Justice League: Origin

DC_COMICS-Justice_League_Vol_1_Origin_The_New_52_Graphic_Novel-1415706_1024x1024
Der Snyder-Cut rückt näher. Nun gut, zugegebenermaßen ist er eigentlich schon da, weil ich allerdings keine Lust auf Sky Ticket habe, werde ich ihn mir erst zu Gemüte führen, wenn er als Download oder Blu-Ray erworben werden kann. Da ich ohnehin nicht der größte Fan von Synders Interpretation der DC-Helden bin, verkrafte ich die Wartezeit schon. Bis es allerdings soweit ist, lohnt es sich durchaus, die primäre Inspirationsquelle des Films unter die Lupe zu nehmen. Während Snyder und Chris Terrio in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ viele Elemente aus Frank Millers „The Dark Knight Returns” entlehnten, ist die (wenn auch lose) Vorlage von „Justice League“ (egal ob Snyder- oder Whedon-Cut) ein deutlich jüngeres Werk.

Zuerst allerdings ein wenig Kontext: 2011 entschloss man sich bei DC (mal wieder) zu einem kosmischen Reboot, um die Kontinuität zu sortieren und Neulesern den Einstieg zu erleichtern. 52 Serien begannen mit einer neuen Nummer 1 – daher auch der Name „New 52“ (zugleich die Anzahl der Parallel-Erden in DCs Multiversum). Viele Helden wurden fast völlig auf Null heruntergefahren und jegliche Ereignisse der vorherigen Kontinuität wurden ausgelöscht, allerdings nicht alle – Batman und Green Lantern wurden größtenteils intakt gelassen. Im Rahmen der Miniserie „Flashpoint“ wurde dieser Reboot umgesetzt. Vielleicht die zentrale Serie der New 52 war die neue Justice-League-Serie, geschrieben Geoff Johns, dem leitenden kreativen Kopf hinter dem Reboot, und bebildert vom zeichnerischen Schwergewicht Jim Lee. In den ersten sechs Ausgaben erzählten Johns und Lee, wie sich das Team in dieser neuen Kontinuität zum ersten Mal zusammenfindet.

In Gotham City wird Batman von merkwürdigen, dämonischen Kreaturen attackiert. Gemeinsam mit Green Lantern, mit dem er sich allerdings nicht allzu gut versteht, ermittelt der Dunkle Ritter. Sie stoßen auf eine nicht minder ominöse außerirdische Box und beschließen, sich an das bekannteste Alien zu wenden: Superman. Gemeinsam begeben sie sich nach Metropolis, allerdings ist der Mann aus Stahl nicht unbedingt gesprächsbereit und attackiert die beiden. Auch das Eingreifen Flashs ändert daran nichts. Schließlich können die vier Helden sich allerdings halbwegs einigen, denn schon kurz darauf kommt es zur großangelegten Invasion der Erde durch den finsteren Gott Darkseid und seine Paradämonen-Armee. Gemeinsam mit den Helden Wonder Woman, Cyborg und Aquaman bilden sie zu siebt die Verteidigungslinie der Erde.

Johns und Lee inszenieren dieses erste Zusammentreffen der Liga als opulenten, atemlosen Action-Blockbuster, tiefer gehende Charakterisierung der Figuren sucht man dabei aber vergebens. Johns hat hier natürlich den Luxus, nicht allzu groß auf die Ursprünge eingehen zu müssen, da selbst Neueleser die Figuren wahrscheinlich kennen. Bis auf Cyborg sind alle Helden bereits voll etabliert, nur Victor Stone, traditionell Mitglied der Teen Titans und nicht der Justice League, erhält hier eine volle Origin, die mit dem Plot um dem angreifenden Darkseid verknüpft ist. Insgesamt wird der Charakterzeichnung der Figuren nicht allzu viel Platz eingeräumt und zudem wirken sie alle eher unsympathisch. Batman ist der typische grimmige Einzelgänger, Green Lantern kommt ziemlich arrogant rüber und Superman ist von seiner positiven Prä-Flashpoint-Interpretation relativ weit entfernt – er wirkt jünger (das Gesicht erinnert fast an Superboy) und deutlich aggressiver. Er ist nicht unbedingt der brütende Cavill-Superman, aber eben auch nicht der  optimistische Held, den man gemeinhin mit ihm assoziiert. Wonder Woman ist noch neu in der „Welt der Männer“ und wird von Johns recht naiv, aber kampfesfreudig gezeichnet, während Flash das wohl bodenständigste und sympathischste Mitglied des Teams ist. Cyborg wird primär über die Tragödie seiner Origin charakterisiert und muss lernen, mit seinem Schicksal klarzukommen (nicht, dass man ihm dazu besonders viel Zeit einräumen würde) und Aquaman stößt schließlich reichlich spät zum Team und kommt ebenfalls reichlich selbstgerecht und arrogant daher. Die insgesamt eher negative Charakterisierung der Figuren erinnert recht stark an Mark Millars „The Ulitmates“, eine Neuinterpretation der Avengers aus dem Jahr 2002.

Gerade im Vergleich zu Grant Morrisons JLA-Run (den zu loben ich nie müde werde) fällt leider negativ auf, wie wenig hier mit sechs Ausgaben eigentlich erreicht wird – was nicht bedeutet, dass „Justice League: Origin“ nicht durchaus kurzweilig und unterhaltsam wäre. Besonders die Interaktionen von Green Lantern und Batman sind ziemlich amüsant, vor allem, da sie einen gelungenen Payoff am Ende haben. Fast alle anderen Figuren kommen aber schlicht zu kurz, vor allem Aquaman stößt ziemlich unmotiviert zum Team. Leider lässt auch Darkseid seine übliche Raffinesse vermissen – der Herrscher von Apokolips funktioniert als Strippenzieher oder unbegreifliche Entität besser denn als offensiver Gegner, mit dem sich die Liga direkt prügelt.

Auf der visuellen Ebene hingegen ist „Justice League: Origin“ dank Jim Lee über jeden Zweifel erhaben, sofern man seinen Stil schätzt. Lee ist nicht ohne Grund einer der beliebtesten Zeichner des Business, seine Panels sind detailliert und dynamisch, die Figuren wirken zugleich überlebensgroß und menschlich. Die meisten Kritikpunkte, die ich habe, beziehen sich auf das New-52-Redesign der Figuren – Superman wirkt, besonders in Kombination mit seinem eher rüstungsartigen Aufzug, einfach zu jung. Auch der neugestaltete Darkseid will mir nicht unbedingt zusagen, sein aufwendiger gestaltetes Äußeres ist… zu viel. Gerade bei Darkseid ist weniger oftmals mehr.

Um nun am Ende noch zum Synder-Cut zurückzukehren: Allein bei der Inhaltsangabe zeigt sich schon, welche Elemente für Snyders „Justice League“ übernommen wurden. Da wäre zuerst der Grundplot, der Angriff auf die Erde durch die Horden von Apokolips. Im Film werden diese zwar von Steppenwolf angeführt, in letzter Konsequenz steckt aber natürlich immer Darkseid dahinter. Ich persönlich halte es tatsächlich für besser, Darkseid nicht selbst zum ersten Gegner der Liga zu machen, wenn man ihn schon als übergeordneten Schurken verwenden möchte. Im Rahmen der New 52 kam zwar ebenfalls Steppenwolf zum Einsatz, griff in der Serie „Earth 2“ allerdings besagte Parallelerde an. Auch Cyborgs mit dem Angriff verknüpfte Origin ist in Comic und Film ziemlich ähnlich, ebenso wie der Kampf der Ligisten gegen Superman, auch wenn der Kontext natürlich ein anderer ist.

Fazit: „Justice League: Origin“ ist als Neustart der Liga in Ordnung: Kurzweilig, actionreich, visuell opulent. Im Vergleich Grant Morrisons JLA-Run oder dem deutlich charakterfokussierteren „JLA: Year One“ kann „Origin“ aber leider nicht mithalten.

Bildquelle

Siehe auch:
JLA: New World Order
JLA: American Dreams

Stück der Woche: On the Doorstep

Während Gandalf sich mit dem Dunklen Herrscher persönlich herumärgern muss, haben Bilbo und die Zwerge noch Probleme, überhaupt ins Innere des Berges zu gelangen. Die zum Stück On the Doorstep gehörende Szene ist mal wieder ein sehr schönes Beispiels für die unnötige Überdramatisierung Peter Jacksons, aber Shore weiß wie üblich das Beste herauszuholen. Bevor wir uns dieses doch fast acht Minuten dauernde Stück näher ansehen, noch kurz ein paar Worte zur Chronologie: Die Reihenfolge der Stücke auf dem Album stimmt spätestens ab diesem Zeitpunkt nicht mehr mit der Anordnung der Szenen im Film überein. Das ist zwar an sich keine Seltenheit, allerdings bemühen sich die Hobbit-Alben um eine chronologische Präsentation. Da diese aber vor dem finalen Schnitt des Films fertiggestellt werden, gibt es gezwungenermaßen Diskrepanzen, wenn der Film noch bis kurz vor Kinostart umgeschnitten wird – aus diesem Grund finden sich die Last-Minute-Kompositionen aus „An Unexpected Journey“ auch nicht auf dem Album. Diese Probleme gibt es bei „The Desolation of Smaug“ nicht, nur die Anordnung leidet etwas. Die Dol-Guldur-Szenen finden im Film beispielsweise erst statt, nachdem Bilbo bereits den Erebor betreten hat.

