Jango Fett: Open Seasons

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Meine lang überfällige Rezension zu den ersten beiden Staffeln von „The Mandalorian“ wird definitiv irgendwann in diesem Jahr kommen, vorher gilt es allerdings, noch etwas Vorarbeit zu leisten und die Mandalorianer ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Exemplarisch soll dies anhand der vierteiligen Dark-Horse-Miniserie „Jango Fett: Open Seasons“ (ursprünglich 2002 erschienen) geschehen, da diese, obwohl im Fan-Bewusstsein nicht allzu präsent, viele Grundlagen schuf. Die Mandalorianer als solche gehen weit zurück, Boba Fett feierte bekanntermaßen im Zeichentrick-Segment des „Star Wars Holiday Specials“ sein Debüt, bevor er einem weit größeren Publikum in „The Empire Strikes Back“ vorgestellt wurde. Die meines Wissens nach erste Erwähnung der Mandalorianer als Gruppe taucht in Dondald F. Gluts Romanfassung von Episode V auf, in welcher Boba Fetts Rüstung (aber nicht unbedingt Fett selbst) als mandalorianisch identifiziert wird und die Mandalorianer wiederum als Gruppe böser Krieger, die von den Jedi besiegt wurden, charakterisiert werden. Im weiteren Verlauf des EU tauchten Fett und die Mandalorianer immer mal wieder sporadisch auf, in den alten Marvel-Comics wurden beispielsweise mandalorianische Supercommandos erwähnt, die in den Klonkriegen kämpften. In der von Kevin J. Anderson verfassten Miniserie „Tales of the Jedi – The Sith War“, die knapp 4000 Jahre vor „A New Hope“ spielt, gab sich schließlich Mandalore der Unbezähmbare, der erste in einer langen Reihe mandalorianischer Anführer, die Ehre. Anderson enthüllte außerdem, dass es sich bei den Mandalorianern zumindest ursprünglich nicht um Menschen, sondern um „Taung“, Angehörige einer grauhätuigen, nichtmenschlichen Spezies handelte. Diesen Handlungsstrang griffen die beiden Knights-of-the-Old-Republic-Spiele sowie die gleichnamige Comicserie von John Jackson Miller auf und erläuterten, wie sich die Mandalorianer als Gruppe entwickeln, als Armee die Republik bedrohen und wie es schließlich zum Demografiewandel innerhalb des Volkes kommt. Auch Boba Fetts Hintergründe wurden in frühem Legends-Material erläutert, in der Kurzgeschichte „The Last One Standing: The Tale of Boba Fett“ von Daniel Keys Moran, erschienen in der Anthologie „Tales of the Bounty Hunters“, wurde er als Jaster Mereel identifiziert, was „Attack of the Clones“ natürlich gehörig über den Haufen warf. Dort sorgte George Lucas persönlich für einen neuen Hintergrund für den gefürchtesten Kopfgeldjäger der Galaxis und machte aus ihm einen unveränderten Klon des Kopfgeldjägers Jango Fett, der von diesem als Sohn großgezogen wird. Wie später der Junior ist natürlich auch Jango Fett in mandalorianischer Rüstung unterwegs. Ob es sich bei Jango und Boba Fett tatsächlich um Mandalorianer handelt, wird in Episode II allerdings nicht weiter erörtert. Hier knüpft „Jango Fett: Open Seasons“ an.

Inhaltlich setzt die von Haden Blackman geschriebene und von Ramón F. Bachs gezeichnete Miniserie kurz nach „The Phantom Menace“ an: Count Dooku, bereits der neue Sith-Schüler von Darth Sidious, hat den Kopfgeldjäger Jango Fett als Vorlage für die zu erschaffende Klonarmee, die im kommenden Krieg kämpfen soll, ausgewählt. Nun bemüht er sich, die Hintergründe Fetts zusammenzusetzen. Von einem ehemaligen Kameraden Fetts erfährt Dooku, dass dieser auf dem Planeten Concord Dawn geboren wurde und auf einer Farm mit seiner Familie aufwuchs. Besagte Familie gerät unverhofft in einen Konflikt zwischen mandalorianischen Söldnern unter Führung von Jaster Mereel und einer Gruppe abtrünniger Mandalorianer, die sich als „Death Watch“ bezeichnet und von einem gewissen Tor Vizsla kommandiert wird. Nur Jango überlebt und wird fortan Protegé von Jaster. Einige Jahre später stirbt Jaster in einer weiteren Konfrontation mit Death Watch und Jango übernimmt die Führung der Mandalorianer, nur um Vizsla auf Galidraan in die Falle zu gehen: Durch eine Intrige gelingt es ihm, die Jedi auf die Mandalorianer aufmerksam zu machen – hier begegnen sich Dooku, zu diesem Zeitpunkt noch ein Meister des Ordens, und Jango zum ersten Mal. Jango überlebt als einziger und gerät in Gefangenschaft. Wie er entkommt, seine neue Rüstung erhält und schließlich Tor Vizsla tötet, erfährt Dooku von Jango selbst, der nun in der Rahmenhandlung auftaucht, um mit Dooku über die Bedingungen des Vertrags zu verhandeln.

„Jango Fett: Open Seasons“ zählt nicht unbedingt zur Crème de la Crème der Legends-Comics, im Gesamtkontext ist die Miniserie zwar kurzweilig und unterhaltsam, aber nicht herausragend. Gerade die Charakterisierung der Figuren bleibt eher funktional – vier Hefte sind nun einmal relativ wenig Raum für mehrere Jahrzehnte. Gerade dem Zerwürfnis bzw. dem ideologischen Konflikt zwischen Jaster Mereel und Tor Vizsla wird recht wenig Platz eingeräumt, sodass Vizsla nur ein recht brutaler und eindeutig böser, aber nicht wirklich interessanter Charakter ist. Auch viele andere Figuren bleiben ziemlich oberflächlich, wobei Jango, als Fokus der Geschichte, noch am besten wegkommt. Ein besonderes Highlight ist hierbei die Dialogszene zwischen Jango und Dooku, in welcher der Kopfgeldjäger zeigt, dass er einem Machtnutzer durchaus ebenbürtig sein kann, ohne dass es zum Kampf kommt. Natürlich handelt es sich bei „Open Seasons“ auch nicht um eine tiefgreifende Erforschung mandalorianischer Kultur – primär etabliert Blackman hier die „guten“ Mandalorianer, die einem Kodex folgen, und die „bösen“ Mandalorianer in Gestalt von Death Watch. Die ausgiebige Auseinandersetzung mit dieser Kultur erfolgt erst in den Werken von Karen Traviss, primär den Republic-Commando-Romanen und ihren Beiträgen zur Buchreihe „Legacy of the Force“. Traviss war es auch, die die mandalorianische Sprache entwickelte – zugleich sind ihre Romane mitunter allerdings auch von einer gewissen Bevorzugung der mandalorianischen Charaktere und ihrer Lebensweise geprägt. Deutlich interessanter ist „Open Seasons“ im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Mandalorianer.

Zum einen greift Blackman Boba Fetts ursprüngliche Identität als Jaster Mereel auf und macht daraus eine eigenständige Figur, die zum Mentor von Bobas Vater Jango wird. Und zum anderen handelt es sich bei „Open Seasons“ um eine der ersten positiven Darstellungen der Mandalorianer. Die beiden Fetts werden in den Filmen primär als relativ rücksichtslose Kopfgeldjäger und eindeutige Widersacher der Helden dargestellt, und auch in früheren Ledgends-Werken, primär den „Tales of the Jedi“, kommen sie nicht besonders gut weg. Der Einfluss, den die Miniserie auf weitere Werke hatte, ist nicht zu unterschätzen, da sie die Grundlage für die Mandalorianer der Prequel-Ära lieferte und somit quasi das Fundament für das legte, was Karen Traviss später in ihren Republic-Commando-Romanen weiter ausbaute. Mehr noch, auch die Darstellung der Mandalorianer in „The Clone Wars“ verdankt „Open Seasons“ einiges. Während Traviss‘ Ideen und Konzepte für die Animationsserie weitestgehend ignoriert wurden, griffen Dave Filoni und George Lucas einige Elemente aus der Miniserie auf, primär die terroristische Mandalorianer-Gruppierung Death Watch, die auch in der Serie von einem Vizsla angeführt wird – allerdings Pre Vizsla und nicht Tor. Seither haben sich die Mandalorianer im Disney-Kanon in diverse Richtungen entwickelt, sei es in späteren Clone-Wars-Staffeln, in „Star Wars: Rebels“ oder natürlich in „The Mandalorian“, welches, nebenbei bemerkt, „Open Seaons“ inhaltlich in sehr groben Zügen als Jangos Kanon-Vorgeschichte neue Gültigkeit verleiht.

Zum Schluss noch ein paar Worte zu Ramón F. Bachs, dessen prominenteste Star-Wars-Arbeiten neben „Open Seasons“ wohl „Jedi vs. Sith“ und der Republic-Handlungsbogen „Infinity’s End“ sind. Bachs Zeichnungen passen ganz gut zum „funktionalen“ Charakter dieser Miniserie; für mich persönlich gehört er weder zu den stärksten, noch zu den schwächsten Star-Wars-Comickünstlern. Gerade seine Actionszenen sind äußerst dynamisch, seine Gesichter hingegen wirken für meinen Geschmack immer ein wenig zu kantig.

Fazit: Für sich allein betrachtet ist „Jango Fett: Open Seaons“ ein actionreicher und kurzweiliger, aber nicht besonders in die Tiefe gehender Origin-Comic für die Titelfigur, im Kontext der Entwicklung der Mandalorianer, gerade auch im Hinblick auf „The Clone Wars“ und den Disney-Kanon, aber essentielle Lektüre.

