Aquaman – Ausführliche Rezension

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Nehmen wir gleich zu Beginn die Spannung raus: „Aquaman“ ist nach „Wonder Woman“ der beste DCEU-Film. Über die Qualität dieses Films sagt das an sich natürlich relativ wenig aus, da „Wonder Woman“ bislang der einzige Eintrag in diesem Shared Universe war, den man als gelungen bezeichnen kann. Insofern dürfte es nicht verwundern, dass auch „Aquaman“ einige massive Probleme hat, besonderes bezüglich der Erzählstruktur. Inzwischen ist es dann wohl schon so weit gekommen, dass man einen DC-Film als positiv wahrnimmt, wenn man unterhalten wird und nicht frustriert und enerviert aus dem Kino kommt. Wie dem auch sei, gleiche Vorgehensweise wie üblich, ab hier wird gespoilert.

Handlung
1985 rettet der Leuchtturmwächter Thomas Curry (Temura Morrison) der mysteriösen Atlanna (Nicole Kidman), Königin von Atlantis im Exil, das Leben. Die beiden verlieben sich ineinander und bekommen einen Sohn: Arthur (Jason Momoa). Dieser ist ein Sohn zweier Welten, halb Mensch und halb Atlanter, der sich in keiner der beiden Welten wirklich zurechtfindet. Auch nach seinem Abenteuer mit der Justice League, bei dem er die Erde erfolgreich verteidigt hat, ist es Arthur noch nicht gelungen, seinen Platz in der Welt zu finden. Derweil spitzt sich die Lage zu, denn Arthurs Halbbruder Orm (Patrick Wilson) will die Macht der Meereskönigreiche unter sich vereinen und die Welt der Landbewohner zerstören. Orms Verlobte Mera (Amber Heard) und sein Ratgeber Vulko (Willem Defoe) halten von dieser Absicht allerdings nicht allzu viel und bitten deshalb Arthur um Hilfe – als Atlannas Erstgeborener hat er ebenfalls Anspruch auf den Thron von Atlantis. Eine erste Konfrontation um den Thron mit Orm endet allerdings verheerend, weshalb sich Arthur und Mera auf die Suche nach dem Dreizack des Atlan (Graham McTavish), des mystischen Vorfahren von Arthur, begeben. Ihre Suche führt sie in die Sahara und nach Sizilien, wobei sie von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias Black Manta verfolgt werden, der von Orm angeheuert wurde, aber mit Arthur auch noch ein privates Hühnchen zu rupfen hat…

Ist Aquaman scheiße?
Die Popkultur war in den letzten Jahrzehnten nicht allzu gnädig zu Aquaman. Die Figur existiert bereits seit 1941, wurde aber erst während des Silbernen Zeitalters unter Comicfans populär, als sie ihre eigene Serie bekam und Teil der Justice League wurde. Seinen unrühmlichen Ruf erhielt Arthur primär durch die Zeichentrickserie „Super Friends“, in welcher er, primär wegen seiner Fähigkeit, mit Fischen zu sprechen, als ziemlich inkompetent und nutzlos dargestellt wurde. Diese Interpretation der Figur wurde in anderen Medien nur allzu gerne aufgegriffen und noch weiter überzeichnet, sei es „Family Guy“, „The Big Bang Theory“ oder „Southpark“. Mein erster Eindruck von Aquaman war allerdings ein völliger anderer.

