Die Geschichte des amerikanischen Comics Teil 6: Das Moderne Zeitalter

Wir schreiben das Jahr 1986: Die Publikation dreier Werke veränderte die amerikanische Comiclandschaft und hatte sehr weitreichende Folgen auf allen Ebenen, nicht nur für den „gehobenen Comic“, den diese Werke gewissermaßen lancierten, sondern auch für den (Superhelden-)Mainstream. Jeder, der sich auch nur oberflächlich mit dem amerikanischen Comic beschäftigt, stolpert irgendwann über Alan Moores und Dave Gibbons‘ „Watchmen“, den einzigen Comic auf der „All-Time 100 Greatest Novels List“ des Time-Magazine, Frank Millers „The Dark Knight Returns“, dessen Einfluss auch noch heute in allem, was mit Batman zu tun hat, spürbar ist, und Art Spiegelmans „Maus“, das als eine der besten künstlerischen Verarbeitungen des Holocaust gilt. Der Fokus auf das Jahr 1986 ist in diesem Kontext natürlich ebenso Teil einer nicht ganz korrekten Narrative wie der Innovationsfaktor. Alle drei erschienen nicht 1986 als komplett romanartige Werke, sondern wurden ganz traditionell als Fortsetzungen veröffentlicht, „The Dark Knight Returns“ und „Watchmen“ in Form der typischen Superheldenhefte, während Maus bereits seit 1980 auf den Seiten des Magazins Raw erschien; 1986 wurde lediglich die erste Hälfte des Comics gesammelt veröffentlicht.

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„Maus“ von Art Spiegelman

Wie alle historischen Wendepunkte ist also auch dieser mit Vorsicht zu genießen, bei der Geschichtsschreibung des amerikanischen Comics funktioniert er dennoch recht gut. Bereits das Bronzene Zeitalter zeichnete sich eher durch Tendenzen und Entwicklungen denn durch einen klaren Start- und Endpunkt aus. Im sogenannten „Modernen Zeitalter“ (auch gerne als „Dunkles Zeitalter“ bezeichnet), das endgültig mit der Edelmetallmetapher bricht (weshalb manch einer den Begriff „Eisernes Zeitalter“ vorzieht), verschwimmen die Grenzen noch weiter. Einige Comichistoriker vertreten die These, dass das Moderne Zeitalter immer noch anhält, während andere schon vom „Postmodernen Zeitalter“ sprechen. Ein möglicher Endpunkt des Modernen Zeitalters wäre beispielsweise der Beinahe-Bankrott des Marvel-Verlages 1998.

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„Watchmen“ von Alan Moore und Dave Gibbons

Kehren wir aber noch einmal zum Anfang dieses Zeitalters ins Jahr 1986 zurück. „The Dark Knight Returns“, „Watchmen“ und „Maus“ gelten zwar als Vorreiter des aktuellen Graphic-Novel-Trends, waren aber bei Weitem nicht die ersten Comics, die als solche bezeichnet wurden, die beiden erstgenannten waren nicht einmal die ersten Superheldencomics mit diesem Label, und auch nicht die ersten Superheldencomics mit ernstzunehmender Thematik, komplexer Narrative oder dekonstruierenden Elementen. Dennoch repräsentieren sie den Trend der Ära hervorragend und, noch wichtiger, sie brachten ihn in den Mainstream. Die autobiographischen Elemente von „Maus“ waren im Underground-Bereich bereits seit Jahren vorhanden, Spiegelman brachte sie in den Mainstream. Ähnliches lässt sich für Moore und Miller sagen: Sie sorgten dafür, dass gewisse Entwicklungen nicht nur ihren Höhepunkt erreichten, sondern auch außerhalb der spezifischen Leserschaft sichtbar wurden.

