Dracula (BBC/Netflix)

Spoiler!
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„My revenge has just begun! I spread it over centuries and time is on my side.” Ob Bram Stoker wohl wusste, wie zutreffend diese Worte, die er seinem Grafen Dracula in den Mund legte, einmal sein würden? Vermutlich nicht. Trotzdem – alle paar Jahre kehrt der Vampirfürst in einer neuen Inkarnation zurück, er ist einfach nicht tot zu kriegen. Die erste Neuinterpretation des neu angebrochenen Jahrzehnts kommt aus einer Co-Produktion von Netflix und der BBC, die von Mark Gatiss und Steven Moffat verfasst wurde. Diese beiden Herren sind bereits mit der Modernisierung von Figuren des viktorianischen Zeitalters vertraut, sind sie doch auch die Schöpfer der allseits beliebten Serie „Sherlock“. Wie nicht anders zu erwarten finden sich in „Dracula“ einige deutliche Parallelen zu „Sherlock“, nicht zuletzt was Struktur und Format angeht. Wie jede der Sherlock-Staffeln besteht auch „Dracula“ aus drei Episoden, die jeweils eineinhalb Stunden dauern. Und wie bei „Sherlock“ balancieren Gatiss und Moffat auf einem schmalen Grat zwischen Vorlagentreue mit Twist und mal mehr, mal weniger cleverer Modernisierung. Wer eine buchgetreue Verfilmung erwartet, wird also definitiv enttäuscht werden, diese Neuinterpretation ist jedoch trotz allem nicht völlig von Stoker losgelöst.

Handlung und Struktur
Im Nonnenkonvent in Budapest taucht 1897 der mental verwirrte und körperlich entstellte Jonathan Harker (John Heffernan) auf und erzählt Schwester Agatha (Dolly Wells) seine Geschichte: Als britischer Anwalt kommt Harker nach Transsylvanien, da der Adelige Graf Dracula (Claes Bang) in London Immobilien erwerben will. Sobald er in Draculas Schloss angekommen ist, häufen sich die merkwürdigen Vorfälle. Nicht nur verhält sich der Schlossherr äußerst merkwürdig und scheint mit jeder Nacht jünger zu werden, Jonathan selbst wird immer schwächer und kränklicher und macht, ähnlich wie der Graf, eine Metamorphose durch. Bald wird ihm klar, dass sein Gastgeber ein blutsaugender Vampir ist. Nach und nach trifft er auf weitere Opfer des Grafen, die bereits ebenfalls Untote sind, manche nur hirnlose Blutegel, während andere noch Reste ihrer Menschlichkeit bewahren konnten. Es kommt schließlich zur finalen Auseinandersetzung zwischen Harker und Dracula, die damit endet, dass Letzterer Ersteren tötet, woraufhin auch dieser zum Vampir wird. Erst beim Erzählen dieser Geschichte kehren Harkers Erinnerungen vollständig zurück. Just zu diesem Zeitpunkt schickt sich Dracula an, das Kloster in Budapest zu attackieren…

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Graf Dracula (Claes Bang)

Strukturell erinnert „Dracula“ stark an die typische Sherlock-Staffel: Die Serie besteht aus drei Folgen zu jeweils 90 Minuten. Während „Sherlock“ pro Episode einen Fall des Meisterdetektivs zeigte, die dann letztendlich mal mehr, mal weniger miteinander verknüpft waren, erzählt „Dracula“ zwar eine durchgehende Geschichte, tut dies aber episodisch. Jede der drei Folgen hat ein eigenes Setting, einen eigenen Handlungsort und eine eigene, interne Dramaturgie. Mehr noch, alle drei Folgen fühlen sich sehr unterschiedlich an und arbeiten mit einer sehr unterschiedlichen Atmosphäre. Die erste Episode erzählt von Jonathan Harkers Aufenthalt auf Draculas Schloss, die zweite von Draculas Reise noch Großbritannien und die dritte von seinem Aufenthalt in England und später Amerika. Wie üblich sind es Dracula und van Helsing – hier Agatha van Helsing – die die Handlung tragen.

