Stück der Woche: Avengers Campus: New Recruits

Was für ein Mai: Zuerst hat mich Corona erwischt, dann war auf der Arbeit die Hölle los, zum Schreiben oder Rezensieren ist da kaum mehr Zeit geblieben, lediglich mein Review zu „The Northman“ konnte ich fertigstellen. Dennoch soll der Mai nicht verstreichen, ohne dass nicht zumindest noch ein weiterer Artikel online geht. Beim Sujet dieses Artikels handelt es sich um ein besonderes musikalisches Fundstück: Für die musikalische Untermalung der Disneyland-Attraktion „Avengers Campus“ heuerte man John Paesano an, der mit Avengers Campus: Welcome Recruits ein wirklich beeindruckendes MCU-Medley abgeliefert hat. Paesano arbeitete bereits zuvor im Serien- und Spielebereich an Marvel-Projekten, unter anderem vertonte er die Netflix-Serien „Daredevil“ und „The Defenders“ sowie diverse Spider-Man-Spiele.

Das gesamte, knapp zwölfminütige Stück wird von Alan Silvestris Avengers-Thema zusammengehalten, besagtes Leitmotiv eröffnet es auch auf fulminante Weise, ab 0:45 sogar mit Chorbegleitung. Bei 0:56 scheint es, als würde das Thema von vorn beginnen, der ikonische Streicher-Rhythmus, der die Abspann-Suite des ersten Avengers-Films beginnt, setzt ein, doch anstatt erneut in das zugehörige Thema überzugehen, erklingt ab 1:04 Michael Giacchinos Spider-Man-Thema, allerdings mischt sich das Avengers-Thema immer wieder ein, etwa bei 1:15. Das meine ich, wenn ich schreibe, dass es den Track zusammenhält: Paesano streut immer wieder Fragmente und Begleitfiguren ein und setzt sie in Kontrapunkt zu den anderen Marvel-Themen, was mitunter interessante Ergebnisse erbringt. Giacchinos Leitmotiv für den Netzschwinger ist ohnehin ein recht naher Verwandter von Silvestris Thema, weshalb das hier besonders gut funktioniert.

Das bei 1:37 erneut einsetzende Avengers-Thema fungiert zudem als Übergang zu Tyler Bates‘ Identität für die Guardians of the Galaxy (ab 1:50). Ab 2:15 ist der distinktive Rhythmus von Christophe Becks Ant-Man-Thema zu hören, die Melodie folgt kurz darauf, allerdings streut Paesano auch hier das Avengers-Thema immer wieder mit ein, sodass beinahe ein Hybrid auf beiden Themen entsteht. Bei 4:05 kehrt Giacchinos Spider-Man-Thema zurück, um bei 4:50 erneut vom Avengers-Rhythmus und dem sich aufbauenden, zugehörigen Thema abgelöst zu werden. Bei 5:44 erklingt erneut das Guardians-Thema, das nach einem kurzen Avengers-Einschub ab 6:42 von einer besonders bombastischen Version von Giacchinos Doctor-Strange-Thema abgelöst wird. An dieser Stelle bietet es sich an, kurz über die Instrumentierung zu sprechen. Paesano entschied sich für ein relativ standardisiertes Orchester, sodass sich die anderen Themen dem Avengers-Thema stilistisch gewissermaßen unterordnen. Bei den bisherigen Leitmotiven fällt das kaum ins Gewicht, in „Doctor Strange“ bedient sich Giacchino allerdings einiger Spezialinstrumente, etwa des Cembalo oder der Sitar, die hier abwesend sind.

Auf die Musik des Sorcerer Supreme folgt bei 8:05 Pinar Topraks Repräsentation von Captain Marvel, bereits kurz darauf erklingen ab 8:29 die Begleitfiguren von Ludwig Göranssons Black-Panther-Thema. Obwohl Paesano auch hier auf die spezifischen afrikanischen Percussions verzichtet, gelingt es ihm doch sehr gut, durch das „normale“ Schlagzeug und den Choreinsatz das Feeling des Scores von „Black Panther“ zu reproduzieren. Und, noch besser, die Wakanda-Musik wird hier auf wirklich geniale Weise mit dem Avengers-Thema verknüpft, sodass nun tatsächlich ein Hybrid entsteht. Die beiden Themen greifen so nahtlos ineinander, als hätten sie schon immer zusammengehört.

Bei 10:10 erklingt noch einmal die Captain-Marvel-Fanfare – Paesano beendet das Stück mit der Wiederholung einiger Themen in kürzerer Abfolge, bei 10:30 mischt sich noch einmal das Avengers-Thema ein, bei 11:11 wird das Guardians-Thema wiederholt und bei 11:34 folgt zum Abschluss das Leitmotiv von Doctor Strange, bevor der Track merkwürdig offen und unbefriedigend endet – an dieser Stelle wäre eine finale Performance des Avengers-Thema vielleicht angebracht gewesen. Davon abgesehen ist Avengers Campus: New Recruits ein wirklich beeindruckendes Stück, von dessen Kombination verschiedener MCU-Themen sich die Filmkomponisten für die Zukunft gerne eine Scheibe abschneiden dürfen.

Besonders interessant im Kontext dieses Tracks ist die Auswahl der Themen: Kein Mitglied der ersten Generation der MCU-Helden ist vorhanden, stattdessen fiel die Wahl auf Leitmotive der Helden bzw. Teams, die in Phase 2 und 3 etabliert wurden und in Phase 4 entweder bereits einen Film hatten (Spider-Man und Doctor Strange, wobei der Track kurz vor Kinostart von „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ veröffentlicht wurde) oder noch einen bekommen (Ant-Man, die Guardians, Captain Marvel, Black Panther). Dennoch wäre es schön gewesen, Alan Silvestris Marsch für Captain America hier zu hören, war dieses doch das erste Thema, das für ein Mindestmaß an leitmotivischer Kontinuität im MCU sorgte. Bei manchen der alten Garde besteht natürlich zusätzlich das Problem, dass sie über zu viele Themen verfügen: Iron Man und Thor haben praktisch in jedem zweiten Film, in dem sie auftauchen, ein neues Leitmotiv bekommen. Ich zumindest hoffe inständig, dass Michael Giacchino dem Donnergott in „Thor: Love and Thunder” nicht schon wieder ein neues Thema verpasst…

2 Gedanken zu “Stück der Woche: Avengers Campus: New Recruits

  1. Holy Fucking Shit! Dieses Stück sollte ich definitv in meine MCU-Playlist und vielleicht auch an den Schluss von „Avengers: Endgame“ einprogrammieren. Das ist wirklich wundervoll arrangiert.

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