in die Welt der Lebenden. Diese verläuft in der Novelle deutlich weniger spektakulär. Stets vorhanden bleibt dabei das erotische Element – und natürlich ist „The Hellbound Heart“ nach Barkers Aussage auch eine Liebesgeschichte, wenn auch eine extrem toxische, die die negativen Auswirkungen obsessiver Liebe und Lust schildert. Am Ende kehren die Cenobiten zurück und schließen damit den Kreis.

Familienbande
Handlungsverlauf und -struktur bleiben im Film größtenteils unverändert erhalten: Zu Beginn ruft Frank (Sean Chapman) die Cenobiten und wird von ihnen mitgenommen, sein Bruder und seine Schwägerin ziehen ins Haus ein, verursachen seine Rückkehr, Julia (Clare Higgins) wird zur Komplizin, Kirsty (Ashley Laurence) kommt dem allem auf die Spur und schafft es am Ende, die Cenobiten dazu zu bringen, Frank zurückzuholen. Die Änderungen finden sich vor allem in den Details und der Konzeption der Charaktere – und damit meine ich nicht den Umstand, dass Rory im Film Larry Cotton (Andrew Robinson) heißt. Für die Adaption entschloss sich Barker, das Ganze in noch stärkerem Ausmaß zu einem Familiendrama zu machen, in dem er Kirsty zur Larrys Tochter macht. Vielleicht wollte er rückwirkend Franks „Come to Daddy“, das im Film wie in der Novelle auftaucht, etwas mehr Kontext zu verleihen. Dementsprechend ändert sich auch das Alter der Figuren etwas: Es wird zwar nicht eindeutig erwähnt, aber doch impliziert, dass sich die vier Hauptfiguren alle etwa im gleichen Alter, Ende 20, Anfang 30 befinden. Im Film dagegen hat Larry nun eine erwachsene Tochter und ist damit automatisch älter, auch Julia und Frank scheinen ein paar Jahre hinzugewonnen zu haben. Davon abgesehen stimmen sie charakterlich mit der Vorlage ziemlich genau überein. Abermals ist es Kirsty, die sich am stärksten verändert hat.

Die Novellenversion ist ein ziemlich passiver Charakter, der sich vor allem durch die hoffnungslose Verliebtheit in Rory auszeichnet. Film-Kirsty dagegen wirkt deutlich aktiver und selbstbestimmter, sie ist zwar Larrys Tochter, wohnt aber nicht mehr bei ihm und hat eindeutig ihr eigenes Leben, während Buch-Kirstys Existenz sich größtenteils um Rory zu drehen scheint. Diese Unabhängigkeit wird u.a. durch ihren Freund Steve (Robert Hines) ausgedrückt, der in der Novelle natürlich nicht auftaucht. Kirstys Identität als Larrys Tochter sorgt zudem für zusätzlichen Inzest-Subtext, der in der Novelle ebenfalls nicht vorhanden ist.

Der erzählerische Kern bleibt im Film jedoch definitiv erhalten. Pinhead und die Cenobiten mögen die Poster des Films (und natürlich der Sequels) zieren, gerade in diesem ersten Film sind sie aber nur Randerscheinungen, weder Pro- noch Antagonisten, sondern fast schon passive Figuren, die nur reagieren, wenn jemand die Lemarchand-Box löst. Es ist Frank, der alles beginnt, es ist Julia, die sich entschließt, ihm zu helfen und es ist Kirsty, die schließlich die Cenobiten dazu bringt, Frank in ihr Reich zurückzuholen.

Einige Anpassungen sind zudem dem visuellen Medium geschuldet: Im ersten Kapitel erfährt man als Leser beispielsweise genau, wie Frank denkt, welche Ausmaße sein Hedonismus angenommen hat und wie und weshalb er die Lemarchand-Box in seinen Besitz gebracht hat. Der Film vermittelt diese Elemente nicht direkt über die Narration, sondern indirekt über visuelle Hinweise, beispielsweise die erotische Skulptur, die Julia im Haus findet. Auf die Hintergründe des Würfels, hier zumeist als „Lament Configuration“ bezeichnet, geht der Film zudem kaum ein, statt eines kurzen Abrisses von Franks okkulter Recherche sehen wir nur, wie er die Box in Marokko erwirbt. Manche der erwähnten Details werden dann allerdings in späteren Filmen aufgegriffen, primär in „Hellraiser: Bloodline“, dem vierten Teil, in welchem die Konstruktion der Box thematisiert und ihr Schöpfer Philippe Lemarchand (Bruce Ramsay) als wichtige Figur etabliert wird. Statt dieser Hintergründe taucht in „Hellraiser“ allerdings ein ominöser Wächter der Box in Gestalt eines insektenfressenden Obdachlosen auf, der die ganze Situation beobachtet und am Ende, als Kirsty versucht, die Box zu verbrennen, einschreitet und sich in einen aus Knochen bestehenden Drachen verwandelt.