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Stück der Woche: The Forest River


Für die vielen, inhaltlich sinnlosen und durch CGI aufgeblähten Action-Szenen der Hobbit-Trilogie (vor allem im zweiten und dritten Film) gilt dasselbe wie für die Romanze zwischen Kíli und Tauriel: Immerhin haben sie Howard Shore zu grandioser Musik inspiriert. Die Fässer-Flucht der Zwerge ist hierfür geradezu exemplarisch: Im Roman verpackt Bilbo die Zwerge in die Fässer, die elbischen Flößer bringen sie, im Glauben es handle sich lediglich Waren, nach Esgaroth und fertig. Im Film hingegen wurde daraus eine nicht nur unnötige, sondern physikalisch völlig irrsinnige Action-Szene: Elben gegen Orks gegen Zwerge, umgeben von schlecht animiertem Wasser und merkwürdigen POV-Shots, die völlig Fehl am Platz wirken. Shores Track The Forest River hingegen ist das erste wirklich grandiose Action-Highlight des Scores von „The Desolation of Smaug”. Gerade das erste Drittel des Albums ist vor allem durch eine gewisse Schwergängigkeit gezeichnet – beeindruckende leitmotivische Arbeit zweifellos, aber doch verhältnismäßig wenige melodisch oder dynamisch herausragendes Material. Mit The Forest River schüttelt dieser Score jedoch seine Schwergängigkeit ab; Shore liefert ein Meisterwerk, das problemlos mit den besten Action-Stücken der LotR-Scores mithalten kann.

Der Track beginnt mit dynamischen Streicherostinati und Blechbläserfiguren, die den titelgebenden Düsterwaldfluss wunderbar musikalisch darstellen. Die, in Ermangelung eines besseren Wortes, „fließende“ Instrumentierung erinnert dabei an die Tracks Dernhelm in Battle und Shieldmaiden of Rohan aus „The Return of the King“. Im Verlauf der ersten Minute schwillt der Track immer weiter an, die Streicher wechseln von der Begleitung zur Melodie und wieder zurück, bis bei 1:10 Tauriels Thema in der bislang dynamischsten Version erklingt, dicht gefolgt von der Action-Variante des Waldlandreich-Themas, die ein weiteres Mal Legolas‘ Akrobatik untermalt. Schon bei 1:29 folgt ein weiterer, fließender Übergang zu Tauriels Thema, der abermals zeigt, dass die beiden Leitmotive denselben Ursprung haben – nur um bei 1:32 wieder zum Waldlandreich-Thema zurückzukehren und bei 1:38 die seltener gespielte B-Phrase des Tauriel-Themas anzuspielen. Das alles geschieht ohne viel Aufsehen, Shore gleitet völlig mühelos von einem Thema ins andere und wieder zurück, was abermals die mitreißende Dynamik und „Flusshaftigkeit“ des Tracks begünstigt. Bei 2:15 arbeitet sich Tauriels Thema schließlich ein weiteres Mal an die Oberfläche, beinahe so, als würde ein Mensch auftauchen. Bei 2:28 beginnen aggressivere Bläserfiguren den Track zu dominieren, bis bei 2:56 Tauriels Thema noch einmal kurz auftaucht. In der folgenden halben Minute schwellen Streicher und Blechbläser erneut an, bis bei 3:28 unverhofft Thorins Thema ausbricht – und zwar in einer bis dato nie gehörten Variation, die die royale Schwermütigkeit abwirft und sich der Dynamik des Tracks unterwirft. Frenetische Streicher sorgen für eine kurze Überbrückungsphase, bevor sich das Waldlandreich-Thema noch einmal mit voller Kraft zurückmeldet. Bei 4:32 ist schließlich ein knappes Statement von Azogs Thema zu hören – der bleiche Ork ist zwar nicht zugegen, aber Bolg, immerhin der Sohn des Schänders, wird auch immer wieder durch dieses Leitmotiv repräsentiert. Ein letztes Mal erklingt Tauriels Thema bei 4:35, bevor The Forest River mit Blechbläserstößen und Paukenschlägen endet.

Die Verarbeitung dieses Tracks im Film lässt zu wünschen übrig. Was auf dem Album eine kohärente Meisterkomposition ist, verliert im Film viel, da es wirkt, als habe Peter Jackson immer wieder Stopp gedrückt, die Musik endet abrupt und läuft ebenso abrupt wieder an. Beinahe scheint es, als sei die Szene im Nachhinein noch verlängert und umgeschnitten worden, nachdem die Musik bereits final eingespielt wurde, was durchaus wahrscheinlich ist. Zusätzlich fehlen einige der gelungensten Momente, auf den Einsatz von Thorins Thema wartete man beispielsweise vergeblich; wobei ich mich auch frage, was dieser ursprünglich untermalt hätte. Theoretisch müsste er sich ungefähr bei Bomburs Angriff befunden haben… Lange Rede, kurzer Sinn: Eine der dämlichsten Szenen des Films, eines der besten Stücke der Trilogie.

Siehe auch:
The Quest for Erebor
Wilderland
The House of Beorn
Flies and Spiders
The Woodland Realm
Feast of Starlight

The Music of James Bond

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Da Filmmusik abseits der großen Leinwand zumeist ein Nischenprodukt ist, muss man sich auch nach der entsprechenden Fachliteratur etwas länger umsehen. Selbst in einem angesehenen Franchise wie „The Lord of the Rings“ wurde Doug Adams‘ grandioses „The Music of the Lord of the Rings Films” (das ich jedem, der sich für Howard Shores Musik auch nur marginal interessiert, unbedingt ans Herz lege) noch nicht einmal ins Deutsche übersetzt. Mit anderen Worten: Wer über Filmmusik lesen möchte, muss sich oft auf seine Englischkenntnisse verlassen. Das trifft auch auf das (mit Ausnahme von Harry Potter) britischste aller Film-Franchises zu: James Bond. Die wahrscheinlich langlebigste Blockbuster-Filmreihe hat eine ebenso faszinierende wie vielseitige musikalische Geschichte vorzuweisen, beginnend mit der Frage, wer das James-Bond-Thema eigentlich komponiert hat (Monty Norman oder John Barry) über die Erschaffung des typischen Bond-Sounds und die mitunter legendären Titellieder bis hin zu den Scores des neuen Jahrtausends von David Arnold und Thomas Newman. Ähnlich wie bei der Musik für Mittelerde existiert auch hier so etwas wie ein definitives Werk: „The Music of James Bond“, verfasst vom Filmjournalisten und Universitätsdozenten Jon Burlingame.

Anders als das zumindest in Ansätzen vergleichbare Werk von Doug Adams konzentriert sich Burlingame stärker auf die Entstehungsgeschichte und das Hinter-den-Kulissen-Material – wer tiefschürfende musikalische Analysen sucht, wird wohl eher enttäuscht werden. Eine Besprechung der Musik findet zwar durchaus statt, ist aber auf fortlaufende graue Streifen auf dem unteren Drittel der Seite reduziert, während sich der Haupttext mit den sonstigen Hintergründen und der Entstehung der jeweiligen Filmmusik beschäftigt. Burlingame setzte sich mit allen Bond-Soundtracks von „Dr. No“ bis „Skyfall“ auseinander, inklusive der beiden inoffiziellen (will heißen, nicht von Eon Productions produzierten) Bonds „Casino Royale“ (1967) und „Never Say Never Again“ (1983). Der Fokus liegt, wie bereits erwähnt, auf der Produktionsgeschichte: Wie kam der jeweilige Song zustande, welchen Ansatz verfolgte der Komponist, mischten sich die Produzenten in irgendeiner Form ein und wie wurden Film, Score und Song rezipiert? Angereichert werden die Berichte durch eine Vielzahl an Aussagen der Beteiligten, die mitunter höchst interessant sind und einen faszinierenden Einblick hinter die Kulissen geben. Produzent Harry Saltzman, neben Albert „Cubby“ Broccoli einer der Väter des Bond-Film-Franchise, sagten beispielsweise diverse der von John Barry komponierten Songs nicht zu, darunter auch Goldfinger, nach wie vor DER Bond-Song schlecht hin. Auch wollte Saltzman nicht, dass Paul McCartney Live and Let Die singt. Zumeist konnte sich jedoch Broccoli durchsetzen, was generell großen Erfolg nach sich zog.

Besonderer Fokus liegt natürlich auf John Barry – da der leider 2011 verstorbene Maestro alleine für elf Bond-Scores verantwortlich war und auch seinen Teil zum Titelthema beitrug (auch wenn es nach wie vor ausschließlich Monty Norman zugeschrieben wird), ist das sehr gut nachvollziehbar. Burlingame schildert anschaulich, wie sich der Bond-Sound entwickelt hat und wie Barry beim Komponieren vorging. Was mich beispielsweise besonders fasziniert hat: Barry komponierte die Melodien für die Bond-Songs meistens zuerst und gab sie dann dem jeweiligen Lyriker (oft Don Black), der anschließend die Texte schrieb. Normalerweise kennte man das eher umgekehrt. Aber auch die anderen Komponisten, von Monty Norman („Dr. No“) über George Martin („Live and Let Die“), Marvin Hamlisch („The Spy Who Loved Me“), Bill Conti („For Your Eyes Only”), Michael Kamen („Licence to Kill”), Éric Serra („GoldenEye”) bis zu David Arnold („Tomorrow Never Dies” bis „Quantum of Solace”) und Thomas Newman („Skyfall”) werden angemessen behandelt. Burlingame spart auch nicht an Details zu Konflikten und Kontroversen in der Produktion der Musik – besonders interessant ist nach wie vor der GoldenEye-Score, bei dem Serras Musik für die zentrale Actionszene durch eine Komposition des für die Orchestrierung zuständigen John Altman ersetzt wurde.

