Aquaman – Ausführliche Rezension

Spoiler!
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Nehmen wir gleich zu Beginn die Spannung raus: „Aquaman“ ist nach „Wonder Woman“ der beste DCEU-Film. Über die Qualität dieses Films sagt das an sich natürlich relativ wenig aus, da „Wonder Woman“ bislang der einzige Eintrag in diesem Shared Universe war, den man als gelungen bezeichnen kann. Insofern dürfte es nicht verwundern, dass auch „Aquaman“ einige massive Probleme hat, besonderes bezüglich der Erzählstruktur. Inzwischen ist es dann wohl schon so weit gekommen, dass man einen DC-Film als positiv wahrnimmt, wenn man unterhalten wird und nicht frustriert und enerviert aus dem Kino kommt. Wie dem auch sei, gleiche Vorgehensweise wie üblich, ab hier wird gespoilert.

Handlung
1985 rettet der Leuchtturmwächter Thomas Curry (Temura Morrison) der mysteriösen Atlanna (Nicole Kidman), Königin von Atlantis im Exil, das Leben. Die beiden verlieben sich ineinander und bekommen einen Sohn: Arthur (Jason Momoa). Dieser ist ein Sohn zweier Welten, halb Mensch und halb Atlanter, der sich in keiner der beiden Welten wirklich zurechtfindet. Auch nach seinem Abenteuer mit der Justice League, bei dem er die Erde erfolgreich verteidigt hat, ist es Arthur noch nicht gelungen, seinen Platz in der Welt zu finden. Derweil spitzt sich die Lage zu, denn Arthurs Halbbruder Orm (Patrick Wilson) will die Macht der Meereskönigreiche unter sich vereinen und die Welt der Landbewohner zerstören. Orms Verlobte Mera (Amber Heard) und sein Ratgeber Vulko (Willem Defoe) halten von dieser Absicht allerdings nicht allzu viel und bitten deshalb Arthur um Hilfe – als Atlannas Erstgeborener hat er ebenfalls Anspruch auf den Thron von Atlantis. Eine erste Konfrontation um den Thron mit Orm endet allerdings verheerend, weshalb sich Arthur und Mera auf die Suche nach dem Dreizack des Atlan (Graham McTavish), des mystischen Vorfahren von Arthur, begeben. Ihre Suche führt sie in die Sahara und nach Sizilien, wobei sie von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias Black Manta verfolgt werden, der von Orm angeheuert wurde, aber mit Arthur auch noch ein privates Hühnchen zu rupfen hat…

Ist Aquaman scheiße?
Die Popkultur war in den letzten Jahrzehnten nicht allzu gnädig zu Aquaman. Die Figur existiert bereits seit 1941, wurde aber erst während des Silbernen Zeitalters unter Comicfans populär, als sie ihre eigene Serie bekam und Teil der Justice League wurde. Seinen unrühmlichen Ruf erhielt Arthur primär durch die Zeichentrickserie „Super Friends“, in welcher er, primär wegen seiner Fähigkeit, mit Fischen zu sprechen, als ziemlich inkompetent und nutzlos dargestellt wurde. Diese Interpretation der Figur wurde in anderen Medien nur allzu gerne aufgegriffen und noch weiter überzeichnet, sei es „Family Guy“, „The Big Bang Theory“ oder „Southpark“. Mein erster Eindruck von Aquaman war allerdings ein völliger anderer.

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Orm, der Ocean Master (Patrick Wilson)

