Rigoletto – Bregenzer Seefestspiele

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Aus meinem Artikel über das Album „Wagner – Der Ring ohne Worte“ ist vielleicht hervorgegangen, dass ich nicht nur Filmmusik, sondern auch klassische Musik und vor allem Opern sehr schätze. Trotzdem gehe ich viel zu selten in die Oper – das muss man dann schon mit einer besonderen Aufführung ausgleichen. Deshalb war diesen Sommer nicht nur ein gewöhnlicher Opernbesuch an der Reihe, sondern „Rigoletto“ auf der Bregenzer Seebühne. Dabei wäre es wegen der kritischen Wetterlage fast nichts geworden: Noch am Morgen schüttete es wie aus Kübeln, erst am Mittag wurde es besser, dafür kam abends dann sogar die Sonne aus ihrem Versteck.

Handlung
Wie bei so vielen Opern erschließt sich die Handlung – trotz deutscher Übertitel – nicht unbedingt aus dem Geschehen auf der Bühne, weshalb es ausnahmsweise ratsam ist, sich zu spoilern. Rigoletto ist der entstellte Diener und Narr des Herzogs von Mantua. Besagter Adeliger ist ein übler Wüstling, der Frauen am laufenden Band verführt und es sowohl auf ein hübsches Mädchen, das er in der Kirche gesehen hat, als auch auf die Gräfin Ceprano abgesehen hat. Bei der Verführung von Letzterer ist der zynische Rigoletto mit Freuden behilflich. Auch für den Grafen von Monterone, Vater einer früheren Eroberung des Herzogs, hat der Narr kein Mitleid übrig und verspottet ihn, was den Grafen dazu veranlasst, Rigoletto und seinen Herrn zu verfluchen. Entgegen jeder Erwartung trifft der Fluch Rigoletto sehr, denn auch er hat eine Tochter, die er eifersüchtig vor den Augen der Welt (und ganz besonders denen des Herzogs) versteckt. Besorgt eilt er nachhause, trifft auf dem Weg aber den Auftragsmörder Sparafucile, der seine Dienste offeriert. Rigoletto kann ihn gerade nicht brauchen, behält das Angebot aber im Hinterkopf.

Zuhause angekommen schärft er seiner Tochter Gilda ein, das Haus außer zum Kirchgang nicht zu verlassen. Unglücklicherweise war der Kirchgang schon zu viel, denn Gilda ist die unbekannte Schöne, an der der Herzog von Mantua Gefallen gefunden hat. Sobald Rigoletto in den Palast zurückgekehrt ist, schleicht sich der Herzog, verkleidet als armer Student, ins Haus, um Gilda zu umgarnen. Derweil planen des Herzogs Höflinge, die auf Rigoletto nicht allzu gut zu sprechen sind, sich für den zynischen Spott des Narren zu rächen. Auch ihnen ist Gilda aufgefallen, sie halten sie jedoch für die Geliebte Rigolettos und beschließen, sie zu entführen. Dabei hilft ihnen ausgerechnet Rigoletto selbst, der glaubt, er würde bei der Entführung der Gräfin Ceprano mithelfen. Wegen einer schlecht sitzenden Maske kann er nicht sehen, aus welchem Haus welche Frau entführt wird. Erst, als es schon zu spät ist und die Höflinge Gilda zum Palast gebracht haben, erkennt Rigoletto, was eigentlich geschehen ist.

Im Palast des Herzogs findet Rigoletto seine Tochter zwar wieder, muss aber feststellen, dass der Herzog sie bereits entehrt und – schlimmer noch – dass sich Gilda tatsächlich in ihn verliebt hat. Abermals denkt Rigoletto an den Fluch und schwört Rache am Herzog. Um ihr zu zeigen, was für ein Mensch ihr Schwarm ist, nimmt Rigoletto seine Tochter mit zu Sparafuciles Schenke, wo der verkleidete Adelige sich an Maddalena, die Schwester des Auftragsmörders, heranmacht. Mit Sparafuciles Hilfe will Rigoletto seine Rache in die Tat umsetzen; dieser soll den verhassten Verführer ermorden. Ähnlich wie Gilda hat sich aber auch Maddalena in den Herzog verliebt und bittet ihren Bruder, ihn zu verschonen und stattdessen den nächstbesten zu ermorden. Gilda, als Mann verkleidet, bekommt die Unterhaltung mit und muss feststellen, dass sie den Herzog nach wie vor liebt. Sie beschließt, sich für ihn zu opfern und wird an seiner statt von Sparafucile getötet. Rigoletto wird der vermeintliche Körper des Herzogs übergeben, doch zu seinem Entsetzen muss er feststellen, dass es nicht der verhasste Feind, sondern die geliebte Tochter ist, die da in seinen Armen stirbt.

