Heaven and Hell: A History of the Afterlife

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Ich stieß auf Bart D. Ehrman, einen Bibelforscher mit Spezialisierung auf das Neue Testament, eher durch Zufall; auf Youtube fand ich einige Vorträge und Debatten, die ich äußerst ansprechend fand. Gerade für biblische Literalisten bzw. evangelikale Christen, die nach wie vor glauben, die Bibel sei das unfehlbare Wort Gottes, scheint Ehrman, der selbst einen evangelikalen Hintergrund hat, aber „vom Glauben abfiel“, ein rotes Tuch zu sein. Viele Dinge, die für amerikanische Literalisten schockierend sind, werden in Europa generell anders wahrgenommen; Ehrman selbst betont in seinen Vorträgen auch immer wieder, dass er im Grunde unter Historikern die „Mainstream-Meinung“ bezüglich der Historizität des Neuen Testaments vertritt. Sucht man nach einer tatsächlichen „Extremmeinung“ sollte man sich lieber jemandem wie Richard Carrier zuwenden, der die Existenz Jesu insgesamt bezweifelt und ihn als reinen Mythos ansieht. Ehrman dagegen vertritt zwar eine sehr kritische, aber noch verhältnismäßig gemäßigte Position. Wie dem auch sei, ich fand seine Vorträge in jedem Fall äußerst ansprechend und beschloss, mich seinen Büchern zuzuwenden. Nur zwei davon, „Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bible and Why“ (deutscher Titel: „Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden: Wie die Bibel wurde, was sie ist“) sowie „Jesus, Interrupted: Revealing the Hidden Contradictions in the Bible (And Why We Don’t Know About Them)“ (deutscher Titel: „Jesus im Zerrspiegel: Die verborgenen Widersprüche in der Bibel und warum es sie gibt“) sind auf Deutsch verfügbar, und das auch nur antiquarisch und zum Teil zu recht hohen Preisen. Wer allerdings mit der englischen Sprache keine Probleme hat, findet auch das eine oder andere Hörbuch auf Audible. Ich habe mich für „Heaven and Hell: A History of the Afterlife”, gelesen von John Bedford Lloyd, entschieden. Gleich zu Beginn ein paar Worte zur Lesung: John Bedford Llloyd ist als Interpret völlig in Ordnung, aber auch nicht mehr. Er liest deutlich, gut verständlich und für ein Sachbuch vollkommen akzeptabel, aber er ist, anders als beispielsweise Stephen Fry oder (um noch einen deutschen Interpreten einzubringen) Joachim Kerzel, kein Hörbuchsprecher, den ich zu meinen Favoriten zählen würde. Das Vorwort liest Bart Ehrman selbst.

Bevor ich näher auf den Inhalt eingehe, erst einmal ein paar Worte zur Grundkonzeption, denn der Titel könnte etwas irreführend sein: Ehrman konzentriert sich spezifisch auf die jüdischen und christlichen Vorstellungen des Jenseits, der Fokus liegt eindeutig auf dem Alten und Neuen Testament (inklusive diverser apokrypher Texte) sowie den Ansichten der frühen christlichen Kirchen. Das Gilgamesch-Epos sowie diverse Werke der griechischen und römischen Mythologie und Philosophie, etwa die „Odysee“, die „Aeneis“ und die Schriften Platons, werden ebenfalls besprochen, aber im Grunde nur insofern sie die jüdisch-christlichen Vorstellungen beeinflusst haben. Wer sich dagegen für die ägyptischen, nordischen oder fernöstlichen Jenseitsvorstellungen interessiert, wird in diesem Werk nicht fündig. Selbst später entstandene Traditionen, etwa der katholische Glaube ans Fegefeuer, wird eher beiläufig gegen Ende des Buches behandelt.

Ehrman beginnt mit einigen persönlichen Anekdoten zu seinem früheren Jenseitsglauben und auch seinem Verlust desselben, bevor er den modernen Standard darlegt, um anschließend in die Antike abzutauchen; wie bereits erwähnt bespricht er, in der gebotenen Knappheit, die Jenseitsvorstellungen des Gilgamesch-Epos und der griechisch-römischen Antike, aus der viele unserer heute gängigen Vorstellungen tatsächlich stammen. Bereits hier zeigt er eine Entwicklung auf, von der Odyssee, in der nur einige wenige Individuen nach ihrem Tod belohnt oder bestraft werden, während die meisten zu einer Existenz des ewigen Dahinvegetierens verdammt sind. Bereits in Vergils Aeneis wird die Belohnung und Bestrafung stärker in den Vordergrund gerückt. Relativ viel Raum nimmt auch die Abhandlung diverser philosophischer Positionen bzgl. Körper, Seele und deren Wechselwirkung ein – wie üblich spielt vor allem Platon eine große Rolle.

