Joker – Ausführliche Rezension

Spoiler!
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Mir scheint, dass sich gerade ein Trend abzeichnet: Nach Venom hat sich mit dem Joker nun schon der zweite Superschurke, der als Antithese seines Helden gilt, in einem Solofilm als Box-Office-Hit erwiesen. Todd Phillips‘ Neuinterpretation des legendären Batman-Widersachers wurde von Anfang an mit gemischten Reaktionen aufgenommen. Kann der Joker ohne Batman funktionieren? Brauchen wir einen Joker-Solofilm? Ist das nur ein Versuch von Warner, nach der desaströsen Reaktion auf „Batman v Superman: Dawn of Justice“, „Suicide Squad“ und „Justice League“ wieder an den Erfolg der Dark-Knight-Trilogie anzuschließen? Im Grunde lassen sich alle drei Fragen mit „ja“ beantworten. Den letzten Aspekt werde ich in dieser Rezension ausklammern, da ich über Warners Planlosigkeit bezüglich der DC-Figuren ohnehin schon genug geschrieben habe – stattdessen konzentrieren wir uns auf den Film.

Handlung
Wir schreiben das Jahr 1981: Gotham City ist eine völlig kaputte Stadt, die Arbeitslosigkeit ist hoch, Gewalt und Armut regieren und der Müll stapelt sich in den Straßen. Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), ein Miet-Clown, der zusammen mit seiner Mutter Penny (Frances Conroy) in einer heruntergekommenen Wohnung lebt, gehört zu den großen Verlierern. Er hat psychische Probleme, ist auf seine Medikamente angewiesen und leidet an einer Tourette-ähnlichen Krankheit, die ihn in Stresssituationen unkontrolliert lachen lässt. Seine größte Ambition ist es, Stand-up-Comedian zu werden. Nachdem er von randalierenden Jugendlichen verprügelt wird, gibt ihm einer seiner Kollegen gegen seinen Willen einen Revolver. Bei einem Auftritt als Clown in einem Kinderkrankenhaus fällt ihm die Waffe aus der Tasche, was zur Folge hat, dass er gefeuert wird. Anschließend auf dem Heimweg wird er abermals angegriffen, dieses Mal von drei Yuppies. Im Affekt erschießt Arthur zwei von ihnen, den dritten richtet er regelrecht hin. Diese Morde erwecken mediales Aufsehen und werden u.a. auch von Bürgermeisterkandidat Thomas Wayne (Brett Cullen) verurteilt, während sie Revolte inspirieren. Derweil bereiter sich Arthur auf seinen ersten Auftritt als Comedian vor, der aufgrund seines Leidens aber schiefgeht. Insgesamt läuft es immer schlechter für Arthur, seine Mutter erleidet einen Herzinfarkt, durch den er auf ein dunkles Geheimnis stößt, das mit Thomas Wayne zusammenhängt, während Arthurs Idol, der Talk-Master Murray Franklin (Robert DeNiro) sich über seinen Auftritt lustig macht. Als irgendwann alles zu viel wird und Arthur auch noch den Zugang zu seinen Medikamenten verliert, ergibt er sich zusehends dem Wahnsinn und verwandelt sich in eine neue, monströse Version seiner selbst…

