Geschichte des amerikanischen Comics Teil 4: Das Silberne Zeitalter

Auf das Goldene Zeitalter der Comics folgte das Silberne, welches primär von den Auswirkungen des Comics Code geprägt war, der die Comicschaffenden massiv eingrenzte und die Verwendung einer erwachsenen oder ernstzunehmenden Thematik verhinderte.

flashallan
Der erste Auftritt von Barry Allen als Flash in Showcase # 22

Generell gilt das Jahr 1956 als Startpunkt des Silbernen Zeitalters. Nachdem die meisten Helden des DC-Verlages (mit Ausnahme von Batman, Superman und Wonder Woman) nach Kriegsende in der Bedeutungslosigkeit versanken, begann man, diese Helden in der zweiten Hälfte der 50er zu revitalisieren und zu erneuern – mit großem Erfolg. Dabei nahm man sich zumeist den Namen und das grobe Konzept des ursprünglichen Helden und verhalf ihm zu einer neuen bürgerlichen Identität und Hintergrundgeschichte. Flash, während der 40er ein Mann namens Jay Garrick, der hartes Wasser inhalierte, dadurch die Fähigkeit bekam, schneller als jeder andere Mensch zu rennen und anschließend mit einem an Hermes erinnernden Flügelhelm das Verbrechen bekämpfte, wurde 1956 der erste einer Reihe von revitalisierten Altheroen. Der neue Flash trug den Namen Barry Allen, bekam seine Superkräfte durch einen Laborunfall und trug einen roten Ganzkörperanzug. Sowohl der Name als auch der Anzug werden heute noch primär mit Flash assoziiert. Es folgten weitere Helden wie Green Lantern oder The Atom.

justiceleague
The Brave and the Bold #28 mit dem ersten Auftritt der Justice League of America

DC hatte mit dieser Vorgehensweise Erfolg und so kam es, wie es kommen musste: Ähnlich wie in den 40ern vereinten sich auch die neuen Helden und kämpften gemeinsam als Justice League of America, die ihr Debüt in der 28. Ausgabe von The Brave and the Bold aus dem Jahr 1960 feierte. Ursprünglich bestand sie aus Wonder Woman, Flash, Green Lantern, Aquaman und Martian Manhunter, bald stießen Batman und Superman dazu und im Verlauf ihrer langen, wechselhaften Geschichte kamen und gingen viele weitere Mitglieder.

Der Erfolg der Justice League inspirierte den ursprünglich als Timely Comics bekanntem Marvel-Verlag, der in den 40ern mit Captain America erfolgreich war, es ebenfalls noch einmal mit Superhelden zu versuchen, und es waren die Marvel-Helden, die dafür sorgten dass sich der neue Trend fortsetzte und sich der Superheldencomic weiterentwickelte. Der Hauptverantwortliche dafür war Stan Lee (eigentlich Stanley Lieber), Autor und Redakteur von Marvel, der in den 60ern, mit wechselnden Zeichnern wie Jack Kirby oder Steve Ditko, praktisch im Alleingang den Grundstein für den Erfolg des Marvel-Verlags legte, in dem er Figuren wie die Fantastic Four (1961), Spider-Man (1962), Thor (1962) die X-Men (1963) oder Daredevil (1964) erfand und einige Helden aus dem Goldenen Zeitalter, u.a. Captain America und den Sub-Mariner, revitalisierte.

avengers 1
Avengers # 1 aus dem Jahr 1963

Mit den Avengers, ursprünglich bestehend aus Iron Man, dem Hulk, Thor, Ant-Man und Wasp, erschuf er dann 1963 ein Gegenstück zu DCs Justice League. Die Marvel-Helden zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass sie menschlicher und für den Leser greifbarer waren, neben übermenschlichen Problemen wie Superschurken oder Alieninvasionen mussten sie auch mit ganz menschlichen Problemen wie Mietschulden oder Liebeskummer kämpfen. Das bekannteste Beispiel für diese Heldenkonzeption ist Spider-Man: Zu Beginn seiner Karriere ist er noch ein Teenager, der versucht, Superheldentum und das Teenagerleben unter einen Hut zu bekommen. Diese Entwicklung sorgte dafür, dass die Comics von Marvel auch weit über die 60er-Jahre hinaus erfolgreich und beliebt blieben.

crumb
Selbstportrait von Robert Crumb im Underground-Stil

Parallel zur Entwicklung der Superhelden entstanden die Underground-Comix, deren Entstehen sich ebenfalls auf „Seduction of the Innocent“ zurückführen lässt. Im „Untergrund“ sammelte sich alles, was in den vom Comic Code geprüften Mainstream-Comics nicht mehr sein durfte. Obwohl das Satiremagazin „Mad“ und diverse in den 60ern billig gedruckte Fanzines dem Underground-Genre bereit den Weg bereitete, wurden Underground-Comix erst 1968 wirklich bedeutsam, als Robert Crumb seinen ersten Comic verkaufte. „ZAP Comix“, von Crumb selbst herausgegeben, enthielt im Grunde alles, was der Comics Code nicht erlaubte. Crumb selbst wurde zur Galleonsfigur einer neuen Tradition von Underground-Autoren und -Zeichnern, die sich mit Themen wie Sex, Drogen, Politik, Rassismus etc. auseinandersetzten und eine Gegenkultur zum „sauberen“ Mainstream bildeten.

spiderdeath
Gwen Stacys Tod: Ein harter Schlag für den menschlichsten Superhelden

Während der Anfang des Silbernen Zeitalters, bedingt durch „Seduction of the Innocent“ recht eindeutig ist, gibt es keinen definitiven Schlusspunkt, sondern mehrere Ereignisse, die das Ende einläuteten. Sehr gerne wird der Tod von Spider-Mans Freundin Gwen Stacy (1973) als Endpunkt benannt, andere Comichistoriker betrachten jedoch den Ruhestand von Mort Weisinger, des langjährigen Chefredakteurs von DC (1970), den Weggang Jack Kribys von Marvel (1971) oder das allgemeine „Aufweichen“ des Comic Code Anfang der 70er als Ende des Silbernen Zeitalters. Insgesamt zeichnet sich das Silberne Zeitalter durch Wiederbelebung der Superhelden aus, die dabei einerseits durch den Comic Code eingeschränkter waren und absurde Science-Fiction-Abenteuer erlebten, andererseits aber auch, ausgelöst durch die Marvel-Charaktere, menschlicher und nachvollziehbarer wurden. Gleichzeitig entstand eine Gegenkultur in Form der Underground-Comix, die es in dieser Form im Goldenen Zeitalter noch nicht gab, da sie wegen des Fehlens des Comic Codes schlicht nicht nötig war.

