The French Dispatch

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Story: Als Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray), Herausgeber der Zeitschrift„The French Dispatch“, einen Herzinfarkt erleidet und stirbt, wird die Publikation eingestellt, allerdings soll es gemäß seines letzten Willens eine finale Ausgabe geben, die zusätzlich zu einem Nachruf einige bereits gedruckte Artikel enthält. Bei diesen handelt es sich um „The Cycling Reporter“ von Herbsaint Sazerac (Owen Wilson), ein kleines Portrait der französischen Stadt Ennui, in welcher „The French Dispatch“ beheimatet ist, „The Concrete Masterpiece“ von J.K.L. Berensen (Tilda Swinton), in welchem es um den im Gefängnis sitzenden Künstler Moses Rosenthaler (Benicio del Toro) geht, „Revisions to a Manifesto“, in welchem Lucinda Krementz (Frances McDormand) von ihren Erlebnissen mit dem jungen Revolutionär Zeffirelli (Timothée Chalamet) berichtet, sowie „The Private Dining Room of the Police Commissioner“ von Roebuck Wright (Jeffrey Wright), ein etwas aus dem Ruder geratener Bericht über den Koch Nescaffier (Steve Park).

Kritik: Egal, ob man Wes Andersons Eigenheiten als Regisseur schätzt oder nicht, er ist in jedem Fall distinktiv – vielleicht distinktiver als der jedes anderen aktuell arbeitenden Regisseurs. Man mag seinen Stil lieben oder hassen, man weiß in jedem Fall, was man bekommt: Symmetrische Kameraeinstellungen, eine aufwändig komponierte, ebenso detailreiche wie artifizielle Bildsprache, Puppenhaus-artige Kulissen und Sets, absurder und trockener Humor sowie eine Riege an exzentrischen Figuren, gespielt von einer Myriade von Darstellern aus Hollywoods Elite – neben den üblichen Verdächtigen wie Tilda Swinton, Bill Murray, Owen Wilson oder Frances McDormand sind dieses Mal auch Jeffrey Wright, Léa Seydoux, Christoph Waltz (also mit anderen Worten der halbe Cast aus „No Time to Die“) und Benicio del Toro mit dabei – um jeweils nur einige zu nennen. Wer mit Andersons Stil nichts anfangen kann, wird durch „The French Dispatch“ sicher nicht bekehrt und wem seine Manierismen beginnen, langsam auf die Nerven zu gehen, dürfte mit dem neuesten Streich ebenfalls nicht zufrieden sein, da Anderson jegliche Zurückhaltung aufgibt und sich in seinem Stil regelrecht suhlt, fast bis an die Grenze zur Selbstparodie.

Tatsächlich bietet „The Frenchs Dispatch“ genau dafür die perfekte Gelegenheit, da es sich um eine Anthologie mit dreieinhalb in sich geschlossenen Segmenten und einer Rahmenhandlung handelt – jede der oben beschriebenen Storys stellt eines dieser Segmente dar. Da Anderson dieses Mal keine (mehr oder weniger) kohärente Geschichte über einen ganzen Film erzählt, kann er sich innerhalb der einzelnen Segmente noch mehr in absurden Details verlieren. Und der Zuschauer, der eine Affinität für seinen Stil besitzt, verliert sich ebenfalls, sodass man mitunter vergisst, dass das aktuelle Segment nicht der Hauptfilm ist.

Thematisch setzt sich Anderson in „The French Dispatch“ mit den Themen Frankreich und Journalismus auseinander – der Film bzw. die titelgebende Zeitung ist explizit als Hommage an das Wochenmagazin „The New Yorker“ gedacht, wie Anderson auch in einem Interview mit, wie könnte es anders sein, „The New Yorker“ berichtet. Da ich persönlich weder mit besagtem Magazin, noch mit seiner Geschichte vertraut bin, verfehlen die meisten Anspielungen und Referenzen zu Artikeln, Personen etc. bei mir ihr Ziel, aber da dürfte ich wenigstens nicht allein sein. Da ich immerhin im selben Milieu tätig bin, zumindest im weiteren Sinne, ist „The French Dispatch“ mir dennoch „näher“ als die meisten anderen Anderson-Filme, obwohl es sich nicht um meinen Favoriten von ihm handelt. Tatsächlich gelingt es Anderson sehr gut, das Gefühl eines Magazins wie „The New Yorker“ in Filmform zu übersetzen, was tatsächlich so weit geht, dass ein Teil des Segments „The Private Dining Room of the Police Commissioner“ Animation ist – schließlich haben auch Cartoons ihren festen Platz in derartigen Publikationen. Die Anthologiestruktur ist diesbezüglich natürlich ebenfalls sehr hilfreich.

Das andere große Thema ist, wie bereits erwähnt, Frankreich, Wes Andersons Wahlheimat, und speziell der französische Film. Gerade mit den vielen, in schwarzweiß gehaltenen Flashbacks und Erzählsequenzen wirkt „The French Dispatch“ oft wie eine liebevolle Parodie des französischen Kinos – oder zumindest einer abstrahierten, nicht unbedingt klischeefreien Version desselben. Auf das zweite Segment trifft das in besonderem Ausmaß zu, denn was wäre ist französischer als eine Revolution?

Ohne Zweifel sind alle vier Vignetten höchst unterhaltsam, Owen Wilsons Tour durch Ennui ist am kurzweiligsten, ich denke aber, mein Favorit ist „The Concrete Masterpiece“, und das nicht nur, weil Tilda Swinton als Erzählerin fungiert (aber auch). Tonal ist dieser Teil des Films „The Grand Budapest Hotel“, meinem Favoriten von Anderson, am nächsten und verfügt meinem Empfinden nach über die skurrilsten und unterhaltsamsten Figuren, sei es Benicio del Toro als griesgrämiger Gefängniskünstler, Adrien Brody als durchtriebener Kunsthändler, Léa Seydoux als stoische Gefängniswärterin/Muse und natürlich Tilda Swinton als herrlich überdrehte Kunstexpertin.

Ebenso wie es stilistisch nicht wirklich Überraschungen gibt, verwundert es kaum, wie der Score ausgefallen ist: Anderson und sein Stammkomponist Alexander Desplat haben, mehr noch als Duos wie Tim Burton und Danny Elfman oder Christopher Nolan und Hans Zimmer, definitiv ihren distinktiven Sound gefunden – verspielt, versehen mit schrägen Instrumentenkombinationen und rhythmisch treibend dank diverser repetitiver Figuren. Und genau das bietet Desplats Score auch hier – es fehlt das osteuropäische Flair von „The Grand Budapest Hotel“, dafür wird französisches Feeling geboten, nicht zuletzt durch den häufigen Einsatz von Klavier und Cembalo.

Fazit: Wes Andersons Auseinandersetzung mit den Themen Journalismus und Frankreich in Anthologieform ist ebenso kurzweilig wie schräg und unterhaltsam – sofern einem Andersons Stil und seine Manierismen zusagen.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Interview mit Wes Anderson in „The New Yorker“

No Time to Die – Ausführliche Rezension

Spoiler nach dem ersten Absatz!
UK
Nach über eineinhalb Jahren ist es soweit: Daniel Craig feiert seinen Abschied als James Bond mit „No Time to Die“. Obwohl sowohl Sean Connery mit sechs (sieben, wenn man „Never Say Never Again“ mitrechnet) als auch Roger Moore mit sieben Filmen öfter Bond gespielt haben, ist Craigs Amtszeit als „amtierender“ Bond mit 16 Jahren die längste. Lange war nach „Spectre“ und der gemischten Reaktion, die Bond Nummer 24 hervorrief, unklar, ob Craig überhaupt zurückkehren würde, auch weil er in Interviews erklärte, sich lieber die Pulsadern aufschneiden zu wollen als noch einmal Bond zu spielen. Aber die Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson konnten ihn dann doch überzeugen, für „No Time to Die“ noch einmal den Smoking anzulegen. Auch sonst erwies sich die Produktion als problematisch, ursprünglich sollte Danny Boyle Regie führen, sprang aber ab, weshalb Cary Joji Fukunaga schließlich das Ruder übernahm. Und dann ist da noch eine gewisse Pandemie, die die ganze Gelegenheit weiter hinauszögerte und u.a. auch zu weiteren Nachdrehs führte, weil das Product Placement inzwischen veraltet war. Wie dem auch sei, an dieser Stelle zuerst kurz meine spoilerfreien Gedanken, bevor es ans Eingemachte geht: Im Kontext der fünf Craig-Filme würde ich „No Time to Die“ genau in die Mitte setzen, deutlich besser als „Spectre“ und „Quantum of Solace“, aber schwächer als „Skyfall“ und „Casino Royale“. Vor allem die ersten beiden Drittel des Films wissen zu überzeugen, im finalen Drittel fällte der Film allerdings auseinander.