Die eigentliche Musikanalyse bleibt dagegen, zumindest im Vergleich zu „The Music of the Lord of the Rings Films“, eher oberflächlich, es werden keine Notenbeispiele gegeben und auch bezüglich der musikalischen Fachtermini hält sich Burlingame zurück – was jedoch nicht unbedingt als Schwäche des Buches ausgelegt werden muss. Ohnehin eignet sich die Musik der Bond-Filme nicht unbedingt für die tiefschürfende leitmotivische Analyse, die Doug Adams vollzogen hat. Und natürlich gibt es deutlich mehr Bond- als LotR-Filme, sodass eine wirklich ausgiebige musiktheoretische Auseinandersetzung noch einmal deutlich umfangreicher hätte ausfallen müssen. „The Music of the James Bond Films“ richtet sich eher an Fans mit Interesse an der Musik als an ein Fachpublikum – und als solches ist das Werk rundum gelungen.

Fazit: Von „Dr. No“ bis „Skyfall“ – in „The Music of James Bond” liefert Jon Burlingame faszinierende Informationen zu den Songs und Soundtracks des James-Bond-Filme. Burlingame bietet zwar keine tiefschürfende musikalische Analyse, sondern legt den Fokus auf die Entstehung und die Hintergründe der Musik, aber dennoch (oder gerade deshalb) ist sein Buch für jeden Bond- oder Filmmusikfan sehr empfehlenswert.

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Siehe auch:
Top 15 Variationen des James-Bond-Themas

Stück der Woche: Feast of Starlight


Wenn die Romanze zwischen Kíli und Tauriel über einen positiven Aspekt verfügt, dann immerhin, dass sie Howard Shore zu einem wunderschönen Thema inspiriert hat, das in Feast of Starlight sein Debüt feiert. Zu Beginn hören wir allerdings erst einmal Tauriels Thema in der bislang sanftesten und verletzlichsten Variation, gespielt von der Flöte. Der Aufbau des Liebesthemas von Elbin und Zwerg ist von sanften Streichern und Holzbläsern – abermals Flöte sowie Oboe – geprägt und erinnert an ein vorsichtiges, aber neugieriges Aufeinanderzugehen. Das eigentliche Thema, das bei 1:26 beginnt, besteht aus zwei Phrasen, die hier direkt hintereinander gespielt werden. Die Harmonien des Themas sind eine Mischung aus elbischen und zwergischen Elementen – dies trifft auch auf den von der Sopranistin Grace Davidson gesungenen Text zu, der sowohl aus Khuzdûl als auch Sindarin besteht und gewissermaßen einen Dialog darstellt. Bei 2:04 beginnt die zweite Phrase des Themas, in der die Oboe die Melodie spielt. Bei 2:20 mischt sich relativ unvermittelt eine unvollständige Variation des Geschichte-des-Ringes-Thema auf hohen Streichern ein, die im Film nicht zu hören ist. Bei 2:32 gehen besagte Streicher in ein erneutes Statement der A-Phrase des Kilí/Tauriel-Themas über, das aber deutlich unsicherer und zittriger klingt als die zuvor gehörte Variation.

In Barrels out of Bond, dem darauffolgenden Stück, das gewissermaßen eines der Action-Highlights des Films vorbereitet und darüber hinaus direkt nach einem Kapitel des Romans benannt ist, erklingen endlich einmal wieder Themen, die tatsächlich der (zumindest theoretischen) Hauptfigur des Films gewidmet sind. Der Track legt mit einer knappen, aber doch sehr willkommenen und warmen Holzbläser-Variation von Bilbos Abenteuerthema los, um dann direkt zu „Bilbo’s Fussy Theme“ überzugehen (0:22). Die direkt darauffolgende Figur hielt ich ursprünglich lediglich für eine Erweiterung besagten Leitmotivs, in „The Battle of the Five Armies“ wird sie allerdings zwei, drei weitere Male separat gespielt und kann somit als eigenes Leitmotiv gelten. Ich bin gerade nicht sicher, ob Doug Adams dieses kleine Thema bereits irgendwo benannt hat, deshalb werde ich es im Folgenden einfach, in Anlehnung an seinen Ursprung, „Bilbo’s Sneaky Theme“ nennen. Bezüglich der Hobbit-Themen war es das, mit ein zwei Ausnahmen, leider für diesen Score – ein weiterer Grund, weshalb Bilbo in diesem zweiten Hobbit-Film, in dem er eigentlich die Hauptfigur sein sollte, eher wir eine Nebenfigur wirkt.

Siehe auch:
The Quest for Erebor
Wilderland
The House of Beorn
Flies and Spiders
The Woodland Realm

Darth Sidious: Karriere eines Imperators


Bis 1999 kannten ihn die meisten nur als „den Imperator“: Obwohl Star-Wars-Fans, die sich mit der Materie etwas intensiver auseinandersetzten, schon lange wussten, dass der Herrscher des Imperiums den Namen Palpatine trägt, war er für die meisten Kinozuschauer viele Jahre lang nur unter seinem Titel bekannt, eine entmenschlichte Verkörperung des Bösen, beschränkt auf die Funktion als übler Diktator. Die Prequels sorgten schließlich dafür, dass er als Palpatine bekannt wurde und gaben ihm zugleich einen neuen Namen, der in meinen Augen der Name seine wahren Selbst ist: Darth Sidious. Senator, Kanzler, Imperator, Sith-Lord: Palpatine hat als fiktive Figur eine höchst interessante Karriere hinter sich, die näher zu beleuchten ein ebenso umfangreiches wie lohnenswertes Unterfangen ist; eines, das ich schon seit langem Plane. Oder, um es in seinen Worten zu sagen: „The time has come.“ Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es soll nicht jeder einzelne Auftritt von Palpatine thematisiert oder erwähnt werden, viel mehr möchte ich die Entwicklung aufzeigen, die diese, meine Lieblingsfigur aus Star Wars, seit ihrer Entstehung durchlaufen ist.

„Before the Dark Times, Before the Empire”: Proto-Palpatine
Eine Imperator-Figur findet sich bereits in diversen frühen Treatments und Drehbuchentwürfen von George Lucas, wenn auch mit diversen unterschiedlichen Namen und noch ziemlich weit vom späteren Palpatine entfernt. Bereits in dem 1973 entstandenen, vermutlich frühesten Entwurf wird ein „Emperor Ford Xerxes XII“ erwähnt, benannt natürlich nach dem allseits bekannten und beliebten persischen Monarchen. Mit Abstand am ergiebigsten ist der Entwurf aus dem Jahr 1974 mit dem Titel „The Star Wars“, der Jahrzehnte später, nämlich 2013/14, von J. W. Rinzler als Comic umgesetzt wurde – immer ein lohnendes Studienobjekt, wie Star Wars auch hätte ausfallen können. In diesem Entwurf bzw. diesem Comic tritt ein Imperator namens Cos Dashit auf, der sowohl bezüglich des Aussehens als auch der Persönlichkeit eher an Tarkin als an Palpatine erinnert – wie sein Nachfolger initiierte er allerdings ebenfalls eine Jedi-Säuberung. In einem erweiterten Entwurf trug diese Figur zwischenzeitlich den Namen Son Hhat, war ansonsten aber identisch.

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Cos Dashit, Palpatines „Vorgänger“

„A New Hope“ bietet nicht viele Informationen über den Herrscher des Imperiums, er wird nur einmal erwähnt, während der Besprechung auf dem Todesstern erklärt Tarkin, der Senat werde keinen Ärger mehr machen, da der Imperator dieses letzte Überbleibsel der Alten Republik aufgelöst habe. In der deutschen Synchronisation ist an dieser Stelle noch vom „Kaiser“ die Rede, was theoretisch auch die korrekte Übersetzung des Wortes „emperor“ wäre. Der lateinische „imperator“ ist formal gesehen ein Befehlshaber, jemand, der ein „imperium“, also eine Befehlsgewalt innehat. Gemeinhin wurden Feldherren in der Schlacht von ihren Truppen zum Imperator ausgerufen und durften anschließend nach siegreicher Heimkehr in Rom einen Triumphzug abhalten. Dementsprechend gab es gerade zur Zeit der Römischen Republik viele Imperatoren, so gut wie alle großen Feldherren, von Lucullus über Pompeius bis Caesar, schmückten sich zum einen oder anderen Zeitpunkt mit diesem Titel. Augustus adaptierte den Titel schließlich als Teil seines Namens (Imperator Caesar Divi Filius Augustus), was ihm spätere Kaiser nachmachten, bis Imperator irgendwann zum festen Bestandteil der Kaisertitulatur wurde, was auch spätere Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation übernahmen. Und natürlich wurde „Imperator“ zur Grundlage des Wortes für Kaiser in Englisch und den romanischen Sprachen, während der deutsche „Kaiser“ und der russische „Zar“ auf „Caesar“ zurückzuführen sind. Lange Rede, kurzer Sinn, auf Deutsch ist „Imperator“ als Synonym für „Kaiser“ zumindest fragwürdig – da es sich bei Star Wars aber in letzter Konsequenz um Space-Fantasy handelt, passt es eigentlich ziemlich gut, gerade im Hinblick auf Fantasie-Ränge wie „Moff“ (der in früheren Romanen gerne fälschlicherweise mit „Mufti“ übersetzt wurde) und unter Einbeziehung der Ränge, die sich tatsächliche Diktatoren oft gaben (bspw. „Führer“). Gerade im Deutschen hätte der Kaiser-Titel für den Herrscher des Imperiums vielleicht ungewollte Assoziationen geweckt. Wahrscheinlich war aus diesem Grund ab Episode V in der deutschen Version nur noch vom „Imperator“ die Rede.