Wie so viele DC-Helden wurde auch Aquaman in den 90ern drastisch verändert. Unter der Ägide von Autor Peter David verlor der König von Atlantis eine Hand, die der durch eine Harpune ersetzte, bekam lange Haare, einen Bart und tauschte das orange-grüne Outfit gegen eine schwarze Hose und eine Teilrüstung. Aquaman entwickelte sich zu einem stolzen, grimmigen und mitunter fast schon mürrischen Charakter. Leider habe ich Peter Davids Aquaman-Run bis heute nicht gelesen (er steht auf meiner Liste), aber diese Version der Figur tauchte auch in Grant Morrisons „JLA“ auf und so lernte ich sie kennen. Auch in der Zeichentrickserie „Justice League“ bzw. „Justice League Unlimited” orientierte man sich, im Unterschied zu seinem Gastauftritt in „Superman: The Animated Series“, an der Peter-David-Version, sogar der Verlust der Hand wurde im Verlauf der Serie integriert. Dieser Aquaman der 90er und frühen 2000er ist „mein“ Aquaman, weshalb sein popkultureller Status als nutzloser Held mir immer merkwürdig und ungerechtfertigt vorkam, da ich ihn als ziemlichen Bad-Ass kennen lernte.

Im Verlauf der 2000er kehrte man zwar wieder zum klassischen Kurzhaar-Look und dem orange-grünen Kostüm zurück, bemühte sich aber, viele Elemente der Peter-David-Charakterisierung beizubehalten. Der von Jason Momoa dargestellte Arthur hat charakterlich tatsächlich nicht so viel mit Peter Davids Version der Figur gemein, der haarig Look als gezielte Entfernung vom Saubermann mit den kurzen Haaren ist aber definitiv auf diese Version der Figur zurückzuführen. Ansonsten basiert der aktuelle Film primär auf Geoff Johns‘ New-52-Aquaman-Run.

Ausgelutschte Innovation

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Mera (Amber Heard)

Im Kontext des DCEU ist „Aquaman“ ein durchaus innovativer Film, der sich stark von den Anfängen und den Snyderismen distanziert. „Grimm and Gritty“ ist hier endgültig Geschichte, ebenso wie der ausgewaschene graublaue Look, der das DCEU in den frühen Filmen definierte, denn „Aquaman“ ist knallig bunt, selbstironisch und hat keinerlei Scheu, die extravaganteren Elemente der Comics zu integrieren. Das zeigt sich schon an den Kostümen: Wo man früher fast panische Angst davor hatte, die überdrehten bzw., in Ermangelung eines besseren Wortes, „comichaften“ Kostüme vorlagengetreu umzusetzen, macht Regisseur James Wan hier nun keine Kompromisse mehr: Orm, Black Manta, Mera – sie alle sehen so aus, als wären die Comiczeichnungen einfach lebendig geworden. Sogar Aquaman selbst tritt am Ende im orange-grünen Dress auf – und das nicht in einer gedeckten Form, wie es bei Superman in „Man of Steel“ der Fall war. Das ist freilich alles etwas kitschig, ein wenig trashig, gefällt mir aber ausnehmend gut, denn es kann im richtigen Kontext wunderbar funktionieren. Dieser Trend setzt sich auch bei der Namensnennung fort: Bisher wurde Wonder Woman beispielsweise in keinem der DCEU-Filme mit ihrem Superheldennamen angesprochen, und auch sonst war man diesbezüglich äußerst zurückhaltend. Nicht so hier: Aquaman wird auch so genannt (ich bin sicher, unter Zack Snyder hätte es das nicht gegeben) und sowohl Orm bzw. der Ocean Master als auch Black Manta bekennen sich stolz zu ihren Identitäten. „Aquaman“ ist ohnehin nur bedingt ein Superheldenfilm und lässt diverse genretypische Elemente aus oder baut sie nur am Rande ein. Dies ist zugleich eine der größten Stärken und Schwächen des Films, denn die Innovativität zeigt sich nur im Kontext des DCEU. Ansonsten kommt einem die Handlungsentwicklung sehr bekannt vor.

