The Boys – Staffel 1

Enthält Spoiler!
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Das Superhelden-Genre wächst in Film und Fernsehen ebenso munter wie unaufhaltsam weiter. In der Zwischenzeit findet sich auch ein gerüttelt Maß an subversiven Parodien und Dekonstruktionen, von „Watchmen“ (die Comic-Vorlage ist natürlich nach wie vor sowohl Urvater als auch Goldstandard für jede Superheldendekonstruktion) über „Kick-Ass“ oder „Super“ im Filmbereich bis hin zu „The Umbrella Academy“ in der Serienwelt. Nun gesellt sich auch die Amazon-Prime-Serie „The Boys“ zu dieser illustren Riege. Mit der von Garth Ennis verfassten und überwiegen von Darick Robertson gezeichneten Vorlage bin ich schon ziemlich lange vertraut, ich besitze noch die deutsche Erstveröffentlichung von Panini. Die Ankündigung der Serie ging dagegen irgendwie an mir vorbei, weshalb ich erst kurz vor knapp erfahren habe, dass Billy Butcher und Co. nun auch im Live-Action-Bereich ihr Unwesen treiben.

Handlung
Eigentlich könnte alles schön sein: Hughie (Jack Quaid) ist mit seiner Freundin Robin (Jess Salgueiro) glücklich – bis diese unverhofft durch eine Unachtsamkeit des Superhelden A-Train (Jessie Usher) auf äußerst unschöne Weise getötet wird. Das führt zu einer Lebenskrise, in der Billy Butcher (Karl Urban) auf Hughie aufmerksam wird. Butcher hegt einen tiefen Groll gegen alle Superhelden und tut, was er kann, um sie zu entlarven und gegen sie zu arbeiten. Hierzu will er Hughie einspannen. Durch Zufall und dummes Glück gelingt es den beiden, den unsichtbaren Superhelden Translucent (Alex Hassell) zu töten, aber damit fangen die Probleme freilich erst an. Also beginnt Billy, seine alte Mannschaft, die „Boys“, bestehend aus Marvin alias „Mother’s Milk“ (Laz Alonso) und Frenchie (Tomer Kapon) zu reaktivieren.

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Billy Butcher (Karl Urban)

Derweil wird die junge Superheldin Annie (Erin Moriarty), Codename „Starlight“, zu einem Mitglied der „Seven“, des größten Superheldenteams der Welt, bestehend aus Homelander (Antony Starr), Queen Maeve (Dominique McElligott), The Deep (Chase Crawford), Black Noir (Nathan Mitchell), A-Train und Translucent. Schon bald muss sie allerdings erkennen, dass diese Superhelden, die lange Idole für sie waren, äußerst unangenehme und geradezu verachtenswerte Personen sind, deren heroische öffentliche Persönlichkeit konträr zum wahren Gesicht steht. Zugleich begegnet Annie zufällig Hughie und die beiden kommen sich näher, ohne zu ahnen, dass praktisch auf unterschiedlichen Seiten stehen.

Nach und nach entdecken die Boys eine groß angelegte Verschwörung der Firma Vaught, die für die Vermarktung der diversen Superhelden zuständig ist. Sie stoßen auf die stumme Kimiko (Karen Fukuhara), die als eine Art Superterroristin herangezüchtet wurde und entdecken, dass Vaught und seine Vizepräsidentin Madelyn Stillwell (Elisabeth Shue) noch weitaus mehr Dreck am Stecken haben, als ursprünglich angenommen…

Comic vs. Serie
Garth Ennis ist dafür bekannt, dass er Superhelden als Genre und als Figuren nicht besonders schätzt. Zwar hat er bereits sowohl für DC als auch für Marvel gearbeitete, kümmerte sich aber primär um Antihelden wie John Constantine, den Punisher oder Hitman, die von den traditionellen kostümierten Heroen recht weit entfernt sind. Außerdem ist Ennis auch bekannt für die eher… herben Inhalte seiner Geschichten. „The Boys“ ist dafür ein Paradebeispiel. Die Serie lief von 2006 bis 2012 und zeigt Superhelden als zutiefst verachtenswerte Wesen, die übermäßig brutal und pervers sind – Alan Mooers Watchmen-Figuren sind dagegen subtil und grundsympathisch. Ich habe seinerzeit die ersten drei deutschen Bände gekauft und gelesen, hatte danach aber ehrlich gesagt keine Lust mehr. Nichts gegen herbere Inhalte, aber Ennis‘ Serie war selbst mir irgendwann schlicht zu „mean-spirited“ und zu exzessiv.