Handlung und Struktur
Nachdem Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz), Anführer der Verbrecherorganisation Spectre, von James Bond (Daniel Craig) und dem MI6 in Gewahrsam genommen wurde, begibt sich Bond nach seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst zusammen mit Madeleine Swann (Léa Seydoux) nach Matera, doch Blofelds Arm reicht auch bis hier her: Attentäter greifen das Paar an und geben Bond Grund zu der Annahme, dass Madeleine ihn verraten hat, weshalb er sich von ihr trennt. Fünf Jahre später hat sich Bond auf Jamaica zur Ruhe gesetzt, wo seiner alter Freund, der CIA-Agent Felix Leiter (Jeffrey Wright) ihn aufsucht und ihn um Hilfe bittet: Der für den MI6 arbeitende Wissenschaftler Valdo Obruchev (David Dencik) wurde von Spectre gekidnappt. Zuerst lehnt Bond ab, aber nach einer Begegnung mit Nomi (Lashana Lynch), seiner Nachfolgerin als 007, entscheidet er sich, Leite dabei zu helfen, Obruchev aufzuspüren. Die Spur führt nach Kuba, wo Bond zusammen mit der CIA-Agentin Paloma (Ana de Armas) ein Spectre-Treffen infiltriert. Dieses erweist sich als weitere Falle von Blofeld, bei der eine Biowaffe namens Heracles, an deren Entwicklung Obruchev und der MI6 beteiligt waren, dazu benutzt werden soll, Bond zu töten. Diese Waffe auf Nanobotbasis funktioniert wie ein Virus, nimmt aber nur bestimmte DNS ins Visier. Doch die Dinge entwickeln sich anders, denn Obruchev erhält in Warheit seine Befehle vom mysteriösen Terroristen Lyutsifer Safin (Rami Malek), sodass nur Bond und Paloma überleben, während die gesamte Spectre-Führung, bis auf Blofeld, eines äußerst unangenehmen Todes stirbt. Bei der Übergabe Obruchevs an Leiter stellt sich heraus, dass sein Kollege Logan Ash (Billy Magnussen) ebenfalls für Safin arbeitet, beide können entkommen, Leiter überlebt nicht.

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Paloma (Ana de Armas)

Daraufhin begibt sich Bond nach London. Da Safin offenbar darauf aus ist, sämtliche Spectre-Mitglieder zu töten, ist Blofeld offensichtlich Safins nächstes Ziel. Nach ein wenig hin und her und einem Wiedertreffen mit Q (Ben Wishaw) und Moneypenny (Naomi Harris) kehrt Bond schließlich zum MI6 zurück und darf mit Ms (Ralph Fiennes) Erlaubnis Blofeld in Anwesenheit seiner Psychiaterin verhören. Bei dieser Psychiaterin handelt es sich allerdings um Madeleine Swann, die kurz zuvor von Safin aufgesucht wurde, mit dem sie eine gemeinsame Vergangenheit verbindet. Safin will Madeleine nutzen, um Blofeld zu töten und infiziert sie mit Heracles. Mit Bond als „Mittelsmann“ gelingt der Plan. Madeleine verschwindet daraufhin nach Norwegen, wird jedoch von Bond aufgespürt, der hier erfährt, dass seine alte Flamme inzwischen eine Tochter namens Mathilde (Lisa-Dorah Sonnet) hat. Doch Safins Männer sind ihnen bereits auf der Spur, kidnappen Mutter und Tochter und bringen sie zu einer alten Militärbasis auf einer Insel zwischen Russland und Japan. Gemeinsam mit Nomi macht sich Bond daran, die beiden zu retten und Safin zu stoppen…

Mit 163 Minuten ist „No Time to Die” der bislang längste Bond-Film und übertrifft damit sogar „Spectre“. Zudem weist der Film gerade für dieses Franchise einige strukturelle Besonderheiten auf. Normalerweise folgt nach der Gun-Barrel-Sequenz eine ausgedehnte Action-Szene, mit der der Regisseur einen Vorgeschmack auf später kommendes geben kann und die oft nichts oder nur wenig mit dem eigentlichen Plot des Films zu tun hat. „No Time to Die“ weicht in mehr als einer Hinsicht von dieser Formel ab: Zuerst erhalten wir einen Einblick in Madeleines Kindheit und erleben ihre erste Begegnung mit Safin, um anschließend den Spectre-Angriff in Matera erleben zu dürfen. Beide Sequenzen separat sind schon deutlich länger als die Prä-Credits-Szenen der meisten Bond-Filme – bis Billie Eilishs Titelsong erklingt, vergehen gut und gerne zwanzig Minuten. Durch diesen langen Prolog fühlt sich „No Time to Die“ an wie ein Vierakter, denn alles nach diesem ausufernden Prolog lässt sich relativ bequem in die typische Hollywood-Drei-Akt-Struktur teilen.

Spectre of the Past
„No Time to Die“ ist ein äußerst ambitionierter Film, der nicht nur eine Menge erreichen, sondern auch ein Abgesang und ein befriedigendes Ende für die Daniel-Craig-Ära sein und noch einmal alle Fäden zusammenführen möchte – dementsprechend ist der Film gerade nach Bond-Maßstäben ziemlich untypisch. Über lange Zeit hinweg waren Bond-Filme sehr selbstständige, in sich geschlossene Angelegenheiten. Während Sean Connerys (und George Lazenbys) Zeit als Bond gab es immerhin tatsächlich einen übergreifenden Handlungsstrang, jeder Film, mit Ausnahme von „Goldfinger“, hatte S.P.E.C.T.R.E. als Gegner und Blofeld als Strippenzieher oder Hauptwidersacher. Die Verzahnung der einzelnen Filme war dennoch eher mäßig, sodass es problemlos möglich war, der Handlung von, sagen wir, „You Only Live Twice“ zu folgen, ohne vorher „Thunderball“ gesehen zu haben. Am eindeutigsten fungierte „From Russia with Love“ als direkte Fortsetzung zu „Dr. No“, immerhin gibt es deutliche Referenzen an den Bond-Erstling. Die Craig-Filme hingegen sind noch einmal deutlich enger verzahnt. Allerdings war das mit Sicherheit nicht von Anfang an so geplant. Nach dem Erfolg von „Casino Royale“ entschloss man sich, mit „Quantum of Solace“ eine direkte Fortsetzung zu drehen, besagte Fortsetzung kam allerdings nur bedingt an, weshalb „Skyfall“ eine eigenständige Geschichte erzählt. Mit „Spectre“ versuchte Eon dann schließlich, alles miteinander zu verknüpfen und die losen Fäden aus „Quantum of Solace“ wieder aufzugreifen, in dem man „enthüllte“, dass die verbrecherische Organisation Quantum in Wahrheit nur eine Gruppierung innerhalb von Spectre ist und Blofeld von Anfang an hinter allem steckte. Obwohl das alles, insbesondere der Umstand, dass Blofeld nun Bonds Stiefbruder ist, nicht besonders gut ankam, setzten Eon Productions und Cary Fukunaga dieses Konzept fort: Die fünf Craig-Filme erzählen nun eine Geschichte, von Bonds Anfängen bis zu seinem Tod. Aufgrund des oben geschilderten Hin-und-Hers, der diversen Retcons, Planänderungen und schwächeren Filme fühlt sich diese Geschichte aber sehr uneben und holprig erzählt an. Wir springen gewissermaßen direkt von Bonds Anfangszeit zu einem Vorruhestand in „Skyfall“. In „Spectre“ ist Bond dann plötzlich nicht mehr alt und auf dem Höhepunkt seiner Kräfte, nur um gleich wieder in den Ruhestand zu verschwinden und dann im aktuellen Film doch noch einmal reaktiviert zu werden.

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Nomi (Lashana Lynch) und Melanie Swann (Léa Seydoux)

Im Gegensatz zu den finalen Filmen der anderen Bonds besteht hier natürlich der Vorteil, dass Eon „No Time to Die“ gezielt als letzten Craig-Film konzipieren konnte, während bei den meisten anderen Bonds einfach irgendwann klar wurde, dass die aktuelle Formel nicht mehr funktioniert. Dementsprechend ist Fukunagas Film ein finaler Abgesang auf diese Ära und arbeitet sehr bewusst mit dem Bond’schen Vermächtnis. Aber nicht nur auf die vier Vorgänger finden sich Anspielungen en masse, auch frühere Filme werden miteinbezogen, primär „On Her Majesty’s Secrer Service“. George Lazenbys einziger Einsatz als 007 von 1969 kam damals beim Publikum nicht besonders gut an, gilt inzwischen vielen, auch prominenten Bond-Fans aber als Favorit, Chris Nolan nennt ihn beispielsweise als seinen Lieblingsfilm des Franchise. In vielerlei Hinsicht kann „On Her Majesty’s Secret Service“ als früher Vorgänger zu den Craig-Filmen betrachtet werden, hier machte Bond (zumindest in einem Film) zum ersten Mal eine wirkliche Entwicklung durch, war persönlich involviert, verliebte sich tatsächlich und am Schluss kam es natürlich zur Tragödie. Fukunaga macht keinen Hehl daraus, dass „On Her Majesty’s Secret Service“ auch sein Favorit ist und ihn stark beeinflusst hat. Sowohl konzeptionell (Liebesgeschichte als Zentrum der Handlung) als auch musikalisch und wörtlich zitiert Fukunaga den Film von 1969 immer wieder.