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Orm, der Ocean Master (Patrick Wilson)

Wie so viele DC-Helden wurde auch Aquaman in den 90ern drastisch verändert. Unter der Ägide von Autor Peter David verlor der König von Atlantis eine Hand, die der durch eine Harpune ersetzte, bekam lange Haare, einen Bart und tauschte das orange-grüne Outfit gegen eine schwarze Hose und eine Teilrüstung. Aquaman entwickelte sich zu einem stolzen, grimmigen und mitunter fast schon mürrischen Charakter. Leider habe ich Peter Davids Aquaman-Run bis heute nicht gelesen (er steht auf meiner Liste), aber diese Version der Figur tauchte auch in Grant Morrisons „JLA“ auf und so lernte ich sie kennen. Auch in der Zeichentrickserie „Justice League“ bzw. „Justice League Unlimited” orientierte man sich, im Unterschied zu seinem Gastauftritt in „Superman: The Animated Series“, an der Peter-David-Version, sogar der Verlust der Hand wurde im Verlauf der Serie integriert. Dieser Aquaman der 90er und frühen 2000er ist „mein“ Aquaman, weshalb sein popkultureller Status als nutzloser Held mir immer merkwürdig und ungerechtfertigt vorkam, da ich ihn als ziemlichen Bad-Ass kennen lernte.

Im Verlauf der 2000er kehrte man zwar wieder zum klassischen Kurzhaar-Look und dem orange-grünen Kostüm zurück, bemühte sich aber, viele Elemente der Peter-David-Charakterisierung beizubehalten. Der von Jason Momoa dargestellte Arthur hat charakterlich tatsächlich nicht so viel mit Peter Davids Version der Figur gemein, der haarig Look als gezielte Entfernung vom Saubermann mit den kurzen Haaren ist aber definitiv auf diese Version der Figur zurückzuführen. Ansonsten basiert der aktuelle Film primär auf Geoff Johns‘ New-52-Aquaman-Run.

Ausgelutschte Innovation

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Mera (Amber Heard)

Im Kontext des DCEU ist „Aquaman“ ein durchaus innovativer Film, der sich stark von den Anfängen und den Snyderismen distanziert. „Grimm and Gritty“ ist hier endgültig Geschichte, ebenso wie der ausgewaschene graublaue Look, der das DCEU in den frühen Filmen definierte, denn „Aquaman“ ist knallig bunt, selbstironisch und hat keinerlei Scheu, die extravaganteren Elemente der Comics zu integrieren. Das zeigt sich schon an den Kostümen: Wo man früher fast panische Angst davor hatte, die überdrehten bzw., in Ermangelung eines besseren Wortes, „comichaften“ Kostüme vorlagengetreu umzusetzen, macht Regisseur James Wan hier nun keine Kompromisse mehr: Orm, Black Manta, Mera – sie alle sehen so aus, als wären die Comiczeichnungen einfach lebendig geworden. Sogar Aquaman selbst tritt am Ende im orange-grünen Dress auf – und das nicht in einer gedeckten Form, wie es bei Superman in „Man of Steel“ der Fall war. Das ist freilich alles etwas kitschig, ein wenig trashig, gefällt mir aber ausnehmend gut, denn es kann im richtigen Kontext wunderbar funktionieren. Dieser Trend setzt sich auch bei der Namensnennung fort: Bisher wurde Wonder Woman beispielsweise in keinem der DCEU-Filme mit ihrem Superheldennamen angesprochen, und auch sonst war man diesbezüglich äußerst zurückhaltend. Nicht so hier: Aquaman wird auch so genannt (ich bin sicher, unter Zack Snyder hätte es das nicht gegeben) und sowohl Orm bzw. der Ocean Master als auch Black Manta bekennen sich stolz zu ihren Identitäten. „Aquaman“ ist ohnehin nur bedingt ein Superheldenfilm und lässt diverse genretypische Elemente aus oder baut sie nur am Rande ein. Dies ist zugleich eine der größten Stärken und Schwächen des Films, denn die Innovativität zeigt sich nur im Kontext des DCEU. Ansonsten kommt einem die Handlungsentwicklung sehr bekannt vor.