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter
Teil 3: Das Goldene Zeitalter

Geschichte des amerikanischen Comics Teil 3: Das Goldene Zeitalter

Sowohl über Anfang als auch Ende des Goldenen Zeitalters der amerikanischen Comics ist man sich gemeinhin einig, da sowohl Anfang als auch Ende von einer bestimmten Publikation bestimmt werden, die die amerikanische Comiclandschaft jeweils sehr nachhaltig veränderte.

action1
Action Comics #1

Den Anfang des Goldenen Zeitalters markiert das Erscheinen der ersten Ausgabe von Action Comics im Jahr 1938, die den ersten Auftritt von Superman enthielt. Der Begriff „Goldenes Zeitalter“ wurde für diese Zeit gewählt, weil die Superheldencomics ihre erste Blüte erlebten und die Autoren und Zeichner noch sehr wenige kreative Einschränkungen hatten. Darüber hinaus waren die Verkaufszahlen der Comics in Amerika nie wieder so hoch wie in dieser Zeit.

Dieses Ereignis hat natürlich vor allem für die Superhelden eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, immerhin ist Superman die erste Figur dieser Gattung, sofern man „Protosuperhelden“ wie Zorro oder The Shadow nicht berücksichtigt. Die Bedeutung für den amerikanischen Comic im Allgemeinen sollte allerdings ebenfalls berücksichtigt werden. Superman und die Superhelden sorgten dafür, dass sich das Comicheft endgültig als erfolgreiche Unterhaltungsform in den USA etablieren konnte.

detective27
Detective Comics #27

Superman erwies sich als durchschlagender Erfolg, dem viele weitere, ähnlich konstruierte Figuren folgten. Bereits 1939 feierte Batman in der 27. Ausgabe von Detective Comics seinen Einstand, und bald darauf kamen Wonder Woman, The Flash oder Captain America, die auch heute noch nach wie vor extrem beliebt sind. Die erste Hälfte der 40er Jahre kann getrost als Höhepunkt des Goldenen Zeitalters betrachtet werden, zumindest, was die kostümierten Helden betrifft, denn in dieser Krisenzeit kam ihnen vor allem eine propagandistische Rolle zu – sowohl Captain America als auch Superman kämpften mehrfach gegen Hitler oder andere Gegner der USA. Superhelden spielten eine wichtige Rolle in der Propaganda der Vereinigten Staaten – das Cover der ersten Captain-America-Ausgabe, auf dem er Hitler niederschlägt, hat inzwischen Kultstatus und wurde sogar auf humoristische Weise in die Filmadaption von 2011 eingearbeitet.

cap1
Captain America #1

Zu dieser Zeit formte sich auch das erste Superheldenteam, die Justice Society of America, die der Verlag All-American (der sich später in DC umbenennen sollte) nutzte, um einigen seiner weniger bekannten Charaktere mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Zu den Mitgliedern der Society gehörten unter anderem The Flash, The Spectre, Green Lantern, Hawkman oder Doctor Fate. Auch Marvel existierte bereits, trug allerdings noch den Namen Timely Comics und verlegte neben Captain America Helden wie Namor den Submariner und The Human Torch (nicht mit dem gleichnamigen Mitglied der Fantastic Four zu verwechseln).

Obwohl die Superhelden das meiste Geld einbrachten, wäre es falsch anzunehmen, dass sie die einzigen Comiccharaktere waren. In der Tat zeichnet sich das Goldene Zeitalter durch eine Vielzahl weiterer Genres aus. Auch Genrevertreter aus Bereichen wie Horror, Romanze oder Krimi erlebten große Erfolge, vor allem, als der Superheldenboom nach Kriegsende langsam nachließ, was anderen Genres zum Erfolg verhalf. Die wachsende Beliebtheit von Horror- und Krimicomics begünstigte den Aufstieg des Verlags EC (zuerst „Educational Comics“, später „Entertaining Comics“). Ursprünglich hatte EC vor allem Bildungscomics herausgegeben, konzentrierte sich aber nach dem Tod des Verlagsgründers auf Horror, Science Fiction, Krimis – eine der bekanntesten Serien ist „Tales from the Crypt“. EC-Comics zeichneten sich ab diesem Zeitpunkt vor allem durch eine explizite Gewaltdarstellung aus. Die meisten Titel und Figuren dieser Zeit (mit Ausnahme der Superhelden) sind inzwischen allerdings relativ obskur und blieben kaum im Gedächtnis.

carlbarks
Carl Barks, Vater der Ducks

Die Figuren, deren Bekanntheit heute noch am größten ist, sind die in der Tradition der Funny-Animal-Comics stehenden Disney-Charaktere wie Donald oder Dagobert Duck (Scrooge McDuck), die in den 40ern, 50ern und 60ern ebenfalls sehr populär waren, nicht zuletzt dank der Geschichten von Carl Barks, der fast alle wichtigen Figuren aus Entenhausen (Duckburgh) erschuf. In den USA sind diese Charaktere aber vor allem als Cartoon-Figuren bekannt, während die Comics von Barks dort nur noch wenige Anhänger haben und neue Disney-Comics selten produziert werden. In Europa dagegen waren Donald Duck und Micky Maus vor allem als Comicfiguren populär, weshalb die meisten Disney-Comics inzwischen in Italien entstehen. Aber auch in Deutschland und Skandinavien sind die Enten nach wie vor unheimlich beliebt; Carl Barks‘ Comics zählen dort zu Klassikern, die im Rahmen von verschiedenen Heft- und Albenserien immer wieder neu aufgelegt werden.

