Avengers: Endgame – Ausführliche Rezension

Spoilers Assemble!
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Der Superheldenfilm hat es weit gebracht. Das Genre selbst ist inzwischen schon lange nicht mehr neu; jedes Jahr kommen mehr Filme dieser Kategorie ins Kino. Allerdings hat der Superheldenfilm im Verlauf der letzten eineinhalb Jahre noch einmal eine ordentliche Schippe in Bezug auf die Adaption des Vorlagenmediums draufgelegt. Dafür gibt es eine ganze Reihe an Beispielen, unter anderem hätten wir da „Aquaman“, der als erster Film des DCEU die alte Zurückhaltung aufgibt und sich hemmungslos in der Ästhetik der Vorlage aalt. Noch weiter treibt es „Spider-Man: Into the Spider-Verse“, der mehr noch als jeder andere animierte Film wie ein Comic in Bewegung wirkt. „Avengers: Endgame“ ist allerdings zweifelsohne in mehrfacher Hinsicht der bisherige Höhepunkt dieser Entwicklung und übertrifft diesbezüglich sogar „Avengers: Infinity War“. Qualitativ bleibt „Endgame“ ein wenig hinter dem Vorgänger zurück und hat das eine oder andere Problemchen, setzt allerdings auch deutlich andere Schwerpunkte und ist letztendlich ein mehr als gelungener Abschluss der ersten großen Saga des Marvel Cinematic Universe.

Handlung und Konzeption
Thanos‘ Fingerschnipser lässt die Helden völlig demoralisiert zurück. Nachdem Tony Stark (Robert Downey jr.) und Nebula (Karen Gillen) von Carol Danvers (Brie Larson) auf die Erde zurückgebracht wurden, machen sich die verbliebenen Avengers, bestehend aus diesem Trio, Steve Rogers (Chris Evans), Rocket (Bradley Cooper), Bruce Banner (Mark Ruffalo), Rhodey (Don Cheadle), Natasha Romanoff (Scarlett Johannson) und Thor (Chris Hemsworth) auf, um Thanos (Josh Brolin) ausfindig zu machen und die Infinity-Steine zu nutzen, um den Schnipser rückgängig zu machen. Zwar gelingt es ihnen, den Titanen zu finden und zu töten, doch dieser hat die Steine bereits verwendet, um sie zu zerstören. Fünf Jahre vergehen, in denen die Avengers versuchen, mit den Verlusten umzugehen – bis Scott Lang alias Ant-Man (Paul Rudd) unverhofft auftaucht. Scott befand sich während dieser fünf Jahre im Quantenraum und glaubt, die Lösung gefunden zu haben: Mit Hilfe des Quantenraumes ist es möglich, in der Zeit zurückzureisen. Die Avengers müssen wieder zusammenfinden, um die Infinity-Steinen aus der Vergangenheit zurückzubringen. Dies führt natürlich zu weiteren Komplikationen…

Sowohl „Infinity War“ als auch „Endgame“ sind massive Superheldenfilme, die die Erzählweise von großen Eventcomics in nie dagewesener Art und Weise auf die große Leinwand bringen. Dennoch sind beide Filme in Struktur und Narrative auch sehr unterschiedlich. Passend zum Namen ist „Infinity War“ deutlich kriegerischer und actionreicher und hat einen unglaublich gewaltigen Cast, der sich in diverse Kleingruppen teilt. Ironischerweise schaffen es die Russos dennoch, „Infinity War“ zum kohärenteren der beiden Filme zu machen, in dem sie Thanos in den Mittelpunkt stellen und ihn zum Protagonisten bestimmen. Er hat den eindeutigsten Handlungsbogen, eine klare Motivation und agiert, während die Helden auf ihn reagieren. Thanos ist der „Held“, der einer Quest-Handlung folgt und zwar nicht alle, aber zumindest einige Stationen der Heldenreise absolviert. Zwar haben auch andere Figuren, primär Tony Stark und Thor, ihre Handlungsbögen, aber Thanos ist es, der den Film zusammenhält und ihm Fokus gibt. „Endgame“ dagegen muss zwar insgesamt mit weniger Figuren jonglieren (die Hälfte der Superhelden hat sich ja aufgelöst), aber da Thanos innerhalb der ersten zehn Minuten geköpft wird, ist der vierte Avengers-Film weit weniger fokussiert. Über weite Teile kommt der Film sogar ohne zentralen Antagonisten aus, erst gegen Ende des zweiten Aktes wird der jüngere Thanos wieder zur Bedrohung. „Endgame“ legt den Fokus dagegen noch einmal auf die ursprünglichen Avengers und fungiert gleichzeitig als Rekapitulation des und Abgesang auf das bisherige MCU.

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Auf in den Weltraum mit Carol Danvers (Brie Larson), Natasha Romanoff (Scarlett Johannson), Rhodey (Don Cheadle), Thor (Chris Hemsworth) Steve Rogers (Chris Evans) und Rocket (Bradley Cooper)

Während „Infinity War“ tonal insgesamt sehr konsistent war, verfügt „Endgame“ über drei sehr unterschiedliche Akte. Der Film beginnt fast schon depressiv und hoffnungslos, in dem er die unmittelbaren und mittelbaren Folgen des Schnipsers sehr deutlich zeigt. Sobald die Zeitreisethematik ihren Einzug erhält, wird der Tonfall allerdings etwas leichter, der typische Marvel-Humor kehrt zurück, nicht zuletzt dank Scott Lang, der nach Abwesenheit im Vorgänger nun eine sehr zentrale Rolle spielt. Auch die Zeitreisen selbst dienen oft eher dem Amusement, was dazu führt, dass „Endgame“ die Spannung und der Vorwärtstrieb von „Infinity War“ fehlt. Erst im dritten Akt kehrt der Film zu den epischen Ausmaßen des Vorgängers zurück und schafft es, die Schlacht von Wakanda noch zu übertreffen – man muss schon sehr abgebrüht sein, um bei der Portals-Szene keine Gänsehaut zu bekommen.

Um zu diesem Ergebnis zu kommen, muss „Endgame“ allerdings immer wieder gewisse Opfer bringen, geradezu bezüglich der zuvor etablierten Regeln. Das betrifft besonders die Infinity-Steine. Man erinnert sich an eine Zeit, als die Handhabung nur eines einzigen enorme Konsequenzen hatte, von Red Skull, der quer durch das halbe Universum transportiert wird bis hin zu Peter Quill, der den Stein nur wegen seiner Herkunft überhaupt berühren kann. Im Vergleich dazu sind plötzlich alle Figuren relativ problemlos in der Lage, die Steine zu berühren. Die „Schnipser“ fordern zwar immer noch ihren Tribut, aber auch die Herstellung neuer Handschuhe gelingt vergleichsweise einfach.