Leider ist „No Time to Die” letztendlich bezüglich seines Status als Finale Furioso der „Craig-Saga“ als subtiles Scheitern zu bewerten. Ich bin dem Konzept, Bond hier als Abschluss zu töten, nicht per se abgeneigt, tatsächlich bin ich beeindruckt, dass Eon und Fukunaga es tatsächlich durchgezogen haben, aber die Umsetzung lässt leider zu Wünschen übrig. Wie ich oben bereits schrieb, der gesamte dritte Akt fällt gewissermaßen auseinander, was zum einen am nicht völlig überzeugenden Schurken Safin liegt, aber auch am finalen Plan und der Situation, in der sich Bond befindet. Die Lage ist relativ unklar, Bonds Opfer fühlt sich in letzter Konsequenz erzwungen an und entwickelt sich nicht wirklich logisch aus der Handlung und zudem gelingt es dem Film auch nicht, die Dringlichkeit der Situation wirklich klar zu machen: Warum muss die Insel unbedingt jetzt sofort beschossen werden? Als Konsequenz fühlt sich Bonds Tod nicht verdient an und hat mich persönlich ein wenig an Supermans Ableben in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ erinnert. Das ist natürlich nur Spekulation, aber ein wenig wirkt es, als sei 007s Ende erst spät Teil der Geschichte geworden, auch wenn es, zugegebenermaßen, bereits relativ früh im Film Andeutungen gibt (die aber natürlich ihrerseits später eingefügt worden sein können).

Bond Back in Action
Sowohl für die Filmreihe im Allgemeinen als auch für die Craig-Ära im Besonderen ist „No Time to Die“ ein ungewöhnlicher Film und weicht in mehr als einer Hinsicht von der Formel ab – und dabei meine ich nicht einmal so sehr Bonds Tod am Ende, obwohl das natürlich auch ein Novum ist. Immerhin, in den Romanen gibt es einen gewissen Präzedenzfall: In „From Russia with Love“ scheint Bond am Ende nicht zu überleben, als Leser wird man zumindest im Ungewissen gelassen, da Ian Fleming sich nicht sicher war, ob er weiter Bond-Romane schreiben wollte. Erst in der Fortsetzung „Dr. No“ wird dann klar, dass 007 tatsächlich überlebt hat. Nicht ganz dieselbe Situation, aber immerhin ansatzweise vergleichbar. Wie dem auch sei, untypisch für die Craig-Filme ist vor allem, dass Bond hier relativ gesprächig daherkommt. Wir sind es ja bereits gewöhnt, dass gewisse Konventionen der Serie hier immer wieder hinterfragt oder gebrochen werden, ebenso wie wir daran gewöhnt sind, dass Craig der „leidende Bond“ ist, aber bisher war er dabei meistens recht stoisch und verschlossen, während er in „No Time to Die“ insgesamt deutlich gesprächiger ist als in den bisherigen vier Filmen und sogar hin und wieder einen Roger-Moore-Gedächtnis-Spruch loslässt.

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Bond (Daniel Craig) und Felix Leiter (Jeffrey Wright)

Was das Franchise insgesamt angeht, ist Bond hier nicht nur so monogam wie selten zuvor, es gibt nicht einmal ein neues Bond-Girl, stattdessen ist Madeleine Swann auch weiterhin Bonds einziger Love Interest. Die beiden neuen Frauenfiguren, Ana de Armas als Paloma und Lashana Lynch als Nomi, sind beide alles andere als traditionelle Bond-Girls. Eines der größeren Probleme von „No Time to Die“ ist wohl, dass es mir nicht gelingt, Madeleine als „Bonds große Liebe“ wahrzunehmen. Léa Seydoux‘ Chemie mit Daniel Craig ist hier zweifellos besser als in „Spectre“, wo sie praktisch nicht vorhanden war, aber im Vergleich zu dem, was Craig und Eva Green hatten, gibt es noch viel Luft nach oben. Da diese Liebesgeschichte aber der Anker des Films ist, führt das zum einen oder anderen Wahrnehmungsproblem, zumindest bei mir. Dass Bond hier erstmals ein Kind hat, ist freilich ein weiteres Novum, mit dem man sich erst einmal abfinden muss, schließlich waren Kinder in Bond-Filmen selten bis gar nie ein Faktor. Im Großen und Ganzen gibt es bei Craigs schauspielerischer Leistung in jedem Fall nichts zu meckern, man merkt, dass er hier, bei seinem letzten Film, noch einmal voll investiert ist.

Was in „No Time to Die” glücklicherweise vollauf zu überzeugen weiß, ist die Action. Nachdem diese in „Spectre“ oftmals dröge und uninspiriert daherkam, bemüht sich Fukunaga, wirklich grandiose und abwechslungsreiche Set-Pieces zu inszenieren, sei es der Angriff der Spectre-Agenten auf Matera, die Verfolgungsjagd auf Kuba, das Intermezzo in Norwegen oder die scheinbare One-Take-Szene auf Safins Insel. Schauplätze, Bildkomposition und Action sind ebenso schön anzusehen wie unterhaltsam und kreativ, sodass „No Time to Die“ glücklicherweise nicht langweilig wird.

Safin und Blofeld
Im Vorfeld wurde wild spekuliert, ob Eon wohl einen ähnlichen Stunt wie in „Spectre“ abziehen und Safin als bereits bekannten Schurken enthüllen würde. Man vermutete Dr. No hinter der Kabuki-Maske, zum einen, weil das Wort im Titel auftaucht und zum anderen wegen eines kleinen Details aus Flemings Roman „Dr. No“, das keinen Eingang in den gleichnamigen Film fand: Dr. Nos Herz befindet sich statt auf der linken auf der rechten Seite seines Körpers. Im Trailer zu „No Time to Die“ (und auch im fertigen Film) sieht man im Prolog ein Einschussloch dort, wo Safins Herz sein müsste, was ihn jedoch nicht weiter aufzuhalten scheint. Glücklicherweise entpuppt sich Safin nicht als Dr. No; auf dieses Detail geht der Film selbst nicht weiter ein. Vielleicht trägt Safin einfach eine schusssichere Weste unter seinem Parka, vielleicht wurde dieses Element auch für ihn übernommen, wer weiß? Ich persönlich ordne Lyutsifer Safin (extrem subtiler Vorname) ähnlich ein wie den Film insgesamt: Als Schurke ist er stärker als Blofeld oder der von Mathieu Amalric gespielte Dominic Greene, verblasst aber im Vergleich zu Raoul Silva (Javier Bardem) und Le Chiffre (Mads Mikkelsen). Vor allem in der Prolog-Szene wird Safin sehr effektiv inszeniert, hier nutzt Fukunaga Techniken des Horror-Films, danach verschwindet er allerdings für recht lange Zeit aus der Handlung. Rami Malek ist in der Rolle angenehm bedrohlich, ihm wird aber nicht die nötige Gelegenheit gegeben, wirklich viel aus ihr herauszuholen. Das hängt auch mit dem Umstand zusammen, dass Safin in seiner Motivation merkwürdig zwiegespalten ist. Seine Rachepläne an Blofeld und Spectre sind nachvollziehbar, schließlich sind sie für den Tod seiner Familie verantwortlich, aber alles, was Safin im dritten Akt des Films mit Heracles anstellt bzw. anstellen will, ist merkwürdig schwammig und undefiniert. Will er die Weltherrschaft? Will er nach Ra’s-al-Ghul-Manier einen großen Teil der Weltbevölkerung auslöschen? Und wenn ja, weshalb? Zudem wird sein Verhalten im Finale zunehmend erratisch: Als Mathilde ihn in den Finger beißt, lässt er sie einfach davonlaufen – das wirkt untypisch. Mir scheint, dass im dritten Akt aufgrund der ohnehin schon enormen Länge einige Szenen geschnitten wurden, die für das Verständnis aber besser im Film geblieben wären. Gerade was Safin angeht, fühlt man sich eher an frühere Bond-Widersacher erinnert: In bester Tradition hat Safin eine eigene Insel mit einem „Garden of Poison“, und natürlich gibt er sich mit Kleinigkeiten nicht zufrieden, er ist eine Bedrohung für die gesamte Welt. Gerade in der jetzigen Zeit kommt man zudem nicht umhin, zudem gewisse Parallelen zwischen Heracles und Corona festzustellen, die sicher nicht beabsichtigt waren („No Time to Die“ wurde ja deutlich vor dem Ausbruch abgedreht), aber nichts desto trotz faszinierend sind.