Kontroverse
„Joker“ ist mal wieder einer dieser Filme, bei dem die Rezeptionsgeschichte mindestens genauso interessant ist wie die eigentliche Handlung. Nach anfänglichen Zweifeln wurde Phillips‘ Interpretation des „Clown Prince of Crime“ anfangs sehr positiv aufgenommen, die Resonanz auf die Trailer war überaus enthusiastisch und die Kritiker lobten den Film nach der Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig fast einhellig – sogar den Goldenen Löwen gewann er. Dann wurden jedoch andere Stimmen laut, die warnten, „Joker“ könne Gewalt inspirieren oder sei inhaltlich problematisch, weil er Gewalt bzw. gewalttätige weiße Männer glorifiziere; u.a. wurden Parallelen zum Amoklauf von Aurora gezogen. Viele Medien sprangen sofort auf diesen Zug auf und begannen, vor dem Film zu warnen – die meisten taten dies, ohne ihn vorher überhaupt gesehen zu haben. Spätestens nach der Sichtung ist mir persönlich klar, dass diese Reaktion nicht nur überzogen, sondern sogar völlig ungerechtfertigt ist. Auf mich wirkte es im Vorfeld, als versuchte man geradezu, einen Amoklauf in diesem Kontext zu provozieren. Was die problematische Natur angeht – ich kann diese Sichtweise absolut nicht nachvollziehen. Natürlich thematisiert „Joker“ Gewalt und das Abrutschen in eine extreme Geisteshaltung – es ist nun mal ein Film über den Joker. Auch gelingt es Todd Phillips und Joaquin Phoenix auf beeindruckende Weise, Mitgefühl und sogar ein gewisses Maß an Verständnis für Arthur Fleck zu wecken – was ein guter Film tun sollte. Das macht eine interessante Charakterentwicklung aus. An keiner Stelle wird Arthur Fleck jedoch glorifiziert, zum Antihelden erhoben oder tatsächlich, außerhalb der erzählten Welt des Films, zur Symbolfigur stilisiert. Natürlich kann man den Film und seine Botschaft falsch verstehen – es gibt schließlich auch genug Menschen, die „Starship Troopers“ (den Film, nicht den Roman) für faschistische Propaganda statt für eine Satire halten – aber dass man einen Film falsch verstehen könnte liegt nicht in der Verantwortung des Regisseurs.

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Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) versucht sich als Comedian

Auch die sonstigen Warnungen vor der Gewalttätigkeit oder „Härte“ des Films (Menschen, die das Kino verlassen weil sie es nicht aushalten etc.) halte ich für überzogen. Sicher, „Joker“ ist kein Feel-Good-Superheldenfilm, sondern zeigt eine dreckige, kaputte Welt, erreicht bezügliches der Verstörungsgrades aber kein neues Level – da gibt es wirklich noch andere, weitaus heftigere Filme. Dasselbe gilt für die Gewalt – es finden sich zwei, drei knackige, wenn auch kurze Gewaltspitzen, die jedoch weder glorifizierend noch voyeuristisch sind. Auch muss man durchaus gestehen, dass die ganzen Kontroversen dem Film in letzter Hinsicht wohl eher genutzt als geschadet haben, man sich also diesbezüglich fragen kann, inwiefern das alles möglicherweise vom Studio sogar noch befeuert wurde.

Was mir bei der Rezeption von Filmen im Allgemeinen und von „Joker“ im Besonderen gegen den Strich geht, ist diese übermäßige Politisierung. Damit meine ich nicht, dass Filme nicht politische Aussagen treffen können oder politische interpretiert werden, sondern diesen Zwang, jeden Film, von dem man vermutet, er könne nicht genau der eigenen Geisteshaltung entsprechen, pauschal abzuwerten. Damit einher geht scheinbar auch der Wunsch, gewalttätige, extreme oder schlicht, in Ermangelung eines besseren Wortes, „böse“ Menschen nicht mehr als auch nur ansatzweise nachvollziehbar darzustellen – denn genau das wurde bei „Joker“, wie bereits erwähnt, oftmals kritisiert. Mir scheint, die Fähigkeit, zwischen Sympathie bzw. Verständnis für und Akzeptanz bzw. Gutheißen einer bestimmten Tat oder Handlungsweise zu differenzieren, geht zunehmend verloren oder wird als „problematisch“ gebrandmarkt.