Der Track beginnt mit der ominös-melancholischen Thráin-Variation des Erebor-Themas, die bei 0:43 in die „normale“ Version übergeht, um bei 0:53 dann Thorins Themas anzustimmen – alles ohne leitmotivlose Übergänge. Endlich sind die Zwerge an ihrem Ziel angekommen, nach vielen Jahrzehnten sind sie heimgekehrt, auch wenn dieses Heim in einem desolaten Zustand ist – diesen Umstand spiegelt die Musik deutlich wider. Nie waren die Zwergen-Themen so dominant, doch ihre Melancholie haben sie nicht verloren. Für die nächsten eineinhalb Minuten verschwinden sie allerdings aus dem Underscoring, stattdessen künden zittrige Streicher von der Unsicherheit und den Zweifeln der Zwerge angesichts der bevorstehenden Aufgabe, bei 1:45 wird der Tonfall allerdings entschlossener. Bei 2:31 erklingt abermals Thorins Thema in den hohen Streichern, bleibt, jedoch unvollendet; dem zweiten Anlauf bei 3:01 ergeht es ähnlich, denn die geheime Zwergentür will sich nicht öffnen lassen. Die Reaktion ist sehr interessant, sie erfolgt in Form eines „enttäuschten“ Hybriden aus dem Erebor- und dem Haus-Durins-Thema, zuerst ansteigend, dann abfallend. Bei 4:29 ist schließlich das Motiv der Mondrunen zu hören, das zum ersten Mal in „An Unexpected Journey“ in Bruchtal erklang, sogar mit demselben Aufbau wie im Track Moon Runes. Das ist natürlich eine logische Wahl für diesen Moment, den Shore durch die Einführung dieses Themas im Vorgänger langfristig vorbereitet hat. Zugleich zeigt sich an dieser Stelle aber auch exemplarisch die asymmetrische Themenentwicklung: Hierbei handelt es sich um einen Bilbo-Moment, doch seine musikalische Repräsentation ist in diesem Track nirgends zu hören. Es sind die Zwergenthemen, die durch diesen Film und die gesamte Trilogie leiten und sich entwickeln, während das Hobbit-Material auf wenige Gastauftritte reduziert wurde und das Misty-Mountains-Thema, das die gesamte Gemeinschaft repräsentiert, ganz verschwunden ist.

Sofort nach dem Mondrunen-Motiv setzt erneut Thorins Thema bei 4:55 ein, sehr emotional, ja beinahe verletzlich von den Streichern gespielt. Bei 5:20 geht es direkt in eine zurückhaltend-triumphale Variation des Erebor-Themas über, die unter Choreinsatz regelrecht neue Höhen erklimmt. Bei 5:42 und 6:27 hören wir noch zwei weitere Male die verletzlicheren Variationen von Thorins Thema – die Musik konzentriert sich voll auf die Heimkehr des Königs unter dem Berg und die Emotionen, die diese bei ihm auslöst. Bei 7:08 erklingt schließlich, erst zum zweiten Mal in diesem Film, das Motiv des Arkensteins, ausgelöst durch die Reliefdarstellung, nach deren Hintergrund Bilbo fragt. Nachdem Thorin ihm mitgeteilt hat, dass es sich bei dem Juwel um den Schatz handelt, den der Meisterdieb eigentlich stehlen soll, begibt sich Bilbo ins Innere des Einsamen Berges und nähert sich so der zentralen Dialogszene dieses Films.

Siehe auch:
The Quest for Erebor
Wilderland
The House of Beorn
Flies and Spiders
The Woodland Realm
Feast of Starlight
The Forest River
Bard, a Man From Lake-Town
Protector of the Common Folk
Durin’s Folk
A Spell of Concealment

The Mandalorian: Staffel 1 & 2

Spoiler für beide Staffeln!
5ad7a0851423afbb25116c9af6cbb072_4096x1709_b9bf78f2
Während die Sequels die Star-Wars-Fangemeinde zutiefst gespalten zurückgelassen haben, scheinen die beiden Staffeln von „The Mandalorian“ exakt das Gegenteil bewirkt zu haben – im Großen und Ganzen hat diese erste Live-Action-Serie von Jon Favreau und Dave Filoni verschiedene Fraktionen des Fandoms wieder zusammengebracht. Eine Betrachtung dieser Serie meinerseits ist im Grunde lang überfällig, deshalb halten wir uns gar nicht erst lange mit Vorgeplänkel auf, sondern starten direkt durch.

„This is the Way“: Handlung und Struktur von Staffel 1
Ende der 90er erschien bei Dark Horse die Miniserie „Crimson Empire“ – nachdem ich die erste Staffel von „The Mandalorian“ gesehen hatte, empfand ich sie gewissermaßen als Disney-Gegenstück, wenn auch eher auf konzeptioneller denn inhaltlicher Ebene. In beiden Fällen nahm man sich einen Aspekt, der in der OT nicht allzu ausgiebig erforscht wurde – in „Crimson Empire“ die Rotgardisten des Imperators, in „The Mandalorian“ die Mandalorianer, und schuf eine größtenteils eigenständige und in sich geschlossene Geschichte mit einem neuen Protagonisten und nur marginalen Verbindungen zu den Filmen. Im Falle von „The Mandalorian“ ist das Din Djarin (Pedro Pascal), ein enigmatischer mandalorianischer Kopfgeldjäger, der fünf Jahre nach der Schlacht um Endor im Auftrag eines mit dem Restimperium verbündeten Klienten (Werner Herzog) auf Arvala-7 ein besonders „Gut“ sicherstellen soll. Bei diesem Gut handelt es sich um das 50 Jahre alte Kleinkind einer sehr langlebigen Spezies, die Din Djarin zwar unbekannt ist, den Zuschauern jedoch sehr vertraut sein dürfte – und das nicht nur, weil „The Child“ alias Baby Yoda alias Grogu seit dem Start der ersten Staffel praktisch allgegenwärtig war. Din Djarin liefert den liebenswerten kleinen Kerl wie vereinbart ab, bekommt dann allerdings Zweifel, da ziemlich klar ist, dass das Imperium nicht unbedingt an seinem Wohlergehen interessiert ist. Nachdem es ihm gelungen ist, mit Hilfe einiger mandalorianischer Kameraden mit dem Kind zu entkommen, beginnt eine Odyssee, die ihn zu mehreren Outer-Rim-Planeten führt. Während er eine Antwort auf die Frage sucht, was denn nun mit seinem Schützling zu tun ist, trifft der Mandalorianer neue Verbündete wie die ehemalige Rebellenoffizieren Cara Dune (Gina Carano), aber auch Gegner wie die Attentäterin Fennec Shand (Ming-Na Wen). Sein Weg führt ihn schließlich zurück zum Ursprung des Auftrags, denn der imperiale Moff Gideon (Giancarlo Esposito), der letztendlich hinter der Suche nach dem Kind steckt, ist immer noch erpicht darauf, seinen Preis zu erhalten.

huc2-018995_r_0366c77b
Din Djarin (Pedro Pascal) und Grogu

Serien haben meistens entweder einen durchgehenden Handlungsstrang mit „offenen“ Episoden wie etwa „Game of Thrones“ oder sie gehen nach einem bestimmten Schema vor – am deutlichsten bei Krimiserien zu beobachten: Neue Folge, neuer Fall, der innerhalb einer Episode (manchmal auch zwei) abgeschlossen ist. Aber selbstverständlich finden sich auch alle möglichen Mischformen – in diese Kategorie kann man auch „The Mandalorian“ einordnen. Es gibt einen übergeordneten Handlungsstrang, aber vor allem in der Mitte der ersten Staffel sind die einzelnen Folgen relativ in sich geschlossen. Vor allem die Episoden 4 bis 6 könnte man relativ mühelos untereinander austauschen. Strukturell erinnern diese mitunter an die Quests eines Spiels: Um auf seinem Weg weiterzukommen, muss Din Djarin das Problem einer anderen Person lösen – dieses Element wird vor allem in Staffel 2 noch deutlich stärker, da hier das Ziel des Mandalorianers eindeutiger ist.

Was die erste Staffel darüber hinaus auszeichnet, ist ihr sehr gemäßigtes und ausgeglichenes Erzähltempo. Das fällt besonders im Vergleich mit der fast zeitgleich erschienenen neunten Episode der Skywalker-Saga auf, bei der genau das Gegenteil der Fall war. Hier hatte man stets das Gefühl, J. J. Abrams wolle einen partout nicht zur Ruhe kommen lassen – man könnte ja über das gerade gesehene nachdenken. „The Mandalorian“ dagegen wählt genau den entgegengesetzten Ansatz, nimmt sich Zeit, lässt Figuren und Setting atmen. Das führt in letzter Konsequenz dazu, dass die erste Staffel strukturell sehr gut ausbalanciert ist, gerade weil sie sich die nötige Zeit nimmt: In den ersten drei Folgen wird der Status Quo (Mando und Kind als ungleiches Duo) etabliert, in den zweiten drei beibehalten, aber immer wieder auf die Probe gestellt und in den letzten beiden schließlich ernsthaft gefährdet.

„You are a clan of two“: Figuren und Setting
Wie bereits erwähnt arbeitet zumindest die erste Staffel ausschließlich mit neuen Figuren, die jedoch an die bekannte Ikonographie geknüpft sind. Die Sturmtruppen als Repräsentanten eines (stark geschwächten) Imperiums sind selbst dem „Casual Fan“ des Franchise ebenso vertraut wie der ikonische mandalorianische Helm. Wie üblich bei Star Wars spielen Archetypen eine wichtige Rolle. Aus dem wilden SW-Genre-Gemisch legen Favreau und Filoni ihren Fokus auf den Western – passend dazu entspricht Din Djarin dem Archetypen des wortkargen und mysteriösen Revolverhelden, der oft genug von Clint Eastwood dargestellt wurde. „The Mandalorian“ geht allerdings noch mehr ins Extrem, indem das Gesicht des Protagonisten nie gezeigt wird – bzw. erst in der letzten Episode der ersten Staffel. Es ist durchaus ein Risiko, wenn die Hauptfigur nicht nur relativ unnahbar, sondern auch konstant maskiert ist.