Das Goldene Zeitalter endete schließlich 1954 mit der Publikation eines Buches mit dem Titel „Seduction of the Innocent“, das einen beinahe ebenso großen Einfluss auf den amerikanischen Comic hatte wie der erste Auftritt von Superman, allerdings in negativer Hinsicht. Das von Dr. Frederic Wertham, dem Direktor der psychiatrischen Lafargue-Klinik in New York verfasste Werk stellt einen massiven Einschnitt auf allen Ebenen dar. Mit diesem Buch versuchte Wertham die steigende Jugendkriminalität zu erklären und machte kurzerhand die Comics dafür verantwortlich. Wertham behauptete, Comics seien „an invitation to illiteracy“ und stimulierten „unwholesome fantasies“. Darüber hinaus machte er Comics für alles Mögliche verantwortlich, etwa drogenabhängige Kinder oder Jugendkriminalität und postulierte, neben vielen weiteren derartigen Vorwürfen, Superhelden würden eine faschistische Ästhetik vertreten. Werthams Thesen gelten inzwischen als unsinnig, absurd und überholt; bereits mehrere Jahre vor der Publikation von „Seduction of the Innocent“ wurden Werthams Methoden von einigen seiner Kollegen als unwissenschaftlich bewertet.

comicscode
Siegel der Comics Code Authority

Die Wirkung des Werkes war enorm und löste eine Hetze gegen Comichefte aus, die perfekt zur Kommunistenjagd der McCarthy-Ära passte. Es kam sogar zu öffentlichen Comicverbrennungen, und als Reaktion richteten die Verlage mit der „Comics Code Authority“ eine Instanz zur Selbstzensur ein. Dies hatte wiederum zur Folge, dass sämtliche Elemente, die als anstößig empfunden wurden, etwa Sex, übermäßige Gewalt, das Infragestellen der Autorität etc., aus den Comics entfernt wurden. Zwar war der Comics Code theoretisch freiwillig, jedoch war ein Mainstream-Comic ohne das Siegel der Comics Code Authority praktisch nicht verkäuflich – für einen Verlag wie EC bedeutete das das Todesurteil. Auch für viele Superhelden bedeutete der Comic Code das Aus, lediglich Superman, Batman und Wonder Woman verkauften sich noch. Die Vorgaben des Comics Code verhinderten fast jegliche kreative Entfaltung und jede Umsetzung einer anspruchsvollen Geschichte im Medium und warfen seine Entwicklung um Jahrzehnte zurück.

Die Geschichte des amerikanischen Comics:
Teil 1: Definition des Mediums
Teil 2: Das Platinzeitalter

Captain America: Civil War – Soundtrack

A1I3uJ+DcUL._SY355_
Track Listing:

01. Siberian Overture
02. Lagos
03. Consequences
04. Ancestral Call
05. Zemo
06. The Tunnel
07. Celestial Bodies
08. Boot Up
09. New Recruit
10. Empowered
11. Standoff
12. Civil War
13. Larger Than Life
14. Catastrophe
15. Revealed
16. Making Amends
17. Fracture
18. Clash
19. Closure
20. Cap’s Promise
21. Adagio

Ich war absolut kein Fan von Henry Jackmans Musik für „Captain America: The Winter Soldier“, die vor allem zwei massive Schwächen hatte: Zum einen gab es keinerlei leitmotivische Kontinuität zum Rest des MCU und, noch viel schlimmer, der Score bestand bestenfalls (mit zwei, drei Ausnahmen), aus völlig stereotyper Remote-Control-Musik und schlimmstenfalls aus unhörbarem Elektronik-Gedröhne, das zumindest bei mir Ohrenbluten verursachte. Als Jackman dann in einem Interview zu Protokoll gab, dass der Track The Winter Soldier, das schlimmste Stück des Soundtrack-Albums zum gleichnamigen Film, einen guten Eindruck davon gebe, wie „Civil War“ klingen würde, habe ich schon alle Hoffnung begraben. Aber, siehe da, „Civil War“ ist die erste filmmusikalische Überraschung des Jahres. Sowohl die Industrial- als auch die Remote-Control-Elemente hat Jackman beim Komponieren massiv zurückgefahren und sich stattdessen eher an Brian Tylers und, primär, Alan Silvestris Stil orientiert, sodass „Civil War“ weitaus besser zum Rest des musikalischen MCU passt als „The Winter Soldier“. Einige eher unschöne Passagen mit dröhnendem elektronischem Sound-Design und dem infamen Horn of Doom gibt leider immer noch (zum Beispiel in der zweiten Hälfte von Lagos), aber insgesamt ist ein massiver Qualitätsanstieg spürbar.

Leitmotivische Kontinuität ist leider immer noch ein Knackpunkt. Es hätte mich wirklich extrem gefreut, hätte Jackman denselben Weg beschritten wie Brian Tyler, Danny Elfman und Christophe Beck, die in ihren jeweiligen MCU-Scores auch das Material anderer Komponisten verwendeten, aber dem ist, mit einer Ausnahme, leider nicht der Fall. Diese Ausnahme findet sich in Lagos bei 0:35, wo kurz und ziemlich subtil Alan Silvestris Avengers-Thema erklingt. Ansonsten bedient sich Jackman durchaus des Öfteren ähnlicher Stil- und Begleitfiguren wie seine Vorgänger, sodass es den Anschein hat, als würde gleich ein bekanntes Thema erklingen, dem ist aber leider nicht so. Lediglich seine eigenen Themen aus „The Winter Soldier“ greift Jackman wieder auf. Die beiden wichtigsten sind bereits in Siberian Overture zu hören, bei 1:48 ertönt der elektronische Schrei des Winter Soldier, und bereits kurz darauf baut sich Jackmans Captain-America-Motiv auf, dass hier (und im Rest des Scores) erfreulicherweise weit weniger klingt, als sei es aus Chris Nolans Dark-Knight-Trilogie entlaufen und bezüglich seiner Instrumentierung (optimistischer, mit mehr Blechbläsern und auch sehr viel heroischer) eher an Silvestris Themen für Cap und die Avengers erinnert. Beide Themen tauchen immer wieder im Score auf, das Cap-Thema entwickelt sich außerdem im Verlauf zu einem Motiv für Steve Rogers‘ Team – in Cap’s Promise etwa ist eine besonders triumphale Variation zu hören, die sich ab stetig 1:25 steigert, weitere tauchen in Standoff (direkt am Anfang) und Making Amends (ab 1:00) auf. Mehr von Buckys Schrei gibt es beispielsweise in Boot Up (1:46) und Fracture (2:08, sehr subtil). Der Anfang von Closure klingt darüber hinaus, als Versuche eine einsame Flöte, den Schrei aufzunehmen – steht das vielleicht für Buckys menschliche Seite?