Was von Stoker übrig ist
Trotz der gewaltigen Menge an Adaptionen von Stokers Roman ist die Zahl derer, die sich tatsächlich an der Vorlage orientieren, verhältnismäßig gering. Moffat und Gatiss hangeln sich tatsächlich an der Handlung des Romans entlang, je weiter die Serie allerdings fortschreitet, desto weiter dehnen sie den Rahmen und desto freier interpretieren sie Handlungselemente. Die erste Episode ist noch verhältnismäßig nahe an der ursprünglichen Handlung, Jonathan Harkers Aufenthalt auf dem Schloss verläuft bis zum Schluss sehr ähnlich. Zugegeben, die Episode mit Draculas Bräuten unterscheidet sich stark vom Romangegenstück, aber insgesamt sind Stimmung und Handlungsführung recht ähnlich wie bei Stoker. Das ändert sich dann allerdings mit der Enthüllung, dass es sich bei Schwester Agatha um die Van Helsing dieser Adaption und damit die Widersacherin des Grafen handelt. Auch der Angriff auf das Kloster ist bei Stoker ohne Gegenstück.

Die zweite Episode erinnert bezüglich ihrer Konzeption ein wenig an den Comic „Bram Stoker’s Death Ship“, der ebenfalls die Überfahrt der Demeter schildert. Bei besagtem Comic handelt es sich allerdings eher um eine Horror-Geschichte á la „Alien“, während Dracula sich in der Serie keinesfalls damit begnügt, die meiste Zeit über in seiner Kiste zu bleiben, stattdessen mischt er sich als Passagier unter die anderen Gäste (bei Stoker war die Demeter ein reines Frachtschiff). Wie nicht anders zu erwarten hat diese zweite Episode recht wenig mit dem Roman zu tun und arbeitet, von Van Helsing und dem Grafen selbst einmal abgesehen, mit völlig neuen Figuren, die natürlich letztendlich alle das zeitliche segnen.

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Zoe Van Helsing (Dolly Wells)

Die dritte Episode versetzt die Handlung in die Gegenwart, nach dem Untergang der Demeter macht der Graf ein über 100 Jahre dauerndes Nickerchen vor der Küste Whitbys (wo auch sonst?), um dann von einer Nachfahrin Agatha Van Helsings, Zoe Van Helsing (nochmal Dolly Wells) wieder zum Leben erweckt zu werden. Ironischerweise greift diese dritte Episode, trotz des Zeitsprungs, mehr Handlungselemente des Romans auf als die zweite – wenn man gnädig ist, kann man immer noch von einer Adaption in groben Zügen sprechen. Mit Jack Seward (Matthew Beard), Lucy Westenra (Lydia West) und Frank Renfield (Mark Gatiss himself, bei Stoker allerdings nicht Frank, sondern R. M. Renfield) tauchen sogar Figuren des Romans in Rollen auf, die denen ihrer literarischen Gegenstücke zumindest halbwegs entsprechen.

Vor allem die erste Episode ist wirklich gelungen und äußerst atmosphärisch, womit sich diese Adaption in guter Gesellschaft befindet – Jonathan Harkers Aufenthalt auf Draculas Schloss ist meistens der stärkste Teil der Dracula-Erzählung, egal in welchem Gewand sie auftritt. Die zweite Episode ist vor allem faszinierend, weil sie vom Roman abweicht. Dabei ist weniger interessant, was tatsächlich geschieht, als vielmehr, in welche Richtung sich die Erzählung bewegt. Leider leidet die dritte Episode unter Schwächen, mit denen auch spätere Sherlock-Staffeln zu kämpfen haben – Gatiss und Moffat sind praktisch cleverer, als ihnen gut tut. Zu sehr bemühen sie sich, die Figuren zu psychologisieren, was letzten Endes einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt.