Grogu/Baby Yoda ist vor allem aus Marketing-Sicht ein Geniestreich, wie sich immer wieder zeigt, die Dynamik zwischen ihm und Din Djarin funktioniert allerdings auch in der Serie ziemlich gut. Die Charakterisierung unseres Protagonisten ist zwar zurückhaltend, aber wirkungsvoll. Bei einer Figur wie dem Mando besteht die Gefahr, dass er auf sein „Badasstum“ reduziert wird, was hier aber erfreulicherweise nicht der Fall ist. Din Djarin ist zwar kompetent, aber keinesfalls hyperkompetent und gerät immer wieder in knifflige Situationen, in denen er Hilfe braucht oder an denen er schlicht scheitert. Obwohl er zumindest zu Beginn keine eigene Agenda verfolgt, sondern nur Aufträge erfüllt und insgesamt ein relativ passiver Protagonist ist, ist sein Wachstum und die Entwicklung seines Charakters doch deutlich spürbar. Pedro Pascal holt mit Stimme und Körpersprache sehr viel aus einem sehr minimalistischen Charakter heraus, dessen Gesicht zudem fast nie zu sehen ist. Trotzdem, oder gerade deshalb, fungiert der Mando als Fenster in diesen Teil der Star-Wars-Galaxis; da er ein Einzelgänger ist, lernen wir zusammen mit ihm all die neuen, von einem exzellenten Cast dargestellten Figuren kennen, ohne dass es überfordernd wäre oder allzu künstlich daherkommt. Auch was diesen betrifft, erinnerten sich Favreau und Filoni an eine alte SW-Tugend: Die Nebenfiguren sollten markant sein. Die tiefgründigsten sind sie nun nicht unbedingt, vor allem, weil der Fokus eben auf Mando und Grogu liegt und kaum eine in mehr als zwei oder drei Episoden auftaucht, aber sie sind einprägsam und bleiben im Gedächtnis, egal ob Carl Weathers als Greef Karga, Gina Carano als Cara Dune, Bill Burr als Migs Mayfeld oder Taika Waitit als IG-11.

huc2-ff-002425_7da6420f
Cara Dune (Gina Carano) und Greef Karga (Carl Weathers)

Auf dieselbe Art gelingt es Favreau und Filoni auch sehr gut, den aktuellen Status Quo zu vermitteln: Das Imperium ist auf dem Rückzug, die Neue Republik aber noch nicht stark genug, um im Outer Rim wirklich für Ordnung zu sorgen – aus diesem Grund geht es recht gesetzlos zu. Zusätzlich erforschen wir die mandalorianische Kultur. In meiner Rezension zur Legends-Miniserie „Jango Fett: Open Seasons“ habe ich bereits einen kurzen Abriss über die Geschichte der Mandalorianer im Franchise gegeben, weshalb ich das hier nicht noch einmal tun werde. Ohnehin würde ich besagte Miniserie durchaus als ansprechende Lektüre für Fans von „The Mandalorian“ empfehlen, allerdings kommt man an die gedruckte Ausgabe in der Zwischenzeit ziemlich schwer heran. Wie dem auch sei, in Staffel 1 erfahren wir, dass die Mandalorianer ihre Helme nie abnehmen und ein praktisch religiöses Verhältnis zu ihrer Ausrüstung haben – zumindest Ersteres widerspricht dem bisher im Disney-Kanon (und auch in Legends) Etablierten, diese Diskrepanz wird aber in Staffel 2 aufgeklärt, da Din Djarin zu einer besonderen, extremistischen Gruppierung gehört. Alles in Allem war ich mit der bisherigen Darstellung der Mandalorianer in „The Clone Wars“ und „Rebels“ nicht allzu zufrieden, „The Mandalorian“ rückt sie allerdings, zumindest empfindungsmäßig, wieder näher an die Legends-Interpretation.

Auch sonst ist „The Mandalorian“ erfreulicherweise sehr geerdet. Zwar verfügte man über ein verhältnismäßig hohes Budget, aber eben doch nicht ganz auf der Höhe eines Star-Wars-Kinofilms. Zudem muss natürlich für weniger Geld mehr Material entstehen. Wie schon George Lucas bei der OT mussten Filoni und Favreau deshalb öfter kreativ werden und das Maximum aus dem ihnen zur Verfügung stehenden Material herausholen und nebenbei auch gleich noch in bester SW-Tradition die Effekttechnik vorantreiben. Die Planeten etwa sind nicht unbedingt die kreativsten (und zudem wieder sehr wüstenlastig, nicht zuletzt bedingt durch die Genre-Ausrichtung), aber „The Mandalorian“ holt deutlich mehr aus seinen Welten heraus als beispielsweise die Sequels – man bekommt ein Gespür für die Planeten, kann sie tatsächlich erforschen und erfährt, wie es sich dort lebt. Auf handwerklicher Ebene funktioniert ebenfalls alles ziemlich gut, in beiden Staffeln haben Filoni und Favreau ein sehr gutes Gespür dafür, wann sie in die Vollen gehen können und wann sie sich besser zurückhalten sollten. Besonders die Action wirkt handgemacht und bodenständig und trägt viel zur Atmosphäre bei. Der Humor ist angemessen und funktioniert ebenso gut – meistens ist ohnehin Grogu derjenige, der für die humoristischen Momente zuständig ist.

„A friendly piece of advice, assume that I know everything”: Staffel 2 – Gemeinsamkeiten und Unterschiede
In Staffel 2 gibt es einige massive Änderungen bezüglich des erzählerischen Konzepts der Serie, die sich aber sehr langsam und schleichend etablieren. Genau genommen beginnt er bereits mit dem kurzen Gastauftritt des aus „The Clone Wars“ und „Rebels“ bekannten Darksabers am Ende des Finales von Staffel 1. Ab diesem Zeitpunkt finden immer mehr Inhalte und Figuren aus anderen Ecken des SW-Universums ihren Weg in die Serie. Din Djarin sucht praktisch die gesamte Staffel nach einem sicheren Ort für Grogu bzw. nach seinen Angehörigen, findet sich in noch mehr Quid-pro-Quo-Situationen wieder und muss sich natürlich abermals mit alten Feinden auseinandersetzen – findet aber auch neue Verbündete, die manch einem Zuschauer durchaus vertraut sein dürften. Los geht es direkt in Folge 1 der zweiten Staffel mit Cobb Vanth (Timothy Olyphant), der nicht nur eine allzu bekannte Rüstung trägt, sondern seinerseits der Aftermath-Reihe, einer Romantrilogie von Chuck Wendig, entstammt. Gerade diese Verwendung eines bislang äußerst obskuren Charakters zeigt den Kontrast in der Herangehensweise von Favreau und Filoni auf der einen und den Regisseuren und Autoren der Sequels auf der anderen: Hier geschah eine intensive Beschäftigung mit der Materie, die sich bereits in Staffel 1 andeutete und in Staffel 2 praktisch überdeutlich ist. „The Mandalorian“ versucht nicht, zu rekreieren oder zu unterlaufen, sondern greift auf alles verfügbare Material, sei es OT, PT, aktuelles EU oder Legends, zurück, um seine eigene Geschichte zu erzählen. Fans freuen sich über die Anspielungen und Querverweise, gleichzeitig gelingt es Favreau und Filoni aber auch, das Ganze so zu gestalten, dass man als Neuling nicht das Gefühl hat, zum Verständnis müsse man erst eine SW-Enzyklopädie wälzen. Stattdessen fühlen sich die „neuen alten Figuren“ eher an wie eine natürliche Fortführung der Charaktere, die bereits in Staffel 1 vorgestellt wurden und größtenteils auch wieder mit von der Partie sind.

huc2-ff-003556_19dc1374
Din Djarin (Pedro Pascal) und Boba Fett (Temura Morrison)

Zugegebenermaßen ist das Argument, dass es in Staffel 2 mit der Rückkehr bzw. Realwerdung diverser Figuren aus Filmen, Animationsserien und der Literatur vielleicht etwas übertrieben wurde, nicht völlig von der Hand zu weisen. Zu Cobb Vanth gesellen sich die Clone-Wars- und Rebels-Veteraninnen Bo-Katan Kryze (Katee Sackhoff, die der animierten Version der Figur auch ihre Stimme lieh) und Ahsoka Tano (Rosario Dawson), Legends-Inhalte wie die Dark Trooper und der Planet Tython und natürlich die Filmschwergewichte Boba Fett (Temura Morrison), Luke Skywalker (Mark Hamill?) und R2D2 (as himself). Im Großen und Ganzen denke ich jedoch, dass Favreau und Filoni die Balance gerade noch halten können, eben weil sie sich in Staffel 1 auf die neuen Figuren konzentrierten, diese anständig etablierten und nie den Kern aus den Augen verlieren. Bei einem Luke Skywalker besteht natürlich immer die Gefahr, dass er alles überschattet, das emotionale Highlight der Folge ist aber dennoch unzweifelhaft der Abschied von Din und Grogu. Die bereits in anderen Medien etablierten Figuren übernehmen nie das Ruder oder usurpieren die Geschichte.

Deutlich schwerer wiegen in meinen Augen einige strukturelle Mängel in Staffel 2, die alles in allem deutlich weniger ausgewogen und balanciert wirkt als Staffel 1. Besonders die ersten beiden Folgen nehmen sich noch reichlich Zeit für, in Ermangelung eines besseren Wortes, „Nebensächlichkeiten“ (wobei diese durchaus zur Charakterentwicklung beitragen), während spätere Folgen geradezu gehetzt wirken – zumindest im Vergleich zur Erzählweise von Staffel 1. Am schwächsten fällt für mich hier „The Tragedy“, die sechste Folge der zweiten Staffel aus, bei der immerhin Robert Rodriguez Regie führte. Diese markiert Boba Fetts großen Auftritt und weiß ihn auch durchaus cool zu inszenieren, aber das ganze Drumherum will einfach nicht so recht passen, von der Ineffektivität der Sturmtruppen (dazu später mehr) über die Inszenierung der Action bis hin zum Planeten Tython selbst. Gerade in Bezug auf die effektive Gestaltung der Planeten ist ausgerechnet Tython, die legendäre Heimatwelt der Jedi, die Ausnahme, die gezeigte Welt ist sehr ernüchternd und schlicht langweilig ausgefallen.