Etwas ergiebiger als der Film ist die Romanadaption, verfasst von Alan Dean Foster unter George Lucas‘ Namen, die bereits im November 1976, ein halbes Jahr vor Kinostart erschien. Diese enthält einen Prolog, der gewissermaßen ein erstes Treatment der Prequel-Trilogie ist und, wenn auch sehr knapp, einige Hintergründe erläutert. In zwei Absätzen wird erzählt, wie der ehrgeizige Senator Palpatine zum „Präsidenten der Republik“ gewählt wird und verspricht, den alten Ruhm wieder herzustellen. Sobald er sicher im Amt ist, ernennt er sich zum Imperator und die Verwalter, Bürokraten und Speichellecker übernehmen praktisch die Macht. Hier wird impliziert, dass es sich bei Palpatine um einen schwachen Diktator handelt, der von Beratern wie Tarkin oder Vader kontrolliert wird. Mehr noch, im Roman wird nicht einmal eindeutig geklärt, ob der amtierende Imperator immer noch der erwähnte Palpatine ist oder ob inzwischen ein anderer seinen Rang innehat. Der schier allmächtige Sith-Lord, der alles und jeden manipuliert und mit Blitzen um sich wirft, war zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt.

In „The Empire Strikes Back“ sieht man den Imperator dann zum ersten Mal – wenn auch nur als Hologramm. Während in der entsprechenden Szene seit der DVD-Veröffentlichung der OT 2004 Ian McDiarmid in der entsprechenden Szene zu sehen ist, erblickten die Kinozuschauer 1980 einen etwas anderen Imperator. Zu diesem Zeitpunkt war sich George Lucas bereits im Klaren darüber, dass der Imperator sowohl ein Machtnutzer als auch der tatsächliche Herrscher des Imperiums sein und nicht nur als Marionette korrupter Berater fungieren sollte. Doch wie stellt man den ebenso finsteren wie mysteriösen Herrscher dar? Lucas, Regisseur Irvin Kershner und die restlichen Verantwortlichen kreierten schließlich so etwas wie Frankensteins Monster: Die Grundlage bzw. das Gesicht lieferte die damals bereits auf die 80 zugehende Schauspielerin Marjorie Eaton, wohl am besten bekannt für ihre Rolle als Miss Persimmon in Disneys „Mary Poppins“. Um den Imperator fremdartiger aussehen zu lassen, verpasste man ihm in der Postproduktion Schimpansenaugen, während Clive Revill die Stimme lieferte. In diesem kurzen Dialog zwischen Vader und dem Imperator erfährt der Zuschauer, dass Vaders Meister Luke Skywalker durchaus für eine Gefahr hält. Die beiden fassen schließlich den Plan, ihn zur Dunklen Seite zu bekehren.

„The Emperor Is Not as Forgiving as I Am”: Ian McDiarmids Debüt
Für „Return of the Jedi” beschlossen Lucas und Regisseur Richard Marquand, nicht mehr auf einen Frankenstein-Imperator zurückzugreifen, sondern Darth Vaders Meister in Person auftreten zu lassen, dargestellt von einem Schauspieler. Die erste Wahl fiel auf den Shakespeare-Darsteller Alan Webb, der jedoch kurz vor Beginn der Dreharbeiten krank wurde und ein Jahr, bevor „Return of the Jedi“ in die Kinos kam, verschied. Unter anderem wurde auch Ben Kingsley in Erwägung gezogen, doch letzten Endes ging die Rolle glücklicherweise an Ian McDiarmid – ich denke, es gibt keinen Star-Wars-Fan, der sich jemals über diese Besetzung beschwert hat.

Vor seinem Auftritt als Palpatine war der 1944 geborene Ian McDiarmid – zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war er also gerade einmal 37 Jahre alt – primär als Theaterschauspieler tätig, hatte aber auch schon in dem einen oder anderen Film mitgewirkt, etwa „Dragonslayer“ aus dem Jahr 1980. Visuell orientierte man sich durchaus an der Darstellung aus „Empire“, McDiarmid wurde mit aufwändigem Make-up und gelben Kontaktlinsen bedacht, die aus ihm einen dämonischen alten Mann machten. Die dunklen Roben fungieren als bewusste Parallele zu Obi-Wans Jedi-Roben und als visuelle Anspielung auf den Tod in Ingmar Bergmanns „Das siebente Siegel“. Ursprünglich wurde McDiarmid auch dazu aufgefordert, Clive Revills Sprachduktus aus „Empire“ zu kopieren, doch McDiarmid schlug stattdessen vor, den Imperator mit einer tieferen, krächzenderen und vor Hass triefenden Stimme sprechen zu lassen. Jedes Wort spuckt Palpatine regelrecht aus – eine weitere, inspirierte Wahl.

Vor allem die OT ist eine Filmreihe der Archetypen; Palpatine entspricht hier ganz dem Vorbild des bösen Zauberers, ebenso wie Darth Vader der dunkle Ritter ist. Im Film selbst erfahren wir nicht allzu viel über den Imperator, nicht einmal sein Name wird genannt. Es wird lediglich erklärt, dass er praktisch die Quelle alles Bösen ist und natürlich derjenige, der Anakin Skywalker zur Dunklen Seite verführte und mit Luke nun dasselbe vorhat. Wo er herkommt und weshalb er die Macht nutzen kann, wird im Film nicht erläutert – von einer möglichen Sith-Identität ganz zu schweigen. Lediglich James Kahns Romanadpation von „Return of the Jedi“ gibt einen minimalen Einblick und bestätigt, dass dieser Imperator tatsächlich der Palpatine ist, der im Prolog des Episode-IV-Romans erwähnt wird. In sehr groben Zügen wird noch einmal der Fall der Republik und der Aufstieg des Imperiums erläutert, mit dem Unterschied, dass Palpatine dieses Mal in deutlich stärkerem Maß der Initiator ist, während er in Fosters Roman noch als Marionette daherkommt. Neben dem bereits erwähnten Archetyp des bösen Zauberers war Lucas‘ primäres Vorbild für Palpatine wohl nicht Hitler, trotz der offensichtlichen visuellen Parallelen des Imperiums zu Nazi-Deutschland, sondern Richard Nixon. In gewissem Sinne ist Palpatine das, was Nixon in Lucas Augen hätte werden können, wäre ihm Watergate nicht dazwischengekommen.

„I Have Died Before”: Palpatine in frühen Legends-Werken
In den frühen Werken der Legends-Kontinuität – damals noch als „Expanded Universe“ bekannt – war Palpatine, mit einer großen Ausnahme, verhältnismäßig unterrepräsentiert, auch wenn sein Vermächtnis natürlich immer wieder eine Rolle spielte. In Timothy Zahns Thrawn-Trilogie, bestehend aus den Romanen „Heir to the Empire” (1991), „Dark Force Rising” (1992) und „The Last Command”(1993) etwa kämpft vor allem Mara Jade, ihres Zeichens ehemalige Attentäterin des Imperators, mit dem stetig über ihr schwebenden letzten Befehl ihres Herrn, Luke Skywalker zu töten, während die Schatzkammer des Imperators auf dem Planeten Wayland (sowie ihr Wächter) vor allem in „Heir to the Empire“ eine wichtige Rolle spielt. In der Comic-Miniserie „Mara Jade – By the Emperor’s Hand“ (1998/99) arbeitete Zahn zudem Mara Jades Beziehung zum Imperator zusammen mit Co-Autor Michael A. Stackpole und Zeichner Carlos Ezquerra weiter aus.

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Palpatine in „Dark Empire“

Bei der bereits erwähnten Ausnahme handelt es sich um die Comic-Miniserie „Dark Empire“ (1991/92) von Autor Tom Veitch und den Zeichner Cam Kennedy sowie deren beide Fortsetzungen „Dark Empire II“ (1994/95) und „Empire’s End“ (1995, Zeichnungen von Jim Baikie). In diesen kehrt Palpatine in einem Klonkörper seiner selbst zurück und offenbart, dass er auf dem Zweiten Todesstern nicht zum ersten Mal gestorben ist, da weder sein ursprünglicher Körper, noch die diversen Klone mit seiner gewaltigen dunklen Macht zurechtkommen, weshalb er von Körper zu Körper springt. Dies wurde später durch einen Retcon allerdings wieder rückgängig gemacht, sodass der Imperator, der in Episode VI auftaucht, das Original ist. In „Dark Empire“ ist Palpatine noch einmal deutlich mächtiger als die Version, die man in „Return of the Jedi“ sieht – so kann er unter anderem gewaltige Machtstürme entfesseln und ganze Flotten vernichten – aber auch deutlich labiler. Von seiner geheimen Thronwelt Byss aus versucht Palpatine erneut, die Galaxis zu erobern (abermals mit Hilfe von Superwaffen), nimmt Luke Skywalker kurzzeitig als Schüler an, beschäftigt noch eine ganze Reihe weiterer dunkler Jedi und versucht schließlich, seinen Geist in den Körper von Han und Leias neugeborenem Sohn Anakin Solo zu verpflanzen, was letztendlich allerdings aufgrund der Einmischung des Jedi-Meisters Empatojayos Brand misslingt. Während Timothy Zahn in seinen Romanen versuchte, die Science-Fiction-Aspekte von Star Wars stärker zu betonen, legte Veitch mehr Wert auf die Pulp-Elemente á la „Flash Gordon“, weshalb sein Palpatine noch plakativ böser ist als selbst der Episode-VI-Imperator. Das hat zur Folge, dass „Dark Empire“ und besonders die beiden Sequels mitunter äußerst trashig anmuten und ihr Palpatine mit dem Mastermind der Prequels kaum mehr zu vereinbaren ist. Ein interessantes Detail: In „Empire’s End“ besucht Palpatine Korriban, um sich Rat von den Geistern toter Sith-Lords zu holen; hierbei wird ausdrücklich erklärt, dass nur Vader, aber nicht Palpatine ein Sith ist. Besagte Geister bieten Palpatine Vaders Platz unter ihnen an, was im Kontext der Prequels freilich reichlich merkwürdig wirkt – aber das konnte Veitch nicht im Voraus wissen. Erwähnenswert sind die englischen Hörspielumsetzungen der Dark-Empire-Comics – in allen drei wird Palpatine von Nick Jameson gesprochen, der dem Imperator auch noch bei vielen weiteren Gelegenheiten, etwa diversen Spielen oder der ersten Clone-Wars-Serie, seine Stimme lieh. Wer einen Eindruck sowohl von „Dark Empire“ als auch den Hörspielen möchte, kann sich die ersten beiden Folgen dieses Fanprojekts zu Gemüte führen, das u.a. mit den Aufnahmen des Hörspiels arbeitet.