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Hughie (Jack Quaid) und Starlight (Erin Moriarty)

Unglaublich, aber wahr: Die Serie schafft diesbezüglich Abhilfe. Showrunner David Kripke hält sich keinesfalls sklavisch an die Vorlage. Zwar behält er sowohl Setting als auch Figuren bei, hat aber keine Hemmungen, Elemente abzuändern und die Inhalte ein wenig zu entschärfen. Das tut dem Material tatsächlich gut, denn so gelingt es ihm, gerade die „Seven“, die in der Vorlage wirklich völliger Abschaum sind, interessanter zu machen. Auch die Boys selbst, bei Ennis ebenfalls nicht gerade Sympathieträger, werden ein wenig sympathischer und nachvollziehbarer. Die Adaption ist nach wie vor gewalttätig, abgedreht und voller kaputter Figuren, nur nicht ganz so exzessiv überzeichnet, wie es in den Comics der Fall ist. Durch diese Anpassung gewinnt „The Boys“ enorm.

Umsetzung der Antihelden
„The Boys“ zeigt, ähnlich wie „Game of Thrones”, wie weit Serien in der Zwischenzeit gerade bezüglich der Effekttechnik gekommen sind – bei einer Superheldenserie ein durchaus essentieller Bestandteil. Durch ihre geerdete Natur hatten es die Marvel-Netflix-Serien da leichter, während die Effekte bei anderen Serien mitunter recht wechselhaft waren. „The Boys“ ist zwar noch nicht auf dem Niveau eines Superhelden-Blockbusters und inszeniert auch keine größeren Materialschlachten, aber was die Serie liefert, sieht durch die Bank weg gut aus. Besonders Homelanders Hitzblick muss sich wirklich nicht vor dem Gegenstück aus den Snyder-Filmen verstecken.

Das Herzstück der Serie sind trotz allem die Charaktere, was dank des hervorragenden Casts auch wunderbar funktioniert. Hughie ist dabei die traditionelle – nun, man möchte fast „Heldenfigur“ sagen, aber angesichts der Thematik wäre dieser Begriff vielleicht nicht ganz passend. Ein amüsanter Insider-Gag am Rande: Hughie in den Comics ist visuell Simon Pegg nachempfunden. Dieser ist inzwischen natürlich zu alt, um einen Mittzwanziger zu spielen, darf aber in einer kleinen Rolle als Hughies Vater auftreten. Als Mentor und zugleich Gegenstück des Protagonisten fungiert Billy Butcher. Beide verbindet der Hass auf Superhelden und der Durst nach Rache, da beide die zentrale Person ihres Lebens durch einen Superhelden verloren haben. Hughie ist  die Figur, die einen klassischen Handlungsbogen hat und letztendlich lernt, dass Rache die Sache auch nicht besser macht. Am Ende rettet er sogar A-Trains Leben, anstatt ihn für die fahrlässige Tötung seiner Freundin sterben zu lassen. Im Gegensatz dazu bleibt Billy Butcher, den Karl Urban in all seinem Zynismus wirklich hervorragend darstellt, bei seinem Vorhaben und ist  bereit, alles und jeden für seine Rache zu opfern.

Die andere Point-of-View-Figur der Serie ist Annie alias Starlight, die dem Publikum Einblick in die Welt der Superhelden gewährt. Zu Beginn erlebt man sie als naive Idealistin, die zu den Helden der „Seven“ aufblickt, aber schon bald feststellen muss, dass diese mit den Idealen, die sie verkörpern, nichts gemein haben. Im Verlauf der Serie wächst der Konflikt in ihr; einerseits möchte sie zu dieser Welt gehören, auf die sie ihr ganzes Leben vorbereitet wurde, aber andererseits will sie dieser Welt, deren wahres Gesicht sie nun kennt und die darüber hinaus von einer skrupellosen Firma völlig kontrolliert wird, auch entkommen.