Is Society to Blame?
Ein Aspekt, der im Vorfeld heftig diskutiert wurde, war die Frage, ob es „die Gesellschaft“ ist, die Arthur Fleck dazu veranlasst, zum Joker zu werden. Die Trailer lassen diese Interpretation durchaus zu und ich muss zugeben, ich hätte es auch nicht allzu erfreulich gefunden, hätte Todd Phillips diesen Ansatz durchgezogen. Sein Vorhandensein kann man definitiv nicht leugnen, denn Arthur wird von Anfang an wirklich übel mitgespielt, was sich natürlich immer weiter steigert. Dennoch wird Arthur dadurch nicht freigesprochen. Ein durchaus bedeutsames Thema ist Verhältnismäßigkeit: Todd Phillips bemüht sich diesbezüglich, keine allzu einfachen Antworten zu geben, wie sich besonders am Beispiel von Murray Franklin und Thomas Wayne zeigt. „Joker“ hat keinen zentralen Antagonisten im herkömmlichen Sinne (es sei denn, man sieht Gotham City selbst als Widersacher), aber sowohl Murray Franklin als auch Thomas Wayne kommen dem am nächsten. Bei beiden Figuren versteht man, weshalb Arthur auf sie reagiert, wie er reagiert, in beiden Fällen werden die Figuren aber nicht einfach nur als komplette Arschlöcher dargestellt. Murray Franklin etwa macht sich über Arthur vor ganz Gotham lustig und lädt ihn dann zu allem Überfluss auch noch in seine Show ein, nur um ihn als wandelnde Pointe zu missbrauchen. Man versteht, dass Arthur sich zutiefst gedemütigt fühlt – wem würde das nicht so gehen? Dennoch ist seine Reaktion darauf natürlich absolut unverhältnismäßig. Derartiges tun Comedians und Showmaster auf dieselbe Art und Weise schließlich regelmäßig. Gerade am Ende zeigt Franklin dann auch, dass er durchaus sehr moralisch und seine Ansichten vehement vertritt.

Der Joker ist eine tragische Figur, der übel mitgespielt wird, eine Figur mit psychischen Problemen, aber das rechtfertigt nicht sein Handeln, das völlig unverhältnismäßig ausfällt. Das zeigt sich auch bei Thomas Wayne, der durchaus den einen oder anderen Charakterzug von Donald Trump aufweist und dessen eher negative Darstellung zumindest im filmischen Bereich ein Novum ist. Besonders in seinen Fernsehansprachen erscheint er sehr arrogant und abgehoben, gerade durch die Art und Weise, wie er die Proteste kommentiert. In der Szene, in der er mit Arthur persönlich interagiert, wird er dagegen als durchaus vernünftiger Mensch gezeigt. Ja, er verpasst Arthur einen Faustschlag, aber man muss bedenken, dass Arthur sich in dieser Szene auch nicht gerade rational verhält und sich zudem seinem Sohn auf höchst beunruhigende Art und Weise genähert hat, vom Würgen des Butlers gar nicht erst zu sprechen.

Bei all dem fällt auf, dass Phillips sich bzw. den Film nie eindeutig positioniert – etwas, das ebenfalls oftmals kritisiert wird bzw. dazu führt, dass er im zutiefst gespaltenen Amerika sofort „der anderen Seite“ zugerechnet oder pauschal und grundlos als rassistisch oder sexistisch abgestempelt wird, „weil halt“. „Joker“ zeichnet das Bild einer hoffnungslosen Welt, dieses Gotham ist, obwohl als höllischer Moloch nur oberflächlich definiert, auswegloser als alle bisherigen Inkarnationen dieser Stadt. Thomas Wayne kann Gotham ebenso wenig retten wie die Aufrührer, deren durchaus gerechtfertigter Protest rasch in ungerechtfertigte Gewalt gegen alles und jeden ausartet. Auch kommt das Thema „Verhältnismäßigkeit“ wieder zum Tragen. Ist die Gesellschaft Schuld an den Taten des Jokers? Ja, aber nicht in größerem Ausmaß als er selbst, der sich seinem Narzissmus am End völlig ergibt.

