Harleen

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Harley Quinn feierte ihr Debüt 1992 in „Batman: The Animated Series“, genauer gesagt der Folge „Joker’s Favor“. Seit damals hat sich viel getan, die Figur erwies sich als so populär, dass sie ihren Weg in die reguläre Kontinuität des DC-Universums fand und seither ein unverzichtbarer Teil von Batmans Kosmos wurde. Mehr noch, Harley emanzipierte sich von ihren Wurzeln als „Freundin des Jokers“, bekam diverse Soloserien, wurde wichtiger Teil der Suicide Squad und schaffte sogar den Sprung auf die große Leinwand. Da verwundert es kaum, dass diese Figur, die so erfolgreich ist wie kaum eine zweite, auch zur Hauptfigur einer Graphic Novel des prestigeträchtigen Labels „DC Black“ wurde. Besagtes Label wurde ins Leben gerufen, um düsterere und erwachsenere Geschichten mit den DC-Figuren erzählen zu können, ohne dass sich die Autoren und Zeichner mit der fortlaufenden Kontinuität belasten müssen. „Batman: White Knight“ (hierzulande „Batman: Der weiße Ritter“) wurde dem Label zwar erst nachträglich zugeordnet, die Konzeption dieser Geschichte ist allerdings ein Paradebeispiel.

Ähnlich wie „White Knight“ ist auch „Harleen“ primär das Produkt eines kreativen Kopfes, wie schon Sean Murphy vor ihm fungiert bei diesem Werk der kroatische Künstler Stjepan Šejić als Autor und Zeichner in Personalunion. Ursprünglich erschien „Harleen“ im englischsprachigen Raum in drei Teilen (Panini hat erst vor einigen Wochen den ersten Band in der deutschen Übersetzung herausgebracht), wurde im Nachhinein allerdings in einem wirklich schönen, ansprechenden Hardcover-Sammelband im Überformat und mit Schutzumschlag herausgegeben, den ich mein Eigen nenne und der gerade für bibliophile Menschen wirklich sehr empfehlenswert ist.

Inhaltlich kehrt Šejić zu den Wurzeln der Figur zurück. In den letzten 18 Jahren veränderte sich Harley Quinn enorm und wurde ein Stück Weit zu DCs Gegenstück zu Deadpool, besonders in ihrer eigenen Serie erlebt Harley primär anarchisch komisch Metaabenteuer. Im Grunde handelt es sich bei „Harleen“ um eine Neufassung des legendären „The Batman Adventures: Mad Love“. In diesem Tie-in zu „Batman: The Animated Series“ beleuchteten Paul Dini und Bruce Timm die Hintergründe der Figur. Der Comic erwies sich als enorm populär, tauch regelmäßig in den Top-10-Listen der besten Batman-Comics auf und wurde bereits mehrfach adaptiert, unter anderem in einer späteren Folge von „Batman: The Animated Series“ mit dem selben Titel, in diversen anderen Comics, etwa ihrem Debüt in den regulären Batman-Comics im Rahmen des One-Shots „Batman: Harley Quinn“, oder in anderen Medien, die Harleys Origin erzählen und dazu Elemente aus „Mad Love“ aufgreifen, etwa „Batman: Arkham Origins“ oder „Suicide Squad“. Für „Harleen“ bedient sich Šejić der fast schon ikonischen Geschichte, verankert sie in einer realistischeren Welt und gibt ihr und der Figur noch deutlich mehr Kontext. Das Label „DC Black“ ermöglicht genau das, ohne dass der Comic dabei in eine Orgie aus Gewalt oder Obszönitäten absinkt. Es handelt sich zweifelsohne um „Adult Content“, der seine Möglichkeiten aber subtil auslotet.

Dementsprechend vertraut ist uns Batman-Fans die Handlung: Harleen Quinzel ist Psychiaterin im Arkham Asylum und versucht, dem Wahnsinn des Jokers auf die Spur zu kommen, gerät dabei in seine Fänger und verfällt ihm am Ende. Šejić verpasst diesem Grundplot natürlich noch deutlich mehr Fleisch, liefert mehr Kontext dafür, dass Harleen in Arkham anfängt und stellt auch einige interessante moralische Fragen bezüglich Rehabilitation von Verbrechern und Verlust der Empathie – tatsächlich handelt es sich dabei um die zentralen Themen des Werkes. Besonders Harvey Dent ist in diesem Zusammenhang die interessanteste Figur; Šejićs Version des zum Schurken gewordenen Staatsanwaltes gefällt mir außerordentlich gut. Mir missfällt es des Öfteren, wenn Two Face nach seiner tragischen Entstellung zum gewöhnlichen Gangster wird und beispielsweise Banken überfällt. Šejić lässt ihn dagegen seine Ideale weiterverfolgen – wenn auch auf deutlich inhumanere Art und Weise.

Aber zurück zur eigentlichen Hauptfigur. In diesem Kontext sollte noch erwähnt werden, dass der Titel des Werkes sehr treffend gewählt ist, denn tatsächlich bekommwen wir die klassische Harley Quinn so gut wie gar nicht zu Gesicht, erst ganz am Ende schlüpft sie ins Kostüm. Hier wird tatsächlich die Geschichte von Harleen Quinzel erzählt, konsequent, nachvollziehbar und so geerdet, wie das im Rahme eines derartigen Comics eben möglich ist. Šejić  erforscht ihre Ambitionen und zeichnet das glaubwürdige Bild einer jungen Frau, die erst traumatisiert wird und sich dann mit ihrem Traume auseinandersetzt – mit fatalen Folgen für alle Beteiligten.

Die Zeichnungen sind dabei nicht zu vernachlässigen. Es ist immer interessant, wenn Texte und Zeichnungen von derselben Person stammen, da die visuelle Umsetzung der Geschichte demselben Geist entstammt wie die Geschichte selbst und dem Leser quasi ungefiltert präsentiert wird. Ebenso interessant ist es, wenn sich europäische Künstler an Batman versuchen. Šejić mag Kroate sein, aber mich persönliche erinnert sein sehr filigraner Stil mit den äußerst ausdrucksstarken Gesichtern durchaus an frankobelgische Comics – ähnlich ging es mir mit vergleichbaren europäischen Zeichnern, die sich an Batman versucht haben, etwa Enrico Marini oder Guillem March. Wie dem auch sei, Šejićs Zeichnungen setzen die Erzählung wunderbar um und verfügen über charakteristische Eigenheiten, die ich bei diversen amerikanischen Comics der letzten Jahre vermisst habe. Gerade im Bereich der Superheldenserien scheint sich eine gewisse Uniformität durchgesetzt zu haben, vieles sieht ähnlich bzw. standardisiert aus. Mein größter Kritipunkt an Šejićs Arbeit ist seine Darstellung des Jokers, der mir hier zu attraktiv aussieht. Andererseits ist die Handlung primär aus Harleens Perspektive erzählt, insofern ist das durchaus legitim – ich bin halt einfach ein Fan des dämonischen Jokers von Brian Bolland.

Fazit: Gelungene Neuerzählung von Harley Quinns Origin in opulenten Bildern, die sich von humoristischen Version der Figur distanziert und zu ihren tragischen Wurzeln zurückkehrt.

Bildquelle

Siehe auch:
Batman: Der weiße Ritter