„We Have Such Sights to Show You”
Die Beschreibung der vier Cenobiten in Barkers Novelle bleibt verhältnismäßig vage, sie werden als verstümmelt, vernarbt und größtenteils geschlechtslos beschrieben, fahlhäutig, mit Asche gepudert und von einem Vanille-Duft begleitet. Die Mischung aus S/M-Ästhetik und katholisch anmutenden Gewändern, derer sich der Film bedient, wird nicht wirklich erwähnt und entstand erst bei der visuellen Konzeption des Films. Der in diesem Jahr erschienene Reboot (der bislang in Deutschland weder stream- noch erwerbbar ist) zeigt diesbezüglich durchaus interessante Alternativen. Das Quartett, mit dem es Frank zu Beginn der Novelle zu tun bekommt, entspricht zumindest ungefähr den späteren Filmgegenstücken: Einer mit entstelltem Mund entwickelte sich im Schaffensprozess zum Chatterer (Nicholas Vince), aus dem Cenobiten mit wulstigen Narben im Gesicht wurde Butterball (Simon Bamford), ein eindeutig weiblicher entwickelte sich zum Female Cenobite (Grace Kirby) und schließlich hätten wir noch den Cenobiten mit Nadeln im Kopf, der sich schließlich zu Pinhead entwickeln sollte. Dieser Cenobit unterscheidet sich vor allem in zwei Eigenschaften von der von Doug Bradley verkörperten Horror-Ikone: Seine Stimme wird als hoch und mädchenhaft beschrieben, in Kontrast zu Bradleys beeindruckendem Bass, und er ist zudem nicht der Wortführer der Cenobiten, sondern derjenige, der am wenigsten sagt. Dass sich Letzteres im Film änderte, ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Chatterer und Butterball aufgrund der aufwändigen Masken nicht sprechen konnten, weshalb man ihre Dialogzeilen aus der Novelle Pinhead in den Mund legte.

In der Adaption wie in der Vorlage tauchen die Cenobiten in drei Szenen auf, die Gewichtung unterscheidet sich allerdings ein wenig. Der große Auftritt des Quartetts erfolgt in der Novelle bereits am Anfang, inklusive ausführlicher Dialoge mit Frank. Der Film hingegen zeigt nur vage Eindrücke und kurze Einblendungen. Ihre tatsächliche, große Szene im Film erfolgt erst im Krankenhaus, als Kirsty die Lament Configuration löst – abermals in deutlichem Unterschied zur Novelle. Kirsty gerät im Film zuerst in das Reich der Cenobiten, wo sie von einem bizarren Monster angegriffen wird (hierzu später mehr), erst danach trifft sie auf das Quartett. In der Vorlage hingegen taucht an dieser Stelle nur ein einziger Cenobit auf, das literarische Gegenstück des Female Cenobite. Am Ende erscheinen die Cenobiten noch einmal, um Frank einzusammeln, werden in der Novelle aber vom „Ingenieur“, ihrem Anführer begleitet, dessen Beschreibung sehr vage bleibt. Im Film existiert ebenfalls ein Wesen, das als „Ingenieur“ bezeichnet wird, dabei handelt es sich allerdings um das oben erwähnte, bizarre Monster, das Kirsty durch die Gänge des Labyrinths jagt. Es sei noch zu erwähnen, dass die Cenobiten Kirsty in der Novelle, anders als in der Adaption, nicht angreifen, der Ingenieur gibt ihr lediglich die Lemarchand-Box.

Fazit: Trotz einiger größerer Änderungen ist „Hellraiser“ eine würdige Adaption der Novelle „The Hellbound Heart“. Oftmals kommt es vor, dass ein Autor, der sein eigenes Werk adaptiert, nicht gewillt ist, die nötigen Änderungen für einen funktionierenden Medienwechsel vorzunehmen, auf Clive Barker trifft das allerdings nicht zu, im Gegenteil. Mit „Hellraiser“ schuf Barker nicht nur einen vollauf gelungenen Horrorfilm, sondern, zusammen mit Doug Bradley, auch eine Ikone des Genres.

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Siehe auch:
The Scarlet Gospels
Hellbound Hearts
Stück der Woche: Hellbound
Hemators Empfehlungen: Horror-Soundtracks

Hellraiser: Judgment

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Story: Während in der Hölle Pinhead (Paul T. Taylor), Anführer der Cenobiten, und der Auditor (Gary J. Tunnicliffe), der einer anderen höllischen Fraktion, der Stygischen Inquisition vorsteht, über ihre Aufgabe diskutieren, ermitteln drei Detectives auf der Erde im Fall eines Serienkillers mit dem Spitznamen „The Perceptor“, der seine Opfer nach Motiven der sieben Todsünden ermordet. Nach und nach stoßen Christine Egerton (Alexandra Harris) und die beiden Brüder Sean (Damon Carney) and David Carter (Randy Wayne) auf die finsteren Hintergründe dieser Mordserie…

Kritik: Zugegeben, ich bin etwas spät dran – „Hellraiser: Judgment“, eine weitere Directo-to-DVD-Produktion, die primär dazu diente, die Rechte des Hellraiser-Franchise bei Dimension Films zu halten, erschien bereits 2018. Eine Veröffentlichung in Deutschland gibt es nach wie vor nicht, was einer der Gründe für die späte Rezension ist – der andere ist die Erinnerung an „Hellraiser: Revelations“. Wie dem auch sei (und wie ich schon in meiner Rezension zu „Fantastic Beasts: The Secrets of Dumbledore“ schrieb): Ich bin Komplettist, also quälte ich mich auch durch diesen zehnten Hellraiser-Film. Hauptverantwortlicher ist dieses Mal Gary J. Tunnicliffe, der nicht nur, wie schon bei „Hellraiser: Revelations“, das Drehbuch schrieb, sondern auch Regie führte und zudem noch den Auditor verkörpert. Tatsächlich arbeitet Tunicliffe schon seit vielen Jahren, nämlich seit „Hellraiser III: Hell on Earth“ an der Filmreihe, allerdings im Make-up-Bereich.