Weitere neue Themen gibt es, aber sie sind recht schwer auszumachen. Jackman bedient sich einer eher motivischen Themenstruktur, die Leitmotive sind recht kurz, nicht allzu einprägsam und fließen relativ stark ineinander. Das tragisch anmutende Motiv, das u.a. in Stepping Up (1:25), Civil War (0:44), Catastrophe (1:42) und Cap’s Promise (2:21) erklingt, fungiert wohl als Thema für den Konflikt in der Superheldengemeinschaft, während das aufsteigende Dreinotenmotiv, das vage an Tylers Iron-Man-Thema erinnert (A New Recruit bei 1:34; Larger than Life, durchzieht das ganze Stück; Consequences, direkt am Anfang in melancholischer Variation), wohl auch für Tony Stark und sein Team steht. Darüber hinaus gibt es noch ein subtiles Motiv für Zemo, das an eine zurückhaltende, orchestrale Version des elektronischen Begleitrhythmus des Winter-Soldier-Themas aus Jackmans erstem Cap-Score erinnert (Zemo bei 0:45; Closure bei 0:50). Angeblich existieren darüber hinaus auch Motive für Spider-Man und Black Panther, die herauszuhören mir allerdings nicht wirklich gelungen ist – dazu müsste ich mir den Film nochmal ansehen.

Während die meisten der Suspense-Stücke der ersten Hälfte des Albums eher uninteressant sind und es immer mal wieder Ausbrüche von eher unschöner Remote-Control-Action gibt (das bereits erwähnte Lagos), zeichnet sich „Civil War“ vor allem durch einige wirklich gelungene Action-Set-Pieces aus. Schon The Tunnel weiß  wegen der gelungenen Verwendung von Caps Thema durchaus zu gefallen, während alles von Stepping Up bis Larger than Life den Albenhöhepunkt bildet, mit dem Titelstück Civil War als Herzstück des gesamten Scores – gerade hier zeigt Jackman, was er kann, wenn man ihn lässt; er lässt die Themen auf gelungene Weise miteinander interagieren und kanalisiert den heroischen Ton von Alan Silvestris Marvel-Musik, ohne sie einfach nur zu imitieren.

Fazit: Henry Jackmans „Captain America: Civil War“ ist kein Meisterwerk, aber eine gelungene Überraschung, ein solider Superhelden-Score, dem zwar die eingängigen Themen und thematische Kontinuität zum MCU fehlen, der dafür aber ein gelungenes Ausmaß an kompositorischer und leitmotivischer Intelligenz aufweist. Mein Favorit für die nächsten beiden Avenger-Scores wäre zwar nach wie vor Danny Elfman, aber sollten die Russos sich wieder für Jackman entscheiden, wäre das bei weitem keine so erschreckende Aussicht wie vor „Civil War“.

Siehe auch:
Captain America: Civil War

Captain America: Civil War

civilwar
Story: Nach einer folgenreichen Mission in Nigeria genießen die Avengers einen ziemlich schlechten Ruf, weshalb die Vereinten Nationen fordern, dass das Team von nun an vollständig unter ihre Kontrolle gestellt wird. Tony Stark (Robert Downey jr.), nach wie vor von Vergangenem und seinen Schuldgefühlen geplagt, unterstützt dieses Unterfangen, während Captain America (Chris Evans) die Initiative anzweifelt. Vielleicht hätten diese Probleme friedlich gelöst werden können, doch dann scheint es, als verübe der Winter Soldier (Sebastian Stan) einen weiteren Anschlag, der alles verkompliziert und zu einer Spaltung der Avengers führt: Die eine Hälfte des Teams stellt sich hinter Iron Man, die andere hinter Captain America. Derweil spinnt der mysteriöse Zemo (Daniel Brühl) Intrigen…

Kritik: Und da ist sie, die zweite große Superheldenprügelei des Jahres, die, soviel schon mal vorweg, weitaus besser gelungen ist als „Batman v Superman: Dawn of Justice“. Tatsächlich fühlt sich „Civil War“ an wie ein Film, nicht wie drei oder vier, die ineinandergeschnitten wurden.

Der zweite Captain-America-Film von Joe und Anthony Russo basiert sehr lose auf der gleichnamigen, von Mark Millar verfassten und Steven McNiven gezeichneten Miniserie, die zwischen Juli 2006 und Januar 2007 erschien – Captain America fungierte dort allerdings nicht als Titelheld. Dementsprechend hat die Verfilmung mit dem Comic auch nicht allzu viel zu tun, es wurden lediglich der Grundplot und ein paar Handlungselemente übernommen. Dazu gehört die staatliche Kontrolle der Superhelden sowie Captain America und Iron Man an der Spitze der beiden streitenden Parteien. Miriam Sharpe (Alfre Woodard), die trauernde Mutter, die Tony Stark die Schuld am Tod ihres Sohnes gibt, stammt ebenfalls aus der Vorlage. Und das war’s eigentlich auch schon, da die Ausgangslage im MCU eine völlig andere ist. Weder der Winter Soldier noch Zemo (die MCU-Version der Figur hat bis auf den Namen mit dem Comicgegenstück eigentlich nichts gemein) spielen bei Millar keine Rolle, tatsächlich fehlt im Comic ein traditioneller Schurke vollkommen. Dafür tauchen dort viele Figuren auf, die im MCU entweder noch nicht etabliert sind oder deren Rechte bei anderen Studios liegen, Reed Richards etwa ist ein wichtiger Unterstützer der Regierungsinitiative. Insgesamt ist die Vorlage weitaus grimmiger und düsterer als der Film. Erfreulicherweise schaffen es die Russo-Brüder und ihre Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely allerdings, viele Schwächen der Vorlage auszubügeln. Während die Grundprämisse von Millars Werk wirklich interessant ist, werden sowohl Steve Rogers als auch Tony Stark im Verlauf der Miniserie zu völlig verbohrten und sturen Arschlöchern, mit denen man einfach nicht mehr sympathisieren kann. Zum Beispiel erschaffen Tony und Reed einen Roboterklon von Thor, der unter Captain Americas Widerstandskämpfern aufräumen soll.