Das Vermächtnis des Grafen
„Dracula“ ist einer der am häufigsten adaptierten Romane der Literaturgeschichte, was zur Folge hat, dass sich jede neue Verfilmung nicht nur mit dem Roman selbst, sondern auch mit den anderen Adaptionen auseinandersetzen muss, sei es direkt oder indirekt. Tatsächlich finden sich hier durchaus einige, mal mehr, mal weniger subtile Anspielungen auf diverse Dracula-Adaptionen. Rein optisch ähnlet der von Claes Bang dargestellte Vampirfürst kaum dem Buch-Gegenstück, das neben einem mächtigen Schnurrbart auch haarige Handflächen besitzt, sondern erinnert eher an die von Bela Lugosi dargestellte Version – einmal sogar im klassischen Outfit. Allerdings wird Dracula hier, genau wie im Roman, durch den Konsum von Blut verjüngt. Bei Gatiss und Moffat geschieht das allerdings bereits vollständig während Jonathans Aufenthalt in Draculas Schloss, während die Verjüngung bei Stoker erst mit Draculas Ankunft in London abgeschlossen ist. Draculas Vampirgebiss erinnert dagegen an das, das Christopher Lee in den Hammer-Filmen trug. Auch die Szene ganz am Ende der dritten Episode, in der Zoe Van Helsing über den Tisch hechtet, um die Vorhänger zu öffnen und die Sonne hereinzulassen, kann als Reminiszenz auf Hammers ersten Dracula-Film verstanden werden, in dem Peter Cushings Van Helsing dasselbe tut, auch wenn der Effekt natürlich ein anderer ist.

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Der vom Vampirismus gezeichnete Jonathan Harker (John Heffernan)

Der kundige Zuschauer kann darüber hinaus diverse andere Anspielungen erkennen, die über „Dracula“ hinausgehen. Der vom Vampirismus gezeichnete Jontahan Harker kann mit seinem kahlen, entstellten Äußeren als Anspielung auf Graf Orlok aus Werner Herzogs „Nosferatu“ mit Max Schreck verstanden werden und mehr noch, in Werner Herzogs Nosferatu-Remake mit Klaus Kinski und Bruno Ganz wird Jonathan Harker ebenfalls zum Vampir. In der zweiten Episode taucht ein gewisser Lord Ruthven (Patrick Walshe McBride) auf – diesen Namen trug der erste literarische bzw. aristokratische Vampir in John William Polidoris „The Vampyre“. Die Serienfigur dieses Namens ist allerdings nicht untot, sondern nur ein weiteres Opfer von Draculas Machenschaften. Die jeweilige Rahmenhandlung der ersten beiden Episoden weist schließlich, gewollt oder ungewollt, Parallelen zu „Interview mit einem Vampir“ auf.

Die gesamte dritte Episode erinnert schließlich – unglücklicherweise – an „Wes Craven präsentiert Dracula“ (auch unter dem Titel „Dracula 2000“ bekannt). Hierbei handelt es sich sowohl um eine (wenig gelungene) Adaption von Stokers Roman als auch um eine Fortsetzung mit Gerard Butler in der Titelrolle, die die Handlung ins Amerika der Gegenwart (in diesem Fall des Jahres 2000) versetzt. Wie in besagtem Film, den Wes Craven nur produzierte und bei dem Patrick Lussier Regie führte, greift auch die Serie in ihrer dritten Episode Elemente des Romans auf und versetzt sie in ein modernes Setting. Und wie beim Film ist das Ergebnis eher ernüchternd. Wie üblich versuchen Moffat und Gatiss, dem etablierten Stoff einen besonderen Twist zu verpassen, der ihm letztendlich aber keine neuen Seiten abgewinnen kann. Hier kommt Lucy Westenra als neue Figur hinzu, die wie im Roman zur Vampirin wird – anstatt allerdings als laszive Untote aus dem Grab zurückzukehren, taucht sie als verbrannter Kadaver wieder auf. Gerade hier handelt es sich um einen Twist um des Twists Willen, da er letztendlich kaum Auswirkungen hat: Auch im Roman sind die Vampirjäger, primär Jack Seward und Arthur Holmwood, von der untoten Lucy trotz ihres lasziven Gebarens abgestoßen. Tatsächlich findet sich in „Bram Stoker’s Dracula“ eine deutlich subtilere Variation auf diesen Handlungsstrang.

