Dunkirk

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Story:
Wir schreiben das Jahr 1940, die Wehrmacht überfällt Frankreich und tausende britischer Soldaten, darunter der junge Tommy (Fionn Whitehead) sind in der französischen Hafenstadt Dünkrichen eingeschlossen. Da Churchill die Soldaten zur Verteidigung des britischen Festlandes braucht, wird eine großangelegte Rettungsaktion gestartet, an der nicht nur militärische Schiffe, sondern auch tausende von zivilen Seevehikeln teilnehmen. Mister Dawson (Mark Rylance), sein Sohn Peter (Jack Lowden) und eine Junge namens George (Barry Keoghan) machen sich auf, um an der Aktion teilzunehmen und ziehen bereits auf dem Weg einen Soldaten (Cillian Murphy) aus dem Wasser. Derweil kommt die größte Bedrohung aus der Luft: Mit den Kampfpiloten der Deutschen muss sich der Pilot Farrier (Tom Hardy) auseinandersetzen, sonst droht die Mission zu scheitern…

Kritik: Kritiker (und da schließe ich mich ein) sind sehr schnell dabei, Klischees zu verurteilen. Wenn es allerdings an erzählerische und sonstige filmische Konventionen geht, sieht die Situation anders aus. Mit „Dunkirk“ versuchte Christopher Nolan scheinbar, sowohl gegen Klischees als auch gegen Konventionen vorzugehen. In mancher Hinsicht sticht Nolans neuestes Werk somit stark aus seinem Œuvre heraus, in anderen Aspekten passt es vorzüglich zu den bisherigen Filmen. Ein Nolan’sches Markenzeichen, das in „Dunkirk“ beispielsweise völlig fehlt, sind die ausufernden, man möchte manchmal fast schon sagen: plakativen philosophischen Dialoge. Tatsächlich sind Dialoge generell selten – „Dunkirk“ ist ein sehr visueller Film, der fast alles über die Optik und den Score vermittelt (dazu später mehr). Das Genre unterscheidet sich ebenfalls, da Nolan sich bisher vor allem in geringfügig futuristischen Räumen bewegte, die meisten Nolan-Filme der letzten Jahre waren Sci-Fi-Thriller; selbst „The Prestige“ passt auf gewisse Weise in dieses Muster. „Dunkirk“ dagegen ist ein historischer Kriegsfilm.

Dennoch muss man nicht allzu lange suchen, um Parallelen zu bisherigen Nolan-Filmen zu finden. Das Thema „Zeit“, das den Regisseur wohl einfach nicht loslässt, ist in „Dunkirk“ stets präsent. Damit einher geht eine nonlineare Erzählstruktur, die für etwas Verwirrung sorgen könnte, wenn man nicht ganz genau aufpasst oder sich vorher informiert hat: Die Evakuierung Dunkirks wird nicht nur aus drei verschiedenen Perspektiven gezeigt – vom Land aus mit Tommy, von der See aus mit Mister Dawson und den beiden Jungen und von der Luft aus mit Farrier – jeder dieser drei Handlungsstränge erstreckt sich über unterschiedliche Zeitabschnitte. Tommy verbringt eine Woche am Strand, die Bootsreise von England nach Frankreich dauert etwa einen Tag und Farrier ist gerade einmal eine Stunde in der Luft; da die Handlungsstränge allerdings ineinandergeschnitten sind, wird das nicht wirklich deutlich.

Ein weiteres Nolan-Markenzeichen ist die Tendenz, eher Filme über Konzepte als über Figuren zu drehen. Zumindest für mich wird diese Tendenz in Nolans Werk immer stärker, gerade wenn man beispielsweise „Batman Begins“ mit „The Dark Knight Rises“ vergleicht – Ersterer ist weitaus figurenorientierter, während Letzterer sich eher um Konzepte und Themen kümmert, was den Figuren oft zum Nachteil gereicht. „Dunkirk“ ist der Höhepunkt dieser Tendenz, denn der Zuschauer erfährt so gut wie nichts über die handelnden Akteure des Films. Mir scheint es, als wolle Nolan sein Publikum emotional direkt in den Film werfen, anstatt es mit den Charakteren mitfiebern zu lassen. So ganz ohne Figuren geht es dann natürlich auch nicht, aber sie bleiben fast ausschließlich völlig leere Projektionsflächen; lediglich die Figuren des Handlungsstranges auf See sind minimal besser ausgearbeitet. Wenn es so etwas wie einen emotionalen Kern des Films gibt, dann ist es Mark Rylance als Mister Dawson.