Die größte Stärke des Films ist, dass die Motivationen und Handlungen der beiden Parteien stets nachvollziehbar bleiben und man problemlos versteht, warum die wichtigen Figuren gerade so handeln, wie sie handeln (mit Ausnahme Hawkeyes vielleicht). Vor allem Tony Starks Handlungsbogen über den Film hinweg ist äußerst gelungen und erfreulicherweise meilenweit vom völlig rücksichtslos agierenden Tony der Vorlage entfernt. Ebenfalls sehr positiv ist die Art und Weise, mit der die Regisseure und Drehbuchautoren die offenen Fäden von „The Winter Soldier“ und „Age of Ultron“ miteinander verknüpfen. Das große Thema dieses Films sind Konsequenzen, Konsequenzen, die bis zum Anfang des MCU zurückgehen. Vor allem in der ersten Hälfte gelingt es den Russos, dieses Thema ansprechend umzusetzen. Ironischerweise fehlt „Civil War“ allerdings der konsequente Ausgang.

Insgesamt bemühen sich die Russos um einen schwierigen Drahtseilakt, sie versuchen die ernsteren Aspekte der Geschichte mit dem lockeren, selbstironischen Ton des MCU zu verknüpfen, was nicht immer ganz funktioniert – in „The Winter Soldier“ ist ihnen die diese Balance besser gelungen. Das hat zur Folge, dass diverse Einzelelemente, die für sich genommen sehr gut funktionieren, nicht immer miteinander harmonieren, vor allem in der zweiten Hälfte hätte dem Film ein wenig von der Grimmigkeit der Vorlage gut getan (wobei auch gesagt werden muss, dass Millar es diesbezüglich viel zu weit treibt) – gerade das Ende wirkt für meinen Geschmack zu versöhnlich, hier wäre ein besserer Mittelweg zwischen dem Ausgang des Films und dem des Comics wünschenswert gewesen. Der große Kampf der Fraktionen ist zwar unheimlich unterhaltsam, wirkt aber zu locker und lässt die nötige Intensität vermissen.

Wie nicht anders zu erwarten ist „Civil War“ eher ein Ensemble-Film denn ein wirklicher Captain-America-Streifen. Fast die jedes Mitglied der Avengers (mit Ausnahme von Thor und Hulk) taucht auf und wählt eine Seite. Der Comic-Fan freut sich darüber hinaus über diverse kleine Anspielungen. So verstehen sich beispielsweise Vision (Paul Bettany) und Wanda (Elizabeth Olsen) sehr gut – man ahnt, wo das hinführt. Mit General Ross (William Hurt) taucht darüber hinaus auch wieder eine Figur auf, die wir seit „Der unglaubliche Hulk“ nicht mehr gesehen haben.

Und dann wären da noch die Neuzugänge: Mit Spider-Man (Tom Holland) verhält es sich in meinen Augen ganz ähnlich wie mit Wonder Woman in „Dawn of Justice“: Ein Highlight, aber eines, das für die Geschichte eigentlich ziemlich überflüssig ist. Tatsächlich spielt Peter Parker in der Vorlage eine durchaus wichtige Rolle, aber eine völlig andere als im Film, weswegen sein Auftauchen hier nicht wirklich gerechtfertigt ist. T’Challa alias Black Panther (Chadwick Boseman), Prinz der fiktiven afrikanischen Nation Wakanda, dagegen hat wirklich einen eigenen, wenn auch kleinen, Handlungsstrang und ist für die Story von Bedeutung. Die meisten anderen neuen Figuren, etwa Martin Freeman als Everett Ross (der hoffentlich irgendwann auf Doctor Strange trifft) oder der von Daniel Brühl gespielte Helmut Zemo bleiben ziemlich blass – Letzterer besitzt allerdings durchaus Potential, das noch ausgeschöpft werden könnte.

Fazit: „Captain America: Civil War“ hätte das Potential gehabt, DER essentielle MCU-Film zu werden, ist jedoch leider „nur“ eine gute, aber nicht überragende Weiterführung der Avengers- und Captain-America-Handlungsstränge, unterhaltsam, actionreich, aber nicht konsequent genug.

Siehe auch:
Captain America: The Winter Soldier
Avengers: Age of Ultron
Ant-Man

Trailer

Marvel-Musik Teil 3: Marvel Cinematic Universe

Nachdem ich im letzten Artikel die drei Iron-Man-Filme separat behandelt habe, folgen nun die restlichen MCU-Filme, mit einer Ausnahme: „The Incredible Hulk“ werde ich außen vor lassen, allerding nicht, weil mir Greg Armstrongs Musik nicht gefallen würde, sondern weil ich mich kaum mit ihr beschäftigt habe und der Erwerb des Soundtrack-Albums ziemlich teuer wäre. Eines allerdings weiß ich: Von Armstrongs musikalischem Material findet sich in den anderen Filmen nichts.