Vampire, Jäger und Opfer
Die wahrscheinlich größte Stärke dieser Dracula-Adaption ist Claes Bang als Graf und, wenn auch in geringerem Ausmaß, Dolly Wells als Agatha/Zoe Van Helsing. Wie schon Christopher Lee und Peter Cushing oder Gary Oldman und Anthony Hopkins tragen diese beiden und ihre Rivalität den jeweiligen Film bzw. die Serie. Diese Version des Grafen ist dabei zwar nicht die unheimlichste oder einschüchterndste, aber zweifellos eine der unterhaltsamsten. Claes Bangs Graf ist weit von der monströsen Figur des Romans entfernt; wir haben es hier mit einem geradezu jovialen und verspielten (dabei aber keinesfalls ungefährlichen) Dracula zu tun, der immer dann am besten ist, wenn er in Wells‘ Van Helsing eine würdige Gegnerin findet. Gatiss und Moffat greifen hier ein Element auf, das in anderen Adaptionen selten berücksichtigt wird: Bei Stoker lernt der Graf über seinen Zustand; er ist keinesfalls ein Vampir, der seine Stärken und Schwächen völlig unter Kontrolle hat. Die Serien-Inkarnation ist trotz ihres Alters von 400 Jahren ebenfalls noch in einem Lernprozess, für ihn ist alles letztendlich ein Spiel, in dem er sich austesten kann. Claes Bang spielt Dracula als einen Schurken, der enorm viel Spaß an seinem bösen Tun hat. Das bestimmt auch die Stimmung und den Tonfall der Serie, die nie wirklich erschreckend ist, sondern von der theatralischen Verspieltheit ihrer Titelfigur dominiert wird. Unterstrichen wird das von dem einen oder anderen ziemlich trashigen Moment, etwa Nonnen, die mit militärischer Präzision die Armbrust zücken.

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Lucy Westenra (Lydia West)

Im Gegensatz dazu spielt Dolly Wells zwei sehr verschiedene Figuren: Agatha Van Helsing ist eine sehr resolute Nonne, die versucht, ihren Glauben und ihre Hingabe an die Wissenschaft unter einen Hut zu bringen – etwas, bei dem ihr Dracula letztendlich hilft, denn er ist ein eindeutiger Beweis des Übernatürlichen, der Agatha letztendlich in ihren Absichten festigt. Im Gegensatz dazu ist Zoe van Helsing ein Getriebene, die wegen ihrer Krebserkrankung verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, ihr Leben zu retten – und wenn sie sich dafür mit dem Vampirismus einlässt.

Leider funktioniert die letzte Konfrontation zwischen Zoe/Agatha (die sich durch Draculas Blut in ihrer Nachfahrin manifestiert) und dem Grafen nicht allzu gut. Hier kommt die übermäßige Psychologisierung ins Spiel und macht die Serie gewissermaßen „kaputt“: Moffat und Gatiss erklären Dracula und seinen Vampirsmus mit dem Wunsch nach dem Tod kombiniert mit der Angst vor ihm. Die „Regeln des Vampirismus“ resultieren aus der Scham Draculas, aus Manierismen werden Legenden, an die der Graf selbst glaubt. An sich keine uninteressante Idee, nur passt sie absolut nicht zur bisherigen Charakterisierung, zur Verspieltheit des Grafen.

Die Musik der Kinder der Nacht

Wie schon bei diversen anderen BBC-Produktionen, etwa „Good Omens“ und alle vier Staffeln von „Sherlock“, verpflichtete man das Komponisten-Duo David Arnold und Michael Price. Letzteren kenne ich tatsächlich nur von den Soundtracks dieser Fernsehproduktionen, David Arnold hingegen hat in den 90ern und 2000ern auch einiges im Blockbusterbereich abgeliefert, darunter die „Emmerich-Bombast-Trilogie“ bestehend aus „Stargate“, „Independence Day“ und „Godzilla“, der Score des dritten Narnia-Films „Voyage of the Dawn Treader“ und natürlich die Musik diverser James-Bond-Filme – besonders nennenswert sind seine Kompositionen für „Tomorrow Never Dies“ und „Casino Royale“.