Zeitreisen
Die Zeitreisethematik ist in Filmen freilich nicht neu – tatsächlich werden die meisten bekannten Vertreter des Genres in „Endgame“ sogar genannt – und auch in Superheldencomics sind sie keine Seltenheit. In Superheldenfilmen nahm man sich dieses Sujets mit Ausnahme von „X-Men: Days of Future Past“ bislang allerdings nicht wirklich an. Die meisten Filme greifen auf eine von zwei Möglichkeiten zurück: Entweder kann die Vergangenheit verändert werden, wie es etwa in „Zurück in die Zukunft“ der Fall ist – Marty McFly versucht bekanntermaßen den ganzen Film über, die Schäden, die er angerichtet hat, wieder auszubügeln, um seine eigene Existenz zu bewahren. Oder aber wir haben es mit einem sog. „Stable Time Loop“ zu tun – man kann nur in die Vergangenheit reisen, um das zu tun, was man ohnehin schon getan hat, sodass sich nichts verändert. „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ ist ein schönes Beispiel. „Avengers: Endgame“ dagegen wählt einen dritten Ansatz, der zumindest im Mainstream deutlich seltener auftaucht, sich aber auf ähnliche Weise etwa in „Dragonball Z“ oder „Star Trek“ (2009) findet. Eine Veränderung der Gegenwart ist bei diesem Ansatz durch eine Zeitreise nicht möglich, was geschehen ist, ist geschehen und lässt sich nicht mehr korrigieren. Stattdessen führt die Zeitreise zur Schaffung einer neuen Zeitlinie, die sich von der bereits bekannten abspaltet.

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Clint Barton (Jeremy Renner)

Die von Tilda Swinton dargestellte Älteste deutet im Gespräch mit Bruce Banner an, dass eine reine Zeitreise allerdings noch nicht ausreiche, um eine neue Timeline zu etablieren, sondern dass ein entfernter Infinity-Stein nötig ist – weshalb Captain America am Ende ja die diversen entfernten Steine wieder zu ihrem Ursprungsort zurückbringt. Ob das so funktionieren kann, ist natürlich wieder eine andere Frage; der Film zeigt leider nichts davon. Stattdessen erleben wir, wie Cap am Ende als alter Mann auftaucht. Diese Wendung erweckt den Eindruck einer klassischen Zeitreise, was jedoch wohl unbeabsichtigt war. Laut den Russos kehrt Cap tatsächlich aus einer anderen Zeitlinie zurück, in der er mit Peggy Carter glücklich verheiratet war. Es existiert jedoch noch eine andere Theorie, derzufolge Cap tatsächlich Peggys Ehemann ist, der ein paar Mal erwähnt wird, den man aber nicht zu Gesicht bekommt und dessen Name auch nie genannt wird. Geht man nach dieser Theorie, handelt es sich beim alten Cap am Ende nicht um denselben, der kurz zuvor aufbricht, um die Steine zurückzubringen, sondern um einen Steve Rogers aus einem alternativen Universum, was das „Haupt-MCU“ selbst zu einer bereits veränderten Zeitlinie machen würde. Kompliziert.

Die Zeitreisekonzeption dieses Films führt ironischerweise zur „Comichaftigkeit“ des Films – und damit meine ich nicht den Umstand, dass Zeitreisen in Superheldencomics Gang und Gäbe sind. Vielmehr unternehmen die Russos hier etwas, das Comickünstler nur allzu gerne zu machen: Sie besuchen quasi Panels und Storylines vergangener Hefte, genauso wie das in einem Comic passieren würde.

Die Überlebenden
Trotz des reduzierten Casts standen die Russos und ihre Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely vor demselben Problem wie bei „Infinity War“: Wie wird man all diesen Figuren in „nur“ drei Stunden gerecht? Was die vier geleistet haben, ist beeindruckend, auch wenn der eine oder andere Charakter durchaus nicht immer optimal behandelt wird. Das trifft vor allem auf Hawkeye und Bruce Banner zu. Beide bekommen in diesem Film neue Idenitäten, Hawkeye wird durch den Verlust seiner Familie zum gnadenlosen Rächer Ronin, während Bruce Banner nun dauerhaft zum Hulk wird, dabei aber seinen Intellekt und seine Identität behält – Marvel-Kenner sprechen hier von „Professor Hulk“. In beiden Fällen wurden diese Figuren so entwickelt, weil sie in den Comics zu einem bestimmten Zeitpunkt so dargestellt wurden. Das Problem dabei ist, dass „Endgame“ diese Entwicklung entweder, im Falle des Hulk, Off-Screen geschehen lässt und primär als Comedy-Einlage nutzt oder kaum auf sie aufbaut. Sobald Clint Barton wieder zu seinen Kameraden stößt, hört er im Grunde auf, Ronin zu sein und wird wieder Hawkeye; zumindest in diesem Film hat die Identität des ruchlosen Rächers keine Auswirkungen mehr auf die Figur.

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Professor Hulk (Mark Ruffalo)

Thor ist ebenfalls ein wenig grenzwertig. Der aufgedunsene Donnergott erinnert schon ein wenig an eine Sitcom und ein großer Teil seiner Situation dient der Komik – es gelingt allerdings auch immer wieder, die authentische Tragik miteinzubauen. Einerseits finde ich es gelungen, dass Thor nicht einfach so wieder abmagert, aber andererseits übertreiben es Markus und McFeeley irgendwann mit den Witzen auf seine Kosten.

Weitaus überzeugender sind die Entwicklungen, die Steve, Tony, Natasha und Nebula durchmachen. Letztere befindet sich in diesem Film in der interessanten Situation, doppelt vorhanden zu sein und mit sich selbst konfrontiert zu werden – hier zeigt sich gut, wie Nebula sich seit „Guardians of the Galaxy“ entwickelt hat, von der Beziehung zu Gamora bis hin zur kurzen, aber wirkungsvollen Szene zu Beginn von „Endgame“ mit Tony. Bei der Erstsichtung des Films dachte ich sogar kurz, Nebula von 2014 würde den Handschuh erringen und die Handlung würde ähnlich verlaufen wie in „The Infinity Gauntlet“, dem Comic, der als (sehr grobe) Vorlage für „Infinity War“ dient. Ein Thanos, der sich mit den Avengers gegen eine allmächtige Nebula verbünden muss, wäre zumindest interessant gewesen.

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Tony (Robert Downey jr.) und Steve (Chris Evans)

Dass Tony Starks und Steve Rogers Superheldenkarrieren nach diesem Film enden würden, war im Grunde wegen ihrer auslaufenden Verträge relativ klar. Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden damit, wie ihre Handlungsbögen in diesem Film zu Ende gebracht wurden. Mehr noch als die anderen ursprünglichen Avengers sind diese beiden Figuren die Grundsteine des Universums: Mit Iron Man fing für uns Zuschauer alles an, während Cap der erste Superheld innerhalb der Erzählten Welt war. Da ist es nur gerechtfertigt, dass Cap den Tanz bekommt, auf den er seit so vielen Jahrzehnten wartet, während Tony endlich das findet, was er sucht, wenn auch nur für kurze Zeit. Die seit „Civil War“ brodelnde Auseinandersetzung zwischen den beiden wird immerhin noch einmal kurz angeschnitten, was freilich viel zu knapp ist, aber bei all dem Inhalt, die in diesen Film musste, hatte ich diesbezüglich nichts anderes erwartet.

Natashas Tod kommt dann schon etwas unerwarteter, besonders angesichts des anstehenden Black-Widow-Films, der dann wohl doch reines Prequel ist – vielleicht war es nicht die klügste Entscheidung, diese Figur so kurz vor ihrem ersten Solofilm umzubringen, unabhängig von der Natur des Films. Angesichts des Aufhebens, das um Tonys Tod gemacht wird, wirkt sie ein wenig vernachlässigt. Man könnte fast meinen, die Regisseure und Drehbuchautoren wären der Meinung gewesen, es müsste noch ein Original-Avenger sterben und man habe dann gelost. Vielleicht wäre Hawkeye, in Zusammenhang mit einer gründlicheren Auseinandersetzung seiner Identität als Ronin, die bessere Wahl gewesen.