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Lyutsifer Safin (Rami Malek)

Bekanntermaßen überlebte Ernst Stavro Blofeld „Spectre“ und darf nun erneut auftauchen und Bond primär in der ersten Hälfte des Films das Leben schwer machen – wenn auch vom Gefängnis aus. Damit ist Christoph Waltz der bislang einzige Darsteller, der Blofeld mehr als einmal gespielt hat (die schattenhafte Version der Figur in „From Russia with Love“ und „Thunderball“ nicht mitgerechnet). Leider kommt Blofeld in „No Time to Die“ nicht allzu viel besser weg als in „Spectre“: Nach wie vor funktioniert Waltz für mich in dieser Rolle einfach nicht, mehr noch, er scheint auch kein besonderes Interesse an ihr zu haben. Eine der größten Schwächen der „Craig-Saga“ ist für mich zudem, dass es ihr fast nie gelingt, die große, böse Organisation im Schatten, sei es Quantum oder Spectre, wirklich interessant oder eindrücklich zu inszenieren. „No Time to Die“ setzt dem die Krone auf, in dem die gesamte Spectre-Führungsriege hier bei ausgerechnet Blofelds Geburtstagsparty umgebracht wird – das klingt eher nach der Roger-Moore-Ära. Blofeld selbst wird auf ähnlich unrühmliche Weise abserviert. In Anbetracht der Tatsache, dass er DER Gegner James Bonds sein soll und in „Spectre“ als das große Mastermind hinter allen anderen Filmen etabliert wurde, wirkt dieser Abgang unbefriedigend. Aus rein erzählerischen Gründen wäre tatsächlich eine größere Rolle für Blofeld nötig gewesen. Hier wäre vielleicht eine Rückkehr zu Ian Fleming die richtige Lösung gewesen. In den Romanen verändert Blofeld sein Äußeres ständig mit plastischer Chirurgie, man hätte durch diesen Kniff problemlos ein Recasting rechtfertigen können, schließlich will ein geflohener Blofeld nicht erkannt werden. So wirkt „No Time to Die“ mitunter wie eine merkwürdige Coda einer ohnehin holprig erzählten Saga.

Her Majesty’s Secret Service
Im Verlauf der Craig-Ära sammelte Bond ein durchaus beeindruckendes Raster an Verbündeten und Unterstützern an. Die Präsenz von Judi Denchs M ist selbst nach dem Tod der Figur immer noch vorhanden, sei es durch Videos oder ein Porträt. Bereits in „Casino Royale“ und „Quantum of Solace“ arbeitete Bond mit Jeffrey Wrights Felix Leiter zusammen, in Letzterem tauchte auch erstmals die von Rory Kinnear gespielte Version des Fleming-Charakters Bill Tanner auf, die von nun an zum festen Bestandteil des Casts gehören sollte. In „Skyfall“ bekam Craig „seine“ Moneypenny (Naomi Harris) und „seinen“ Q (Ben Wishaw), zusätzlich zu einem neuen M (Ralph Fiennes) und in „No Time to Die“ stoßen nun schließlich Lashana Lynch als Bonds Nachfolgerin Nomi und Ana de Armas als CIA-Agentin Paloma hinzu. Als die Rolle von Ersterer bekanntgegeben wurde, erfolgten natürlich sofort Aufschreie wie „Bond goes woke“, verbunden mit der Befürchtung, Lashana Lynch könne Craig aus dem Rampenlicht drängen, was sich angesichts der Rolle, die Nomi im Film spielt, als ziemlich albern entpuppt. Nicht nur ist die neue 007 verhältnismäßig insignifikant, sie gibt auch ihre Kennung vor dem Finale ganz brav zurück. Heimlicher Star des Films ist ohnehin Paloma – Ana de Armas tauch in der Kuba-Sequenz auf, reißt mit ihrem Charme und ihrer Energie kurzzeitig den gesamten Film an sich, harmonisiert wunderbar mit Daniel Craig und verschwindet dann ebenso unverhofft wieder. Da hätte man sich durchaus eine größere Rolle gewünscht.

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Eve Moneypenny (Naomi Harris), M (Ralph Fiennes) und Bill Tanner (Rory Kinnear)

Das Ableben von Felix Leiter soll ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Bereits bei Ian Fleming ist er eine immer wieder auftauchende Figur, die im zweiten Roman, „Live and Let Die“, brutal durch einen Haiangriff verstümmelt wird; ein Schicksal, das ihm zwar in der Verfilmung besagten Romans erspart bleibt, aber dafür 16 Jahre später in „Licence to Kill“ widerfährt – ironischerweise wird Leiter in beiden Filmen von David Hedison dargestellt. Wright ist bislang der einzige Schauspieler, der Leiter sogar ganze drei Mal gespielt hat – insofern ist es auch gerechtfertigt, dass er in „No Time to Die“ eine etwas größere Rolle bekommt. Tatsächlich empfand ich sein Ableben als emotionaler als Bonds am Ende des Films – was eher gegen Letzteres und nicht unbedingt für Ersteres spricht.

Der Rest MI6-Besatzung ist hier nicht so beschäftigt wie in „Spectre“, aber immer noch deutlich aktiver als in früheren Bond-Filmen. Moneypenny und Q haben verhältnismäßig wenig zu tun, Ralph Fiennes‘ M dagegen wird negativer dargestellt, da er bei der Entwicklung von Heracles seine Finger im Spiel hatte, was ein wenig an „Skyfall“ erinnert, wo seine Vorgängerin aufgrund ihres Umgangs mit den Agenten, primär Bond und Silva, kritisiert wird.

James Bond Will Return
Bereits im Vorfeld kam die Frage auf, wie es nun weitergehen wird: Wird nur Bond ausgetauscht und der Rest der Besatzung bleibt oder gibt es einen harten Reboot? Nach „No Time to Die“ scheint relativ klar, dass ein harter Reboot ins Haus steht. Ein erneutes auftauchen der bekannten MI6-Besatzung nach diesem Ende wäre höchst merkwürdig und würde das unterlaufen, was Eon mit Bond Nummer 25 erreichen wollten. Tatsächlich ist das auch einer der Gründe, weshalb ich Bonds Tod eher negativ gegenüberstehe: Ich mochte diesen MI6-Cast und hätte ihn gerne auch weiterhin an der Seite eines neuen Bond gesehen. Andererseits gehört die Marke nun Amazon, da ist ein Spin-off wahrscheinlicher denn je. Sowohl für Michelle Yeohs Wai Lin aus „Tomorrow Never Dies“ als auch Halle Berrys Jinx Jordan aus „Die Another Day“ gab es Pläne für Soloauftritte, aus denen freilich nichts geworden ist, aber wer weiß, vielleicht erwartet uns in naher Zukunft ein Agenten-Team-Up bestehend aus Nomi und Paloma, in dem der Craig-MI6-Cast Gastauftritte absolvieren kann.

Wie dem auch sei, ich persönlich denke, dass der neue Bond 2022 verkündet wird. Barabara Broccoli erklärte zwar, man habe noch keine Auswahl getroffen, aber bei Eon Productions hatte man nun doch über eineinhalb Jahre Zeit, sich zumindest Gedanken über den Nachfolger zu machen. Zusätzlich ist 2022 wieder Mal ein Jubiläumsjahr für den Film-Bond, der 1962 sein Debüt feierte und somit 60 wird. 2002 und 2012 gab es jeweils einen mit Anspielungen gespickten Jubiläumsfilm, das kann nächstes Jahr nicht geboten werden, also wäre die Verkündigung des neuen Bond-Darstellers zumindest in Ansätzen eine passende Alternative. Spekulationen, in welche Richtung Bond 26 gehen wird, sind bis zur Bekanntgabe wohl ohnehin müßig. Ich denke, die emotionale Komponente und der stärkere Fokus auf Bonds Charakterisierung wird uns erhalten bleiben, aber ob man sich erneut an einem größeren Handlungsbogen versuchen oder doch den Fokus wieder auf Einzelabenteuer legen möchte, steht noch in den Sternen.

Fazit: Sowohl im Kontext der gesamten Filmreihe als auch der Craig-Ära landet „No Time to Die“ in der Mitte, weder gehört er zu den besten, noch zu den schlechtesten Filmen des Franchise. Primär wird er wohl als der Film in Erinnerung bleiben, in dem Bond stirbt – auch wenn sein Tod eine eher unbefriedigende Angelegenheit bleibt. Ansonsten ist Cary Joji Fukunagas Beitrag zum 007-Vermächtnis mit Sicherheit einer der bestaussehndsten Bonds mit einigen überaus beeindruckenden Action-Szenen, einem eher schwächeren Schurken und einem grandiosen Auftritt von Ana de Armas – weder Meisterwerk noch Totalausfall.

Bildquelle

Trailer

Siehe auch:
Art of Adaptation: Casino Royale

Spectre

Enthält Spoiler!
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Story: Selbst nach ihrem Tod gibt M (Judy Dench) noch Anweisungen. Per posthumer Videonachricht weist sie James Bond (Daniel Craig) an, Marco Sciarra (Alessandro Cremona) zu töten, was Bond in Mexico City auch gelingt. Über Sciarra und seine Witwe Lucia (Monica Belucci) kommt Bond einer Verschwörung auf die Spur, in die sein totgeglaubter Halbbruder Franz Oberhauser (Christoph Waltz) verwickelt ist. Schon bald ist Bond fast vollständig auf sich allein gestellt, denn Max Denbigh (Andrew Scott), ein Beauftragter der britischen Regierung, macht Gareth Mallory (Ralph Fiennes), dem neuen M, die Arbeit schwer und versucht das Doppelnull-Programm einzustellen. Um Oberhausers finstere Machenschaften zu stoppen kann sich Bond schließlich nur noch auf die Hilfe von Dr. Madeleine Swann (Léa Seydoux), der Tochter seines alten Feindes Mister White (Jesper Christensen), verlassen…

Kritik: „Spectre“ habe ich im Kino verpasst, aber immerhin kommt die Heimkinoauswertung inzwischen so schnell, dass das kaum mehr einen Unterschied macht. Wie dem auch sei, „Spectre“ ist Sam Mendes‘ zweiter Bond-Film und der vierte mit Daniel Craig in der Titelrolle. Nach dem phänomenalen Erfolg von „Skyfall“ wollte Eon unbedingt, dass Mendes auch den nächsten Bond-Film dreht, während der Regisseur seinerseits eher zögerlich war, bis das Studio ihn überzeugen konnte (vermutlich mit sehr viel Geld). Wie dem auch sei, nach der Sichtung von „Spectre“ muss ich sagen: Mendes‘ erster Instinkt war leider richtig.