Ob „Dunkirk“ somit funktioniert, hängt letztendlich davon ab, ob der Zuschauer sich so direkt in den Film werfen lässt: Rein technisch und logistisch ist der Film brillant, was Nolan da auffährt ist höchst beeindruckend. Wie üblich arbeitet er so wenig mit CGI wie möglich, was man auch deutlich merkt, alles wirkt authentisch und intensiv. Dennoch geht Nolans Ansatz für mich nicht wirklich auf, da ich nun mal doch ein sehr figurenfixierter Zuschauer bin und die meisten von ihnen kaum greifbar sind. Darsteller wie Kenneth Branagh oder Cillian Murphy schaffen da natürlich ein wenig Abhilfe, man kennt sie eben, aber gerade Tommy, der ja nominell die Hauptfigur ist, bleibt völlig undefiniert und befindet sich die meiste Zeit über in Gesellschaft anderer junger Soldaten, die alle genauso aussehen wie er. Noch stärker ist dieser Mangel an Identität bei den Deutschen, die völlig gesichtslos bleiben und von denen meistens nur als „der Feind“ gesprochen wird. Lediglich in einer einzigen Szene tauchen sie auf und sind dort auch nur verschwommen zu sehen.

Der Score von Hans Zimmer macht das leider nicht besser. Auch diesbezüglich ist „Dunkirk“ der Höhepunkt einer Tendenz im Werk des Komponisten, denn im Gegensatz zu dem, was er für Christopher Nolan hier komponiert hat, ist selbst „Batman v Superman: Dawn of Justice“ fast noch melodisch. Wie der Film selbst nimmt auch die Musik so gut wie keine Rücksicht auf die Figuren oder ihre Emotionen, stattdessen dient der Score nur einem einzigen Zweck: Die Anspannung noch zu fördern. Das Mittel der Wahl ist dabei, neben dem obligatorischen, durch Elektronik zum Teil bis zur Unkenntlichkeit manipulierten Orchester und dem Ticken einer Uhr, die sog. „Shepard-Skala“, eine Illusion bestehend aus übereinandergelegten Tonfolgen, die für den Hörer klingt, als würde sie beständig ansteigen, ohne dabei den hörbaren Bereich zu verlassen. Zu Anfang funktioniert das auch halbwegs gut, aber mit der Zeit wird der Score unglaublich anstrengend. Mein Hauptproblem dabei ist dasselbe, das ich mit vielen anderen Scores habe, die primär auf Sounddesign ausgelegt sind: Im Grunde sind die Stücke ziemlich austauschbar, kaum etwas verbindet sie mit den dazugehörigen Szenen. Fast jeder Track in „Dunkirk“ ist gleich aufgebaut: Es wird eine kurze musikalische Figur vorgestellt, die dann ad infinitum wiederholt wird, gerne unter Verwendung der oben beschriebenen Shepard-Skala. Selbst in geringeren Dosen hätte das noch funktionieren können, aber der Score füllt fast den ganzen Film, es gibt kaum Stille und irgendwann nervt er einfach nur noch. Interessanterweise stammen die wenigen Stücke, die tatsächlich melodisch sind, nicht von Zimmer, es handelt sich um eine von Benjamin Wallfisch bearbeitete Version des Stückes Nimrod von Edward Elgar, die etwas nach Vangelis klingt. Ich muss wohl kaum erwähnen, dass das Soundtrack-Album losgelöst vom Film ziemlich unhörbar ist.