Send in the Clown
Selbst diejenigen, die „Joker“ nicht allzu gelungen finden, geben meistens zähneknirschend zu, dass Joaquin Pheonix‘ Darstellung grandios ist. Wie Phoenix in die Rolle des Arthur Fleck eintaucht, ist in höchstem Maße beeindruckend. Und damit meine ich noch nicht einmal den extremen Gewichtsverlust, sondern die Art und Weise, wie Phoenix diesen Charakter auf so umfassende Weise darstellt und wie er durch Körperhaltung und Bewegung die Wandlung seiner Figur ausdrückt. All das hätte allerdings umsonst sein können, wenn man die essentielle, zentrale Frage mit „Nein“ beantwortet: Ist Arthur Fleck der Joker oder ist er nur ein beliebiger Verrückter bzw. Mörder, dessen Film „Joker“ heißt, damit er sich besser verkauft? Wir haben hier freilich etwas, das es bisher kaum gab: Eine Entwicklung zum Joker. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Film eine klar definierte Origin des Jokers zeigt – Tim Burton tat das schließlich in „Batman“ auch. Sein Joker entwickelt sich allerdings nicht – schon vor dem Säurebad ist Jack Napier ein übler Zeitgenosse, Gangster und Mörder. Er wird lediglich exzentrischer und arbeitet nun mit exaltierten Gimmicks. Selbst in Alan Mooers „The Killing Joke“ gibt es nicht wirklich eine Entwicklung. Bei Moore ist der Joker ein armer Comedian (gewisse Parallelen zu Arthur Fleck lassen sich nicht leugnen), der einen besonders schlechten Tag hat, bei einem missglückten Überfall, an dem er eigentlich nicht teilnehmen wollte, in einen Bottich mit Chemikalien fällt und als Joker wieder emporsteigt. Wenn es beim Joker in den Comics oder Filmen eine Entwicklung gibt, dann ist es die zu Batmans Antithese – dies wird etwa in der Graphic Novel „The Man Who Laughs“ oder dem Spiel „Batman: Arkham Origins“ geschildert.

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Murray Franklin (Robert DeNiro)

Arthur Fleck ist die erste Version der Figur, die sich langsam zum Joker entwickelt – und zumindest die erste filmische Interpretation, die tatsächlich mit massiven, psychischen Problemen zu kämpfen hat. Der Joker wird zwar immer als wahnsinnig abgestempelt, doch inwiefern er das tatsächlich ist, ist zumindest diskutabel. Mehr als ein Comic suggeriert, dass der Joker überhaupt nicht wahnsinnig ist – ein prominentes Beispiel ist die Kurzgeschichte „Case Study“, geschrieben von Paul Dini und schwarz-weiß bebildert von Alex Ross. Hier wird die Möglichkeit erörtert, dass der Joker nur wahnsinnig spielt, um einer tatsächlichen Strafe zu entgehen. In Grant Morrisons und Dave McKeans ebenso bahnbrechender wie verstörender Graphic Novel „Arkham Asylum: A Serious House on a Serious Earth“ wird der Zustand des Jokers gar als „hyper sanity“ bezeichnet – als jemand, der keine echte Persönlichkeit hat und sich jeden Tag neu erfindet, was u.a. die vielen verschiedenen Interpretationen, vom harmlosen Spaßmacher bis zum brutalen Mörder, erklären soll. In Film und Comics ist der Joker meistens zwar ein Soziopath, der ohne jegliche Schuldgefühle mordet und sich durch einen perversen Sinn für Humor auszeichnet, aber er hat selten oder nie mit denselben Symptomen wie Arthur Fleck zu kämpfen, seien es die Wahnvorstellungen, das Angewiesensein auf Medikamente, die depressiven Zustände oder das unfreiwillige Lachen in Stresssituationen, das an sich schon ein wirklich brillanter Einfall ist. Mehr noch, Arthur ist sozial völlig gehemmt; wann immer er im Film mit anderen Personen spricht, ahmt er deren Körpersprache unweigerlich nach. In einer Szene studiert er das Publikum einer Stand-up-Show, um herauszufinden, was witzig ist, wobei er konsequent an den falschen Stellen lacht. Er bewegt sich auch gehemmt, ist stets in sich versunken und hinkt leicht. Nur wenn er Clowns-Make-up angelegt hat, kann er sich frei bewegen. Das ist bereits zu Beginn des Films so, doch nach seiner Metamorphose am Ende wird die Freiheit, die er gewonnen hat, noch einmal wirklich deutlich. Sein bizarres Tanzen in triumphalen Momenten ist ein weiterer Ausdruck dieser seltenen mentalen Freiheit.

Selbst nach seinen ersten Morden ist die Verwandlung eine langsame, schleichende. Anders als in „The Killing Joke“ braucht es nicht nur „one bad day“ – es geht wirklich alles schief, was noch schief gehen kann. In dieser Hinsicht ist Phillips vielleicht zu plakativ – Arthurs Leben ist schon zu Beginn wirklich erbärmlich, und dann kommen zu den sonstigen externen Problemen auch noch die an Wahnvorstellungen leidende Mutter und der Missbrauch in der Kindheit hinzu, der wahrscheinlich für Arthurs mentalen Zustand verantwortlich ist; hier wäre etwas Subtilität möglicherweise besser gewesen.