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Thor (Chris Hemsworth)

Über die meisten anderen Figuren gibt es tatsächlich relativ wenig zu sagen. Obwohl Rhodey und Rocket Teil des Zeitreise-Teams sind, haben sie nicht wirklich eigene Handlungsbögen. Dasselbe trifft noch in weitaus größerem Maße auf alle Figuren zu, die am Ende durch Hulks Schnipser wieder zurückgebracht werden. Der interessanteste Fall ist Carol Danvers alias Captain Marvel. Nachdem ihr erster Solofilm extra noch zwischen „Infinity War“ und „Endgame“ geschoben wurde, hatten viele, einschließlich mir, die Befürchtung, dass sie als Deus Ex Machina auftauchen und den Film gewissermaßen an sich reißen würde. Erstes trifft ein wenig zu, Letzteres glücklicherweise nicht. Angesichts der Tatsache, dass ich von „Captain Marvel“ und seiner Titelhelden nicht allzu begeistert war, bin ich durchaus davon angetan, dass sie in diesem Film keine allzu große Rolle spielt. Am Anfang rettet sie Tony und Nebula und hilft den verbliebenen Avengers, Thanos zu töten, um anschließend zu verschwinden und erst während der finalen Schlacht in letztendlich unterstützender Rolle wieder aufzutauchen. Damit kann ich leben, es hätte weitaus schlimmer kommen können.

Thanos
Werfen wir doch noch einmal einen Blick auf die bislang größte Bedrohung, der sich die Avengers stellen müssen. Da Loki spätestens in „Thor: Ragnarök“ zum Antihelden wurde, ist Thanos zweifelsohne der beste Schurke des MCU, besonders, nachdem sich die Russos mit „Infinity War“ ausgiebig Zeit nahmen, ihn als Figur zu ergründen. Sein Plan ist dabei verhältnismäßig unsinnig – selbst wenn man davon ausgeht, dass Genozid auf galaktischem Ausmaß das richtige Mittel gegen Rohstoffknappheit ist, ist der Schnipser keine dauerhafte Lösung. Thanos zerstört die Infinity-Steine nach getaner Arbeit, da sie nur eine „Versuchung“ darstellen, was ihn einerseits als prinzipientreues Wesen charakterisiert, aber andererseits auch seinen Verstand in Frage stellt. Geht man nach irdischem Bevölkerungswachstum, steht das Universum in 40 bis 50 Jahren wieder genauso da wie vor dem Schnipser. Ironischerweise gibt es dieses Problem in „The Infinity Gauntlet“ nicht, da Thanos‘ primäre Motivation im Comic darin besteht, Lady Death, die Personifikation des Todes, zu beeindrucken. Der MCU-Thanos ist weitaus rationaler als sein Comicgegenstück, eher ein Dogmatiker, dessen Motivation und Ziele denen Ra’s al Ghuls gleichen, als der verrückte Titan, als der er auch in den Filmen bezeichnet wird.

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Thanos (Josh Brolin)

In „Endgame“ haben wir es allerdings mit zwei ähnlichen, aber doch unterschiedlichen Versionen von Thanos zu tun. Zu Beginn des Films finden die Avengers nach nicht allzu intensiver Suche einen geschwächten, aber zufriedenen Thanos. Der finale Gegner des Films ist dann ein jüngerer Thanos, der aufgrund dessen, was er über seine (mögliche) Zukunft erfährt, einen neuen, weniger pseudo-altruistischen Plan fasst: Er will nicht das halbe Universum töten, sondern das gesamte, um dann auf den Ruinen ein neues aufzubauen, das nicht so „undankbar“ ist. Für Thanos aus „Infinity War“ war die ganze Angelegenheit nicht persönlich, für den einen oder anderen Avenger (Peter Quill, Tony Stark) hat er sogar Respekt übrig und tatsächlich bemüht er sich, niemanden zu töten, wenn es nicht sein muss, da er die Lebensauslöschung zufällig und unemotional durchführen möchte. Endgame-Thanos dagegen ist weitaus stärker stereotypischer Schurke, für ihn ist es persönlich, der Versuch, alles rückgängig zu machen, ist etwas, das ihn persönlich beleidigt und dazu verleitet, sich gegenüber seinen Feinden weitaus rabiater zu verhalten.

Der Soundtrack
Mit „Avengers: Endgame“ liefert Alan Silvestri nun seinen bislang vierten MCU-Beitrag und kann inzwischen als der musikalische Architekt dieses Universums gelten – immerhin achten er und die Verantwortlichen nun auf ein gewisses Minimum an leitmotivischer Kontinuität. Von seinem Infinity-War-Score war ich zugegebenermaßen ein wenig ernüchtert, wenn auch nicht überrascht. Ich fand ihn zwar kompetent, aber doch eher uninspiriert. Silvestri machte großzügig von seinem eignen Avengers-Thema-Gebrauch, aber bis auf einen Einspieler von Ludwig Göranssons Black-Panther-Thema fanden sich in diesem Soundtrack keine anderen zuvor etablierten Themen – nicht einmal sein eigenes Capatain-America-Thema zitierte Silvestri in diesem Film. Bei „Endgame“ sieht die Sache erfreulicherweise anders aus. Dass das Avengers-Thema auch dieses Mal zurückkehrt, dürfte kaum überraschen; auch das Motiv für Thanos, das Silvestri in „Infinity War“ etablierte, kehrt zurück, und darüber hinaus dürfen wir auch endlich wieder Statements von Steve Rogers patriotischem Thema vernehmen. Damit hat es sich aber noch nicht erledigt, denn Silvestri zitiert dieses Mal deutlich großzügiger, wenn auch hin und wieder etwas merkwürdig. Die Verwendung von Pinar Topraks Captain-Marvel-Thema bei ihren Auftritten am Anfang und am Ende ist sehr gut gelungen und auch nachvollziehbar. Scott Langs erster Auftritt wird von einer dezenten Variation von Christophe Becks Ant-Man-Thema begleitet und als Bruce Banner die Älteste im New York des Jahres 2012 trifft, erklingt einmal kurz Michael Giacchinos Doctor-Strange-Thema. Der Korinthenkacker in mir beschwert sich nun natürlich darüber, dass die Älteste ihr eigenes Thema hat, aber man muss sich über jedes Statement freuen, das man bekommt. Auch das eine oder andere stilistische Zitat findet sich, so greift Silvestri in Snap Out of It etwa die Hardanger-Fidel auf, die Mark Mothersbaugh in „Thor: Ragnarok“ für eine ähnlich geartete Szene verwendete (Twilight of the Gods).

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Nebula (Karen Gillan)

Gerade die beiden Zitate der Themen von Beck und Giacchino fallen ein wenig merkwürdig aus, da sie sehr subtil sind und selbst den Zuschauern, die ein wenig auf Filmmusik achten, kaum auffallen dürften – sie wirken eher wie kleine Geschenke an die Hardcore-Fans. Dennoch bewegte sich das MCU musikalisch in die richtige Richtung, wenn auch mit kleinen Schritten. Selbst wenn man diesen Umstand ausklammert, legt Silvestri noch einmal eine ordentliche Schippe drauf und schafft einen würdigen Abschluss für die erste Saga des MCU. Highlight des Albums ist ohne Zweifel das neue Familien- bzw. Assemble-Thema, das prominent im Track Portals erklingt, gefolgt von der epischsten Variation des Avengers-Themas. Eine ausführliche Analyse des Scores findet sich hier.