„Aquaman“ ist eine typische König-im Exil-Story, die auf diese Weise schon allzu oft erzählt wurde, sei es bei König Artus, Aragorn oder Thor, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Auch zur Handlung von „Black Panther“ gibt es mehr als nur ein paar Parallelen. Der zweite Akt, der sich primär mit der Jagd nach dem Dreizack beschäftigt, erinnert zudem an „Indiana Jones“. In seiner Action, den diversen Set-Pieces, der Gestaltung der Unterwasserwelt etc. ist „Aquaman“ wirklich ziemlich kreativ und weiß einiges an Schauwerten aufzufahren. Im Grunde handelt es sich um die Live-Action-Version eines ziemlich überdrehten Samstag-Vormittag-Cartoons, und das ist wirklich verdammt unterhaltsam. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass gerade der erste Akt mit Exposition überladen ist und zumindest mir die Versatzstücke der Handlung immer ein wenig zu bekannt vorkamen.

Figuren
Das Drehbuch ist nun wirklich nicht die größte Stärke des Films, die Figuren sind insgesamt bestenfalls funktional, tiefere Einblicke in ihre Persönlichkeit werden eher vermieden. Wie bereits erwähnt handelt es sich um eine typische König-im Exil-Story, und dementsprechend verhält sich auch der Titelheld. Arthur ist eigentlich ein angenehmer Typ, der das Richtige tun und anderen helfen, dabei aber nicht unbedingt Verantwortung übernehmen will. Am Regieren eines Königreichs hat er freilich überhaupt kein Interesse. Auch Mera und Vulko bleiben als Figuren ziemlich konservativ und füllen primär ihre stereotypen Rollen aus. „Aquaman“ lebt zu einem großen Teil von Jason Momoas Charisma und Spielfreude sowie zwischen der Chemie von ihm und Amber Heard. Die Beziehung von Arthur und Mera ist dabei ziemlich ähnlich konzipiert wie die von Han und Leia: Die beiden kabbeln sich die ganze Zeit und denken, sie mögen sich nicht, bis sie sich dann eben doch mögen und schätzen lernen. Die romantische Kulisse Siziliens und die eine oder andere gegenseitige Lebensrettung tun ihr übriges.

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Black Manta (Yahya Abdul Mateen II)

Orm dürfte der bislang beste Schurke des DCEU sein, mit Ausnahme von General Zod vielleicht. Auch dieses Kompliment ist mit Vorsicht zu genießen, denn angesichts dessen, was in den anderen Filmen dieses Franchise bislang an der Antagonistenfront fabriziert wurde ist nun wirklich nicht rühmlich. Der Ocean Master ist keine CGI-Monstrosität, kein uninteressanter Twist-Schurke und auch nicht völlig daneben wie Jesse Eisenbergs Lex Luthor oder Jared Letos Joker. Orm ist ein funktionaler Schurke mit klarer Motivation, der zwar unterentwickelt bleibt, aber doch zumindest in Ansätzen nachvollziehbar ist. Ähnliches lässt sich auch über Black Manta sagen, wobei dieser größtenteils verschenkt wird zu offensichtlich eine Fortsetzung vorbereitet.