Fazit: „Dunkirk“ ist ein höchst unkonventioneller Film, was ihn in gleichem Maße interessant wie anstrengend macht. Auf technischer Ebene ist Nolans neuestes Werk brillant, aber mehr noch als jeder andere Film seines Œuvres stehen bei „Dunkirk“ nicht Figuren, sondern Konzepte im Zentrum. Konventionelle Figurenzeichnung ist so gut wie überhaupt nicht vorhanden, da Nolan ein direktes Erlebnis möchte, doch gerade das sorgt dafür, dass es zumindest mir schwer fällt, mich auf den Film über die visuelle und technische Eben hinaus einzulassen.

Titelbildquelle

Trailer

A Cure for Wellness

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Story: Im Auftrag seines Unternehmens reist Lockhart (Dane DeHaan) in ein abgelegenes Sanatorium in der Schweiz, um das Vorstandsmitglied Pembroke (Harry Groener) zurück nach New York zu holen. Doch schon bald stellt er fest, dass in dem Sanatorium unter Leitung von Dr. Heinreich Volmer (Jason Isaacs) etwas ganz und gar nicht stimmt. Kein Patient verlässt die Einrichtung je wieder, sie alle finden den Ort wunderbar, obwohl sie nach und nach verfallen. Und dann ist da noch die mysteriöse Hannah (Mia Goth), ein, wie sie selbst sagt, Spezialfall. Schon bald erkennt Lockhart: Um seinen Auftrag erfüllen zu können, muss er herausfinden, was in den Kellerräumen des Sanatoriums wirklich geschieht…

Kritik: Betrachtet man sich Gore Verbinskis Filme der letzten zehn Jahre, darunter vor allem die ersten drei Teile von „Pirates of the Caribbean“ sowie „Rango“ und den Disney-Megaflop „The Lone Ranger“, dann will „A Cure for Wellness“ da erstmal nicht so recht reinpassen. Einen offensichtlich verwandten Film findet man erst, wenn man ins Jahr 2002 zu Verbinskis Remake von „The Ring“ zurückgeht. Während nicht jeder dieser Filme wirklich vollauf gelungen ist, sind sie doch alle zumindest interessant – „A Cure for Wellness“ reiht sich da wunderbar ein. Vor allem gilt es jedoch, erst einmal eine Warnung auszusprechen: Dieser Film ist gewissermaßen eine Mogelpackung – vielleicht die grandioseste Mogelpackung der letzten Jahre. Die Trailer mögen einen Psychothriller á la „Shutter Island“ suggerieren, während der Titel und die ersten zehn Minuten eine damit verbundene Auseinandersetzung mit modernen Themen wie Wellness, Burn-out und dem leeren Erfolgsstreben des Großkapitalismus versprechen. „A Cure for Wellness“ ist nach diesen zehn Minuten allerdings ein völlig anderes Biest: Sobald Lockhart im Sanatorium in der Schweiz ankommt und beginnt, auf dunkle Geheimnisse zu stoßen, stellt sich heraus, dass es sich bei diesem Film eigentlich um eine waschechte Gothic-Horror-Geschichte mit einer Prise Lovecraft handelt.

Viele Rezensenten kritisierten vor allem das Ende, bzw. das Finale und die damit zusammenhängende Enthüllung, ich sehe das allerdings anders. Die größte Schwäche dieses Films ist in meinen Augen der bereits erwähnte Anfang, denn er veranlasst den Zuschauer, den Film unter einer letztendlich falschen Prämisse zu betrachten, die dazu führt, dass man unweigerlich enttäuscht wird, weil man etwas anderes erwartet. Dementsprechend uninspiriert wirkt dann auch die Schlussszene; es scheint, als hätten sich Verbinski und sein Drehbuchautor Justin Haythe (beide zusammen haben die Story geschrieben) daran erinnert, dass da ja noch die zu Beginn gestellte Thematik war und versucht, einen Abschluss zu liefern, was aber nicht wirklich gelingt.