„Aquaman“ ist eine typische König-im Exil-Story, die auf diese Weise schon allzu oft erzählt wurde, sei es bei König Artus, Aragorn oder Thor, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Auch zur Handlung von „Black Panther“ gibt es mehr als nur ein paar Parallelen. Der zweite Akt, der sich primär mit der Jagd nach dem Dreizack beschäftigt, erinnert zudem an „Indiana Jones“. In seiner Action, den diversen Set-Pieces, der Gestaltung der Unterwasserwelt etc. ist „Aquaman“ wirklich ziemlich kreativ und weiß einiges an Schauwerten aufzufahren. Im Grunde handelt es sich um die Live-Action-Version eines ziemlich überdrehten Samstag-Vormittag-Cartoons, und das ist wirklich verdammt unterhaltsam. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass gerade der erste Akt mit Exposition überladen ist und zumindest mir die Versatzstücke der Handlung immer ein wenig zu bekannt vorkamen.

Figuren
Das Drehbuch ist nun wirklich nicht die größte Stärke des Films, die Figuren sind insgesamt bestenfalls funktional, tiefere Einblicke in ihre Persönlichkeit werden eher vermieden. Wie bereits erwähnt handelt es sich um eine typische König-im Exil-Story, und dementsprechend verhält sich auch der Titelheld. Arthur ist eigentlich ein angenehmer Typ, der das Richtige tun und anderen helfen, dabei aber nicht unbedingt Verantwortung übernehmen will. Am Regieren eines Königreichs hat er freilich überhaupt kein Interesse. Auch Mera und Vulko bleiben als Figuren ziemlich konservativ und füllen primär ihre stereotypen Rollen aus. „Aquaman“ lebt zu einem großen Teil von Jason Momoas Charisma und Spielfreude sowie zwischen der Chemie von ihm und Amber Heard. Die Beziehung von Arthur und Mera ist dabei ziemlich ähnlich konzipiert wie die von Han und Leia: Die beiden kabbeln sich die ganze Zeit und denken, sie mögen sich nicht, bis sie sich dann eben doch mögen und schätzen lernen. Die romantische Kulisse Siziliens und die eine oder andere gegenseitige Lebensrettung tun ihr übriges.

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Black Manta (Yahya Abdul Mateen II)

Orm dürfte der bislang beste Schurke des DCEU sein, mit Ausnahme von General Zod vielleicht. Auch dieses Kompliment ist mit Vorsicht zu genießen, denn angesichts dessen, was in den anderen Filmen dieses Franchise bislang an der Antagonistenfront fabriziert wurde ist nun wirklich nicht rühmlich. Der Ocean Master ist keine CGI-Monstrosität, kein uninteressanter Twist-Schurke und auch nicht völlig daneben wie Jesse Eisenbergs Lex Luthor oder Jared Letos Joker. Orm ist ein funktionaler Schurke mit klarer Motivation, der zwar unterentwickelt bleibt, aber doch zumindest in Ansätzen nachvollziehbar ist. Ähnliches lässt sich auch über Black Manta sagen, wobei dieser größtenteils verschenkt wird zu offensichtlich eine Fortsetzung vorbereitet.

„Aquaman“ und das DCEU
Rein formal ist „Aquaman“ nach „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice”, „Suicide Squad“, „Wonder Woman“ und „Justice League“ der sechste Film des DC Extended Universe (das diesen Namen zwar nicht mehr offiziell trägt, aber trotzdem noch von allen so bezeichnet wird). Nachdem sich „Justice League“ jedoch als Flop erwies, beschloss man wohl, so gut wie jede Verbindung zum größeren DC-Universum zu kappen. Steppenwolf und der Kampf gegen ihn wird einmal in einem Halbsatz erwähnt, das war es dann aber auch schon. Wer auf den Gastauftritt eines Justice-League-Mitglieds hofft, wird enttäuscht, jedes Element des Films gehört ausschließlich zu Aquamans Sub-Kosmos des DC-Universums. Es gibt nur eine Ausnahme: Der Ort, an dem sich der Dreizack befindet, wird im Film zwar nicht benannt, erinnert mit seinen Dinosauriern aber an Skatarsis, ein Fantasy-Setting innerhalb des DC-Universums, das sich meistens im inneren der hohlen Erde befindet. Dieses hat mit Aquaman nicht direkt etwas zu tun, da es bislang aber nicht als Teil des DCEU etabliert wurde, macht das eigentlich keinen Unterschied. Warner scheint derzeit einer „Pick-and-Choose-Politik“ zu folgen: Was funktioniert und gut ankommt (Wonder Woman insgesamt, Jason Momoa als Aquaman, Margot Robbie als Harley Quinn etc.) wird mitgenommen, der Rest wird nach Gutdünken ignoriert oder abgeändert. Wie üblich scheint Warner dabei ohne wirklichen Plan vorzugehen – nach wie vor ist nicht klar, ob man Henry Cavill und Ben Affleck noch einmal als Superman und Batman sehen wird, ob Matt Reeves „The Batman“ Teil des DCEU sein wird oder ob jemals wieder ein Superheldentreffen in diesem Kontext stattfindet.

