Story der Woche: The Tenebrous Way

Spoiler!

Ich habe schon das eine oder andere Mal Anthologien mit Kurzgeschichten besprochen, fand das in meinem bewährten Format allerdings stets ein wenig unbefriedigend: Entweder der entsprechende Artikel wird gewaltig, oder man muss die Einzelgeschichten sehr knapp abhandeln. Aus diesem Grund möchte ich ein neues Format ausprobieren, analog zum „Stück der Woche“: die „Story der Woche“, in deren Rahmen eine kurze Prosa- oder Comic-Geschichte ausführlicher besprochen werden kann, als das im Rahmen eines Sammelband-Artikels möglich ist. Beginnen möchte ich mit „The Tenebrous Way“, einer Star-Wars-Legends-Kurzgeschichte.

Verfasst wurde „The Tenebrous Way“ von Matthew Stover, dem es gelang, sich mit nur vier Romanen („Traitor“, „Shatterpoint“, „Revenge of the Sith“, „Luke Skywalker and the Shadows of Mindor”) als mein liebster Star-Wars-Autor zu etablieren. Bei dieser Kurzgeschichte handelt es sich bis dato um Stovers letztes Star-Wars-Werk (was ist da los, Disney?). Erstmals zu lesen war „The Tenebrous Way“ im Dezember 2011 auf den Seiten des Magazins „Star Wars Insider“ und diente praktisch als Prolog des im folgenden Monat erschienenen Romans „Darth Plagueis“ von James Luceno. Erst dieses Jahr wurde die Story, zusammen mit einer ganzen Reihe andere Star-Wars-Insider-Kurzgeschichten im Rahmen des großformatigen, illustrierten Hardcover-Sammelbandes „Star Wars Insider: The Fiction Collection“ neu aufgelegt – ein wirklich schönes Stück, das nur ein Manko hat: Hier werden Legends- und Kanon-Geschichten gemischt.

In Lucenos Roman erleben wir als Leser den nach bester Sith-Tradition begangenen Mord Plagueis‘ an seinem Meister Darth Tenebrous aus der Sicht des Mörders, in der Kurzgeschichte hingegen schildert Stover dasselbe Ereignis aus der Perspektive des Opfers – und so erfahren wir, dass das alles zu Tenebrous‘ Plan gehört. Wie so viele andere seines Schlages hat auch der zur Spezies der Bith (macht ihn das zu einem „Bith-Lord“?) gehörende Tenebrous einen Plan, die Unsterblichkeit zu erlangen und eine recht eigene Sichtweise auf die Macht und den Orden der Sith. Die Bith, deren bekannteste Vertreter in den Filmen die Mitglieder der Cantina-Band „Figrin D’an and the Modal Nodes“ aus „A New Hope“ sind, sind eine Spezies, die sich vor allem als Mathematiker hervortun. Dementsprechend versucht Tenebrous, seine Ziele über die Kombination aus der Dunklen Seite der Macht und der Mathematik der Bith zu erreichen, beispielsweise, indem er nicht einfach nur die Macht nutzt, um in die Zukunft zu blicken, sondern indem er sie kalkuliert. Bei diesen Kalkulationen macht Tenebrous einen Schatten aus, der die Galaxis zu verschlingen droht. Zudem sieht er, dass es in der Zukunft nur „Einen Sith“ geben wird. Das Problem dabei ist: Tenebrous sieht auch seinen eignen Tod durch Plagueis‘ Hand – und es gefällt ihm überhaupt nicht, dass er nicht selbst der „Eine Sith“ sein wird.

Also schmiedet Tenebrous einen Plan, um doch überleben zu können, wobei er sich, wie sein Schüler, der Manipulation der Midi-Chlorianer bedient. Tenebrous lässt seinen eigenen Midi-Chlorianer mithilfe eines Retrovirus mutieren und erschafft auf diese Weise „Maxi-Chlorianer“, mit deren Hilfe er sein Bewusstsein erhalten kann und versucht, in Plagueis Körper zu immigrieren, um von dort aus schließlich in den Körper des prophezeiten Auserwählten, der die große Dunkelheit bringen wird, springen zu können. Sobald er nach seinem Tod auf diese Weise allerdings Zugriff auf Plagueis eigene präkognitive Fähigkeiten erhält, muss er feststellen, dass dieser Plan zum Scheitern verurteilt ist, weil Plagueis scheitert und von seinem eigenen Schüler niedergestreckt wird. Letztendlich hat sich Tenebrous das selbst zuzuschreiben, da es seine Maxi-Chlorianer sind, die von nun an Plagueis Fähigkeiten, die Zukunft vorherzusehen, blockieren. Panisch verlässt Tenebrous Plagueis‘ Körper und ist von nun an gezwungen, die letzten Momente seines Lebens immer wieder zu durchleben.