Zumindest im Vergleich zu „Hellraiser: Revelations“ ist „Hellraiser: Judgment“ eine deutliche Verbesserung, auch wenn ich nicht wüsste, wie man „Revelations“ noch hätte unterbieten können. Während der Vorgänger im Grunde eine Variation auf den ersten Film war, bemerkt man hier, dass Tunicliffe eindeutig Ambitionen hat, er möchte eine größere Geschichte erzählen und den Mythos des Franchise erweitern. Dies geschieht durch die Einführung einer neuen höllischen Fraktion, der Stygischen Inquisition, die Seelen auf deutlich andere Art und Weise erntet als die Cenobiten. Sogar ein Engel in Gestalt von Jophiel (Helena Grace Donald) taucht auf. Hier beginnen für mich dann allerdings auch schon die Probleme, die im Franchise immerhin nicht neu sind: Von der ursprünglichen Konzeption der Cenobiten also amoralische Wesen („angels to some, demons to others“) hat man sich inzwischen völlig distanziert und selbst die in „Hellbound: Hellraiser II“ etablierte Mythologie um Leviathan und das Labyrinth spielt keinerlei Rolle mehr, stattdessen wird ein weiteres Mal eine eindeutig christliche Kosmologie präsentiert. Zugegeben, bereits Clive Barker selbst ging in seinem Roman „The Scarlet Gospels“ in diese Richtung und inszenierte Pinhead als Teil einer doch recht traditionellen Hölle. Hier haben wir es zusätzlich noch mit einer Low-Budget-Hölle zu tun, die eben aussieht wie gewöhnliche, heruntergekommene Räume. Außerdem wirkt die Stygische Inquisition rein ästhetisch nach meinem Empfinden in einem Hellraiser-Film schlicht fehl am Platz, sie scheint eher von Silent Hill inspiriert zu sein. Die Kreativität der ursprünglichen Cenobiten wird durch schieren Ekel ersetzt – der Prozess der Stygischen Inquisition ist wirklich nicht angenehm anzusehen. Andere Cenobiten außer Pinhead, etwa der Chatterer, tauchen lediglich in kurzen Cameos auf.

Und wo wir gerade von Pinhead sprechen: Paul T. Taylor gibt definitiv einen besseren Pinhead ab als die Kombination aus Stephan Smith Collins (Darsteller) und Fred Tatasciore (Stimme), ist aber von Doug Bradley, der eine Rückkehr abermals ablehnte (und wer könnte es ihm verdenken), weit entfernt. Nicht nur Pinheads Platz in Tunicliffes Geschichte erinnert an ein späteres literarisches Werk von Clive Barker, auch sein letztendliches Schicksal spiegelt wider, was ihm in den Hellraiser-Comics der 2010er-Jahre des Verlags Boom! Studios geschieht. Diese sind allerdings deutlich gelungener als „The Scarlet Gospels“ und „Hellraiser Judgment“ und arbeiten auch tatsächlich mit der in den ersten beiden Filmen etablierten Mythologie.

Die eigentliche zentrale Handlung um die drei ermittelnden Detectives hält einen als Zuschauer leider auch nicht bei der Stange: Zu sehr wirkt das ganze wie ein Low-Budget-Remake von David Finchers „Seven“. Wann immer Hellraiser-Filme versuchten, eine Thriller-Handlung mit Ermittlungen zu inszenieren („Hellraiser: Inferno“, „Hellraiser: Hellseeker), funktionierte das bestenfalls suboptimal, und das ist hier nicht anders. Die Ermittlungen sind einfach nicht interessant und die Identität des Serienkillers hat man als halbwegs versierter Filmkenner nach einigen Minuten erraten. Immerhin, die Darsteller sind im Großen und Ganzen zumindest funktional, Gary J. Tunicliffe ist als Auditor durchaus amüsant und scheint seinen Spaß zu haben, nur Helena Grace Donald kann als Engel so gar nicht überzeugen.

Fazit: „Hellraiser: Judgment“ mag eine Verbesserung gegenüber dem Vorgänger sein, ist von der Qualität der ersten beiden Filme aber noch wie vor weit entfernt. Vielleicht könnnen ja der kommende Hellraiser-Film, der in diesem Jahr bei Hulu startet, oder die geplante HBO-Serie eher überzeugen…

Bildquelle (Lionsgate, Dimension Films)

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Siehe auch:
The Scarlet Gospels

Stück der Woche: Hellbound

Halloween 2020

Bereits für Clive Barkers „Hellraiser“ komponierte Christopher Young einen hervorragenden orchestralen Horror-Score, dem es gelang, die Mischung aus Qual und Lust zu vermitteln, die im Zentrum des Films steht. Anders als Barker, der den Regiestuhl räumte, kehrte Young für den Score des Sequels „Hellbound: Hellraiser II“ zurück. Zwar bediente er sich weiterhin der Themen, die er für den ersten Film geschrieben hatte, komponierte aber ein neues Hauptthema, das den Film eröffnet und als Ouvertüre fungiert. Wo der erste Hellraiser-Film noch mit einer wenn auch unheimlichen, aber dennoch fast angenehmen und verführerischen Melodie eröffnet wurde, wird in Hellbound erst einmal choraler Bombast entfesselt, bevor das eigentliche Hellbound-Thema ab 0:18 von den Hörnern gespielt wird. In unter zwei Minuten exerziert Young das Thema mehrmals durch und steigert es immer weiter – weniger Intimität, mehr Grandeur.