Ironischerweise gefallen mir viele der Konzepte von „Spectre“ richtig gut: Die inhaltliche Verknüpfung aller bisherigen Craig-Bonds, die Wiedereinführung von Spectre (früher SPECTRE als Abkürzung für SPecial Executive for Counter-intelligence, Terrorism,
Revenge and Extortion) und Bonds altem Erzfeind Ernest Stavro Blofeld. Das Hauptproblem dabei ist, dass die Umsetzung nicht besonders gelungen ist – es scheint fast, als habe Mendes die Lust an Bond verloren. „Spectre“ wirkt schwerfällig, ja manchmal fast schon dröge, dem Film fehlt sowohl die grimmige Intensität von „Casino Royale“ als auch die Energie und der Enthusiasmus von „Skyfall“. Natürlich ist letztendlich alles vorhanden, was die Bondfilme scheinbar ausmacht: Schnelle Autos, schöne Frauen, exotische Schauplätze, Action und eine ominöse Verschwörung. Anders als „Casino Royale“ oder „Skyfall“ ist „Spectre“ aber nie mehr als die Summe seiner Teile.

Während der erste Akt des Films durchaus noch zu überzeugen weiß – der Prolog in Mexico City ist sehr ansehnlich, ebenso wie die Szenen in Rom mit der Verfolgungsjagd und dem ersten Auftritt von Christoph Waltz als Oberhauser/Blofeld – verliert „Spectre“ ab diesem Zeitpunkt seine Energie. Mendes gelingt es einfach nicht, wirklich Spannung aufkommen zu lassen, die verschiedenen Schauplätze, die Actionszenen und die Einführung von Léa Seydoux als Bondgirl wirken eher, als hätte Mendes eine Checklist abgearbeitet. Die Einzelbausteine des Films wollen einfach nicht so recht zusammenpassen, die Zusammenführung der Handlungsstränge von „Casino Royale“, „Ein Quantum Trost“ und „Skyfall“ wirkt ziemlich plump und, am schlimmsten, der Schurke funktioniert nicht so richtig. Der Blofeld dieses Films klingt als Konzept recht vielversprechend, aber gerade hier wirkt die Umsetzung höchst uninspiriert, Blofelds Motivation bleibt unklar und er selbst als Figur ziemlich blass, was auch damit zusammenhängt, das er kaum vorkommt. Der Film erläutert zwar, warum er Bond nicht mag, aber darüber hinaus wird kaum etwas konkretisiert; Blofeld wird ja wohl kaum eine weltumspannende Verbrecherorganisation gegründet haben, nur um sich an seinem Stiefbruder zu rächen. Apropos, angesichts der Tatsache, dass der Film „Spectre“ heißt, bleibt besagte Organisation ebenfalls höchst nebulös und uninteressant, dem Film gelingt es einfach nicht, die Bedrohung, die von einem derartigen Schattenkollektiv ausgehen sollte, richtig aufzubauen.

Insgesamt kommt „Spectre“ einfach nicht über ein „solide, aber uninspiriert“ hinaus: Die Action ist ganz ansehnlich, aber nicht wirklich kreativ, die Schauplätze sind nett, aber man hätte mehr damit machen können und die Darsteller sind solide, bekommen aber kaum Gelegenheit, wirklich zu zeigen, was sie können – gerade bei Christoph Waltz fällt das auf. Ich finde Waltz als Schauspieler ziemlich toll, aber gerade hier spielt er eher auf Autopilot, sein Oberhauser unterscheidet sich nicht groß von den diversen anderen Schurkenrollen, die er die letzten Jahre gespielt hat, die ihrerseits im Grunde nur verwässerte Versionen von Hans Landa waren. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit Thomas Newmans Score, der sich noch stärker vom typischen Sound der Bond-Filme entfernt und, wie der Film selbst auch, außerhalb der Statements von Monty Normans Bond-Thema recht dröge daherkommt.

Fazit: Sam Mendes‘ zweiter Bondfilm bleibt leider ziemlich weit hinter „Skyfall“ zurück; „Spectre“ wirkt oft uninspiriert und schafft es einfach nicht, eine gelungene Spannungskurve aufzubauen oder über die Summe seiner Teile hinauszuwachsen.

Trailer

Siehe auch:
Skyfall

 

Die Top 10 + 10 Film- und Serienschurken

Die singende Lehrerin hat mal wieder zur Blogparade aufgerufen. Beim Thema „Die besten Schurken in Film und Serie“ kann ich als Fan der Bösen Buben natürlich kaum widerstehen. Zwar habe ich in der Anfangszeit meines Blogs bereits eine derartige Liste konzipiert, diese bestand aber nur aus fünf Filmschurken, insofern ist es, denke ich, mehr als berechtigt, nun die aktualisierte und erweiterte Liste zu präsentieren. Wie so oft gilt auch hier: Die Rangfolge ist nicht in Stein gemeißelt, sie entspricht meiner aktuellen Gemütslage und kann sich schon nächste Woche wieder ändern. Ich habe darüber hinaus versucht, pro Film (bzw. Filmreihe) und Serie nur einen Schurken auszuwählen, aber natürlich musste ich hin und wieder doch ein wenig schummeln, vor allem bei Platz 1 der Filmschurken. Insgesamt finde ich es auch ein wenig traurig, dass es keine einzige Schurkin auf die Film-Liste geschafft hat (das Herz will, was das Herz will), aber dafür ist die Serienliste fast ausgeglichen.

Und nun, schon mal zur Einstimmung, die Runners-up-Liste, völlig unsortiert: Sauron, Darth Maul, Malefiz, Smaug, Thailog, Antonio Salieri, Davy Jones, Hades („Disneys Hercules“), Hector Barbossa, Roose Bolton, Coriolanus Snow, Darth Tyranus, Bellatrix Lestrange, Satan („Im Auftrag des Teufels“), Lex Luthor („Superman: The Animated Series“), Darth Vader, Bane („The Dark Knight Rises“), Ava Lord, Dschafar, Francis Dolarhyde, die Meerhexe Ursula, Imhotep, William Stryker, Mystique, Saruman, Jack the Ripper („From Hell“), David Xanatos, Scar.

Serie

10. Morgan (Eva Green) aus „Camelot“

Die kurzlebige Starz-Serie „Camelot“ war zwar gewiss nicht frei von Fehlern (der größte war Jamie Campbell Bower als Arthur), hat es aber dennoch geschafft, dem allseits bekannten Artus-Mythos die eine oder andere neue Facette abzugewinnen, wobei das Highlight definitiv die Interpretation von Merlin und Morgan war. Letztere gibt im Rahmen dieser Serie eine wirklich grandiose Schurkin ab, was einerseits daran liegt, dass sie ziemlich nachvollziehbar gestaltet ist und mit ihren Ansichten dem modernen Zuschauer oftmals näher ist als die eigentlich guten Figuren (warum sollte nicht eine Frau über England herrschen?), und andererseits, weil sie von Eva Green gespielt wird, was prinzipiell nicht schadet. Schon allein wegen ihrer Interpretation von Morgan lohnt es sich, die Serie anzuschauen.

9. Jim Moriarty (Andrew Scott) aus „Sherlock“

Professor Moriarty gehört zu den großen Widersachern der Literatur und wurde schon vielfach interpretiert. Die Sherlock-Version, ohne akademischen Titel, muss sich definitiv nicht verstecken – in bester Schurkentradition ist er sowohl Spiegel als auch Gegensatz zu seinem heroischen Gegner. Wo Sherlock Holmes ein „Consulting Detective“ ist, ist Moriarty ein „Consulting Criminal“ und wo Sherlock stoisch und kalt erscheint, sich in Wahrheit aber sehr um die Menschen, die ihm am nächsten stehen, sorgt und für sie eintritt, scheint Moriarty übermäßigen emotionalen Ausbrüchen und Stimmungsschwankungen unterworfen, schert sich aber um niemand anderen als sich selbst. Beide Widersacher verbindet allerdings ihre überragende Intelligenz und ihre durchaus ähnliche Weltsicht, denn in vielerlei Hinsicht ist Moriarty das, was Sherlock wäre, besäße er kein Gewissen. Zu all diesen gelungenen Gemeinsamkeiten und Gegensätzen kommt hinzu, dass Andrew Scott beim Spielen der Figur sichtlich Spaß hat, zur großen Freude des Zuschauers.