Musik und Hintergründe
Das Libretto von „Rigoletto“ stammt von Francesco Maria Piave und basiert auf dem Drama „Le roi s’amuse“ von Viktor Hugo, allerdings wurde die Handlung von Paris nach Mantua verlegt und aus dem französischen König Franz I. im Drama wurde der unspezifischere (und politisch weniger problematische) Herzog von Mantua – nur auf diese Weise konnte „Rigoletto“ 1851 im Teatro La Fenice in Venedig seine Premiere feiern. Nach wie vor ist „Rigoletto“ eine von Verdis bekanntesten und am häufigsten gespielten Opern. Interessanterweise war es auch eine der ersten Opern, die ich kennenlernte. Ich kannte bereits „Die Zauberflöte“ durch das Kinder-Hörspiel „Die kleine Zauberflöte“ mit Evelyn Hamann als Königin der Nacht, und da ich daran Gefallen fand, schenkten mir meine Eltern bald darauf ein weiteres Opernhörspiel, eben „Rigoletto“ aus der Reihe „Der Holzwurm der Oper“.
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Inhaltlich ist „Rigoletto“ ein äußerst interessantes Werk, man ist fast dazu geneigt, von einem „Anti-Don-Giovanni“ zu sprechen. Gerade, was die beiden Hauptfiguren und die Ausgangslage angeht, sind sich die Mozart- und die Verdi-Oper sehr ähnlich. In beiden Fällen dreht sich die Handlung um einen adeligen und skrupellosen Verführer und seinen Diener und in beiden Fällen kommt es zu Beginn der Oper zu einem Vorfall mit dem Vater einer der Verführten. Im „Don Giovanni“ tötet der Titel(anti)held den Komtur, um am Ende von der Statue des Getöteten zur Hölle geschickt zu werden. Im Gegensatz dazu verflucht der Graf von Monterone nicht nur den Herzog, sondern auch Rigoletto, weil dieser ihn verspottet. Im Gegensatz zu Don Giovanni entgeht der Herzog aber seiner Strafe und es sind Rigoletto und Gilda, die bestraft werden. Im „Rigoletto“ gibt es fast keine klaren guten oder bösen Figuren, die am Ende belohnt oder bestraft werden; der Herzog kommt ungeschoren davon, während die unschuldigste Figur, Gilda, stirbt. Und obwohl der Herzog die eindeutige Schurkenfigur ist, wird er von Verdi musikalisch wie ein Held behandelt; er hat die eingängigsten Nummern (Questa o quella, La donna è mobile) und auch, zusammen mit Gilda, das klassische romantische Duett (È il sol dell’anima, la vita è amore).

Ähnlich wie sein Zeitgenosse Richard Wagner löst auch Verdi die klassische Nummernoper auf und bewegt sich hin zu einem durchkomponierten Werk. Es sind vor allem die Stücke des Herzogs, die in ironischer Brechung an die Nummernoper mit ihren eingängigen Gassenhauern und konventionellen Duetten erinnern, während die Stücke der anderen Figuren offener sind und stärker ineinander übergehen. Dabei setzt Verdi durchaus auf wiederkehrende Motive, bei denen es sich aber, anders als bei Wagner, nicht wirklich um sich entwickelnde Leitmotive handelt, sondern um statische Konstrukte, die nicht variiert werden. Es existiert beispielsweise ein Fluch-Motiv, das immer dann eingesetzt wird, wenn Rigoletto sich an den Fluch des Grafen von Monterone erinnert bzw. wenn man meinen könnte, besagter Fluch erfülle sich. Auch die bekannteste Arie der Oper, La donna è mobile, fungiert im dritten Akt als Erkennungszeichen des Herzogs und wird nach ihrem Debüt noch zwei Mal wiederholt.