„I’m a simple man making his way through the galaxy, like my father before me”: Alte Freunde
Werfen wir doch noch einen ausführlicheren Blick auf die Figuren, die entweder zurückkehren oder sogar ihr Live-Action-Debüt feiern. Cobb Vanth stammt, wie bereits erwähnt, aus Chuck Wendigs Aftermath-Trilogie. Interessanterweise erlangt er dort Boba Fetts Rüstung ein wenig anders, als er es in der Folge „The Marshal“ selbst erzählt, wobei es sich dabei sowohl um einen Retcon als auch um eine Lüge der Figur handeln könnte. Ansonsten gibt es nicht allzu viel über ihn zu sagen, bereits in der Aftermath-Trilogie war er eine eher unwichtige Nebenfigur, die wohl platziert wurde, um Boba Fetts Rückkehr in die Wege zu leiten (wenn auch nicht unbedingt spezifisch in dieser Serie), was dann ja auch umgesetzt wurde. Es bleibt noch zu erwähnen, dass die Besetzung der Figur mit Timothy Olyphant ein netter Casting-Gag für Fans der HBO-Serie „Deadwood“ ist.

Bo-Katan Kryze hat da schon eine deutlich längere Geschichte hinter sich, sie trat erstmals in der vierten Staffel der Animationsserie „The Clone Wars“ auf, zuerst als Teil der Death Watch, einer Gruppe radikaler Mandalorianer, die sich der pazifistischen Ideologie von Bo-Katans Schwester Satine, der Herzogin von Mandalore, nicht unterwerfen will. Als jedoch der wiederauferstandene Darth Maul die Macht auf Mandalore übernimmt, verbündet sie sich widerwillig mit den Jedi, um Maul aufzuhalten. In „Rebels“ kämpft sie schließlich gegen den Einfluss des Imperiums und möchte ihrem Volk die Freiheit von imperialer Knechtschaft bringen. Dort erringt sie auch das Darksaber, das als mandalorianisches Herrschaftssymbol fungiert. Dieses wird ihr jedoch zwischen dem Ende von „Rebels“ und dem Beginn von „The Mandalorian“ von Moff Gideon abgenommen. Bo-Katan wird hier als Vertreterin der „gemäßigten“ Mandalorianer verwendet, im Gegensatz zu Din Djarin und seinen Kameraden aus der ersten Staffel, den sog. „Children of the Watch“. Nach wie vor möchte sie das Beste für ihr Volk und hat deshalb auch eine offene Rechnung mit Moff Gideon. Sie zeigt unserem Protagonisten, dass der häufig erwähnte „Weg“, den die „Children of the Watch“ immer wieder verbal beschwören, eben nicht alternativlos ist.

AhsokaGroguMoonlight-TMCh13
Grogu und Ahsoka Tano (Rosario Dawson)

Ahsoka Tano dürfte noch einmal deutlich bekannter und populärer sein als Bo-Katan, auch sie stammt aus „The Clone Wars“, beginnt dort als Anakin Skywalkers Padawan, tritt dann jedoch noch vor Ende des Krieges aus dem Jedi-Orden aus, bekämpft zusammen mit Bo-Katan auf Mandalore Maul und überlebt Order 66, um sich später den Rebellen anzuschließen. Hier treffen gewissermaßen zwei Handlungsstränge aufeinander, denn Ahsoka sucht offensichtlich Großadmiral Thrawn, der sich bereits in „Rebels“ als Problem erwies. Ahsoka ist die erste (mehr oder weniger) ausgebildete Jedi, die in der Serie auftaucht. Angesichts der Tatsache, dass sie weiße Lichtschwerter führt, die einen schönen Kontrast zur dunklen Klinge des Darksabers abgegeben hätten, wurde eifrig spekuliert, ob sie wohl am Finale beteiligt sein würde, letztendlich entschied man sich aber, den mandalorianischen Aspekt zu betonen und Boba Fett und Bo-Katan bei der Rettung Grogus assistieren zu lassen. Ahsoka weist nur den Weg nach Tython, schafft aber auch eine tiefere Verbindung zwischen Grogu und Din, unter anderem, indem sie seinen Namen und etwas von seiner Vergangenheit enthüllt und die Kommunikation erleichtert. Ich persönlich war nie der größte Ahsoka-Fan, zu Beginn von TCW fand ich sie ziemlich unausstehlich. Sie hat sich zweifelsohne entwickelt, ist aber nach wie vor keine Figur, an der ich besonders hänge. Allerdings kann ich gut verstehen, dass ein Live-Action-Auftritt Ahsokas etwas Besonderes darstellt, wenn man mit ihr aufgewachsen ist. Anders als bei Bo-Katan bediente man sich hier nicht der Sprecherin der Serien (das wäre Ashley Eckstein gewesen), sondern wählte mit Rosario Dawson eine Darstellerin, die deutlich bekannter ist, ihre Sache aber sehr gut macht.

Temura Morrison ist ein Sonderfall: Er ist der erste Darsteller der Filme, der in dieser Serie auftaucht, das allerdings in einer Rolle, die er bisher noch nicht gespielt hat (sofern wir das Nachsychronisieren einiger Sätze in der Special Edition der OT ignorieren). Natürlich gilt aber: Wenn Boba Fetts Gesicht zu sehen sein soll, muss Temura Morrison unter der Maske stecken. Boba Fett ist eine der beliebtesten SW-Nebenfiguren, der ganze Hype um ihn war mir allerdings stets ein wenig suspekt, selbst unter Einbeziehung des Legends-Materials – ich empfand tatsächlich Jango immer als den Interessanteren der beiden. Aber „The Mandalorian“ hat es in nur wenigen Episoden geschafft, mir die Figur näher zu bringen. Obwohl ich „seine“ Episode als die schwächste der Staffel empfinde, hat Rodriguez es zumindest geschafft, ihn wirklich ansprechend zu inszenieren, was in den folgenden Episoden fortgesetzt wird. Nebenbei wurde Jango nun auch im Disney-Kanon wieder offiziell zu einem „echten“ Mandalorianer erklärt, nachdem „The Clone Wars“ das in Zweifel gezogen hatte. Alles in allem wirklich ein exzellenter Auftritt mit einer Seismischen Bombe als Sahnehäubchen, der zeigt, wie gut und wirkungsvoll sich Prequel-Material in die Post-Endor-Ära integrieren lässt, wenn man es nur ordentlich anstellt. „The Mandalorian“ hat es tatsächlich geschafft, mich für die angekündigte Serie „The Book of Boba Fett“ zu begeistern.

Und schließlich: Luke Skywalker. Ist sein Auftauchen eine logische Entwicklung aus der Handlung? Oder ein Versuch, von „The Last Jedi“ enttäuschte Fans der Figur zurückzugewinnen? Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Ich möchte hier das Fass „Luke in den Sequels“ gar nicht erst groß aufmachen, da ich mit Lukes Zustand in Episode VIII verhältnismäßig wenig Probleme hatte, zumindest im Vergleich zu vielen anderen, ich fand nur seinen Weg zu diesem Zustand absolut nicht überzeugend. Lukes Auftauchen ist tatsächlich eine logische Handlungsentwicklung aus dem Ruf, den Grogu auf Tython ausgesandt hat, denn wer hätte auch sonst kommen sollen? Ezra Bridger? Cal Kestis? Fanservice ist sein Auftauchen zweifelsohne, aber funktionierender Fanservice, der sich logisch aus der Geschichte ergibt. Nicht ganz so gut funktioniert die auf Lukes Gesicht angewandte Technik, was in der Rezeption der entsprechenden Szene aber interessanterweise nur eine untergeordnete Rolle spielte. Und auch ich kann nicht behaupten, dass ich die Rückkehr des auf der Höhe seiner Kräfte stehenden Luke nicht genossen hätte.

„They all hate you, Mando. Because you’re a legend!”: Die größte Schwäche
Neben der einen oder anderen Struktur- bzw. Balanceschwäche in Staffel 2 ist es vor allem die Darstellung der Imperialen, die Anlass zur Kritik gibt. Die Zielgenauigkeit der Sturmtruppen (oder besser: ihr Mangel an derselben) ist ja bereits seit Jahrzehnten Sujet diverser Witze, sodass man sich inzwischen fragt, ob Obi-Wans Ausspruch in „A New Hope“ als zynischer Scherz gemeint war und er sich wundert, dass sie überhaupt etwas getroffen haben: „Only imperial stormtroopers are so precise.“ Unter Disney erreichte die Unfähigkeit imperialer Soldaten allerdings noch mal ein ganz anderes Level, besonders in „Rebels“ kennt ihre Inkompetenz keine Grenze, und leider knüpft „The Mandalorian“ daran an, vor allem in Staffel 2. Das finde ich besonders schade, weil es der Serie ansonsten gelingt, mit begrenzten Mitteln sehr viel zu erreichen – in Staffel 1 gab es da durchaus entgegengesetzte Tendenzen. In Episode 4, „Sanctuary“, gelang es Regisseurin Bryce Dallas Howard etwa sehr gut, einen einzelnen AT-ST als große Bedrohung zu inszenieren. „The Mandalorian“ hätte die Chance gehabt, die Sturmtruppen auf dieselbe Art wieder zu ernstzunehmenden Gegnern zu machen. Vor allem die dritte Episode der zweiten Staffel, „The Heiress“, (ironischerweise ebenfalls von Bryce Dallas Howard inszeniert) zeigt die Soldaten des Restimperiums als extrem inkompetent.