Ansonsten finden sich hier und da einige Gastauftritte des Imperators in Post-Endor-Werken – in einer Rückblende des Romans „Darksaber“ (1995) von Kevin J. Anderson erfahren wir zum Beispiel, dass Palpatine nicht nur seinen Geist in Klone transferiert, sondern das auch mit Untergebenen tut, die er töten möchte, die aber zu nützlich sind. In diesem Kontext ist das Bevel Lemelisk, der Konstrukteur des Todessterns. In der Miniserie „Crimson Empire“ (1997/98), die relativ direkt an „Empire’s End“ anschließt und vom Schicksal des ehemaligen Rotgardisten Kir Kanos erzählt, taucht der Imperator ebenfalls in Flashbacks auf und in der Jugendbuchreihe „Young Jedi Knights“ (1995 bis 98) von Kevin J. Anderson und Rebecca Moesta konstruieren vier weitere ehemalige Gardisten eine Art Deep-Fake-Palpatine aus alten Aufnahmen, mit dem sie versuchen, eine radikale Splittergruppe des Imperiums zu kontrollieren. Der Fokus des Prä-Episode-I-EU lag primär auf der Zeit nach Endor, aber in Werken wie Steve Perrys „Shadows of the Empire“ (1997), einem Roman, der die Lücke zwischen Episode V und VI schließt, konnte Palpatine natürlich außerhalb von Flashbacks auftauchen. Hier tritt seine manipulative Seite noch einmal deutlicher zutage, Perry lässt ihn Vader und dessen Rivalen Prinz Xizor gegeneinander ausspielen.

„Once More the Sith Will Rule the Galaxy”: Palpatine in den Prequels
Generell war die Zeit vor Episode IV (sofern es sich nicht um Ereignisse handelte, die tausende von Jahren vor den Filmen spielten) für die EU-Autoren tabu – das betraf besonders die Klonkriege, den Fall der Jedi, den Aufstieg des Imperiums und natürlich die Vorgeschichte diverser Figuren. Ab 1999 brachten die Prequels schließlich Licht ins Dunkel, gerade in Bezug auf Palpatine. Wer mit dem Namen „Palpatine“ jedoch nicht vertraut war (und wer von „normalen“ Kinogängern war das schon?), dem dürfte der eigentliche junge Imperator zuerst gar nicht aufgefallen sein. George Lucas schuf hier ein amüsantes und eigentlich offensichtliches Verwirrspiel, das offenbar dennoch funktionierte. Auf der einen Seite haben wir Senator Palpatine, der den Namen des Imperators trägt, aber scheinbar freundlich und wohlgesonnen ist, und auf der anderen Darth Sidious, der sich kleidet wie der Imperator, klingt wie der Imperator und mit demselben, unheilschwangeren Chorthema untermalt wird. Trotz der eigentlichen Offensichtlichkeit scheint die Angelegenheit genug Zuschauer getäuscht oder zumindest verunsichert zu haben. In der deutschen Version kommt der Umstand hinzu, dass Palpatine und Sidious in Episode I unterschiedliche Synchronsprecher haben; Ersterer wird von Friedhelm Ptok gesprochen, Letzterer von Wolfgang Dehler. Ab „Attack of the Clones“ synchronisierte Ptok Palpatine/Sidious allerdings durchgehend in fast allen Inkarnationen, seien es Auftritte in Spielen wie „The Force Unleashed“, Serien wie „The Clone Wars“ oder Hörspiele wie „Labyrinth des Bösen“.

Damit war nun allerdings auch endgültig geklärt, ob es sich bei Palpatine um einen Sith handelt, was bisher, wie erwähnt, zumeist verneint wurde; in „Dark Empire“ und anderen EU-Werken wurde er, trotz der Entwicklung der Sith als Gegenstück der Jedi in Comics wie den „Tales of the Jedi“, „nur“ als extrem mächtiger Nutzer der Dunklen Seite dargestellt. Mit „The Phantom Menace“ gewährte Lucas dem zukünftigen Imperator nun auch einen Sith-Titel und dazu eine ganze Reihe neuer Facetten. Palpatine war schon immer DAS Gesicht des Bösen in Star Wars, in den Prequels, besonders in Episode III, tritt Palpatine nun allerdings primär als Verführer und nicht nur als böser Zauberer auf, was ihn als Star-Wars-Äquivalent zu Satan gewissermaßen komplett macht. Palpatine war nie ein „komplexer“ Schurke im eigentlich Sinn, seine Motivation war nie nachvollziehbar, er hatte keine tragischen Aspekte, stattdessen war er stets mit größtem Vergnügen die Verkörperung des Bösen. Interessanterweise ist der Darth Sidious, den wir primär in Episode I und II erleben, noch nicht der finale Imperator. In seinen Konversationen mit Nute Gunray oder Count Dooku zeigt Sidious noch nicht das sadistische Amusement, das er auf dem Zweiten Todesstern an den Tag legt. Er ist barscher, zielgerichteter und (besonders im Umgang mit den Neimoidianern) von seinen Gesprächspartnern ziemlich genervt. Als Senator und Kanzler tritt er hingegen stets fürsorglich und väterlich auf – besonders im Dialog mit Anakin Skywalker. Palpatines Stimme ist im Vergleich zu der von Darth Sidious beruhigend, weich und einschmeichelnd. Obwohl die Fassade bereits in der ersten Hälfte von Episode III Risse bekommt und die Stimme des Imperators hin und wieder durchscheint (Stichwort: „Do it“), dauert es bis zur Konfrontation mit Mace Windu, bis der „wahre“ Imperator zutage tritt – dann aber richtig. Besonders im Duell mit Yoda scheint Sidious die Zeit seines Lebens zu haben und wirkt einfach froh, endlich sein wahres Gesicht zeigen zu können: „I’ve waited a long time for this moment.“ Apropos wahres Gesicht: Auch hier wurde und wird diskutiert – sind die zurückgeworfenen Machtblitze tatsächlich für Palpatines entstelltes Gesicht verantwortlich oder offenbaren sie nur sein wahres Aussehen? Für Letzteres spricht vor allem, dass Machtblitze auf andere (Luke, Mace Windu, Anakin) nie eine entstellende Wirkung hatten. Ich persönlich denke, Lucas wollte Palpatine dieses Aussehen „natürlich“ annehmen lassen (weshalb Ian McDiarmid in Episode II älter aussieht als in Episode III), entschloss sich dann aber, das ikonische Aussehen auf einen Schlag in „Revenge of the Sith“ zu etablieren. Es gibt in diesem Kontext eine Theorie von Gary M. Sarli, der ich sehr zugetan bin, derzufolge Sidious durch die Nutzung der Dunklen Seite immer schneller verfällt. Um dem entgegenzuwirken bedient er sich einer Sith-Technik, der „Maske“, die jedoch durch die zurückgeworfenen Machtblitze zerstört wird – so entsteht das Gesicht des Imperators, das wir alle kennen und lieben.

Die Prequels zeichnen Palpatine zudem als Meistermanipulator, der jede Seite bis zuletzt gnadenlos manipuliert und ausgenutzt hat. In früheren Zusammenfassungen seines Aufstiegs wird zumeist nur beschrieben, dass er sich Konflikte zunutze macht, Lucas geht nun aber einen Schritt weiter und lässt ihn sämtliche Konflikte, angefangen mit der Belagerung Naboos bis hin zu den Klonkriegen, auslösen und kontrollieren. Außerdem gesellen sich noch einige weitere historische Vorbilder hinzu. Hitler und der Fall der Weimarer Republik spielten bei der Konzeption der Prequels sicher eine Rolle, aber es wäre falsch, die Inspiration darauf zu reduzieren, denn auch Napoleon, Caesar und Augustus lieferten Ideen für den Fall der Republik und den Aufstieg Palpatines, ebenso wie der amerikanische Bürgerkrieg: Was wäre, wenn Lincoln seine Sondervollmachten nicht wieder abgegeben hätte?