Wofür dieses Thema eigentlich steht, ist nicht ganz leicht festzulegen, aber im Grunde kann man den Track-Titel wörtlich nehmen: Es ist das Thema derjenigen, die „an die Hölle gebunden“ sind oder im Verlauf des Films an die Hölle gebunden werden – quasi die neuen Diener Leviathans im Kontrast zu den alten, den vier ursprünglichen Cenobiten. Diese werden nach wie vor vom Hauptthema des ersten Films repräsentiert, das sich in Second Sight Seance allerdings an das Hellbound-Thema annähert und in einer ähnlich bombastischen Variation gespielt wird. Besagte neue Diener Leviathans sind Julia Cotton und Philip Channard, deren Auftritte mit dem Hellbound-Thema untermalt werden. Zum ersten Mal abseits der „Ouvertüre“ erklingt das Thema am Anfang von Looking Through a Woman in einer noch relativ zurückhaltenden Variation – hier wächst Julia in bester Frank-Cotton-Manier aus der Matratze. Im selben Track ist bei 1:50 noch eine weitaus epochalere Version zu hören, die allerdings aus der zweiten Hälfte des Films stammt – die Konzeption und Anordnung der Tracks ist, gelinde gesagt, ein wenig merkwürdig. Dieses Statement erklingt, als der neu geschaffene Channard-Cenobit zum ersten Mal zu sehen ist.

Channards Ankunft in der Welt der Sterblichen wird ebenfalls mit dem Hellbound-Thema untermalt, dieses Mal von besonders tiefen Blechbläsern gespielt. Für besondere Akzente sorgt die Harfe, die dem ganzen einen recht bizarren Charakter verleiht (Sketch with Fire). Eine stärker fragmentierte Variation erklingt darüber hinaus bei 0:50 in Dead or Living – hier tötet Channard die vier Cenobiten des ersten Films einen nach dem anderen. Eine weitere, äußerst blechbläserlastige, aber weniger bombastische und stärker verfremdete Version des Themas ist außerdem in Headless Wizard ab 1:40 zu hören.

Nach „Hellbound: Hellraiser II“ fand ein Komponistenwechsel statt, Young kehrt nicht zu den Cenobiten zurück, stattdessen schwang Randy Miller bei „Hellraiser III“ den Taktstock – allerdings orientierte er sich sowohl stilistisch als auch leitmotivische an der Musik der beiden Vorgänger. Tatsächlich ist das Hellbound-Thema das dominanteste Leitmotiv dieses Scores, Miller verändert allerdings die Bedeutung, denn in diesem Film fungiert es ganz eindeutig als Pinheads Thema. Während ich normalerweise gegen derartige Umdeutungen bin, passt es ziemlich gut, dass das dominanteste Thema des Franchise auch der dominantesten Figur zugeordnet wird. Interessanterweise taucht das Thema in Millers Score häufiger auf als in „Hellbound: Hellraiser II“; es ist beinahe in jedem Track des Soundtrack-Albums in der einen oder anderen Version zu hören oder wird zumindest angedeutet. Hier ist praktisch die volle Bandbreite gegeben, von den ruhigen, bedrohlichen Variationen (Elliot’s Story, 1:36) über den allseits beliebten Bombast (Pinhead’s Proteges/The Devil’s Mass, 9:20 oder Gothic Rebirth gesamt) bis hin zu purer Brutalität (Shall We Begin, direkt am Anfang).

Nach „Hellraiser III“ fand ein weiterer Komponistenwechsel statt, für „Hellraiser: Bloodline“ verpflichtete man Daniel Licht, der später die Musik für die Showtime-Serie „Dexter“ schreiben würde. Licht baut zwar ebenfalls Verweise auf Christopher Youngs Themen ein, setzt sie aber deutlich spärlicher und subtiler ein als Miller. Dennoch: Pinheads großer Auftritt wird mit einem vollen Statement des Hellbound-Themas untermalt – die Perfomance des Orchesters hat zwar nicht ganz die Kraft, die sie vor allem in „Hellbound: Hellraiser II“ hatte, aber dennoch sorgt gerade der Einsatz des Themas in Sharpe at the Gates of Hell (2:18) für eine der eindrucksvollsten Szenen des Films. In den späteren Hellraiser-Sequels, die nur noch auf DVD veröffentlicht wurden, kamen Youngs Themen nicht mehr vor – die jeweiligen Scores sind so vergessenswert wie die Filme.