Wie schon das Bronzene Zeitalter ist auch das Moderne Zeitalter von Diversität geprägt. So fanden zum ersten Mal größere Stilmischungen statt. Es fanden, auch, aber nicht nur Dank „Maus“, Elemente der Underground-Comix ihren Weg in den Mainstream, mitunter auf recht ungewöhnliche Weise. Seit Carl Barks sich 1966 zur Ruhe gesetzt hatte, wurden in den USA kaum mehr Disney-Comics produziert, anders als in diversen europäischen und südamerikanischen Ländern. 1987 trat jedoch Don Rosa auf den Plan, der von vielen, mir eingeschlossen, als legitimer Erbe von Barks betrachtet wird und einerseits Duck-Geschichten in der Tradition des Großmeisters schrieb und zeichnete, andererseits aber seinen ganz eigenen Stil und eine sehr spezielle, z.T. schon fast anarchische Sensibilität mitbrachte, beides zumindest indirekt geprägt von den amerikanischen Underground-Comix.

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Panel aus Don Rosas „The Life and Times of Scrooge McDuck“

Darüber hinaus wurden in zunehmendem Maße inhaltliche, erzählerische und stilistische Elemente der anderen beiden großen Comictraditionen in die amerikanische integriert. Auch diesbezüglich ist Frank Miller ein Vorreiter, seine Graphic Novel „Ronin“, bereits 1983/84 erschienen, gilt als einer der ersten amerikanischen Comics, der sich gezielt spezifischer narrativer und graphischer Elemente des französischen „Bande Dessineé“ und des japanischen Mangas bedient.

Eng damit und dem Erfolg von „Watchmen“ verbunden war, was gerne als „Brit Invasion“ bezeichnet wird: Viele junge Autoren, die wie Alan Moore aus Großbritannien stammen, etwa Grant Morrison, Neil Gaiman oder Warren Ellis, begannen, Ende der 80er und Anfang der 90er wegen ihrer qualitativ hochwertigen und beliebten Arbeit populär zu werden; so populär, dass DC sich 1993 dazu entschloss, das Label Vertigo zu gründen, das sich auf anspruchsvollere Comics für Erwachsene wie sie Moore, Morrison und Gaiman erzählten, spezialisierte.

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„The Dark Knight Returns“ von Frank Miller

Allerdings ist das moderne Zeitalter auch durch weniger positive Entwicklungen gekennzeichnet: Die desillusionierten und gebrochenen Helden aus „Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“ wurden im Mainstream in den folgenden Jahren nachgeahmt, allerdings ohne dass die Qualität der Werke von Moore oder Miller erreicht wurde; der grimmige, zynische, gebrochene und brutale Antiheld wurde zum Selbstzweck, anstatt, wie bei Miller und Moore, das Genre zu hinterfragen und zu dekonstruieren – darum auch der alternative Name „Dunkles Zeitalter“. Beispiele hierfür sind etwa Marvels „X-Force“, ein Ableger der X-Men, oder so gut wie jede Publikation des neu gegründeten Image-Verlages. Dies führte wiederum zu einer Gegenreaktion in Form von „Kingdom Come“, verfasst von Mark Waid und illustriert von Alex Ross, das sich gezielt mit diesem „Antiheldentum“ und einer Rückbesinnung auf alte Werte auseinandersetzte.

