Nosferatu in Venice

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Story: In Venedig sucht der britische Wissenschaftler Paris Catalan (Christopher Plummer) nach Spuren des mysteriösen Vampirs Nosferatu (Klaus Kinski). Dabei stößt er auf die Prinzessin Helietta Canins (Barbara De Rossi), die der verstorbenen Geliebten Nosferatus zum Verwechseln ähnlich sieht. Entgegen der Warnung des Priesters Don Alvise (Donald Pleasence) nimmt Professor Catalan an einer Séance der Familie Canins Teil, die Nosferatu tatsächlich dazu bringt, sein Grab nach 200 Jahren wieder zu verlassen. Als wacher und durstiger Vampir macht Nosferatu sich nun auf die Suche nach Opfern, während Catalan und Don Alvise versuchen, das Ungeheuer aufzuhalten…

Kritik: Klaus Kinski hatte als Schauspieler ein interessantes Verhältnis zu Dracula. Bereits 1970 spielte er in Jesús Francos „Nachts, wenn Dracula erwacht“ bzw. „Count Dracula“ bzw. „Il Conte Dracula“ einen katatonischen Renfield, um nur ein Jahr später Edgar Allan Poe in einer Produktion des italienischen Regisseurs Antonio Margheriti aufzutreten, die den deutschen Titel „Dracula im Schloß des Schreckens“ trägt, darüber hinaus mit Stokers Grafen aber nichts zu tun hat. 1979 durfte er sich schließlich in Werner Herzogs „Nosferatu – Phantom der Nacht“ selbst als Blutsauger versuchen. Obwohl es sich dabei um ein Remake des Stummfilmklassikers von Murnau handelt, beschloss Herzog, die Namen aus Stokers Roman zu verwenden, sodass Kinski zwar aussieht wie Max Schrecks Graf Orlok, aber als Dracula unterwegs ist. Was mir selbst bis vor kurzem noch unbekannt oder zumindest unbewusst war: Kinski durfte seine Reißzähne noch ein weiteres Mal entblößen, und zwar fast zehn Jahre später in der italienischen Produktion „Nosferatu in Venice“, manchmal auch „Vampire in Venice“ (Originaltitel: „Nosferatu a Venezia“, 1988). Es handelt sich dabei um eine Pseudofortsetzung des Films von Herzog: Inhaltliche passen die beiden definitiv nicht zusammen, da Dracula zum einen am Ende von „Phantom der Nacht“ getötet wird und der in dieser Produktion nur als Nosferatu bezeichnete Vampir zum Zeitpunkt der Handlung besagten Herzog-Films noch in seinem Grab ruht. Auch optisch unterscheiden sich beide Vampire: Wo Dracula einen kahlen Schädel und Fledermausohren hat, verfügt der venezianische Nosferatu über volles, blondes Haar und ist deutlich weniger entstellt. Vermutlich hatte Kinski einfach keine Lust auf aufwendiges Make-up. Die Wahl des Titels und Hauptdarstellers sowie der Umstand, dass Nosferatu über dieselben spitzen Schneidezähne wie sein Herzog-Gegenstück verfügt, lassen aber darauf schließen, dass man sich dennoch irgendwie auf „Phantom der Nacht“ berufen wollte. Handlungstechnisch lassen sich Parallelen zu „Dracula“ nicht leugnen, das Drehbuch ist zweifelsohne eine Variation auf altbekannte Themen. Die Reinkarnation der großen Liebe des Vampirs deutet schon auf „Bram Stoker’s Dracula“ (1992) hin, war aber bereits in Dan Curtis „Dracula“ (1974) mit Jack Palance Teil der Handlung.

Wie dem auch sei, „Nosferatu in Venice“ gehört zu den Filmen, deren Entstehungsgeschichte deutlich interessanter ist als die Handlung des Films. Ursprüngliche sollte Maurizio Lucidi für den Produzenten Augusto Caminito bei „Nosferatu in Venice“ Regie führen, nachdem dieser Klaus Kinski für zwei Filme verpflichten konnte. Dann beschloss Caminito allerdings, dass Budget des Films zu erhöhen und mit Pasquale Squitieri einen deutlich prestigeträchtigeren Regisseur zu verpflichten. Zwischen dem Produzenten und dem neuen Regisseur kam es allerdings zu Konflikten, weshalb Caminito auch Squitieri feuerte, sodass nun Mario Caiano die Regie übernahm, was mit einer Reduzierung des Budgets einherging. Der Dreh des Films verlief nicht weniger problematisch, da Kinski sich wie üblich querstellte, sich mitunter in seinem Trailer einschloss, wenn etwas nicht geschah, wie er es wollte, und auch sonst tat, was ihm passte, inklusive der sexuellen Belästigung der Darstellerinnen. Das alles führte dazu, dass der Dreh irgendwann abgebrochen wurde, obwohl nur ein Teil des Drehbuchs abgefilmt worden war, und Caiano „Nosferatu in Venice“ aus dem vorhandenen Material zusammenstückelte.

Dementsprechend wirr und zusammenhanglos fällt dann auch die Handlung aus. Zugegebenermaßen finden sich wirklich einige beeindruckende und atmosphärische Aufnahmen von Venedig, aber darüber hinaus ist deutlich spürbar, dass es sich hierbei um alles andere als einen kohärenten Film handelt. Selten wirken die Handlungen der Figuren motiviert oder nachvollziehbar, Charaktere tauchen ohne Erklärung auf und verschwinden wieder, sterben plötzlich etc.

Der Cast ist tatsächlich äußerst hochkarätig: Donald „Blofeld“ Pleasence hat als Priester nicht wirklich viel zu tun und auch Christopher Plummer als Van-Helsing-artiger Paris Catalan wirkt unterfordert – dennoch findet sich hier amüsantes unfreiwilliges Foreshadowing, sollte Plummer doch in „Wes Craven’s Dracula“ etwa zehn Jahre später tatsächlich Van Helsing spielen. Kinski selbst gelingt das merkwürdige Kunststück, zugleich aggressiver und verbrauchter zu sein als in Herzogs Film. „Nosferatu in Venice“ versucht ebenfalls, seinen Vampir als tragischen, lebensmüden Untoten darzustellen, anders als in Herzogs Film spielt Kinski diese Rolle aber nicht mehr, stattdessen ist er im Grunde einfach er nur er selbst, gieriges Raubtier, das er war. Man merkt vor allem in der zweiten Hälfte des Films, dass der Schauspieler immer öfter in die Handlung eingriff, denn hier wird primär gezeigt, wie sich Nosferatu mit seinen Opfern beschäftigt. Es kann allerdings nicht geleugnet werden, dass Kinski auch zu diesem Zeitpunkt noch über eine beeindruckende Präsenz verfügte.

Fazit: „Nosferatu in Venice“ ist kein guter, aber zweifelsohne ein faszinierender Film, eine Katastrophe mit beeindruckender Besetzung, in der Klaus Kinski einfach er selbst sein konnte. Wer neugierig geworden ist: Der Film ist komplett auf Youtube zu finden. Stellt sich nur noch die Frage: Ist es zu viel verlangt, dass ein Comedy-Remake mit Max Giermann als Klaus Kinski als Nosferatu gedreht wird?

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Nosferatu