Stück der Woche: Dreaming of Bag End


Jeder der drei Hobbit-Scores verfügt über zwei Abspannstücke, einmal den Song und einmal eine wie auch immer geartete Suite, die allerdings nicht immer unbedingt das widerspiegelt, was tatsächlich im Filmabspann zu hören ist. Dreaming of Bag-End ist die Suite von „An Unexpected Joruney” – anders als bei den anderen beiden wird hier nur ein Thema variiert, nämlich das, das Shore ursprünglich als Hauptthema der Titelfigur konzipierte, um den Widerstreit zwischen der Tuk- und Beutlin-Hälfte Bilbos zu symbolisieren, dessen Präsenz im ersten Hobbit-Film allerdings stark reduziert und das in den anderen beiden zugunsten des Auenland-Themas völlig fallen gelassen wurde. Hier hört man es allerdings noch einmal in all seiner Pracht, zuerst in der gemütlichen Beutlin-Variation, die hier von der Flöte (genau genommen Tin Whistle, die für einen sehr keltischen Klang sorgt) dominiert ist und stark an das Auenland-Thema erinnert. Ab 0:52 ist die Tuk-Variation zu hören, dieses Mal von der Blockflöte gespielt; diese Variation klingt etwas introspektiver und mysteriöser. Der restliche Track besteht aus einer weiterführenden Streichervariation.

Dreaming of Bag End markiert das Ende des Abspanns. Eröffnet wird er von einer sanften Streichervariation des Misty-Mountains-Themas, danach folgt der Abspann-Song (dazu später mehr), der schließlich in das Bruchtal-Thema übergeht, auch Sméagols Thema ist zu hören – diese Version und das Underscoring drum herum scheinen aus der Albenversion von Riddles in the Dark zu stammen.

Bereits die LotR-Filme verfügten über Abspannsongs, die Hobbit-Filme setzen diese Tradition fort, allerdings mit einem großen Unterschied: In der zweiten Mittelerde-Trilogie ist Howard Shore an keinem der Lieder beteiligt, anders als bei der ersten. „The Fellowship of the Ring“ hatte sogar zwei, Enyas May It Be, das Shore zumindest orchestrierte, und In Dreams, gesungen von Knabensopran Edward Ross, bei dem es sich um eine mit Text versehene Variation des Auenland-Themas handelt. Die anderen beiden Lieder der LotR-Trilogie, Gollum’s Song (Emiliana Torrini) und Into the West (Annie Lennox) wurden ebenfalls von Shore komponiert und sind Weiterentwicklungen von leitmotivischem Material, jeweils von Gollums Thema und dem Thema der Grauen Anfurten. Aus diesem Grund wirken die Lieder im Kontext der jeweiligen Scores sehr passend und organisch – dasselbe lässt sich allerdings nicht über die drei Hobbit-Songs sagen. Konzeptionell ist Neil Finns Song of the Lonely Mountain der gelungenste, da er die Misty-Mountains-Melodie als Grundlage verwendet und so immerhin eine Verbindung zum Score hat. Stilistisch finde ich die Umsetzung allerdings unpassend, Neil Finn klingt nicht zwergisch, die Instrumentierung will nicht so recht passen und einige andere stilistische Eintscheidungen finde ich ebenfalls ziemlich fragwürdig, etwa das Geklatsche und das „Ay Ay Ay“.

Auf der Special Edition des Albums finden sich zusätzlich zu den Abspannsongs noch vier Bonus-Tracks. Zwei davon habe ich bereits besprochen, bleiben noch Erebor und The Dwarf Lords. Ironischerweise taucht das Erebor-Thema im gleichnamigen Track nicht auf, stattdessen wird hier Bilbos Abenteuerthema auf nie gehörte Art und Weise variiert – Shore versieht es mit zwergischen Harmonien und lässt es von einem Dudelsack spielen, bevor die Blechbläser übernehmen, wobei der Dudelsack nie völlig verschwindet. Ich persönlich vermute, dass es sich hierbei um frühe Experimente Shores handelt; offenbar spielte er mit dem Gedanken, dass sich Bilbo und die Zwerge irgendwann musikalisch annähern sollten. Auch der Dudelsack als Repräsentation der zwergischen Kultur ist eine Idee, mit der Peter Jackson wohl nicht allzu viel anfangen konnte. Shore griff das in „The Battle of the Five Armies“ noch einmal auf, den vom Thema des Zwergenherrschers Dáin Eisenfuß findet sich ebenfalls eine Dudelsack-Variation auf dem Album, allerdings nicht im Film.

Und schließlich hätten wir noch The Dwarf Lords. Hierbei scheinen wir es mit einer weiteren leitmotivischen Idee zu tun zu haben, die Jackson oder Shore später verwarfen; ein Thema für die sieben Häuser der Zwerge und die Idee eines Bündnisses zur Rückeroberung des Erebors. Im Track An Unexpected Party taucht dieses Thema einmal kurz auf, als von einem derartigen Bündnis die Rede ist, davon abgesehen handelt es sich bei The Dwarf Lords allerdings um eine weitere Idee, die relativ sang- und klanglos verschwindet und nie wieder auftaucht. Eigentlich schade. Sollte man sich entscheiden, für die Amazon-Serie Howard Shore zu verpflichten (eher unwahrscheinlich, aber doch möglich), wären diese nicht verwendeten Themen und Ideen jedenfalls ein guter Startpunkt, da sie einerseits eindeutig in der bereits bestehenden Mittelerde-Musik verankert, andererseits aber noch nicht wirklich bekannt sind.

Siehe auch:
My Dear Frodo
A Very Respectable Hobbit
Axe or Sword?
The World Is Ahead
An Ancient Enemy
Roast Mutton
The Hill of Sorcery
Warg-Scouts
Moon Runes
The White Council
Over Hill
A Thunder Battle
Riddles in the Dark
Brass Buttons
Out of the Frying Pan
A Good Omen

4 Gedanken zu “Stück der Woche: Dreaming of Bag End

  1. Ich glaube, ich stehe da relativ allein, aber ich mag den Neil Finn-Song sehr. Und zwar alles daran, inklusive Ensemble-Gesang und Instrumentierung. Trifft bei mir einfach den richtigen Nerv. Und ich finde die Zusatz-Stücke auch toll, es wäre so schön gewesen, wenn das tatsächlich das vollständige Bilbo-Material und die Orchestrierungs-Ideen für die Zwerge hätte sein können. Damn Shame… aber ich bin froh, dass wir trotzdem die Titel bekommen haben.

    1. Witzigerweise habe ich einen Weg gefunden, „Song of the Lonley Mountain“ trotz meiner Abneigung als Misty Mountains-Variation in meiner persönlichen Playlist unterzubringen. Es gibt da dieses Album, „The Hobbit and the Lord of the Rings Film Music Collection“ mit ausgewählten Neueinspielungen der beiden Trilogien. Insgesamt nicht besonders empfehlenswert und den regulären Einspielungen weit, weit unterlegen, aber es beinhaltet auch eine reine Instrumentalversion von „Song of the Lonely Mountain“, die mir tatsächlich relativ gut gefällt.

      Ansonsten hoffe ich inständig, dass das angekündigte „Music of the Hobbit Films“ Buch von Doug Adams noch einige weitere Zusatz- und Konzeptstücke beinhaltet, wie es bei „“The Music of the Lord of the Rings Films“ ja schon der Fall war. Mehr Shore-Mittelerde ist immer gut.

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