Eine weitere negative Entwicklung hängt kaum mit dem Inhalt, sondern fast ausschließlich mit dem Verkauf zusammen. Nicht nur wurde der Markt stärker spezialisiert, (Comics verschwanden aus den Regalen der Zeitschriftenhändler, während spezialisierte Comicshops zum zentralen Verkaufsort wurden), man entdeckte den Comic als Sammelobjekt. Hefte, in denen populäre Helden wie Superman, Batman oder Spider-Man ihr Debüt feierten, wurden für gewaltige Summen verkauft. Die Verlage erkannten das Potential und versuchten gezielt durch Variant-Cover, limitierte Editionen und ähnliche Maßnahmen, Sammlerobjekte zu generieren. Schon bald tauchten Sammler auf, die Comics nicht mehr sammelten, weil sie sie gerne lasen, sondern nur, um sie wegen ihres Sammlerwertes in Plastik eingeschweißt zu lagern und später für viel Geld weiterzuverkaufen. Mehr noch, wenn von einer Ausgabe vier Variant-Cover erschienen, legte man sich natürlich alle vier zu, und eventuell ein fünftes, falls man vorhatte, das Heft auch tatsächlich einmal zu lesen. Das führte letztendlich zu erhöhter Nachfrage (jeder Sammler wollte eine komplette Sammlung), gefolgt von Überproduktion und schließlich einer Übersättigung des Marktes. Jeder hatte die Comics, keiner wollte sie mehr und plötzlich brachen Ende der 90er die Verkäufe ein, was dazu führte, dass viele Kleinverlage die Publikation einstellten und selbst die Branchenriesen gewaltige Probleme bekamen (ich erwähnte bereits Marvels Beinahe-Bankrott von 1998).

Da das Moderne Zeitalter noch nicht wirklich beendet ist, lässt sich hierzu auch kaum etwas Abschließendes sagen. Von Interesse ist noch das Ende des Comic Codes, der bereits im Brozenen Zeitalter aufweichte. Marvel verzichtete bereits 2001 auf das entsprechende Siegel, und mit  DC und Archie Comics folgten 2011 auch die letzten beiden Verlage diesem Beispiel. Insgesamt ist die amerikanische Comicszene des Modernen Zeitalters stärker denn je von Pluralismus gekennzeichnet. Dank der „Graphic-Novel“, Labels wie Vertigo oder Verlagen wie Dark Horse, die sich auf „Creator Owned Content“ konzentrieren, genießt das Medium allgemein wachsende Anerkennung sowie eine sich steigernde Vielfalt an Inhalten und Möglichkeiten. Derweil geht das einstmals überdominante Superheldengenre dazu über, das Kino zu übernehmen, jährlich werden immer mehr auf Comics basierende Filme über kostümierte Vigilanten veröffentlicht, die auch immer erfolgreicher werden. Im Bereich der Superheldencomics herrscht dagegen eher Stagnation, alljährliche Großevents, Reboots und Retcons dominieren das Genre in weitaus stärkerem Umfang als irgendeine erzählerische oder inhaltliche Tendenz.

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter
Teil 3: Das Goldene Zeitalter
Teil 4: Das Silberne Zeitalter
Teil 5: Das Bronzene Zeitalter

Geschichte des amerikanischen Comics Teil 3: Das Goldene Zeitalter

Sowohl über Anfang als auch Ende des Goldenen Zeitalters der amerikanischen Comics ist man sich gemeinhin einig, da sowohl Anfang als auch Ende von einer bestimmten Publikation bestimmt werden, die die amerikanische Comiclandschaft jeweils sehr nachhaltig veränderte.

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Action Comics #1

Den Anfang des Goldenen Zeitalters markiert das Erscheinen der ersten Ausgabe von Action Comics im Jahr 1938, die den ersten Auftritt von Superman enthielt. Der Begriff „Goldenes Zeitalter“ wurde für diese Zeit gewählt, weil die Superheldencomics ihre erste Blüte erlebten und die Autoren und Zeichner noch sehr wenige kreative Einschränkungen hatten. Darüber hinaus waren die Verkaufszahlen der Comics in Amerika nie wieder so hoch wie in dieser Zeit.

Dieses Ereignis hat natürlich vor allem für die Superhelden eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, immerhin ist Superman die erste Figur dieser Gattung, sofern man „Protosuperhelden“ wie Zorro oder The Shadow nicht berücksichtigt. Die Bedeutung für den amerikanischen Comic im Allgemeinen sollte allerdings ebenfalls berücksichtigt werden. Superman und die Superhelden sorgten dafür, dass sich das Comicheft endgültig als erfolgreiche Unterhaltungsform in den USA etablieren konnte.