Hellbound Hearts

Halloween 2016
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Es ist kein Geheimnis, dass Clive Barker von der filmischen Fortführung des von ihm geschaffenen Hellraiser-Franchise nicht allzu begeistert ist. Nachdem er beim ersten Film Regie führte, die Story des zweiten Films mitverfasste und bei den Teilen 3 und 4 immerhin noch marginalen Input lieferte, war seine Beteiligung an den folgenden Sequels, die allesamt direkt auf DVD erschienen, nicht mehr existent. Die wahre Fortführung des Franchise findet für Barker in gedruckter Form statt. Nachdem sich die Hellraiser-Filme als großer Erfolg erwiesen, wurde die Mythologie um Puzzlebox und Cenobiten schon bald in Form von Comics weiterentwickelt, die oftmals kreativer und interessanter waren als die filmischen Fortsetzungen. 2009 erschien schließlich auch neue Hellraiser-Prosa in Form der Kurzgeschichtensammlung „Hellbound Hearts“, herausgegeben von Paul Kane und Marie O’Regan. Wie der Name schon aussagt, beziehen sich diese Kurzgeschichten, im Gegensatz zu den Comics, ausschließlich auf Barkers ursprüngliche Novelle „The Hellbound Heart“ und nicht auf die Filme. Im Klartext bedeutet das, dass Pinhead, wie man ihn aus den Filmen kennt, in keiner der Geschichten auftaucht. Lediglich der „Proto-Pinhead“ der Novelle hat als einer der ursprünglichen Cenobiten einen Auftritt.

Der größte Unterschied zu den Comics, die in den 90ern und 2000ern erschienen, ist der Schwerpunkt. Die Comics erforschten und erweiterten, basierend auf den Filmen, die Hellraiser-Mythologie, erklärten das Labyrinth, Leviathan, die Funktion der Cenobiten etc. Die in „Hellbound Hearts“ versammelten Kurzgeschichten setzen sich dagegen eher mit der Hellraiser-Thematik auseinander. Zwar tauchen der nur allzu bekannte Lemarchand-Würfel und die Cenobiten durchaus in einigen der Erzählungen auf, andere dagegen knüpfen eher an Barkers Motive an: Schmerz und Lust, die Faszination von Puzzeln und Rätsel, die Tore zur Hölle öffnen etc. Zu diesem Zweck haben die Herausgeber einige durchaus namhafte Autoren versammelt, darunter Peter Atkins, der die Drehbücher der Hellraiser-Filme 2 bis 4 verfasste, Tim Lebbon, ein Autor des SW-EU, Barbie Wilde, die in „Hellbound: Hellraiser II“ den „Female Cenobite“ verkörperte und seither auch als Horror-Autorin von sich reden machte, sowie Neil Gaiman, der zusammen mit Dave McKean einen graphischen Beitrag lieferte, der leider auf dem Papier der Taschenbuchausgabe optisch nicht besonders gut rüberkommt.

Wie schon bei Clive Barkers Novelle und den darauf basierenden Filmen sollte man auch hier mit expliziten Inhalten rechnen: Das Hellraiser-Franchise ist weder in Bezug auf Sex noch Gewalt zurückhaltend oder subtil, Schmerz und Lust als zwei Seiten derselben Münze ziehen sich als roter Faden durch die Kurzgeschichtensammlung (und durch das komplette Franchise). Es gibt jedoch die eine oder andere Geschichte, bei der man sich als Leser fragt, was sie in diesem Band verloren hat. Primär betrifft das „Bulimia“ von Richard Christian Matheson; diese Erzählung hat nicht einmal thematisch einen wirklichen Bezug zu „The Hellbound Heart“ und wirkt fehl am Platz. Auch „‘tis Pity he’s Ashore“ (Chaz Brenchley) hat bestenfalls marginal etwas mit Barker zu tun und hinterlässt als letzte Geschichte des Bandes keinen guten Eindruck. Als Finale hätte sich die vorletzte Geschichte, „However…“ von Gary A. Braunbeck und Lucy A. Snyder weitaus besser geeignet, da es sich dabei um eine klassische Hellraiser-Geschichte mit nettem Twist handelt. Ebenfalls durchaus gelungen sind die thematisch ähnlichen Geschichten „The Confessor’s Tale“ (Sara Pinborough) und „Our Lord of Quarters“ (Simon Clark), die eine historische Herangehensweise wählen und von dämonischen Vorkommnissen in der Vergangenheit erzählen.

Einige der Geschichten, etwa „A Little Piece of Hell“ (Steve Niles), „The Promise“ (Nancy Kilpatrick) oder die bereits erwähnte „However…“ bewegen sich inhaltlich näher an Barker und thematisieren ein Zusammentreffen mit den Cenobiten, versuchen dem Konzept aber, mit mal mehr, mal weniger großem Erfolg, einen Twist abzugewinnen. Zu den Geschichten, die sich eher mit der Thematik von „The Hellbound Heart“ auseinandersetzen, gehören u.a. Tim Lebbons „Every Wrong Turn“ und Neil Gaimans „Wordworth“, die beide sehr gelungen sind und Hellraiser-Feelinge wecken, ohne sich der spezifischen Elemente des Franchise zu bedienen. Ein weiteres Highlight findet sich in Barbie Wildes „Sister Cilice“, die vom (leicht verstörenden) Werdegang eines Cenobiten erzählt.

Fazit: Obwohl nicht alle Geschichten gelungen sind, lohnt sich die Anschaffung von „The Hellbound Heart“ für den Hellraiser-Fan durchaus; es gibt genug Erzählungen, die die Thematik von Clive Barkers „The Hellbound Heart“ auf gelungene Weise fortsetzen – auch ohne Pinhead.