Patrick Doyle

Im Vorfeld des ersten Thor-Films war ich der Meinung, dass Patrick Doyle sich ziemlich gut als Komponisten für den Donnergott eignen würde. Seine Musik für das Harry-Potter-Franchise hat mir, für sich betrachtet, ziemlich gut gefallen, im Kontext der Filme war sie mir allerdings zu opulent. Für Thor und die nordischen Götter dagegen kann es nicht opulent genug sein, da diese bekanntlich keine halben Sachen machen. Dummerweise hatten die Marvel-Studios allerdings etwas anderes im Sinn. Man kann wohl getrost davon ausgehen, dass Patrick Doyle sicher nicht die Musik für diesen Film geschrieben hätte, wäre er nicht Kenneth Branaghs Wahlkomponist. Allerdings verlangte das Studio einen moderneren Soundtrack, was im Klartext bedeutete, dass Doyle die Stilmittel von Hans Zimmers Remote-Control-Studio adaptieren musste. Ich hatte mich ja an anderer Stelle darüber ausgelassen, wie schade ich es finde, dass die moderne Filmmusik durch den Einsatz übermäßiger Elektronik, gleichförmiger Ostinati und Drumloops so vereinheitlicht wird. Das, was Patrick Doyle letztendlich abgeliefert hat, ist erfreulicherweise mehr als funktional, der Soundtrack zu „Thor“ ist sogar ziemlich gut gelungen, allerdings trotz und nicht wegen der RCP-Stilmittel. Das liegt vor allem daran, dass Doyle es geschafft hat, den emotionalen Kern des Films musikalisch darzustellen.
Je nachdem, wen man fragt, hat der Film entweder ein oder zwei Hauptthemen. Ich persönlich habe es meistens als ein Thema für den Titelhelden wahrgenommen, dass in zwei unterschiedlichen Ausprägungen vorhanden ist, aber andere Rezensenten identifizieren zwei Themen, das Thor-Thema und das Brüder-Thema, die dann allerdings ziemlich eng verwandt sind. Wie dem auch sei, auf jeden Fall erfüllet der leitmotivische Kern seine Aufgabe voll und ganz. Es gibt noch einige sekundäre Themen, etwa für Asgard und Odin, ein eigenes Thema für Loki fehlt allerdings.
Doyles Actionmusik ist leider nicht so imposant wie die von „Harry Potter und der Feuerkelch“, aber immerhin durchaus funktional. Am besten ist dieser Score allerdings in den emotionalen und leitmotivisch geprägten Szenen, etwa wenn der sterbliche Thor nach dem Hammer greift und sein Thema erklingt, das Hoffnung und Verzweiflung zugleich ausdrückt. Somit ist Doyles Soundtrack sehr gut gelungen, auch wenn ich nach wie vor der Meinung bin, dass er mit weniger RCP-Stilmitteln noch besser geworden wäre.

Alan Silvestri

Die Verpflichtung von Alan Silvestri war aus zwei Gründen äußerst erfreulich für mich. Zum einen wurde er nicht nur für „Captain America: The First Avenger“ verpflichtet, sondern auch gleich für „The Avengers“, womit immerhin ein minimales Ausmaß an Kontinuität entstand. Außerdem passt Silvestri seinen Stil erfreulicherweise nicht an modernes Blockbuster-Scoring an. Vor allem seine Musik zum ersten Captain-America-Film ist ein wunderbar altmodischer Abenteuer-Soundtrack, der perfekt zum Film und zur Figur passt. Gerade das Titelthema ist eingängig, markant und patriotisch (was für diese Figur ein Muss ist), wenn es nach mir ginge, hätte Silvestri es zwar noch ein wenig öfter verwendet, aber sei’s drum.
Für „The Avengers“ verwendete Silvestri schließlich eine leicht modernisierte Fassung des Captain-America-Sounds, die ebenfalls gut funktioniert. Leider bleibt Silvestris zweiter MCU-Soundtrack hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Old-School-Actionmusik ist sehr unterhaltsam, aber vor allem auf leitmotivischer Ebene könnte die Avengers-Musik besser sein. Das Tesserakt-Motiv und der Captain-America-Marsch werden weiterverwendet, allerdings in verhältnismäßig geringem Ausmaß. Hinzu kommen zwei neue Themen, eines für Black Widow und eines für die Avengers selbst. Letzteres ist natürlich auch das Hauptthema des Scores, und Silvestri baut in der ersten Hälfte vor allem auf, macht hier und dort ein paar Andeutungen, bevor es mehrmals vollständig während des Finale erklingt. Silvestri arbeitet gut mit ihm, aber leider ist das Thema selbst nur in Ordnung und ist um einiges schwächer als der Captain-America-Marsch oder das heroischen Thema aus „Die Mumie kehrt zurück“. Vor allem ist es schade, dass Silvestri keinem der anderen Helden außer Black Widow und Captain America ein Thema zugewiesen oder, noch besser, leitmotivisches Material aus den anderen Scores des MCU verwendet hat. Gerade Doyles Thor-Thema hätte sich sehr gut geeignet.
Dennoch bringt Silvestri ein wenig dringend benötigte Kontinuität ins Marvel Cinematic Universe, auch wenn seine Avengers-Musik hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Brian Tyler

Für den zweiten Thor-Film wollte Regisseur Alan Taylor ursprünglich Carter Burwell verpflichten, eine sowohl interessante als auch ungewöhnliche Wahl, da Burwell im Superheldenbereich bisher noch nichts komponiert hatte, auch wenn er 2012 bewies, dass er in der Lage ist, imposante Actionmusik zu schreiben (und das noch dazu ausgerechnet mit „Breaking Dawn Teil 2“). Allerdings kam es zwischen Burwell und Marvel zu kreativen Differenzen, weshalb ihn das Studio verhältnismäßig kurzfristig durch Brian Tyler ersetzte. Das ist nun alles andere als eine innovative Wahl, aber andererseits bewies Tyler ja bereits mit „Iron Man 3“, dass sein Stil gut ins Marvel-Universum passt. Auf diesem Score baut er auch weiter auf; für die Musik von „Thor: The Dark World“ gilt letztendlich dasselbe wie für „Iron Man 3“: Im Grunde handelt es sich um eine besser orchestrierte Version des Hans-Zimmer-Action-Sounds von früher, bevor er sich verstärkt dem Minimalismus zuwandte. Tylers zweiter Marvel-Score ist dem ersten sehr ähnlich, allerdings verzichtet er hier zum Großteil auf die elektronischen Elemente und erhöht stattdessen die Bombast-Zufuhr. Leider entschloss sich auch Tyler wieder, das leitmotivische Material seines Vorgängers zu ignorieren. Das Hauptthema dieses Films ist sowohl schwächer als Tylers Iron-Man-Thema als auch als Doyles Thor-Thema, welches eine emotionale und noble Komponente besaß, die hier fehlt. Tylers Thema ist letztendlich nicht schlecht, aber eben eine relativ stereotype, vom Chor dominierte Powerhymne. Dafür ist die Verknüpfung zu den anderen Themen dieses Films allerdings sehr gelungen, denn das Hauptthema fungiert sowohl als Thema für Thor als auch für Asgard. Wenn es Thors Handlungen untermalt, wird ihm noch eine Fanfare vorangestellt. Darüber hinaus sind auch die Themen von Odin und Loki eng mit dem Asgard-Thema verwandt und drücken so die Verbindungen zwischen den Figuren aus.
Für Leitmotiv-Fanatiker wie mich gibt es darüber hinaus noch ein kleines Easter-Egg: In der Szene, in der Loki Captain Americas Gestalt annimmt, zitiert Tyler kurz das dazu passende Thema von Silvestri (im Track An Unlikely Alliance). Das unterstreicht nicht nur den komödiantischen Effekt der Szene, sondern erfreut mich dazu noch ungemein, weil es noch ein bisschen mehr leitmotivische Kontinuität schafft.

