Stück der Woche: Out of the Frying Pan


Von allen Stücken des ersten Hobbit-Films finden sich bei Out of the Frying Pan wahrscheinlich die größten Diskrepanzen zwischen Film- und Albenversion – höchstens noch übertroffen vom darauffolgenden Stück A Good Omen. Ich vermute, dass Shore die Musik zu dieser Szene bereits komponierte, als sie noch nicht als Finale eines ganzen Films dienen musste. Als sich aber herauskristallisierte, dass „An Unexpected Journey“ nicht, wie ursprünglich geplant, bis zur Flucht der Zwerge aus dem Waldlandreich, sondern nur bis zur Adlerrettung gehen würde, und diese dementsprechend als finales Action-Set-Piece fungiere sollte, war Jackson die ursprüngliche Komposition wohl nicht episch und/oder emotional genug, weshalb er eine ganze Reihe an etablierten Themen quasi Last Minute noch unterbrachte.

Ich werde hier zuerst die Albenversion als ursprüngliche Komposition besprechen und anschließend erläutern, wie sich die Filmversion von ihr unterscheidet. Der Track beginnt mit einem bedrohlichen Anschwellen aleatorischer Blechbläserfiguren, bevor sich das Wargreiterthema ab 0:20 in voller Wucht einschaltet und die Ankunft Azogs und seiner Unterlinge ankündigt. Als musikalischer Gegenpol fungiert eine fragmentierte, geradezu panische Version des Erebor-Themas bei 0:32. Es folgen enervierende, sehr blechbläserlastige Passagen, die vom Rhythmus des Wargreiterthemas vorangetrieben werden, während sich immer wieder Fragmente besagten Motivs ins Action-Underscoring mischen, um zu zeigen, wer gerade die Oberhand hat. Ab 1:30 wird die musikalische Spannungsschraube immer mehr angezogen, bis der Track bei 1:55 praktisch innehält, um den LotR-Fan bei 1:59 mit einer Andeutung des Rückforderung-der-Natur-Themas zu erfreuen; dieses Mal nutzt Gandalf einen Schmetterling statt einer Motte als Boten. Dieser kurze Moment der Hoffnung wird allerdings sofort von der Rückkehr des Wargreiter-Rhythmus überlagert, verstärkt durch einen Einsatz von Azogs Thema bei 2:12. Bei 2:20 erklingt dann abermals eine volle Version des Wargreiter-Themas. Irgendwie gelingt es Shore, die Intensität mit treibenden Rhythmen und seinen Blechbläserfiguren immer weiter anzuziehen, bis bei 3:44 Erleichterung in Form einer heroischen Fanfare kommt, die zwar vage zwergisch klingt, aber ansonsten keine Variation eines bekannten Themas ist. Bei 4:25 setzt schließlich ein ominöser Chor ein, als sich Thorin voller Hass auf Azog zubewegt. Dieser Abschnitt bedient sich sowohl der Harmonien von Thorins Thema, ruft aber auch Erinnerungen an den Choreinsatz in An Ancient Enemy wach, als diese beiden Kontrahenten sich das letzte Mal gegenüberstanden. Dass das Ganze nicht gut ausgeht, hört man spätestens ab 5:20, die Chorpassage wird deutlich grimmiger und das Stück klingt schließlich mit aleatorischen Streicher- und Blechbläserpassagen aus.