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Detective Comics #27

Superman erwies sich als durchschlagender Erfolg, dem viele weitere, ähnlich konstruierte Figuren folgten. Bereits 1939 feierte Batman in der 27. Ausgabe von Detective Comics seinen Einstand, und bald darauf kamen Wonder Woman, The Flash oder Captain America, die auch heute noch nach wie vor extrem beliebt sind. Die erste Hälfte der 40er Jahre kann getrost als Höhepunkt des Goldenen Zeitalters betrachtet werden, zumindest, was die kostümierten Helden betrifft, denn in dieser Krisenzeit kam ihnen vor allem eine propagandistische Rolle zu – sowohl Captain America als auch Superman kämpften mehrfach gegen Hitler oder andere Gegner der USA. Superhelden spielten eine wichtige Rolle in der Propaganda der Vereinigten Staaten – das Cover der ersten Captain-America-Ausgabe, auf dem er Hitler niederschlägt, hat inzwischen Kultstatus und wurde sogar auf humoristische Weise in die Filmadaption von 2011 eingearbeitet.

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Captain America #1

Zu dieser Zeit formte sich auch das erste Superheldenteam, die Justice Society of America, die der Verlag All-American (der sich später in DC umbenennen sollte) nutzte, um einigen seiner weniger bekannten Charaktere mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Zu den Mitgliedern der Society gehörten unter anderem The Flash, The Spectre, Green Lantern, Hawkman oder Doctor Fate. Auch Marvel existierte bereits, trug allerdings noch den Namen Timely Comics und verlegte neben Captain America Helden wie Namor den Submariner und The Human Torch (nicht mit dem gleichnamigen Mitglied der Fantastic Four zu verwechseln).

Obwohl die Superhelden das meiste Geld einbrachten, wäre es falsch anzunehmen, dass sie die einzigen Comiccharaktere waren. In der Tat zeichnet sich das Goldene Zeitalter durch eine Vielzahl weiterer Genres aus. Auch Genrevertreter aus Bereichen wie Horror, Romanze oder Krimi erlebten große Erfolge, vor allem, als der Superheldenboom nach Kriegsende langsam nachließ, was anderen Genres zum Erfolg verhalf. Die wachsende Beliebtheit von Horror- und Krimicomics begünstigte den Aufstieg des Verlags EC (zuerst „Educational Comics“, später „Entertaining Comics“). Ursprünglich hatte EC vor allem Bildungscomics herausgegeben, konzentrierte sich aber nach dem Tod des Verlagsgründers auf Horror, Science Fiction, Krimis – eine der bekanntesten Serien ist „Tales from the Crypt“. EC-Comics zeichneten sich ab diesem Zeitpunkt vor allem durch eine explizite Gewaltdarstellung aus. Die meisten Titel und Figuren dieser Zeit (mit Ausnahme der Superhelden) sind inzwischen allerdings relativ obskur und blieben kaum im Gedächtnis.

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Carl Barks, Vater der Ducks

Die Figuren, deren Bekanntheit heute noch am größten ist, sind die in der Tradition der Funny-Animal-Comics stehenden Disney-Charaktere wie Donald oder Dagobert Duck (Scrooge McDuck), die in den 40ern, 50ern und 60ern ebenfalls sehr populär waren, nicht zuletzt dank der Geschichten von Carl Barks, der fast alle wichtigen Figuren aus Entenhausen (Duckburgh) erschuf. In den USA sind diese Charaktere aber vor allem als Cartoon-Figuren bekannt, während die Comics von Barks dort nur noch wenige Anhänger haben und neue Disney-Comics selten produziert werden. In Europa dagegen waren Donald Duck und Micky Maus vor allem als Comicfiguren populär, weshalb die meisten Disney-Comics inzwischen in Italien entstehen. Aber auch in Deutschland und Skandinavien sind die Enten nach wie vor unheimlich beliebt; Carl Barks‘ Comics zählen dort zu Klassikern, die im Rahmen von verschiedenen Heft- und Albenserien immer wieder neu aufgelegt werden.