Gerade strukturell weiß „The Boys“ wirklich zu überzeugen. Die Staffel ist (vielleicht auch aus finanziellen Gründen) recht schlank und verfügt nur über acht Episoden, geht mit der Zeit aber sehr gut um. Nichts fühlt sich unnötig in die Länge gezogen, zugleich bekommen die Handlungsstränge aber ausreichend Zeit. Freilich, einige der Figuren kommen noch etwas kurz, der Fokus liegt eindeutig auf Hughie, Billy Butcher, Annie und Homelander (und auch The Deep und A-Train haben ihre kleinen Sub-Plots), aber weitere Staffeln werden da mit Sicherheit noch Abhilfe schaffen und die anderen Mitglieder der Boys und der „Seven“ in den Fokus rücken.

Sieben Helden sollt ihr sein
Die „Seven“ sind natürlich eine recht offensichtliche Anspielung auf die Justice League, die zwar nicht immer aus sieben Mitgliedern besteht, aber doch immer wieder zu dieser Zahl zurückkehrt, sei es in der ursprünglichen Aufstellung, in Grant Morrisons JLA-Serie oder in der animierten Serie „Justice League“ (die beiden letztgenannten sind nach wie vor die besten Inkarnationen der Liga). Bei den meisten Mitgliedern der „Seven“ muss man nicht lange raten, wer das Vorbild ist: Homelander ist eine eindeutige Superman-Parodie, versehen mit einem Schuss Captain America (Fun Fact: Im Zuge des Events „DC vs. Marvel“ in den 90ern verschmolzen Captain America und Superman tatsächlich für kurze Zeit zu einer Figur, dem „Super Soldier“). Queen Maeve basiert natürlich auf Wonder Woman, Black Noir (der in dieser ersten Staffel kaum eine Rolle spielt und nur dadurch auffällt, dass Homelander ihn offenbar schätzt und dass er Klavier spielen kann) auf Batman, The Deep auf Aquaman, A-Train auf Flash und Lamplighter, der bereits zu Beginn der Serie ausscheidet und dessen Platz Starlight einnimmt, auf Green Lantern. Translucent, der eine Neuschöpfung für die Serie ist und in den Comics nicht vorkommt, ist weniger eindeutig zuordenbar, könnte aber Martian Manhunter ersetzen; Unsichtbarkeit ist schließlich eine der vielen Superkräfte des marsianischen Helden. Starlight schließlich erinnert ein wenig an Stargirl, Supergirl oder Powergirl, während ihre Kräfte mit denen von Dr. Light vergleichbar sind (gemeinte ist hier das weibliche Justice-League-Mitglied, nicht der männliche Titans-Schurke gleichen Namens).

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Queen Maeve (Dominique McElligott) und Homelander (Antony Starr)

Natürlich werden die Helden kräftig dekonstruiert. Homelander besitzt nichts von der Zurückhaltung eines Clark Kent, sondern ist übermäßig arrogant und löst, trotz seiner vielen Kräfte, fas jedes Problem mit seinem Hitzeblick, was besonders bei der missglückten Flugzeugrettung zu ernsthaften Konsequenzen führt. Queen Maeve begann als idealistische junge Heldin, ähnlich wie Starlight, wurde jedoch vom Superhelden-Lebensstil verdorben, leidet an einem Burnout und hat sich in die Gleichgültigkeit zurückgezogen. A-Train ist ein Junkie, Translucent ein Perverser, der seine Fähigkeiten nutzt, um in der Damentoilette zu spannen, und im Fall von The Deep wird mit Aquamans Ruf der Nutzlosigkeit gespielt. Auch fungieren die „Seven“ nicht als unabhängige Gruppe, die die Welt vor Bedrohungen schützt, sondern sie arbeiten für die Firma Vaught, die das Heldentum inszeniert, um Geld zu verdienen. Tatsächliches Heldentum, die Rettung Unschuldiger und der Kampf gegen das Verbrechen sind da bestenfalls Nebensache und schlimmstenfalls komplett gestellt.

Fazit: „The Boys“ ist das gelungenste Stück Superhelden-Unterhaltung im Serienbereich seit der dritten Staffel von „Daredevil“. Der Adaption gelingt es, durch das Zurückschrauben es Exzess-Faktors, die Vorlage zu übertreffen und die Figuren interessanter und tiefgründiger zu gestalten. Empfehlung für alle, die auf subversive Superhelden-Parodien stehen.