Siehe auch:
Hellraiser
Pinhead
The Scarlet Gospels

Aktuell: Das Tor zur Hölle öffnet sich im Heimkino

Halloween 2015
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Nach Jahren des Wartens kommen nun die ersten drei Hellraiser-Filme ungeschnitten in einer luxuriösen Sonderedition (inklusive der Barker-Kurzfilme „Salomé“ und „The Forbidden“ und Bonusmaterial in Form von Featurettes und Interviews) auf Blu-Ray heraus. Für Fans der Filmreihe (wie mich) ist das natürlich ein sehr freudiges Ereignis, das allein wäre allerdings noch kein Grund, dem extra diesen Artikel zu widmen. ABER ich bin an dieser Veröffentlichung (wenn auch nur im Kleinen) beteiligt, denn zu ihr gehört ein umfassendes Booklet, dessen Texte zum Großteil von mir bzw. aus diesem Blog stammen – weshalb ich denke, dass es gerechtfertigt ist, das hier auch zu erwähnen.

Besagte Sonderedition erscheint voraussichtlich am 6. November in zwei Fassungen (normal und limitierte Lacquered Velvet Edition mit zusätzlichem Material wie Poster und Sammelkarten) und kann bei BMV-Medien bestellt werden (da die Hellraiser-Filme ab 18 sind, ist selbstverständlich ein Altersnachweis vonnöten).

The Scarlet Gospels

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Clive Barkers „The Scarlet Gospels“ ist nun schon seit mindestens zehn bis zwanzig Jahren in Planung. Die Natur des Werkes in Form und Inhalt änderte sich dabei konstant. Ich glaube, es verdankt seine Entstehung letztendlich Barkers Unzufriedenheit mit den diversen Hellraiser-Sequels und speziell der Art und Weise, wie diese mit Pinhead umgingen. Schon diesen Namen des „Lead Cenobite“ konnte Barker nie leiden – ursprünglich war es ein Spitzname, den ihm Fans verliehen hatten, der anschließend von offizieller Seite übernommen wurde. Und bekanntermaßen frustrierte ihn jedes weitere Hellraiser-Sequel nur noch mehr, was durchaus nachvollziehbar ist.

„The Scarlet Gospels“ begann als Kurzgeschichte bzw. Novelle, die „The Hellbount Heart“ fortsetzen sollte, das Ganze wuchs aber rasch zu einem Roman heran, der Barkers Aussage nach Himmel, Hölle und alles dazwischen umspannen sollte; er wollte Pinheads wahren Namen offenbaren und die Geschichte der Hölle und des Cenobiten-Ordens detailliert darstellen. Außerdem sollte Pinhead auf Harry D’Amour, einem übersinnlichen Detektiv, dessen Barker sich in mehreren seiner Geschichten bediente, treffen. Das erste Manuskript wurde dann schließlich um 2010 herum fertig und war wohl ziemlich massiv, weshalb Barker seine ursprünglichen Absichten radikal kürzte. 2015 ist „The Scarlet Gospels“ nun erschienen und handelt letztendlich vom Zusammentreffen von Pinhead und Harry D’Amour – Pinhead hat vor, die Herrschaft in der Hölle zu übernehmen und startet einen Rücksichtslosen Feldzug, um magische Macht zu sammeln. Harry wird eher unfreiwillig Zeuge der Pläne des Cenobiten und lernt, dass er noch eine Rolle zu spielen hat…

Ich muss sagen, ich hatte verdammt hohe Erwartungen an „The Scarlet Gospels“, ich hatte mir so etwas wie die definitive Auseinandersetzung mit „Hellraiser“ und seiner Thematik vorgestellt. Leider ist das Endprodukt gerade in dieser Hinsicht sehr enttäuschend. Der Roman ist nicht per se schlecht, liest sich angenehm und funktioniert ganz gut als Horror- bzw. Dark-Fantasy-Roman. Leider hat das Ganze kaum etwas mit „Hellraiser“ oder „The Hellbound Heart“ zu tun. Die Lament-Configuration und Lemerchand werden zu Anfang eher alibimäßig kurz erwähnt und Pinhead kommt natürlich vor. Das Problem ist allerdings, dass es nicht Pinhead sein müsste. Barker hätte genauso gut einen neuen, machthungrigen Dämonen erfinden können und der Roman hätte inhaltlich nichts verloren. Es ist auch relativ unklar, worauf „The Scarlet Gospels“ nun eigentlich aufbaut – am ehesten ist das noch der erste Hellraiser-Film, denn zu „The Hellbound Heart“ gibt es weder inhaltlich noch thematisch Verbindungen, und selbst zu „Hellraiser“ nur insofern, als dass der Roman Pinhead als doch recht stereotypen Schurken benutzt.