„Have You Ever Heard the Tragedy of Darth Plagueis the Wise?” Palpatine in späten Legends-Werken
Die Prequels ermöglichten eine erweiterte Auseinandersetzung mit Palpatine – vorerst ging man allerdings relativ zögerlich vor. Obwohl es, wie bereits erwähnt, eigentlich ziemlich offensichtlich war, dass es sich bei Palpatine und Darth Sidious um ein und dieselbe Figur handelte, wurde das öffentlich vor Episode III nie bestätigt – dementsprechend behandelten ihn die Roman- und Comicautoren wie zwei unterschiedliche Figuren und bemühten sich um Zurückhaltung. Darth Sidious trat vor allem in diversen Comics wie den Miniserien „Jedi Council: Acts of War” (Randy Stradley, Davidé Fabbri, 2000) oder „Darth Maul” (Ron Marz, Jan Duursema, 2000) sowie der einen oder anderen Ausgabe der aktuell laufenden Star-Wars-Serie Republic (1998 bis 2006) auf und wurde verwendet wie in „The Phantom Menace“ und „Attack of the Clones“ – als mysteriöser Strippenzieher im Hintergrund. Besonders zwei Romane – „Darth Maul: Shadow Hunter“ (2001) von Michael Reaves und „Cloak of Deception“ (2001) von James Luceno – beschäftigen sich stärker mit Palpatine und Darth Sidious. Reaves gibt Einblick in die Meister-Schüler-Beziehung von Sidious und Maul und verrät quasi das offensichtliche Geheimnis, indem er einen wichtigen Datenträger, der die Sith hätte auffliegen lassen können, in Palpatines Hände gibt. „Cloak of Deception“ setzt sich en detail mit den politischen Hintergründen von Episode I auseinander und zeigt, wie Sidious auf der politischen Ebene agiert (und wie er sich die Handelsföderation gefügig macht).

In den diversen Klonkriegsmedien, die zwischen 2002 und 2005 erschienen, setzte man Palpatine eher sparsam, aber wirkungsvoll ein. Besonders erwähnenswert ist die 54. Ausgabe der Republic-Serie mit dem Titel „Bloodlines“ (2004), verfasst von John Ostrander und gezeichnet von Brandon Badeaux, die einmal mehr zeigt, wie heimtückisch Palpatine auf dem politischen Parkett zu agieren weiß und wie geschickt er sich Kontrahenten, hier Finis Valorum, sein Vorgänger als Oberster Kanzler, zu entledigen weiß. Größere Rollen spielte der Imperator in spee in Genndy Tartakovskys Zeichentrickserie „Star Wars: Clone Wars“ (2003 bis 2005, nicht zu verwechseln mit der späteren Serie) und in James Lucenos „Labyrinth of Evil“ (2005) – beide führen direkt zu „Revenge of the Sith“ und beide beinhalten Grievous‘ Angriff auf Coruscant. Während Sidious bei Tartakovsky seinem üblichen Selbst entspricht, wird Palpatine als Kontrast ziemlich überzeichnet und fast schon als Comic Relief genutzt. „Labyrinth of Evil“ sagt mir persönlich deutlich mehr zu und ist auch die Version der Ereignisse, die ich persönlich bevorzuge. Nach „Cloak of Deception“ zeigt sich hier abermals, dass Luceno schlicht ein Händchen dafür hat, Palpatine zu schreiben. In dieser direkten Vorgeschichte zu „Revenge of the Sith“ schildert Luceno primär, wie Palpatine immer mehr politische Macht ansammelt und zeigt, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits fast die Machtbefugnisse eines Alleinherrschers hat. Zusätzlich sind die Jedi Darth Sidious hier allerdings auf der Spur, womit Luceno zumindest in der Legends-Kontinuität etabliert, dass sie nicht ganz so verblendet und tatenlos sind, wie sie in Episode III erscheinen. An diese Elemente knüpft Matthew Stover in seiner Romanadaption von „Revenge of the Sith“ erfolgreich an – als Umsetzung des definitiven Palpatine-Films natürlich ein unverzichtbares Werk. Stover untermauert und ergänzt Ian McDiarmids Performance im Film und arbeitet seine metaphorische Stellung im Franchise als luziferische Verkörperung des Bösen noch einmal deutlich hervor. Der Roman ist ohnehin geprägt von einer sehr ausschweifenden, aber nichts desto trotz in diesem Kontext exzellent funktionierenden Metaphorik, dementsprechend wird Sidious hier, gerade im entscheidenden Duell mit Mace Windu, gerne als „the Shadow“ bezeichnet und zum Endpunkt der Evolution des Sith-Ordens stilisiert. Gerade bei Stover wird Sidious, und nicht Vader, zu DEM Sith-Lord schlechthin.

Nachdem in Episode III offiziell offengelegt wurde, dass es sich bei Sidious und Palpatine um dieselbe Person handelt, konnten die EU-Autoren von nun an auch anders mit ihm umgehen. Den Anfang machte James Luceno in „Dark Lord: The Rise of Darth Vader”, in welchem er den Anfang des Meister-Schüler-Verhältnisses von Sidious und Vader sowie die Anfangszeit Palpatines als Imperator schildert. Thematisch ähnlich gingen auch die Republic-Nachfolgeserie Dark Times (2006 bis 2013) sowie die Jugendbuchreihe „The Last of the Jedi“ (2005 bis 2008) vor. Eine besondere Erwähnung verdient in jedem Fall noch das Spiel „The Force Unleashed“. Hier tritt man als Vaders geheimer Schüler Starkiller/Galen Marek gegen Horden von Sturmtruppen und dunklen Jedi an. Auf Anraten von George Lucas persönlich gab man Palpatine eine relativ große Rolle und machte ihn zum Strippenzieher und Endgegner (zumindest wenn der Spieler sich für die Helle Seite entscheidet). Bezüglich des Plots versuchte man gewissermaßen, Palpatines Prequel-Pläne auf die Zeit kurz vor Episode IV zu übertragen und die Rebellion zu einer gescheiterten Intrige zu machen, um Feinde des Imperiums aus der Deckung zu locken – eine Idee, die mir nicht sonderlich gefällt und die der Rebellenallianz ihre Komplexität raubt. Die Stimme bekam Palpatine dieses Mal von Sam Witwer, der auch Starkiller sprach und ihm sein Gesicht verlieh. Für meinen Geschmack übertreibt es Witwer als Palpatine immer ein wenig, seine Version der Figur kommt oft zu erzwungen rüber und kratzt an der Grenze zur Parodie.

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Ein junger Palpatine trainiert unter Darth Plagueis, von Chris Trevas

Anders als beispielsweise Vader oder Maul (oder EU-Sith wie Bane oder Revan) wurde Darth Sidious nie ein eigener Roman gewährt, dessen Titel er zieren durfte. Dennoch findet sich in den Weiten des Expanded Universe ein Roman, der ohne Zweifel als DER Sidious-Roman schlechthin gewertet werden darf, auch wenn er nach dem Lehrer des Imperators benannt ist: „Darth Plagueis“ (2012), verfasst von James Luceno (wer auch sonst?). Plagueis selbst wurde immer wieder angeteasert, am prominentesten natürlich in der Opernszene in „Revenge of the Sith“, aber auch in „Labyrinth of Evil“, „Dark Lord: The Rise of Darth Vader“ und „Jedi vs. Sith: The Essential Guide to the Force“ (2007) – Letzteres enthielt auch erstmals ein Bild des enigmatischen Sith-Lords und bestätigte ihn als Muun. Ansonsten beantwortet „Darth Plagueis“ fast ausnahmslos alle Fragen, die man über Palpatines Vergangenheit und Jugend gehabt haben könnte. Den Werdegang einer Figur wie Palpatine zu schildern ist natürlich ein riskantes Unterfangen; stellt man es falsch an, wird die Figur entmystifiziert und verwässert. Beispielsweise war im Rahme der geplanten, aber nie verwirklichten Realserie „Star Wars Underworld“ vorgesehen, Palpatine eine tragische Vergangenheit zu verpassen. Der Spieleentwickelt Cory Barlog (God-of-War-Serie) bekam einige der Drehbücher zu lesen, als er bei LucasArts arbeitete und erklärte in einem Interview: „They made the Emperor a sympathetic figure who was wronged by this fucking heartless woman. She’s this hardcore gangster, and she just totally destroyed him as a person. I almost cried while reading this.“ (Quelle). Mir hingegen will diese Richtung überhaupt nicht zusagen, ich denke nicht, dass sich Palpatine als tragische Figur eignet, besonders nicht mit diesem Hintergrund. Luceno zeichnet Sidious hingegen als Psychopathen mit einem ganz natürlichen Hang zur Dunklen Seite. Nicht jeder Schurke muss auf dieselbe Weise komplex sein oder einen tragischen Hintergrund besitzen, ich denke, Sidious funktioniert am besten als eindeutig böser, nicht unbedingt komplexer, aber doch facettenreicher und interessanter Schurke, wie Luceno ihn zeichnet, am besten. Nebenbei ordnet Luceno auch gleich noch fast sämtliche der Prä-Episode-I-Geschichten in den Masterplan der Sith ein. „Darth Plagueis“ mag nicht das letzte Wort in Bezug auf Palpatine sein, aber praktisch das definitive – zumindest im Star-Wars-Legends-Bereich. Von einer größeren Rolle in „Maul: Lockdown“ (2014), einem Roman von Joe Schreiber, der mehr oder weniger auf „Darth Plagueis“ aufbaut, einmal abgesehen, taucht Sidious bis zur Disney-Übernahme und dem Ende des alten Expanded Universe nicht mehr wirklich auf.