Trailer

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Batman: Der weiße Ritter

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„The Lego Batman Movie“ war zweifellos eine der besten Batman-Geschichten der letzten Jahre, die sowohl im Real- als auch im Animationsbereich die Konkurrenz weit hinter sich ließ. Der Film funktioniert zugleich als Parodie und liebevolle Dekonstruktion, der es gelingt, jeden Aspekt von Batmans Geschichte mit einem Augenzwinkern zu integrieren, wobei die Beziehung zwischen Batman und dem Joker im Mittelpunkt steht. Manch einer mag sich nun gefragt haben: Könnte das auch in ernster Form funktionieren? Comic-Szenarist und -Zeichner Sean Murphy hat sich diese Frage wohl bewusst oder unbewusst auf jeden Fall gestellt, denn die Graphic Novel „Batman: Der weiße Ritter“ scheint genau auf dieser Prämisse zu basieren: Was würde dabei herauskommen, wenn man die Handlung von „The Lego Batman Movie“ nicht als bunte Parodie, sondern als düsteres Drama erzählen würde?

Tatsächlich beginnen Comic und Film fast identisch, nämlich mit einer Auseinandersetzung zwischen Batman und dem Joker, in der es nicht so sehr um das eigentliche Verbrechen des Jokers geht, sondern um die Symbiose der beiden. Im Film wie im Comic möchte der Joker, dass Batman sich eingesteht, dass beide aufeinander angewiesen sind, und beide Versionen von Batman wollen das natürlich nicht wahrhaben. Hier endet die Konfrontation damit, dass Batman seinen Erzfeind vor den Augen Nightwings, Batgirls und der Polizei von Gotham brutal zusammenschlägt. Anschließend verfolgt Murphy die thematische Prämisse weiter, wählt aber einen deutlich anderen Handlungsverlauf: Der Joker wird gesund. Dank eines neuartigen Mittels, das ein wenig zu sehr nach Plot-Convinience stinkt, wird aus Batmans Erzfeind wieder Jack Napier, ein rationaler Mensch, der erkennt, dass Batmans Kampf gegen das Verbrechen Gotham schadet. Als geläuterter Ex-Superschurke versucht Napier nun, Batman auf scheinbar (die Betonung liegt auf scheinbar) legalem Weg das Handwerk zu legen und seine schädliche Selbstjustiz zu beenden.

Die Idee, die Rolle von Held und Schurke zu tauschen, ist nun nicht allzu revolutionär, in DCs Multiversum gibt es eine ganze Erde, die auf dieser Prämisse basiert und mit dem Crime Syndicate of America über eine Anti-Justice-League, in der es mit Owlman auch ein böses Batman-Gegenstück gibt, das, je nach Version, gegen den Jokster bzw. Jester, eine heroische Version des Jokers kämpft. Auch im Elseworlds-Bereich findet sich diese Idee das eine oder andere Mal, etwa in „Catwoman: Guardian of Gotham“. In diesem, nicht allzu gelungenen Zweiteiler, sind es Batman und Catwoman, die die Rollen tauschen, wobei Batman allerdings nicht zum Catowman-artigen Antihelden, sondern zum rotäugigen Psychopathen wird. Wie dem auch sei, Sean Murphy baut seine Graphic Novel zwar auf dieser Prämisse auf, bemüht sich aber, nicht nur mit einer einfachen Umkehrung zu arbeiten. Gerade zu Anfang zeigt er eine Version von Batmans Welt, die sich sehr nah der der normalen Kontinuität orientiert; Batgirl trägt ein Kostüm das an das der Rebirth-Comics erinnert. Im Verlauf zeigt sich aber, dass sich Sean Murphys Gothams City durchaus von dem des Standard-DC-Univerums unterscheidet. Viele Elemente, etwa Jason Todds Tod durch die Hand des Jokers oder Mister Freezes Hintergrund, wurden zwar übernommen, aber mit einem neuen Twist versehen. Insgesamt bemüht sich Murphy, keine einfachen Wege zu gehen; die beiden Figuren tauschen nicht einfach nur die Rollen, sie werden als weitaus komplexere und vielschichtigere Figuren dargestellt, die man nicht einfach einem simplen Gut/Böse-Schema zuordnen kann.