Die Hintergründe, die Barker für „Hellbound: Hellraiser II“ erdachte, spielen überhaupt keine Rolle, es gibt keinen Leviathan und kein Labyrinth, stattdessen ist die Hölle, in die Harry D’Amour und seine Freunde, die Harrowers letztendlich hinabsteigen, viel eher christlich geprägt und erinnert an eine bösartige Version des alten Rom. Am Ende der Geschichte taucht sogar tatsächlich Luzifer, dessen Macht Pinhead zu okkupieren versucht, selbst auf. Die kreative und distinktive Gestaltung der Hölle, die die Faszination von „Hellbound: Hellraiser II“ ausmachte, fehlt letztendlich ebenso wie die Lust/Schmerz-Thematik und die absolute Amoralität der Cenobiten; wir erinnern uns, in „Hellraiser“, und mehr noch in „The Hellbound Heart“ waren sie eher Instanzen denn Schurken; „angels to some, demons to others“. Pinhead bleibt in „The Scarlet Gospels“ als Antagonist völlig flach, im Grunde erfahren wir nichts über ihn, auch nicht seinen wahren Cenobiten-Namen, nicht einmal der Name seines menschlichen Selbst (Elliot Spencer) fällt. Und gerade die Subtilität, die Pinhead sonst durchaus an den Tag legt, fehlt hier völlig, stattdessen erinnert er eher an die entfesselte Version der Figur aus „Hellraiser 3: Hell on Earth“.

Für jemanden, der mit dem Hellraiser-Franchise nicht oder nur marginal vertraut ist, könnte „The Scarlet Gospels“ durchaus interessant und spannend sein. Es gibt ein paar nette und kreative Ideen, Harry ist als Protagonist durchaus brauchbar, wenn auch etwas heruntergekommen und hin und wieder ein wenig unsympathisch, und wen eine ordentliche Portion Splatter nicht stört (oder wer sie sogar willkommen heißt), könnte sich mit Barkers jüngstem Werk ganz gut unterhalten. Leider kommt es über „ganz nett“ niemals hinaus. Obwohl „The Scarlet Gospels“ weitaus dicker ist als „The Hellbound Heart“, bleibt Letzteres das weitaus gelungenere Werk; mehr Tiefe, mehr philosophische Idee, schnörkellos und grandios umgesetzt.

Fazit: „The Scarlet Gospels“ ist leider eine Enttäuschung. Barkers Roman ist ganz nette Dark-Fantasy-Lektüre für Zwischendurch, taugt aber weder als thematische oder inhaltliche Fortsetzung von „The Hellbound Heart“ oder „Hellraiser“, noch als definitives Werk über Pinhead.

Hellraiser: Hellworld

Halloween 2013
Hellworld
Story: Die Jugendlichen Chelsea (Katheryn Winnick), Jake (Christopher Jacot), Derrick (Khary Payton), Mike (Henry Cavill), Allison (Anna Tolputt) und Adam (Stelian Urian) sind alle enthusiastische Spieler des Online-Rollenspiels „Hellworld“, das auf den Hellraiser-Filmen basiert. Adam kann allerdings nicht mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden und begeht Selbstmord, woraufhin seine Freunde dem Spiel abschwören.
Zwei Jahre später veranstaltet jedoch ein mysteriöser Gastgaber (Lance Henriksen) eine Hellraiser-Party, zu der alle Freunde eingeladen sind. Schon bald geschehen allerdings merkwürdige Dinge, denn Pinhead (Doug Bradley) und die Cenobiten scheinen ihr Unwesen zu treiben, und auch der Gastgeber ist nicht, was er zu sein scheint…

Kritik: Da ich letztes Jahr die Halloween-Artikel mit der Rezension zum ersten Hellraiser-Film eröffnete, ist es wohl nur passend, wenn die Eröffnung dieses Jahr meine Hellraiser-Reviews abschließt. „Hellworld“ ist zwar nicht der letzte Film der Reihe, aber immerhin der letzte, in dem Doug Bradley Pinhead spielt und Rick Bota Regie führt – Letzteres ist allerdings nicht unbedingt bedauernswert. In der Tat entstand „Hellworld“ zeitgleich mit „Deader“, beide wurden wegen der niedrigen Kosten in Rumänien gedreht und für Bradley und Bota war es sicher praktisch.
Insgesamt ist „Hellworld“ ein ziemlich merkwürdiges Konglomerat. Das Cover verkündet vollmundig „Evil goes online“, und das Bild von Pinhead sieht aus, als würde dieser sich anschicken, in der Matrix sein Unwesen zu treiben. Damit hat der Film allerdings kaum etwas zu tun, denn die Cenobiten unterwandern in diesem Streifen nicht das Internet. In gewissem Sinne ist „Hellworld“, zumindest theoretisch, ein Meta-Hellraiser-Film; er spielt nicht in derselben Kontinuität wie die anderen sieben Filme, denn in „Hellworld“ existiert „Hellraiser“ (in erster Linie die Filme, wohl auch die Novelle von Clive Barker) als Fiktion. Der Aufhänger ist ein fiktives, auf der Filmserie basierendes MMORPG, auf das sich das Cover der DVD bezieht, das aber eben nicht mehr als ein Aufhänger ist und das man auch einfach hätte weglassen können. Die Ideee eines Meta-Hellraiser-Films ist natürlich durchaus reizvoll, wird in „Hellworld“ aber letztendlich nicht ausgeschöpft, denn im Kern ist Rick Botas dritter Hellraiser-Film ein ziemlich simpler Teenie-Slasher. Wenn man das gesamte Drumherum ignoriert, bleibt eine Gruppe Teenager auf einer Party, die nach und nach von einem mysteriösen Killer dezimiert wird, bis nur noch zwei übrig sind, die es schaffen, den Killer zu überwinden. Das Drehbuch ist das eines zweitklassigen Horror-Films, in das ein weiteres Mal ein paar Hellraiser-Elemente eingefügt wurden. Mit Clive Barkers ursprünglichem Werk hat das Ganze kaum noch etwas zu tun, „Hellworld“ ist nur ein Hellraiser-Film, weil er sich als solcher besser verkauft.
Wenigstens gibt es mit Lance Henriksen und Doug Bradley zwei Schauspieler, die in ihren Rollen überzeugen können, die restlichen Darsteller bleiben überwiegend farblos. Fans des neuen Superman Henry Cavill finden hier eine seiner ersten Rollen – als Mann aus Stahl macht er allerdings eine weitaus bessere Figur als als Opfer der Cenobiten.
Fazit: Zweitklassiger Teenie-Slasher, der nur aus Vermarktungsgründen ein Hellraiser-Film ist. „Hellworld“ wäre zusammen mit „Hellseeker“ der Tiefpunkt der Serie, gäbe es da nicht „Hellraiser: Revelations“.