Wie dem auch sei, kehren wir zur ursprünglichen Frage zurück: Ist bzw. wird Arthur Fleck tatsächlich zum Joker? Ja, aber erst ganz am Ende. Selbst, als er seinen ehemaligen Mitarbeiter mit einer Schere tötet, ist immer noch etwas von Arthur vorhanden. Es ist nicht aus der Welt, dass auch der Joker den kleinwüchsigen Ex-Kollegen am Leben lassen würde, aber nicht mit derselben Begründung. Bis kurz zum Schluss geht Arthur noch sehr gezielt gegen Menschen vor, die ihm persönlich übel mitgespielt haben. Ich denke, er realisiert zusammen mit dem Publikum, was er geworden ist, denn der ursprüngliche Plan ist, wie suggeriert wird, sich selbst vor laufender Kamera zu erschießen. Erst kurz oder während seines Auftritts beginnt Arthur zu begreifen, wie sehr er das Chaos genießt. Nach Murray Franklin haben seine weiteren Taten keine persönliche Note mehr, diejenigen, die ihm übel mitgespielt haben, hat er ermordet. Natürlich ist der Joker in den Comics oder anderen Filme über Rache nicht unbedingt erhaben, aber meistens sind seine Taten von einer Mischung aus Willkür und Grandeur geprägt, die letztendlich freilich von Batman abhängig ist.

Dennoch habe ich den tatsächlichen Joker schon vorher erkannt, und zwar in der U-Bahn-Szene, in der er die Polizisten durch geschicktes Manövrieren loswird – genau DAS ist der Joker wie wir ihn kennen und lieben. Der Joker dieses Films ist (noch) nicht das bösartige Genie, wie es bei anderen Inkarnationen der Figur der Fall ist. Aber genau in dieser Szene sieht man die ersten Ansätze.

Inspiration
Todd Phillips hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr „Joker“ von den Filmen Martin Scorseses – besonders von „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ – inspiriert ist. Dementsprechend ist der Verlauf der Handlung wirklich nicht allzu überraschend. Gerade das Verhältnis zwischen Arthur Fleck und Murray Franklin erinnert natürlich stark an „The King of Comedy“, nicht zuletzt weil Robert DeNiro dieses Mal den Jerry Langford zu Arthur Flecks Robert Pupkin gibt. Auch Travis Bickles Entwicklung vom Einzelgänger zum Mörder findet sich in Arthur wieder. Ich denke zwar, man tut „Joker“ Unrecht, wenn man ihn als reine Mischung aus „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ abstempelt, aber völlig von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf nicht. Auch sonst ist „Joker“ ästhetisch stark in einer vergangenen Filmepoche angesiedelt, wobei Phillips diesbezüglich Scorsese nicht einfach nur plump imitiert, sondern stattdessen handwerklich, besonders was die Kameraführung angeht, wirklich Meisterhaftes abliefert, dass man in dieser Ära nur noch selten zu Gesicht bekommt.

Was mich persönlich allerdings weitaus mehr interessiert ist die Frage, wie viel von den Batman-Comics tatsächlich in „Joker“ steckt, schließlich haben Todd Phillips und Joaquin Phoenix relativ deutlich gemacht, dass sie sich ihren Vorlagen nicht allzu verpflichtet fühlen. Einige Werke habe ich zu Vergleichszwecken ja schon herangezogen. Um Alan Moores und Brian Bollands „The Killing Joke“ kommt man einfach nicht herum, schließlich handelt es sich dabei um den Comic, der einer definitiven Origin-Story des Jokers am nächsten kommt – zumindest die Idee des Jokers als gescheiterter Comedian stammt aus dieser Graphic Novel. Viele der sonstigen Gegebenheiten finden sich natürlich nicht: Batman als „Schöpfer“ des Jokers, das Bad in der Säure etc. – ich denke, niemand hätte damit gerechnet, dass diese Elemente hier auftauchen. Dennoch ist „Joker“ auf faszinierende Weise mit Batmans Kosmos verknüpft.