Dabei ist „Der weiße Ritter“ kaum weniger meta als „The Lego Batman Movie“. Das geht schon beim Titel los, der natürlich auf „The Dark Knight“ verweist; tatsächlich bekommt der Joker hier eine ähnliche, dem Dunklen Ritter entgegengesetzte Rolle wie Harvey Dent in Nolans Film. Auch sonst strotzt die Graphic Novel nur so vor Anspielungen und Kommentaren. So hat sich der Joker beispielsweise eine neue Harley Quinn zugelegt (ein Verweis auf die Episode „Joker’s Millions“ aus „Batman: The Animated Series“), die sehr stark an die Version der Figur aus David Ayers „Suicide Squad“ erinnert. Die ursprüngliche Harley, die anschließend auftaucht und die neue Version kritisiert, dürfte dagegen vielen Fans, die mit dem neuen Design der Figur in Film und Comics nicht einverstanden sind, aus der Seele sprechen. Auch sonst finden sich Anspielungen en masse, sei es das „Bat-Zimmer“ des Jokers, in dem sich primär Memorabilia aus Tim Burtons „Batman“ und „Batman: The Animated Series“ finden, über den wahren Namen des Jokers (Jack Napier, ebenfalls aus Burtons Batman) und Batmans Kostüm, das wie eine Mischung aus Millers Dunklem Ritter und dem ursprünglichen Anzug aus Detective Comics 27 wirkt, bis hin zu den diversen Batmobilen am Schluss, die natürlich ebenfalls aus den Filmen und Serien stammen.

Insgesamt setzt sich Murphy auf sehr gelungene Weise sowohl mit der Beziehung zwischen Batman und dem Joker (und auch der Beziehung zwischen Joker und Harley sowie Batman und seinen Verbündeten) als auch den Auswirkungen, die ein Vigilant wie Batman auf eine Stadt hätte, auseinander. Umso beeindruckender ist, dass Murphy auch noch für die Zeichnungen verantwortlich war. Sein Strich ist sehr leicht und elegant; es gelingt ihm gut, visuelle Anspielungen an die legendären Batman-Zeichner der Vergangenheit unterzubringen, dabei aber individuell zu bleiben. Besonders merkt man ihm die Liebe zum Stil von „Batman: The Animated Series“ an.

Fazit: „Batman: Der weiße Ritter“ ist zweifelsohne eine der besten Batman-Geschichten der letzten Jahre. Wer gerne wüsste, wie eine ernste Version des „Lego Batman Movie“ mit ähnlichen Qualitäten aussieht, sollte unbedingt zugreifen.

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Siehe auch:
The Lego Batman Movie

Ensel und Krete

Ensel und Krete von Walter Moers
„Ensel und Krete“ ist der zweite Zamonien-Roman – und nach wie vor, selbst jetzt, nach so vielen weiteren, einer der faszinierendsten. Nach dem Erfolg von „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ entschloss sich Moers, seine berühmteste Schöpfung von Zamonien wieder zu trennen. Die zweiten 13 ½ Leben (Seebären haben ja bekanntlich 27 davon) hat er bis heute nicht erzählt. Dennoch ist „Ensel und Krete“ der Zamonien-Roman, der einer direkten Fortsetzung am nächsten kommt, zumindest auf gewisse Weise, denn immerhin setzt er genau dort an, wo der Vorgänger aufhörte. Blaubär wird zwar nicht einmal mehr namentlich erwähnt, aber sein Wirken ist deutlich zu spüren, denn die Gemeinde, die er im Großen Wald gegründet hat, blüht und gedeiht; sie ist zu einem berühmten zamonischen Ferienzielort geworden. Zu den vielen Urlaubern gehören auch die beiden Fhernhachen-Kinder Ensel und Krete von Hachen, die zusammen mit ihren Eltern ihre Ferien in Bauming verbringen. Der Urlaub ist den beiden allerdings zu langweilig, weshalb sie einen Abstecher, nur einen kleinen, in den verbotenen, unzivilisierten Teil des Waldes machen. Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Die beiden verirren sich im Wald. Die Waldspinnenhexe, die dort früher hauste, ist zwar gestorben (ebenfalls in „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“), aber ihre Spuren sind immer noch zu finden…