Die Filmversion des Tracks ist erfreulicherweise auf Youtube aufgetaucht, sodass die Unterschiede klar herausgearbeitet werden können. Zuerst einmal fällt auf, dass die Filmversion des Tracks fast doppelt so lang ausfällt wie das Stück, das auf dem Album zu hören ist, was in meinen Augen durchaus dafür sprechen kann, dass die gesamte Sequenz noch einmal ordentlich aufgebläht wurde, damit sie als Finale funktioniert. Die ersten zweieinhalb Minuten sind noch identisch, danach fühlt sich der Track, gerade im Vergleich zum Album, sehr zusammengestückelt an. Im Film selbst fällt das gar nicht so sehr auf, da die Sound-Effekte ihren Teil dazu beitragen, die verschiedenen Schnitte zu verbergen, isoliert machen sie sich allerdings auf äußerst unangenehme Art und Weise bemerkbar. Ab 2:30 erklingt für 25 Sekunden lang Orkstadt-Material, das wahrscheinlich direkt aus Brass Buttons stammt, anschließend kehrt der Track wieder zu den Blechbläserfiguren der Albenversion zurück, um bei 3:10 in eine Action-Variation des Erebor-Themas mit Männerchor in der Begleitung überzugehen. Bis 4:25 alterniert die Filmversion immer wieder zwischen Schnipseln aus der ursprünglichen Version und anderem Material – ich würde vermuten, dass man sich hier Abschnitte aus anderen Tracks dieses Scores geborgt hat. Der großer Aufreger kommt dann bei 4:25, denn statt des oben beschriebenen Choreinsatzes erklingt aus heiterem Himmel das Thema der Nazgûl, das an dieser Stelle freilich völlig fehlplatziert ist. Ich erinnere mich noch gut, wie diskutiert und spekuliert wurde, ob hier eine tiefere Bedeutung zu finden ist. Es wurde gemutmaßt, Azog sei von den Toten erweckt worden oder von einem Ringgeist besessen oder Thorin hätte einen der Zwergenringe bei sich. Aufgrund dieses Einsatzes wurde das Nazgûl-Thema mitunter in Fankreisen auch in „Servants of Sauron“ umbenannt. Ich persönlich denke, dass die Erklärung allerdings viel einfacher ist: Jackson traf an dieser Stelle eine Last-Minute-Entscheidung, weil er mehr „Wumms“ wollte. Doug Adams selbst versuchte zu Beginn ebenfalls noch, eine Erklärung zu liefern, inzwischen hat er aber mehr oder weniger zugegeben, dass genau das der Fall war und darüber hinaus zu Protokoll gegeben, dass er persönlich die Albenversion als die „kanonische“ betrachtet. Nebenbei bemerkt, es handelt sich hier nicht um eine Direktübernahme aus den LotR-Scores, sondern tatsächlich um eine neue Variation inklusive neuen Textes, die aber fast ein wenig nach der Remote-Control-Version des Nazgûl-Themas klingt – vielleicht stammt das Arrangement überhaupt nicht von Shore selbst?

Ab 5:24 folgen ätherische Chöre, die Thorins Niederlage untermalen, begleitet vom „Nachhall“ des Nazgûl-Themas in Form einer der LotR-Begleitfiguren, die Doug Adams als „Footsteps of Doom“ bezeichnet und die die Grundlage des Themas der Ringgeister bilden – sehr deutlich zu hören bei 6:10. An diesem Punkt der absoluten Niederlage kann es eigentlich nur noch bergaufgehen, wie durch den nun einsetzenden und aufsteigenden Männerchor verdeutlicht wird. Bilbos Einsatz zu Thorins Rettung wird von einer heroischen, fanfarenartigen Variation des Auenlandthemas bei 6:41 untermalt, die an die heroischen Statements erinnert, die während Sams Aufenthalt im Turm von Cirith Ungol in „The Return of the King“ zu hören waren. Die Zwerge – zumindest die, die nicht gerade von den Bäumen rutschen – nehmen sich nach einem kurzen Einsatz des Zwerge-im-Exil-Motivs (6:55) ein Beispiel an dem Hobbit und stürmen in die Schlacht, ein letztes Mal begleitet vom Misty Mountains-Thema (7:15). Bei 7:40 fährt dann auch schon eine volle Version des Rückforderung-der-Natur-Themas dazwischen die, gelinde gesagt, ein wenig merkwürdig klingt, so als hätte man mehrere Gesangsspuren (die eventuell aus den LotR-Filmen stammen) übereinander gelegt. Bei der Achtminutenmarke meint man unter anderem auch, einen Bruchteil des gesungenen Themas von Gandalf dem Weißen zu hören. Alles in allem ist dieser Track für Filmmusikfans eine relativ frustrierende Angelegenheit. Wer allerdings neugierig darauf ist, wie Shores ursprüngliche Komposition anstelle des Nazgûl-Themas gewirkt hätte, bekommt hier einen Eindruck (ich persönlich bin nach wie vor der Meinung, dass Shores Intention deutlich wirkungsvoller und weniger irritierend ist):

Siehe auch:
My Dear Frodo
A Very Respectable Hobbit
Axe or Sword?
The World Is Ahead
An Ancient Enemy
Roast Mutton
The Hill of Sorcery
Warg-Scouts
Moon Runes
The White Council
Over Hill
A Thunder Battle
Riddles in the Dark
Brass Buttons

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