The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover

Spoiler!
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Story: Nachdem der englische Gangster Albert Spica (Michael Gambon) das französische Restaurant „Le Hollandais“ übernommen hat, speist er dort allabendlich und macht den anderen Gästen, dem Personal und dem Koch Richard Boarst (Richard Bohringer) das Leben schwer. Auch Spicas Frau Georgina (Helen Mirren) hat genug von dem proletenhaften und ungehobelten Verhalten ihres Mannes, weshalb sie eine Affäre mit dem Buchhändler Michael beginnt, der ebenfalls regelmäßig im „Le Hollondais“ speist – diese Affäre findet direkt unter Spicas Nase, auf der Toilette oder in der Küche des Restaurants statt. Doch dann erfährt Spica von dem Verhältnis und sein Zorn ist grenzenlos…

Kritik: Ich wollte mich schon lange einmal mit den Filmen des walisischen Regisseurs Peter Greenaway beschäftigen – und siehe da, unverhofft taucht sein bekanntester Film, „The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover“, auf Amazon Prime auf, eine Gelegenheit, die man sich natürlich nicht entgehen lassen sollte. Besagter Film mit dem etwas längeren Titel ist definitiv ein Werk für einen etwas erleseneren Geschmack – sofern man dazu auch einen starken Magen hat. Es dürfte wohl ohnehin klar sein, dass man bei einem derartigen Werk keine atemlose Spannung oder wendungsreiche Handlung erwarten dürfte. Im Zentrum stehen Aussage und Ästhetik – und vor allem Letztere ist wirklich eindrücklich.

Greenaways Ästhetik erinnert ein wenig an eine grimmigere, pessimistischere Version von Wes Anderson, seine Bilder sind auf ähnliche Weise durchkomponiert, vollgestopft mit Symbolismus und äußerst künstlich anmutend. Die Sets erinnern an Bühnenkulissen oder barocke Gemälde, von denen sie auch inspiriert wurden. Die Handlung beschränkt sich auf einige wenige Räumlichkeiten, darunter der direkte Außenbereich des Restaurants, die Küche, der Gästeraum, die Toilette sowie Michaels Buchladen. Jeder dieser Räume ist farblich gekennzeichnet, was die artifizielle Natur der Bildsprache noch erhöht, da auch die Kostüme der Darsteller dementsprechend ihre Farbe wechseln: In der grün ausgeleuchteten Küche ist Albert Spicas Hemd ebenfalls grün, im Gästeraum rot, auf der Toilette weiß etc. Ich weiß nicht, ob Greenaway diese Parallele beabsichtigte, aber mich persönlich erinnert diese Gestaltung an Edgar Allan Poes „The Masque of the Red Death“ und die ähnlich konzipierten Räumlichkeiten auf Fürst Prosperos Fest. Andere Verweise sind dagegen eindeutig beabsichtigt; die Garderobe Spicas und seiner Speichellecker orientiert sich etwa an dem Gemälde „Festmahl der Offiziere der Sankt-Georgs-Schützengilde“ des niederländischen Malers Frans Hals, das zufälligerweise auch im Gastraum des „Le Hollondais“ hängt. Aufbau der Handlung sowie der letztendlich Ausgang erinnern an Shakespeares „Titus Andronicus“ und ähnlich geartete Rachestücke dieser Ära – auch Georgina nimmt letztendlich grausame Rache für Spicas Mord an Michael, ganz ähnlich, wie Titus an Saturninus und Tamora Vergeltung übt.

Im Zentrum sowohl der Handlung als auch der Bildsprache stehen Albert Spica und sein Verhältnis zu Nahrung: Es findet sich kaum eine Szene, in der Spica nicht isst, oder besser: sich vollstopft. Das Essen, das im Restaurant konsumiert wird, ist zugleich ansprechend und abstoßend, Letzteres auch bedingt durch diejenigen, die konsumieren. Die Inszenierung der Nahrung wird im dritten Akt endgültig zum Akt des Ekels: Georgina und Michael müssen in einem Laster mit fauligem Schweinefleisch vor Spica flüchten, ein Chorjunge wird gefoltert, indem man ihn zwingt, Knöpfe zu essen und Michael wird schließlich auf ähnliche Weise von Spica hingerichtet, indem dieser ihn mit Buchseiten „füttert“. Am Ende schließlich zwingt Georgina ihren Mann aus Rache, den zubereiteten Kadaver ihres Geliebten zu verspeisen.

Das alles dient natürlich primär der Charakterisierung Spicas: Der Gangster bekommt den Hals nicht voll. Im Grunde hat er alles erreicht, was er erreichen kann, er ist erfolgreich in seinem Metier, hat alles, was er sich wünschen könnte, weiß aber letztendlich nichts damit anzufangen und will deshalb noch mehr. Er gibt sich als Connoisseur und philosophiert munter vor sich hin, seine Gedankengänge sind jedoch an Banalität nicht zu überbieten und zudem ist er mit seinem flegelhaften Verhalten in einem Restaurant wie dem „Le Hollondais“ völlig fehl am Platz. Die nicht unbedingt subtile Botschaft, die Greenaway hier wohl vermitteln will, kann natürlich allgemeingesellschaftlich gedeutet werden, wird aber zumeist auf die Regierung Margeret Thatchers bezogen. Ironischerweise wirkt Albert Spica allerdings auf jemanden, der diesen Film in 2020ern anschaut, unweigerlich wie eine bärtige, britische, dunkelhaarige Version von Donald Trump – bis hin zur viel zu langen Krawatte. Gier, Raubtierkapitalismus und Proletentum – hätte Greenaway „The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover” genau so heute gedreht, würden die Parallelen und die politische Botschaft wahrscheinlich zu plakativ wirken.

Obwohl sich im Grunde alles um Albert Spica dreht, sollte Georgina allerdings nicht außen vorgelassen werden, ist sie doch die eigentliche Hauptfigur, sprich die, die tatsächlich eine beeindruckende Wandlung durchmacht, von der zurückhaltenden Ehefrau, die die Affäre als Mittel des Widerstands für sich entdeckt, bis hin zum grimmigen Racheengel am Ende. An dieser Stelle sollte auch unbedingt die schauspielerische Leistung aller Beteiligten gelobt werden, vor allem Michael Gambon und Helen Mirren waren kaum je besser. In Albert Spicas Entourage entdeckt man amüsanterweise Tim Roth und Ciarán Hinds.

Fazit: Visuell überwältigender, aber auch anstrengender Film, ästhetisch und politisch faszinierend, aber nur für Zuschauer mit einem starken Magen geeignet.

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