Henry Jackman
Anmerkung: Da die Gema mal wieder übereifrig war, finden sich auf youtube keine Einzestücke aus Jackmans Score.
Als ich erfuhr, wer „Captain America: The Winter Soldier“ vertonen würde, war ich ziemlich enttäuscht, da ich gehofft hatte, dass Alan Silvestri ein weiteres Mal für Cap komponieren würde. Henry Jackman gehört zu den Hans-Zimmer-Schülern und hat sich bisher vor allem durch Musik für Animationsfilme hervorgetan, auch wenn er mit „X-Men: First Class“ schon Superheldenerfahrung sammeln konnte. Die First-Class-Musik war zwar nicht grandios, aber doch immerhin ziemlich unterhaltsam. Selbiges lässt sich leider nicht über den Score von „The Winter Soldier“ sagen, der sich zusammen mit Ramin Djawadis Iron-Man-Musik ganz unten in meiner Rangfolge der Marvel-Soundtracks befindet. Mit dieser Meinung stehe ich unter Filmmusikkritikern absolut nicht allein da, allerdings lässt sich bei Filmkritikern interessanterweise Gegenteiliges feststellen: Viele, die sonst nie oder zumindest selten etwas zur Musik schreiben, hoben Jackmans Score positiv hervor und behaupteten, er bringe frischen Wind in die Superheldenmusik, was ich absolut nicht nachvollziehen kann. Jackamns Musik ist bestenfalls anonyme Dutzendware und schlimmstenfalls geradezu unhörbar. Abermals verwirft Jackman das Thema des Vorgängerfilms, wobei dies hier nicht vollständig zutrifft: Silvestris Thema wird zu Beginn des Films einmal kurz eingespielt, dieser Einsatz findet sich aber nicht auf dem Album (immerhin, damit ist Captain America der einzige Marvel-Held, der ein Thema besitzt, das in jedem Film, in dem er in irgend einer Form vorkommt, auch wenigstens einmal gespielt wird).
Im Großen und Ganzen besteht dieser Soundtrack aus drei Bestandteilen: Typische RCP Actionmusik, die stark an Zimmers Dark-Knight-Trilogie erinnert (mit anderen Worten: Viel Wummern und Dröhnen), einige ruhigere und/oder heroische Momente, die wie eine verwässerte Version des Silvestri-Sounds klingen, und dazwischen einiges an völlig unhörbarem Schurkenmaterial. Gerade der Umgang mit der „Musik“ des titelgebenden Winter Soldier erinnert stark an das, was Zimmer für den Joker komponiert hat. Wie Zimmer hat Jackman die Winter-Soldier-Musik als Werbe-Gimmick verwendet, sie sei neu, experimentell und grandios. Der Track The Winter Soldier besteht in der Tat ausschließlich aus Jackmans Winter-Soldier-Material, das sich vor allem aus migräneerzeugendem Electro-Dubstep-Lärm zusammensetzt. Glücklicherweise kommt im Film selbst nur sehr wenig von diesem Material vor, die Auftritte des Winter Soldiers werden zumeist von etwas begleitet, das nach einem elektronisch verzerrten Greifvogelschrei klingt (und sich ebenfalls in besagtem Track befindet). Die Parallelen zur Joker-Musik sind überdeutlich, allerdings gibt es einen Unterschied: Zum Winter Soldier passt diese Herangehensweise in meinen Augen nicht. Da er im Gegensatz zum Joker ein tragischer Schurke ist, wäre ein melodischer Kern, der in die eine oder andere Richtung entwickelt werden kann, weitaus angebrachter, dieser ist aber nicht vorhanden. Jackmans Ersatz für das Silvestri-Thema ist vage heroisch, aber völlig anonym und unscheinbar, gerade in diesem Film fehlt eine markante Identität für den Titelhelden spürbar. Im Großen und Ganzen denke ich, dass die Regisseure Anthony und Joe Russo sich lieber an Silvestri hätten wenden sollen.

Fazit und Ausblick
Was dem MCU bislang fehlt ist ein wirklich grandioses Meisterwerk. Bislang gab es einige solide bis gute und einige ziemlich schwache Scores. Im Insgesamt würde ich die Marvel-Musik als guten Durchschnitt bewerten.
Die Komponisten der kommenden beiden Marvel-Filme sind bereits bekannt: Tyler Bates komponierte die Musik für „Guardians of the Galaxy“ (Kinostart ist am 28. August), während Brian Tyler als Komponist für „The Avengers: Age of Ultorn“ bestätigt wurde. Für die Guardians-of-the-Galaxy-Musik habe ich ehrlich gesagt keine großen Hoffnungen. Bates‘ Musik war bisher bestenfalls uninspiriert und langweilig und schlimmstenfalls plagiiert. Es würde mich freuen, wenn er für „Guardians of the Galaxy“ das große Meisterwerk komponieren würde, dass vielleicht in ihm steckt, ich bezweifle es allerdings stark. Brian Tylers Rückkehr ins Marvel-Universum begrüße ich dagegen sehr, einerseits, weil er wohl mit großer Wahrscheinlichkeit seine Themen für Iron Man und Thor wieder aufgreifen und andererseits vielleicht sogar Silvestris Themen für Cap und die Avengers verwendt – Ersteres hat er immerhin schon einmal benutzt. Vielleicht wird Tylers Vertonung von „Age of Ultron“ ja das thematische Großwerk, das mir in diesem Franchise bislang noch fehlt.