„There Is No Mercy“: Palpatine in „The Clone Wars”
Da „Star Wars: The Clone Wars“ neben den sechs Episoden der einzige Bestandteil des Franchise ist, der von Disney für die neue Kontinuität übernommen wurde, und auch schon vorher nicht wirklich zum Expanded Universe gehörte (obwohl es technisch gesehen Legends-Kanon ist und die Kontinuitätsexperten vor einige Herausforderungen stellte), soll Palpatines Auftauchen in dieser Animationsserie separat behandelt werden. Man griff für Palpatines Stimme, anders als in „Star Wars: Clone Wars“ allerdings nicht mehr auf Nick Jameson zurück und wandte sich auch nicht Ian McDiarmid selbst (leider) oder Sam Witwer (zum Glück), sondern verpflichtete Ian Abercrombie, einen anerkannten Film- und Fernsehdarsteller, der sich als exzellente Wahl erwies (und das nicht nur, weil er ein weiterer Ian ist). Abercrombie zeigte im Verlauf der ersten fünf Staffeln, dass er sowohl mit Palpatine als auch mit Sidious sehr gut umzugehen weiß. Stimmlich glich er sich McDiarmid durchaus an, ließ die Imitation allerdings nie zur Parodie verkommen und ist, nach McDiarmid, versteht sich, der zweitbeste Imperator. Leider verstarb Ian Abercrombie am 26. Januar 2012, mitten in den Aufnahmen für die fünfte Staffel – in der Folge „The Lawless“, Episode 16 der fünften Staffel, ist er zum letzten Mal zu hören; diese Sidious-lastige Folge ist ihm auch gewidmet. Ab diesem Zeitpunkt übernahm Tim Curry, bekannt als Frank-N-Furter und Pennywise, die Aufgabe, dem zukünftigen Imperator seine Stimme zu leihen. Als Sidious funktioniert Curry tatsächlich ziemlich gut, als Palpatine nicht ganz so sehr. Insgesamt bewegt sich Curry etwas weiter von McDiarmid weg, was auch damit zusammenhängen mag, dass sich die Stimmen der beiden Ians relativ ähnlich sind, während Currys Sprachduktus und Tonlage doch sehr speziell ist.

Vor allem zu Anfang der Serie scheint man sich am Prä-Episode-III-EU orientiert und Sidious und Palpatine eher wie unterschiedliche Figuren behandelt zu haben – vielleicht mit dem Gedanken im Hinterkopf, zukünftige Generationen von Star-Wars-Fans könnten die Prequels und TCW in chronologischer Reihenfolge anschauen. Spätestens in Staffel 5 wird allerdings mehr oder weniger offen eingestanden, dass Palpatine und Sidious dieselbe Person sind. Bezüglich des Verhaltens erinnert der TCW-Sidious bereits stärker an den späteren Imperator, zwar zeigt er auch den barschen Stoizismus, der in Episode I und II die Figur dominiert, neigt aber des Öfteren auch dazu, in böses Lachen auszubrechen. Das Sidious-Highlight der Serie ist zweifelsohne die bereits erwähnte Episode „The Lawless“, die den Sith-Lord in Aktion zeigt. Hier wischt er mit Savage Opress und Darth Maul, die ihrerseits zuvor als formidable Kämpfer inszeniert wurden, regelrecht den Boden auf. In „Sacrifice“, der 13. Episode der sechsten Staffel, erleben wir zudem, wie sich Sidious der Sith-Magie bedient (etwas, das er zuvor nur im Legends-Material getan hat) und sich in einer etwas zu offensichtlichen Version mit Yoda misst. Ansonsten tut Sidious in beiden Identitäten, was er auch in allen anderen Medien tut: Als Palpatine sammelt er weitere Sondervollmachten und spielt den harmlosen, aber bestimmten Politiker und als Sidious kommuniziert er bevorzugt per Hologramm mit seinen Untergebenen.

„Look What You Have Made”: Palpatine unter Disney
Nach der Übernahme hatte Disney erst einmal kein besonderes Interesse an Palpatine, stattdessen wurde der Fokus stark auf Vader gelegt: Der asthmatische Sith-Lord bekam seine eigene Comicserie (2015 bis 2016), verfasst von Kieron Gillen, die zwischen Episode IV und V spielt (und in der Darth Sidious immerhin das eine oder andere Mal auftaucht), sein Vermächtnis wurde zum Dreh- und Angelpunkt von „The Force Awakens“ und in „Star Wars Rebels“ und „Rogue One: A Star Wars Story“ hatte er eindrucksvolle Auftritte. Am prominentesten war Palpatine wohl in den Romanen „Tarkin“ (2014) von James Luceno und „Lords of the Sith“ (2015) von Paul S. Kemp vertreten, in Ersterem spielt er jedoch lediglich eine Nebenrolle, auch wenn Luceno nebenbei gleich diverse Legends-Inhalte aus „Darth Plagueis“ in die Disney-Kontinuität rettete. In diesem Roman wurde außerdem Palpatines Vorname, der angeblich von George Lucas persönlich stammt, erstmals genannt: Sheev. Noch in „Darth Plagueis“ hatte Luceno diesbezüglich etabliert, dass Palpatine seinen Vornamen offiziell abgelegt hat. Dieser Vorname wurde nie erwähnt, Luceno impliziert jedoch, dass es der Name des Vaters von Palpatine, Cosinga, gewesen ist. In „Lords of the Sith“ ist Sidious zumindest formal gesehen zusammen mit Vader die Hauptfigur, Kemps Roman schafft es jedoch nicht, dem Imperator eine neue Facette abzugewinnen; trotz des kürzeren Auftritts in „Tarkin“ wird ein weiteres Mal klar, dass kein Autor (mit Ausnahme Matthew Stovers) Luceno bezüglich Palpatine das Wasser reichen kann. Eine weitere größere Rolle durfte der Sith Meister in Marvels zweiter Vader-Serie von Charles Soule (2017 bis 2018) spielen, die direkt an Episode III anknüpft und inhaltlich und thematisch einen ähnlichen Bereich abdeckt wie „Dark Lord: The Rise of Darth Vader“ und die Republic-Nachfolgeserie Dark Times. Eine ziemlich tragende Rolle spielt Sidious außerdem in der vierteiligen Miniserie „Darth Maul: Son of Dathomir“ (2014), die die Lücke zwischen Mauls Niederlage in Staffel 5 von „The Clone Wars“ und seinem erneuten Auftauchen in Staffel 7 schließt. Hier darf er sich mit der Nachtschwester Mutter Talzin messen und ein Mal mehr zeigen, dass er der fieseste Nutzer der Dunklen Seite ist. In Timothy Zahns imperiumszentrischer neuer Thrawn-Trilogie, bestehend aus „Thrawn“ (2017), „Thrawn: Alliances“ (2018) und „Thrawn: Treason“ (2019) ist Palpatine als Thrawns Herr und Meister natürlich ebenfalls recht prominent vertreten.

Palpatines großer Auftritt unter Disney findet natürlich in „The Rise of Skywalker“ statt, und bekanntermaßen bin ich kein Fan von der Umsetzung. Prinzipiell habe ich tatsächlich kein Problem damit, Palpatine in den Sequels zurückzubringen, es bietet sich an, ihn zum großen, übergreifenden Widersacher der Skywalker-Saga zu machen. Aber wenn man so vorgeht, dann sollte man das doch bitte von Anfang an sauber planen und Darth Sidious nicht als letzte Rettung zurückbringen, weil einem auffällt, dass sich Kylo Ren nicht unbedingt als finaler Oberschurke für diese Trilogie eignet und man den anderen Kandidaten bereits zweigeteilt hat. Wie dem auch sei, Ian McDiarmid durfte für „The Rise of Skywalker“ noch einmal in die ikonische Robe schlüpfen. Zu Beginn des Films befindet sich Palpatine in einem recht desolaten Zustand. Auch wenn der Film es nie erläutert, befindet sich der Geist des Originals in einem fehlerhaften Klonkörper, was der Grund ist, weshalb er zwar reichlich untot aussieht, die Entstellung in seinem Gesicht allerdings fehlt. Weshalb die Entstellung später zurückkehrt, als Palpatine Ben Solo und Rey Lebenskraft entzieht, ist in diesem Kontext höchst merkwürdig. In jedem Fall „enthüllt“ Episode IX, dass Palpatine auch in den Sequels hinter allem steckt, auch wenn sein Masterplan dieses Mal deutlich mehr Löcher hat als in den Prequels. Letztendlich trachtet er wohl danach, seinen Geist (und den aller Sith?) in Reys Körper zu übertragen und so über die Galaxis zu herrschen. Letztendlich bleibt es bei dem, was ich schon in meiner Episode-IX-Rezension schrieb: J. J. Abrams weiß nicht so recht, was er mit Palpatine tun soll, weswegen der Imperator die meiste Zeit buchstäblich nur rumhängt. Ian McDiarmid hingegen gibt sein Ein und Alles – es ist, als hätte es keine vierzehnjährige Pause gegeben; er schlüpft völlig mühelos in seine Paraderolle und hat sichtlich Spaß dabei, noch einmal so richtig schurkisch sein zu dürfen. Nebenbei sorgt er auch noch dafür, dass die nicht gerade gelungenen Dialogzeilen, die Abrams und Chris Terrio ihm in den Mund legen, halbwegs funktionieren.

Umso tragischer ist dies alles angesichts der Tatsache, dass es Disney durchaus gelungen ist, Palpatine äußerst wirkungsvoll zu inszenieren – wenn auch im Animationsbereich. Ich bin wirklich kein Fan von „Star Wars Rebels“ (2015 bis 2018), aber Palpatines Auftritt in der vierten Staffel hat mir ausnehmend gut gefallen. Der Imperator kam bereits kurz im Pilotfilm der zweiten Staffel vor, in der ursprünglichen Ausstrahlung noch von Sam Witwer gesprochen, später dann neu vertont von Ian McDiarmid persönlich, der Sidious auch in den drei Folgen „Wolves and a Door“, „A Fool’s Hope“ und „Family Reunion – and Farewell“ (Folge 12, 14 und 15 der vierten Rebels-Staffel) seine Stimme leiht. Der interessante dieser drei Auftritte findet sich zweifelsohne in „Family Reunion – and Farewell“. Während er in den anderen beiden Folgen nur mit seinem Untergebenen Hydan, gesprochen von Malcolm McDowell, kommuniziert und Ezra und Ahsoka in der Welt zwischen den Welten angreift, bekommt er hier die Gelegenheit, als Hologramm seine Kanzlerpersönlichkeit noch einmal auszupacken und Ezra ernsthaft in Versuchung zu führen, was in meinen Augen deutlich interessanter (und besser geschrieben) ist als alles, was man in „The Rise of Skywalker“ mit dem Imperator anstellte.