Arnolds und Price‘ Arbeit für „Dracula“ unterscheidet sich deutlich von den bombastischen Fantasy- und Agenten-Scores vergangener Dekaden, die Parallelen zu „Sherlock“ sind da schon größer, auch wenn „Dracula“ erfreulicherweise deutlich weniger modern klingt. In gewisser Weise scheinen Arnold und Price den „Sherlock-Sound“ mit dem osteuropäisch angehauchten Stil des Soundtracks von „Bram Stoker’s Dracula“, komponiert von Wojciech Kilar, vereint zu haben. Das Hauptthema des Scores stammt ironischerweise jedoch aus einer anderen Quelle: Der Anfang besagten Themas stimmt fast eins zu eins mit dem Voldemort/Todesser-Thema aus Alexandre Desplats „Harry Potter and the Deathly Hallows Part 1“ überein, auch wenn die Instrumentierung natürlich eine völlig andere ist. Tatsächlich ist dieses Thema nicht wirklich außergewöhnlich oder komplex und erinnert zudem an die unter Film- und anderen Komponisten nur allzu beliebte klassische Dies-Irae-Melodie, weshalb ich durchaus gewillt bin, dieses Desplat-Zitat als bloßen Zufall durchgehen zu lassen.

Insgesamt ist Arnolds und Price‘ Score nämlich äußerst gelungen, eine schöner, ziemliche Streicher-lastiger Gothic-Horror-Score, sowohl finster und eindringlich als auch melodisch und tragisch. Das Thema des Grafen ist äußert gut form- und wandelbar und tritt in einer Vielzahl unterschiedlicher Gestalten auf. Als Gegenpol fungiert Mina Harkers Thema, ein äußerst melodisches und ansprechendes Konstrukt, das für ein ausgewogenes Gesamtbild sorgt.

Fazit: Stephen Moffats und Mark Gatiss‘ Neuinterpretation von Bram Stokers Roman ist in den ersten beiden Folgen zwar mitunter etwas überdreht, aber durchaus clever und unterhaltsam, in der dritten dagegen zu mäandernd und übermäßig psychologisierend. Über jeden Zweifel erhaben ist allerdings das Zusammenspiel von Claes Bang als Dracula und Dolly Wells als Van Helsing.

Trailer

Bildquelle

Siehe auch:
Geschichte der Vampire: Dracula – Bram Stokers Roman
Geschichte der Vampire: Dracula – Der gezeichnete Graf

Star Wars Episode IX: The Rise of Skywalker – Soundtrack

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Track Listing:

01. Fanfare and Prologue
02. Journey to Exegol
03. The Rise of Skywalker
04. The Old Death Star
05. The Speeder Chase
06. Destiny of a Jedi
07. Anthem of Evil
08. Fleeing from Kijimi
09. We Go Together
10. Join Me
11. They Will Come
12. The Final Saber Duel
13. Battle of the Resistance
14. Approaching the Throne
15. The Force Is with You
16. Farewell
17. Reunion
18. A New Home
19. Finale

„The Rise of Skywalker“ markiert nicht nur das Ende der Skywalker-Saga, sondern auch den Abschluss einer langen, musikalischen Reise, auf die John Williams seine Zuhörer schickte. Die Star-Wars-Saga kann, denke ich, ohne Zweifel als Williams‘ Opus Magnum angesehen werden, ein neunteiliges, musikalisches Epos, das seinesgleichen sucht. Nun mag man sich fragen: Gelingt es Williams mit diesem letzten SW-Score, alle thematischen Fäden aufzugreifen, ein das Franchise umfassendes perfektes Meisterwerk abzuliefern? Die Antwort lautet ganz schlicht: Nein. Aber das sind natürlich auch etwas überzogene Erwartungen, denn der Film, zu dem er diesen Score komponierte, gibt das schlicht nicht her.

Wie schon die Musik zu „The Last Jedi“ baut der Episode-IX-Score sehr stark auf dem Material der Vorgänger auf. Während Williams mit „The Force Awakens“ eine komplett neue Ära gestalten konnten, tauchen in den beiden Folgefilmen der Sequel-Trilogie relativ wenig Elemente auf, die mitreißende neue Themen rechtfertigen würden, weshalb der Maestro sich vornehmlich darauf konzentriert, die bereits bestehenden weiterzuentwickeln und mit ihnen zu jonglieren. Dennoch gibt es natürlich auch noch in Williams‘ neuntem Score in diesem Franchise neue Leitmotive. Die beiden primären finden sich, wie schon in „The Last Jedi“, in einer gemeinsamen Suite. Diese trägt den Namen The Rise of Skywalker und stellt sowohl das, nennen wir es einmal „Skywalker-Vermächtnis-Thema“ (direkt am Anfang) als auch das neue Thema für das aus Rey, Finn und Poe bestehende Trio (ab 0:53) vor, das erst in diesem Film wirklich zusammenkommt. Beiden Melodien sind sich allerdings recht ähnlich, was den Vorteil hat, dass sie in dieser Suite sehr schön ineinander übergehen, es aber gleichzeitig schwer macht, sie auseinanderzuhalten. Beide greifen Elemente der warmen, emotionalen Themen des Franchise auf, man fühlt sich unweigerlich an die Themen für Yoda, Anakin, Rey oder Rose erinnert. Man könnte sogar durchaus argumentieren, dass es sich hierbei um die erste und zweite Phrase eines Themas handelt.