8. Harley Quinn (Arleen Sorkin) aus „Batman: The Animated Series“

Harley Quinn ist witzig, lebensfroh, hin und wieder ziemlich durchgeknallt und unglaublich tragisch, denn sie hat das Pech, dass sie unsterblich in den Joker verliebt ist. Die Beziehung der beiden hat eine unglaubliche Dynamik, die Tragik rührt daher dass Harley, egal wie sehr die Joker sie misshandelt, doch stets zu ihm zurückkehrt, weil sie von ihm vollkommen besessen ist. Der Joker seinerseits ist oft von ihr genervt oder versucht sogar umzubringen, sollte sie sich aber kurzfristig für jemand anderen interessieren, wird er unglaublich eifersüchtig und besitzergreifend. Ursprünglich begann Harley als relativ unwichtiger Nebencharakter in „Batman: The Animated Series“, weil Bruce Timm und Paul Dini sich dachten, dass es cool wäre, wenn der Joker einen weiblichen Sidekick hätte. Gewissermaßen begann Harley danach aber ein Eigenleben zu entwickeln, sie bekam in Form der Graphic Novel „Mad Love“ (die im Rahmen der Serie auch adaptiert wurde) eine interessante Hintergrundgeschichte und war bei den Fans so beliebt, dass sie schon bald ins reguläre DC-Universum übernommen wurde, von zusätzlichen Auftritten in weiteren Serien (beispielsweise „The Batman“) oder Spielen („Arkham Asylum“ und Sequels) ganz zu schweigen. Und mit Suicide Squad steht bald ihr erster Auftritt in einem Realfilm bevor. Aber es ist die Cartoon-Version, gesprochen von Arlene Sorkin, die Harley definiert hat.

7. Russel Edgington (Denis O’Hare) aus „True Blood“

„True Blood“ wurde ab Staffel 4 deutlich schwächer, Staffel 3 war aber noch wirklich grandios, was zum Großteil dem von Denis O’Hare gespielten Russel Edgington zu verdanken ist. Der gute Russel balanciert auf einem sehr schmalen Grat, er ist unterhaltsam und witzig, aber gleichzeitig bedrohlich und gefährlich, ohne dass das eine das andere aufheben würde. O’Hare gelingt es, den uralten Vampir glaubwürdig und charismatisch darzustellen, und ihm zu allem Überfluss auch noch einen Hauch Tragik zu verleihen, denn man merkt, dass ihm der Verlust seines geliebten Talbot wirklich und aufrichtig zu Herzen geht. Und wer könnte jemals die geniale Fernsehansprache vergessen.

6. Amanda Waller (C. C. H. Pounder) aus „Justice League Unlimited“

Amanda Waller ist so ganz anders als die typischen Superschurkinnen mit Modelfiguren und hautengem Spandex: Sie ist keine gute Kämpferin und übergewichtig, aber trotzdem eine, wenn nicht gar die, gefährlichste Frau des DC-Universums – und dazu noch eine ziemlich komplexe und interessante Figur, gerade in „Justice League Unlimited“. Dort fürchtet sie die wachsende Macht der Justice League, eine Angst, die durchaus berechtigt ist, denn in einem Paralleluniversum machten sich die Mitglieder der Justice League zu den Justice Lords und errichteten eine Diktatur. Waller will die Menschheit vor übermächtigen Superwesen beschützen, diese Aufgabe verfolgt sie allerdings völlig rücksichtslos: Der Zweck heiligt fast jedes Mittel.

5. Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio) aus „Daredevil“
Achtung! Das Video stammt aus dem Finale der ersten Staffel von „Daredevil“ und enthält Spoiler.

Ich habe Wilson Fisk, den Kingspin (auch wenn dieser Spitznamen in der ersten Staffel von „Daredevil“ nie benutzt wird) ja bereits ausführlich gelobt. Vincent D’Onofrio spielt Fisk als außergewöhnlich vielschichtigen Widersacher des Titelhelden, als Gangsterboss mit Vision, auf der einen Seite brutal und geplagt von seinem Temperament, auf der anderen Seite schüchtern und unsicher; ein Schurke, von dem ich definitiv mehr sehen will. Glücklicherweise ist Staffel 2 bereits in der Mache.

4. Demona (Marina Sirtis) aus „Gargoyles“

Disneys „Gargoyles“ hat eine ausgezeichnete Schurkenriege, von David Xanatos über Thailog und MacBeth bis hin zu Fox und Oberon, aber Demona ist ohne Zweifel die Krönung. Goliaths ehemalige Geliebte ist ganz ähnlich konzipiert wie Magneto: Aufgrund ihrer tragischen Vergangenheit hat sie gelernt, Menschen zu hassen, mehr als einmal versucht sie, die gesamte Menschheit auszulöschen, wobei ihr der Manhatten-Clan natürlich stets einen Strich durch die Rechnung macht. Tief in ihrem Inneren ist Demona allerdings ein zutiefst einsames Wesen, das sich nach einer verlorenen Liebe sehnt und sich konsequent selbst belügt. Tragisch, getrieben, und wunderbar gesprochen von Marina Sirtis – die perfekte Schurkin für eine der besten Zeichentrickserien.

3. Darkseid (Michael Ironside) aus „Superman: The Animated Series“

Darkseid ist der große Böse des DC-Universums und die (inoffizielle) Vorlage für Thanos (der nette Herr, der in der Mid-Credits-Szene der beiden Avengers-Filme kurz auftaucht). Zwar wurde er schon einige Mal dargestellt, unter anderem in „Smallville“ und dem einen oder anderen Zeichentrickfilm, aber bislang hat mich nur eine Interpretation des finsteren Gottes wirklich zufrieden gestellt: Die von Michael Ironside aus „Superman: The Animated Series“ und den restlichen DCAU-Serien. Allein mit seiner Stimme schafft es Ironside, die Essenz der Figur perfekt einzufangen. Darkseid spricht fast immer ruhig, gelassen und mit absoluter Selbstsicherheit, er ist sich der Tatsache, dass er eines er mächtigsten Wesen des Universums ist, absolut bewusst. Umso furchterregender wird es dann, wenn er einmal wirklich die Stimme erhebt. Darüber hinaus ist er (zumindest im Rahmen des DCAU) der Schurke, der Superman am nachhaltigsten unter die Haut geht, indem er ihm eine Gehirnwäsche verpasst und ihn dazu zwingt, die Erde anzugreifen. Darkseid ist der einzige Schurke, bei dem sich Superman nicht zurückhält und den er tot sehen möchte.

2. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) aus „Hannibal“

Da gibt es keine Diskussion: Kultivierte Kannibalen geben einfach grandiose Schurken ab. In Bezug auf Hannibal Lecter stellt sich natürlich oft die Frage: Anthony Hopkins oder Mads Mikkelsen? Diese Frage beantworte ich mit einer Gegenfrage: Warum sollte ich mich entscheiden? Mads Mikkelsen Interpretation der Figur ist anders als die von Hopkins, ruhiger, subtiler, aber deswegen keinesfalls weniger gelungen oder fesselnd. Die Serien-Version von Hannibal Lecter ist extrem beherrscht und sehr auf Kontrolle bedacht, spielt jedoch trotzdem (oder gerade deshalb) hervorragend mit allen Menschen, die ihn umgeben.

1. Tywin Lannister (Charles Dance) aus „Game of Thrones“

Ob Tywin Lannister überhaupt ein Schurke ist, ist freileich diskutabel; Charles Dance sieht ihn jedenfalls nicht als solchen, aber immerhin gehört er zu den Figuren, die einem bösen Masterminde in „Game of Thrones“ am nächsten kommen. Joffrey mag ein sadistisches Arschloch sein, aber es ist Lord Tywin, von dem die Gefahr ausgeht, er ist stets die eigentliche Macht hinter dem Eisernen Thron. Ich muss ja zugeben, als ich Tywin in der Serie zum ersten Mal sah, war ich doch ein wenig enttäuscht, denn in den Romanen hat er mit Glatze und Backenbart eine so markante Erscheinung. Schnell stellte ich allerdings fest, dass man für Lord Tywin keinen besseren Schauspieler als Charles Dance hätte finden können. Von den Unterschieden bei Kopf- und Gesichtsbehaarung einmal abgesehen bringt Dance die Figur nämlich perfekt auf den Punkt und hat genau die richtige Ausstrahlung. Schon sein Blick allein reicht, um andere verstummen zu lassen und wenn er spricht, hört man zu. Charles Dance als Lord von Casterly Rock kommandiert eine Präsenz, wie man sie nur selten findet, und das selbst dann noch, wenn Tywin auf dem Klo sitzt.