huc2-ff-003849_f263da3d
Moff Gideon (Giancarlo Esposito)

Leider erstreckt sich das auch auf die Kommandoriege. Giancarlo Esposito ist ein hervorragender Schauspieler, Moff Gideon profitiert ungemein von seiner Besetzung und wirkt primär deshalb als ernstzunehmender Gegner, betrachtet man allerdings seinen „Masterplan“ in Staffel 2, steckt da leider nicht allzu viel dahinter. Die Serie versucht zu vermitteln, dass er im Finale zuerst die Trümpfe in der Hand hat, aber leider agiert er im Grunde relativ sinn- und kopflos, ohne Alternativplan, sollten die Dark Trooper versagen. Diese sind die wirkliche Gefahr, die vom Imperium ausgeht, werden dann aber ihrerseits von Luke ziemlich schnell niedergemacht – auch hier fragt man sich, ob es nicht erzählerisch besser gewesen wäre, hätten sie dem Jedi-Meister zumindest etwas mehr entgegenzusetzen gehabt. In diesem Kontext ist der Umstand, dass Gideons tatsächliche Pläne bezüglich Grogu völlig nebulös sind, auch nicht unbedingt hilfreich. An dieser Stelle wollte man sich wahrscheinlich noch alle Möglichkeiten offen halten: Arbeitet Gideon autonom oder dient er einem Meister wie Thrawn, Snoke oder gar Palpatine ? Und was ist sein langfristiges Ziel? Das Mysterium in allen Ehren, aber hier wären etwas handfestere Absichten zur wirkungsvollen Definition des Charakters bessere gewesen.

Die interessanteste (zumindest im weitesten Sinne) imperiale Figur ist der von Bill Burr gespielte Migs Mayfeld, der als Ex-Imperialer zumindest einiges von dem Potential ausschöpft, das bei Finn in den Sequels vorhanden gewesen wäre. Leider vermisst man im Disney-Kanon außerhalb der Literatur bislang Figuren wie beispielsweise Gilad Pellaeon, die als aufrechte, prinzipientreue „ehrbare“ Imperiale einen Gegenstück zu den sadistischen und/oder inkompetenten Fanatikern bilden. Von dieser Sorte bietet „The Mandalorian“ mehr als genug, beispielsweise Rick Famuyiwa als Valian Hess (sehr sprechender Name) in der siebten Folge der zweiten Staffel. Was ich mir wünsche, wäre ein imperiales Gegenstück zu „Rogue One“; dieses erste Spin-off zeigte die dunkleren Seiten der Rebellen und half dabei, der Fraktion zusätzliche Facetten zu verleihen. Für das Imperium wäre eine differenziertere Darstellung in den bewegten Medien überfällig.

„Do the magic hand thing“: Ludwig Görannsons Score

Das musikalische Vermächtnis des Franchise ist immer ein Thema für sich, John Williams‘ Klänge sind essentiell für Star Wars. Bislang traute man sich bei Disney noch nicht, sich allzu weit davon zu entfernen. Dass Williams selbst die Sequels vertonen würde, stand nie in Frage, und auch die Komponisten anderer Projekte, sei es Kevin Kiner („Rebels“), Michael Giacchino („Rogue One“), John Powell („Solo“) oder Gordy Haab (die meisten Spiele, darunter auch „Jedi: Fallen Order“) blieben sowohl stilistisch als auch leitmotivisch sehr nah an Williams. Für „The Mandalorian“ wandten sich Favreau und Filoni an den schwedischen Komponisten Ludwig Göransson, der in vielen seiner Scores eine modernere Sensibilität an den Tag legt und darüber hinaus auch in der Popmusik aktiv ist, unter anderem als Produzent von Jung-Lando-Darsteller Donald Glover alias Childish Gambino. Göranssons Scores zeichnen sich zumeist durch interessante Stil-Mischungen aus – gute Beispiele sind etwa seine Musik für die beiden Creed-Filme sowie „Black Panther“, für den er den Oscar gewann. Oft mischt Göransson traditionelles Orchester mit Hip-Hop-, R&B- oder Electronica-Elementen und, im Fall von „Black Panther“, auch mit afrikanischen Percussions.

Die Musik von „The Mandalorian“ spiegelt die Handlungsentwicklung sehr gut wider. Die Scores der ersten Staffel sind stilistisch recht weit von traditioneller Star-Wars-Musik entfernt. Das Orchester spielt zwar durchaus eine zentrale Rolle und hin und wieder findet sich auch eine stilistische Williams-Anleihe, aber mindestens ebenso stark ist der Einfluss der Western-Soundtracks von Ennio Morricone. Alles in allem funktioniert das ziemlich gut, Göransson etabliert sofort ein eigenes Klangspektrum für die Serie und liefert dazu noch ein ziemlich eingängiges Titelthema sowie eine ganz Reihe anderer Leitmotive, die allerdings zu Beginn eher schwer herauszuhören sind. In manchen Fällen übertreibt er es allerdings mit dem elektronischen Ambiente und den Effekten und Verzerrungen, zumindest für meinen Geschmack. Gerade die Repräsentation der Dark Trooper durch Dubstep fand ich etwas zu viel.

Mit Ausnahme von ein, zwei extrem subtilen Andeutungen des Machtthemas (wenn überhaupt nur die ersten zwei, drei Noten) taucht in der ersten Staffel kein bereits existierendes leitmotivisches Material auf. Das ändert sich erst mit der zweiten Folge der zweiten Staffel, „The Passenger“: Das erste Williams-Thema, das zu hören ist, ist ausgerechnet der Marsch des Widerstands aus den Sequels. Dieses Thema ist in einer recht modernisierten Version am Ende der Episode zu hören, als sich Din Djarin mit den beiden Piloten der Neuen Republik unterhält. Außerdem taucht der Marsch auch in der Folge „The Siege“ während Cara Dunes Konsversation mit dem Republik-Piloten auf. In der zweiten Hälfte der Staffel nimmt die Anzahl an leitmotivischen Verweisen dann deutlich zu. Nicht nur findet sich im Score der Episode „The Jedi“ ein Hinweis auf Yodas Thema, Keviner Kiners Leitmotiv für Ahsoka aus „The Clone Wars“ wird sogar ziemlich ausgiebig verwendet und im Finale erklingt schließlich ein volles Statement des Machtthemas. Ich persönlich finde es sehr schön, dass die musikalische Welt der Serie mit der von Williams etablierten langsam zusammenwächst, ohne dabei jedoch ihre Individualität zu opfern.

Fazit
Nach den spaltenden Episoden VIII und IX dürfte „The Mandalorian“ genau das sein, was das Franchise nötig hatte: Eine Serie, die das Fandom wieder vereinigen kann und die fast jedem etwas zu bieten hat. Natürlich ist auch „The Mandalorian“ nicht perfekt, kleine Schwächen und Schönheitsfehler finden sich schließlich überall, aber im Großen und Ganzen weiß die Serie nicht nur zu überzeugen, sie dürfte, vielleicht zusammen mit „Rogue One“, das bislang beste Produkt der Disney-SW-Ära sein. Und wie es aussieht hat man sich bei Disney bereits ausgiebig Notizen gemacht, denn die zweite Staffel dient als Sprungbrett für diverse neue Serien, darunter „Rangers of the New Republic“, „Ahsoka“ und „The Book of Boba Fett“. Ob diese Serien das halten können, was „The Mandalorian“ verspricht, wird sich erst noch zeigen, aber wenn sie qualitativ überzeugen können, wäre es möglich, dass sie und nicht die Sequels zum dominierenden Faktor dieser Ära des Franchise werden.

Trailer Staffel 1
Trailer Staffel 2

Bildquelle
Bildquelle Ahsoka

Siehe auch:
Jango Fett: Open Seasons
Star Wars: Das ultimative Ranking

Stück der Woche: A Spell of Concealment

In A Spell of Concealment gibt Howard Shore die brütende Zurückhaltung, die bislang das musikalische Material des Bösen dominierte, auf und kehrt zur glorreichen Brutalität des Mordor-Materials aus der LotR-Trilogie zurück. Der Track, der Gandalfs Infiltration von Saurons Festung Dol Guldur untermalt, beginnt bereits mit einer mysteriösen, beunruhigenden Streicherfigur, um bei 0:11 das absteigende Nekromanten-Motiv anzustimmen, das fließend in sein aufsteigendes Gegenstück übergeht, um bei 0:53 abrupt zu stoppen. Es folgt ein kurzes Zwergenintermezzo mit einer Einspielung des Haus-Durins-Themas bei 1:11, abermals geprägt vom Männerchor, bevor bei 1:31 das absteigende und konsequent stärker werdende Nekromanten-Motiv zurückkehrt. Gandalf gibt sich den Mächten des Bösen aber nicht einfach so geschlagen, bei 1:45 hören wir eine knappe Action-Variation seines Themas, die während seines Zweikampfes mit Azog erklingt. Allerdings wird es sofort von frenetischen Streichern, geprägt von den Harmonien Mordors, erdrückt. Die Streicher werden zunehmend dissonanter und nähern sich dem Kern des Bösen an, bis bei 2:36 das bislang mächtigste Statement von Saurons Thema erklingt. Diese Variation lässt nicht nur jegliche Täuschung und Zurückhaltung fallen, sie klingt sehr stark nach der Version, die bereits in „The Return of the King“ im Stück A Coronal of Silver and Gold zu hören war; in der entsprechenden Szene rückt die Morgul-Armee unter den wachsamen Augen des Hexenkönigs aus. Hier enthüllt Sauron freilich sein wahres Wesen und zeigt sich chronologisch zum ersten Mal in Gestalt des flammenden Auges.