Dem dritten neuen Thema spendierte Williams ebenfalls eine Suite, Anthem of Evil. Diese Hymne des Bösen fungiert praktisch als Gegenstück zum Skywalker-Vermächtnis-Thema und könnte auch als Sith-Vermächtnis-Thema beschrieben werden. Dementsprechend ist es natürlich mit dem Thema des Imperators verwandt. Die Suite beginnt mit einem geisterhaften Chor und baut in der ersten Hälfte unheimliche Atmosphäre auf. Im zweiten Teil des Tracks wird das Thema vom Orchester übernommen und brachialer und gewalttätiger. Darüber hinaus finden sich noch einige kleinere neue Motive, beispielsweisen eines für die Ritter von Ren (Fanfare and Prologue, 1:44) oder ein szenenbezogenes Action-Motiv in The Speeder Chase, das besagten Track dominiert.

Das größte Problem bei diesen neuen Themen ist natürlich der Umstand, dass sie angesichts der vielen bereits etablierten keinen großen Eindruck hinterlassen und im Gefüge des Scores ein wenig untergehen. Die bereits bekannten Leitmotive bekommen sehr viel Platz eingeräumt, das gilt sowohl für diejenigen, die noch aus der klassischen Trilogie stammen, als auch die, die in „The Force Awakens“ etabliert wurden. Relativ abwesend sind dagegen die reinen Prequel-Themen, mir ist lediglich ein direktes Zitat aufgefallen, und dabei handelt es sich auch noch um ein eher obskures Motiv aus „Revenge of the Sith“, das gemeinhin als „Palpatine’s Seduction“ bekannt ist (Fanfare and Prologue, 2:43). Gerade im Hinblick darauf, dass dies der Abschluss der Skywalker-Saga ist, zu der die Episoden I bis III nun einmal auch gehören, finde ich es ziemlich schade, dass die Musik der Prequels abermals so übergangen wird. Damit bleibt das direkteste Zitat, neben dem oben erwähnten, das sehr merkwürdige, auf Rian Johnsons Temp Track zurückzuführende Statement von Battle of the Hereos in „The Last Jedi“. Apropos, die beiden neuen Themen aus „The Last Jedi“ für Rose und Exil-Luke sind ebenfalls nirgends zu finden – ein weiterer Mittelfinger in Richtung Johnson?

Aber sprechen wir lieber über die Themen, die tatsächlich vorkommen, und davon gibt es immer noch ziemlich viele. Dass der Film mit dem Main Title, früher einmal Lukes Thema, inzwischen aber das Thema des gesamten Franchise, eröffnet wird, muss wohl nicht extra erwähnt werden. Auch im Film finden sich einige Statements, zum Beispiel in Destiny of a Jedi bei 3:40, wo Williams gleich darauf zeigt, wie gut es zum neuen Trio-Thema passt, oder in Reunion bei 0:17 – hier in einer sehr verspielten Variation zu hören; derart unbeschwert erklang es schon lange nicht mehr. Gerade die beiden Tracks Destiny of a Jedi und Reunion sind ohnehin Fundgruben für Themen der OT. In Ersterem, der Reys Ausflug nach Ahch-To untermalt, erklingen in kurzer Reihenfolge das Machttehma (0:43 und 2:50), Prinzessin Leias Thema (3:15) und Yodas Thema (4:22) – Letzteres nicht völlig passend, aber da Lukes Machtgeist in Yoda-Manier seinen X-Wing aus dem Wasser hebt, kann man das durchgehen lassen. Und damit es nicht zum reinen Nostalgie-Fest ausartet, mischt Williams auch Reys Thema und die Anthem of Evil mit ins Stück.

