Stück der Woche: The White Council


Reine Gesprächsszene sind oft größere Herausforderungen für Komponisten als beispielsweise Actionszenen, da die Musik den Dialogen nicht in den Weg kommen darf. Oftmals entscheiden sich Regisseure gar dafür, den Score in langen Dialogszenen verstummen zu lassen oder er wird drastisch zurückgefahren und man setzt auf eine sehr reduzierte Präsenz. Bei Howard Shores Mittelerde-Scores spiegelt die Musik dagegen den Gesprächsverlauf genau wider – an keinem anderen Stück zeigt sich das besser als an The White Council. Nebenbei findet sich in diesem Track auch gleich ein Sammelsurium an Themen aus der LotR-Trilogie. Es geht direkt mit einer ziemlich angenehmen Variation des Bruchtal-Themas mit sanften Streichern, Harfe und subtilem Choreinsatz los; diese untermalt Bilbos Streifzüge durch Elronds Haus. Ab 0:38 wird die Stimmung etwas düsterer und wir hören zum ersten Mal in diesem Score die absteigende Terz, eine der in der LotR-Trilogie am häufigsten auftauchenden Begleitfiguren Mordors. Sowohl Azogs Thema als auch das Motiv des Nekromanten basieren auf ihr, hier tritt sie allerdings in Reinform auf, begleitet von einer ersten Andeutung des Geschichte-des-Ringes-Themas bei 0:43, während Bilbo das Gemälde von Sauron und Isildur gegenüber den Bruchstücken von Narsil betrachtet. Fun Fact: In „The Fellowship of the Ring“ sieht man den Ring nicht auf dem Gemälde, für „An Unexpected Journey“ wurde er als Foreshadowing integriert.

Nach diesem kurzen Intermezzo kehrt die Musik wieder zum Bruchtal-Thema mit verstärkter Chorpräsenz zurück. Bei 1:32 stimmen die Holzbläser dann das Beutlin/Tuk-Thema in der Beutlin-Fassung an. Direkt darauf folgt die Tuk-Fassung, gespielt von den deutlich unruhigeren Streichern. Hier wird der Konflikt zwischen der heimverbundenen Beutlin- und der abenteuerlustigen Tuk-Seite Bilbos verdeutlicht, als Elrond ihm anbietet, er könne jederzeit in Bruchtal bleiben. Leider ist dies nur auf dem Album der Fall, wie so oft wurde diese Bilbo-spezifische Musik durch einen, man möchte schon fast sagen, „generischen“ Einsatz des Auenland-Themas ersetzt.

Um die Dreiminutenmarke herum mischen sich zwergische Akkorde in die Musik, die bei 3:20 in einem sehr subtilen Statement des Haus-Durins-Themas kulminieren, das sich in den folgenden beiden Filmen langsam zur primären Repräsentation der Zwerge entwickelt, in „An Unexpected Journey“ allerdings nur in verfremdeten Andeutungen vorhanden ist. Ominöse Streicher tragen die Musik anschließend in eine andere Richtung, während Gandalf und Elrond miteinander sprechen. Ab 3:52 sind die vertrauten Klänge des Lórien-Themas zu vernehmen, die Galadriels Auftritt begleiten – hier natürlich in der klassisch-ätherischen und nicht der militaristischen Variation zu hören, inklusive Chor und der Präsenz indischer Instrumente wie des Sarangi. Da noch ein weiteres Mitglied des Weißen Rates zugegen ist, hören wir bei 4:40 die Andeutung eines weiteren vertrauten Themas, denn Sarumans Auftauchen wird von einer kurzen Andeutung des Isengard-Themas begleitet. Diese Variation ist noch weit entfernt von der industriellen Ausprägung, die es schließlich in der LotR-Trilogie erhält, aber dennoch schwingt schon eine subtile Bedrohung mit. Direkt darauf folgt in den Streichern bei der Fünfminutenmarke eine extrem subtile Andeutung von Gandalfs Thema. Der Tonfall des Stücks bleibt ominös, bei 5:25 deutet sich ein weiteres Mal das Geschichte-des-Ringes-Thema in den hohen Streichern an. Als sich das Gespräch dem Nekromanten in Dol Guldur zuwendet, erklingt bei 5:55 auch sein auf der absteigenden Terz basierendes Thema und gewinnt langsam an Kraft. Ab 6:45 sind schließlich subtile Versatzstücke des Radagast-Materials zu hören, während Saruman sich despektierlich über den braunen Zauberer äußert. Bei 7:43 kehrt das Gespräch allerdings wieder zum Nekormanten zurück; dieses Mal ist es sein aufsteigendes Motiv, das erklingt, deutlich kräftiger als zuvor das absteigende, und ein weiteres Mal geht es direkt in Saurons Thema über – als ob wir nicht ohnehin schon alle wüssten, wer sich hinter der Maske des Nekromanten verbirgt. Der Abschluss des Stückes behält die ominös-mysteriöse Stimmung bei; am Ende kommt der Chor noch einmal zum Einsatz.

Siehe auch:
My Dear Frodo
A Very Respectable Hobbit
Axe or Sword?
The World Is Ahead
An Ancient Enemy
Roast Mutton
The Hill of Sorcery
Warg-Scouts
Moon Runes

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