Das Goldene Zeitalter endete schließlich 1954 mit der Publikation eines Buches mit dem Titel „Seduction of the Innocent“, das einen beinahe ebenso großen Einfluss auf den amerikanischen Comic hatte wie der erste Auftritt von Superman, allerdings in negativer Hinsicht. Das von Dr. Frederic Wertham, dem Direktor der psychiatrischen Lafargue-Klinik in New York verfasste Werk stellt einen massiven Einschnitt auf allen Ebenen dar. Mit diesem Buch versuchte Wertham die steigende Jugendkriminalität zu erklären und machte kurzerhand die Comics dafür verantwortlich. Wertham behauptete, Comics seien „an invitation to illiteracy“ und stimulierten „unwholesome fantasies“. Darüber hinaus machte er Comics für alles Mögliche verantwortlich, etwa drogenabhängige Kinder oder Jugendkriminalität und postulierte, neben vielen weiteren derartigen Vorwürfen, Superhelden würden eine faschistische Ästhetik vertreten. Werthams Thesen gelten inzwischen als unsinnig, absurd und überholt; bereits mehrere Jahre vor der Publikation von „Seduction of the Innocent“ wurden Werthams Methoden von einigen seiner Kollegen als unwissenschaftlich bewertet.

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Siegel der Comics Code Authority

Die Wirkung des Werkes war enorm und löste eine Hetze gegen Comichefte aus, die perfekt zur Kommunistenjagd der McCarthy-Ära passte. Es kam sogar zu öffentlichen Comicverbrennungen, und als Reaktion richteten die Verlage mit der „Comics Code Authority“ eine Instanz zur Selbstzensur ein. Dies hatte wiederum zur Folge, dass sämtliche Elemente, die als anstößig empfunden wurden, etwa Sex, übermäßige Gewalt, das Infragestellen der Autorität etc., aus den Comics entfernt wurden. Zwar war der Comics Code theoretisch freiwillig, jedoch war ein Mainstream-Comic ohne das Siegel der Comics Code Authority praktisch nicht verkäuflich – für einen Verlag wie EC bedeutete das das Todesurteil. Auch für viele Superhelden bedeutete der Comic Code das Aus, lediglich Superman, Batman und Wonder Woman verkauften sich noch. Die Vorgaben des Comics Code verhinderten fast jegliche kreative Entfaltung und jede Umsetzung einer anspruchsvollen Geschichte im Medium und warfen seine Entwicklung um Jahrzehnte zurück.

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter

Geschichte des amerikanischen Comics Teil 1: Definition des Mediums

Der Comic ist ein Medium, das mich seit meiner frühesten Kindheit beschäftigt – schon mein Vater sammelte Comics, ich war also seit ich denken kann von ihnen umgeben, sie waren für mich von Anfang an eine gleichwertige Unterhaltungsalternative zu Roman, Film und Fernsehen und übten stets eine besondere Anziehung auf mich aus. Umso mehr missfiel mir die Wahrnehmung, bei Comics handle es sich bestenfalls um leichte Unterhaltung für Kinder und schlimmstenfalls um Schund. Wie in den letzten vierzig bis fünfzig Jahren (und auch schon davor) ausgiebig bewiesen wurde, kann mit dem Medium „Comic“ jedwede denkbar Art von Geschichte erzählt werden, egal ob anspruchsvoll, unterhaltsam oder gar beides zusammen. Gleichzeitig freut es mich stets, wenn ich feststelle, dass das Medium immer mehr Anerkennung gewinnt und sich beispielsweise selbst in renommierten Tages- und Wochenzeitungen Besprechungen und Artikel zum Thema in einer Form finden, die vor ein bis zwei Jahrzehnten so noch nicht denkbar gewesen wären. Wie dem auch sei, im Laufe meiner studentischen Laufbahn habe ich es erfreulicherweise geschafft, mich mit meiner Passion auch im Rahmen meines Studiums ein wenig zu beschäftigen und eine Hausarbeit darüber zu schreiben. Die neue Artikelreihe, die ich hiermit starte, basiert auf besagter Hausarbeit und setzt sich mit der Geschichte des amerikanischen Comics auseinander.

