Lovecrafts Vermächtnis: The Colour out of Space – Teil II

Halloween 2020

„The Colour out of Space“ gilt nicht nur als eine der besten Lovecraft-Geschichte, es könnte sich dabei auch um diejenige handeln, die am häufigsten filmisch umgesetzt wurde. Das geht zurück bis ins Jahr 1965, in welchem die eher lose Adaption „Die, Monster, Die!“ von Daniel Haller ins Kino kam, in der zwar niemand geringerer als Horror-Ikone Boris Karloff die Hauptrolle spielte, die aber trotzdem nicht besonders gut aufgenommen wurde. Über die Jahrzehnte hinweg entstanden noch eine ganze Reihe weiterer Filme, meistens mit stark abgewandelten Titeln, die „The Colour out of Space“ in der einen oder anderen Form umsetzten. Selbst die Netflix-Produktion „The Annhiliation“ mit Natalie Portman könnte man als lose Umsetzung verstehen. Ich möchte mich allerdings mit den beiden wahrscheinlich vorlagengetreusten Filmadaptionen auseinandersetzen – wobei das nicht allzu viel zu sagen hat, da sich jede Version ordentliche Freiheiten nahm. Bei besagten beiden Filmen handelt es sich um „Die Farbe“, einen deutschen schwarz-weiß Film aus dem Jahr 2010 vom aus Stuttgart kommenden Regisseur Huan Vu und „Color out of Space“, die jüngste Umsetzung der Geschichte mit Nicolas Cage von Richard Stanley.

Die Farbe

Der führende Lovecraft-Experte S. T. Joshi bezeichnete „Die Farbe“ einmal als beste Lovecraft-Verfilmung – so weit würde ich nicht unbedingt gehen, allerdings ist es doch ein ordentlicher Unterschied zu Filmen wie Stuart Gordons „Dagon“ – auch wenn zumindest einige Ansätze ähnlich sind. Wie Gordon ändert auch Huan Vu Ort und Zeit der Handlung – statt im Neuengland der 1920er (bzw. der 1880er in der Binnenhandlung) spielt die Umsetzung in Deutschland der Nachkriegszeit (bzw. kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in den Rückblicken). Die Rahmenhandlung wurde dementsprechend angepasst, statt eines Landvermessers steht ein junger Amerikaner im Mittelpunkt, der nach dem Verbleib seines Vaters sucht und in diesem Kontext von den Begebenheiten um die Farbe erfährt. Die Binnenhandlung entfaltet sich dann wieder wie gewohnt – der Meteorit landet, die Farbe breitet sich aus und bringt Tod und Verfall mit sich. Ähnlich wie so oft bei Lovecraft spielen die Figuren dabei keine allzu große Rolle, die Änderung der Rahmenhandlung fällt kaum ins Gewicht und der Charakterisierung der Figuren, die letztendlich mit der Farbe in Berührung kommen, wird kaum etwas hinzugefügt.

Die erste Frage, die sich bei einer Adaption dieser Geschichte stellt, ist natürlich, wie die Farbe dargestellt wird, schließlich ist es das Eine, über eine völlig unbekannte Farbe zu schreiben, eine solche Farbe visuell darzustellen aber etwas völlig anderes. Die eigentliche Farbe ist lila bzw. magenta, da allerdings der restliche Film in schwarz-weiß ist, sticht sie natürlich besonders hervor – auch diverse Comicadaptionen bedienen sich dieser doch recht naheliegenden Technik.

Insgesamt muss man nicht allzu aufmerksam sein, um schnell zu merken, dass Huan Vu kein allzu großes Budget zur Verfügung hatte, denn alles wirkt etwas amateurhaft – das trifft besonders auf die Darsteller und die Tonqualität zu. Allerdings hilft auch hier die Entscheidung, den Film in schwarz-weiß zu drehen, da sich die Atmosphäre dadurch ungemein steigert und einiges, das ansonsten vielleicht unangenehm aufgefallen wäre, verdeckt wird. Insgesamt muss man sagen, dass Vu hier aus der Not eine Tugend gemacht, „Die Farbe“ profitiert zweifelsohne davon, dass sie sich eben nicht wie ein konventioneller Horrorfilm anfühlt oder wie einer aussieht. Am schwächsten ist tatsächlich der „finale Auftritt“ der Farbe, da man hier das Fehlen eines Effektbudgets am deutlichsten merkt. Das Sammeln der lila Blasen ist verhältnismäßig unspektakulär, man möchte fast sagen, antiklimaktisch, und danach franzt der Film praktisch aus. Alles in allem dennoch eine durchaus gelungene Umsetzung, die sich vom Standard-Horror-Film angenehm unterscheidet und das Beste aus sehr begrenzten Möglichkeiten macht.