Reunion ist recht ähnlich, wenn auch insgesamt triumphaler; auf den Einsatz des Main Title folgt das Machtthema (0:28), Reys Thema (1:01), Yodas Thema (1:17, dieses Mal wirklich ohne Kontext), nochmal Reys (2:19), das Luke/Leia-Thema aus „Return of the Jedi“ (2:40) und das Trio-Thema (3:25). Insgesamt ist das Machtthema auch weiterhin stark vertreten, wenn auch nicht ganz so überdominant wie in „The Last Jedi“, und erklingt beispielsweise auch in We Go Togehter (1:45; in diesem Track wird auch das Trio-Thema schön ausgebaut) oder in The Force Is With You (2:41).

Für mich besonders interessant sind natürlich die Themen für die Dunkle Seite der Macht: Sowohl der Imperiale Marsch als auch das Thema das Imperators hatten in der Sequel-Trilogie Gastauftritte, machten sich bislang aber relativ rar. Mit Darth Sidious‘ Rückkehr sieht das allerdings nun anders aus. In Journey to Exegol ist das kräftigste Statement des Marsches seit dem Ende von „Attack of the Clones“ zu hören (man achte vor allem auf den vorzüglichen Einsatz der donnernden Pauken, 1:55), während in The Old Death Star ab 1:03 eine eher kontemplative Variation erklingt, die eine der dämlichsten Szenen des Films untermalt. Das Thema des großen Überschurken der Skywalker-Saga feiert seinen Einstand bereits im Eröffnungstrack, Fanfare and Prologue, in einer wunderbar unheimlichen Variation, in der finstere Holzbläser und Streicher uns mitteilen, dass Darth Sidious zwar gerade etwas untot, aber ansonsten ziemlich aktiv ist. Eine deutlich potentere Version dieses Leitmotivs erklingt in The Force Is with You bei 2:10, als Palpatine seinen ganzen Zorn entfesselt.

Was die Themen der neuen Trilogie angeht, sind vor allem Reys Thema und der Marsch des Widerstands dominant – Ersteres taucht tatsächlich oft in Kombination mit bzw. in unmittelbarer Umgebung des Machtthemas auf, auch in den beiden bereits erwähnten Tracks We Go Togehter und The Force Is With You. Eine recht bedrückte Variation findet sich außerdem in Approaching the Throne (1:15). Der Marsch des Widerstands erhält seinen großen Auftritt in They Will Come, in dem er auf sehr schöne Art und Weise mit dem Skywalker-Vermächtnis-Thema agiert. Auch das eng mit dem Marsch verwandte Poe-Dameron-Thema darf in Battle of the Resistance noch einmal glänzen (0:57).

Die mit Abstand interessanteste Metamorphose macht jedoch Kylo Rens Thema durch. Da Kylo Ren bzw. Ben Solo einen Redemption-Arc durchlebt, verändert sich auch sein Thema im Verlauf des Films ordentlich. Noch in Journey to Exegol hören wir es in alter, brutaler Pracht (1:02), doch schon in Fleeing from Kijimi (direkt am Anfang und bei 2:05) deuten sich Unsicherheiten an, auch wenn die Präsenz des sekundären Kylo-Themas noch immer auf seine Zugehörigkeit zur Dunklen Seite hindeutet (0:30). In The Final Sabre Duel kommt es zu einer umfassenden Auseinandersetzung zwischen dem Ren-Thema und Reys Leitmotiv – das Resultat ist letztendlich Kylos Rückkehr zum Licht. Ab diesem Zeitpunkt erklingt die Ben-Solo-Variation dieses Themas – und damit kommen wir auch gleich zum größten Problem des Albums: Wie so oft fehlt essentielles Material. Die Ben-Solo-Variation des Kylo-Ren-Themas ist beispielsweise nur ein einziges Mal zu hören, in Farewell bei der Minutenmarke, und das, obwohl sich im Finale des Films einige markante Einsätze finden.