Fazit: „Avengers: Endgame“ ist ein nicht fehlerfreier, aber insgesamt rundum gelungener (vorläufiger) Abschluss des MCU, der zwar etwas hinter dem fokussierten Vorgänger zurückbleibt, aber insgesamt ein wirklich beeindruckendes filmisches Ereignis ist, das die Grenze zwischen den Medien Film und Comic in bisher nicht erreichtem Ausmaß überbrückt.

Trailer

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Avengers: Infinity War – Ausführliche Rezension

Spoiler nach dem ersten Absatz!
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Zehn Jahre, 18 Filme und unzählige Mid- und Post-Credits-Szenen haben uns an diesen Ort geführt: „Avengers: Infinity War“ baute eine gewaltigen Hype auf und ist gerade dabei, diverse Rekorde zu brechen – und natürlich drängt sich ein ausführlicher Blick auf dieses Event geradezu auf. Die Vorgehensweise ist die übliche: Zuerst präsentiere ich meine spoilerfreie Meinung kurz und knapp, danach nehme ich keine Rücksicht mehr. Insgesamt hat mir „Infinity War“ ziemlich gut gefallen. Ist es der beste Film des MCU? Diese Frage zu beantworten fällt mir bislang noch schwer. Auf jeden Fall unterscheidet sich der dritte Avengers-Streifen deutlich von seinen vielen Vorgängern, was ich als äußerst positiv empfinde. Natürlich ist auch „Infinity War“ nicht ohne Schwächen, doch gerade die strukturellen Mängel, die einige Kritiker ankreiden, stören mich da weniger, denn dieser Film fühlt sich weniger wie die beiden vorhergegangenen Avengers-Filme und mehr wie ein Event-Comic an – insofern wäre „Marvel Cinematic Universe: Infinity War“ vielleicht sogar ein passenderer, wenn auch nicht so griffiger Titel gewesen.

Handlung
Thanos (Josh Brolin), der irre Titan, hat genug: Er steht aus seinem Stuhl auf, zieht seinen Handschuh über und beginnt, die Infinity-Steine persönlich einzusammeln, um im Universum kräftig aufzuräumen. Den ersten sackt er auf Xandar ein, der zweite befindet sich gerade im Besitz Lokis (Tom Hiddleston), also greift der irre Titan die überlebenden Asen an, schnappt sich den Tesserakt und fügt ihn ebenfalls seiner Sammlung hinzu. Thanos‘ nächstes Ziel ist die Erde. Allerdings gelingt es Hulk/Bruce Banner (Mark Ruffalo), Thanos zu entkommen und Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) zu warnen. In Windeseile versammeln sich zumindest einige Verteidiger, darunter Iron Man (Robert Downey jr.), Spider-Man (Tom Holland) und Wong (Benedict Wong). Und schon taucht Thanos‘ Scherge Ebony Maw (Tom Vaughan-Lawlor) auf, um den von Strange beschützten Zeitstein einzusammeln. Es gelingt ihm auch tatsächlich, Strange gefangen zu nehmen, doch Spider-Man und Iron Man schaffen es, sich auf seinem Raumschiff zu verstecken.

Derweil finden die Guardians of the Galaxy die Überreste des asgardianischen Flüchtlingsschiffs und einen überlebenden Thor (Chris Hemsworth). Schnell beschließt man, gemeinsam gegen Thanos vorzugehen: Der Donnergott begibt sich, begleitet von Rocket (Bradley Cooper) und Groot (Vin Diesel), nach Nidavellir, um an eine neue Waffe zu kommen, mit der man den irren Titanen besiegen kann. Derweil versucht der Rest der Guardians Thanos davon abzuhalten, den Realitätsstein auf Knowhere einzusammeln – mit wenig Erfolg. Nicht nur hat Thanos den Stein bereits, er nimmt auch gleich seine Adoptivtochter Gamora (Zoe Saldana) mit.

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Verteidiger der Erde: Wong (Benedict Wong), Doctor Strange (Benedict Cumberbatch), Bruce Banner (Mark Ruffalo), Tony Stark (Robert Downey Jr.)

Auf der Erde versuchen Thanos‘ Häscher auch weiterhin, die Infinity-Steine für ihren Meister einzusammeln. Ihr Ziel ist Vision (Paul Bettany), der jedoch von Wanda (Elizabeth Olsen) und Caps (Chris Evans) Team Unterstützung erhält. Trotz diverser Rückschläge – auch Doctor Strange behält vorerst seinen Infinity Stein – kommt Thanos seinem Ziel näher, denn mit Gamora unfreiwilliger Hilfe bringt er den Seelenstein an sich. Auf seiner Heimatwelt Titan versucht er anschließend, auch noch den Zeitstein zu erringen, während seine Heerscharen erneut die Erde angreifen, um auch noch den letzten Stein einzusammeln…

Die Konklusion des MCU?
Allerspätestens seit „The Avengers“ arbeiten die Marvel Studios auf diesen Moment hin; in dem Moment, in dem Thanos in der Mid-Credits-Szene sein hübsches Lächeln zeigt, weiß der Comicfan, das selbst „The Avengers“ nur ein Vorgeschmack ist. Tatsächlich ist diese Erzählweise, dieses Hinarbeiten auf die kommenden Filme, etwas, das am MCU häufig und gerne kritisiert wird. Zugegebenermaßen haben sich die Marvel Studios diesbezüglich auch nicht immer mit Ruhm bekleckert; diverse Filme, etwa „Iron Man 2“ oder „Avengers: Age of Ultron“, vergaßen beim World Building die eigentliche Handlung. Dennoch ist das, was die Marvel Studios mit diesem Franchise geleistet haben, gerade für einen Comicfan ziemlich beeindruckend. „Infinity War“ ist nicht die tatsächliche Konklusion, schließlich endet er mit einem fiesen Cliffhanger und es folgt noch ein weiterer Avengers-Film, aber er kommt dem doch schon ziemlich nahe.

Dabei zeigen sich allerdings auch die Schwächen eines Films wie „Infinity War“ ziemlich deutlich. Joe und Anthony Russo haben in diesem Film verdammt viel zu tun und auf verdammt viele Filme, Figuren und Handlungsstränge Rücksicht zu nehmen. Das klappt nicht immer vollständig. Das beste Beispiel hierfür ist „Thor: Ragnarok“. „Infinity War“ schließt ziemlich direkt an besagten Streifen an, negiert aber quasi sofort sämtliche Errungenschaften. Nachdem Thor sein Volk mühsam gerettet hat, gerät es nun an Thanos, und dabei macht der Film nicht einmal deutlich, was nun mit den Asen geschehen ist. Zuerst sieht es so aus, als habe Thanos gnadenlos alle niedergemetzelt, später wird aber eher nebenbei erwähnt, er habe nur die Hälfte von ihnen getötet. In einem Interview erklärten die Russos darüber hinaus, Valkyrie habe einigen (wohl besagter Hälfte) bei der Flucht geholfen, was auch der Grund ist, weshalb sie, anders als Heimdall und Loki, nicht auftaucht.