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Seite aus einem Carl-Barks-Comic mit ziemlich traditioneller Panelanordnung

Zuerst müssen allerdings noch ein paar grundsätzliche Dinge geklärt werden, zum Beispiel die Definition des Begriffs „Comic“. Auf den ersten Blick glaubt man die Frage „Was sind Comics?“ leicht beantworten zu können – dennoch widmen die meisten Fachpublikationen dieser Frage wenigstens ein Unterkapitel; eine genaue Definition des Mediums ist somit nicht ganz so leicht wie es scheint und von Werk zu Werk unterscheiden sich diese Definitionen. Prinzipiell handelt es sich bei Comics um eine Verbindung von Text und Bild, und mitunter werden bereits Höhlenmalereien, Wandgemälde aus dem alten Ägypten oder die Emblematik der frühen Neuzeit in die Tradition der Comics gesetzt. Diese Deutung ist allerdings ziemlich umstritten und wird oft als Versuch gewertet, dem Medium mehr Bedeutung zu verleihen und eine bessere „Ahnenreihe“ zu geben, um sich gegen eine abfällige Behandlung zu wappnen. In diesem Zusammenhang entstand auch das von Will Eisner geprägte Verständnis des Comics als „sequentielle Kunst“, als Medium, das durch eine Bildstrecke Geschichten erzählt. Dieses Verständnis hilft u.a. dabei, den Comic von eng verwandten Medien wie der Karikatur oder dem Einbildwitz, die ganz gerne ebenfalls als Comics bezeichnet werden (und im ursprünglichen Sinn des Wortes durchaus auch als solche betrachten werden können), abzugrenzen.

Der Begriff „Comic“ selbst leitet sich von „comical“ ab und geht auf die lustigen, gezeichneten Zeitungsbeilagen zurück, das Wort wurde im Verlauf des frühen 20. Jahrhunderts, als Comics in der Tat noch fast ausschließlich humoristisch waren, zum Oberbegriff für Bildergeschichten mit Sprechblasen und ist dies auch heute noch, was durchaus eine gewisse Problematik mit sich bringt, da Comics schon lange nicht mehr ausschließlich komische Inhalte haben, im Gegenteil. In diesem Zusammenhang beispielsweise ist der französische Begriff, „Bande Dessinée“ (gezeichneter Bildstreifen), weniger problematisch, da er neutraler ist. Schon seit langem versuchen sowohl Comicschaffende und Verlage als auch Leser, Kritiker und Wissenschaftler diesen Namen, der einen humoristischen Inhalt impliziert, zu umgehen. Am populärsten wurde die Ersatzbezeichnung „Graphic Novel“, die zugleich einen anspruchsvolleren Inhalt suggerieren soll und die definitiv eine separate Besprechung verdient.

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„A Contract with God“ verzichtet oft auf eine klassische Panelstrucktur

Die fundamentale Grundlage des Mediums ist der „comic strip“, eine miteinander verbundene Sequenz von Bildern, die jede Länge haben kann, von einem einzelnen Bild (gemeinhin als Panel bezeichnet) bis hin zu tausenden. Ebenso unterscheidet sich die Publikation, vom kurzen Zeitungsstrip über das typische Comicheft bis hin zur Buchform. Hier existieren zumeist bestimmte Konventionen, oft, aber nicht immer sind die Panels durch einen weißen Steg getrennt; in diesem „Zwischenraum“ findet die „Verbindungsarbeit“ des Lesers statt, der im Geist die Lücke zwischen den beiden Panels schließt. Oftmals bedienen sich die Panels bei der Darstellung der Methoden des Kinos, etwa durch die Verwendung der dort üblichen Einstellungen wie Totale, Halbtotale, Panorama etc. Ein Beispiel für einen Bruch mit den typischen Panel-Konventionen findet sich in „A Contract with God“. Will Eisner, Autor und Zeichner in Personalunion, verzichtete ganz bewusst auf weiße Stege und klassische Panelstrukturen, um sein Werk vom „typischen“ Comic abzuheben.

