Stück der Woche: Riddles in the Dark


Die Umsetzugn des Hobbit-Kapitels „Riddles in the Dark“ gilt gemeinhin als Kernstück von „An Unexpected Journey“. Beim gleichnamigen Track auf dem Album handelt es sich um ein weiteres Stück, das primär LotR-Material rekapituliert. Das Stück beginnt mit ominösen Streicher- und Percussionfiguren; ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich denke, an dieser Stelle kommt das Bodhrán zum Einsatz – dabei handelt es sich um eine irische Rahmentrommel, die Howard Shore zu einem der Identifikationsinstrumente der Hobbits in der LotR-Trilogie machte. Da Gollum „hobbitverwandt“ ist, würde es durchaus passen, das Bodhrán in diesem Kontext zu verwenden. Bei 0:17 hören wir dann in den hohen Streichern – und zum ersten Mal in diesem Score – das Geschichte-des-Ringes-Thema. Hier hat es allerdings noch nicht seine volle Kraft erreicht. Der Eine Ring hat lange geschlafen, 500 Jahre befand er sich in Gollums Besitz. Dementsprechend muss das Thema erst Anlauf nehmen. Dieses erste Statement franzt regelrecht aus und bleibt unvollendet. Gleichzeitig wittert der Ring allerdings seine Chance. Ab 0:48 erklingt ein weiteres Statement, dieses Mal spielen die Holzbläser die Melodie und können sie ein Mal vollenden, straucheln aber bei der Wiederholung (genau bei der Minutenmarke) – vielleicht, weil Bilbo sich auf Gollum zu statt von ihm wegbewegt?

Es folgen weitere, ominöse Streicherklänge, die Bilbos Weg zum Vorbesitzer des Rings untermalen. Bei 0:45 erklingt dann ein weiteres bekanntes Thema. Shore komponierte zwei Themen für Gollum bzw. Sméagol, eines pro Persönlichkeit; das Gollum-Thema tauchte allerdings erstmals in „The Two Towers“ auf, während das Sméagol-Thema bereits in „The Fellowship of the Ring“ zu hören war. Dennoch ist es logisch, dass dieses Thema auch hier erklingt, repräsentiert es doch die Bedrohung, die diese Figur darstellt und der Bilbo nun ausgesetzt ist. Gollums Thema könnte man als fast schon zittrig beschreiben, was am primären Instrument, dem Cimbalom liegt. Es handelt sich dabei um ein der Zither ähnliches Hackbrett, dessen Saiten mit Klöppeln geschlagen werden und stammt aus dem osteuropäischen Raum. Wie das Bodhrán gehört es zu den Instrumenten, die Shore zur Charakterisierung der Hobbits einsetzt. Diese Thema verweist also einerseits auf Gollums Herkunft, zeigt aber zugleich, wie weit er sich von seinen Ursprüngen entfernt hat. Anders als das Sméagol-Thema ist das Gollum-Thema nicht wirklich melodisch, es handelt sich eher um eine instrumentale Textur.

Nach weiteren Streicherpassagen erklingt bei 2:36 ein weiteres Mal das Geschichte-des-Ringes-Thema und gewinnt dabei an Kraft, aber auch an Dringlichkeit. Das weitere rätseln der beiden Kontrahenten wird mit unruhigem Underscoring untermalt, das von Streichern und Holzbläsern geprägt ist. Immer wieder mischen sich subtile Andeutungen des Geschichte-des-Ringes-Thema darunter, die zeigen, dass es bei diesem „Spiel“ nicht nur um Bilbos Leben, sondern um deutlich mehr geht. Bei 4:24 hören wir dann zum ersten Mal Sméagols Thema, das die Tragik dieser Figur repräsentiert und eng mit dem Geschichte-des-Ringes-Thema verwandt ist.

Schon zuvor gab es Unterschiede zwischen Film und Album, ab diesem Track werden die Unterschiede aber wirklich massiv, auch wenn das hier noch nicht so sehr auffällt. Die Themen sind dieselben, aber im Film sind andere Variationen zu hören – das betrifft besonders das Geschichte-des-Ringes-Thema. Möglicherweise liegt es daran, dass diese Szene kurz vor Schluss noch länger wurde oder umgeschnitten werden musste, jedenfalls stammen die Variationen des Ring-Themas, die im Film zu hören sind, entweder direkt aus der LotR-Trilogie oder sie wurden zwar immerhin neu eingespielt, sind aber Note für Note mit den alten Variationen identisch. Die neuen Versionen, die Shore komponierte, sind dagegen nicht zu hören. Des weiteren fällt auf, dass der Film musikalisch immer wieder von Gollum zu Sméagol und zurück springt, die beiden Themen wechseln sich ab, während die Musik dazwischen weniger ominös und etwas komödiantischer ist.

Das erlaubt zumindest die Vermutung, dass diese Szene ursprünglich deutlich kürzer und mehr auf Suspense ausgelegt war, wahrscheinlich sollten Gollums tragische Aspekte erst am Ende offengelegt werden sollten. Die Szene in der finalen Fassung dagegen legt den Fokus eher auf das komödiantische Potential von Bilbo und Gollum. Aber das ist nur Spekulation.