„Aquaman“ und das DCEU
Rein formal ist „Aquaman“ nach „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice”, „Suicide Squad“, „Wonder Woman“ und „Justice League“ der sechste Film des DC Extended Universe (das diesen Namen zwar nicht mehr offiziell trägt, aber trotzdem noch von allen so bezeichnet wird). Nachdem sich „Justice League“ jedoch als Flop erwies, beschloss man wohl, so gut wie jede Verbindung zum größeren DC-Universum zu kappen. Steppenwolf und der Kampf gegen ihn wird einmal in einem Halbsatz erwähnt, das war es dann aber auch schon. Wer auf den Gastauftritt eines Justice-League-Mitglieds hofft, wird enttäuscht, jedes Element des Films gehört ausschließlich zu Aquamans Sub-Kosmos des DC-Universums. Es gibt nur eine Ausnahme: Der Ort, an dem sich der Dreizack befindet, wird im Film zwar nicht benannt, erinnert mit seinen Dinosauriern aber an Skatarsis, ein Fantasy-Setting innerhalb des DC-Universums, das sich meistens im inneren der hohlen Erde befindet. Dieses hat mit Aquaman nicht direkt etwas zu tun, da es bislang aber nicht als Teil des DCEU etabliert wurde, macht das eigentlich keinen Unterschied. Warner scheint derzeit einer „Pick-and-Choose-Politik“ zu folgen: Was funktioniert und gut ankommt (Wonder Woman insgesamt, Jason Momoa als Aquaman, Margot Robbie als Harley Quinn etc.) wird mitgenommen, der Rest wird nach Gutdünken ignoriert oder abgeändert. Wie üblich scheint Warner dabei ohne wirklichen Plan vorzugehen – nach wie vor ist nicht klar, ob man Henry Cavill und Ben Affleck noch einmal als Superman und Batman sehen wird, ob Matt Reeves „The Batman“ Teil des DCEU sein wird oder ob jemals wieder ein Superheldentreffen in diesem Kontext stattfindet.

Der Score
Nach „Wonder Woman“ darf Rupert Gregson-Williams nun schon zum zweiten Mal ein Justice-League-Mitglied vertonen, auf das Hans Zimmer anscheinend keinen Bock hat – interessanterweise wird Zimmer selbst die Musik für das Wonder-Woman-Sequel schreiben. Dieses Mal gibt kein vorgefertigtes Zimmer-Thema, das Gregson-Williams aus Kontinuitäts- und Marketinggründen hätte einbauen müssen. Freilich hat Danny Elfman ein Motiv für Aquaman in „Justice League“ komponiert, aber da dieser Score ohnehin einen schlechten Ruf hat (völlig zu Unrecht, wie ich noch einmal betonen möchte), dürfte es bei der Konzeption keine Rolle gespielt haben.

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Aquaman (Jason Momoa) im klassischen Outfit

Stattdessen fallen gewisse Parallelen zu „Thor: Ragnarök“ auf. Gregson-Williams kombiniert hier den Zimmer-Stil der 90er, der von großangelegten, melodisch eher simplen Power-Hymnen dominiert wurde, mit einigen Elementen des 2010er-Zimmer-Stils, die bereits in „Man of Steel“ oder „Mad Max: Fury Road“ zum Einsatz kamen, sowie Elektronik und Synth-Elemente, die, verstärkt von der Präsenz Dolph Lundgrens, einen deutlichen 80er-Vibe verströmen und an Mark Motherbaughs Thor-Score erinnern. Es ist vor allem die Unterwasserwelt in ihrer Fremdheit, die durch die synthetischen und elektronischen Bestandteile repräsentiert wird, während in den Szenen an Land vornehmlich das Orchester dominiert. Gregson-Williams spendiert den Figuren auch einige Themen; Aquaman erhält eine der oben erwähnten Power-Hymnen, während Orm und Black Manta durch sehr eindeutig schurkische Motive voller dröhnender Blechbläser repräsentiert werden. Der Score weiß durchaus zu gefallen und besticht, ähnlich wie der Film, durch seine überdrehte Natur. Im Vergleich zu „Man of Steel“, „Batman v Superman: Dawn of Justice“ und „Suicide Squad“ behauptet er sich spielend, da er im Gegensatz zu diesen drei Scores schlicht den höchsten Unterhaltungsfaktor hat, er ist aber schwächer als die besser und detailreicher komponierten Soundtracks von „Wonder Woman“ und „Justice League“. Ein Element, das leider überhaupt nicht funktioniert, ist die Platzierung diverser Songs, die abermals versucht, an den Erfolg von „Guardians of the Galaxy“ anzuknüpfen, aber nur fehl am Platz wirkt. Das Hip-Hop-Cover von Totos Africa mit dem Titel Ocean to Ocean ist einfach nur bizarr.

