Aladdin

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Story: Dschafar (Marwan Kenzari), der Wesir des Sultans (Navid Negahban), will die Macht im Königreich Agrabah usurpieren. Zu diesem Zweck plant er, die mysteriöse Wunderlampe in seine Hände zu bekommen, doch nur ein „ungeschliffener Diamant“ kann sie aus der Wunderhöhle herausholen. Hierbei handelt es sich um den Straßenjungen Aladdin (Mena Massoud), der sich just in Prinzessin Jasmin (Naomi Scott), die Tochter des Sultans, verliebt hat. Unglücklicherweise kann nur ein Prinz die Prinzessin heiraten. So gelingt es Dschafar, Aladdin von seinen Vorhaben zu überzeugen, denn mit den Schätzen aus der Wunderhöhle kann alles möglich sein. Beim Erringen der Lampe geht jedoch alles schief, sodass Aladdin in der verschlossenen Höhle gefangen ist. Zum Glück wohnt in der Lampe ein Dschinni (Will Smith), mit dessen Hilfe Aladdin nicht nur aus der Höhle herauskommt, sondern auch zum Prinzen werden kann, um Jasmins Herz für sich zu erobern…

Kritik: Noch ein Remake eines Zeichentrickklassikers meiner Kindheit. Da die Vorzeichen bereits äußerst desaströs waren, habe ich diesen Film bewusst im Kino ausgelassen. Und was soll ich nach der Sichtung der BluRay sagen: Es ist genauso gekommen, wie ich es erwartet hatte. „Aladdin“ ist ein weiterer, ebenso seelenloser wie unnötiger Neuaufguss eines Animationsfilms, der dieses Medium nie hätte verlassen sollen.

Ironischerweise gehört das Element, das im Vorfeld für die größte Empörung sorgte, Will Smith als Dschinni, noch zu den gelungensten Bestandteilen. Die blaue CGI-Version des Schauspielers wirkt zwar irritierend (die Effekte lassen generell zu Wünschen übrig, wahrscheinlich hat „Der König der Löwen“ zu viele Ressourcen verschlungen), aber bei weitem nicht so schlimm wie im ersten Trailer, und davon abgesehen funktioniert Smith in der Rolle eigentlich ganz gut – kein Vergleich zu Robin Williams, aber das hat wohl auch niemand erwartet. Alles andere drumherum allerdings ist ziemlich misslungen.

Regisseur Guy Ritchie, der zusammen mit John August und Vanessa Taylor auch das Drehbuch verfasst hat, bekommt das merkwürdige Kunststück hin, ein Remake abzuliefern, das über eine halbe Stunde länger ist als das Original, sich aber trotzdem gehetzter und knapper anfühlt. „Aladdin“ hält sich nicht so sklavisch an die Vorlage wie John Favreaus „Der König der Löwen“ und versucht durchaus, Geschehnisse, an denen sich freilich kaum etwas ändert, immerhin etwas anders zu erzählen, was sich vor allem zu Beginn zeigt. Ritchie greift die ursprüngliche, dann aber verworfene Idee auf, dass es sich beim Erzähler um den Dschinni handelt, was zur Folge hat, dass das Remake ähnlich anfängt wie eine Folge von „How I Met Your Mother“. Im Folgenden hetzt Ritchie regelrecht durch den ersten Akt des Films, dessen Ereignisse hier merkwürdig verschachtelt wurden; Dschafars erster Besuch bei der Wunderhöhle wird in zwei Minuten kurz abgehandelt und One Jump Ahead wird mit Aladdins erster Begegnung mit Jasmin zusammengelegt. Ich vermute, Vorbild war Favreaus „Jungle Book“, in welchem der etwas behäbige Anfang des Originals ebenfalls zugunsten einer Eröffnung mit erhöhtem Tempo abgeändert wurde. Was in „The Jungle Book“ jedoch ganz gut funktioniert, sorgt in „Aladdin“ für massive Strukturschwächen, wo das Original perfekt ausbalanciert war.

Diese Strukturschwächen ziehen sich durch den gesamten Film und zeigen überdeutlich, wie unnötig dieses Remake ist: Ritchie versucht durchaus immer wieder, sich den Stoff zu Eigen zu machen, doch jede der Änderungen funktioniert schlechter als im Original und sorgt für weitere dramaturgische Probleme oder Logiklöcher. Anders als im Zeichentrickfilm wird beispielsweise nie erklärt, weshalb gerade Aladdin der „ungeschliffene Diamant“ ist, Dschafar schnappt ihn quasi grundlos und schleift ihn zur Wunderhöhle.

Diese Tendenz hat auch massive Auswirkungen auf das Finale. Der Showdown des Originals ist einer der besten aller Disney-Meisterwerke, enorm atmosphärisch und spannend, da er sich konstant steigert. Im Remake wurde die Szene, in der sich Dschafar in eine gewaltige Kobra verwandelt, durch eine Verfolgungsjagd mit einem riesigen Jago ersetzte. Die klaustrophobische Enge des Zeichentrickfilms geht dabei genauso verloren wie die Intensität und die atmosphärische Dichte.