Filme

10. Frollo (Tony Jay) aus „Der Glöckner von Notre Dame“

Disney-Schurken sind so eine Sache für sich: Sie sind selten vielschichtig, aber doch sehr oft äußerst einprägsam, weil sie auf so glorreiche Weise schurkisch sind und bei vielen von uns die Kindheit dominiert haben. Richter Frollo, gesprochen vom leider verstorbenen, aber grandiosen Tony Jay, ist zwar ebenfalls unheimlich markant, unterscheidet sich aber von vielen anderen Disney-Schurken dadurch, dass er seine Taten tatsächlich zu rechtfertigen versucht, während Dschafar oder Hades sich einfach in ihrer Bosheit suhlen und sich Malefiz sogar zur „Mistress of all evil“ erklärt. Frollo ist für einen Disney-Schurken beängstigend realistisch, denn er besitzt keinerlei magische Kräfte, zettelt dafür aber ein Pogrom an, plant einen Genozid und wird von fleischlicher Lust angetrieben. Hach ja, die magische Welt von Disney…

9. Dracula (Gary Oldman) aus „Bram Stoker’s Dracula“

Über die Jahrzehnte hinweg wurde Dracula bereits von vielen großen (und auch vielen weniger großen) Darstellern verkörpert, von Bela Lugosi über Christopher Lee, Klaus Kinski, Luke Evans, bis hin zu Frank Langella und Jonathan Rhys Meyers, aber meine Lieblingsversion ist eindeutig die von Gary Oldman verkörperte aus „Bram Stoker’s Dracula“. Anders als die meisten Inkarnationen, die vorher kamen, ist Oldmans Graf ein tragisches Monster, aber im Unterschied zur Luke-Evans-Version ist trotzdem nicht völlig heroisiert, sondern tatsächlich eine Bestie. Dass die Figur so funktioniert, ist vor allem Gary Oldmans Wandlungsfähigkeit zu verdanken, der sowohl als tragischer Liebhaber als auch als bösartig lachender Vampirfürst überzeugt. Nebenbei, dieser Dracula hat wohl mit Abstand die meisten unterschiedlichen Erscheinungsformen; alter Mann, junger Mann, Werwolf, Nebel, Fledermausmonster…

8. Hans Landa (Christoph Waltz) aus „Inglourious Basterds“

Landa ist die Rolle, die Christoph Waltz international bekannt gemacht hat und ein Oscar ist auch dabei herausgesprungen – völlig zurecht, denn Hans Landa ist ein grandioser Schurke, der die gängigen Filmnazi-Klischees widerlegt und am Ende sogar die Seiten wechselt (aus reinem Opportunismus, versteht sich). Bis dahin ist er aber rechtschaffen gemein und grausam, deduziert als finstere Version von Sherlock Holmes und macht seine Feinde in vier verschiedenen Sprachen nieder.

7. Loki (Tom Hiddleston) aus „Thor“, „The Avengers“ und „Thor: The Dark World“

Ich mochte Loki als Schurke in der nordischen Mythologie und im Marvel-Universum schon vor dem MCU, was Tom Hiddleston aus der Figur macht, ist allerdings noch einmal eine Klasse für sich. Lange war Loki der mit Abstand beste und beliebteste MCU-Schurke (jedenfalls, bis Wilson Fisk sich zeigte), und das aus gutem Grund. Loki ist nicht nur durchtrieben, seine Handlungen sind auch nachvollziehbar, und darüber hinaus ist er noch so unheimlich unterhaltsam. Hinzu kommt, dass er sich über die Filme konstant weiterentwickelt und bei jedem neuen Auftritt an einem völlig anderen Punkt steht. Ironischerweise gewinnt er in dem Film, in dem er nicht der Hauptschurke ist.

6. Pinhead (Doug Bradley) aus „Hellraiser 1-8“
Achtung, das Video könnte religiöse Gefühle verletzen und ist recht eklig!

Im Horrorfilmbereich gibt es diverse Filmreihen, die jeweils von ihrem Schurken definiert werden und deren Sequels von Film zu Film immer schlechter werden. Freddy Kruger, Michael Myers, Jason Vorhees und Jigsaw sind nur einige davon, aber einer steckt sie meiner Meinung nach alle in die Tasche: Pinhead, der nagelgespickte Priester der Hölle. Obwohl er das Element ist, das alle Hellraiser-Filme zusammenhält, fungiert er dabei nicht einmal per se immer als Schurke – genau genommen tut er das nur in den Teilen 3 und 4. Gerade das macht Pinhead so interessant, wobei Doug Bradley und das ikonische Design ihren Teil ebenfalls beitragen. Über Pinhead habe ich mich bereits sehr ausführlich geäußert.

5. Magneto (Ian McKellen, Michael Fassbender) aus „X-Men 1-3“, „X-Men: First Class“ und „X-Men: Days of Future Past“

Magneto ist nicht nur einer der bekanntesten Comicschurken, sondern auch, wenn er angemessen umgesetzt wird, einer der nachvollziehbarsten: Seine Eltern wurden während des Holocaust getötet, er selbst überlebte, kam aber zu dem Schluss, dass es den Mutanten irgendwann ähnlich ergehen wird wie den Juden im Dritten Reich, weshalb er eine Vormachtsstellung für die Seinen anstrebt. Sowohl Michael Fassbender als auch Ian McKellen spielen den Meister des Magnetismus so grandios und einnehmend, dass ich mich beileibe nicht für einen der beiden entscheiden kann. Egal ob jung oder alt, Magneto ist ein grandioser Schurke.

4. Lord Voldemort (Ralph Fiennes) aus „Harry Potter 4-7.2“

Als literarische Figur hat mich Lord Voldemort von Anfang an fasziniert, was Rowling in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ dann aber letztendlich aus ihm gemacht hat, fand ich äußerst unbefriedigend. Aus diesem Grund hat Ralph Fiennes Lord Voldemort im Grunde für mich gerettet, denn er gehört zu den Schauspielern, die dafür sorgen, dass auch die schwächsten Dialogzeilen noch funktionieren. Bereits nach der Sichtung von „Harry Potter und der Feuerkelch“ war ich von Fiennes‘ Dunklem Lord begeistert, „Der Orden des Phönix“ hat noch eine Schippe draufgelegt, aber richtig brillant wurde es erst mit den beiden Teilen von „Die Heiligtümer des Todes“: Im ersten sehen wir einen Voldemort auf dem Höhepunkt seiner Macht, im zweiten einen Voldemort, der durch die Zerstörung seiner Horkruxe immer wahnsinniger wird – und beides stellt Fiennes blendend dar. Er schafft es gar, allein durch sein Spiel, Voldemort noch eine tragische Seite abzugewinnen, wo er im Roman nur noch eine flache Parodie seiner selbst war. Hut ab!

3. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) aus „Das Schweigen der Lämmer“, „Hannibal“ und „Roter Drache“

Die andere Version des kultivierten Kannibalen, anders, aber nicht minder gelungen. Für Anthony Hopkins‘ Hannibal Lecter ist seine Zelle (und später Florenz) eine Bühne, er genießt es, seine Gegenspieler psychologisch fertig zu machen und ihnen seine Überlegenheit unter die Nase zu reiben. Anthony Hopkins war es, der die Figur des kannibalischen Psychiaters zur Ikone gemacht hat.

2. Darth Sidious (Ian McDiamird) aus „Star Wars Episode VI und I-III”

In den meisten Schurkenhitlisten ist es Darth Vader, der Star Wars vertritt, doch letztendlich ist er „nur“ ein Handlanger, der eigentliche Vertreter des Bösen in George Lucas‘ Weltraumoper ist der Imperator. Interessanterweise gehört er auch zu den wenigen Figuren, die von den Prequels tatsächlich profitiert haben. War er in „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ vor allem ein relativ typischer böser Overlord, der in erster Linie in seinem Sessel saß, Befehle gab, böse lachte und am Ende Blitz schleuderte, so gewinnt er in den Prequels an Facetten, wir sehen ihn als Charismatiker, politischen Ränkeschmied und Puppenspieler, der galaktische Regierungen zu seinen Marionetten macht und Anakin Skywalker gekonnt zur Dunklen Seite der Macht verführt. Er ist der wahre Dunkle Lord der Sith, und aus diesem Grund benutze ich, wenn ich über ihn spreche oder schreibe, auch seinen Sith-Namen, da „Darth Sidious“den Kern seines Wesens besser trifft als „Palpatine“.

1. Der Joker (Jack Nicholson, Mark Hamill und Heath Ledger) aus „Batman“, „Batman: Mask of the Phantasm“ und „The Dark Knight“

Okay, hier habe ich geschummelt, denn ich liebe alle drei Inkarnationen von Batmans Erzfeind. Streng genommen ist die Mark-Hamill-Version auch kein Film-, sondern ein Serienschurke, aber da er auch in dem Kinofilm „Batman: Mask of the Phantasm“ auftauchte (und ich andernfalls auf Harley Quinn verzichten müsste), wird auch dieser Joker hier integriert. Während sowohl die Jack-Nicholson- als auch die Heath-Ledger-Version – der Todeskünstler und der nihilistische Terrorist – genau auf ihren jeweiligen Film perfekt zugeschnitten sind, ist der Hamill-Joker die genaueste Verkörperung der Comicfigur, die mühelos zwischen dem harmlosen Spaßmacher der 60er und dem mörderischen Psychopathen der Moderne hin- und herwechseln kann und praktisch immer funktioniert. Wenn ich Comics mit dem Joker lese, stelle ich mir dabei Mark Hamills Stimme vor. Nichts desto trotz, alle drei sind wirklich grandiose Schurken, die ihrer Version von Batman jeweils das Leben zur Hölle machen.