Fazit: „Aquaman“ ist ein überaus unterhaltsamer und kurzweiliger Live-Action-Cartoon, der vor allem von der Spielfreude seines Hauptdarstellers lebt, aber an übermäßiger Exposition, einer zu langen Laufzeit und einer Story, die schon ein paar Mal zu oft erzählt wurde, leidet. Insgesamt haben wir hier einen großen, dummen, lauten und bunten Film, der genau weiß, was er ist und deshalb funktioniert.

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Daredevil Staffel 3

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season 3
Nach anfänglicher Euphorie musste man leider bald feststellen, dass bei weitem nicht alles, was aus der Marvel/Netflix-Kooperation entspringt, dem hohen Standard entspricht, den die erste Staffel von „Daredevil“ vorgab. Besagte erste Staffel war 2015 eine regelrechte Offenbarung: Hier wurde gezeigt, dass es im MCU auch anders geht. Und während zeitgenössische Superhelden-Serien wie „Arrow“ daran scheiterten, die Düsternis von „The Dark Knight“ weiterzuführen, ohne einfach nur dessen Stilmittel zu kopieren, gelang „Daredevil“ dieses Kunststück beinahe mühelos. Schon bei der zweiten Staffel schaffte man es aber nicht mehr, vollständig an diese Qualitäten anzuknüpfen. Während der Handlungsstrang um den Punisher vollauf zu überzeugen wusste, waren Matt Murdocks Auseinandersetzungen mit Elektra und der „Hand“ bestenfalls bedingt unterhaltsam und mitunter einfach nur uninteressant. Eine der größten Stärken der ersten Staffel war der Fokus, alles konzentrierte sich auf den Konflikt zwischen Matt Murdock und Wilson Fisk. Die Handlungsstränge in Staffel 2 schafften es dagegen nie, ein großes Ganzes zu bilden.

Auch die anderen Serien, die diesem Deal entstammen, erwiesen sich als „Mixed Bag“. „Jessica Jones“ Staffel 1 war durchaus gelungen (nicht zuletzt dank David Tennants Kilgrave), aber bei weitem nicht so mitreißend wie das Daredevil-Gegenstück. Ich muss auch gestehen, „Luke Cage“, „Iron Fist“ und „The Punisher“ habe ich aus Mangel an Zeit und/oder Interesse bis heute nicht gesehen (wobei „The Punisher“ definitiv noch Pflichtprogramm ist). „The Defenders“ war durchaus kurzweilig und amüsant, vor allem was das Zusammenspiel der vier Helden angeht, litt aber unter ähnlichen Schwächen wie die zweite Daredevil-Staffel: Die Ninjas der „Hand“ sind einfach nicht interessant. Nun scheint es, als neige sich die Ära Marvel/Netflix dem Ende zu. „Iron Fist“, „Luke Cage“ und „Daredevil“ wurden bereits abgesetzt, bei „Jessica Jones“ und „The Punisher“ stehen jeweils noch eine Staffel aus, doch auch deren Absetzung scheint relativ sicher. Die gute Nachricht dabei ist allerdings, dass „Daredevil“ Staffel 3 vollauf zu überzeugen weiß und an die Qualitäten der ersten Staffel anknüpft.