In mancher Hinsicht hat „A Cure for Wellness“ einiges mit Guillermo del Toros „Crimson Peak“ gemein. Bei beiden Filmen handelt es sich um Liebeserklärungen an den klassischen Schauerroman und das Gothic-Horror-Genre des 19. Jahrhunderts, in beiden Fällen wurden die Filme allerdings nicht unbedingt als das beworben, was sie sind. „Crimson Peak“ ist immerhin vom Marketing losgelöst sehr ehrlich und erklärt dem Zuschauer am Anfang, woran er ist, während „A Cure for Wellness“ den Zuschauer noch im Film täuscht. Ich persönlich denke, dieser Film hätte weitaus besser funktioniert, hätte er nicht im 21. Jahrhundert, sondern in den 1950ern, den 1920ern oder sogar im späten 19. Jahrhundert gespielt; das Sanatorium wirkt ohnehin, als stamme es direkt aus den 50ern.

Wenn man die falsche Prämisse und die Tatsache, dass es eigentlich weder um Wellness, noch um sonstige Themen des 21. Jahrhunderts geht, überwunden hat, funktioniert der Film als Gothic-Horror-Geschichte exzellent. Verbinskis etwas umständliche, behäbige und zum Teil auch langatmige Erzählweise, die schon bei den Pirates-Sequels oftmals kritisiert wurde, passt tatsächlich wunderbar zu dieser Hommage, da sie im besten Sinne viktorianisch ist. Die Art, wie die Geschichte aufgebaut ist, die Konzeption des Protagonisten, des Antagonisten und der mysteriösen Frauenfigur, der Twist am Ende, die moralischen Abgründe – all das entspricht genau den Konventionen der klassischen Gothic Novel. Selbst das Geheimnis, das sich im Sanatorium verbirgt wäre in einem „gewöhnlichen“ Thriller unpassend, aber auch hier folgt „A Cure for Wellness“ mit seiner Steampunk-Ästhetik und dem beinahe magischen Prozess den gotischen Konventionen. Wer, wie ich, diesen etwas abgewinnen kann, dürfte auch von „A Cure for Wellness“ angetan sein.

Zumindest ein Aspekt ist jedoch über jeden Zweifel erhaben: Verbinskis Bildsprache ist schlicht brillant. Und das betrifft nicht nur die exzellent gefilmte Bergpanoramen und Kulissen, darunter Burg Hohenzollern, sondern auch die diversen Techniken wie die Parallelmontage oder die optischen Spiegelungen, derer er sich bedient, um alptraumhafte Bilder zu erzeugen. Apropos alptraumhaft, auch diesbezüglich gibt es einiges zu bieten. Verbinski schreckt vor visuellen Gemeinheiten absolut nicht zurück und gewährt dem Zuschauer kein gnädiges Abblenden. Die üppige Bilderwelt des Films ist ebenfalls vom gotischen Geist durchdrungen. Darüber hinaus hat Verbinsiki noch die eine oder andere kleine Anspielung versteckt – so liest einer der Pfleger des Sanatoriums gerade Thomas Manns „Der Zauberberg“. Hätte Mann sein Werk nichts als Bildungs- sondern als Schauerroman konzipiert, wäre vielleicht etwas wie „A Cure for Wellness“ dabei herausgekommen.

Schauspielerisch bewegt sich „A Cure for Wellness“ ebenfalls durchaus auf hohem Niveau. Dane DeHaan wirkt ein wenig überfordert, dafür weiß Mia Goth aber vollauf zu überzeugen (und hat auch noch einen passenden Namen) und Jason Isaacs wurde die Rolle des Sanatoriumsleiters mit dem finsteren Geheimnis geradezu auf den Leib geschrieben. Ähnlich überzeugend ist auch die Musik, die dieses Mal nicht von Verbinskis Stammkomponisten Hans Zimmer kommt, sondern von dem britischen Komponisten Benjamn Wallfisch, der einen wirkungsvollen Horror-Score in der Tradition Jerry Goldsmiths und Christopher Youngs beisteuert.

Fazit: „A Cure for Wellness“ ist ein unbequemer und unebener Film, aber auch eine visuell brillante, enthusiastische Liebeserklärung an das Gothic-Horror-Genre, die für mich als solche wunderbar funktioniert hat und der ich den Erfolg an den Kinokassen vollauf gegönnt hätte, immerhin werden Filme, die nicht zu einem Franchise gehören und keine Adaption oder ein Remake sind, immer seltener.

Trailer

Siehe auch:
Crimson Peak