Fazit und Ausblick
Ohne Zweifel ist Darth Sidious DIE Verkörperung des Bösen in Star Wars – eine Stellung, die auch Disney durch „The Rise of Skywalker“ noch einmal untermauert hat, auf stümperhafte Weise zwar, aber nichts desto trotz. Obwohl er selten im Fokus steht, ist Palpatine zwar keine tiefgründige oder komplexe, aber doch enorm facettenreiche Figur, was nicht zuletzt auch Ian McDiarmid zu verdanken ist, der den Imperator immer passend und perfekt spielt, entweder ruhig und nuanciert oder völlig over the top, aber immer der Situation angemessen. Bei all den Parodien und Memes ist Palpatine bereits ohnehin einer der beliebtesten und unvergesslichsten Star-Wars-Charaktere, seine Zukunft ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings relativ ungewiss. Auch wenn ich bezweifle, dass es in absehbarer Zeit einen Palpatine-zentrischen Roman wie „Darth Plagueis“ geben wird, wird er wohl fraglos weiterhin in Comics und Romanen auftauchen. Momentan stehen seine Chancen, noch einmal in bewegter Form aufzutauchen, allerdings fast besser denn je zuvor. Nach „The Rise of Skywalker“ wissen wir, dass er auch nach „Return of the Jedi“ irgendwo da draußen ist und finstere Pläne auf Exegol schmiedet – ein Auftritt in „The Mandalorian“ wäre sicher nicht allzu weit hergeholt, besonders gemessen an all den Figuren, die in der zweiten Staffel Gastauftritte absolvierten. Und da Disney nun eine ganze Reihe weiterer Serien angekündigt hat, ist die Wahrscheinlichkeit, Sidious wiederzusehen, noch weiter gestiegen, sei es in einer der Post-Endor-Serien oder, noch wahrscheinlicher, in der Kenobi-Serie. Immerhin, im Trailer des Clone-Wars-Nachfolgers „The Bad Batch“ durfte er kurz sein Gesicht zeigen…

Siehe auch:
Star Wars Episode IX: The Rise of Skywalker – Ausführliche Rezension
Revenge of the Sith
Darth Plagueis

Bildquelle:
Cos Dashit
Dark Empire
Palpatine/Plagueis

Stück der Woche: The Woodland Realm


Direkt zu Beginn greift The Woodland Realm kurz das Motiv für Thorins Stolz und das Düsterwald-Thema auf, bevor ab 0:15 elbische Klänge zu dominieren beginnen. Anschwellende Streicher arbeiten auf das Thema von Thranduils Waldlandreich hin, das ab 0:36 in seiner ausgiebigsten Variation erklingt – bislang war es nur in Andeutungen oder der Action-Version zu hören. Hier wird es dem Zuhörer nun kräftiger und mysteriöser präsentiert, inklusive choraler Texturen. Zum ersten Mal ist nun auch die B-Phrase dieses Themas ab 0:50 zu hören, aus der Shore schließlich Tauriels Thema herausentwickelt – bei 0:56 erklingt eine Andeutung. Gewisse Ähnlichkeiten zu den anderen beiden Themen größerer Elbenreich – Bruchtal und Lórien – sind nicht zu leugnen, zugleich ruft Shore allerdings stets in Erinnerung, dass die Elben des Düsterwaldes wilder und gefährlicher sind. Die Verderbtheit des Düsterwaldthemas kehrt immer wieder zurück, bereits ab 1:45 mischen sich Versatzstücke ein, die uns zeigen sollen, dass die Auswirkungen des Düsterwaldes auch an den Elben nicht spurlos vorbeigegangen sind. Bei 2:07 erklingt schließlich das volle Motiv in den hohen Streichern.

Thorin mach im Dialog mit Thranduil keine allzu gute Figur, was durch ein weiteres Statement des Motivs für den Stolz des Zwergenkönigs im Exil bei 2:20 unterstrichen wird. Thranduil zeigt allerdings, dass er genauso sturköpfig wie ein Zwerg sein kann, dementsprechend nimmt das Waldlandreichthema bei 3:25 eine deutlich dunklere Färbung an, zuerst bedingt durch tiefe Streicher, bevor der Chor hinzukommt, um der B-Phrase bei 3:44 einen geradezu arroganten, herrischen Klang zu verleihen. Ab 4:20 vermengt Shore das Thema des Waldlandreichs mit dem Tauriels und zeigt mit den Holzbläserfiguren sehr deutlich, wo dieses Thema seinen Ursprung hat. Im Vergleich zur Action-Variation aus Flies and Spiders ist das Motiv der Waldelbin hier eher introspektiv, nachdenklich und verletzlich. Zugleich setzt Shore es nun vom „Ursprung“ ab, sodass deutlich wird, dass Tauriel zwar eine Waldelbin ist, aber zugleich ihren eigenen Pfad beschreiten muss.

Siehe auch:
The Quest for Erebor
Wilderland
The House of Beorn
Flies and Spiders

Dracula, Motherf**ker!

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Der Graf ist, wie in allen anderen Medien, auch im Comicbereich weiterhin nicht totzukriegen, und somit geht meine Reise ebenfalls weiter. Nachdem Georges Bess‘ Adaption von Stokers Roman zwar visuell opulent, aber insgesamt sehr konventionell und vorlagengetreu war, folgt nun mit „Dracula, Motherf**ker!“ quasi genau das Gegenteil, sowohl in inhaltlicher als auch in visueller Hinsicht. Dieser 2020 bei Image erschienene, von Alex de Campi verfasste und von Erica Henderson illustrierte Comic hat mit Stoker nicht mehr allzu viel zu tun. 1889 (also noch bevor Stokers Roman eigentlich stattfinden würde) wird Dracula in Wien von seinen Bräuten gepfählt, im Los Angeles des Jahres 1974 kehrt er zurück. Junge Frauen finden den Tod und natürlich sind die Bräute des Grafen ebenfalls noch aktiv. Quincey Harker, seines Zeichens Fotograf von Verbrechensschauplätzen, wird in die Geschichte hingezogen, als er den Tatort des Mordes an der Schauspielerin Bebe Beauland ablichten soll.

Wie viel „Dracula“ steckt nun also in „Dracula, Motherf**ker!“? Um ehrlich zu sein, nicht allzu viel. Quincey Harker ist natürlich der Name des Sohnes von Mina und Jonathan, aber abgesehen von diesem Namen hat der Protagonist des Comics nichts mit den Figuren des Romans zu tun. Ebenso verhält es sich mit dem Vampir dieser Geschichte, der kaum von Stokers Vampir beeinflusst ist, sondern vielmehr auf Alucard aus „Hellsing“ basiert, der zwar zugegebenermaßen seinerseits eine Version von Dracula ist, aber jeder Dracula-hafte Aspekt, bzw. jeder Aspekt, der auf Draculas ehemalige Menschlichkeit hinweist, und sei es das Äußere, wurde getilgt. Im Nachwort „On Monsters“, in dem Alex de Campi die kreativen Prozesse erläutert (und „Hellsing“ auch explizit als Inspiration nennt), erklärt sie, dass es ihr Ziel war, Dracula von jedwedem verführerischen Aspekt zu befreien und ihn stattdessen zu einem „nameless, faceless ancient terror“ zu machen – eben Alucard auf seiner höchsten Fähigkeitenstufe, eine formlose Ausgeburt aus Augen und Zähnen, mehr lovecraft’scher Schrecken denn tatsächlicher Vampir. Zuerst einmal muss noch einmal betont werden, dass der verführerische Dracula fast ausschließlich auf spätere Adaptionen zurückzuführen und bei Stoker kaum auftaucht – im Roman mischt sich der Graf nie unter die feine Gesellschaft, es ist erst Bela Lugosi, der in dieser Richtung tätig wird. Tatsächlich war es ja auch Georges Bess‘ Ansinnen, den Grafen zu seinen monströsen Wurzeln zurückzuführen.

Wie dem auch sei, letztendlich ist „Dracula, Motherf**ker!“ primär style over substance, der Comic schwelgt regelrecht in psychedelischen Bildern mit ausdrucksstarker Farbgebung. Im Bereich Handlungsentwicklung oder Figurenzeichnung passiert nicht wirklich viel, vielmehr stolpert Quincey Harker durch ein alptraumhaftes, surreales Los Angeles, angefüllt mit menschlichen und unmenschlichen Blutsaugern. Tatsächlich wird es irgendwann recht schwer zu sagen, was eigentlich passiert und wie die Handlung weiter verläuft. Auch die Idee der Bräute Draculas wird zumindest ansatzweise bearbeitet – bezeichnend ist hier natürlich, dass sie ihn vor Beginn der Romanhandlung bereits ausschalten, wenn auch temporär – aber diesbezüglich bleibt der Ansatz ebenfalls oberflächlich und geht irgendwann im Rausch der Bilder verloren. De Campis und Hendersons Arbeit scheint eher ein visuelles Sinnieren über die Dracula- und Vampirthematik denn eine wirkliche, inhaltliche Auseinandersetzung in irgendeiner Form mit dem Roman zu sein.

Fazit: „Dracula, Motherf**ker!“ ist ein interessantes visuelles Experiment mit einigen ansprechenden Ideen und opulenten Bildern, aber kaum Handlung. Letzten Endes hat dieser Comic zumindest mit Stokers Roman kaum etwas zu tun, sondern wirkt eher wir eine amerikanische Adaption einiger Elemente von „Hellsing“

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire – Der gezeichnete Graf
Art of Adaptation: Georges Bess‘ Dracula