Siehe auch:
Marvel-Musik Teil 1: X-Men
Marvel-Musik Teil 2: Iron Man

Captain America: The Winter Soldier

Achtung, minimale Spoiler!
winter soldier
Story: Auch nach den Ereignissen in New York hat Steve Rogers, besser bekannt als Captain America (Chris Evans) noch Probleme damit, sich in der modernen Welt zurecht zu finden. Er erledigt nun, unter anderem zusammen mit Black Widow (Scarlett Johannson) Aufträge für SHIELD, allerdings werden Rogers‘ Überzeugungen schon bald auf die Probe gestellt, denn es erweist sich, dass SHIELD unterwandert wurde. Und nicht nur das: SHIELD-Direktor Nick Fury (Samuel L. Jackson) wird vom mysteriösen Winter Soldier (Sebastian Stan) angegriffen und scheinbar getötet, und SHIELD macht als Folge nun Jagd auf Steve Rogers. Somit muss sich Captain America nun mit der Hilfe von Black Widow und Falcon (Anthony Mackie) daran machen, diese Verschwörung aufzudecken…

Kritik: Von allen bisherigen Fortsetzungen der Marvel-Filme unterscheidet sich „Captain America: The Winter Soldier“ mit Abstand am stärksten vom ersten Solo-Abenteuer seines Titelhelden, und das in jeder Hinsicht. „Captain America: The First Avenger“ ist ein ziemlich amüsanter und leichtherziger Abenteuerfilm im Indiana-Jones-Stil, der zwar den Zweiten Weltkrieg als Setting hat, aber eindeutig keine Risiken eingeht. Bei „Captain America: The Winter Soldier“ ist die Lage praktisch genau andersherum: Dieser Film ist sehr aktuell und zeitgemäß, und über weite Strecken eher ein waschechter, wenn auch leicht futuristischer, Politthriller denn ein „wirklicher“ Superheldenfilm. Korrupte Bürokraten dürfen da ebenso wenig fehlen wie umfassende Verschwörungstheorien und aktuelle Bezüge. Captain America ist eben kein Hurrapatriot, der einfach alles gutheißt, was in Amerika geschieht, im Gegenteil. Die Frage, ob Sicherheit Freiheit ersetzt und ob man das einfach geschehen lassen darf, nach dem NSA-Skandal aktueller denn je, spielt auch hier eine große Rolle.
Dabei vergessen die Regisseure Anthony und Joe Russoa allerdings keinesfalls die persönliche Ebene des Titelhelden. Gerade die erste Hälfte ist relativ ruhig und nimmt sich Zeit, um den Gemütszustand von Steve Rogers, der sich nach wie vor als Außenseiter fühlt, zu erforschen, es kommt sogar zu einem Gastauftritt von Caps alter Flamme Peggy Carter (Hayley Atwell). Ganz allgemein ist erstaunlich, wie sehr sich „The Winter Soldier“, trotz der völlig anderen Atmosphäre und Thematik, auf den Vorgänger bezieht und Handlungsstränge weiterspinnt. Ohne allzu sehr zu spoilern: Die eigentliche Bedrohung des Films ist eine, mit der sich Captain America schon einmal auseinander gesetzt hat, nur hat sie sich über die Jahrzehnte enorm weiterentwickelt.
Die größte Schwäche des Films ist (neben dem Soundtrack, zu dem ich mich allerdings separat noch äußern werde), leider der Winter Soldier. Dafür, dass er im Titel (zumindest dem Originaltitel) genannt wird, bleibt er erstaunlich blass und unwichtig (die „Eindeutschung“ in „The Return of the First Avenger“ finde ich trotzdem nach wie vor dämlich). Alles, was mit ihm zu tun hat, ist eher ein Subplot und noch nicht einmal ein besonders großer; er kommt kaum vor und wir erfahren auch kaum etwas über ihn – lediglich das „Wer“, aber nicht das „Wie“ und „Warum“. Der eigentliche Schurke des Films ist ohnehin ein anderer, nämlich der von Robert Redford gespielte Alexander Pierce, dem es zwar leider ebenfalls an wirklicher Motivation fehlt, der aber dennoch eine sehr gute Figur macht und darüber hinaus auch ein sehr zeitgemäßer Schurke ist.
Die Action ist gut, aber nicht spektakulär, dafür aber erfreulicherweise sehr wohldosiert; sie wird niemals zum Selbstzweck. Auffällig ist, dass dies wohl mit Abstand der am wenigsten lustige und selbstironische Marvel-Film ist. Er ist zwar keinesfalls so humorbefreit und bierernst wie etwa „Man of Steel“, aber doch um einiges ernster als „Captain America: The First Avenger“ oder die anderen beiden Phase-2-Filme. In diesem Fall tut das dem Streifen allerdings gut. „The Winter Soldier“ zeigt sehr gut, warum das Marvel Cinematic Universe funktioniert und wie es auch am besten fortzuführen ist: Durch Genrevielfalt. „Captain America: The First Avenger“ war ein Weltkriegsabenteuerfilm, die beiden Thor-Streifen sind Science-Fantasy und mit „The Winter Soldier“ folgt nun ein Politthriller. Gerade auf „Guardians of the Galaxy“, das noch sehr viel stärker in die Sci-Fi-Richtung geht als „The Avengers“, bin ich deshalb ziemlich gespannt. Und im Film selbst fällt ja auch der Name eines gewissen Meistermagiers, der wohl in Phase 3 zu seinem ersten Leinwandauftritt kommt und sicher ebenfalls zur Vielfalt im Marvel-Universum beiträgt.
Fazit: Gelungene Fortführung des Marvel Cinematic Universe, die die Genrevielfalt erweitert und die Geschichte Captain Americas sinnvoll weiterspinnt. Bisher der beste Phase-2-Film, auch wenn ich „Thor: The Dark World“ unterhaltsamer fand.

Trailer

Siehe auch:
Captain America: The First Avenger
The Avengers