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Die Guardians of the Galaxy: Star Lord (Chris Pratt), Groot (Vin Diesel), Gamora (Zoe Saldana), Mantis (Pom Klementieff), Rocket Racoon (Bradley Cooper) und Drax (Dave Bautista)

Ähnlich verhält es sich mit dem Handlungsstrang aus „Captain America: Civil War“, der immerhin von den Russos selbst gedreht wurde. Der Konflikt aus diesem Film hat zwar Auswirkungen auf „Infinity War“, diese sind im Kontext allerdings verhältnismäßig klein – man hätte nicht allzu viel umschreiben müssen, hätten die Ereignisse aus „Civil War“ nicht stattgefunden. Zumindest in diesem Film erfolgt keine wirkliche Auseinandersetzung, Cap und Tony begegnen sich nicht einmal.

Letztendlich muss man bei einem Film wie diesem aber eben auch Abstriche machen, schließlich ist es ein Film mit einer begrenzten Laufzeit, der nicht alles ausgiebig thematisieren kann. Das MCU ist in letzter Konsequenz ein Experiment, das versucht, die Erzählstruktur von Superheldencomics auf Filme zu übertragen. Und Superheldencomics sind nun einmal serieller Natur – weder ich noch irgendein anderer Comicfan würde bestreiten, dass es gewisse Gemeinsamkeiten zu Soap Operas gibt. In „Infinity War“ gehen die Marvel Studios so weit wie noch nie zuvor, die Erzählstruktur und das „Feeling“ eines Superheldencomics auf die Leinwand zu bringen.

Krieg um Steine: Die Vorlage
Ganz ähnlich wie bei „Avengers: Age of Ultron“ hat auch „Avengers: Infinity War“ mit dem gleichnamigen Comic nicht allzu viel zu tun. Bei „The Infinity War“ handelt es sich um eine 1992 erschienene Miniserie, verfasst von Thanos-Erfinder Jim Starlin. „Avengers: Infinity War“ bezieht sich allerdings in weitaus größerem Ausmaß auf „The Thanos Quest“ und „The Infinity Gauntlet“, ebenfalls verfasst von Jim Starlin. In „The Thanos Quest“ (1990) sammelt Thanos die Infinity Steine (in den Comics ist stets die Rede von „Infinity Gems“, während es im MCU „Infinity Stones“ sind), und in „The Infinity Gauntlet“ setzt er seine neu gewonnene, gottgleiche Macht ein. Natürlich sind selbst diese beiden Geschichten eher lose Inspirationen als direkte Vorlagen, schon allein, weil sie einer völlig anderen Kontinuität folgen – beispielsweise sind die X-Men und die Fantastic Four zugegen, während die Guardians of the Galaxy in ihrer aus dem MCU bekannten Form noch nicht existieren. Gamora und Drax spielen davon unabhängig durchaus wichtige Rollen, aber auch hier zeigt sich deutlich, wie sehr sich beide Figuren seit den frühen 90ern weiterentwickelt haben. Einige ikonische Momente stammen jedoch direkt aus dem Comic, etwa der Held, der durch Doctor Stranges Dach fällt, um ihn zu warnen – nur dass es nicht der Hulk ist, sondern der Silver Surfer. Auch das Fingerschnippen, mit dem die Hälfte allen Lebens im Universum ausgelöscht wird, stammt direkt aus „The Infinity Gauntlet“. Darüber hinaus ermöglicht die Kenntnis des Comics zumindest einige Vermutungen, was im Sequel noch auf uns zukommen könnte.

Helden über Helden
Gerade strukturell unterscheidet sich „Infinity War“ doch deutlich von den beiden Vorgängern. In „The Avengers“ ging es um das Zusammenfinden des Teams, während es in „Avengers: Age of Ultron“ der Ausgangspunkt war. In beiden Filmen kam das Team im dritten Akt (wieder) zusammen, um die Widersacher (Loki und die Chitauri bzw. Ultron und seine Armee) zu besiegen. In „Infinity War“ spielen die Avengers als Team dagegen kaum eine Rolle. Die ersten beiden Filme fühlten sich für einen comicaffinen Zuschauer tatsächlich wie Handlungsbögen einer Avengers-Comicserie an, während „Infinity War“, wie oben bereits erwähnt, eher wie ein Marvel-Großevent anmutet, in dem verschiedene, wenn nicht gar alle Teams und individuellen Helden zusammenkommen. So auch hier: Zwei im Grunde separate Avenger-Teams, die Guardians of the Galaxy und individuelle Helden wie Doctor Strange teilen sich in neue Kleingruppen auf – auch das ein Markenzeichen größerer Eventcomics.

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Das letzte Aufgebot: Black Panther (Chadwick Boseman), Steve Rogers (Chris Evans), Black Widow (Scarlett Johansson) und der Winter Soldier (Sebastian Stan)

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie der Film auf die einzelnen Helden eingeht. Die Antwort lautet: „Ungleichmäßig“. Manche Helden stehen deutlich stärker im Vordergrund als andere. Captain America (bzw. in diesem Film Nomad in all but name) und Black Panther sind beispielsweise primär vorhanden, da sie keinen wirklich eigenen Handlungsbogen haben. Von den ursprünglichen Avengers stehen Thor und Iron Man am deutlichsten im Vordergrund, beide machen eine sehr klare Entwicklung durch. Vaterschaft ist ohnehin ein wichtiges Thema in diesem Film, das auf viele Aspekte Einfluss nimmt. Schon bei Tonys erstem Auftritt wird die Thematik vorgestellt und durch die Beziehung zu Peter Parker weiter ausgearbeitet, um dann im Finale einen traurigen und durchaus berührenden Höhepunkt zu erreichen.

Thors Entwicklung im Film ist wohl dennoch die interessanteste. Die Russos haben hier versucht, die unterschiedlichen Interpretationen der Figur wieder miteinander zu verknüpfen, denn der Thor des bisherigen MCU unterscheidet sich doch gewaltig von der Version aus „Ragnarok“. In „Infinity War“ wird versucht, an Thors Charakterisierung aus „Ragnarok“ anzuknüpfen, ohne die Comedy dabei zu weit zu treiben oder Tragik zu vermindern, was meistens ganz gut funktioniert. Hatte man in „Ragnarok“ mitunter das Gefühl, Thor gehe nichts wirklich nahe, wirken seine Sprüche und komödiantischen Einlagen hier eher, als versuche er, seinen Schmerz über den Verlust seiner Heimat, seines Volkes, seiner Freunde und seines Bruders dahinter zu verbergen. Der Donnergott wird vom Wunsch nach Vergeltung angetrieben und bekommt von allen Helden in diesem Film wohl den komplettesten und befriedigendsten Handlungsbogen – inklusive eines großen heroischen Auftritts im dritten Akt.

Von besonderem Interesse ist darüber hinaus Gamora, die als Thanos‘ Adoptivtochter einen besonderen Zugang zum Schurken des Films hat und das einzige Wesen ist, das er aufrichtig zu lieben scheint. Auch ihre Entwicklung im Verlauf des Films ist äußerst interessant, und umso tragischer ist ihr Ende.