Dieser Umstand erstreckt sich auf viele weitere, äußerst wichtige Einsätze von Themen, gerade was das Thema des Imperators und den Imperialen Marsch angeht (da diese beiden zu meinen Favoriten gehören, ist das natürlich besonders frustrierend). Immerhin gibt es noch das For-Your-Consideration-Album, das zumindest ein wenig Abhilfe schafft und unter anderem den grandiosen Track Falcon Flight enthält, bei dem es sich um eines der dynamischsten Action-Stück des Episode-IX-Scores, ach, was sage ich, der gesamten Sequel-Trilogie handelt – unter anderem beinhaltete es eine dekonstruierte Version des Marsches des Widerstands und das Sidious-Thema im Action-Setting. Wer auch immer beschlossen hat, diesen Track nicht mit auf das kommerzielle Album zu nehmen, gehört mit Machtblitzen gegrillt.

Leider erstreckt sich auch ein Problem, mit dem bereits der Last-Jedi-Score zu kämpfen hatte, auf diesen Soundtrack: Das eine oder andere Mal wird Musik aus den vorherigen Filmen zu unvariiert übernommen. Ja, die Binary-Sunset-Variation des Machtthemas ist grandios, aber wir haben sie schon so oft gehört, und auch die Einsätze von Yodas-Thema in diesem Score scheinen direkt der Suite des Episode-V-Albums entnommen. Und schließlich hätten wir da noch die End-Credits-Suite, die leider kaum den vorliegenden Film repräsentiert, sondern mehr ein Best-of-Medley aus OT- und ST-Themen ist. Insgesamt wird man oft das Gefühl nicht los, dass dieser Score in vielerlei Hinsicht eine verpasste Chance ist, auch was noch stärkere leitmotivische Verknüpfung angeht. So komponierte Williams die Themen der Sequels sehr „offen“, was besonders auf Reys Thema zutrifft; es finden sich Verknüpfungen zum Machtthema, zu Kylo Rens Thema, Yodas Thema und ja, auch Palpatines Thema (das Kernmotiv von Reys Thema und das Thema das Imperators beginnen mit denselben drei Noten). Wusste John Williams schon 2015, dass Rey Palpatines Enkelin ist? Sicher nicht, denn das war nicht von Anfang an geplant. Stattdessen legte er ihr Thema so an, dass es fest im „Star-Wars-Sound“ verankert war und es ihm möglich sein würde, es in alle Richtungen zu entwickeln. Nachdem diese Grundlage schon vorhanden war, hätte es sich angeboten, damit in „The Rise of Skywalker“ noch mehr zu machen, aber, zumindest soweit ich gehört habe, passiert da nichts.

Aber das ist letztendlich Meckern auf sehr hohem Niveau. Williams‘ Fähigkeiten, sein Jonglieren mit den unterschiedlichen Themen und seine meisterhaft Beherrschung des Orchesters sind trotz dieser Schönheitsfehler über jeden Zweifel erhaben – dafür sorgen schon allein die ebenso mitreißenden wie detailliert orchestrierten Action-Tracks The Speeder Chase oder Battle of the Resistance – besonderes Letzterer führt den Geist des grandiosen Scherzo for X-Wings aus „The Force Awakens“ fort.

Fazit: „The Rise of Skywalker“ ist ein Stück weit eine verpasste Gelegenheit, da es sich dabei „nur“ um einen ausgezeichneten, leitmotivisch vielseitigen Star-Wars-Score handelt und leider nicht um das SW-Äquivalent zu Shores „The Return of the King“. Für den letzten Score der Skywalker-Saga – und natürlich Williams‘ letzten Star-Wars-Soundtrack – hätte ich mir durchaus noch mehr gewünscht, gleichzeitig weiß ich jedoch zu schätzen, was ich bekommen habe. Zum einen muss auch ein John Williams mit dem Film und den Vorgaben, die er von Studio und Regisseur bekommt, arbeiten und zum anderen ist „The Rise of Skywalker“ vielleicht nicht DER Star-Wars-Soundtrack schlechthin, aber was Williams hier noch einmal auf die Beine gestellt hat, insbesondere in seinem Alter, ist in höchstem Maße beeindruckend.

Siehe auch:
Star Wars Episode IX: The Rise of Skywalker – Ausführliche Rezension

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