Handlung
Nach der Auseinandersetzung mit der „Hand“ wird Matt Murdock (Charlie Cox) von seinen Freunden Karen (Deborah Ann Woll) und Foggy Nelson (Elden Henson) für tot gehalten, im Geheimen jedoch von Schwester Maggie Grace (Joanne Whalley) gesund gepflegt. Derweil beschließt der immer noch im Gefängnis sitzende Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio), mit dem FBI einen Deal zu machen, um seine Geliebte Vanessa (Ayelet Zurer) zu beschützen. Agent Ray Nadeem (Jay Ali), der dringend einen Karriereschub braucht, um seine Familie versorgen zu können, fungiert als Vermittler. Fisk soll vom Gefängnis in ein streng bewachtes Penthouse verlegt werden, wird auf dem Weg jedoch von Rivalen angegriffen. Er und Nadeem überleben nur aufgrund des Eingreifens von Agent Poindexter (Wilson Bethel). Während Matt mit seinem Glauben ringt und langsam zu seinem Vigilantentum zurückkehrt, beginnt Wilson Fisk damit, die Situation zu seinem Vorteil zu nutzen: Nicht nur gelingt es ihm, durch subtile Manipulation langsam die Kontrolle über das FBI zu übernehmen, er schafft es auch, den ebenso tödlichen wie psychisch schwer angeschlagenen Benjamin Poindexter auf seine Seite zu ziehen und ihn dazu zu bringen, in einem Daredevil-Kostüm für ihn zu töten. Während sich die Öffentlichkeit gegen den einstmals gefeierten Vigilanten wendet, wird Wilson Fisk endgültig zum „Kingpin des Verbrechens“ in New York…

Back to the Roots
Wie bereits erwähnt besinnt sich die dritte Staffel in vielerlei Hinsicht auf die Stärken der ersten. Wie schon bei dieser steht der Konflikt zwischen und die parallele Entwicklung von Matt Murdock und Wilson Fisk im Vordergrund, während ein weiterer Ausbau des Defenders-Universums nicht erfolgt – nicht einmal Gastauftritte gibt es, in der letzten Folge wird Jessica Jones einmal erwähnt, das war es dann aber auch schon mit den Referenzen. Selbst beim Kostüm kehren die kreativen Köpfe von Netflix zur ersten Staffel zurück, denn Matt trägt wieder den schlichten schwarzen Ursprungslook, während das rote Kostüm nur von Agent Poindexter getragen wird.

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Matt Murdock (Charlie Cox) back in black

Apropos Agent Poindexter, bei ihm handelt es sich tatsächlich um eine Version des klassischen Daredevil-Widersachers Bullseye, der seinerzeit im Affleck-Film von Colin Farrell dargestellt wurde – Benjamin Poindexter ist ein Deckname, den Bullseye in den Comics häufiger verwendet, es handelt sich dabei aber wohl nicht um seinen echten Namen. Mit der Comicversion hat Poindexter vor allem die Treffsicherheit und einige psychische Probleme gemein, davon abgesehen handelt es sich im Grunde aber um eine neue Figur, die mit dem klassischen Bullseye kaum etwas zu tun hat und in der Serie weder unter diesem Namen agiert, noch das klassische schwarze Kostüm trägt. In anderer Hinsicht kommt Staffel 3 der Vorlage allerdings wieder näher: Wilson Fisk schlüpft endlich in seinen ikonischen weißen Anzug und wird zum ersten Mal tatsächlich als „Kingpin“ bezeichnet.

Inhaltlich erzählt Staffel 3 primär eine eigene Story, die sich jedoch immer wieder Elemente aus Frank Millers und David Mazzuchellis „Daredevil: Born Again“ borgt. Bei diesem fünfteiligen Handlungsbogen der regulären Daredevil-Serie (erschienen in den Ausgaben 227-233 im Jahr 1986) handelt es sich um eine der essentiellen Geschichten des Charakters. Zu den Elementen, die übernommen wurden, gehören die Nonne, die Daredevil nach einer Verletzung gesund pflegt und in Wahrheit seine Mutter ist, ein Verrückter im Daredevil-Kostüm und die Versuche des Kingspins, Matt auf jede erdenkliche Art zu ruinieren (wobei der Fokus im Comic eindeutig auf diesem Handlungselement liegt). Auch die Karen-Page-Episode erinnert ein wenig an das, was mit ihr in „Born Again“ passiert bzw. passiert ist.