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Thor (Chris Hemsworth)

In dieser Rezension über jede Figur, die in „Infinity War“ auftaucht ausführlich zu schreiben würde natürlich den Rahmen sprengen. Mit Ausnahme von Hawkeye, Ant-Man und Valkyrie ist wirklich so ziemlich jeder dabei, und die beiden erstgenannten werden aller Voraussicht nach im bislang noch unbetitelten vierten Avengers-Film eine tragende Rolle spielen. Zumindest ein Mitwirkender in einer kleinen, aber essentiellen Rolle hat mich tatsächlich überrascht, denn Red Skull darf ebenfalls mitmachen und fungiert als Wächter des Seelensteins. Gespielt wird er aber nicht mehr von Hugo Weaving, sondern von Ross Marquand, der eine ziemlich überzeugende Imitation hinlegt. Das macht durchaus neugierig, ob Red Skull noch weitere Auftritte bevorstehen.

Thanos
Es ist wohl kaum überraschend, dass mein Vater ebenfalls Comics sammelt und meine Liebe zu diesem Medium primär auf ihn zurückzuführen ist – schließlich war ich als Kind schon immer von Comics umgeben. Im Superheldenbereich hatte er aber verhältnismäßig wenig. Eines der wenigen Stücke war „Der Tod des Captain Marvel“, herausgegeben in Albenform vom Condor Verlag in den 80ern. „The Death of Captain Marvel“, so der Originaltitel, gehört zu den ersten Comics, die mit dem Label „Graphic Novel“ versehen wurden und erzählte eine für die damalige Zeit eher ungewöhnliche Geschichte: Ein Superheld, der Kree-Krieger Mar-Vell alias Captain Marvel, stirbt, und das nicht heroisch im Kampf, sondern an Krebs. Und trotz all ihrer Superkräfte sind die Marvelhelden völlig hilflos (nebenbei bemerkt, Mar-vell wird seinen MCU-Einstand im kommenden Captain-Marvel-Film feiern, gespielt von Jude Law – die Titelfigur ist allerdings die weibliche Variante). Wie dem auch sei, in besagtem Comic taucht auch Thanos auf, so lernte ich den irren Titan bereits lange vor seinem ersten Leinwandauftritt in „The Avengers“ kennen. Bereits in „The Death of Captain Marvel“ empfand ich ihn als äußerst faszinierende Figur, auch wenn sein Auftauchen in besagtem Werk kaum mehr als ein kleiner Gastauftritt ist.

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Thanos (Josh Brolin)

Thanos tauchte zum ersten Mal 1973 auf und wurde von Jim Starlin geschaffen, der in den folgenden Jahrzehnten auch die meisten Comics mit ihm verfasste und z.T auch zeichnete, darunter „The Death of Captain Marvel“, „The Infinity Gauntlet“ samt den beiden Sequels und noch viele weitere. Starlin ließ sich dabei von Jack Kirbys New Gods, speziell dem wissenssuchenden Metron inspirieren. Marvel-Redakteur Roy Thomas meinte allerdings zu ihm, wenn er sich schon bei einem der New Gods inspiriere, dann solle er doch den besten nehmen – so wurde Thanos auf gewisse Weise zu Marvels Gegenstück zum despotischen Darkseid, auch wenn er weit mehr als nur ein bloßer Abklatsch und inzwischen zu einer eigenständigen Ikone geworden ist. Gerade im MCU sind sogar einige Aspekte von Metron erhalten geblieben, denn auch der New God ist primär in einem schwebenden Stuhl anzutreffen.

Nicht zuletzt dank des vorzüglichen Spiels von Josh Brolin hat sich Thanos mit „Avengers: Infinity War“ schnell an die Spitze der Schurkenliste des MCU katapultiert. Thanos‘ genozidale Absichten stammen auch direkt aus den Comics, ebenso wie seine Ansichten zur Überbevölkerung – gewisse Parallelen zu Ra’s al Ghul lassen sich nicht leugnen. Mehr noch, Thanos hat durchaus sympathische Züge, er ist nicht unnötig grausam und lässt sogar Feinde am Leben. Was in anderen Filmen nur schlechte Drehbuchschreibe wäre, passt hier sogar ziemlich gut: Thanos hat nichts gegen die Avengers oder die Guardians persönlich, manche von ihnen mag oder respektiert er sogar (Peter Quill und Tony Stark).

Ein Aspekt seiner Comicpersönlichkeit fehlt allerdings: In der Vorlage ist Thanos in die Inkarnation des Todes, im Marvel Universum bekannt als Mistress Death, verliebt und begeht die meisten seiner Untaten, um ihre Gunst zu gewinnen. Im Vorfeld des Films gab es Spekulationen, Hela könne die Rolle von Mistress Death einnehmen, besonders, da sie und Thanos sich auch in den Comics (genauer: „The Unworthy Thor“) schon einmal nähergekommen sind. Bislang ist allerdings nichts dergleichen geschehen – das kann sich im kommenden vierten Avengers-Film aber natürlich noch ändern. Jedenfalls taten die Russos und Kevin Feige gut daran, Thanos zum Herzstück dieses Films zu machen und ihn fast wie den Protagonisten zu behandeln. Auch Thanos macht eine Entwicklung durch, wächst an seinen Aufgaben und muss Dinge opfern, um sein (in seinen Augen hehres) Ziel zu erreichen, was er dann am Ende ja auch tut.

Dieser Umstand lädt natürlich zu umfangreichen Spekulationen zum Inhalt des vierten Avengers-Film ein. Einige Details sind schon bekannt: Captain Marvel (in der Post-Credits-Szene angeteasert), Ant-Man und Hawkeye werden wichtige Rollen spielen. Und angesichts der Tatsache, dass Fortsetzungen geplant sind, kann man fast sicher dass sein, dass zumindest einige derer, die sich in Luft aufgelöst haben, wieder zurückkehren werden – darunter auf jeden Fall Doctor Strange, Black Panther und Spider-Man. Und es ist sicher auch kein Zufall, dass alle Ur-Avengers noch da sind. Ich schätze, dass sich vielleicht nicht alle, aber doch einige (allen voran Tony Stark und Steve Rogers) von ihnen opfern werden, um die von Thanos mit einem Fingerschnippen getöteten zurückzubringen. Aber auch die Rolle des verrückten Titanen selbst lädt zu Spekulation ein. Bereits in „The Infinity Gauntlet“ war es am Ende nicht Thanos, der aufgehalten wird, sondern Nebula, die den Handschuh an sich reißt. Auch in späteren Sequels von Jim Starlin fungiert Thanos öfter als widerwilliger Antiheld denn als Schurke.