Besonders faszinierend an „Ensel und Krete“ ist, dass dieser Roman, obwohl er deutlich dünner ist als der Vorgänger, es schafft, so viele Dinge gleichzeitig zu sein; u.a. eine Neuerzählung des Märchens „Hänsel und Gretel“, eine indirekte Fortsetzung zu „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“, mitunter auch fast schon eine kosmische Horrorgeschichte und natürlich einer der metafiktionalsten Romane der deutschen Sprache. Schon mit Blaubär als Autor seiner Autobiografie spielte Moers mit dem unzuverlässigen Autor, mit „Ensel und Krete“ hebt er diese Thematik jedoch auf eine ganz andere Ebene, denn es handelt sich hierbei um ein Werk von Hildegunst von Mythenmetz. Dieser schriftstellernde Dinosaurier tauchte durch seine Werke bereits mehrfach im Vorgänger auf, mit „Ensel und Krete“ wird er ins Zentrum gerückt. Oder besser gesagt, er rückt sich selbst ins Zentrum, denn als Autor dieses Märchens unterbricht er den Fluss der Geschichte immer wieder im Rahmen der Mythenmetz’schen Abschweifungen, die dazu dienen „zu kommentieren, zu belehren, zu lamentieren, kurzum: abzuschweifen“. Durch dieses Vehikel schafft Moers eine völlig neue Handlungsebene, hebt das Konzept des unzuverlässigen Erzählers auf eine neue Ebene und führt den „Tod des Autors“ gekonnt ad absurdum.

Die Mythenmetz’schen Abschweigungen sind teilweise von der eigentlichen Handlung separiert und dienen dazu, Hildegunst von Mythenmetz als Figur zu etablieren, auch für das weitere Auftauchen in späteren Zamonien-Romanen. Eine nicht geringe Zahl der Abschweifungen kreist um Mythenmetz selbst; hier zeigt Moers seine Vorliebe für die Satire auf den Literaturbetrieb und den Autorenberuf, die in „Die Stadt der Träumenden Bücher“ noch weitaus stärker zutage tritt. Zugleich nutzt Moers die Abschweifungen aber auch, um die Dramaturgie der Haupthandlung zu unterstützen und den Leser in die Irre zu führen. Im ersten Drittel des Romans ist die scheinbar totalitäre Natur Baumings beispielsweise ein immer wiederkehrendes Thema (Stichwort „Brummli“). Das gipfelt in der Enthüllung der Geheimförsterei, mit der Mythenmetz‘ Vorwürfe scheinbar bestätigt werden – das alles kommentiert er eher wie ein Beobachter denn der tatsächliche Autor. Als sich dann jedoch herausstellt, dass die gesamte Episode eine Halluzination war, verschwindet die Thematik „totalitäres Bauming“ völlig, da sie eben nur dazu da war, den Leser zu täuschen. Somit ist Hildegunst von Mythenmetz nicht einfach nur ein unzuverlässiger Erzähler, er ist ein unzuverlässiger Autor.

Auch mit der Märchenthematik hat Moers seine Freude. Märchen zeichnen sich in der allgemeinen Wahrnehmung durch eine geradlinige, einfach Handlung, eine klare Moral und ein Happy-End aus. Gerade diese Wahrnehmung unterläuft Moers meisterhaft, u.a., in dem er die Handlung von „Ensel und Krete“ durch Abschweifungen und Halluzinationen enorm vielschichtig aufbaut und Mythenmetz verkünden lässt, dass sich zamonische Märchen vor allem dadurch auszeichnen, dass sie gerade kein Happy-End haben. Tatsächlich finden sich Happy-Ends nur in Trivialromanen wie der beliebten Serie „Prinz Kaltbluth“. Auch das klare Gut/Böse-Schema des Märchens unterläuft Moers, in dem er die „Hexe“ dieses Märchens als etwas inszeniert, das fast schon an eine Wesenheit Lovecrafts erinnert, eine zurückgebliebene Präsenz der Waldspinnenhexe, die ihrerseits von einem anderen Planeten kommt – nicht von ungefähr erinnert die Konzeption dieser „Hexe“ an Lovecrafts „The Colour out of Space“.