Django Unchained

Django_Unchained_Poster
Story: Der deutsche Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) ist zur Ergreifung von Kriminellen auf die Mithilfe des Sklaven Django (Jamie Foxx) angewiesen, den er kurzerhand auf höchst eigenwillige Art kauft und anschließend befreit. Nachdem die beiden die besagten Verbrecher zur Strecke gebracht haben, beschließen sie, auch weiterhin als Duo tätig zu sein mit dem endgültigen Ziel, Djangos Frau Broomhilda (Kerry Washington) aus den Händen des sadistischen Plantagenbesitzers Calvin Candie (Leonardo DiCaprio). Dies erweist sich jedoch als schwierig, vor allem wegen Candies gerissenem Haussklaven Stephen (Samuel L. Jackson)…

Kritik: Nachdem sich Quentin Tarantino mit dem düstersten Kapitel der deutschen Geschichte beschäftigt hat, wendet er sich mit „Django Unchained“ nun dem düstersten Kapitel der amerikanischen Geschichte zu: Der Sklaverei. Und da er ein großer Fan des Spaghetti-Western-Genres ist, hat er das Ganze als solchen inszeniert (zugegebenermaßen ließen sich auch in „Inglorious Basterds“ gewisse Tendenzen in diese Richtung feststellen).
Rein strukturell lassen sich allerdings eher Parallelen zu „From Dusk Till Dawn“ (für diesen Film von Robert Rodriguez hat Tarantino das Drehbuch geschrieben) denn zu „Inglorious Basterds“ ziehen. Wie „From Dusk Till Dawn“ lässt sich auch „Django Unchained“ in zwei Hälften teilen, die ziemlich unterschiedlich sind: Die erste Hälfte gleicht einem Buddy-Movie mit Jango und Schultz als humorigem Kopfgeldjägerduo, das Gewaltausmaß hält sich (verhältnismäßig) in Grenzen, während vor allem der Humor im Vordergrund steht. Die zweite Hälfte (bzw. das letzte Drittel) ist dann eher ein ziemlich harter Rachfilm, in dem das Blut ordentlich spritzt.
Und auch sonst gibt es, trotz Christoph Waltz und Samuel L. Jackson, viele weitere Unterschiede zu den „Basterds“: „Django“ ist sehr viel weniger als Kammerspiel inszeniert, weitaus geradliniger und simpler als die meisten anderen Tarantinos und alles in allem sehr viel lockerer und humorvoller, speziell natürlich in der ersten Hälfte. Dennoch wird eindeutig nichts beschönigt und die Sklaverei wird als das gezeigt, was sie ist: Ein Gräuel sondergleichen. Zwar ist amerikanische Geschichte, speziell diese Epoche, nicht gerade mein Fachgebiet, aber dennoch wirkte auf mich alles recht authentisch. Tarantino wandelt hier auf einem schmalen Grad: Er zeigt die Gräuel, aber niemals mit erhobenem Zeigefinger, und bleibt dennoch seinem Stil treu (unvergleichlich beispielsweise der Auftritt des Proto-Ku-Klux-Klan).
Schauspielerisch wird einiges geboten. Jamie Foxx in der Titelrolle ist vor allem stoisch und cool, die eigentlichen Zugpferde des Ensembles sind jedoch Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio und Samuel L. Jackson. Dass Tarantino Waltz nicht noch einmal als Schurken gecastet hat (wie es in fast jedem anderen Film der Fall war, in dem Waltz seit 2009 mitspielte), ist eindeutig positiv zu bewerten. Obwohl es ein paar Gemeinsamkeiten zwischen Hand Landa und King Schultz gibt, ist Schultz doch nie einfach nur ein Abziehbild, sondern eine fast ebenso gelungene Figur mit ihrem ganz eigenen Charme. Waltz ist dieses Mal der Lehrmeister des Helden, seine Figur macht allerdings eine ganz eigene Wandlung durch und ist äußerst vielschichtig.
Leonardo DiCaprio, der ursprünglich Landa hätte spielen sollen, bevor Tarantino sich für Waltz entschied, hat nun endlich die Gelegenheit, den Fiesling in einem Tarantino-Streifen zu spielen, was er genüsslich und zur großen Freude der Zuschauer tut. Interessant ist dabei auch die Rollenumkehrung zwischen ihm Samuel L. Jacksons Stephen (eine großartige, kauzige und unheimlich lustige Performance). Denn Stephen ist es, der den Plan von Django und Schultz durchschaut und er fungiert auch im letzten Drittel des Films als eigentlicher Schurke.
Fazit: Gelungener „Southern“ mit brillanten schauspielerischen Leistungen, der Tarantinos Meisterwerk „Inglorious Basterds“ allerdings nicht ganz das Wasser reichen kann. Dennoch, vollste Empfehlung!

Trailer

Siehe auch:
Inglorious Basterds
Sin City

Inglourious Basterds

Story: Es war einmal…im von den Nazis besetzten Frankreich. Wir schreiben das Jahr 1941. SS-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz), genannt der Judenjäger, ist auf Pirsch und schafft es in einer beispiellosen Aktion, die jüdische Familie Dreyfus aufzuspüren und zu exekutieren. Nur ihre Tochter Shosanna (Melanie Laurent) überlebt und kann fliehen.
Drei Jahre später schickt der amerikanische Secret Service eine jüdisch-amerikanische Spezialeinheit ins Naziterritorium, die so genannten „Basterds“, die einen äußerst grausam Guerilla-Feldzug gegen die germanischen Usurpatoren führen und vor allem dafür bekannt sind, die Skalps ihrer Opfer zu entfernen. Nicht von Ungefähr nennt man ihren Anführer auch „Aldo, the Apache“ (Brad Pitt).
Mithilfe dieser Basterds soll nun, mit Unterstützung der Briten und der deutschen Doppelagentin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) ein tollkühner Anschlag auf die Nazigrößen ausgeübt werden, bei dem ein Kino im Mittelpunkt steht, das der rachedurstigen Shosanna Dreyfus gehört. Allerdings hat Hans Landa bereits die Witterung aufgenommen… 

Kritik: „Inglorious Basterds“ ist der einzige Film, in dem ich 2009 zwei Mal im Kino war, und das allein will schon etwas heißen. Bei einem derart außergewöhnlichen Film weiß man gar nicht recht, wo man mit dem Lob anfangen soll.
Schon allein das Konzept „Tarantino plus Nazis“ ist hochinteressant, immerhin ist Quentin Tarantino ja grundsätzlich bekannt für Filme der etwas anderen Art. Zugegeben, mit dieser Art komme ich nicht immer gut klar. So hatten Filme wie „Reservoir Dogs“, „Pulp Fiction“ und „Kill Bill“ doch deutliche Längen, vor allem begründet durch die berüchtigten „Tarantino-Dialoge“. So interessant diese auch sein mochten, in den oben genannten Filmen führten sie bei mir früher oder später zu Ermüdungserscheinungen.
Ganz anders als beim aktuellen Tarantino Streifen. Zwar gibt es auch bei den „Basterds“ diese Art von Gespräch, aber hier sind die Dialoge so messerscharf, treffend und genial, dass kein einziges Mal auch nur der Hauch von Langeweile bei mir aufkam.
Die oben beschrieben Handlung des Films ist natürlich, wie bei Tarantino üblich, eher zweitrangig. Wie bei allen Filmen dieses Regisseurs kommt es auf die Figuren und Szenen an, was dazu führt, dass der Film manchmal fast einem Kammerspiel gleicht, und ein solches Kammerspiel steht und fällt natürlich mit den Schauspielern. Und da hat Tarantino, mit ein paar Ausnahmen, voll ins Schwarze getroffen. Allein schon das Vorhaben, nach Nationalität zu besetzen, ist erfrischend, aber natürlich extrem passend, und diese Vielsprachigkeit macht einen der ganz großen Pluspunkte des Films aus. Daher gibt es auch Glanzleistungen aus drei Ländern, bzw. Sprachregionen. Auf Seite der Amerikaner (bzw. der Englischsprachigen) sticht vor allem Brad Pitt mit seinem herrlichen Tennesee-Akzent hervor. Einmal mehr beweist er seine Wandlungsfähigkeit und zeigt, dass er nicht nur als Vampir oder antiker Held eine gute Figur macht.
Auch Melanie Laurent spielt für die französische Seite absolut überzeugend auf dem Schmalen Grat zwischen Trotz, Rachedurst und Verletzlichkeit.
Aber die beste Leistung des Films gibt es ohne Zweifel auf deutscher Seite. Zwar ist Diane Kruger eher enttäuschend, und auch Till Schweigers Spiel ist nicht gerade oscarreif (obwohl er seinen Zweck recht gut erfüllt), aber der deutsche Rest, etwa August Diehl als Gestapo-Offizier oder Daniel Brühl als Frederick Zoller, macht sich wirklich glänzend. Am hervorstechendsten ist allerdings die Leistung von Christoph Waltz, der als eloquenter, sadistischer, bösartiger und genialer Oberst Hans Landa alle anderen viersprachig gnadenlos an die Wand spielt. Mit der Figur des Landa haben sich Tarantino und Waltz ohne Zweifel selbst übertroffen.
Fazit: Dank genialer Schauspielleistungen, interessanter Musikauswahl und messerscharfer, vor Anspielungen an das deutsche und internationale Kino nur so strotzender Dialoge einer der besten Filme des Jahres 2009, wenn nicht gar der beste. Und ohne Zweifel der großartigste Tarantinostreifen.

Trailer

Siehe auch:
Django Unchained
Sin City
Er ist wieder da