Color out of Space

Richard Stanleys Adaption ist deutlich mehr „Hollywood“ als „Die Farbe“, folgt stärker den üblichen Genre-Konventionen, vor allem in visueller Hinsicht, und hat mir Nicolas Cage natürlich auch einen sehr namhaften Hauptdarsteller. Gerade als Lovecraft-Fan sind derartige Tendenzen natürlich erst einmal beunruhigend, allerdings zeigt Richard Stanley hier, dass das Konzept aufgehen kann. Auch bezüglich des Adaptionsprozesses wurden durchaus einige interessante Entscheidungen getroffen, was „Color out of Space“ als Analyseobjekt deutlich ergiebiger macht. Anders als in „Die Farbe“ ist der Handlungsort tatsächlich Neuengland, u.a. wird Arkham erwähnt, aber die Handlung wird in die Gegenwart versetzt. Darüber hinaus verzichtet Stanley auf Rahmen- und Binnenhandlung, die Figur des Ammi Pearce als sekundärer Erzähler bzw. Vermittler zwischen den beiden Zeitebenen wird eliminiert. Stattdessen trifft der in der Geschichte namenslose Landvermesser aus Arkham, der im Film Hydrologe ist und Ward Phillips (Elliot Knight) heißt, direkt auf die Familie Gardner, deren Mitglieder ebenfalls neu getauft wurden. Der Vater heißt nun Nathan (Cage) statt Nahum, seine Frau Theresa (Joely Richardson) statt Nabby, der ältere Sohn Benny (Brendan Meyer) statt Thaddeus und der jüngere Jack (Julian Hillard) statt Merwin und die Tochter, die Sohn Nummer 3, Zenas, ersetzt, trägt den Namen Lavinia (Madeleine Arthur). Einige der Namen sind dabei sicher nicht zufällig gewählt, Ward verweist auf „The Case of Charles Dexter Ward“, Phillips natürlich auf Lovecraft selbst und Lavinia auf „The Dunwich Horror“. Darüber hinaus bemüht sich Stanley, die Figuren über ihre Rolle als Opfer der Farbe hinaus zu charakterisieren und eine Familiendynamik zu etablieren – so hat Nathan eine Alpaka-Farm aufgebaut, die ihm viel bedeutet, Theresa erholt sich von einem Krebsleiden und versucht, wieder in die Berufswelt einzusteigen und Lavinia ist mit dem isolierten Leben im Wald unzufrieden und beschäftigt sich mit Wicca. In diesem Zusammenhang bringt Stanley auch das Necronomicon im Film unter, wobei es sich bei der gezeigten Version um die Taschenbuchausgabe des Simon-Necronomicon handelt, die ich selbst ebenfalls mein Eigen nenne. Von einer Integration in die Handlung kann man allerdings kaum sprechen, es ist eher ein Cameo. Dementsprechend sorgt die Farbe nach ihrer Landung auch erst einmal dafür, dass die Spannungen, die unter der Oberfläche der Familie brodeln, hervorbrechen, bevor der wirklich kranke Scheiß passiert. Natürlich bekommt Nicoals Cage im späteren Verlauf noch die Gelegenheit, ein wenig aufzudrehen, was angesichts des sich steigernden Wahnsinns aber durchaus angemessen ist und nicht überstrapaziert wird.

Gerade in Bezug auf Body Horror geht „Color out of Space” natürlich deutlich weiter als „Die Farbe“ (für derartige Effekte ist schließlich ein gewisses Budget nötig) und auch als die ursprüngliche Geschichte – es wird mehr als deutlich, dass John Carpenters „The Thing“ ein Film ist, den Stanley mit großer Sicherheit sehr schätzt. Im Großen und Ganzen folgt „Color out of Space“ der Binnenhandlung in Lovecrafts Geschichte eigentlich relativ genau – nur eben erweitert um das persönliche Drama. Zudem wird im Finale auch ein Einblick in das gewährt, was man als Heimat der Farbe sehen könnte; abstrakte, fremdartige Eindrücke, die ein wenig an „Doctor Strange“ erinnern und in späteren Filmen – Stanley plant noch weitere Lovecraft-Adaptionen, darunter „The Dunwich Horror“ – eventuell dazu genutzt werden könnten, diesen Film mit dem „Cthulhu-Mythos“ zu verknüpfen.

Sprechen wir nun noch über die Farbe an sich, die hier im Grunde dieselbe ist wie in „Die Farbe“: ein stark leuchtendes Magenta bzw. Lila, dessen Wirkung hier nicht so stark herüberkommt wie in einem schwarz-weiß Film, das aber effekttechnisch deutlich mehr überzeugt. Gerade die sich ausbreitende Verderbnis und die Fremdartigkeit sowie die transformierenden Effekte sind hier deutlich eindrücklicher als bei Huan Vu – abermals dem deutlich höheren Budget geschuldet.

„Color out of Space“ wird wahrscheinlich Lovecraft-Puristen nicht unbedingt überzeugen, zeigt für mich aber, dass es durchaus möglich, das Werk HPLs zu modernisieren und für einen Mainstream-Horrorfilm anzupassen, ohne dass die Essenz des kosmischen Horrors verloren geht. Obwohl es sich bei Stanleys Werk sicher nicht um den innovativsten oder gelungensten Streifen des Genres handelt, ist er in meinen Augen definitiv eine der besten direkten Lovecraft-Adaptionen. Ich bin auf jeden Fall schon sehr auf „The Dunwich Horror“ gespannt.

Siehe auch:
Lovecrafts Vermächtnis: The Colour out of Space – Teil I
Lovecrafts Vermächtnis: Das Necronomicon