Figuren und Handlungsentwicklung
Gerade bei den Figuren zeigt sich, wie gelungen Staffel 3 ist. Hier wird mit zwei Gegensatzpaaren gearbeitet: Zum einen sind das natürlich Matt Murdoch und Wilson Fisk. Beide befinden sich zu Beginn der Handlung an einem Tiefpunkt und beide arbeiten im Verlauf der Staffel daran, zu ihrem alten Status zurückzukehren, was Fisk letztendlich deutlich besser gelingt. Dennoch wünscht man als Zuschauer nicht nur Matt, sondern auch seinem Widersacher Erfolg. Nach wie vor ist der Kingpin eine derart einnehmende Figur, dass man gebannt seinem Handlungsstrang folgt, sich freut, als er mit Mariana endlich wiedervereint ist und traurig ist, wenn er am Ende besiegt wird.

Unter anderem werden auch die moralischen Fragen aus der zweiten Staffel wieder aufgegriffen: Hier wurde Daredevil mit dem Punisher konfrontiert, der, anders als Matt, nicht davor zurückschreckt, Verbrecher gnadenlos hinzurichten. Matt beschließt hier nun, dass Kingpin ihm genug angetan hat und beschließt, ihn zu töten. Am Ende jedoch erkennt er, dass es falsch wäre und kann schließlich in mehr als einer Hinsicht zu sich selbst zurückkehren.

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Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio) 

Das zweite Gegensatzpaar sind die FBI-Agenten Nadeem und Poindexter, die sich beide in Abhängigkeit zu Wilson Fisk begeben. Ersterer meint, dass es nötig sei, um seine Familie zu unterstützen. Durch diese Aktion bringt er seine Familie allerdings in Gefahr und macht sich zum Komplizen. Poindexter derweil leidet an einer Borderline-Persönlichkeitsströung und sucht immer nach einem „Nordstern“, an dem er sich orientieren kann und der ihm sagt, was richtig ist. Ursprünglich war dies seine Therapeutin, doch im Verlauf der Staffel wird es Fisk. Sowohl Poindexter als auch Nadeem sagen sich am Ende vom Kingpin auf unterschiedliche Weise los, Nadeem schafft es, sich zu rehabilitieren, verliert dabei aber sein Leben, während Poindexter sich seinen Rachegelüsten ergibt.

Auch die anderen Figuren kommen nicht zu kurz. Vanessa hat nur am Ende einen Auftritt, der jedoch nichts desto trotz eindringlich ausfällt und ihre Charakterisierung gekonnt unterstreicht. Foggy und Karen dagegen haben ihre eigenen, sekundären Handlungsstränge, die trotz allem gut zum Gesamtbild passen. Vor allem Karen wird noch einmal in den Mittelpunkt gerückt, sie wird gezwungen, sich mit dem Tod James Wesleys und ihrer eignen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Wenn es eine Schwäche in dieser Staffel gibt, dann ist es die manchmal etwas unebene Erzählweise. Einerseits sind 13 Episoden vielleicht ein paar zu viele, hin und wieder kommt es zur einen oder anderen Länge, die zwar nicht besonders ins Gewicht fallen, aber bei einer Staffel von 10 Episoden mit einem engeren Erzählfokus vielleicht hätten vermieden werden können. Umso ironischer ist es, dass manche Entwicklungen in der Handlung ein wenig plötzlich kommen – das betrifft vor allem Fisks Kontrolle über das FBI. Die Absicht war wohl, den Zuschauer ebenso zu überraschen und zu schocken wie Agent Nadeem, auf mich wirkte es aber dennoch ein wenig zu sehr erzwungen. Das sind jedoch nur geringe Schwächen, die kaum ins Gewicht fallen.