Stovers Ziel mit „The Tenebrous Way” war es, eine besondere Horror-Geschichte im Star-Wars-Universum zu schreiben. Dieses Unterfangen mit einem Sith als Protagonisten ist freilich eine besondere Herausforderung, eignen sich die Dunklen Lords in diesem Kontext doch eher als die Monster. Deshalb ist Tenebrous hier auch sein eigener Gegner, seine Machenschaften sind es, die zu seinem fürchterlichen Schicksal führen. Wie üblich ist Stover dabei sehr an den metaphysischen Elementen der Macht interessiert und geht, wie der „zugehörige“ Roman „Darth Plagueis“ stark auf die Midi-Chlorianer-Thematik ein. Diese hat im Fandom bekanntermaßen einen ziemlich schlechten Ruf, der in meinen Augen nicht ganz gerechtfertigt ist. Die Midi-Chlorianer wurden oft als Erklärung für die Macht missverstanden, sie sind aber lediglich biologische Spuren und dienen zur Kommunikation mit der Macht, sie sind nicht mit ihr identisch und auch nicht der finale Schlüssel zu ihrer Interpretation – sowohl „Darth Plagueis“ als auch spätere Folgen der Serie „The Clone Wars“ haben das überaus deutlich gemacht. Die Idee der Maxi-Chlorianer ist in diesem Kontext ein typisches Stover-Produkt, das einerseits einer gewissen Logik nicht entbehrt, andererseits aber auch nicht ganz ernst zu nehmen ist, mit dem typischen, Stover’schen Augenzwinkern präsentiert wird und sowohl die inhaltliche Konzeption als auch die Fanreaktion ein wenig auf den Arm nimmt.

Rein auf der Handlungsebene passiert hier tatsächlich nicht allzu viel, Stover schildert lediglich Tenebrous‘ Gedanken bei seinem Tod, dabei gelingt es ihm aber, diesen Sith-Lord auf ebenso knappe wie effektive Weise zu charakterisieren und zugleich seine größten Schwäche offenbaren. Wie so viele andere Sith auch glaubt Tenebrous geradezu dogmatisch, den einen Schlüssel zum Sieg und zur Entschlüsselung der Macht gefunden zu haben. Genau wie sein Schüler Darth Plagueis stolpert er dabei letztendlich über seine eigenen losen Enden und Unzulänglichkeiten. Auf gewisse Weise bekommt er, was er angestrebt hat: Die Unsterblichkeit. Aber unglücklicherweise ist er dabei in einer mentalen Zeitschleife gefangen. Wie für Stover üblich finden sich außerdem diverse weitere Legends-Anspielungen, in der Zukunft nimmt Tenebrous beispielsweise „Einen Sith“ wahr und interpretiert das als eine singuläre Person, während der Kenner des „Expanded Universe“ hinter dieser Vision natürlich Darth Krayt und seinen Orden der „Einen Sith“ (viele Sith, die als Kollektiv einem Willen folgen) erkennt, der aus der in der fernen Zukunft spielenden Comicserie „Legacy“ kommt. Über diesen Kniff vermittelt Stover, wie fehlbar Tenebrous Kalkulationen der Zukunft tatsächlich sind.

Fazit: Mit „The Tenebrous Way” verfasste Mattthew Stover nicht nur eine exzellente Begleitgeschichte zu James Lucenos „Darth Plagueis“, sondern auch eine der besten Star-Wars-Kurzgeschichten überhaupt. Wer Stovers Stil und seine Macht-philosophischen Einschübe zu schätzen weiß, sollte sich „The Tenebrous Way“ nicht entgehen lassen. Die oben eingebettete Fan-Lesung ist eine gute Gelegenheit.

Siehe auch:
Revenge of the Sith
Darth Plagueis

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