Leider weiß „Aladdin“ auch auf schauspielerischer Ebene nicht zu überzeugen. Wie bereits erwähnt ist Will Smith diesbezüglich noch am besten bzw. am unterhaltsamsten. Mena Massoud hätte vielleicht einen brauchbaren Aladdin darstellen können, hätte ihm das Drehbuch nicht eine merkwürdige Persönlichkeitsspaltung auferlegt. In einigen Szenen versuchte er, der Aladdin des Zeichentrickfilms zu sein, der sich gekonnt aus der Klemme herausredet, in anderen ist er ein merkwürdig schüchterner Rom-Com-Protagonist, der keinen Ton herausbekommt. Gerade die Ball-Szene passt überhaupt nicht zur früheren Charakterisierung Aladdins und ist darüber hinaus zum Fremdschämen.

Auch mit Jasmin meint es das Drehbuch nicht allzu gut, da sie auf Teufel komm raus als unabhängige, starke Frau dargestellt wird. Nicht, dass es im Original diesbezüglich irgendwelche Probleme gegeben hätte, aber hier wird diese Charaktereigenschaft derart mit dem Holzhammer vermittelt, dass es an Plakativität nicht zu überbieten ist. Jasmin will sich hier nicht nur ihrem Schicksal als Prinzessin nicht fügen, sie will auch Sultan werden, weil – warum eigentlich? Wohl primär deshalb, weil man das als starke, unabhängige Frau wohl will. Auch hier kann man Naomi Scott eigentlich keinen Vorwurf machen, ich denke, sie hätte eine gute Jasmin spielen können, hätte das Drehbuch etwas getaugt.

Am schlimmsten hat es allerdings Dschafar getroffen. Nicht umsonst ist die Zeichentrickversion der Figur einer der beliebtesten Disney-Schurken: Dschafar ist offensichtlich böse, aber so verdammt unterhaltsam und charismatisch dabei, egal ob er in den der englischen Version von Jonathan Freeman oder in der deutschen von Joachim Kemmer gesprochen wird. Die von Marwan Kenzari dargestellte Interpretation dagegen ist, was ein Disney-Schurke niemals sein sollte: unscheinbar und langweilig. Die opulente Kleidung und der Kobrastab wollen schlicht nicht zu dieser zurückhaltenden Person passen. Wahrscheinlich hätte es besser funktioniert, hätte man sich an der Broadway-Adaption des Stoffes orientiert und einfach nochmal Jonathan Freeman angeheuert.

Leider sind auch die Songs durchweg schwächer als im Original. Es findet sich ein Neuzugang im Film, Jasmin bekommt mit Speechless ihr eigenes Lied, das stilistisch völlig fehlt am Platz wirkt, mit den restlichen Liedern und dem Score überhaupt nicht harmoniert und noch einmal vermitteln soll, wie stark und unabhängig sie ist. Kurz nach dem Lied wird sie gefangen genommen und muss von einem Mann gerettet werden.

Tatsächlich ist der einzige Aspekt, in dem das Remake das Original übertrifft, der Score. Wie schon bei Bill Condons „Die Schöne und das Biest“ bekam Alan Menken abermals die Gelegenheit, denselben Film noch einmal zu vertonen, und abermals zeigt er, wie er sich seit den frühen 90ern als Komponist weiterentwickelt hat. Der Score des ursprünglichen „Aladdin“ war keinesfalls schlecht, aber, um die Diktion des Films zu bemühen, ein „ungeschliffener Diamant“. Was Orchestrierung und Verwendung der Song-Melodien als Leitmotive angeht, hat sich Menken enorm weiterentwickelt, sodass dieser Film immerhin eine minimale Existenzberechtigung hat.

Fazit: „Aladdin“ ist ein ebenso inspirationsloses wie unnötiges Remake des Zeichentrickklassikers, das entweder das Original schlecht reproduziert oder beim Versuch, eigene Akzente zu setzen, gnadenlos scheitert.

Trailer

Bildquelle

2 Gedanken zu “Aladdin

  1. Jou, so kann man das gut stehen lassen. Wüsste nicht, was man da noch hinzufügen sollte. War auch in meiner YouTube-Kritik irgendwann ratlos, ehrlich gesagt… im Film Brain Podcast, wo ich zu Gast war, haben wir Aladdin auch nochmal sehr unterhaltsam besprochen.

    1. Es war halt leider auch so vorhersehbar, dass „Aladdin“ genau so ausfallen würde – typisch Disney-Remake, typischer „film by committee“. Wahrscheinlich (hoffentlich) gerät er bald in Vergessenheit.

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