Und weiter?
Rein formal gehören die Netflix-Marvel-Serien zum MCU, in der Praxis gibt es aber wegen diverser Konflikte zwischen Marvels Filmschmiede und der Seriendivison nur wenige Überschneidungen. Zwar werden in den Serien hin und wieder Mal Thor, Iron Man oder Captain America erwähnt, aber umgekehrt wird nichts aufgegriffen und wer auf ein Crossover hoffte, wurde schnell desillusioniert. Nun geht die Marvel/Netflix-Ära zu Ende, während Disney gleichzeitig den hauseigenen Streaming-Dienst an den Start schickt. Wird man die Netflix-Serien dort fortsetzen? Die Antwort lautet wohl erst einmal nein. Bis 2020 bleiben die Rechte an Daredevil, dem Punisher, Jessica Jones, Luke Cage und Iron Fist ohnehin erst einmal bei Netflix, und selbst danach ist es unwahrscheinlich, dass die Serien auf Disney+ in irgendeiner Form weiterlaufen, da bereits verkündet wurde, man wolle alle den Dienst vorerst jugendfrei halten (was unter anderem auch bedeutet, dass die beiden Deadpool-Filme und „Logan“ dort nicht zu sehen sein werden, obwohl Disney sie nach der Fox-Übernahme dort zeigen könnte).

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Benjamin Poindexter (Wilson Bethel) im Daredevil-Anzug

Während mir alle anderen Defenders relativ egal sind, muss ich sagen, dass ich es schon schade fände, wenn diese Inkarnation von Daredevil, meiner bescheidenen Meinung nach eine der besten Marvel-Umsetzungen überhaupt, einfach sang- und klanglos verschwinden würde. Zugegeben wäre Staffel 3 ein durchaus gelungener Abschluss, aber es gibt noch eine ganze Menge Potential. Es stellt sich natürlich die Frage, was Disney wohl mit den Rechten an den Defenders macht, wenn sie wieder an den Mäusekonzern zurückfallen. Da es nie tatsächliche Anbindungen zwischen MCU und Netflix/Marvel gab, könnte man eine neue Version von Daredevil ins MCU integrieren. Ich denke allerdings, Disney würde sich damit keinen Gefallen tun. Anders als die beiden Amazing-Spider-Man-Filme genießt „Daredevil“ im Fandom einen ausgezeichneten Ruf, ein Reboot würde zumindest bei mir auf Ablehnung stoßen. Mein Vorschlag: Disney sollte ein Filmgegenstück zu „Marvel Max“ einrichten. Hierbei handelt es sich um ein Label des Verlags, bei dem nicht-jugendfreie Serien und Graphic Novels erscheinen, die sich durch erhöhten Gewaltgrad, sexuelle Inhalte oder anspruchsvolle Themen von den regulären Marvelserien abheben. Unter diesem Label ist beispielsweise die Serie „Alias“ erschienen, die als Vorlage für „Jessica Jones“ diente, ebenso wie die beliebten und völlig abgedrehten „Marvel Zombies“, die Justice-League Dekonstruktion „Supreme Power“ bzw. „Squadron Supreme“ und natürlich diverse Punisher-Serien, um nur einige Beispiele zu nennen. Mit einem derartigen Konstrukt könnte Disney Marvel-Inhalte mit R-Rating verarbeiten. Da das Studio die Deadpool-Filme ohnehin fortsetzen will, schließlich sind sie finanziell und bei den Kritikern erfolgreich, was durchaus mit dem R-Rating zusammenhängt, wäre es doch naheliegend, auch andere erfolgreiche, härtere Stoffe zu adaptieren und so die Vielfalt zu garantieren. Ob besagte Stoffe dann zum MCU gehören oder unabhängig sind sei erst einmal dahingestellt.

Fazit: Nach einer schwächeren zweiten Staffel und einer mäßigen Team-up-Serie kehrt Daredevil in seiner dritten Staffel mit aller Macht zurück, knüpft an alte Erfolge an und bringt die vielleicht Staffel des Marvel/Netflix-Deals mit.

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Siehe auch:
Daredevil Staffel 1
Daredevil Staffel 2