Soundtrack
Alan Silvestri ist zurück. Das ist einerseits erst einmal positiv, denn so ist ein Mindestmaß an leitmotivischer Kontinuität gewährleistet. Schon in den Trailern wurde das Avengers-Thema prominent und effektiv eingesetzt, und im Film ist es nicht anders. Leider bleibt es bei diesem „kleinsten gemeinsamen Nenner“ – nicht einmal das von ihm selbst komponierte Thema für Captain America zitiert Silvestri in diesem Film. Die einzige Figur, die ein Thema für sich hat, ist Thanos. Laut Silvestri handelt es sich dabei um eine sehr bewusste Entscheidung von ihm und den Russos, da ein Score mit zu vielen Themen nur verwirren würde. Wie man anhand von Franchises mit großer leitmotivischer Palette wie Star Wars oder Mittelerde sehen kann, ist das natürlich ziemlicher Unsinn. Ich hatte ehrlich gesagt gehofft, „Infinity War“ würde ähnlich ausfallen wie Danny Elfmans „Justice League“. Natürlich kann man in einem Film wie diesem nicht jedes Thema jedes Helden ausführlich zitieren (insbesondere wenn diese wie Iron Man oder Thor gleich drei verschiedene haben), aber es gibt einige Szenen, bei denen sich die Verwendung wirklich aufgedrängt hätte. Insgesamt fühlt sich „Infinity War“ auch weitaus weniger inspiriert an als Silvestris nur kurz zuvor erschienener Score zu Spielbergs „Ready Player One“. Ich will nicht sagen, dass die Infinity-War-Musik generisch ist, denn es ist definitiv ein Silvestri-Score, gut und routiniert komponiert, und gerade im letzten Drittel mit einigen tollen Highlights versehen, aber insgesamt ist es doch ein wenig Silvestri auf Autopilot. Somit bleibt der Score der einzige Aspekt, in dem „Justice League“ die Nase vorn hat. Wenn man mir das 2016 erklärt hätte, hätte ich es sicher nicht geglaubt. Eine ausführliche Analyse findet sich hier.

Fazit
„Avengers: Infinity War“ ist eine gelungene, wenn auch sehr vorläufige Konklusion des Marvel Cinematic Universe, die viele der typischen Marvel-Schwächen mit Bravour umgeht und sich endgültig anfühlt, wie ein filmgewordener Event-Comic. Definitiv einer der besten Filme des MCU.

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Guardians of the Galaxy Vol. 2

guardians
Story:
Nach wie vor arbeiten Peter Quill (Chris Pratt), Gamora (Zoe Saldana), Drax (Dave Bautista), Rocket (Bradley Cooper) und Groot (Vin Diesel) als Guardians of the Galaxy zusammen und erfüllen erfolgreich einen Auftrag für die goldhäutigen, genetisch perfektionierten Sovereigns, allerdings nicht ohne dass Rocket einige äußerst wertvolle Energiezellen mitgehen lässt, was die Sovereign-Hohepriesterin Ayesha (Elizabeth Debicki) erzürnt. Und nicht nur die Sovereigns haben eine Rechnung mit den Guardians offen, auch Gamoras Halbschwester Nebula (Karen Gillan), gegenwärtig Gefangene der Guardians, sowie Yondu (Michael Rooker), ein Anführer der Ravagers, wollen ihnen an den Kragen. Da taucht wie aus dem nichts Peters Vater Ego (Kurt Russel) auf, der eine Beziehung zu seinem Sohn aufbauen möchte. Es stellt sich heraus, dass es sich bei Ego um ein göttliches Wesen, einen lebendigen Planeten handelt, doch schon bald kommen Zweifel auf, ob er wirklich wohlmeinend ist…

Kritik: „Guardians of the Galaxy“ war der Überraschungsblockbuster 2014 – wer hätte einem abgedrehten Sci-Fi-Film mit einem sprechenden Waschbär und einem beweglichen Baum schon einen derartigen Erfolg prophezeit? Kann die Fortsetzung da erfolgreich anknüpfen? Insgesamt: Ja. „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ fehlt ein Aspekt, der sicher einen großen Teil des Erfolges des ersten Teils ausgemacht hat: Die Frische und das Neuartige. Zwar bediente der erste Guardians-Film durchaus die üblichen Marvel-Konventionen, verstand es dabei aber auch, andere Wege zu beschreiten oder besagte Konventionen doch zumindest auszureizen. Dafür kann sich James Gunn, der wie bei Teil 1 nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb, in größerem Maß auf die Figuren einlassen und diese weiter erforschen. Ganz nach bester MCU-Tradition ist auch hier der Plot bestenfalls zweitrangig, der Fokus liegt auf den Charakteren und ihrer Interaktion.

Auch thematisch ist das Guardians-Sequel stringenter. Wo Teil 1 die Figuren vorstellen musste und sich vor allem mit Außenseitertum beschäftigte, widmet sich Teil 2 sehr eindringlich dem Thema Familie. Einerseits geht es dabei freilich um die Guardians selbst als Familie, aber auch den familiären Hintergründen der einzelnen Team-Mitglieder wird einige Zeit eingeräumt. Peter Quill und Ego stehen natürlich im Zentrum des Plots, darüber hinaus kehren aber auch Figuren des ersten Films zurück, die dort eher als sekundäre Antagonisten fungieren, nun aber tatsächlich Teil des Teams werden. Vor allem das Verhältnis zwischen den Adoptivschwestern Gamaora und Nebula wird erkundet; Teil 1 zeigte im Grunde nur den Hass zwischen den beiden, nun wird ergründet, weshalb sie sich hassen. Ebenso arbeitet Gunn mit Yondu als Star Lords Ersatzvater; der blauhäutige Söldner wird im Rahmen dieses Films noch um einiges interessantere, als er im Vorgänger war.

Insgesamt versucht Gunn durch die familiäre Thematik, die emotionale Komponente noch zu verstärken. Meistens halten sich Humor und Emotionalität recht gut in der Balance, auch wenn es nicht immer ganz funktioniert. Ein großer Teil des Humors kommt wie schon in Teil 1 von einem gewissen Level an Inkompetenz der Figuren, denen in bestimmten Situationen bestimmte alltägliche Missgeschicke passieren, die selbst in anderen MCU-Filmen so eher weniger geschehen – auf diesen Aspekt werde ich nachher noch einmal zurückkommen. Im Großen und Ganzen funktioniert der Humor wieder ziemlich ausgezeichnet; die heimlichen (oder auch nicht so heimlichen) Stars sind Drax, Mantis (Pom Klementieff) und natürlich Baby Groot.

Besonders interessant finde ich, dass die Vorarbeit auf „Avengers: Infinity War“ ziemlich gering ausfällt. So hatte ich zum Beispiel damit gerechnet, Thanos wiederzusehen, doch der verrückte Titan taucht in diesem Film nicht persönlich auf. Zwar werden große Teile des kosmischen Marvel-Universums einbezogen oder erhalten zumindest diverse Gastauftritte (der Comickenner freut sich über einige bekannte Gesichter), doch nur wenig davon scheint gezielt auf den dritten Avengers-Film hinzuarbeiten. Die Sovereigns sind wohl das Plot-Element, das am engsten mit dem kommenden kosmischen Großereignis zusammenhängt, was allerdings nur dank einer der fünf (!) Mid-Credits-Szenen deutlich wird und auch das nur, wenn man Vorkenntnisse besitzt. Vielleicht sind die Sovereigns deshalb der uninteressanteste Aspekt des Films. Wie dem auch sei, ehrlich gesagt bin ich ganz froh, dass Thanos dieses Mal nicht dabei ist. Ich denke, sein Auftauchen in diesem Film hätte der Figur eher geschadet denn genützt, gerade wegen des angesprochenen Inkompetenz-Levels. Marvel hat schon mehr als genug Schurken, die amüsante Sprüche klopfen. Thanos ist der Big Bad eines jahrelang vorbereiteten Handlungsstrangs, da sollte er sich absetzen; seine Bedrohlichkeit sollte nicht durch Humor beeinträchtigt werden.