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„Prinz Eisenherz“ kommt gänzlich ohne Sprechblasen aus

Darüber hinaus handelt es sich beim Comic um eine Union von Text und Bild, das Medium ist in der Lage, beides zu einem einheitlichen, zusammengehörenden Werk zu verbinden. Gewöhnlich gibt es drei Arten von Text im Comic: Erzähltext, Dialoge und Lautmalereien. Die Dialoge werden zumeist, aber nicht immer, in Sprechblasen vermittelt. Hal Foster verwendete in „Prince Valiant“ („Prinz Eisenherz“) keine Sprechblasen, sodass der Text nicht wirklich ins Bild integriert ist – aus diesem Grund ist der Status der Serie als Comic auch umstritten. Das Weglassen von Sprechblasen kann auch als spezielles Stilmittel fungieren. In „Arkham Asylum: A Serious House on a Serious Earth“ (geschrieben von Grant Morrison und gezeichnet von Dave McKean) etwa wird die Besonderheit des Jokers u.a. dadurch hervorgehoben, dass sein Dialog nicht in Sprechblasen präsentiert wird, sondern in roter Schrift, die nur durch einen Strich mit der Figur verbunden ist. Der Bruch mit den Regeln und Konventionen des Mediums wird vor allem im Bereich der anspruchsvollen Comics gerne als Ausdrucksmittel verwendet.

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Der Mangel an Sprechblasen hebt die Andersartigkeit des Jokers hervor

Nach dieser grundsätzlichen Definition ist nun noch ein kurzer Blick auf die verschiedenen Comictraditionen nötig. Während die meisten Länder in der einen oder anderen Form eine literarische Tradition besitzen, verhält sich dies bei Comics aus mehreren Gründen (etwa, weil das Medium noch verhältnismäßig jung ist) anders. Obwohl es in vielen Ländern Comics gibt, findet man weltweit nur drei wirklich umfassende Comictraditionen: Die (anglo-)amerikanische, die franko-belgische und die japanische. Alle drei entwickelten sich verhältnismäßig isoliert voneinander und begannen auch erst spät, sich gegenseitig zu beeinflussen. Das Medium selbst stammt ursprünglich aus den USA und die amerikanische Comictradition ist diejenige, in der ich mich mit Abstand am besten auskenne. Das bedeutet nicht, dass ich die anderen beiden in irgendeiner Form für minderwertig halten würde. Allerdings ist es aufgrund der relativ isolierten Entwicklung nur schwer möglich, im Rahmen dieser Artikelreihe alles unter einen Hut zu bekommen (und im Manga-Bereich kenne ich mich ohnehin nicht genug aus), deshalb behandle ich lediglich die Geschichte der amerikanischen Comics.

Literaturempfehlungen:
– Ditschke, Stephan; Kroucheva, Katerina; Stein, Daniel (Hg.): Comics. Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums
– Frahm, Ole: Die Sprache des Comics
– McCloud, Scott: Comics richtig lesen
– Packard, Stephan: Anatomie des Comics. Psychosemitotische Medienanalyse
– Schikowski, Klaus: Der Comic. Geschichte, Stile, Künstler
– Schüwer, Martin: Wie Comics erzählen. Grundrisse einer intermedialen Erzähltheorie der grafischen Literatur

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 2: Das Platinzeitalter
Teil 3: Das Goldene Zeitalter