Der Score
Nach „Wonder Woman“ darf Rupert Gregson-Williams nun schon zum zweiten Mal ein Justice-League-Mitglied vertonen, auf das Hans Zimmer anscheinend keinen Bock hat – interessanterweise wird Zimmer selbst die Musik für das Wonder-Woman-Sequel schreiben. Dieses Mal gibt kein vorgefertigtes Zimmer-Thema, das Gregson-Williams aus Kontinuitäts- und Marketinggründen hätte einbauen müssen. Freilich hat Danny Elfman ein Motiv für Aquaman in „Justice League“ komponiert, aber da dieser Score ohnehin einen schlechten Ruf hat (völlig zu Unrecht, wie ich noch einmal betonen möchte), dürfte es bei der Konzeption keine Rolle gespielt haben.

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Aquaman (Jason Momoa) im klassischen Outfit

Stattdessen fallen gewisse Parallelen zu „Thor: Ragnarök“ auf. Gregson-Williams kombiniert hier den Zimmer-Stil der 90er, der von großangelegten, melodisch eher simplen Power-Hymnen dominiert wurde, mit einigen Elementen des 2010er-Zimmer-Stils, die bereits in „Man of Steel“ oder „Mad Max: Fury Road“ zum Einsatz kamen, sowie Elektronik und Synth-Elemente, die, verstärkt von der Präsenz Dolph Lundgrens, einen deutlichen 80er-Vibe verströmen und an Mark Motherbaughs Thor-Score erinnern. Es ist vor allem die Unterwasserwelt in ihrer Fremdheit, die durch die synthetischen und elektronischen Bestandteile repräsentiert wird, während in den Szenen an Land vornehmlich das Orchester dominiert. Gregson-Williams spendiert den Figuren auch einige Themen; Aquaman erhält eine der oben erwähnten Power-Hymnen, während Orm und Black Manta durch sehr eindeutig schurkische Motive voller dröhnender Blechbläser repräsentiert werden. Der Score weiß durchaus zu gefallen und besticht, ähnlich wie der Film, durch seine überdrehte Natur. Im Vergleich zu „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Suicide Squad“ behauptet er sich spielend, da er im Gegensatz zu diesen drei Scores schlicht den höchsten Unterhaltungsfaktor hat, er ist aber schwächer als die besser und detailreicher komponierten Soundtracks von „Wonder Woman“ und „Justice League“. Ein Element, das leider überhaupt nicht funktioniert, ist die Platzierung diverser Songs, die abermals versucht, an den Erfolg von „Guardians of the Galaxy“ anzuknüpfen, aber nur fehl am Platz wirkt. Das Hip-Hop-Cover von Totos Africa mit dem Titel Ocean to Ocean ist einfach nur bizarr.

Fazit: „Aquaman“ ist ein überaus unterhaltsamer und kurzweiliger Live-Action-Cartoon, der vor allem von der Spielfreude seines Hauptdarstellers lebt, aber an übermäßiger Exposition, einer zu langen Laufzeit und einer Story, die schon ein paar Mal zu oft erzählt wurde, leidet. Insgesamt haben wir hier einen großen, dummen, lauten und bunten Film, der genau weiß, was er ist und deshalb funktioniert.

Trailer

Bildquelle

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