Stück der Woche: The Quest for Erebor


„The Desolation of Smaug“ markiert einen Wendepunkt in Howard Shores Musik für Mittelerde. Für alle drei LotR-Scores sowie für „An Unexpected Joruney“ war Shore nicht nur als Komponist tätig, er orchestrierte das Material auch selbst und schwang bei den Aufnahmen mit dem London Symphony Orchestra den Taktstock – mit anderen Worten, er erledigte das, wofür andere Komponisten, vor allem jene aus der Remote-Control-Schmiede, ein ganzes Team beschäftigen, in Personalunion. Beim zweiten Hobbit-Film änderte sich das. Zumeist werden logistische Gründe angegeben: England wurde als Aufnahmeort aus der Gleichung entfernt, stattdessen fanden die Aufnahmen in der Wellington Town Hall mit dem New Zealand Symphony Orchestra statt, sodass Peter Jackson seinerseits Neuseeland nicht verlassen musste, wenn er dem Einspielen des Scores beiwohnen wollte. Shore blieb in Kanada und komponierte von dort aus, während James Sizemore und Conrad Pope die Orchestrierung übernahmen und Letzterer auch dirigierte. Vor allem Pope ist für Filmmusik-Enthusiasten kein unbekannter Name, er arbeitete bereits mit vielen profilierten Komponisten zusammen, darunter John Williams, Don Davis und Alexandre Desplat. Die Frage, die sich in diesem Kontext stellt, ist natürlich: Merkt man den Unterschied? Zweifelsfrei klingt die Musik nach wie vor nach Shores Mittelerde, aber es finden sich durchaus Unterschiede, sowohl im klanglichen Bereich als auch im kompositorischen Ansatz. Die in London aufgenommenen Scores hatten immer einen sehr „weichen“, charakteristischen Sound. Dass sich das geändert hat, fällt nicht unbedingt sofort auf, oftmals kann man nicht einmal genau festlegen, was wirklich anders ist. Spätestens beim Score von „The Battle of the Five Armies“ wird allerdings deutlich, um wie viel spröder und trockener die Aufnahme ist.

Weiterhin fällt auf, dass „The Desolation of Smaug“ deutlich weniger zugänglich ist als sein direkter Vorgänger. Schon in „An Unexpected Joruney“ waren die neuen musikalischen Repräsentationen der Figuren, Ort, Völker etc. oftmals deutlich kürzer als die längeren Melodien der LotR-Trilogie – eine genereller Trend der letzten 15 Jahre, hervorgerufen durch digitale Schnittechniken. Diesem zweiten Hobbit-Score fehlt allerdings im Gegensatz zum ersten ein klares, gut zu identifizierendes Hauptthema wie etwa das Misty-Mountains-Thema. Formal gesehen ist Smaugs Thema das zentrale Leitmotiv dieses Films, es wird allerdings erst im letzten Drittel wirklich dominant. Die Musik der ersten beiden Drittel wird vor allem von den besuchten Örtlichkeiten bestimmt – und da diese neu sind und Jackson die düsteren Aspekte der Geschichte stärker betonen wollte, ist die Musik auch dementsprechend düsterer und bietet weniger Anknüpfungspunkte.

In bester Tradition beginnt auch „The Desolation of Smaug” mit einem Rückblick: Thorin und Gandalf treffen sich „zufällig“ in Bree. Der zugehörige Track, The Quest for Erebor, wird von einem neuen Motiv eröffnet, bei dem es sich um ein Fragment des sehr viel später auftauchenden Themas von Bard, dem Bogenschützen handeln könnte – es könnte aber auch nur eine zufällig ähnlich klingende Holzbläser und Streicherfigur sein. Ähnlich verhält es sich mit dem, was man bei der 40-Sekunden-Marke hört, auch hier könnte es sich um eine extrem subtile Andeutung des Haus-Durins-Themas handeln. Eindeutig hingegen ist das Statement des Auenland-Themas bei 0:50, das die Einblendung des Titels „The Hobbit“ untermalt. Direkt darauf folgen weitere bekannte Klänge, denn für die erste Kamerafahrt durch Bree zitiert Shore die passende Musik aus „The Fellowship of the Ring“. Bei 1:42 hören wir schließlich die erste, subtile Andeutung von Thorins Thema, bevor ominöse Streicher von der Bedrohung künden, die von den zwielichtigen Gestalten im Tänzelnden Pony ausgeht. Gandalfs plötzliches Auftauchen verschreckt die Herumtreiber allerdings – die Variation seines Themas, die hier erklingt, ist allerdings noch äußerst subtil. Mit diesem Einleitungstrack kreieren Shore und Jackson eine völlig andere Rückkehr nach Mittelerde, als das in „An Unexpected Journey“ mit dem epochalen My Dear Frodo der Fall war.

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