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Sophie Dumont (Zazie Beetz)

Gerade die Konzeption Gotham Citys ist interessant. Gotham, hier noch stärker an New York City angelehnt als sonst, ist spätestens seit den 80ern eine völlig verkommene Stadt, in der es wenig oder keine Hoffnung für einen Großteil der Bevölkerung gibt – zumindest bis Batman auftaucht. Gewöhnlich liegt die Hauptverantwortung dafür beim organisierten Verbrechen – in Tim Burtons „Batman“ repräsentiert durch den von Jack Palance verkörperten Carl Grissom, während in der Dark-Knight-Trilogie, der Fernsehserie „Gotham“ und auch in den meisten Comics Carmine Falcone der oberste Mafiaboss ist. Gewöhnlich sorgt Batmans Auftauchen für eine Metamorphose des Verbrechens in Gotham, von gewöhnlicher (wenn auch übermächtiger) Mafia-Kriminalität hin zu durchgedrehten mörderischen Freaks – sowohl die Graphic Novel „Batman: The Long Halloween“ von Jeph Loeb und Tim Sale als auch Nolans „The Dark Knight“ thematisieren diesen Wandel. In „Joker“ findet sich eine faszinierende Abwandlung dieser Elemente. Das organisierte Verbrechen spielt hier keine Rolle, Gothams Probleme sind fast rein ökonomischer Natur, zumindest wird im Film nichts anderes behauptet. Die bedenkliche Situation der Stadt wird zwar eindrucksvoll durch Bilder und Symbolik vermittelt, er gibt den Zuschauern allerdings nur selten handfeste Informationen. Verbrechen werden hier nicht koordiniert begangen, sondern sind „nur“ isolierte Gewaltakte. Darüber hinaus findet der üblicherweise von Batman ausgelöste Wandel in „Joker“, ganz ähnlich wie in „Gotham“, deutlich früher statt und wird von den bzw. dem Schurken direkt ausgelöst. Das sorgt ironischerweise dafür, dass Arthur Fleck einiges mit den beiden Pseudo-Jokern Jerome und Jeremiah Valeska gemein hat: Sie alle treten ihre Metamorphose ohne Batmans Zutun an und inspirieren die Bevölkerung auf höchst negative Weise.

Auch die Wechselwirkung zwischen Batman und dem Joker greift Phillips auf. In „Batman“ war es ein junger Jack Napier, der Bruce‘ Eltern tötet, während Batman wiederum für den Fall besagten Jack Napiers in den Chemikalien-Bottich verantwortlich ist. In „The Dark Knight“ ist Batman das Produkt der Kriminalität Gothams, während der Joker ein indirektes Produkt von Batmans Kreuzzug ist. In „Joker“ nun tötet Arthur Fleck Thomas und Martha nicht persönlich, aber sie werden in den von ihm verursachten Unruhen von jemandem erschossen, der eine Clownsmaske trägt – abermals ist der Joker auf gewisse Art für den Tod der Waynes verantwortlich.

Schließlich hätten wir noch die Szene, in der Arthur in Murray Franklins Show auftritt. Diese erinnert, vielleicht unbeabsichtigt, an Frank Millers „The Dark Knight Returns“; dort findet ein ähnlicher Auftritt des Jokers in einer Talkshow statt, der damit endet, dass der Joker nicht nur den Moderator, sondern alle Anwesenden tötet.

Multiple Choice
„If I’m going to have a past, I prefer it to be multiple choice“ – kaum ein anderes Zitat hat den Joker so sehr definiert wie dieses aus Alan Moores „The Killing Joke“. Chris Nolan nahm es sich zu Herzen und ließ den Joker gleich zwei verschiedene Ursprungsgeschichten erzählen, ohne aufzuklären, ob eine der beiden wahr ist (wahrscheinlich nicht). Die Idee, dem Joker eine definitive Origin-Story zu verpassen, scheint dem entgegenzuwirken. Seit Tim Burton kam das nur noch selten vor – in den Comics und den meisten anderen Bat-bezogenen Medien ist der Name des Jokers nach wie vor unbekannt, auch wenn Jack Napier immer mal wieder auftaucht, etwa in „Batman: The Animated Series“ (wo es sich aber lediglich um einen Decknamen handelt) oder „Batman: „The White Knight“ (das ohnehin außerhalb der regulären Kontinuität spielt).