Die Bregenzer Aufführung
Im Kontext von #metoo und der Weinstein-Affäre (beide wurden im Rahmen von Interviews und Hinter-den-Kulissen-Führungen explizit erwähnt) ist die Stück-Wahl für die Bregenzer Festspiele nicht verwunderlich, obwohl Don-Giovanni zu Letzterer besser gepasst hätte, während „Rigoletto“ in diesem Kontext wohl eher als Kommentar auf die Trump-Administration gesehen werden kann. Nicht umsonst versetzte Philipp Stölzl, der für Inszenierung und Bühnenbild verantwortlich ist und sich als Regisseur von Filmen wie „Der Medicus“ und „Goethe!“ sowie von diversen Rammstein-Musikvideos einen Namen gemacht hat, die Handlung in ein Zirkus-Umfeld. Der Herzog von Mantua gibt den Direktor, Rigoletto tritt als Clown auf und auch der Rest der Belegschaft wirft sich in farbenfrohes Gewand. Dieser Aspekt ist auch ohne die politische Deutung recht aktuell – die Parallele mag unbeabsichtigt sein, aber in der Popkultur haben wir ein Jahr des Clowns. Bereits im September kehrt Pennywise in „It: Chapter 2“ auf die Leinwand zurück und gegen Ende des Jahres erwartet uns Joaquin Phoenix‘ Neuinterpretation des Jokers. Stölzls Inszenierung passt perfekt in diese Riege.

Die Bregenzer Seebühne ist jedenfalls eine einzigartige Kulisse mit ebenso einzigartigen Möglichkeiten und Herausforderungen; hier wurden schon einige eindrückliche Bühnenbilder geboten, man denke nur an das riesige Auge der Aufführung von „Tosca“, der sogar ein Auftritt im James-Bond-Film „Ein Quantum Trost“ gewährt wurde. Dieses Mal besteht das Bühnenbild aus drei Teilen. Dominiert wird es von einem überdimensionalen Clownskopf mit beweglicher Mimik, links und rechts davon ragen Hände aus dem Wasser, die eine hält einen Heißluftballon, der im Verlauf der Aufführung zwei Mal aufsteigt, die andere ist beweglich. Die Halskrause des Clowns ist der primäre Spielort, aber auch im Kopf und um die Hände herum wird gespielt. Der Clown symbolisiert dabei natürlich Rigoletto selbst. Ähnlich wie die Fassade der Titelfigur bröckelt und sie langsam zugrunde geht, leidet auch der Clownskopf: Nach und nach werden Augen, Nase und einige Zähne entfernt, bis er am Ende ein unheimliches, schädelartiges Aussehen annimmt.

20190810_230913.jpgIch bin generell kein Freund allzu moderner Inszenierungen, besonders, wenn sie allzu spartanisch ausgestattet sind und die Figuren in moderner Bürokleidung herumrennen, aber die Rigoletto-Inszenierung hat mir ausnehmend gut gefallen. Das Zirkus-Thema hat eine gewisse Zeitlosigkeit, die gut zum Stoff passt. Die aufwändige Bühnenkonstruktion mit der beweglichen Mimik (der Kopf kann Augen und Mund öffnen und schließen, und eine der Hände ist beweglich) ist unabhängig davon, ob man das Konzept gelungen findet, extrem beeindruckend. Ebenfalls über jeden Zweifel erhaben sind die Leistungen der Musiker, Darsteller und ihrer Stunt-Doubles (denen einiges abverlangt wird) sowie die Tonübertragung. Das Orchester spielt nicht außen, sondern innen im Festspielhaus; die Klänge werden mithilfe eines ausgeklügelten Soundsystems übertragen, dessen Klangqualität der opulenten Bühnenkonstruktion in nichts nachsteht. Das Ganze dann im Freien vor der Kulisse des Bodensees zu erleben, besonders, wenn das Wetter mitspielt, hebt diese Erfahrung noch einmal auf ein ganz anderes Niveau.

Fazit: Wenn Oper, dann richtig. Die Rigoletto-Aufführung der Bregenzer Festspiele ist ein ebenso beeindruckendes wie opulentes Spektakel, das ich nur weiterempfehlen kann. Selbst wenn man Opern generell nicht allzu viel abgewinnen kann, sollte man sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen, besonders, da diese Vorstellung gerade einmal zwei Stunden dauert. Zwar ist die Saison für dieses Jahr zu Ende, aber „Rigoletto“ wird auch nächstes Jahr noch einmal gegeben.

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