Am Ende von „Ensel und Krete“ findet sich noch die halbe Biographie von Hildegunst von Mythenmetz, über die Moers dem Roman noch eine weitere, dritte Erzählebene hinzufügt, über die Mythenmetz keine Kontrolle hat. Hier greift er das Konzept auf, dass es sich bei „Ensel und Krete“ um einen Roman handelt, den er lediglich aus dem Zamonischen übersetzt hat; somit schafft er zusätzlich zur fiktiven Autorenfigur Hildegunst von Mythenmetz die fiktive Übersetzerfigur Walter Moers. Dieser bewundert Mythenmetz und sein literarisches Genie einerseits und möchte es dem deutschen Publikum zugänglich machen, sieht ihn aber auch kritisch, was sich u.a. daran zeigt, dass die Werke, die in besagter Biographie zitiert werden, primär Mythenmetz-kritisch sind. Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass Moers in dieses halbe Leben des zamonischen Großschriftstellers so ziemlich jedes denkbare Autorenklischee hineinpackt und genüsslich auswalzt.

Fazit: Im Vergleich zu „Ensel und Krete“ war „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ in gewissem Sinne lediglich eine Fingerübung – mit diesem Roman findet Moers zu seinem Stil und treibt die metafiktionalen Spielereien und die erzählerische Doppelbödigkeit auf eine neue Ebene. „Ensel und Krete“ hätte Moers‘ Meisterwerk sein können, wären da nicht die beiden folgenden Zamonien-Romane…

Bildquelle

Siehe auch:
Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär
Der Bücherdrache

Wagner: Der Ring ohne Worte

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Track Listing:

01. Dämmerung des Rheins
02. Einzug der Götter in Walhall
03. Nibelheim
04. Donner
05. Siegmund und Sieglinde
06. Flucht
07. Wotans Wut
08. Ritt der Walküren
09. Wotans Abschied und Feuerzauber
10. Mime
11. Siegfried
12. Waldweben
13. Der Drache
14. Fafners Klagelied
15. Morgenröte
16. Siegfrieds Rheinfahrt
17. Not ist da
18. Siegfried und die Rheintöchter
19. Siegfrieds Tod und Trauermarsch
20. Götterdämmerung

Wer sich tiefergehend mit orchestraler (bzw. leitmotivischer) Filmmusik beschäftigt, kommt an den Werken Richard Wagners irgendwann nicht vorbei. Was die Leitmotivtechnik angeht, nimmt Wagner eine ähnliche Stellung ein wie J.R.R. Tolkien für die Fantasy oder Bram Stoker für die Vampirliteratur. Auch Wagner hat die Leitmotivtechnik nicht erfunden – die Idee, einem Motiv, einer Melodie oder einem Thema eine feststehende Bedeutung zu verleihen, existiert bereits seit dem Mittelalter – aber Wagner legte mit seinen Opern den Grundstein für die moderne Verwendung dieser Technik in der Filmmusik und kann als Pionier für musikalisches Geschichtenerzählen gelten. Im Laufe seiner Karriere als Komponist entfernte er sich immer weiter von der klassischen „Nummernoper“, in der klar abgetrennte Arien und Duette (Terzette, Quartette etc.) sich mit Rezitativen und Dialogen abwechseln. In seiner Entwicklung als Komponist bewegte sich Wagner immer stärker in Richtung durchkomponiertes Werk, das er mit Hilfe von Leitmotiven (Wagner selbst sprach von „Erinnerungsmotiven“) strukturierte. Somit nahm er Aufbau und Struktur des Filmscores bereits vorweg, bevor es den Film überhaupt gab. Wagners Verwendung von Leitmotiven, die Art und Weise, wie er sie nutzte, wie er sie abwandelte und ineinander übergehen ließ, ist heute noch fast unübertroffen. Höhepunkt seines Schaffens ist freilich der vierteilige Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“, bestehend aus den vier Opern „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ – dieses musikalische Gesamtkunstwerk ist die Blaupause, wie man die Leitmotivtechnik richtig einsetzt.