Dennoch arbeitet auch Todd Phillips auf mehr oder weniger subtile Art und Weise mit diesem Konzept von Alan Moore. Es gibt einige Szenen, die ganz offensichtlich in Arthurs Fantasie spielen, etwa sein Auftritt in Murray Franklins Show zu Beginn des Films, oder bei denen es sich schlicht um Wahnvorstellungen handelt wie die meisten Szenen mit Sophie Dumont (Zazie Beetz). Der Film macht das auch sehr deutlich. Andere Szenen sind da jedoch zweideutiger: Hat Arthur wirklich die Akten in Arkham eingesehen und seine Mutter anschließend erstickt? Hat er wirklich mit Thomas Wayne gesprochen? Wie üblich geistert auch die Theorie durchs Netz, Arthur habe die gesamte Handlung des Films nur halluziniert. Diese Idee wird immer wieder auf diverse Filme (oder Bücher) angewandt, die Harry-Potter-Serie ist ein prominentes Beispiel: Was, wenn Harry im Schrank unter der Treppe einfach nur wahnsinnig geworden ist? Ich mag diese Theorie nicht, weil sie immer auf dasselbe hinausläuft. Es besteht in „Joker“ aber durchaus die Möglichkeit, dass es sich bei der Handlung des Films um eine der möglichen Multiple-Choice-Vergangenheiten des Jokers handelt. Dafür spricht zum Beispiel die kurze Einstellung der ermordeten Waynes, die Arthur so nie zu Gesicht bekommen hat. Diese Tendenz ist zugleich Stärke als auch Schwäche des Films, sie ermöglicht eine Vielzahl an Interpretationen und tätigt, sollte sie zutreffen, eine interessante Aussage über Arthurs Narzismus: Er schiebt jegliche Schuld von sich und sucht konstant einen neuen Sündenbock, erst Thomas Wayne, dann seine Mutter. Anderseits wird „Joker“ dadurch beinahe zahmer und verhindert oft die letzte Konsequenz.

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Der Joker (Joaquin Phoenix)

Natürlich stellt sich nun die Frage, ob und wie es weitergeht. Einerseits funktioniert „Joker“ sehr gut als in sich geschlossener Film, der keine Fortsetzung braucht. Andererseits scheinen Todd Phillips und Joaquin Phoenix der Idee einer Fortsetzung nicht unbedingt abgeneigt – und angesichts des Einspielergebnisses hat Warner damit sicher auch keine Probleme. Wenn wir davon ausgehen, dass zumindest der größte Teil des Films nicht halluziniert ist, fehlt dem Joker momentan ein spezifischer Antrieb, schließlich sind Thomas Wayne und Murray Franklin tot. Diese spezifische Antrieb könnte Batman sein – alles ist dafür in die Wege geleitet. Schon im Kino musste ich an die Szene aus „The Dark Knight Returns“ denken, in der der Joker nach zehnjähriger Katatonie durch Batmans Rückkehr aus derselben erwacht – Batmans Auftauchen könnte einen ähnlichen Effekt auf Arthur haben. Allerdings ist fraglich, ob ein Batman in dieser Version von Gotham außerhalb der Andeutungen überhaupt existieren könnte. Außerdem hat Todd Phillips zu Protokoll geben, keinen Film mit Batman machen zu wollen, es müsste also etwas anderes geben, das Arthur dazu bringt, aus Arkham zu entkommen.