Auf dem Album des Soundtracks von „The Battle of the Five Armies” findet sich als Bonusstück der Track Thráin. Thorins Vater ist nur in Special Extended Edition des Films in Dol Guldur zugegen, dort ist die entsprechende Szene länger und enthält mehr Musik, in besagtem Track findet sich allerdings auch Musik, die es nicht in den Film geschafft hat. Tatsächlich besteht Thráin durchaus auch aus bereits bekanntem Material, der dissonante Anfang findet sich beispielsweise bei 1:27 in A Spell of Concealment. Die gesamte erste Minute des Bonustracks mutet wie eine Neuanordnung der Einzelteile an. Bei 1:38 in Thráin ist jedoch eine kurze Andeutung des Erebor-Themas zu hören. Bei 1:19 stellt Shore eine neue Variation besagten Themas vor, traurig, introspektiv und mysteriös, die dem verschollenen Zwergenfürst gewidmet ist und in machen Auflistungen auch als separates Thema für Thráin geführt wird. Bei 1:50 erklingt zudem Smaugs Thema, als Gandalf und Thráin kurz auf den Einsamen Berg zu sprechen kommen. Beim Rest des Tracks handelt es sich um eine Alternative, man kann hier wohl davon ausgehen, dass es sich um Shores ursprüngliche Untermalung für Saurons Enthüllung handelt, denn ab 2:30 erleben wir mehr oder weniger, wie das absteigenden Motiv des Nekromanten sich endgültig in die absteigende Terz, wie wir sie aus der LotR-Trilogie kennen, verwandelt. Saurons Thema ist ebenfalls zu hören, allerdings in einer nicht ganz so überwältigenden Version – vermutlich wollte Jackson die Version aus „The Return of the King“ an dieser Stelle haben.

Siehe auch:
The Quest for Erebor
Wilderland
The House of Beorn
Flies and Spiders
The Woodland Realm
Feast of Starlight
The Forest River
Bard, a Man From Lake-Town
Protector of the Common Folk
Durin’s Folk

Batman: The Dark Knight Strikes Again

51nkq5RYIzL._SX321_BO1,204,203,200_
Während Frank Miller in den 80ern Daredevil und Batman auf Vordermann brachte, beschäftigte er sich in den 90ern primär mit eigenen Projekten, die beim Verlag Dark Horse veröffentlicht wurden. Bei „Hard Boiled“ und „Give Me Liberty“ fungierte er lediglich als Autor und arbeitete mit den Zeichnern Geof Darrow und Dave Gibbons zusammen, während er bei den aufgrund der Verfilmungen deutlich bekannteren Werken „Sin City“ und „300“ selbst den Zeichenstift schwang. Anfang des neuen Jahrtausends kehrte er dann jedoch zu Batman zurück und schrieb und zeichnete mit „The Dark Knight Strikes Again“ eine Fortsetzung zu seinem populärsten Werk. Zu sagen, dass besagte Fortsetzung hinter den Erwartungen zurückblieb, wäre eine maßlose Untertreibung. Die meisten Fans des Originals erwarteten eine stringente Fortführung der Handlung und ein Anknüpfen an den visuellen Stil des Originals – beides verwehrt Miller seinen Fans.

Handlung und Struktur
„The Dark Knight Returns“ war sehr ordentlich und sauber strukturiert, der Handlung ließ sich gut folgen und trotz der Auftritte anderer DC-Helden wie Superman oder Green Arrow war Batman ganz ohne Zweifel der Protagonist. Die Fortsetzung dagegen ist in ihrer Erzählweise völlig diffus und chaotisch, während es, trotz des Titels, keinen eindeutigen Protagonisten gibt – Batman ist ganz sicher nicht die Hauptfigur dieses Machwerks, er kommt nämlich kaum vor. Auch der Plot an sich ist dünner als das Papier, auf dem der Comic gedruckt ist. Drei Jahre sind seit den Ereignissen des Vorgängers vergangen, Batman arbeitet nach wie vor im Untergrund und eine wachsende Anzahl an Helden hat sich ihm angeschlossen, darunter neben Green Arrow, der bereits in TDKR für den Dunklen Ritter arbeitete, Plastic Man, Flash und The Atom. Superman, Wonder Woman und Captain Marvel/Shazam arbeiten hingegen für die Regierung unter Präsident Rickard (der optisch sehr an George W. Bush erinnert), bei dem es sich allerdings nur um eine Computersimulation unter der Kontrolle der Schurken Lex Luthor und Brainiac handelt. Zusätzlich taucht auch noch ein merkwürdiger neuer Joker auf und die Flaschenstadt Kandor wird von Brainiac als Geisel genommen. Batmans Methoden im Kampf gegen die Schurken sind radikaler denn je, dennoch kommt Superman irgendwann zu dem Schluss, dass Luthor und Brainiac nur auf diese Weise aufgehalten werden können und arbeitet zähneknirschend mit Batman zusammen. Dieser lässt sich von Luthor gefangen nehmen und foltern, um von dessen Plänen zu erfahren, kurz darauf wird Luthor allerdings vom Sohn von Hawkman und Hawkgirl getötet. Der neue Joker enthüllt schließlich, dass er in Wahrheit ein wahnsinnig gewordener und beinahe-unsterblicher Dick Grayson ist, der von seinem ehemaligen Mentor in einen Vulkan geworfen wird. Batman überlebt nur Dank Supermans Hilfe. Das alles klingt willkürlich und durcheinander? Ist es auch. „The Dark Knight Strikes Again“ besteht, anders als der Vorgänger, nur aus drei Ausgaben, ist insgesamt aber trotzdem nur marginal kürzer als TDKR – die eigentliche Handlung hätte jedoch in ein Heft gepasst. Aufgebläht wird das Ganze durch ebenso flache wie unnötige Mediensatire. Diese war zwar bereits im Vorgänger vorhanden, fügte sich aber gut in die Handlung ein, während sie hier losgelöst, plakativ und völlig unnötig erscheint.

Visuelle Gestaltung

readingglasses
Batman und Flash in Millers Interpretation.

Ich bin nicht der größte Fan von Frank Millers Stil, der in meinen Augen in „Sin City“ mit den harten schwarz-weiß-Kontrasten am besten funktioniert. In TDKR diente er jedoch unweigerlich der Geschichte und funktionierte im Zusammenspiel mit dieser exzellent – Miller bediente sich zwar grotesker Verzerrungen, hielt die Optik aber zugleich geerdet. In „The Dark Knight Strikes Again“ hingegen kennt er keine Zurückhaltung mehr, alles sieht aus wie ein völlig überdrehter, absurder Cartoon. Füße und Hände der Figuren sind gewaltig, die Posen ebenso absurd wie anatomisch unmöglich und manche Figuren kann man nicht einmal mehr als Karikaturen ihrer selbst bezeichnen – das trifft besonders auf Lex Luthor sowie auf Batman nach der ausgedehnten Foltersession zu. Wo Miller einst sehr differenziert und detailliert zeichnete, scheint er nun jedes Interesse an aufwändigeren Illustrationen verloren zu haben. Diese Tendenz ist wohl tatsächlich direkt auf „Sin City“ zurückzuführen – in ihrer Gesamtheit zeigen die diversen Geschichten, wie Millers Stil sich wandelte. Der erste Band bzw. die ersten Miniserie, „The Hard Goodbye“, erinnert optisch noch sehr stark an TDKR, während „Hell and Back“, nur ein bis zwei Jahre vor „The Dark Knight Strikes Again“ entstanden, schon viele Elemente dieses Batman-Comics vorwegnimmt. Alle anderen Sin-City-Geschichten bewegen sich entsprechend des Entstehungsjahres auf einem Spektrum dazwischen.

Bei der Panelanordnung verhält es sich ähnlich wie bei den Zeichnungen, war diese im Vorgänger noch sehr ordentlich und nachvollziehbar, so ist sie nun chaotisch und verwirrend – völlig ohne Grund. Die Panelanordnung erscheint willkürlich und macht es mitunter schwer, dem Handlungsverlauf einer Szene zu folgen. Zusätzlich finden sich viele ganz- oder sogar zweiseitige Panels, sog. „slapsh pages“, die wirken, als wolle Miller seinen Stil in all seiner Pracht präsentieren. Was jedoch bei einem Zeichner wie Alex Ross oder Lee Bermejo, deren Panels Gemälden gleichen, an denen man sich nicht sattsehen kann, gut funktioniert, wirkt hier nur arrogant und faul.

Für die Farbgebung ist abermals Millers damalige Ehefrau Lynn Varley verantwortlich, doch wo sie sich in TDKR einer gedeckten Farbpalette bediente, verwendet sie hier eine schrille, mitunter fast schon psychedelisch anmutende digitale Koloration, die, ebenso wie die Zeichnungen, jegliche Zurückhaltung vermissen lässt. Tatsächlich fungieren Varleys Farbgebilde oft als Ersatz für tatsächliche Hintergründe, was mitunter den Eindruck erweckt, beim gesamten Werk handle es sich um einen schlechten Drogentrip. Für die gewählte Optik in „The Dark Knight Strikes Again“ gibt es nur ein zutreffendes Wort: Hässlich. Wenn ich spontan den unansehnlichsten Superheldencomic, nominieren müsste, wäre „The Dark Knight Strikes Again“ das erste Werk, das ich nennen würde. Man fragt sich unweigerlich: Konnte Miller nicht oder wollte er nicht? Hat er zu lange an „Sin City“ gearbeitet und darüber hinaus jegliches Gespür für die Farbgebung verloren? Hielt er das tatsächlich für die natürlich Evolution seines Stils oder wollte er wild experimentieren? Sollte Letzteres der Fall sein, dann ist dieses Experiment jedenfalls ordentlich in die Hose gegangen. Millers nächstes Batman-Werk, „All Star Batman and Robin the Boy-Wonder” ist zwar inhaltlich mindestens genauso bescheuert wie „The Dark Knight Strikes Again“, kann aber Dank Jim Lees Zeichnungen wenigstens visuell überzeugen.