Halloween 2013:
Prämisse
Geschichte der Vampire: The Vampyre
American Horror Story: Asylum

Siehe auch:
Hellraiser
Hellbound: Hellraiser II
Hellraiser III: Hell on Earth
Hellraiser: Bloodline
Hellraiser: Inferno
Hellraiser: Hellseeker
Hellraiser: Deader
Hellraiser: Revelations

Hellraiser: Deader

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Story: Die Reporterin Amy Klein (Kari Wuher) ermittelt in Bukarest wegen eines merkwürdigen Kultes, der mörderische Rituale auf Video aufnimmt und angeblich die Toten wiederauferwecken kann. Die sogenannten „Deaders“ werden vom ominösen Winter (Paul Rhys) angeführt, der behauptet, die Grenze zwischen Leben und Tod überwunden zu haben. Natürlich spielt dabei auch eine gewisse Puzzlebox eine Rolle, durch die Pinhead (Doug Bradley) und die Cenobiten auf den Plan gerufen werden…

Kritik: Rick Botas zweiter Hellraiser-Film ist praktisch eine Mischung aus „Hellraiser III: Hell in Earth“ und „Hellraiser: Hellseeker“. Gegenüber Letzterem ist er eine eindeutige Verbesserung; im Gegensatz zu „Inferno“ und „Hellseeker“ ist die Protagonistin von „Deader“ wenigstens kein absolutes Arschloch, sondern jemand, mit dem der Zuschauer durchaus mitfiebern kann – sie erinnert ein wenig an Joey Summerskill. Beide sind Reporterinnen, die sich mit merkwürdigen, durch die Puzzlebox ausgelösten Ereignissen auseinandersetzen müssen. Obwohl „Hellseeker“ strukturell durchaus an die beiden direkten Vorgänger erinnert – Pinhead hat erst am Schluss seinen großen Auftritt und zuvor hat der Protagonist Probleme, Realität von Wahn zu unterscheiden – ist das Ergebnis ein anderes, denn Amy befindet sich nicht schon die ganze Zeit lang in ihrer eigenen, privaten Hölle.
„Hellseeker“ fehlt zwar die Symbolik und die Atmosphäre von „Inferno“, der Film ist allerdings bei Weitem spannender und sehr viel weniger dröge als „Hellseeker“. Allerdings merkt man auch dem siebten Film der Serie an, dass er auf einem Drehbuch basiert, das nicht ursprünglich als Hellraise-Drehbuch konzipiert war. Gerade die Deaders wirken irgendwie fehl am Platz, da Unsterblichkeit und Nekromantie eigentlich keine Themen sind, die im Hellraiser-Franchise eine große Rolle spielen – es geht eher um Lust und Schmerz. So wirkt die Verbindung zur Puzzlebox auch recht ungeschickt. Der von Paul Rhys gespielte Winter ist ein weiteres Zugeständnis an den Hellraiser-Mythos, da er von Pinhead als Nachfahre Philipe Lemerchands identifiziert wird – die Verknüpfung wirkt allerdings ebenfalls sehr erzwungen.
Schauspielerisch überzeugt vor allem Kari Wuher, Rhys bleibt in seiner Rolle recht blass und uninteressant. Doug Bradley holt wie üblich alles raus, was aus seinen fünf Minuten Leinwandzeit herauszuholen ist. Ebenso auffällig wie schade ist, dass alle anderen Cenobiten außer Pinhead zur puren Staffage werden, in diesem Film fast noch stärker als im Letzten. Sie tauchen zusammen mit Pinhead auf, sind aber zu nichts mehr nütze, und darüber hinaus nur noch billige Kopien der ursprünglichen Cenobiten.
Fazit: „Hellraiser: Deader“ ist eine Verbesserung gegenüber dem Vorgänger und funktioniert als netter kleiner Mysterythriller noch ganz gut, ähnlich wie bei „Inferno“ und „Hellseeker“ wirken die Verbindungen zur Hellraiser-Mythologie allerdings erzwungen.

Trailer

Siehe auch:
Hellraiser
Hellbound: Hellraiser II
Hellraiser III: Hell on Earth
Hellraiser: Bloodline
Hellraiser: Inferno
Hellraiser: Hellseeker
Hellraiser: Hellworld
Hellraiser: Revelations