Anschließend wendet sich Ehrman dem alttestamentarischen Jenseitsglauben zu – oder besser: dem Mangel daran. Denn tatsächlich spielt das Jenseits vor allem in den frühen Büchern des Alten Testaments kaum eine Rolle. Das Jenseits der alten Hebräer wird „Sheol“ genannt; dieser Ort, zu dem die Seelen nach dem Tod gehen, wird dabei primär durch das Getrenntsein von Gott definiert – wobei nicht völlig klar ist, ob damit tatsächlich eine Hades-artige Unterwelt oder doch nur der Ort, an dem die Toten begraben sind, gemeint ist. Über weite Strecken spielt der Jenseitsglaube im Alten Testament jedenfalls keine Rolle, der Fokus liegt auf Wohl und Weh des Volkes Israel. Nur selten tauchen handfeste „Nachtoderfahrungen“ auf, etwa wenn die Hexe von Endor im Ersten Buch Samuel besagten Propheten auf Sauls Bitten hin aus dem Jenseits ruft. Ehrman arbeitet nachvollziehbar heraus, dass die Idee einer „Auferstehung“ zuerst dem Volk und Staat Israel gilt, das immer wieder besiegt und besetzt wurde. Erst nach und nach, praktisch nur wenige Jahrhunderte vor Christi Geburt, wandelte sich die Idee der Auferstehung Israels zu einer persönlichen Auferstehung des Individuums. In seine Darstellung bezieht Ehrman auch die in dieser Zeit aufkommende apokalyptische Literatur des Judentums ein, etwa das Buch Daniel oder die nicht zum Kanon des Alten Testaments gehörenden Henoch-Bücher. Bereits vor der Entstehung des Christentums zeichnen sich erste Einflüsse griechischer Kultur ab, da Israel durch die Eroberung Alexanders des Großen Teil der hellenistischen Welt wurde.

Im Kontext jüdischer Apokalyptik kommt Ehrman dann auch zu Jesus selbst, den er als Teil dieser Strömung identifiziert. Hier macht er sehr deutlich, dass der historische Jesus wohl kaum an Himmel und Hölle glaubte (zumindest, soweit sich das überhaupt feststellen lässt), sondern an eine tatsächliche, physische Auferstehung für die Rechtschaffenen und schlichten Tod ohne ewige Qualen für alle anderen. Im wahrscheinlich umfangreichsten Teil des Buches beschreibt Ehrman detailliert den Jenseitsglauben des frühen Christentums, wobei er alle vier Evangelien und deren jeweilige theologische Positionen ausführlich darlegt. Die drei synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas) sind sich in dieser Hinsicht sehr ähnlich (nicht zuletzt, weil die letzten beiden sich stark auf Markus berufen), während Johannes eine deutlich andere Position vertritt. Auch die Position der Paulus-Briefe, der echten wie der gefälschten, und die Frage nach der körperlichen Auferstehung, wie Paulus sie verstand, erörtert Ehrman sehr ausführlich – vielleicht ein wenig zu ausführlich. Hier und in der weiteren Schilderung des sich entwickelnden Jenseitsglauben zeichnet sich dann langsam auch, beeinflusst von Vorstellungen aus der griechischen Philosophie und der griechisch/römischen-Mythologie, die Entwicklung der gängigen Vorstellungen von Himmel und Hölle ab. Besonders interessant ist Ehrmans Auslegung der Offenbarung des Johannes, die in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle spielt, aber selbst noch nicht ganz „da“ war und sich aus historisch-kritischer Perspektive deutlich weniger auf die ferne Zukunft als auf die Gegenwart der Abfassung konzentriert. Auch gnostische und häretische Jenseitsvorstellungen sowie spätere katholische Entwicklungen wie das bereits erwähnte Fegefeuer werden zumindest in Ansätzen diskutiert, der Fokus liegt aber ohne Zweifel auf dem Alten und Neuen Testament.

Wer sich mit der Thematik zumindest ansatzweise schon einmal kritisch auseinandergesetzt hat, wird zumindest keine „schockierende“ Enthüllung erfahren; zumindest in sehr groben Zügen war mir doch schon einiges bekannt, gerade was den Mangel an Jenseitsglaube im Alten Testament oder griechisch/römische Einflüsse angeht – insgesamt betritt Ehrman hier nicht unbedingt Neuland. Gerade die analytischen Details und die ausführliche Auseinandersetzung mit den biblischen und nicht-biblischen Texten machen das (Hör-)Buch gerade für den interessierten Laien (oder Historiker, der sich nicht auf biblische Geschichte spezialisiert hat) sehr lesens- bzw. hörenswert, besonders weil Ehrman einen sehr angenehmen und unterhaltsamen Stil hat, dem man gut folgen kann. Dasselbe lässt sich von ähnlich gearteter deutscher Literatur oft nicht sagen, da zumindest teilweise immer noch die Meinung vorherrscht, ein solides historisches Werk sollte nicht angenehm lesbar sein. Relativ zeitgleich habe ich „Zwei Götter im Himmel: Gottesvorstellungen in der jüdischen Antike“ von Peter Schäfer gelesen, das stilistisch deutlich sperriger daherkommt.

Fazit: Gelungene, historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Jenseitsglauben des Alten und Neuen Testaments und seiner Entwicklung vom Pentateuch durch die jüdische Geschichte bis hin zu den Evangelien, der Offenbarung und der Transformation zur heute noch gängigen Vorstellung von Himmel, Hölle und Fegefeuer. Definitiv nicht das letzte Werk von Bart D. Ehrman, das ich konsumieren werde.

Buchtrailer

Bildquelle

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