Figuren und Deutung
Noch ein letztes Mal muss TDKR zum Vergleich herangezogen werden: Millers Meisterwerk ist ohne wenn und aber eine Auseinandersetzung mit Batman, mit den Themen und Motiven, die die Figur seit ihrer Erschaffung dominieren – eine Dekonstruktion des Dunklen Ritters. Das Ergebnis und die Aussagen des Werkes müssen einem nicht zusagen, aber es ist ohne Zweifel eine Batman-Geschichte. Wie bereits erwähnt lässt sich das über die Fortsetzung nicht sagen. Nicht nur, dass Batman bestenfalls eine Nebenfigur ist, „The Dark Knight Strikes Again“ hat im Grunde nichts über den Dunklen Ritter zu sagen, Batman hat hier keinen Handlungsbogen und ist auch kein einnehmender Charakter. Miller verschärft lediglich Batmans Arschlochtendenzen, nimmt ihm den letzten Rest Menschlichkeit und Wärme und macht ihn zu einer Karikatur der Figur, die er in „The Dark Knight Returns“ war. Problematisch ist, dass Batman hier immer recht behält und dass es seine radikalen Pläne sind, die zur Lösung der Probleme führen. In früheren Werken hinterfragte Miller Batmans Methoden und zeigte ihn als durchaus zweifelhafte Figur. Es ist nicht unübliche, dass der Dunkle Ritter sich von seinen Verbündeten entfremdet, sie schlecht behandelt oder über die Stränge schlägt – allerdings erhält er normalerweise die Quittung dafür. Hier hingegen weiß nur Batman, was gut und richtig ist. Das Gebaren Bruce Waynes ist einerseits so gnadenlos überzeichnet, dass man es eigentlich nicht ernst nehmen kann, und trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass Miller genau diese Art des Handelns für nötig hält. Ähnlich wie Zack Snyders Version der Figur in „Batman v Superman: Dawn of Justice“ mäht der Dunkle Ritter alles gnadenlos nieder, schreckt vor Mord und großangelegter Zerstörung nicht zurück und nimmt auch sonst keinerlei Rücksicht. Eine tatsächliche, wie auch immer geartete Auseinandersetzung mit der Figur sucht man vergeblich.

Ohnehin scheint es Miller viel stärker darum zu gehen, seine eigene, satirische Version des DC-Universums zu schaffen, statt sich tatsächlich mit Batman auseinanderzusetzen. In „The Dark Knight Strikes Again“ wimmelt es von absurden, überdrehten und merkwürdigen Versionen diverser DC-Helden, die man ohne Verlust hätte aus der Geschichte streichen können. Die paar Figuren, die tatsächlich für die Handlung mehr oder weniger essentiell sind, sind, ähnlich wie Batman, absurde Parodien ihrer selbst, deren Handlungen und Motivationen fragwürdig bis undurchsichtig bleiben. Warum etwa nennt sich Carrie Kelley, Robin in TDKR, nun Catgirl? Um Selina Kyle zu ehren? Mit dieser hatte sie nie zuvor Kontakt, weshalb sie ausgerechnet Catgirl und nicht etwa Batgirl wird, bleibt schleierhaft. Ebenso absurd wirkt Supermans Beziehung zu Wonder Woman – die beiden haben hier übrigens eine gemeinsame Tochter namens Lara, die ebenfalls kaum etwas zur Handlung beiträgt. Über die Schurken zu sprechen ist ebenfalls praktisch müßig, da Miller sie kaum charakterisiert – auch sie sind bestenfalls Karikaturen ihres üblichen Selbst, ihre Bosheit und Grausamkeit ist im Grunde reiner Selbstzweck, sie sagen nichts mehr aus. Der arme Dick Grayson kommt kaum besser weg, hier wäre zumindest ein Ansatz für interessantes erzählerisches Potential vorhanden, da Batman ja eigentlich Schuld ist, dieses wird aber zusammen mit dem Ex-Robin in der Lava versenkt. Miller erlaubt seinem Batman hier keinen Moment der Selbstreflexion oder des Zweifels.

Lex_Luthor_DKR_01
Lex Luthor mit Riesenpranken

Millers politische und gesellschaftliche Ansichten treten in „The Dark Knight Strikes Again“ noch einmal überdeutlich zutage. Ein gewisser Einfluss von Ayn Rands Objektivismus war bei Miller stets festzustellen, in früheren Werken, gerade „The Dark Knight Returns“, war er jedoch in der Lage, sich differenzierter mit der Thematik auseinanderzusetzen. Man geht gemeinhin davon aus, dass 9/11 etwas mit dieser „Radikalisierung“ zu tun hat – Miller lebte 2001 in New York und bekam den Anschlag auf das World Trade Center direkt mit, was nicht nur Auswirkungen auf die Entstehung von „The Dark Knight Strikes Again“ gehabt haben dürfte, sondern letztendlich zur Schaffung des Comics „Holy Terror“ führte, der zurecht als absoluter Tiefpunkt in Millers Schaffen gilt und von dem er sich inzwischen distanziert hat. Wie dem auch sei, Millers „politische Satire“ hier ist so unglaublich plump und plakativ wie nur irgend möglich. Gerade die Auftritt Ronald Reagans in TDKR war nun auch nicht gerade subtil, aber Millers Anti-Establishment-Haltung (oder Anti-Haltung im Allgemeinen) in diesem Comic wird dem Leser durch den von Luthor und Brainiac kontrollierten Fake-Präsidenten sowie diverse Kommentare Batmans mit dem Holzhammer eingebläut.

Nun stellt sich die Frage, was Miller mit „The Dark Knight Strikes Again“ eigentlich bezweckte, von der oben erwähnten politischen Botschaft einmal abgesehen. In einem Interview erklärte Miller: „I was out to remind readers about the inherent joy and wonder these superheroes offer, and also to celebrate their delicious absurdity. I saw the superheroes as Gods and Heroes in the Classic sense: Mighty, quirky, lustful, capricious, noble, petty, wrathful, unpredictable. Superman, Wonder Woman, Lara, Batman, Brainiac, Luthor, and Green Lantern are Gods. Carrie Kelley and the rest are heroes, offspring of Gods and men. Batman is the greatest of these Gods. Even though he can’t leap tall buildings or throw cars around, he knows what he wants, and he’s smarter than any of them. He uses his Pantheon to save humanity from its own self-embraced slavery.” (Quelle). Ähnlich wie viele andere Autoren, Beispielsweise Alan Moore, Grant Morrison oder Mark Waid, scheint auch Miller Probleme mit dem Einfluss gehabt zu haben, den Werke wie „Watchmen“ oder „The Dark Knight Returns“ auf die Comicindustrie und das Superhelden-Genre hatten. Das, was er in „The Dark Knight Strikes Again“ jedoch als Gegenthese präsentiert, ist weder Dekonstruktion der Trends der 90er noch Rekonstruktion der klassischen Superhelden, sondern nur ein wirres und schlecht erzähltes Konglomerat merkwürdiger Ideen und Konzepte. Oder war es Millers Absicht, zu irritieren und seine Leser und Fans vor den Kopf zu stoßen (zumindest behauptet er das im oben verlinkten Interview)? Wenn ja hat er sein Ziel definitiv erreicht.

Fazit: „The Dark Knight Strikes Again“ ist ein absoluter Tiefpunkt im Schaffen Frank Millers und in der Geschichte Batmans, ein schlecht erzähltes, visuell hässliches Machwerk, das weder mit seiner angeblichen Hauptfigur, noch mit einem der anderen Charaktere etwas sinnvolles anstellt und wie eine Sammlung aller stilistischen und inhaltlichen Schwächen Millers wirkt. Nur für Masochisten geeignet.

Titelbildquelle
Bildquelle Flash
Bildquelle Luthor

Siehe auch:
Batman: The Dark Knight Returns
Batman: Year One
Holy Terror

Stück der Woche: Durin’s Folk

Der Track Durin’s Folk ist primär geprägt von der Interaktion zwischen den Themen der Zwerge und der Menschen von Esgaroth: Nachdem es mit dem Waffendiebstahl nicht so geklappt hat, wie es ursprünglich geplant war, treten Thorin und Co. nun offen als die auf, die sie sind, was sich in der Musik deutlich widerspiegelt. Bereits bei 0:08 erklingt, nach einer einleitenden, absteigenden Blechbläserfigur, eine Andeutung von Thorins Thema, die direkt in eine recht kräftige Variation des Erebor-Themas übergeht (0:18), nur um bei 0:27 sofort vom Seestadt-Thema abgelöst zu werden. Dieses klingt hier vorsichtig und ein wenig unsicher: Der Meister und die Bewohner wissen nicht so recht, was sie von diesem zurückgekehrten König unter dem Berg halten sollen. Umso wichtiger ist es, dass die Zwerge mit feurigen Reden zu überzeugen wissen, was sich an dem entschlossenen Statement des Erebor-Themas bei 0:52 zeigt – schon lange war es nicht mehr so kräftig zu hören. Auch Thorins Thema scheint bei 1:05 an Kraft und Entschlossenheit zu gewinnen – der Erbe Erebors hat genug von den Heimlichkeiten und genießt es, große Reden schwingen zu können. Tatsächlich erhält Thorins Thema hier eine bislang nicht gehörte Erweiterung, die es zu komplettieren scheint. Bards Thema, das ab 1:22 erklingt, ist dem genau entgegengesetzt: Nach wie vor ist es düster, brütend und zurückhaltend, der Bogenschütze warnt vor der Gefahr des Drachen – dementsprechend wird sein Leitmotiv von fast schon behäbigen Streichern gespielt. Aber davon lässt sich ein Thorin Eichenschild nicht aufhalten. Nach einem weiteren Statement des Erebor-Themas bei 1:53 erklingt die bislang prächtigste und königlichste Variation von Thorins Thema, zu der er dem Meister und den Bürgern von Seestadt großspurige Versprechen macht. Dennoch ist nicht alles in Butter, davon künden harsche Blechbläser und dissonante Streicher, die ab 2:45 eine merkwürdige, invertierte Version des Politiker-Themas anstimmen.