Fazit
„Joker“ muss im Grunde auf zwei Ebenen abschließend bewertet werden. Zum einen als „normaler“ Film – auf dieser Ebene ist Phillips‘ Werk zweifelsohne ein gelungener Thriller bzw. eine interessante Charakterstudie, die aber aufgrund ihrer Nähe zu den Scorsese-Vorbildern ein wenig zu vorhersehbar ist, was ein wirklich herausragender Joaquin Phoenix allerdings mehr als ausgleicht. Kein absolutes Meisterwerk, aber ein wirklich guter Film, der zurecht diskutiert wird. Auch der ebenso gelungene wie enervierende Score von Hildur Guðnadóttir sollte noch erwähnt werden, da er ein wichtiger Bestandteil ist und einen wichtigen Beitrag zur bedrückenden Stimmung des Films leistet. Eine ausführliche Besprechung findet sich hier beim Kollegen von Score Geek.

Als Superheldenfilm (im weitesten Sinne des Wortes) ist „Joker“ dagegen fast schon essentiell, da er an Filme wie „The Dark Knight“ und „Logan“ schön anknüpft und zeigt, was im Genre drinsteckt. So manch ein Kritiker bemerkte, dieser Film würde sich nicht wie eine Comicverfilmung anfühlen. Diese Aussage ist nachvollziehbar, wenn auch recht eindimensional, da „Comicverfilmung“ nicht gleich „Superheldenverfilmung“ ist (auch „Tamara Drewe“ ist eine Comicverfilmung) und es auch im Bereich der erweiterten Superheldencomics allerhand Werke gibt, die vom Standard ziemlich weit entfernt sind. Letztendlich ist „Joker“ natürlich ebenso wenig die definitive Origin bzw. Arthur Fleck die Identität des Jokers wie es Jack Napier in Burtons „Batman“ war. Für mich persönlich fühlt sich dieser Film an wie eine Elseworlds-Geschichte, eine Version des Jokers, die unter dem Vertigo- oder DC-Black-Label erschienen sein könnte. Umso mehr freut mich der Erfolg dieses Films, denn er erweitert das Genre und könnte helfen, andere, von kreativen Filmemachern getrieben Visionen umzusetzen.

Trailer

Bildquelle

6 Gedanken zu “Joker – Ausführliche Rezension

  1. Ich habe schon an anderer Stelle mal geschrieben, dass man sich von dem Gedanken, dass Superheldenfilm bzw. Comicverfilmung ein eigenes Genre sind. Im Kern sind die meisten Superheldenfilme nun mal Actionfilme. Hier haben wir es mit einem Drama zu tun. Der nächste DOCTOR STRANGE soll ein Horrorfilm werden, wenn ich mich nicht irre. Das sind alles Genres. Comicverfilmung hingegen ist eben nichts weiter als eine Adaption. Wie eine Romanverfilmung und da beschwert sich ja auch niemand, dass es sich nicht wie ein Buch anfühlt. Deshalb kann ich die Kritik auch nicht nachvollziehen. Ist ja nicht jeder Comic nur bunte Popcornunterhaltung. Um so froher bin ich, dass die Konventionen da jetzt mal aufgebrochen werden und nicht alles nur CGI-Getöse ist.

    1. Joa, dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Selbst im MCU werden ja diverse Genres angeschnitten, sei es Verschwörungs-Thriller („Winter Soldier“) oder Heist Movie („Ant-Man“). Bei Superhelden gibt es immerhin noch gewisse Konventionen, die mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt sind. Bei Comicverfilmungen gebe ich dir vollkommen recht, das ist kein Genre, das ist nur das Medium, von dem adaptiert wird.

      1. Selbst bei Superhelden ist das ja eigentlich so. Vergleicht man alleine die unterschiedlichen Batman-Version miteinander, hat man bei jeder Interpretation ein anderes Genre von Komödie über Thriller bis zu Action. Aber da würde ich mich noch eher darauf einlassen, es als Genre zu akzeptieren. Da weiß man für gewöhnlich ja einigermaßen, was man kriegt. Aber Comics sind halt von Superman bis Garfield so ziemlich alles mögliche. Was soll denn da dann die Definition sein, nach dessen Kriterien man das kritisieren kann? Das ist für mich dann Meckern, weil man meckern will und einen Grund sucht.

    1. Danke, freut mich. 😉
      Jau, hab ich gesehen. Ich fand’s witzig, dass du „Mad Circus“ erwähnt hast. Als ich den vor ein paar Jahren gesehen habe, dachte ich irgendwann „Interessant, dass das zu einem Film über Batman-Schurken geworden ist“.

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