Wo wir gerade bei Schurken sind: Der Bösewicht dieses Films ist etwas stärker als Ronan, weiß aber noch immer nicht völlig zu überzeugen. Wie so viele Marvel-Filme konzentriert sich auch dieser primär auf die Protagonisten, sodass für den Widersacher abermals nicht ganz so viel Zeit übrig bleibt. Dennoch ist die Einbeziehung eines kosmischeren Wesens durchaus interessant und könnte auf mehr deuten, als zu Beginn ersichtlich ist.

Die obligatorische Einbindung der diversen aus den 70ern und 80ern stammenden Songs funktioniert abermals ziemlich gut. Darüber hinaus legt Tyler Bates beim Score noch eine ordentliche Schippe drauf und arbeitet sehr schön mit dem bereits im Vorgänger etablierten Guardians-Thema. Zwar fehlt das Nova-Thema des Erstlings ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist Bates‘ zweiter Guardians-Score noch unterhaltsamer als der erste.

Fazit: „Guardians of the Galaxy Vol. 2” ist eine mehr als gelungene Fortsetzung, die sich auf die Charaktere und die familiäre Thematik konzentriert, dabei Humor und Action aber nicht außen vorlässt.

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Siehe auch:
Guardians of the Galaxy

Guardians of the Galaxy

guardians
Story: Als Kind wurde Peter Quill (Chris Pratt) von Aliens entführt. Nun nennt er sich Star Lord und ist so etwas wie ein Gelegenheitsgauner. Eher zufällig gelangt er in den Besitz eines mysteriösen Artefakts, und damit beginnen die Schwierigkeiten, denn der Kree-Extremist Ronan (Lee Pace) ist hinter besagtem Artefakt her, um eine planetare Zivilisation auszulöschen. Um Ronan aufhalten zu können, muss sich Star Lord mit diversen anderen Outlaws, nämlich der Assassine Gamora (Zoe Saldana), dem genetisch manipulierten Waschbären Rocket Raccoon (Bradley Cooper), dem lebenden Baum Groot (Vin Diesel) und Drax (Dave Bautista), der noch eine offene Rechnung mit Ronan hat, verbünden…

Kritik: „Guardians of the Galaxy“ ist ein interessanter Film, da er sich einerseits sehr von den anderen MCU-Filmen unterscheidet, es aber andererseits trotzdem sehr viele Gemeinsamkeiten gibt.
Die Unterschiede finden sich vor allem bei der grundsätzlichen Konzipierung. Alle bisherigen Filme der Marvel Studios waren immerhin noch im weitesten Sinne Superheldenstreifen, die das Grundmuster zwar sehr weit dehnten und mit anderen Genres (von Fantasy/Sci-Fi über Spionage-Thriller bis Weltkriegsaction) spielten, das Ganze aber dennoch im Superheldenrahmen inszenierten. „Guardians“ dagegen basiert nicht nur auf einer Comicserie, die so obskur ist, dass ich vor der Ankündigung des Films praktisch nichts darüber wusste (und das will schon was heißen), es ist auch nicht mehr wirklich ein Superheldenfilm, nicht einmal mehr im weiteren Sinne. Die Werke, die Regisseur/Drehbuchautor James Gunn und Co-Autorin Nicole Perlman inspirierten, lassen sich ziemlich leicht ausmachen: Die Star-Wars-OT, J. J. Abrams‘ Star-Trek-Filme und Joss Whedons „Firefly“.
Zwar nenne ich immer noch keinen Guardians-Comic mein Eigen (weswegen ich auch nicht sagen kann, ob die Adaption vorlagengetreu ist), aber ein wenig recherchiert habe ich trotzdem, darum kurz ein paar Worte zur Comicserie gleichen Namens: Die Guardians of the Galaxy traten 1969 zum ersten Mal auf und waren ein Superheldenteam aus dem 30. Jahrhundert und haben mit dem hier zu rezensierenden Film noch gar nichts zu tun. 2008 gab es ein Revival der Serie mit einem neuen Guardians-Team, und auf dieser Serie basiert auch die Leinwandadaption.
Die Umsetzung des Ganzen ist dann allerdings wieder recht typisch für die Marvel Studios, mit den gewohnten Schwächen und Stärken. Wie bei so vielen anderen MCU-Produktionen ist der Plot nicht besonders elaboriert, um es milde auszudrücken. „Guardians“ folgt einem relativ üblichen Schema: Bösewicht sucht weltenzerstörendes MacGuffin, Helden schaffen es nicht zu verhindern, dass es dem Bösewicht in die Hände fällt, Bösewicht wird mächtiger und muss aufgehalten werden. Und apropos Bösewicht: Ronan der Ankläger ist ziemlich langweilig und hat eine Motivation, die dünner ist als Papier, von seinem Hintergrund ganz zu schweigen. Das ist eigentlich ziemlich schade, denn ich denke, Lee Pace wäre durchaus in der Lage gewesen, einen interessanten Schurken zu spielen, aber es gibt einfach fast nichts, mit dem er arbeiten könnte. Statt Handlung und Schurken stehen eindeutig die titelgebenden Charaktere im Vordergrund. Ganz ähnlich wie bei „The Avengers“ geht es oftmals eher darum, die Figuren in eine bestimmte Situation zu bringen und sie darauf und aufeinander reagieren zu lassen. Und wie schon bei „The Avengers“ funktioniert dieses Konzept wegen der sorgfältig und liebenswert konzipierten Figuren und der hervorragend aufgelegten Schauspieler blendend. Das gilt durchweg für die gesamte Besatzung der Guardians, die alle sehr schräg, sehr individuell, sehr authentisch und sehr gelungen sind. Wer hätte gedacht, dass die Freundschaft zwischen einem Baum mit Hodor-Syndrom und einem sprechenden Waschbären so berührend sein könnte? „Guardians of the Galaxy“ ist ein Film, bei dem die Handlung nicht wirklich wichtig ist, was den Film gut macht sind die Charaktere und ihre Interaktion, zusätzlich zur wunderbar gestalteten Filmwelt (es gibt viel zu sehen, James Gunn geizt nicht mit Schauwerten), den schrägen Einfällen, der kreativen Action und natürlich dem selbstironischen Humor und den Dialogen. Wie so oft gilt: Der Weg ist das Ziel.
Zum Schluss noch ein Wort zum Platz dieses Films im Gesamtkontext des MCU: Vorerst wirkt er relativ selbständig, es gibt keine Gastauftritte von Iron Man oder Thor und auch keine offensichtlichen Rückbezüge. Wer halbwegs gut bei „The Avengers“ und „Thor: The Dark World“ aufgepasst hat, wird Thanos (Josh Brolin) und den Collector (Benicio del Toro) wiedererkannt haben. Beide absolvieren auch in diesem Film nur Gastauftritte und werden wohl erst in „The Avengers 3“ (und eventuell den vorausgehenden Phase-3-Filmen) wirklich wichtig werden. Wer darüber hinaus fähig ist, eins und eins zusammenzuzählen, könnte gemerkt haben, dass der Tesserakt und der Äther wohl ebenfalls Infinity-Steine sind und sich fragen, was wohl passiert, wenn man alle zusammenführt.
Fazit: Extrem spaßiger Sci-Fi-Streifen mit recht schwachem Plot und Schurken, aber grandiosen Charakteren, toller Action und herrlichem Humor.

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Siehe auch:
The Avengers
Thor: The Dark World