Das Problem an der Sache ist allerdings, dass Wagners „Ring“ nicht gerade zugänglich ist. Die Gesamtaufnahme, die ich mein Eigen nenne, umfasst 14 CDs und ich muss zugeben, dass ich sie sehr selten frequentiere. Das liegt u.a. auch daran, dass ich zwar ein großer Fan von Wagners Leitmotivtechnik bin, mit seinen Gesangspassagen aber nicht allzu viel anfangen kann. Zum Glück gibt es für alle, die vor dem schieren Umfang des Werkes zurückschrecken oder ein ähnliches Problem wie ich haben, eine angenehme Lösung: Das Album „Der Ring ohne Worte“. Der 2014 verstorbene Dirigent Lorin Maazel machte aus dem 16 Stunden dauernden Monumentalwerk ein 75-Minütiges Album, das den Hardcore-Wagnerianer sicher nicht zufriedenstellen wird, aber besonders für Filmmusikfans eine lohnende Anschaffung ist, denn „Der Ring ohne Worte“ funktioniert sehr ähnlich wie ein Score-Album und beinhaltet darüber hinaus die wichtigsten und bekanntesten Highlights des Opern-Zyklus in einer rein orchestralen Fassung. Obwohl natürlich viel gekürzt und weggelassen wurde, bekommt man einen durchaus passenden Eindruck davon, wie Wagner seine Leitmotive etabliert und entwickelt.

Besonders die Entwicklung von Siegfrieds Thema lässt sich schön verfolgen und an ihm zeigt sich, wie komplex Wagner seine Leitmotive anlegt. Rein formal gesehen hat Siegfried sogar zwei Themen, die ihm gelten (sowie einige weitere, an denen er „beteiligt“ ist, beispielsweise ein Liebesthema mit Brünhild). Da wäre zum einen sein Hornruf (erklingt beispielsweise mehrfach in Der Drache, wo er, passend zum Kampf, mit dem Motiv des Drachen Fafner ringt) und zum anderen sein eigentliches, heroisches Thema, das aus zwei anderen Themen während „Die Walküre“ quasi „zusammenwächst“: Wagner nimmt das Motiv des Schwertes Nothung, das in der zweiten Oper von Siegmund geborgen und von Wotan zerstört wird, um in „Siegfried“ neu geschmiedet zu werden (die Entwicklung kommt einem irgendwie bekannt vor) und kombiniert es mit einer Dur-Umkehrung des Themas des titelgebenden Ringes. Die Bedeutung des Themas ist klar: Dies ist der Held, der Nothung führen und das Unheil, das der Ring anrichtet, letztendlich korrigieren wird. Nebenbei ist Siegfrieds Thema auch gleich der Urvater der typischen Heldenthemen in der Filmmusik. Erstmalig ist es in Wotans Abschied gleich zu Beginn zu hören, als Siegfried, zu diesem Zeitpunkt noch ein Fötus im Mutterleib, angekündigt wird. Im weiteren Verlauf wird das Thema dann, etwa bei 4:05 in Morgenröte, immer triumphaler. Die brachialste Variation erklingt schließlich in Siegfrieds Tod und Trauermarsch, in den dem das Leitmotiv ab 3:40 erst vorbereitet wird, bevor es, nach ein, zwei sanfteren Variationen, schließlich in seiner ganzen epischen Breite bei 7:10 erklingt.

Zu den weiteren Highlights des Albums gehören Einzug der Götter in Walhall, das das Walhall-, bzw. Götter-Motiv vorstellt und Wotans Wut, in dem auf beeindruckende Weise der Ritt der Walküren vorbereitet wird, dessen Rhythmus das Stück unterwandert, bis er bei 1:45 ausbricht. In Reinform findet sich der Ritt der Walküren natürlich ebenfalls auf dem Album. In Götterdämmerung schließlich kulminiert alles, der Zuhörer wird noch einmal mit aller Macht durch die diversen Themen geführt, darunter das Loge/Feuer-Motiv, der Ritt der Walküren, Siegfrieds Thema, Siegfrieds und Brünhilds Liebesthema, das Rhein-Motiv, das Walhall-Thema etc.

Wer sich darüber hinaus für die genau Aufschlüsselung und Konstruktion der Leitmotiv-Struktur des „Rings“ interessiert, dem empfehle ich das Hörbuch „Wagners Ring-Motive“ aus der Reihe „Der Klassik(ver)führer“, in dem sie alle en detail erläutert werden.

Fazit: Wer sich immer schon einmal mit dem „Ring des Nibelungen“ beschäftigen wollte, aber vor dem schieren Umfang zurückschreckte, erhält mit „Ring ohne Worte“ die perfekte Gelegenheit, Wagners Opus Magnum kennen zu lernen. Für alle, die sich für die Entwicklung Leitmotivtechnik interessieren, ist dieses Album ohnehin Pflicht.

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