Die Rückkehr der Zwerge zu ihrer angestammten Heimat wird in In the Shadow of the Mountain von einer bedächtigen, ja beinahe andächtigen Variation des Haus-Durins-Themas untermalt, die Streicher drücken die Sehnsucht nach der verlorenen, zerstörten Heimat aus. Es folgt ein kurzes, frenetisches Streicherinterludium, aus dem man subtile Auenlandanklänge herauszuhören meint, sofort kehrt der Track allerdings wieder zu seiner bedächtigen Natur zurück, nur dass es dieses Mal das Erebor-Thema ist, das die einstige und nun verwüstete Pracht im Score darstellt. Ab 1:30 mischt sich subtil Smaugs Thema in den hohen Streichern ein – schließlich ist der Drache verantwortlich für die Zerstörung und Vertreibung der Zwerge. Beide Phrasen des Drachen-Themas erklingen hier direkt hintereinander, gefolgt vom ersten Einsatz der noch oft auftauchenden Begleitfigur dieses Themas, dem sog. „Drachenkrankheits-Ostinato“ (1:57), das hier von dräuendem Unheil kündet.

Siehe auch:
The Quest for Erebor
Wilderland
The House of Beorn
Flies and Spiders
The Woodland Realm
Feast of Starlight
The Forest River
Bard, a Man From Lake-Town
Protector of the Common Folk

Art of Adaptation: Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi

892840._SX360_QL80_TTD_
Was wäre, wenn Tod Browning „Dracula“ mit Bela Lugosi sich nicht am Skript des Theaterstücks von Hamilton Deane und John L. Balderston orientiert hätte, sondern stattdessen Stokers Roman sehr vorlagengetreu adaptiert (und auch ein deutlich höheres Budget gehabt) hätte? Diese Frage stellten sich die Künstler El Garing und Kerry Gammil und lieferten die Antwort darauf in Form des Comics „Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi“. Dieses Werk verlangt natürlich nach einer Rezension, nicht zuletzt, da es sich dabei um die bislang engste Verzahnung der beiden Dracula-Prototypen handelt, Stokers Romanfigur und Bela Lugosis Darstellung. Auf einen der beiden, wenn nicht gar auf beiden gleichzeitig, lässt sich fast jede Interpretation der Figur zurückführen.

Die Handlung ist ganz eindeutig die des Romans und nicht des Films: Es ist Jonathan Harker, nicht Renfield, der den Grafen in Transsylvanien aufsucht, Mina ist nicht Dr. Sewards Tochter, Lucy Westenra trägt sowohl ihren vollen Nachnamen (im Browning-Film hieß sie nur Weston) und hat auch ihre drei Verehrer wieder, die Interaktionen zwischen Dracula und seinen Jägern werden im Vergleich zum Film stark zurückgefahren und die Verfolgung des Grafen wird ebenso wenig ausgelassen wie die zweite Reise nach Transsylvanien, um Dracula endgültig zu vernichten. Lange Rede, kurzer Sinn: Rein inhaltlich bewegt sich diese Comicadaption sehr nahe an der Vorlage, sogar deutlich näher als beispielsweise Georges Bess‘ Umsetzung. Auch strukturell gibt es keine Experimente, Jonathans Erfahrungen in Transsylvanien werden en bloc erzählt, bevor Whitby als Handlungsort zusammen mit den anderen Figuren eingeführt wird – der Comic bedient sich keiner wie auch immer gearteten Rahmenhandlung und es finden keine größeren Umstrukturierungen welcher Art auch immer statt. Die Tagebücher als Erzählinstanz bleiben ebenfalls erhalten und mehr als einmal stammen Erzähltext und Dialoge direkt von Stoker. Dennoch wird die Langatmigkeit der Vorlage effektiv vermieden, sodass sich die Handlung in relativ hohem (aber nicht zu hohem Tempo) voranbewegt. Es sind vor allem kleine Details, die Garing und Gammil geändert haben: Mina und Lucy wirken als Draculas Opfer beispielsweise williger, als es im Roman der Fall ist; zweifelsohne ist dies dem Umstand geschuldet, dass Bela Lugosi gewissermaßen den verführerischen Dracula begründet hat. Zusätzlich wird der Graf kurz vor seiner Vernichtung noch etwas aktiver und darf sich gegen seine Angreifer in stärkerem Ausmaß zur Wehr setzen.

Mehr noch als bei allen anderen Comicadaptionen von Stokers Roman ist es hier die grafische Umsetzung der Geschichte, die besonders hervorsticht, gerade weil die beiden Künstler sich dazu entschlossen haben, das Gesicht Bela Lugosis zu verwenden und so praktisch eine Version des Browning-Films imaginieren, die der Vorlage ziemlich genau folgt. Dieser Ansatz ist von Lugosis Erben ausdrücklich sanktioniert, sein Sohn Bela G. Lugosi und seine Enkelin Lynne Lugosi Sparks werden als „Executive Consultants“ genannt und haben ein Vorwort beigesteuert, während Stokers Urgroßneffe Dacre Stoker für das Nachwort verantwortlich ist. In diesem zentralen Aspekt des Werkes findet sich dann letztendlich auch die größte Abweichung von Stokers Text, denn der Graf im Roman sieht definitiv nicht aus wie Bela Lugosi. Davon abgesehen bleiben Garing und Gammil allerdings wieder recht nah an der Vorlage und bedienen sich beispielsweise nicht der für den Lugosi-Dracula typischen Kleidung (mit einer kurzen Ausnahme), sondern orientieren sich an Stoker – mit kleinen Zugeständnissen, etwa dem archetypischen Kragen. Auch das Jüngerwerden Draculas im Verlauf der Geschichte wird miteinbezogen. Zu Beginn gleicht Dracula im Comic dem älteren Lugosi, wie man ihn in „Abbott and Costello Meet Frankenstein“ gesehen hat, während sich die junge Version, die später in London auftaucht, visuell an Lugosis frühesten Auftritten als Dracula im Theater in den späten 20ern orientiert.

Die anderen Figuren gleichen ihren Film-Gegenstücken hingegen kaum – vermutlich wäre das schwierig zu bewerkstelligen und/oder zu teuer gewesen. Bei Jonathan und Mina kann man vielleicht noch eine gewisse rudimentäre Ähnlichkeit feststellen, wobei beide im Comic relativ profillos aussehen. Garings und Gammils Van Helsing wirkt optisch interessanterweise ein wenig wie eine Fusion aus Edward Van Sloane und Peter Cushing – man fragt sich, ob das so beabsichtigt war. Ansonsten bemüht sich diese Adaption allerdings durchaus, die Atmosphäre der alten Universal-Horror-Filme zu rekreieren. Freilich ist ein Comic in seinen Mitteln keinesfalls so beschränkt, wie es Brownings „Dracula“ war – dennoch haftet diesem Werk eine gewisse Bodenständigkeit an, besonders wenn man ein weiteres Mal Georges Bess‘ Interpretation zu Vergleichszwecken heranzieht. Gleichwertiger Symbolismus oder die extrovertierte Bildsprache des französischen Künstlers fehlen ebenso wie die harten Kontraste – wo Bess‘ Adaption im eigentlichen Wortsinn schwarz-weiß ist, arbeiten Garing und Gammil mit den Grautönen eines klassischen Schwarz-Weiß-Filmes. Dementsprechend sind die Bilder ziemlich naturalistisch und detailliert, wobei der Fokus immer auf Draculas bzw. Lugosis Gesicht liegt, das die entsprechenden Seiten meistens ohne wenn und aber dominiert.

Es dürfte kaum verwundern, dass die Bildkomposition und die, nennen wir es „angedeutete Kameraführung“, origineller und dynamischer sind als in Brownings doch recht statisch geratenem Film, trotz des Versuchs, dessen Bildsprache einzufangen. Ebenso ist es keine Überraschung, dass der Comic deutlich expliziter ist und Dinge zeigt, die 1931 ganz sicher nicht durchgegangen wären. Dracula ist beim Trinken zu sehen (und hat, anders als im Film, eindeutig spitze Eckzähne), es fließt ordentlich Blut, die Szenen mit den Draculas Gespielinnen sind höchst suggestiv und auch vor sehr blutigen Pfählungen wird nicht zurückgeschreckt. Auf diese Weise suchen Garing und Gammil stets den Kompromiss zwischen Browning und Lugosi auf der einen und Stoker und einer moderneren, expliziteren Darstellung auf der anderen Seite. Hin und wieder führt das jedoch zu unfreiwillig komischen Panels, etwa als Van Helsing kurz über Draculas Vergangenheit referiert und man als Leser einen Flashback aus Draculas kriegerischen Tagen gezeigt bekommt, in welchem der Graf als grimmiger Krieger in Rüstung zu sehen ist, die einfach nicht mit Lugosis Zügen harmonieren will.

Fazit: „Bram Stoker’s Dracula Starring Bela Lugosi” ist ein faszinierendes Experiment, das die Brücke zwischen dem Roman und Tod Brownings Film schlägt bzw. die Frage beantwortet, wie eine vorlagengetreue Adaption mit Lugosi wohl ausgesehen hätte. Vor allem Fans des Lugosi-Draculas und der klassischen Universal-Filme werden sich an diesem Comic zweifellos erfreuen, wer jedoch mit dem Vermächtnis des Grafen nicht allzu gut vertraut ist oder keine besondere Bindung zum Film von 1931 hat, ist mit einer der vielen anderen Umsetzungen wahrscheinlich besser bedient, denn insgesamt betreten El Garing und Kerry Gammil abseits der Verwendung von Lugosis Gesicht nicht wirklich neuen Boden.

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stoker’s Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Universals Graf
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf
Art of Adaptation: Georges Bess‘ Dracula